Neu im Kino/Filmkritik: „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Deutschlands erste Serienmörderin

Januar 25, 2022

15 Menschen ermordete Gesche Gottfried mit ‚Mäusebutter‘, einem Gemisch aus Arsen und Schmalz. Sie gab es ihren Opfern in ihre Mahlzeiten. Im März 1828 wurde sie enttarnt und zum Tod verurteilt. Zu ihrer Hinrichtung am 21. April 1831 erschienen 35.000 Menschen.

Ihre Geschichte, auch weil ihr Motiv immer noch unklar ist, wurde mehrmals interpretiert. Als Theaterstück, Hörspiel, Film, Comic und Oper. Die bekannteste Version dürfte von Rainer Werner Fassbinder stammen. „Bremer Freiheit“ heißt sein Theaterstück, das er auch verfilmte und das später die Grundlage für eine Oper war.

Udo Flohr nahm als Grundlage für sein Spielfilmdebüt das Theaterstück von Peer Meter und die Gerichtsakten. Erzählt wird die Geschichte im Film von Cato Böhmer. Sie ist eine fiktive Figur. 1828 kommt sie als Gerichtprotokollantin nach Bremen. Sie will später Juristin werden. Die ersten Protokolle, die sie für ihren Vorgesetzten, den Untersuchungsrichter Senator Franz Friedrich Droste, anfertigen muss, handeln von den Ermittlungen gegen Gesche Gottfried, die bis dahin eine als Wohltäterin geachtete Witwe war.

Udo Flohr erzählt die Geschichte ruhig und unaufgeregt in der Form einer Chronik, die etwas spröde die verschiedenen Protokolle aneinanderreiht. Das ist dann intellektuell interessant, emotional aber etwas unbefriedigend. Denn an Gottfrieds Täterschaft bestehen keine Zweifel. Es werden nur die Fakten zusammengetragen und sie wird von Senator Droste befragt. In einigen Momenten wird ein Psychoduell zwischen Gottfried und Böhmer angedeutet. Aber auch für Böhmer geht es primär um die intellektuelle Herausforderung, genug Beweise für eine Anklage und Verurteilung zu finden. Warum Gottfried die Morde beging, bleibt auch im Film unklar. Angedeutet wird, dass sie am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom und einer Ego-State-Störung litt. Für die Anklage war es wichtiger, zu beweisen, dass sie die Morde begangen hatte.

Ergänzt wird der Kriminalfall von einem Einblick in damaligen politischen und wirtschaftlichen Konflikte in Bremen. Senator Droste forcierte für den Warentransport den Bau einer Eisenbahnstrecke vom Hafen nach Bremen. Diese Idee stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung.

Effigie – Das Gift und die Stadt“ ist ein gelungener Debütfilm, der sich – Udo Flohr ist Jahrgang 1959 und arbeitete vorher unter anderem als Wissenschaftsjournalist – am Fernsehspiel und dem historischen Reenactment orientiert. Formal ist das nicht revolutionär, aber gut strukturiert und entsprechend klar erzählt.

Effigie – Das Gift und die Stadt (Deutschland 2019)

Regie: Udo Flohr

Drehbuch: Peer Meter, Udo Flohr, Antonia Roeller (nach dem Theaterstück von Peer Meter und den Gerichtsakten)

mit Suzan Anbeh, Elisa Thiemann, Christoph Gottschalch, Roland Jankowsky, Uwe Bohm

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Moviepilot über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Rotten Tomatoes über „Effigie – Das Gift und die Stadt“

Wikipedia über „Effigie – Das Gift und die Stadt“ und Gesche Gottfried


TV-Tipp für den 25. Januar: Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis

Januar 24, 2022

NDR, 22.00

Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis (Deutschland 1971)

Regie: Peter Schulze-Rohr

Drehbuch: Friedhelm Werremeier

LV: Friedhelm Werremeier: Ohne Landeerlaubnis, 1971 (überarbeitete Ausgabe 1982)

Als Max Bergusson im Flugzeug den Palästinenser Racardi entdeckt, entführt der die AE 612. Racardi tötete bei einem Anschlag Bergussons Frau und wurde mangels Beweisen freigesprochen. Das soll sich jetzt ändern. Allerdings bemerkt Racardi die Entführung. Währenddessen versucht Kommissar Trimmel in Hamburg alles, um ein Unglück zu verhindern.

Der dritte Trimmel-Tatort ist ein immer noch hochspannender Fall. Trimmel-Erfinder Friedhelm Werremeier, ein ehemaliger Gerichtsreporter, verarbeitete tagesaktuelle Ereignisse und saubere Recherche zu spannenden Büchern und Drehbüchern. Die Bücher waren Bestseller. Die Tatorte Quotenknüller.

Die elf Trimmel-Tatorte mit Walter Richter als Kommissar Trimmel gehören zu den besten Tatorten. Außerdem ist „Taxi nach Leipzig“ auch der erste Tatort.

Mit Walter Richter, Joachim Richert, Udo Franz, Günter Mack, Joe Bogosyan, Heinz Bennent, Gunnar Möller, Günter Gaus, Kurt Jaggberg

Wiederholung: Mittwoch, 26. Januar, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis“

Krimilexikon über Friedhelm Werremeier

Meine Besprechung von Friedhelm Werremeiers „Trimmels letzter Fall“ (2009)


Neu im Kino/Filmkritik: „Niemand ist bei den Kälbern“ und Christin ist angeödet

Januar 24, 2022

Hochsommer irgendwo in der Mecklenburgischen Provinz, wo sich noch nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht sagen, es aber schon einige Windkrafträder gibt, lebt die 24-jährige Christin. Sie ist mit dem ein Jahr älteren Rick verheiratet. Sie kennen sich schon seit Ewigkeiten. Sie leben auf dem Hof von Ricks Eltern. Die tägliche Arbeit auf dem Hof geht routiniert und fast wortlos vonstatten. Diese Wiederkehr des Immergleichen ist wenig aufregend und bietet auch keine Perspektive auf ein anderes Leben.

Christin, gespielt von Saskia Rosendahl, ist von diesem Leben genervt. Knapp bekleidet stampft sie mit dem immergleichen genervten Geischtsausdruck über die Felder. Lustlos erledigt sie die notwenidgen Arbeiten auf dem Hof. Und sie spielt, auf ihrem Bett liegend, gelangweilt mit ihrem Telefon. Sie ist von ihrem Mann genervt. Sie ist von seinen Eltern genervt. Sie ist von den Dorfjugendlichen genervt. Sie ist von dem Mini-Dorffest genervt. Sie ist von ihrem Vater genervt. Der ist ein Trinker, der die DDR zurücksehnt. Eigentlich ist sie auch von Klaus genervt. Mit dem fast doppelt so alten Techniker für die Windkrafträder beginnt sie eine lustlose Affäre.

Niemand ist bei den Kälbern“ ist, nach „Prélude“, Sabrina Sarabi zweiter Spielfilm. Es handelt sich um eine gut zweistündige Beschreibung einer statischen Situation. Es ist ein allumfassender Stillstand, in dem sich nichts bewegt.

Sarabi konzentriert sich in ihrem Provinzdrama auf Christin, ihren Gefühlshaushalt und ihre Weltsicht. Das könnte, siehe Pablo Larraíns „Spencer“, durchaus spannend sein. Aber Christin ist eine furchtbar uninteressante Person, die auch an jedem anderen Ort gelangweilt und genervt von der Welt wäre.

Und damit liegt ihr Problem dann nicht an dem Ort, in dem sie seit ihrer Geburt lebt (vermutlich, definitiv erfahren wir es nicht in dem Film) oder ihrem Mann oder seiner Familie.

Das ist schon nach den ersten Minuten klar. Trotzdem wird diese Erkenntnis in den folgenden gut zwei Stunden, ohne eine nennenswerte Variation, immer wieder wiederholt. Entsprechend überschaubar ist der Erkenntnisgewinn dieser sich danach wie Kaugummi ziehenden Abrechnung mit dem Provinzleben.

Niemand ist bei den Kälbern (Deutschland 2021)

Regie: Sabrina Sarabi

Drehbuch: Sabrina Sarabi

LV: Alina Herbing: Niemand ist bei den Kälbern, 2017

mit Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Peter Moltzen, Anne Weinknecht, Elisa Schlott

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Niemand ist bei den Kälbern“

Moviepilot über „Niemand ist bei den Kälbern“

Wikipedia über „Niemand ist bei den Kälbern“

Meine Beprechung von Sabrina Sarabis „Prélude“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 24. Januar: Die Wannseekonferenz

Januar 23, 2022

ZDF, 20.15

Die Wannseekonferenz (Deutschland 2022)

Regie: Matti Geschonneck

Drehbuch: Magnus Vattrodt, Paul Mommertz

TV-Drama über die titelgebende Wannseekonferenz, die vor achtzig Jahren, am 20. Januar 1942 stattfand und auf der „Endlösung der Judenfrage“ besprochen wurde. Es ging um organisatorische Fragen und Zuständigkeiten für die Ermordung von von mehreren Millionen Menschen.

Anschließend, um 22.00 Uhr, zeigt das ZDF die 45-minütige Doku „Die Wannsekonferenz – Die Dokumentation“ über die historischen Hintergründe des Films.

mit Philipp Hochmair, Johannes Allmayer, Maximilian Brückner, Matthias Bundschuh, Fabian Busch, Jakob Diehl, Lilli Fichtner, Godehard Giese, Peter Jordan, Arnd Klawitter, Frederic Linkemann, Thomas Loibl, Sascha Nathan, Markus Schleinzer, Simon Schwarz, Rafael Stachowiak

Hinweise

ZDF über die Wannseekonferenz

Wikipedia über die Wannseekonferenz und „Die Wannseekonferenz“ (2022)


TV-Tipp für den 23. Januar: Nur Gott kann mich richten

Januar 22, 2022

Sat. 1, 22.35

Nur Gott kann mich richten (Deutschland 2017)

Regie: Özgür Yildirim

Drehbuch: Özgür Yildirim

Kaum ist Ricky aus dem Knast entlassen, ist er schon in die nächste krumme Sache verwickelt. Zusammen mit seinem Bruder klaut er von kurdischen Gangstern zweieinhalb Kilo Heroin – und ab da geht alles gründlich schief.

TV-Premiere. Absolut gelungener deutscher Gangsterkrimi, der seine Vorbilder kennt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 00.30 Uhr, zeigt Sat.1, ebenfalls als TV-Premiere, Detlev Bucks Gangsterfilm „Aspahltgorillas“.

mit Moritz Bleibtreu, Birgit Minichmayr, Edin Hasanovic, Kida Khodr Ramadan, Franziska Wulf, Peter Simonischek, Lilly Wagner, Cem Öztabakci, Blerim Destani, Marie-Lou Sellem, Alexandra Maria Lara

Wiederholung: Montag, 24. Januar, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Nur Gott kann mich richten“

Moviepilot über „Nur Gott kann mich richten“

Rotten Tomatoes über „Nur Gott kann mich richten“

Wikipedia über „Nur Gott kann mich richten“

Meine Besprechung von Özgür Yildirims „Boy 7“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Özgür Yildirims „Nur Gott kann mich richten“ (Deutschland 2017)


TV-Tipp für den 22. Januar: Gangs of New York

Januar 21, 2022

RBB, 23.30

Gangs of New York (Gangs of New York, USA/Deutschland/Italien/Großbritannien/Niedeland 2002)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Kenneth Lonergan, Steven Zaillian

LV: Herbert Asbury: The Gangs of New York, 1928 (Die Gangs von New York – Eine Geschichte der Unterwelt)

Amsterdam Vallon will den Mörder seines Vaters, den Gangsterboss William Cutting (Bill, the Butcher), töten.

Ausgehend von dieser dürftigen Geschichte entfaltet Martin Scorsese ein atemberaubendes Porträt vom Überlebenskampf, der Verflechtung zwischen Politik und Verbrechen, den Bandenkriegen und den Kämpfen zwischen den verschiedenen Ethnien in Five Points, den Slums von New York, in den Jahren zwischen 1846 bis 1863.

„Gangs of New York ist ein solches Drama der Endzeit einer Herrschaft, in der sich eine gesellschaftliche und familiäre Ordnung durch ihre eigenen Gesetze zerstört, und durch eine Rebellion der Methoden. Eine große Tragödie also, oder eine melancholische Farce; aber wieder projiziert sie Scorsese auf ein eher materialistisch dokumentiertes Stück Zeitgeschichte, mehrere Erzählweisen begegnen einander und werden umso deutlicher, je mehr sie sich zu widersprechen beginnen…Wie die meisten der (auch vom Aufwand her) großen Filme von Martin Scorsese erzählt auch Gangs of New York zunächst eine überaus einfache Geschichte, deren Bedeutung, deren eigentliches Leben sich erst in den Bildern offenbart…Gangs of New York ist auch ein großer Film übers Film-Erzählen.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)

Mit Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Liam Neeson, Brendan Gleeson

Hinweise

Metacritic über „Gangs of New York“

Rotten Tomatoes über „Gangs of New York“

Wikipedia über „Gangs of New York“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Gangs of New York“ von Jay Cocks, Kenneth Lonergan und Steven Zaillian

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013) und ein Infodump dazu

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: William Lindsay Gresham und Guillermo del Toro schicken uns in die „Nightmare Alley“

Januar 21, 2022

Nur ein Narr wird bei dem Titel „Nightmare Alley“ ein Disney-Märchen erwarten. William Lindsay Greshams 1946 erschienener Roman ist ein Noir, der jetzt von Guillermo del Toro verfilmt wurde. Es ist die zweite Verfilmung. Die erste, mit Tyrone Power in der Hauptrolle, ist von 1947. Regie führte Edmund Goulding, Jules Furthman („Geächtet“, „Haben und Nichthaben“. „Tote schlafen fest“ und „Rio Bravo“) schrieb das Drehbuch und der deutsche Titel ist „Der Scharlatan“.

Dabei hat Stanton Carlisle, der titelgebende Scharlatan, der in der neuesten Version von Bradley Cooper gespielt wird, durchaus Talente. Er entdeckt sie bei einem kleinen Wanderzirkus. Dort trifft er auf Zeena (Toni Collette) und Pete Krumbein (David Strathairn), die eine Wahrsage-Show haben. Sie ist eine Mischung aus Betrug und praktisch angewandter Menschenkenntnis. Denn die Wünsche und Ängste der verschiedenen Menschen unterscheiden sich kaum. Nach Petes Tod wird Stanton Zeenas Partner.

Später verlässt Stanton mit der Zirkusartistin Molly Cahill (Rooney Mara) den Zirkus. Zum Abschied legt Zeena ihm die Tarotkarten. Er ist der Gehängte – und das ist keine gute Karte.

Jahre später hat er als „Der große Stanton“ in noblen Establishments eine Wahrsage-Show als umjubelter Mentalist. Bei einem seiner Auftritte trift er auf Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett). Sie wird die dritte wichtige Frau in seinem Leben und sie ist die erste Frau, die ebenso zielgerichtet wie er Menschen manipuliert. Die Psychoanalytikerin schlägt ihm eine Zusammenarbeit vor. Ihre Kundschaft ist vermögend. Sie können also Informationen, die sie während ihrer Analysesitzungen aus deren Leben erfährt, gewinnbringend in Stantons Gedankenleser-Shows einbauen. Zuerst erzählt er seinen nichtsahnenden Kunden Details aus deren Leben, die er unmöglich wissen kann. Danach zieht er ihnen das Geld aus den gut gefüllten Taschen.

Ihr erstes Opfer soll Ezra Grindle (Richard Jenkins) sein. Der stinkreiche und überaus misstrauische Industriemagnat fühlt sich immer noch schuldig für den schon Jahrzehnte zurückliegenden Tod seiner großen Liebe.

Die Geschichte von Stanton Carlisle wird gemeinhin als düstere Versionen vom amerikanischen Traum beschrieben. Es geht um das Streben nach Geld und Ruhm und wie real dieses „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Versprechen ist. Damit dürfte klar sein, wo Stans Geschichte endet; auch wenn einige über das deprimierend bittere Ende erstaunt sein werden. Der Roman und die erste Verfilmung sind kleinere Noir-Klassiker, die bei uns fast unbekannt sind. „Der Scharlatan“ hatte 1954 seinen deutschen Kinostart. Die erste deutsche Überetzung des Romans erschien 2019.

In der aktuellen Heyne-Hardcore-Ausgabe hat der Roman über fünfhundert Seiten. Damit ist er deutlich umfangreicher als ein normaler Noir- oder Pulp-Roman, der oft keine zweihundert Seiten benötigt, um seine Geschichte zu erzählen. Dafür gibt Gresham vor allem im ersten Drittel des Romans einen fundierten, für die Hauptgeschichte eher nebensächlichen, aber höchst kurzweiligen Einblick in das Leben eines Wanderzirkusses und mit welchen Tricks den ahnungslosen Kunden das Geld aus der Tasche gezogen wird.

Es ist allerdings auch ein sich über viele Jahre, die zu Jahrzehnten werden, erstreckender Roman, der teilweise mit großen Zeitsprüngen erzählt wird. Das führt zu einer episodischen Struktur, die auf Erklärungen und klare Ursache-Wirkungs-Mechanismen verzichtet. Stantons Auf- und Abstieg erscheint dabei, trotz einiger Hinweise, die in den verschiedenen Versionen leicht unterschiedlich gewichtet und so auch deutlicher herausgearbeitet werden, weniger in seiner Person angelegt, als dem Willen des Autors zu gehorchen.

Schließlich steht Stantons Ende von Anfang an fest. Er ist, wie Zeena ihm aus den Tarotkarten liest, der Gehängte. Er ist am Ende wieder am Anfang. Stanton ist am Ende sogar in einer schlechteren Lage als am Anfang der Geschichte. Sein schlimmster Alptraum wird wahr. Insofern ist der letzte Satz von del Toros Version grandios. Es ist ein Satz, auf den Gresham verzichtete.

Guillermo del Toro übernimmt, bis auf einige kleine Änderungen, Greshams Geschichte. Es sind hier und da Kürzungen. So tritt Stanton im Roman auch als Geistlicher und Oberhaupt der von ihm gegründeten Kirche der Himmlischen Botschaft auf. Einige Handlungsorte wurden verändert. Dadurch wird die Geschichte filmischer und es gibt in den Momenten auch Anspielungen auf andere Filme.

Über hundertfünfzig Minuten benötigt del Toro dann, um Stantons Geschichte zu erzählen. Er erzählt sie extrem langsam und mit großem pathetischem Ernst; als habe er einen bedeutungsschweren Roman der Hochkultur verfilmt.

Dabei hätte „Nightmare Alley“ von einer kürzeren Laufzeit von unter zwei Stunden, einem eindeutigerem thematischen Fokus und einer damit verbundenen Zuspitzung profitiert, gerne mit mehr Pulp-Gestus und Schwarzem Humor.

Auch die Hauptfiguren Stanton, Lilith Ritter und Molly bleiben blass. Zu sehr müssen sie den Vorgaben der Geschichte gehorchen.

Vor allem Stanton bleibt erstaunlich blass als Scharlatan, der mit seiner Menschenkenntnis und seinen Tricks die Menschen begeistern kann. Ihm fehlt die Faszination des Bösen. Entsprechend unbeteiligt verfolgen wir seine Taten. Seinen Aufstieg vom Wanderzirkus zum Wahrsager und die Probleme, die er dabei hatte, sehen wir nicht. So fehlen – in jeder Version der Geschichte – die Jahre zwischen seinem Abschied aus dem Zirkus und seinem Auftritt im mondänen Nachtclub „Club Copacabana“. Gleichzeitig, wenn später der ihm von Zeena in den Tarotkarten prophezeite und überaus rasante Abstieg beginnt, bedauert man ihn nicht. Auch hier fehlen wieder wichtige Zwischenstationen. Stattdessen ist er in einem Moment „top of the world“ und im nächsten ein in der Gosse liegender Obdachloser. Unklar bleibt, wie es dazu kommt. Als Zuschauer können wir einige Vermutungen anstellen. Gelungen ist in dieser Beziehung Gouldings Version, die von Anfang an auf die verheerende Wirkung des Alkohols hinweist und Stantons Abstieg mit seiner Trunksucht erklärt.

Guillermo del Toro hat viel zu viel Respekt vor der Vorlage, die er nur edel bebildert. Seine „Nightmare Alley“ ist zu sehr von ihrer eigenen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit überzeugt, um wirklich zu begeistern.

Nightmare Alley (Nightmare Alley, USA 2021)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Kim Morgan

LV: William Lindsay Gresham: Nightmare Alley, 1946 (Nightmare Alley)

mit Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Richard Jenkins, Rooney Mara, Ron Perlman, Mary Steenburgen, David Strathairn, Jim Beaver, Tim Blake Nelson

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Willliam Lindsay Gresham: Nightmare Alley

(übersetzt von Christian Veit Eschenfelder und Anja Heidböhmer)

Heyne, 2021

512 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Festa Verlag, 2019

Originalausgabe

Nightmare Alley

Rinehart & Company, New York, 1946

Hinweise

Moviepilot über „Nightmare Alley“

Metacritic über „Nightmare Alley“

Rotten Tomatoes über „Nightmare Alley“

Wikipedia über „Nightmare Alley“ (deutsch, englisch) und die Vorlage

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)

Meine Besprechung von Guilermo del Toro/Chuck Hogans „Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ (The Hollow Ones, 2020)


TV-Tipp für den 21. Januar: Kingsman: The Secret Service

Januar 20, 2022

Pro 7, 20.15

Kingsman: The Secret Service (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn

LV: Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service, 2012/2013 (Secret Service)

High-Tech-Genie Valentine hat einen teuflischen Plan, um die Weltbevölkerung radikal zu verkleinern. Ein Job für die Kingsman, einer ultrageheimen globalen Agentenorganisation, die ihr Quartier sehr stilbewusst in einem noblen britischen Herenbekleidungsgeschäft hat. Dort ist, nach dem Tod eines Agenten, ein Job vakant. Kingsman Harry Hart schlägt Gary „Eggsy“ Unwin, einen kleinkriminellen Taugenichts aus der Unterschicht, als künftiges Mitglied vor. Man müsse schließlich mit der Zeit gehen.

Grandiose, witzige, äußerst stilbewusste, vespielte und auch sehr brutale Liebeserklärung an die alten James-Bond-Filme, die mit einem ordentlichen Portion Comic-Ästhetik ins 21. Jahrhundert geholt werden.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Colin Firth, Samuel L. Jackson, Mark Strong, Taron Egerton, Michael Caine, Sofia Boutella

Wiederholung: Samstag, 22. Januar, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage

Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2013

172 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Secret Service # 1- 6

Millarworld, Juni 2012 – April 2013

Hinweise

Moviepilot über „Kingsman“

Metacritic über „Kingsman“

Rotten Tomatoes über „Kingsman“

Wikipedia über „Kingsman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Rob Williams/Simon Frasers „Kingsman: Jagd auf Red Diamond“ (Kingsman: The Red Diamond # 1 – 6, September 2017 – Februar 2018)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „Kingsman: The Golden Circle“ (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „The King’s Man – The Beginning“ (The King’s Man, USA/Großbritannien 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Eine Nacht in Helsinki“, drei Männer in einer Bar und einige Flaschen guter Rotwein

Januar 20, 2022

Während sein jüngerer Bruder Aki Kaurismäki seit Jahren schweigt und immer noch kein neuer Film angekündigt ist, ist sein deutlich unbekannterer Bruder Mika im Moment sehr produktiv. Im Sommer 2020 Jahr lief „Master Cheng in Pohjanjoki“ erfolgreich im Kino. Und jetzt kommt sein neuester Film „Eine Nacht in Helsinki“ in die Kinos. Seine Premiere hatte er bereits am 17. November 2020 auf dem Tallinn Black Nights Film Festival. Danach lief er auf einigen weiteren Festivals.

Kaurismäki drehte den Film, während der Coronavirus-Pandemie, in der von ihm und seinem Bruder Aki betriebenen Corona Bar. Wegen der Pandemie war das Lokal geschlossen. Also konnte es, quasi zur Zwischennutzung, als kostengünstiges Filmset benutzt werden.

Die Geschichte, die Kaurismäki erzählt, ist weitgehend improvisiert. Es gab nur einige Ideen und Vorgaben. Zusammen mit den Schauspielern entwickelte er in Einzelgesprächen die Hintergrundgeschichten zu ihren Figuren. Vor und während des Drehs kannte jeder Schauspieler nur die Geschichte der Figur, die er spielte. Die Dialoge entwickelten sich spontan. Gedreht wurde chronologisch.

Nachdem die drei Hauptfiguren kurz vorgestellt werden, beginnt die eigentliche Handlung in Heikkis Lokal. Der Kneipier isst in seinem Lokal an einem feierlich gedecktem Tisch allein zu Abend. Da klopft Risto an die Tür. Risto arbeitet in der Klinik. Heute ist während seiner Schicht ein Mädchen gestorben. Bevor er nach Hause geht, möchte er noch etwas trinken und dabei seinen Tag verarbeiten. Heikki bietet seinem Stammkunden ein Glas Rotwein an. Sie beginnen sich zu unterhalten.

Da klopft es wieder. Dieses Mal steht Juhani vor der Tür. Heikki und Risto kennen ihn nicht. Aber er bittet Heikki so verzweifelt darum, sein Handy aufladen zu dürfen, dass er ihn hineinlässt und ihm, ganz guter Gastgeber, ein Glas Wein anbietet.

Als Juhani für eine Zigarette das Lokal verlässt, wird er angerufen. Heikki nimmt das Gespräch an und erfährt, dass Juhani von der Polizei gesucht wird. Er hat vor wenigen Stunden einen Mann getötet. Anstatt ihrem ersten Impuls nachzugeben und die Polizei anzurufen, lassen Heikki und Risto sich von Juhani erzählen, wie es zur Tat kam. Beim nächsten Glas Rotwein reden sie schon darüber, ob Juhani das Richtige getan hat.

Später, fast am Ende der Nacht, stößt Ristos Frau zu ihnen. Sie wollte in ihrer Wohnung nicht länger auf Risto warten.

Aber Eeva spielt nur eine Nebenrolle. Denn letztendlich beobachtet Mika Kaurismäki nur drei Männer, die sich in einer Bar über ihr Leben, Gott und die Welt unterhalten und dabei viel Rotwein trinken.

Kaurismäki hat dieses lange Gespräch zwischen den drei Männern immer so inszeniert, dass der Film eindeutig ins Kino gehört. Immer wieder sieht man die große Halle mit den Billardtischen und der Jukebox (Hey, wir sind in Kaurismäki-Land!). Immer wieder stehen die Männer verloren in dem Lokal. Mit zunehmender Vertrautheit rücken sie näher zusammen. Oft zeigt Kaurismäki Heikki, Risto und Juhani zu zweit oder zusammen in einem Bild. Wir sehen, wie sie in dem Moment zueinander stehen und spontan aufeinander reagieren. Denn, wie gesagt, alle Dialoge sind improvisiert.

Zu einer besonderen Nacht wird diese Nacht in Helsinki, weil die drei so unterschiedlichen und doch sehr ähnlichen Männer Heikki, Risto und Juhani in dieser Nacht, ohne Larmoyanz und Selbstmitleid, ihr Leben bilanzieren und über ihr künftiges Leben entscheiden. Es ist ein ruhiges Gespräch über den Sinn des Lebens und den Sinn ihres Lebens. Das ist gleichzeitig so konkret und abstrakt, dass man dem Gespräch gebannt folgt, dabei und danach auch über sein eigenes Leben nachdenken kann und sich wieder so eine Nacht, die erst mit dem Sonnenaufgang endet, wünscht. 

Eine Nacht in Helsinki (Yö Armahtaa, Finnland 2020)

Regie: Mika Kaurismäki

Drehbuch: Mika Kaurismäki, Sami Keski-Vähälä

mit Kari Heiskanen, Pertti Sveholm, Timo Torikka, Anu Sinisalo

Länge: 90 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Eine Nacht in Helsinki“

Wikipedia über „Eine Nacht in Helsinki“

Meine Besprechung von Mika Kaurismäkis „The Girl King“ (The Girl King, Fnnland/Deutschland/Kanada/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Mika Kaurismäkis „Master Cheng in Pohjanjoki“ (Master Cheng, Finnland/China/Großbritannien 2019)


TV-Tipp für den 20. Januar: Überfall der teuflischen Bestien (aka Rabid)

Januar 19, 2022

Arte, 00.45

Überfall der teuflischen Bestien (Rabid, Kanada 1977)

Regie: David Cronenberg

Drehbuch: David Cronenberg

TV-Premiere – mehr oder weniger, weil der Film in den frühen Neunzigern von RTL Plus wahrscheinlich gekürzt gezeigt wurde, aber Arte zeigt den Film ohne Werbung, ungekürzt und, wahrscheinlich, mit sehr gutem Bild (also die Gelegenheit, etwaige frühere Aufnahmen zu ersetzen).

Die Story: Nach einem schweren Motorradunfall erwacht Rose aus dem Koma – mit einem Stachel und dem Durst nach Blut. Ihre Opfer werden zu tollwütigen Amokläufern.

Heute ein Klassiker und einer der Filme, der David Cronenbergs Ruf begründete.

mit Marilyn Chambers, Frank Moore, Joe Silver, Howard Ryshpan, Patricia Gage, Susan Roman, Roger Periard

auch bekannt unter „Rabid – Der brüllende Tod“, „Rabid – Bete, dass es dir nicht passiert“ und „Der Überfall der teuflischen Bestien“

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rabid“

Wikipedia über „Rabid“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014) (und die DVD-Kritik)

David Cronenberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. Januar: Nur eine Frau

Januar 18, 2022

RBB, 22.15

Nur eine Frau (Deutschland 2019)

Regie: Sherry Hormann

Drehbuch: Florian Oeller

Beeindruckendes Biopic über die am 7. Februar 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossene Hatun Sürücü. Sie wurde von ihrer Familie ermordet, weil sie ein selbstbestimmtes Leben leben wollte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Almina Bagriacik, Rauand Taleb, Meral Perin, Mürtüz Yolcu, Armin Wahedi, Aram Arami, Merve Aksoy, Mehmet Atesci, Jacob Matschenz, Lara Aylin Winkler, Idil Üner

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Nur eine Frau“

Moviepilot über „Nur eine Frau“

Wikipedia über „Nur eine Frau“

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „3096 Tage“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „Nur eine Frau“ (Deutschland 2019)


TV-Tipp für den 18. Januar: Tatort: Einzelhaft

Januar 17, 2022

WDR, 23.45

TATORT: Einzelhaft (Deutschland 1988)

Regie: Theodor Kotulla

Drehbuch: Frank Göhre

Buch zum Film: Frank Göhre: Einzelhaft (Weltbild Verlag 1999)

Schimanski glaubt im Gegensatz zu Thanner nicht, dass Rolf Vogtländer seine Frau umgebracht hat. Nach einem Gespräch mit Vogtländers schöner Tochter Ilona ermittelt Schimanski auf eigene Faust. Dummerweise will Ilona den Mörder alleine finden und sie ist lesbisch. Damit ist sie unempfänglich für seine Avancen.

Ein ruhiger Schimanski, musikalisch unterlegt von Eberhard Weber.

Mit Götz George, Eberhard Feik, Chiem van Houweninge, Brigitte Karner, Juraj Kukura, Maria Hartmann, Franz Boehm

Hinweise

Host-Schimanski-Fanseite

Wikipedia über Horst Schimanski

Meine Besprechung von Martin Schüllers Schimanski-Roman „Moltke“ (2010)

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Frank Göhre

Wikipedia über Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Die Kiez-Trilogie” (2011)

Meine Besprechung von Frank Göhres „I and I – Stories und Reportagen“ (2012)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Geile Meile” (2013)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Gut leben – früh sterben: Stories von unterwegs“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Du fährst nach Hamburg, ich schwör’s dir – Ein Heimatfilm“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Die Härte, der Reichtum und die Weite – Ein Heimatfilm, Teil II“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhre/Alf Mayers „King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“ (2019)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Verdammte Liebe Amsterdam“ (2020) (ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2020 und dem Stuttgarter Krimipreis 2021)

Meine Besprechung von Frank Göhres “ Die Stadt, das Geld und der Tod“ (2021)

Frank Göhre in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 17. Januar: Mulholland Drive

Januar 16, 2022

Bevor der Film in einer brandneuen 4K-restaurierten Fassung am Dienstag, den 1. Februar, einen Tag im Kino läuft:

Arte, 20.15

Mulholland Drive – Straße der Finsternis (Mulholland Dr., USA/Frankreich 2001)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

Die Handlung kann, wie beim Vorgänger “Lost Highway”, kaum wiedergegeben werden. Denn dafür springt sie zu sehr zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit, hin und her. Der Film beginnt mit einem Autounfall. Eine junge Schönheit verliert ihr Gedächtnis, findet bei der jungen Schauspielerin Betty Unterschlupf und nennt sich, nach einem Filmplakat, Rita. Gemeinsam versuchen sie hinter Ritas Geheimnis zu kommen.

Zahlreiche Preise und noch mehr Nominierungen sagen einiges über die Qualität von “Mulholland Drive” aus. So erhielt er den César als bester ausländischer Film und Lynch 2001 beim Filmfestival in Cannes den Preis für die beste Regie. Aber für uns Krimifans ist natürlich nur eine Nominierung wichtig. Nämlich der Edgar. „Mulholland Drive“ wurde als bester Kriminalfilm des Jahres nominiert.

Ansonsten schließe ich mich dem „Großen Filmlexikon“ von TV Spielfilm an: „Dabei erinnert Lynch an sein Werk Lost Highway, ist aber so kompromisslos irreal und scheinbar unlogisch, so wild entschlossen, dem Zuschauer die Auflösung seines Thrillers zu überlassen, dass der inszenatorisch überwältigende Mulholland Drive zu Recht als sein bis dato vollendetstes Werk gilt.“

Sein nächster und bislang letzter Kinofilm „Inland Empire“ ist für mich einfach nur ein dreistündiger, quälend-langatmiger, pseudo-intellektueller Murks. Oder wie im Kino, als es im Abspann eine weitere Szene gab, der Mann hinter sagte: „Oh Mann, ist das immer noch nicht zu Ende?“

Mit Naomi Watts, Laura Elena Harring, Justin Theroux, Ann Miller, Robert Foster, Dan Hedaya, Lee Grant, Billy Ray Cyrus, Chad Everett

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Mulholland Drive“

Wikipedia über „Mulholland Drive“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (Dune, USA 1984) und der gleichnamigen Vorlage von Frank Herbert

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)

 

 


TV-Tipp für den 16. Januar: Der Vampir auf der Couch

Januar 15, 2022

3sat, 22.00

Therapie für einen Vampir (Der Vampir auf der Couch, Österreich/Schweiz 2014)

Regie: David Ruehm

Drehbuch: David Ruehm

Graf Geza von Kösznöm, ein Vampir, hat psychische Probleme. Also geht er zum Therapeuten Sigmund Freud. Dort entdeckt er ein Bild von einer Frau, die ein Ebenbild seiner großen, schon vor Jahrhunderten gestorbenen großen Liebe ist. Und ungefähr in dem Moment beginnt alles ein wenig aus dem Ruder zu laufen.

TV-Premiere – längst überfällig; und hoffentlich der Beginn einer kleinen Wiederentdeckung dieser herrlich biss- und therapiefreudigen Komödie mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh.

eine gelungene Screwball-Comedy“ (Lexikon des internationalen Films)

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tobias Moretti, Jeanette Hain, Cornelia Ivancan, Dominic Oley, David Bennent, Karl Fischer, Ernie Mangold, Lars Rudolph, Anatole Taubman, Julia Jelinek

Hinweise

Moviepilot über „Therapie für einen Vampir“

Wikipedia über „Therapie für einen Vampir“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Ruehms „Therapie für einen Vampir“ (Der Vampir auf der Couch, Österreich/Schweiz 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille“ und zur Familie

Januar 15, 2022

Eigentlich ist die Geburt eines Kindes ein glückliches Ereignis. Entsprechend erfreut versammelt sich die Familie im Krankenhaus und freut sich über Glorias Geburt. Kurz darauf schlagen die Alltagsprobleme wieder unerbittlich zu. Denn obwohl alle Familienmitglieder arbeiten – als Putzfrau, als Busfahrer, als Verkäuferin, als Chauffeur mit eigenem Auto – reicht das Geld gerade so. Wenn kein unvorhergesehenes Unglück passiert. Wie, zum Beispiel, von Taxifahrern als unliebsame Konkurrenz zusammengeschlagen zu werden und dann als Selbstständiger keinen Anspruch auf Geld zu haben. Oder die Kollegen sich entschließen für höhrere Löhne zu streiken, während für einen selbst der klägliche Lohn überlebenswichtig ist.

Und dann muss auch noch der seit zwanzig Jahren im Gefängnis sitzende Daniel, zu dem jeder Kontakt vermieden wird, informiert werden, dass er inzwischen Großvater ist.

Als Daniel kurz darauf aus dem Gefängnis entlassen wird, kehrt er zurück nach Marseille. Er will seine Enkelin sehen. Und, als hätte Regisseur Robert Guédiguian geahnt, dass die von ihm porträtierte, drei Generationen umspannende große Familie schon genug Probleme hat, kommt es jetzt nicht zum großen Streit. Daniel ist im Gefängnis zu einem anderen Menschen geworden. Er versucht, für Gloria ein Großvater zu sein. Also übernimmt er die typischen Großvater-Aufgaben. Und er will seiner Familie helfen. Aber wie kann ein Ex-Häftling mit schlechter Vergangenheit und ebenso schlechter Zukunft ihnen helfen?

In seinem neuen Film „Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille“ erzählt Robert Guédiguian mit etlichen seiner Stammschauspielern wie der Kapitalismus bürgerliche Existenzen bedroht. Dabei schwankt er gekonnt und etwas spröde zwischen Analyse, Sozialdrama und, am Ende, Feelgood-Movie.

Seine Premiere hatte „Gloria Mundi“ 2019 beim Filmfestival von Venedig. Dort wurde Ariane Ascaride als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Gloria Mundi – Rückkehr nach Marseille (Gloria Mundi, Frankreich/Italien 2019)

Regie: Robert Guédiguian

Drehbuch: Serge Valletti, Robert Guédiguian

mit Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Anaïs Demoustier, Robinson Stévenin, Lola Naymark, Grégoire Leprince-Ringuet

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

AlloCiné über „Gloria Mundi“

Moviepilot über „Gloria Mundi“

Rotten Tomatoes über „Gloria Mundi“

Wikipedia über „Gloria Mundi“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 15. Januar: Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse

Januar 14, 2022

3sat, 23.35

Suburra (Suburra, Frankreich/Italien 2015)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli

LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)

Rom, November 2011: der konservative Abgeordnete Malgradi (laut Roman „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) will für Roms Mafiapaten ein Gesetz durchbringen, das ihm ein großes Bauprojekt in Ostia ermöglicht. Dummerweise hat der Politiker gerade Probleme mit einer Prostituierten, die starb, während er in einem Hotelzimmer Sex mit ihr hatte.

Ein großartiges Sittenporträt der italienischen Gesellschaft, ein Gangsterthriller und ein Polit-Thriller in schönster italienischer Tradition.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Giuila Elettra Gorietti, Antonello Fassari, Jean-Hugues Anglade

Die DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1

Ton: Deutsch, Italienisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Hinter den Kulissen, Bildergalerie, mehrere Trailer

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra

(übersetzt von Karin Fleischanderl)

Heyne, 2016

416 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Folio Verlag, Wien/Bozen, 2015

Originalausgabe

Suburra

Giulio Einaudi editore, Turin, 2013

Hinweise

Moviepilot über „Suburra“

Rotten Tomatoes über „Suburra“

Wikipedia über „Suburra“ (deutsch, englisch, italienisch [mit den Tagen bis zur Apokalypse])

Perlentaucher über den Roman „Suburra“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 1“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 2“

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Suburra“ (Suburra, Frankreich/Italien 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Sicario 2“ (Sicario: Day of the Soldado, USA/Italien 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Lady Diana „Spencer“ goes nuts

Januar 14, 2022

Für historische Faktentreue interessiert Pablo Larraín sich in seinem neuen Film nicht sonderlich. Das macht er schon mit einem entsprechendem Hinweis am Filmanfang deutlich. Außerdem ist die Königsfamilie notorisch verschwiegen, wenn es um Dinge geht, die hinter den Schloßmauern stattfinden. Halt, wie man so sagt: Nichts genaues weiß man nicht.

Deshalb konnte und musste Larraín sich bei der Schilderung der Weihnachtstage 1991 in Norfolk im Sandringham House künstlerische Freiheiten nehmen.

Es war das letzte Weihnachten, das Charles und Diana gemeinsam und im Kreis der königlichen Familie verbrachten. In dem Moment wusste Diana schon, dass ihr Mann eine Affäre mit Camilla Parker Bowles hatte. Aber sie überlegte noch, wie sie damit umgehen sollte.

Diesen Prozess zeigt Larraín in seinem Film, der sich wenig für die Konventionen eines Biopics und überhaupt nicht für die Befindlichkeiten der Fans des britischen Königshauses und der Lady-Diana-Fans interessiert. Er fantasiert, nach einem Drehbuch von Steven Knight, fröhlich vor sich hin und schildert die Horrortage aus Dianas Perspektive.

Daher zeigt er in jedem Bild, wie sehr Diana mit ihrer Rolle als Frau von Prinz Charles, dem Thronfolger, fremdelt. Sie lehnt die Rolle der Ehefrau ab. Sie lehnt die starren Rituale der Königsfamilie ab. Sie lehnt auch die damit verbundenen Verpflichtungen ab. Es sind Regeln, die ein Weihnachtsfest im engsten Familienkreis zu einem monatelang vorbereiteten, militärischen Kommandounternehmen machen. Das beginnt mit der Inbesitznahme des menschenleeren Anwesens durch das Militär und das Personal. Im Stechschritt werden in Metallkisten Tonnen erlesenster Lebensmittel ins Sandringham House getragen. Die Uhrzeiten der Mahlzeiten sind auf die Sekunde festgelegt. Die Kleidung ebenso. Für jede Mahlzeit muss Diana ein anderes Kostüm tragen. Und darüber, dass jede Falte akkurat sitzt, wacht das Personal. Die beim Essen von einem Streicherensemble gespielte Musik zerrt an den Nerven.

Die Königsfamilie erscheint vollkommen unnahbar. Prinz Charles, der damals noch ihr Mann ist, wirkt wie ein superfieser Bösewicht. Die Königin ist genauso unnahbar. Es ist eine Familie, die einem Horrorkabinett oder einem Alptraum entsprungen sein könnte.

Für Diana, die vollkommen desorientiert durch das Haus und die Landschaft stolpert, sind diese Tage ein Alptraum.

Dadurch wird Diana, großartig gespielt von Kristen Stewart, allerdings nicht zur Sympathieträgerin. Denn Larraín bemüht sich erfolgreich, das Gefühl der Fremdheit, das Diana gegenüber der Königsfamilie hat, auf das Verhältnis des Publikums zu Diana zu übertragen. Er unternimmt alles, um eine möglichst große Distanz zwischen ihr und dem Publikum schaffen. Sie ist nicht das Opfer einer kontrollversessenen Königsfamilie, sondern selbst eine höchst psychotische Person, die ständig kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht.

Spencer“ ist ein Film in dem und bei dem sich niemand wohlfühlt. Daher ist das Ende, wenn sie mit ihren Kindern William und Harry aus dem Horrorhaus und von der Horrorfamilie flüchtet, so übertrieben fröhlich inszeniert, dass jeder, auch wenn er nicht wüsste, wie Dianas Geschichte weitergeht, die Falscheit und Verlogenheit dieses Happy Ends erkennt.

Pablo Larraín inszenierte seine Mär von Selbstfindung und Befreiung wie einen Horrorfilm. Damit ist „Spencer“ für Diana-Hasser sicherlich geeigneter als für Diana-Fans. Und Faktenhuber werden verzweifeln.

Dennoch, oder gerade deswegen: ein großartiger Film!

Spencer (Spencer, Deutschland/Großbritannien 2021)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Steven Knight

mit Kristen Stewart, Timothy Spall, Sally Hawkins, Kack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Jack Nielen, Freddie Spry, Jack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Richard Sammel, Elizabeth Berrington, Lore Stefanek, Amy Manson

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Spencer“

Moviepilot über „Spencer“

Metacritic über „Spencer“

Rotten Tomatoes über „Spencer“

Wikipedia über „Spencer“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood konstatiert einen weitgehenden Sieg der künstlerischen Freiheit

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Neruda“ (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)


TV-Tipp für den 14. Januar: Persischstunden

Januar 13, 2022

ZDF, 23.15

Persischstunden (Deutschland/Russland 2020)

Regie: Vadim Perelman

Drehbuch: Ilya Zofin

LV: Wolfgang Kohlhaase: Die Erfindung einer Sprache (Kurzgeschichte)

SS-Hauptsturmführer Koch will unbedingt persisch lernen. Gilles, einer seiner Gefangenen, der ein auf persisch geschriebenes Buch besitzt, soll es ihm beibringen. Weil er die Sprache ebenfalls nicht spricht, aber unbedingt den Krieg überleben will, erfindet er eine orientalisch klingende Fantasiesprache.

TV-Premiere zu einer unverdient ungünstigen Uhrzeit. Gut gemachtes, aber auch etwas dröges Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Leonie Benesch, Alexander Beyer, David Schütter, Luisa-Céline Gaffron, Giuseppe Schillaci, Antonin Chalon, Mehdi Rahim-Silvioli

Hinweise

Filmportal über „Persischstunden“

Moviepilot über „Persischstunden“

Rotten Tomatoes über „Persischstunden“

Wikipedia über „Persischstunden“

Meine Besprechung von Vadim Perelmans „Persischstunden“ (Deutschland/Russland 2020)


Neu im Kino/Filmkritik: „Scream“ – in der Version von 2022

Januar 13, 2022

Und wieder klingelt in einem Vorstadthaus das Telefon. Und wieder nimmt ein gutaussehender Teenager den Anruf an. Und wieder fragt der unbekannte Anrufer, ob sie mit ihm ein Frage-und-Antwort-Spiel über Horrorfilme spielen möchte.

Aber im Gegensatz zum ersten „Scream“-Film, wo die schon damals sehr bekannte und auf den Plakaten entsprechend herausgestellte Drew Barrymore von dem maskierten Killer getötet wurde, nimmt heute, 25 Jahre später, die hierzulande deutlich unbekanntere Jenna Ortega (u. a. die Disney-TV-Serie „Mittendrin und kein Entkommen“ [Stuck in the Middle]) den Hörer ab. Vielleicht darf sie deshalb den Angriff des Killers überleben. Denn Ghostface ist, elf Jahre nach „Scream 4“, zurück. Immer noch trägt er die ikonische, von Edvard Munchs „Der Schrei“ inspirierte Maske. Und, wieder einmal, verbirgt sich hinter der Maske ein anderer Mörder oder, wie in den meisten „Scream“-Filmen, ein Mörderpaar.

Vielleicht wollten die Macher auch einfach nur eine kleine Variation ausprobieren.

Vor 25 Jahren war diese sofortige Ermordung der potentiellen Hauptperson ein schockierender Auftakt für einen Slasher-Horrorfilm, der seine Figuren über die Regeln des Slasher-Horrorfilms philosophieren ließ. Denn Mitte der Neunziger hatten alle Teenager und Twenty-Somethings ihren Teil an Horrorfilmen gesehen und sie wussten, was passiert, wenn der Boyfriend alleine in den Keller geht oder die selbstverständlich sehr gut aussehende Jungfrau Sex vor der kirchlichen Trauung haben will. Dann schlägt die puritanische Moral sofort und unbarmherzig zu. Es gibt Schreie, ein Blutbad, Tote.

Kevin Williamson schrieb das intelligente Drehbuch. Es war sein Debüt. Danach kamen „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ (I Know What You Did Last Summer), „The Faculty“, weitere „Scream“-Drehbücher und die TV-Serie „Dawson’s Creek“.

Wes Craven, der Regisseur des ersten und der drei weiteren „Scream“-Filme, war damals schon ein bekannter Horrorfilm-Regisseur, dank Werken wie „Das letzte Haus links“ (The Last House on the Left, 1972), „Hügel der blutigen Augen“ (The Hills Have Eyes. 1977) und, selbstverständlich, „Nightmare – Mörderische Träume“ (A Nightmare on Elm Street, 1984). Er starb 2015. „Scream 4“ war sein letzter Film.

Scream“ (1996) war schon Meta, als nur die „Spex“-Schreiber sich darunter etwas vorstellen konnten. Und es war der erste Teen-Horrorfilm, der diese Idee künstlerisch und kommerziell erfolgreich umsetzte.

Scream“ (2022) ist jetzt ein Metafilm über einen Metafilm. Es wird also nicht mehr nur über die Regeln des Genres gesprochen, sondern auch darüber, dass es jetzt zunehmend Filme gibt, die an eine einstmals erfolgreiche Reihe anknüpfen und sie, meist unter Mißachtung einer oder mehrerer Vorgängerfilme, wiederbeleben wollen.

Das war zuletzt bei „Matrix Resurrection“ so. Auch da wurde über die Sinnhaftigkeit von „Matrix 4“ gesprochen, bevor einfach noch einmal „Matrix“ wiederholt wurde.

Andere jüngere Bespiele für diese Erneuerungen alter Franchises sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: „Ghostbusters“, „Halloween“, „Star Wars“ und „Terminator“ (gut, der war DOA). Bei all diesen Requels, Sequels, Reboots und Quasi-Remakes (die Unterschiede sind eher minimal) werden die alten Filmen neu inszeniert mit höherem Budget, einigen Schauspielern aus dem ersten Film der Serie (die das Herz des Fans erfreuen sollen und die den Film nicht notwendigerweise überleben), einigen jüngeren Schauspielern (die bei einem entsprechenden Kassenerfolg in den nächsten Filmen der Serie die Hauptrollen übernehmen sollen) und der altbekannten Story, die etwas abgestaubt und mit zahlreichen Verweisen auf die vorherigen Filme als neu und zugleich alt präsentiert wird.

So auch in „Scream“ (2022). Neve Cambpell, Courteney Cox und David Arquette, die Hauptdarsteller der vorherigen „Scream“-Filme, sind wieder dabei. Auch wenn einige Zeit vergeht, bis sie nacheinander im Film auftauchen. Denn nach dem ersten Anschlag, mordet Ghostface in der Kleinstadt Woodsboro munter weiter. Die wichtigste neue, allerdings ziemlich blasse Figur ist Samantha ‚Sam‘ Carpenter (Melissa Barrera). Sie verließ vor fünf Jahren ihren Geburtsort, weil sie erfuhr wer ihr Vater ist. Kleiner Hinweis: es hat etwas mit dem ersten „Scream“-Film zu tun.

Jetzt kehrt sie nach Woodsboro zurück. Begleitet wird sie von ihrem verständnisvollem Freund. Sie ist die ältere Schwester von Tara, auf die am Filmanfang der Mordanschlag verübt wurde und die jetzt schwer verletzt im Krankenhaus liegt.

Die Teenager klugscheißen über die Regeln des Horrorfilms als seien wir wieder im Jahr 1996 oder 1986, als Slasher-Filme ordentlich Geld einspielten. Sie sind auch verärgert über die Entwicklung der „Stab“-Filmreihe, die auf den Taten von Ghostface basiert und die sich zuletzt in die falsche Richtugn entwickelte. Es gibt für die Fans der vorherigen Filme etliche Easter-Eggs. Offensichtliche, wie der Vater von Figur XYZ oder dieser oder jener Schauplatz, und weniger offensichtliche.

Und mehr bietet „Scream“ (2022) dann nicht.

Das ist das filmische Äquivalent zum Revival einer bekannten Band, die einfach noch einmal ihre Hits runterspielt.

Dabei gibt es gute neue Horrorfilme, wie „The Babadook“ und „The Witch“, die auch in „Scream“ (2022) genannt werden. Das sind Filme, die alte Topoi neu interpretieren. Daran hatten die Macher von „Scream“ (2022) kein Interesse. Die Drehbuchautoren James Vanderbilt („Zodiac“, „White House Down“, „Der Moment der Wahrheit“ [Truth; auch Regie]) und Guy Busick („Ready or Not“, „Castle Rock“) und die Regisseure Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett (das Duo inszenierte auch das kurzweilige Spektakel „Ready or Not“) gehen auf Nummer sicher, indem sie auf die Wünsche der Fans hören und letztendlich einfach „Scream“ wiederholen.

Scream (Scream, USA 2022)

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett

Drehbuch: James Vanderbilt, Guy Busick (basierend auf den von Kevin Williamson erfundenen Figuren)

mit Melissa Barrera, Kyle Gallner, Mason Gooding, Mikey Madison, Dylan Minnette, Jenna Ortega, Jack Quaid, Marley Shelton, Jasmin Savoy Brown, Sonia Ammar, Courteney Cox, David Arquette, Neve Campbell

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Scream“

Metacritic über „Scream“

Rotten Tomatoes über „Scream“

Wikipedia über „Scream“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Devil’s Due -Teufelsbrut“ (Devil’s Due, USA 2014)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Ready or Not – Auf die Plätze fertig tot“ (Ready or Not, USA 2019)


TV-Tipp für den 13. Januar: Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel

Januar 12, 2022

Servus TV, 21.55

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone Baby Gone, USA 2007)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard

LV: Dennis Lehane: Gone, Baby, Gone, 1998 (Kein Kinderspiel; später, aufgrund des Films „Gone Baby Gone“)

In Boston suchen die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro die spurlos verschwundene vierjährige Amanda.

Tolle Verfilmung eines tollen Privatdetektivkrimis. Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Casey Affleck, Michelle Monaghan, Morgan Freeman, Ed Harris, John Ashton, Amy Ryan

Wiederholung: Freitag, 14. Januar, 02.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Gone Baby Gone“

Rotten Tomatoes über „Gone Baby Gone“

Wikipedia über “Gone Baby Gone” (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Thrilling Detective über Patrick Kenzie und Angela Gennaro

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks „Argo“ (Argo, USA 2012)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ (Live by Night, USA 2016)