LV: Avery Corman: Kramer vs. Kramer, 1977 (Kramer gegen Kramer)
Die Kramers lassen sich scheiden und streiten sich um das Sorgerecht für ihr gemeinsames Kind. Bis dieser Sorgerechtsstreit beendet ist, kümmert sich der bis dahin auf seine Arbeit fokussierte Ted Kramer um ihren Sohn.
Ein mit fünf Oscars (u. a. Bester Film, gegen „Apocalypse Now“) ausgezeichneter Kassenerfolg. „Das ist eine hervorragend von Dustin Hoffman und Meryl Streep gespielte Rührstory, in der nur jene Betrachter einen überzeugenden Realismus erblicken konnten, die die Rolle der Frau und Mutter in der Familie in althergebrachten Bildern sehen: undifferenziert, rollenkonform jedem Terror der Leitbilder ausgesetzt und auf jeden Fall duldsam auf ihrem Posten ausharrend.“ (Fischer Film Almanach 1981)
mit Dustin Hoffman, Meryl Streep, Jane Alexander, Justin Henry, Howard Duff, George Coe, JoBeth Williams
Die Spur(Pokot, Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017)
Regie: Agnieszka Holland (in Zusammenarbeit mit Kasia Adamik)
Drehbuch: Olga Tokarczuk, Agnieszka Holland
LV: Olga Tokarczuk: Prowadź swój pług przez kości umarłych. 2009 (Der Gesang der Fledermäuse)
In den Wäldern an der polnisch-tschechischen Grenze streitet die schrullige Tierschützerin Janina sich mit den Jägern, die auf jahrhundertealte Traditionen bestehen. Als einige von ihnen bei Jagdunfällen sterben, sagt sie, die Natur räche sich. Stimmt das? Oder haben Menschen nachgeholfen?
TV-Premiere. Atmosphärisches Drama mit Thriller-Elementen. Holland („Bittere Ernte“, „Hitlerjunge Salomon“) beschreibt ihren Film so: „ein anarchistisch feministischer Ökothriller mit Elementen einer schwarzen Komödie.“
Bevor am 30. Januar Terrence Malicks neuer Film „Ein verborgenes Leben – A hidden life“, der deutlich gelungener als seine vorherigen Filme ist (mehr zum Filmstart in meiner Besprechung), in unseren Kinos anläuft, kann man sich noch einmal seinen letzten, ähem, zugänglichen Film ansehen:
Arte, 20.15
The New World (The New World, USA 2005)
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
„Badlands“, „In der Glut der Sonne“, „Der schmale Grad“ und dann „The New World“. Vier Filme in über dreißig Jahren, Das ist nicht gerade viel. Doch Malicks Filme sind für Cineasten immer ein optischer Festschmaus. Auch in seiner Interpretation der Legende von Pocahontas (wer die Geschichte nicht kennt: USA, 1607: John Smith soll für die Siedler mit den Indianern verhandeln. Diese nehmen ihn gefangen. Die Häuptlingstochter Pocahontas rettet ihn. Er verliebt sich in sie. Und jetzt beginnen die wirklichen Probleme.) sind die Bilder grandios, die Besetzung hochkarätig (obwohl in seinem Kriegsfilm „Der schmale Grad“ die Stardichte höher war), der Erzählduktus hypnotisch und fern der gängigen Hollywood-Konventionen.
Danach inszenierte Malick zwischen 2011 und 2017 wieder vier immer esoterischer und selbstbezogener werdende Spielfilme, in denen er seinen legendären Ruf gründlich ruinierte. Mit seinem neuesten Film „Ein verborgenes Leben – A hidden life“ kehrt er wieder zu einem stärker einer Geschichte verhaftetem Erzählen zurück.
Anschließend, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Pocahontas und Captain John Smith“ (Deutschland 2009)
mit Colin Farrell, Q’orianka Kilcher, Christopher Plummer, Christian Bale, August Schellenberg, Wes Studi, David Thewlis, Ben Mendelsohn, John Savage, Ben Chaplin, Eddie Marsan, Jonathan Pryce
Ein Schausteller kauft das naive Mädchen Gelsomina ihrer Mutter ab. Fortan leben die beiden gegensätzlichen Charaktere auf der Straße. Erst als sie einem einfühlsamen Artisten begegnet, scheint sich ihr Leben zu verändern.
Ein Fellini-Klassiker und selbstverständlich auch ein Filmklassiker.
mit Anthony Quinn, Giulietta Masina, Richard Basehart, Aldo Silvani, Marcella Rovere, Livia Venturini
Eine verhängnisvolle Affäre (Fatal Attraction, USA 1987)
Regie: Adrian Lyne
Drehbuch: James Dearden
Der New Yorker Anwalt Dan Gallagher ist glücklich verheiratet. Als seine Familie für ein Wochenende die Stadt verlässt, lernt er Alex Forrest kennen. Für ihn ist sie nur ein Seitensprung. Aber sie will mehr und drängt sich in sein Leben.
Erfolgreicher Thriller über die grausamen Strafen, die auf böse Taten, wie außerehelichem Sex, folgen und wie die bürgerliche Kleinfamilie bewahrt werden kann.
mit Michael Douglas, Glenn Close, Anne Archer, Ellen Hamilton Latzen, Stuart Pankin
Ohne Schnitt und in Echtzeit ist „1917“ nicht erzählt. Immerhin beginnt die in zwei Stunden Filmzeit erzählte Geschichte am helllichten Tag und endet am nächsten Tag. Ebenfalls tagsüber. Außerdem müssten die beiden britischen Soldaten, die eine wichtige Botschaft über die Pläne der deutschen Armee an ein anderes Bataillon überbringen sollen, solche Torturen durchstehen, dass es ein Wunder ist, wie sie all die Kämpfe, Stürze, Explosionen und einen Sturz in einen reißenden Fluss unverletzt überleben. Wobei, das sei gesagt, ein Soldat stirbt auf dem Weg.
Sam Mendes‘ erzählt die von Erzählungen seines Großvaters und anderer Soldaten, die im Ersten Weltkrieg kämpften, inspirierte Geschichte in mehreren langen Plansequenzen, die sich nahtlos aneinander fügen. Meistens dienen Türen, dunkle Ein- und Durchgänge und im Weg stehende Gegenstände als Übergang von einer zur nächsten Sequenz. Das nimmt dem Drama nichts von seiner inszenatorischen Brillanz. Die Kamera schwebt schwerelos durch Schützengräben, über das Niemandsland, durch eine Ruinenstadt, einen reißenden Fluss, Felder und Wälder, in denen Soldaten lagern.
Damit dies gelang, war viel Vorarbeit nötig. Detailreiche Sets, in denen die Kamera sich in jede Richtung bewegen konnte, wurden errichtet. Die einzelnen Bewegungen von Kamera, Schauspielern und Crew wurden über mehrere Monate geplant und geprobt.
Für den Film mussten große Sets errichtet werden, durch die die Kamera sich frei bewegen und auch um die eigene Achse drehen konnte, ohne dass die Illusion zerstört wird. Roger Deakins, der für „Blade Runner 2049“ seinen schon lange überfällige Oscar-Auszeichnung erhielt und schon mehrmals mit Mendes zusammen arbeitete, fand beeindruckende Bildkompositionen. Unter anderem wenn die Lance Corporals Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman) durch das matschige mit Stacheldraht und Leichen übersäte Niemandsland zwischen den Schützengräbern der Kriegsparteien schleichen oder wenn Schofield in der Nacht durch eine von Bomben und Feuer erleuchtete Ruinenstadt läuft.
Das ist alles so elegant inszeniert, dass man niemals die fehlenden Schnitte bemerkt. Am Ende kann man sich nicht vorstellen, dass sich irgendwann irgendjemand „1917“ in einer konventionellen Inszenierung gewünscht haben könnte.
Konventionell ist dagegen die Filmgeschichte von zwei Soldaten, die auf eine gefährliche Mission geschickt werden, einigen Offizieren und vielen gesichtslosen Soldaten begegnen und selbst wenn sie am Ende ihren Auftrag irgendwie erfüllen, ändern sie am Kriegsverlauf nichts. Schließlich sind sie nur einfache Soldaten. Die Befehle werden von anderen Männern gegeben. Dieses Hohelied auf den tapferen einfachen Soldaten wurde schon oft erzählt. „1917“ fügt dem, bei aller Begeisterung über das Drama, nichts Wesentliches bei.
Weltweit bekannt wurde Sam Mendes als Regisseur der James-Bond-Filme „Skyfall“ und „Spectre“. Davor inszenierte er die Satire „American Beauty“, den Gangsterfilm „Road to Perdition“ und den Kriegsfilm „Jarhead“.
Am Montag erhielt „1917“ zehn Oscar-Nominierunge. Mindestens die Preise für besten Film („1917“ ist der prototypische Oscar-Preisträger), Kamera (Roger Deakins) und Regie sollten drin sein. Die Golden Globes für den besten Film und die beste Regie hat er schon erhalten. Neben bis jetzt über siebzig weiteren Preisen und viel berechtigtes Kritikerlob.
1917 (1917, USA 2019)
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns
mit George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong, Andrew Scott, Richard Madden, Claire Duburcy, Colin Firth, Benedict Cumberbatch, Daniel Mays, Colin Firth, Nabhaan Rizwan, Jamie Parker, Adrian Scarborough
Seit Jahren war ein neuer „Bad Boys“-Film im Gespräch. Mitte der neunziger Jahre war die Buddy-Actionfilmkomödie, in der zwei Polizisten in Miami Verbrecher jagen und, garniert mit vielen dummen Sprüchen, eine Spur der Verwüstung hinterlassen, ein Kassenhit. Die Fortsetzung „Bad Boys II“ ebenso. Die beiden Hauptdarsteller der ersten beiden „Bad Boys“-Filme, Will Smith und Martin Lawrence, waren danach Stars, die für den dritten „Bad Boys“-Film „Bad Boys for Life“ wieder in die vertrauten Rollen schlüpften. „Bad Boys“ war 1995 auch der Beginn der Spielfilmkarriere von Michael Bay. Bis dahin inszenierte er Musik-Videos. Schon in seinem ersten Spielfilm war ihm die knallig-bunte Oberfläche wichtiger als der Inhalt. Er inszenierte auch „Bad Boys II“. Im dritten „Bad Boys“-Film hat er nur ein Cameo.
Sein indirekter Einfluss ist allerdings vom ersten bis zum letzten Bild unübersehbar. Optisch und inhaltlich ist der von Adil El Arbi und Bilall Fallah inszenierte Film Vintage-Michael-Bay. Sie und ihr Kameramann Robrecht Heyvaert sind Fans von Bay und imitieren seinen Stil perfekt. Leider. Denn so ist „Bad Boys for Life“, mit verwirrenden Schnitten im Sekundentakt, von der ersten bis zur letzten Sekunde nur ein nerviges Vehikel für die beiden vor sich hin blödelnden Stars Will Smith und Martin Lawrence.
Smith spielt den Action liebenden Polizisten und Single Mike Lowrey. Sein Partner Marcus Burnett, gespielt von Martin Lawrence, war schon immer der ruhigere Gegenpart mit Frau und Kindern. Inzwischen will der Familienmensch aus dem Polizeidienst ausscheiden. Trotz ihres titelgebenden Schwurs, dass sie Bad Boys for Life seien.
Vor dem Ruhestand müssen sie noch einen Fall lösen. Ob es wirklich ihr letzter Fall ist, ober ob es doch noch einen vierten „Bad Boys“-Film gibt, hängt vom Einspielergebnis ab.
In Mexiko wird Isabel (Kate Del Castillo) aus dem Gefängnis befreit. Die Witwe eines Drogenbarons will sich mit der Hilfe ihres Sohns Sohn Armando (Jacob Scipio) an Lowrey und allen anderen Männern, die für den Tod ihres Mannes und ihren Gefängnisaufenthalt verantwortlich sind, rächen. Während sie in Mexiko-Stadt als Hexe die bösen Geister beschwört, bringt Armando in Miami, oft verkleidet als Motorradfahrer, die Männer um.
Lowrey und Burnett wollen die Armando und Isabel schnappen. Dabei soll ihnen eine neue Spezialeinheit helfen. Weil diese Spezialeinheit bei ihren Ermittlungen auch Computer und Drohnen verwendet, wird ein Konflikt zwischen Old School und New School herbeigeredet, der spätestens nach fünf Minuten in einem Bleigewitter versenkt wird.
Seien wir ehrlich: für alle, die nicht eine regelmäßige Dosis an Michael-Bay-Exzess brauchen, ist „Bad Boys for Life“ ein irgendwo in der Pubertät stecken gebliebenes Desaster, das jeden auch nur halbwegs interessanten Gedanken einem Shot auf einen gut proportionierten jungen, spärlich bekleideten Frauenkörper opfert. Die Action ist eher spärlich gesät. Meist spielt sie in dunklen Räumen, in denen man kaum verfolgen kann, wer wann wo gegen wen kämpft und ballert. Wenn die Action dann tagsüber auf offener Straße spielt, ist sie so zerschnitten, dass sie kaum verfolgt werden kann. Beeindruckend ist das nicht.
Die Story selbst war schon in den vorherigen „Bad Boys“-Filmen nicht der Grund, sich die Filme anzusehen. Das hat sich in „Bad Boys for Life“ nicht geändert. Sie ist ein löchriges Nichts, das jeden Gedanken an Logik und Plausibilität ignoriert. Wenn gegen Ende des Films die Beziehung zwischen Isabel und Lowrey enthüllt wird, sorgt das eher für ein ungläubig-genervtes Augenrollen. Bis dahin gelingt es dem Film, jeglichen interessanten Ansatz, der irgendwann einmal in irgendeiner Fassung des Drehbuchs vorhanden war, in einem Bildgewitter untergehen zu lassen.
Mit „Bad Boys for Life“ setzt Will Smith die Serie seiner enttäuschenden bis schlichtweg misslungenen Leinwandauftritte fort.
Bad Boys for Life (Bad Boys for Life, USA 2020)
Regie: Adil El Arbi, Bilall Fallah
Drehbuch: Peter Craig, Joe Carnahan, Chris Bremner (nach einer Geschichte von Peter Craig und Joe Carnahan, basierend auf von George Gallo erfundenen Figuren)
mit Will Smith, Martin Lawrence, Vanessa Hudgens, Alexander Ludwig, Charles Melton, Paola Nunez, Kate Del Castillo, Nicky Jam, Joe Pantoliano, Theresa Randle, Jacob Scipio, Khaled
La belle saison – Eine Sommerliebe (La belle saison, Frankreich/Belgien 2015)
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini, Laurette Polmanss
1971 trifft die 23-jährige Delphine in Paris die Aktivistin Carole. Sie verlieben sich ineinander. Aber dann muss Delphine zurück auf den Hof ihrer Eltern. Carole folgt ihr in eine für sie vollkommen fremde Welt.
Wunderschöne, politisch grundierte Sommerromanze, die auch viel über die frühen Siebziger Jahre in Frankreich erzählt
Falling Down – Ein ganz normaler Tag (Falling Down, USA 1992)
Regie: Joel Schumacher
Drehbuch: Ebbe Roe Smith
Ein verdammt heißer Sommertag in Los Angeles: ein namenloser weißer Durchschnittsbürger (er wird nach seinem Autokennzeichen ‚D-Fens‘ genannt) lässt genervt sein Auto im Stau stehen. Er will zu Fuß und ohne Umwege zum Haus seiner Ex-Frau gehen und dort den Geburtstag seiner Tochter feiern. Sein Fußmarsch entwickelt sich schnell zu einem Rachefeldzug gegen alle, die sich ihm in den Weg stellen und ihn nerven. Ein Polizist will ihn stoppen.
Grandioser Thriller, der auch und vor allem ein düsteres, schwarzhumoriges Porträt der US-Gesellschaft ist.
„Falling Down“ erhielt 1994 den Edgar-Allan-Poe-Award als bester Spielfilm.
mit Michael Douglas, Robert Duvall, Barbara Hershey, Rachel Ticotin, Tuesday Weld, Frederic Forrest
LV: Sarah Waters: Fingersmith, 2002 (Solange du lügst)
In dem ruhig erzählten Krimidrama „Die Taschendiebin“ mit einige erzählerischen Finessen erzählt Park Chan-wook in wunderschönen Bildern die Geschichte von dem jungen und naiven Dienstmädchen Sookee, das im Korea der dreißiger Jahre auf einem einsam gelegenem Anwesen Lady Hideko dienen soll. Sie lebt dort mit ihrem Onkel, der über eine große Bibliothek erotischer Bücher verfügt, die er in besonderen Lesungen meistbietend verkauft.
Sookee ist allerdings kein normales Dienstmädchen, sondern eine Betrügerin die alles für Graf Fujiwara vorbereiten soll. Der Graf will Lady Hideko verführen, heiraten und um ihr Vermögen bringen. Aber auch Sookee verliebt sich in die Hausherrin.
mit Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-sook, Moon So-ri
Weil ich das Gespräch zum Film moderiere, glaubt mir jetzt natürlich niemand, dass „Der marktgerechte Mensch“ ein guter, sehenswerter, Diskussionen anregender und zum Tun animierender Film ist. Deshalb gibt es hier die Ankündigung:
Spätestens seit der großen Finanzkrise ist unser Arbeitsmarkt im Umbruch. Die soziale Marktwirtschaft und die über Jahrzehnte erstrittenen Solidarsysteme werden mehr und mehr ausgehebelt. Der sich immer weiter beschleunigende Wettbewerb bringt das gesamte gesellschaftliche Gefüge in Gefahr. Unser soziales Bindegewebe droht durch Verarmung, Vereinzelung und Entsolidarisierung zu zerbrechen.
Nachdem Leslie Franke und Herdolor Lorenz sich in »Der marktgerechte Patient« (2018) kritisch mit dem akuten Zustand unseres Gesundheitssystems auseinandergesetzt haben, erzählt »Der marktgerechte Mensch« anhand einer repräsentativen Auswahl von Fallbeispielen nun von den verheerenden Veränderungen unseres Arbeitsmarkts. Unsichere und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Algorithmus-gesteuerte Arbeitsprozesse und Crowdworking haben unser Leben in den letzten Jahren rasant verändert – und nicht selten zu zerstörten Lebensläufen und psychischen Erkrankungen geführt. Der Film zeigt aber auch Solidarität zwischen jungen Menschen, die für einen Systemwandel eintreten, und stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften. Der Film will Mut machen und dazu motivieren, sich zusammenzuschließen und einzumischen. Denn ein anderes, gerechteres Leben ist möglich!
„Handwerklich schlichter, aber mit Herzblut gemachter Dokumentarfilm über die Veränderungen am Arbeitsmarkt, wo an die Stelle von fairen Verträgen immer öfter Leiharbeit und Freelancertum treten. Leslie Franke und Herdolor Lorenz warnen vor sozialer Schieflage und fordertn einen Systemwandel zurück zu Solidarität und gemeinsamer Verantwortung.“ (epd film, Kurzbewertung [ausführliche Besprechung])
One World Berlin – Menschenrechte aktuell – eine monatliche Filmreihe mit Dokumentarfilmen über Bürger- und Menschenrechte wird organisiert von der Humanistischen Union, Deutschlands ältester Bürgerrechts-Organisation (mitbegründet von Fritz Bauer), One World Berlin Human Rights Film Festival, das sich seit 2004 durch Menschenrechts-Filmarbeit engagiert, und dem Lichtblick-Kino. Filmemacher*innen und Expert*innen diskutieren mit dem Publikum über Fragen, die Menschen in der Stadt bewegen, lokal und global: Recht auf Wohnraum, gegen Überwachung und Datenspeicherung, für Menschsein und Menschenrechte in der digitalen Welt.
»One World Berlin – Menschenrechte aktuell« versteht sich auch als Plattform für Berliner Bürger- und Menschenrechtsinitiativen, die zu den in den Filmen verhandelten Fragen arbeiten.
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Vorankündigung
Am Samstag, den 15. Februar, präsentieren wir um 18.00 Uhr im Lichtblick-Kino den Dokumentarfilm „Spuren – Die Opfer des NSU“. Regisseurin Aysun Bademsoy wird anwesend sein.
45 Tage hat David Zeit, um in einem Paarungshotel seine künftige Frau zu finden. Wenn nicht, wird er in einen Hummer verwandelt. Als er kein Glück hat, flieht er und trifft im Wald auf eine Gruppe radikaler Einzelgänger, die mindestens genauso streng-absurde Regeln befolgen.
Köstliche Satire, die in Cannes den Preis der Jury erhielt.
mit Colin Farrell, Rachel Weisz, John C. Reilly, Léa Seydoux, Ben Whishaw, Olivia Colman, Jessica Barden
Die Swans sind das, was man gemeinhin Kultband nennt. Es gibt sie schon seit Jahrzehnten, sie haben eingeschworene Fans, bekannte Bewunderer und sind beim Mainstream-Publikum weitgehend unbekannt. Das liegt an der Musik, mit der sie in den frühen achtziger Jahren bekannt wurden. Sie spielten Noise-Rock, was man am einfachsten als eine infernalisch laute Mischung aus Punk und Heavy Metal, nur noch lauter und schlechter gespielt, beschreiben kann. Wobei die Lautstärke ein integraler Teil der Performance ist. Dieser brutale. kakophonische Lärm, garniert mit nihilistischen, schwarzhumorigen Texten ist eine Reaktion der Musiker auf ihre Umwelt und ihre persönlichen Lebensumstände. Bei den Swans, wie auch bei anderen Noise- und No-Wave-Bands, war das das New York der frühen achtziger Jahre, als die Stadt in Müll und Verbrechen versank. Sänger und Gitarrist Michael Gira verarbeitet das in seiner Musik.
Später veränderte die Band ihre musikalische Richtung, wurde aufgelöst und wieder neu gegründet. Inzwischen ist Gira der alles bestimmende kreative Kopf der Swans.
Für seine sehenswerte Doku „Swans – Where does a body end?“ begleitete Marco Porsia Michael Gira und seine Band über fünf Jahre. Er konnte auch Giras Archiv sichten und er interviewte, neben Gira und früheren und aktuellen Bandmitgliedern, wie die in den Achtzigern für den Bandsound und Gira sehr wichtige Sängerin Jarboe, Fans und Freunde der Band, wie Amanda Palmer (The Dresden Dolls), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten, Nick Cave and The Bad Seeds), Thurston Moore und Lee Ranaldo (beide Sonic Youth und frühe Wegbegleiter der Swans).
In einer formal konventionellen Mischung aus Bildern, Konzertausschnitten und Interviews erzählt Porsia chronologisch die Geschichte der Swans und ihrer radikalen musikalischen Wandlungen von 1982, als sie eine Noise-Rock-Band waren, bis zur Gegenwart, die melodiöser und folkiger ist. Dabei ist vor allem der Rückblick auf die frühen Jahre in das New York der achtziger und neunziger Jahre und ihren immer am Existenzminimum kratzenden Tourneen sehr interessant.
Gerade weil die Swans so eine extreme Musik machen, dürfte sich „Swans – Where does a body end?“ vor allem an Fans der Band und ihrer Musikrichtung richten. Sehenswert ist die gut gemachte und informative Musikdoku trotzdem.
Swans – Where does a body end? (Where does a body end?, Kanada 2019)
Regie: Marco Porsia
Drehbuch: Rodney Ascher, Marco Bresba, David Hyde, Pedro Orrego, Marco Porsia
mit Michael Gira, Devendra Banhart, Blixa Bargeld, Jehnny Beth, Jarboe, Thurston Moore, Amanda Palmer, Lee Ranaldo, Jim Sclavunos, J.G. Thirlwell
Wie Christian Alvart, dessen neuer Thriller „Freies Land“ ebenfalls diese Woche startet, fühlt Jessica Hausner (genaugenommen eine Österreicherin) sich im Genre wohl. Allerdings im Horrorgenre. Und während Alvart einen konventionellen Mainstream-Zugang hat, interessiert Hausner sich, wie sie schon in „Hotel“ zeigte, für die Arthaus-Variante des Genres.
In ihrem neuen Film „Little Joe“ züchtet die Botanikerin Alice eine Blume, die, wenn sie richtig gepflegt wird, Menschen glücklich macht. Als es in dem Labor zu seltsamen Ereignissen kommt, fragen Alice und ihre Kollegen sich, ob die Blume auch Nebenwirkungen hat. Nebenwirkungen, die zu negativen Veränderungen bei Menschen und auch zu Sterbefällen führen. Also, konkret: Hat die Blume ein mörderisches Bewusstsein?
Für Alice ist das nicht nur eine akademische Frage, die sie im hochgesicherten Labor beantworten muss. Denn die alleinerziehende Mutter hat eine ihrer Züchtungen ihrem dreizehnjährigen Sohn gegeben und sie glaubt, dass er sich verändert.
„Little Joe“ lief letztes Jahr in Cannes im Wettbewerb. Emily Beecham wurde als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Neben ihr spielen Ben Whishaw und Kerry Fox Hauptrollen. Gedreht wurde auf Englisch und damit ist klar, dass Jessica Hausner mit ihrem ersten englischsprachigen Film den internationalen Markt anpeilt.
Seine Deutschlandpremiere hatte der Film auf dem Fantasy Filmfest und zwischen all den Trash- und Gore-Splatter-Horrorfilmen fällt „Little Joe“ auf. Denn der Film ist sehr elegant, betont künstlich, artifiziell und unterkühlt inszeniert.
Emotional packend ist „Little Joe“ niemals. Hier werden lange Kamerafahrten durch Gewächshäuser und Forschungsanstalten und lange Einstellungen auf Menschen und ebenso bewegungslose Pflanzen mit intellektuellem Tiefgang verwechselt.
Das erinnert an ihren Film „Hotel“, in dem ein Hotel in den Alpen zu einem Horrorhaus wurde. Die Kritiken waren positiv bis euphorisch. Ich fand den Film eher langweilig. Der Erkenntnisgewinn von minutenlangen Blicken in einen dunklen Wald ist halt begrenzt.
„Little Joe“ hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Das wenige an Handlung wird endlos gedehnt. Es passiert wenig. Es wird mehr angedeutet als gezeigt. So bleibt auch unklar, ob die Pflanze jetzt wirklich Menschen verändert und tötet, oder ob es sich nur um eine Fantasie handelt. Echter Schrecken kann so nicht entstehen. Fesselnd ist dieses sich nicht auf eine Erklärung festlegen wollen auch nicht. Aber es sieht in diesem Fall sehr schön aus. Jedes Bild von Hausners Stammkameramann Martin Gschlacht ist von ausgesuchter Schönheit.
In „Little Joe“ gewinnt der Stilwille eindeutig über dem Horror.
Little Joe – Glück ist ein Geschäft(Deutschland/Österreich 2019)
Regie: Jessica Hausner
Drehbuch: Jessica Hausner, Géraldine Bajard
mit Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, Kit Connor, David Wilmot, Phénix Brossard, Sebastian Hülk, Lindsay Duncan
Drehbuch: Pete Dexter (nach einer Geschichte von Pete Dexter und Floyd Mutrux)
LA, fünfziger Jahre: Cop Hoover und seine Einheit sorgen wenig zimperlich für Ordnung. Als eine Bekannte von Hoover ermordet wird, stoßen sie auf einen politischen Skandal.
Natürlich erinnert vieles an die Schwarze Serie und „Chinatown“. Aber trotzdem ist „Nach eigenen Regeln“ ein unterhaltsames Period-Picture mit Starbesetzung.
Mit Nick Nolte, Chazz Palminteri, Melanie Griffith, Michael Madsen, Chris Penn, Treat Williams, Jennifer Connelly, Daniel Baldwin, Andrew McCarthy, John Malkovich, Ed Lauter, Aaron Neville (Musiker), Bruce Dern (ungenannt), Louise Fletcher (ungenannt), Rob Lowe (ungenannt), William L. Petersen (ungenannt)
Ostdeutschland, 1992: Die beiden Kriminalpolizisten Patrick Stein (Trystan Pütter) und Markus Bach (Felix Kramer) suchen zwei spurlos verschwundene, an der Schwelle zum Erwachsensein stehenden Schwestern. Sind sie nur von zu Hause abgehauen oder wurden sie ermordet?
Stein ist jung, offensichtlich ein Paragraphenreiter, kommt aus dem Westen und telefoniert ständig mit seiner hochschwangeren Frau, die von seinem Einsatz im Osten nicht begeistert ist. Auch er möchte so schnell wie möglich wieder zurück in seine Heimat.
Bach war schon in der DDR Ermittler. Seine Methoden und sein Verhalten scheinen direkt aus dem Hollywood-Drehbuch für den Hardboiled-Detective der alten Schule zu stammen: saufen, vögeln, Verdächtige einschüchtern und schlagen – und vielleicht auch noch Beweise manipulieren. Bei ihren Ermittlungen in der einsamen ostdeutschen Marschlandschaft entdecken die beiden gegensätzlichen Polizisten schnell, dass schon zu DDR-Zeiten Mädchen aus dem Dorf spurlos verschwanden.
In dem Moment wird aus dem Thriller eine Gesellschaftsanalyse, die auch danach fragt, was von der DDR im neuen Deutschland überlebte.
Aus dieser Idee wird allerdings wenig gemacht. Christian Alvart, einer der wenigen deutschen Regisseure, der gerne und zuverlässig für das Kino gelungene Genrefilme (wie „Antikörper“, „Pandorum“, „Banklady“ und „Abgeschnitten“) inszeniert, erzählt in „Freies Land“ eine Geschichte, die Krimifans bereits aus „Mörderland – La Isla Mínima“ (La Isla Mínima, Spanien 2014) kennen. Alvart kopiert den Film fast Einstellung für Einstellung. Nur dass bei ihm aus den satten spanischen Farben ein braungraues deutsches Einerlei wird. Neben den Farben gehen bei der Verlegung der Geschichte von Spanien nach Deutschland alle gesellschaftlichen und politischen Hintergründe verloren.
Alberto Rodriguez‘ Thriller entwickelt seine Wirkung zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Wissen um die Erbschaften der Franco-Diktatur und dem die gesamte Gesellschaft beherrschenden Katholizismus mit seinen Moralvorstellungen.
Dagegen ist die weitgehend säkularisierte DDR nur ein kümmerlicher Ersatz. In dem vereinigten Deutschland gibt es dann DDR-Nostalgie, von Westlern entlassene Arbeiter und einen austauschbaren Krimiplot, für den Alvart sich eine halbe Stunde mehr Zeit nimmt als Rodriguez ohne dabei mehr in die Tiefe zu gehen. So wirkt „Freies Land“ oft unerträglich langatmig. Denn gerade der nackte Thrillerplot ist schon in „Möderland – La Isla Minima“ nicht besonders aufregend. Er dient vor allem als ein Vehikel für eine vielfältige Gesellschaftsanalyse, die auch danach fragt, wie mit den Erbschaften einer Diktatur umgegangen werden soll.
Vielleicht wäre „Freies Land“ besser geworden, wenn Alvart die Geschichte nicht in das Jahr 1992 sondern in das Jahr 1952 verlegt hätte. Dann hätte ein junger Polizist (wahlweise aus West- oder Ostdeutschland) sich mit den Hinterlassenschaften der Nazi-Zeit hätte beschäftigen müssen. Oder wenn Alvart einfach eine neue Geschichte erfunden hätte, anstatt eine bekannte Geschichte in einer anderen Kulisse noch einmal zu erzählen.
Freies Land(Deutschland 2020)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christian Alvart, Sigfried Kamml
mit Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora Waldstätten, Ben Hartmann, Ludwig Simon, Uwe Dag Berlin, Leonard Kunz, Michael Specht, Marc Limpach, Alva Schäfer, Nurit Hirschfeld, Alexander Radszun, Marius Marx
LV: Elmore Leonard: Out of sight, 1996 (Zuckerschnute, Out of sight)
Auf der Flucht verbringt Jack Foley im Kofferraum einige Zeit mit Debputy U. S. Marshal Karen Sisco. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Als Jack in Detroit seinen letzten Coup plant, erscheint auch Karen auf der Bildfläche.
Hochgelobte und uneingeschränkt empfehlenswerte Elmore-Leonard-Verfilmung mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman
Von Elmore Leonards Homepage: “Out of Sight, like Get Shorty, was a totally happy film experience for Elmore. The Get Shorty production team and writer: Danny DeVitos Jersey Films and screenwriter Scott Frank, once again collaborated on an Elmore Leonard project. Jersey signed Steven Soderbergh to direct and he cast George Clooney and Jennifer Lopez in the lead roles. (…) Clooney and Lopez added considerable sizzle to Out of Sight. Steve Zahn is hilarious as a stoner car thief; Ving Rhames, Don Cheadle and Isaiah Washington are all deadly and cool. Albert Brooks was a pleasant surprise. He makes the most out of the Ripley character. It was Scott Frank who took Ripley, off-stage in the book, and made him a key character. After Scott finished his screenplay, Elmore disagreed with the Ripley move and the ´happy´ movie ending, but admitted he was right after seeing the finished film. Out of Sight has a great look thanks to Steven Soderberghís masterful direction and Scott Frank’s savvy script. The film was a critical success but a box office so-so because of an unfortunate summer release date.”
George Gently – Der Unbestechliche: Blinder Hass (George Gently: Gently Northern Soul, Großbritannien 2012)
Regie: Gillies Mackinnon
Drehbuch: David Kane
LV: Charakter von Alan Hunter
Northumberland, 1968: Am Straßenrand wird Dolores Kenny gefunden. Die junge Frau wurde erschlagen – und sie ist eine Schwarze. Inspector George Gently und sein Kollege John Bacchus ermitteln – und der Krimi wird schnell zu einer ebenso gelungenen, wie bedrückenden Gesellschaftsanalyse. Denn damals gab es in Pensionen Schilder, die sagten „Keine Schwarzen, keine Iren, keine Hunde“ (wobei die Wirtin bei den Hunden sicher eine Ausnahme gemacht hätte). Einer der größten Rassisten organisierte Tanzabende mit Northern Soul, auf denen Schwarze und Weiße miteinander zu Soul-Musik (die es auch reichlich zu hören gibt) tanzten, während in der eigenen Familie penibel auf die Rassentrennung geachtet wurde.
Wie sich dann die Konflikte verschärfen und die Familie Kennedy mit dem Tod eines Familienmitglieds zurechtkommen müssen, ist absolut sehenswert. Auch wenn am Ende nur der Fall, aber kein einziger Konflikt gelöst ist.
„Blinder Hass“ (Gently Northern Soul) ist der grandiose Auftakt der fünften „George Gently“-Staffel, der wieder einmal zeigt, was diese Krimiserie von anderen Krimiserien unterscheidet: der Blick auf gesellschaftliche und soziale Konflikte.
mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Pippa Bennett-Warner, Lenora Crichlow, Craig Conway, Philip Correia, Gary Carr, Eamonn Walker, John Bowler
Angesichts der vielen „Ju-On“- und „The Grudge“-Filme, -Romane und -Comics ist es fast müßig, darüber nachzudenken, ob Nicolas Pesces „The Grudge“ jetzt ein Remake, ein Reboot oder eine Weitererzählung von Takashi Shimizus Horrorfilm „Ju-On: The Grudge“ ist. Letztendlich kann man es als Weitererzählung, die mit den bekannten Topoi spielt, bezeichnen.
2004 verlässt eine US-Amerikanerin in Tokio ein Haus, in dem anscheinend Schreckliches geschah. Sie kehrt zurück in die USA. Dort geht die Geschichte der mörderische Schrecken verbreitenden Hausgeister weiter.
2006 wird in einem Wald ein Auto mit einer mumifizierten Leiche entdeckt. Schnell wird ein Zusammenhang mit einem Haus in der 44 Reyburn Drive offensichtlich. Dort geschahen in den vergangenen Jahren so schreckliche Dinge, dass der damalige Ermittler Goodman (Demián Bichir) nicht darüber reden will. Also liest seine neue Kollegin Muldoon (Andrea Riseborough) die Akten. Sie ist neu in der Stadt, Single und Mutter eines ungefähr siebenjährigen Jungen, den sie über alles liebt.
In zwischen 2004 und 2006 spielenden Rückblenden erzählt Nicolas Pesce („The Eyes of my Mother“) dann, was damals in dem Haus geschah. Gleichzeitig kehren die Grudge-Geister zurück.
Dabei springt Pesce immer wieder nahtlos zwischen den verschiedenen Zeitebenen, Realität und Imagination hin und her. Nur langsam fügen sich die verschiedenen Teile der insgesamt vier parallel erzählten Geschichten zusammen. Entsprechend lange dauert es, bis deutlich ist, wie die Geschichten miteinander zusammenhängen.
Daraus entsteht allerdings keine Spannung. Die Story funktioniert vorne und hinten nicht.
Das liegt vor allem an der dummen Idee, den Film auf mehreren Zeitebenen spielen zu lassen. So werden Figuren eingeführt und dann lange nicht mehr beachtet. Das gilt vor allem für Muldoons Sohn. Er ist schon in seiner ersten Szene dafür prädestiniert, eine wichtige Rolle zu übernehmen. Aber die meiste Zeit ist er noch nicht einmal im Bild.
Es gibt Set-up-Szenen, die zu nichts führen. Sie wirken wie Überbleibsel aus einem früheren Drehbuch. Zum Beispiel wenn Muldoons Sohn auf Polizeistation ist und Muldoons Partner Goodman ihn zum Filme gucken in ein Nebenzimmer führt. Die überhaupt nicht kindgerechte Filmauswahl, – „French Connection“ oder „Nur 48 Stunden“ – sorgt für einen Lacher. Aber die in diesem Moment angedeutete Beziehung zwischen den beiden wird später nicht fortgeführt und auch nicht mehr erwähnt. Letztendlich erinnert uns diese Szene nur daran, dass Muldoon einen Sohn hat.
Immer wieder verhalten sich die Figuren vollkommen idiotisch. So flüchtet der Häusermakler Peter Spencer (John Cho) einmal vor einem Geist in einen Schrank, anstatt fluchtartig das Haus zu verlassen. Diese und ähnliche Szenen werden in Aufführungen sicher lautstark kommentiert.
Und es ist völlig rätselhaft, wer warum von dem Grudge besessen wird. So ist aus ungeklärten Gründen Goodman immun gegen die Geister, während sein früherer Kollege Wilson (William Sadler), der jetzt mit einem Gesicht, das Batman-Schurken vor Neid erblassen lässt, in der örtlichen Irrenanstalt (die ebenfalls aus einem Batman-Film stammen könnte) sitzt, und Goodmans jetzige Kollegin Muldoon von den Geistern verfolgt werden.
Und Lin Shaye darf seltsame Geräusche von sich geben, seltsam agieren und sich die Finger abschneiden.
Immerhin gibt es für den anspruchslosen und schreckhaften Horrorfilmfan, wenn die Geister sich manifestieren und plötzlich fürchterliche oder laute Geräusche ertönen, etliche Schreckmomente. Das ist vorhersehbar, aber trotzdem sorgt Pesce hier für genug Momente, in denen man zusammenzucken kann und er baut hier die Spannung auch gut auf. Wer von einem Horrorfilm nur eine bestimmte Menge Jumpscares erwartet, wird sie erhalten.
Als Cineast kann man sich auch an der schönen Fotografie erfreuen. Viele Bilder erinnern an kunstvoll arrangierte Fotografien.
Und hier werden alle wichtigen Rollen von Erwachsenen gespielt. Sie haben Kinder. Sie sind seit einem halben Jahrhundert in einer festen Beziehung. Sie sind keine Teenager, die durch einen 08/15-Horrorfilm gejagt und getötet werden. Besser macht es den Film nicht.
The Grudge (The Grudge, USA 2020)
Regie: Nicolas Pesce
Drehbuch: Nicolas Pesce (nach einer Geschichte von Nicolas Pesce und Jeff Buhler)
mit Andrea Riseborough, Demián Bichir, John Cho, Lin Shaye, Jackie Weaver, William Sadler, Tara Westwood, Zoe Fish, John J. Hansen, Betty Gilpin, Frankie Faison
Es ist ihr erster gemeinsamer Abend: in einem Diner treffen sich Queen, eine junge Anwältin, und Slim, ein Supermarktkassierer. Sie unterhalten sich. Sie essen. Danach fährt Slim sie nach Hause. Auf dem Heimweg werden sie von einem Polizisten angehalten Die Situation eskaliert, weil sie Schwarz sind und weil in den USA in den Augen der Polizei Schwarze immer potentielle Schwerverbrecher sind. Auch wenn sie nichts getan haben. Deshalb protestieren Slim und Queen gegen das eindeutig der Situation nicht angemessene Verhalten des weißen Polizisten nur mild. Vor allem Queen kennt ihre Rechte und sie will die übergriffige Machtdemonstration des Polizisten nicht akzeptieren.
Am Ende der Kontrolle ist Queen angeschossen und Slim hat in Notwehr und im Affekt den Polizisten erschossen. Weil ihnen das niemand glauben würde, verlassen sie den Tatort.
Das ist der Beginn einer Flucht durch die USA. Sie beginnt im verschneiten Ohio und endet, sieben Tage später, im sonnigen Florida in den Keys. Damit folgt „Queen & Slim“ der vertrauten Dramaturgie eines Roadmovies in dem die Polizei ein Verbrecherpaar durch das Land verfolgt – und die Sympathien des Publikums eindeutig bei den mehr oder weniger unschuldig Verfolgten liegen.
„Queen & Slim“ ist auch einer der aufregendsten Filme der letzten Monate. Melina Matsoukas überspielt mit ihrer starken Inszenierung die vielen Schwächen des Films locker. So ist „Queen & Slim“ mit über zwei Stunden zu lang geraten. Ein Roadmovie folgt immer einer episodenhaften Dramaturgie. Ab einem bestimmten Zeitpunkt reiht sich dann eine Begegnung an die nächste Begegnung mit Momenten, die zu einem Running Gag werden. Die beiden Flüchtlinge sind gesetzestreue Bürger, aber sie kennen anscheinend nur Menschen, die auf der falschen Seite des Gesetzes stehen oder gute Kontakte zu hilfsbereiten Verbrechern haben oder keine Probleme damit haben, ein landesweit gesuchtes Polizistenmörderpaar aufzunehmen und vor der Polizei zu verstecken, weil sie in ihrem Haus unzählige Verstecke haben. Außerdem werden Queen und Slim von allen Menschen, denen sie auf ihrer Flucht begegnen, sofort erkannt und es wird ihnen in mals stiller, mal begeisterter Solidarität geholfen. Das führt dann zu der ironischen Volte, dass der Film Schwarze in einem positiven Licht zeigen und den Rassismus in der US-Gesellschaft anklagen will, aber, bis auf ein weißes Ehepaar, alle Menschen, die Queen und Slim helfen, Schwarze sind und dass eigentlich alle Schwarze Verbrecher oder gute Bekannte von selbstlos helfenden Verbrechern sind.
Auf dieser Reise durch die USA stellt sich keine Thrillerspannung ein. Im Gegensatz zu ähnlichen Filmen, wie „Sugarland Express“ und „Thelma & Louise“, wechselt die Filmgeschichte nicht zwischen den Flüchtlingen und der sie verfolgenden Polizei. In „Queen & Slim“ bleibt die Geschichte bei Queen und Slim.
Deren Verhalten ist psychologisch kaum nachvollziehbar. Als gesetzestreue Bürger werden sie zu schnell zu Verbrechern auf der Flucht. Weil der Konflikt zwischen Queen, Slim und dem sie drangsalierendem Polizisten von mindestens einer Videokamera aufgezeichnet wurde, hätten sie in einem Prozess durchaus Chancen auf eine milde Strafe oder sogar einen Freispruch gehabt. Stattdessen flüchten sie und verlängern die Liste ihrer Straftaten. Auf ihrer ziellosen Flucht vor der Polizei verhalten sie sich fast wie Teenager, die zum ersten Mal ihre Heimatstadt verlassen und die große, weite Welt erkunden. Dabei befreien sie sich gleichzeitig von den bisher ihr Leben bestimmenden bürgerlichen Zwängen.
Dieses Gefühl von Freiheit vermittelt Regisseurin Melina Matsoukas in ihrem kraftvollen Spielfilmdebüt ausgezeichnet. Bis jetzt inszenierte sie vor allem Musikvideos für Beyoncé, Rihanna, Jennifer Lopez und Lady Gaga. Und das sieht man. Jedes Bild ist auf maximale Wirkung hin komponiert. Die Farben sind satt. Die Kamera scheint sich in jede Hautpore der beiden sympathischen Hauptdarsteller Daniel Kaluuya und Jodie Turner-Smith und der anderen Schauspieler verliebt zu haben. Hier wird eindeutig nach der Methode „mehr ist besser“ und „zu viel des Schönen ist wundervoll“ vorgegangen.
Damit wirkt „Queen & Slim“ wie die Pulp-Version eines Barry-Jenkins-Film („Moonlight“, „Beale Street“). Matsoukas‘ Roadmovie ist ein wilder Trip durch die USA und eine Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft, die dann auch an „Easy Rider“ erinnert.
Queen & Slim (Queen & Slim, USA 2019)
Regie: Melina Matsoukas
Drehbuch: Lena Waithe (nach einer Geschichte von James Frey und Lena Waithe)
mit Daniel Kaluuya, Jodie Turner-Smith, Bokeem Woodbine, Chloë Sevigny, Flea, Sturgill Simpson, Indya Moore, Benito Martinez, Gayle King