LV: Robert Graysmith: Zodiac, 1976 (Zodiac – Auf der Spur eines Serienkillers)
Finchers epische, detailversessene Verfilmung über die Jagd nach dem Zodiac-Killer, der auch als Inspiration für den Killer im ersten „Dirty Harry“-Film diente. Der Zodiac-Killer versetzte in den späten Sechzigern die Bevölkerung in und um San Francisco in Angst und Schrecken. Dazu trugen neben seinen Taten und dem ausbleibenden Fahndungserfolg der Polizei auch seine verschlüsselten Briefe an die Öffentlichkeit bei. Bis heute ist seine Identität unklar.
Vanderbilts Drehbuch war für den Edgar den Preis der Writers Guild of America nominiert.
Mit Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Anthony Edwards, Robert Downey jr., Brian Cox, Cloe Sevigny, Elias Koteas, Dermot Mulroney, John Carroll Lynch, John Getz, Philip Baker Hall
Nicht der Plot (eigentlich ein 08/15-Liebedrama: Leonard lebt, nach mehreren Selbstmordversuchen, wieder in seinem Jugendzimmer. Seine Eltern wollen ihn mit Sandra verkuppeln. Aber er ist in Michelle verliebt.), sondern die Machart ist entscheidend. Und die stimmt bei „Two Lovers“.
Denn „Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme „Little Odessa“, The Yards – Im Hinterhof der Macht“ und „Helden der Nacht“ hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.
TV-Premiere. Insgesamt eher beliebige Doku über den amerikanische Traum und die damit verbundene Kultur des hemmungslosen Zeigens von Reichtum, die in den vergangenen Jahren immer exzessiver und geschmackloser zelebriert wurde. Weil Lauren Greenfield („The Queen of Versailles“) einige ihrer Interviewpartner über einen längeren Zeitraum begleitet, kann sie einen Blick hinter die schöne Fassade werfen und zeigen, wie einige Träume an der Wirklichkeit scheitern.
Fotograf Jeffries liegt mit einem gebrochenen Bein in seinem Hinterhofzimmer und beobachtet gelangweilt seine Nachbarn. Eines Tages glaubt er, Mr. Thorwald habe seine Frau umgebracht. Aber wie kann er es beweisen?
Ein Meisterwerk. Ein perfekter Film über Männer und Frauen, über alle Facetten des Zusammenlebens (eigentlich der Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau) und über Voyeure – gedreht in einem einzigen Studio (der gesamte Hinterhof wurde dort „funktionsfähig“ nachgebildet) aus einer einzigen Perspektive (wir sind mit James Stewart in seinem Zimmer gefangen).
Anschließend, um 22.05 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Mr. und Mrs. Hitchcock“.
Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr
Drehbuch: Matthew Vaughn, Jane Goldman, Peter Straughan (nach dem Drehbuch des Films „Ha-Hov“ von Assaf Bernstein und Ido Rosenblum)
1997 ist Rachel Singer eine Legende. Vor über dreißig Jahren wurde sie mit zwei weiteren Mossad-Agenten nach Berlin geschickt. In ihrem erste Einsatz sollten die drei Agenten den grausamen KZ-Arzt Dieter Vogel identifizieren und nach Israel entführen. Der Einsatz ging teilweise schief. Trotzdem schlossen sie ihn so erfolgreich ab, dass er zum Nationalmythos wurde. Jetzt könnte die Wahrheit über die damaligen Ereignisse herauskommen.
Spannender, hochkarätig besetzter, zum Nachdenken über Schuld und Sühne anregender, auf zwei Zeitebenen spielender Thriller.
Für sechs Oscars ist „Little Women“ nominiert. Unter anderem in den Kategorien „Bester Film“ und „Bestes adaptiertes Drehbuch“. Zugegeben: das sind wichtige Kategorien. Aber sie ignorieren Greta Gerwigs Leistung als Regisseurin. Denn wie es ihr gelingt, ihr Ensemble so unverkrampft natürlich zusammen spielen zu lassen und wie sie aus einem historischen Stoff einen in jeder Sekunde zeitgenössischen Stoff macht, ist phantastisch. Ihr Film spielt zwischen 1861 und 1868, aber er versprüht nie den Muff eines Kostümdramas. Sie ergeht sich auch nicht in trendigen Modernismen. Sie lässt die Zeit und das Leben der titelgebenden vier kleinen Frauen vor unseren Augen wieder auferstehen. Gerade wenn die Schwestern, die mit ihrer Mutter in einer kleinen Hütte zusammen leben, in einem Raum zusammen sind, sich unterhalten, amüsieren und leiden, fühlt man sich wie ein heimlicher Beobachter.
Die Filmgeschichte selbst ist, wie Louisa May Alcotts 1868 und 1869 in zwei Bänden als „Little Women“ und „Good Wives“ erschienene Romanvorlage, eine Ansammlung von Beobachtungen, Erzählungen und Ereignissen aus dem Leben der March-Schwestern Jo (Saoirse Ronan), Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth (Eliza Scanlen) an der Schwelle zum Erwachsenwerden in Neuengland. Es geht um ihren Alltag. Es geht um die Träume, die sie als Jugendliche haben und wie sie sie als Erwachsene umsetzen wollen. Es geht um ihre Beziehung zu dem deutlich vermögenderen und in einem Anwesen lebenden Nachbarn, ihre Freundschaften, die zu Liebschaften werden können (Wer ist nicht in Timothée Chalamet verliebt?) und einen fast tödlichen Unfall auf dem Eis. Damals gab es noch richtige Winter, in denen Seen zufroren, Schnee meterhoch lag und es an den Fenstern von kalten Zimmern Eisblumen gab.
Gerwig bearbeitete Alcotts umfangreiche, schon mehrmals verfilmte Vorlage frei. Sie erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen (1861 und 1868), zwischen denen sie flüssig und assoziativ wechselt. 1868 hat Jo, die schon immer eine Schriftstellerin werden wollte, ihre Erinnerungen an ihre Jugend aufgeschrieben und bietet sie einem Verleger an. Der wäre bereit, das Buch mit einigen kleinen Veränderungen zu drucken.
Durch diesen doppelt gebrochenen Blick zurück in die Jugend der March-Schwestern wird auch der Blick auf die damals gültigen gesellschaftlichen Konventionen und die Rolle der Frau geschärft. Denn egal welche Wünsche Jo, Meg, Amy und Beth haben und egal welche Ideen für ihr Leben sie in ihrer kleinen, herrschaftsfreien Kommune entwerfen, die Gesellschaft sieht keine davon als eine realistische Möglichkeit vor. Da ist letztendlich nur eine aus wirtschaftlichen Erwägungen erfolgte Heirat, in der sie von ihrem Mann abhängig ist, vorgesehen. Denn bei einer Heirat geht ihr Vermögen in das des Mannes über. Kein Wunder, dass die auf ihre Unabhängigkeit bedachte Jo nichts von einer Heirat hält.
Letztendlich ist „Little Women“, auch durch seine Struktur, eine austauschbare Ansammlung von Episoden. Daher erinnert man sich nach dem Film nicht an seine Geschichte, sondern an die Stimmung und das Zusammenspiel der Schauspielerinnen. Gerwigs zweiter Spielfiilm ist wie ein Abend mit guten Freunden. Auch wenn man am Ende nicht mehr genau sagen kann, worüber gesprochen wurde und warum die Zeit so schnell verging, weiß man, dass es gute Gespräche in guter Stimmung waren.
Little Women (Little Women, USA 2019)
Regie: Greta Gerwig
Drehbuch: Greta Gerwig
LV: Louisa May Alcott: Little Women, 1868/1869 (ursprünglich veröffentlicht in zwei Teilen als „Little Women“ und „Good Wives“) (Kleine Frauen)
mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Timothée Chalamet, Laura Dern, Meryl Streep, Tracy Letts, Bob Odenkirk, James Norton, Louis Garrel, Chris Cooper
Das dürfte jetzt Ken Loachs dritter letzter Film sein. Jedenfalls dachte man schon bei seinen beiden vorherigen Filmen „Jimmy’s Hall“ und „Ich, Daniel Blake“, dass es der letzte Film des 1936 geborenen Ken Loach sei. Er dachte das auch. Aber es gibt immer noch Ungerechtigkeiten, gegen die er anfilmen muss. Dieses Mal geht es um die Zustände im vollkommen deregulierten Paketzustellergewerbe, die einen netten „Sorry we missed you“-Zettel an den Briefkasten kleben, wenn der Paketempfänger nicht da ist.
Ricky Turner ist ein typischer Mann aus der Arbeiterklasse, der stolz darauf ist, immer gearbeitet zu haben. Er ist mit der Altenpflegerin Abby verheiratet. Ihr pubertierender Sohn steht kurz vor dem Schulabschluss. Dass er inzwischen ein notorischer Schulschwänzer ist, wissen seine Eltern noch nicht. Ihre jüngere Tochter ist noch ein Kind, das ihren Vater bewundert. Viel Geld hatten sie nie. Dafür stimmt der Zusammenhalt unter ihnen. Letztendlich sind sie sind eine glückliche Familie aus der Arbeiterklasse.
Nur dass es diese Arbeiterklasse heute nicht mehr gibt. Und das gesellschaftliche Versprechen nach einem eigenen kleinen Haus, dem sichtbaren Symbol ihres Aufstiegs, ist seit der Finanzkrise für sie unerreichbar. Stattdessen hangelt Ricky sich von Job zu Job. Er sucht schon länger erfolglos eine Arbeit, mit der er seine Familie ernähren kann. Seine Frau arbeitet währenddessen zwölf Stunden, von denen sie nur für die Hälfte bezahlt bekommt. So kommen sie finanziell halbwegs über die Runden.
Da schlägt ihm ein Freund vor, als Paketzusteller zu arbeiten. Ricky wird genommen. Und damit betritt er einen von Loach und seinem langjährigem Drehbuchautor Paul Laverty mit bitterer Konsequenz nachgezeichneten Teufelskreislauf, der die Familie Turner zerstört. Denn Ricky ist kein Angestellter der Firma, sondern ein selbstständiger Unternehmer, der für die Firma arbeitet. Hoffnungsvoll steigt Ricky groß ein. Mit ihrem letzten Geld und dem Verkauf von Abbys Autos kauft er einen Lieferwagen. Theoretisch kann er so mehr verdienen.
Schnell stellt Ricky fest, dass dem nicht so ist. Je mehr er ackert, umso mehr verschuldet er sich. Denn jede echte und vermeintliche Pflichtverletzung wird bestraft. Wenn er seiner Tochter einen Tag lang seine Arbeit zeigt, gibt es eine Abmahnung. Jedes unternehmerische Risiko wird von der Firma auf den Paketboten abgewälzt. Deshalb muss er die Strafzettel bezahlen, die er erhält, wenn er bei der Paketzustellung falsch parkt. Die Zeit für die Zustellung der einzelnen Pakete ist zu knapp bemessen. Freie Tage gibt es nicht. Kranksein auch nicht. Und er wird als Paketzusteller stärker als jeder Angestellte überwacht. Gleichzeitig hat er weniger Rechte.
Es ist ein Teufelskreislauf, in den schnell seine Familie hineingezogen wird. Ricky hat zunehmend nur noch ein Ziel, das er immer weniger erreichen kann, während er seine Familie zerstört. Die Konsequenz mit der Loach das, immer nah an der Realität, erzählt, ist atemberaubend.
Loach und Laverty kamen auf die Idee für ihren neuen Film „Sorry we missed you“ während sie für ihren vorherigen Film „Ich, Daniel Blake“ recherchierten. An Essensausgaben trafen sie viele Menschen, die arbeiteten und trotzdem nicht genug zum Leben hatten. Während der intensiven Recherchen schälte sich dann die Geschichte von Ricky und seiner Familie heraus. Der Film wurde dann, wie „Ich, Daniel Blake“ in Newcastle gedreht, mit Kurierfahrern, die sich selbst spielen.
Loach und Laverty zeigen in ihrer klinisch präzisen Fallstudie die Auswirkungen des globalisierten, von allen Zwängen befreiten Kapitalismus auf den Einzelnen. Ricky, seine Frau, seine Kollegen und auch sein Chef sind da nur kleine Rädchen im Getriebe, die ausgebeutet und ausgespuckt werden. Dieser deregulierte Kapitalismus ist ein anonymer Gegner, der ein Proletariat vereinsamter Arbeiter geschaffen hat.
„Sorry we missed you“ ist ein wütender Film, der zum Handeln auffordert. Gerade wegen seines bitteren Endes. Ricky sieht vielleicht keinen Ausweg. Aber die Zuschauer – und die Gesellschaft – sollten das Ende als einen Aufruf zur Veränderung ansehen. Denn die vulgärneoliberale, entsolidarisierte Hölle, in der Ricky als Lohnsklave lebt, kann nicht die Welt sein, in der wir leben wollen.
Sorry we missed you (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Ross Brewster, Charlie Richmond, Julian Ions
Flucht von Alcatraz (Escape from Alcatraz, USA 1979)
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Richard Tuggle
LV: J. Campbell Bruce: Escape from Alcatraz, 1963
Frank Lee Morris plant das Unmögliche: eine Flucht von Alcatraz. Am 11. Juni 1962 gelingt dem Sträfling die Flucht; – jedenfalls verschwanden er und seinen beiden Mitflüchtlingen spurlos.
„Flucht von Alcatraz“ ist die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood. Der auf einem wahren Fall beruhende, beklemmende und realistische Knastthriller wurde auf Alcatraz gedreht.
Danny Glover gibt hier in einer Nebenrolle als Häftling sein Filmdebüt.
Mit Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Roberts Blossom, Jack Thibeau, Fred Ward, Paul Benjamin, Larry Hankin, Bruce M. Fischer, Frank Ronzio, Danny Glover
Nachdem die letzten Filme von Terrence Malick immer esoterisch-religiös verschwurbelter wurden und sie nur noch für einen immer kleineren Kreis restlos Überzeugter genießbar sind, waren meine Erwartungen an seinen neuen Film denkbar gering. Auch wenn es hieß, dass „Ein verborgenes Leben“ wieder traditioneller erzählt sei. Malick erzählt die wahre Geschichte von Franz Jägerstätter, einem österreichischen Bauern, der 2007 von der römisch-katholischen Kirche zum Seligen ernannt wurde. Er verweigerte den Kriegsdienst. Dafür wurde er wegen Wehrkraftzersetzung am 9. August 1943 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.
Das klingt, angesichts von Malicks vorherigen Filmen „The Tree of Life“, „To the Wonder“, „Knight of Cups“ und „Song to Song“, schon auf dem Papier nach einem denkbar ungenießbarem religiösen Traktat. Und das war wahrscheinlich auch genau das, was Terrence Malick vor und während der Dreharbeiten, die im Sommer 2016 waren, plante. Aber irgendwann während des Schnitts scheint sich seine Einstellung zum Glauben zu einer wesentlich distanzierteren, möglicherweise sogar atheistischen Position verändert zu haben.
So ist „Ein verborgenes Leben“ jetzt ein Film über einen zutiefst religiösen Menschen, der sich weigert, die Geschichte eines zutiefst religiösen Menschen zu erzählen. Immer dann, wenn Malick Jägerstätters Glauben thematisieren könnte, immer dann, wenn er Jägerstätters Motive aus seinem Glauben erklären könnte, immer dann, wenn er aus diesem Glauben heraus ein kraftvolles Argument für die Ablehnung des Krieges machen könnte, schreckt er zurück. Sicher. Sein Glaube und die Gründe für seine Kriegsdienstverweigerung werden angesprochen. Es wird auch gebetet und einige Geistliche reden mit Jägerstätter über seine Handlungen. Aber es sind keine tiefgründigen Dialoge. Es sind eher lästige Pflichterfüllungen, die ein überwältigendes Desinteresse am Leben und den Ansichten des Porträtierten zeigen. Weil Malick Jägerstätter zu einem großen Schweiger werden lässt, wird auch kaum deutlich, warum er als Vorbild dienen könnte und warum er Jahrzehnte nach seinem Tod, nachdem sein Schicksal bekannter wurde, andere Menschen inspirierte.
Das spricht jetzt nicht gegen den Film. Im Gegenteil! Schließlich umgeht Malick so die inhaltlichen Fallen eines naiven Faith-based-Films. Optisch spielt Malick sowieso in einer ganz anderen Liga.
Weil Malick dieses Mal seine Geschichte weitgehend chronologisch erzählt, ist der Film deutlich zugänglicher als seine vorherigen Filme. Diese wurden seit „The new World“ immer assoziativer und damit auch offen für jede Interpretation. Das beliebige Potpourri aus Bildern und Tönen war immer schön anzusehen, aber auch todsterbenslangweilig. Das kann über „Ein verborgenes Leben“ nicht gesagt werden.
Trotzdem ist „Ein verborgenes Leben“ meilenweit von einem konventionellem Hollywood-Biopic entfernt. Malick bricht die Chronologie immer wieder auf. Er schweift ab. Immer wieder scheint die Geschichte in einer Wiederholungsschleife gefangen zu sein. Das trifft besonders auf die Szenen im Gefängnis zu, wenn Jägerstätter der Monotonie des Gefängnisalltags ausgesetzt ist. Malick nimmt sich Zeit, Jägerstätter, seine Frau und seine Kinder lange Zeit zu beobachten, wenn sie ihrer alltäglichen Arbeit auf ihrem abgelegenem Hof in St. Radegund, Oberösterreich, nachgehen oder mit ihren drei Töchtern Blinde Kuh spielen. Kameramann Jörg Widmer verfolgt dabei die Schauspieler so schwebend, wie man es aus Malicks vorherigen Filmen „The new World“, „The Tree of Life“, „To the Wonder“, „Knight of Cups“ und „Song to Song“ kennt. Für die war Emmanuel Lubezki der stilbildende Kameramann. Widmer war der Steadicam-Operator. Entsprechend vertraut ist er mit diesem sehr leicht wieder zu erkennendem Stil des Teams Lubezki/Malick.
Es gibt, selbstverständlich, viel Voice-Over und in der Originalfassung wird immer wieder willkürlich zwischen Deutsch und Englisch gewechselt. Im Gegensatz zu anderen Filmen, wo mich das wahnsinnig störte, störte es mich hier nicht. Es passt zu der medidativen Malick-Stimmung.
„Ein verborgenes Leben“ ist Malicks zugänglichster und auch bester Film seit „Der schmale Grat“ (The thin red Line).
Ein verborgenes Leben (A hidden life, Deutschland/USA 2019)
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
mit August Diehl, Valerie Pachner, Maria Simon, Karin Neuhäuser, Tobias Moretti, Ulrich Matthes, Matthias Schoenaerts, Franz Rogowski, Karl Markovics, Bruno Ganz, Michael Nyqvist, Martin Wuttke, Sophie Rois, Alexander Fehling, Joel Basman, Jürgen Prochnow
Tagebuch eines Skandals (Notes on a Scandal, USA/Großbritannien 2006)
Regie: Richard Eyre
Drehbuch: Patrick Marber
LV: Zoe Heller: What was she thinking: Notes on a Scandal, 2003 (später auch „Notes on a Scandal“, deutsch: Tagebuch einer Verführung; Tagebuch eines Skandals)
Musik: Philip Glass
Als an einer Londoner Schule die junge Kunstlehrerin Sheba Hart eine Beziehung mit einem Schüler beginnt, wird sie von einer älteren Kollegin erpresst. Denn diese möchte nur von Sheba geliebt werden.
Tolles Schauspielerinnendrama, das für etliche wichtige Preise nominiert war. Der Roman war für den Booker-Preis nominiert. Blanchett und Dench unter anderem für den Oscar, Golden Globe und den Preis der Screen Actors Guild. Das Drehbuch ebenfalls für den Oscar, Golden Globe, BAFTA, British Independent Film Award und, der für uns Krimifans einzige relevante Preis, für den Edgar.
Mit Cate Blanchett, Judi Dench, Andrew Simpson, Bill Nighy
Wenige Monate nach dem Kinostart und wenige Wochen nach dem DVD-Start läuft im Fernsehen das beeindruckende Biopic über die am 7. Februar 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossene Hatun Sürücü. Sie wurde von ihrer Familie ermordet, weil sie ein selbstbestimmtes Leben leben wollte.
Die Geschichte von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie von 6. Juli 1942 bis 4. August 1944 in Amsterdam in einem Hinterhaus vor den Nazis versteckte. Bis zu ihrer Entdeckung schrieb sie ein Tagebuch, das, neben weiteren Schriftstücken aus dem Archiv des Anne Frank Fonds, die Grundlage für das berührende Drama bildete.
Nach ihrer Entdeckung werden sie nach Auschwitz gebracht. Bis auf Anne Franks Vater Otto sterben sie in verschiedenen KZs. Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der erste deutsche Kinofilm, der die Geschichte von Anne Frank erzählt. Es ist ein sehr sehenswerter Film.
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
–
Die Vorlage
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
– Hinweise Homepage zum Film Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“ Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch,englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch) Der Anne Frank Fonds
London: Detective Sergeant Brant jagt einen Polizistenmörder und kümmert sich dabei wenig um Recht und Gesetz.
Harter Copfilm nach einem harten Polizeiroman von Ken Bruen, dem Erfinder von Jack Taylor. Von seinen sieben „Inspector Brant“-Romane sind inzwischen (wenn ich mich nicht verzähle) drei Romane auf Deutsch veröffentlicht.
mit Jason Statham, Paddy Considine, Aidan Gillen, David Morrisey, Luke Evans
Die bekannte Geschichte der am 12. Juni 1929 geborenen Anne Frank, die sich in Amsterdam während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie in einem Hinterhaus versteckte, erzählt Raymond Ley primär aus der Sicht von Annes Vater Otto Frank, der den Krieg überlebte.
„Die künstlerisch ambitionierte Collage setzt sich eindrucksvoll aus Spielszenen und dokumentarischen Einsprengseln zusammen.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Mala Emde, Götz Schubert, Axel Milberg, Lion Wasczyk, Harald Schrott, André M. Hennicke
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005
Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.
Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.
Für Stéphane (Damien Bonnard) ist es sein ‚Training Day‘ mit Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djebril Zonga), die schon seit Ewigkeiten in Les Bosquets in Clichy-Montfermeil, einem Vorort östlich von Paris, arbeiten. Chris ist der schnell aufbrausende und seine Polizeimarke skrupellos benutzende Anführer des Teams. Gwada ist sein ruhigerer und besonnener Partner. Beide sind sich sicher, dass Stéphanes in der Provinz vielleicht taugliche sozialarbeiterisch-verständnisvolle und auch rücksichtsvolle Herangehensweise in der Großstadt, und dann noch in einem sozialen Brennpunkt mit periodischen Gewaltausbrüchen, schnell der Vergangenheit angehören wird.
Während eines brütend heißen Sommertags zeigen sie Stéphane ihr Revier. Sie stellen sich selbst dar. Vor allem Chris erklärt ihm (und uns) die Welt, wie sie ist. Und die ist ziemlich reaktionär. Wenn er sich langweilt, übt er seine Macht als Polizist gegenüber den Bewohnern des Viertels mit schikanösen Zufallskontrollen aus. Außerdem prüfen und verarschen Chris und Gwada ihren neuen Kollegen. Der beobachtet das in einer oft schweigenden Mischung aus Erstaunen und Entsetzen. Insgesamt ist es ein ganz normaler Tag in Montfermeil. Auch dass aus dem im Viertel gastierendem Wanderzirkus das Maskottchen des hitzköpfigen Zirkuschefs, ein Löwenbaby, gestohlen wird und fortan alle nach dem Tier suchen, ändert daran zunächst wenig.
Die Story ermöglicht Ladj Ly in seinem Regiedebüt „Die Wütenden – Les Misérables“ ein ungeschöntes und letztendlich sehr bitteres Porträt eines Stadtteils und seiner Bewohner zu zeichnen. Es ist ein Stadtteil, in dem das Recht des Stärkeren für eine gewisse Stabilität sorgt. Auch wenn es nichts zu einer positiven Entwicklung beträgt. Im Gegenteil.
Es ist auch das Stadtteil, in dem Ly aufwuchst, seine Besetzung fand und in den vergangenen Jahren seine ersten Filme drehte. Es waren Dokumentarfilme unterschiedlicher Länge, die er auch auf YouTube veröffentlichte. In ihnen gibt er einen Einblick in das Leben in Montfermeil. So dokumentiert er in „365 Days in Clichy Montfermeil“ (2007) den Teil der gewalttätigen Unruhen in Frankreich 2005, die vor seiner Haustür stattfanden und das Leben in seiner Stadt.
Im Film benutzt er dann sehr gelungen die Konventionen des Polizeifilms für eine Gesellschaftsanalyse, die immer wieder verschiedene Abhängigkeiten und Loyalitäten und die daraus entstehende negative Dynamik thematisiert, ohne jemals zu predigen. Das steht dann auch in der Tradition französischer Kriminalfilme, wie Bertrand Taverniers Polizeifilm „Auf offener Straße“ (L.627, Frankreich 1992) oder Mathieu Kassovitz‘ Banlieue-Jugenddrama „Hass“ (La Haine, Frankreich 1995).
Seitdem hat sich in den Banlieues wenig verändert. Außer dass die Bewohner inzwischen Polizeischikanen und -gewalt mit Handykameras und Drohnen dokumentieren können.
Seine Premiere hatte „Die Wütenden – Les Misérables“ letztes Jahr in Cannes. Dort erhielt das Drama den „Preis der Jury“. Weitere Preise wie ein Europäischer Filmpreis für das beste Spielfilmdebüt folgten. Zuletzt wurde der Polizeifilm für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert. Er wäre ein würdiger Preisträger. Dummerweise dürfte er gegen „Parasite“ keine Chance haben.
Die Wütenden – Les Misérables (Les Misérables, Frankreich 2019)
Assault – Anschlag bei Nacht (Assault on Percint 13, USA 1976)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter
Mit diesem geradlinigen Low-Budget-Thriller erarbeitete John Carpenter sich seinen glänzenden Ruf: Eine Straßengang belagert ein stillgelegtes Polizeirevier. Polizisten und Sträflinge müssen sich gegen die Übermacht zusammenraufen.
„Ein B-Picture ersten Ranges, wenn der Widerspruch erlaubt ist, ein Kultfilm für Kinofans.“ steht im Fischer Film Almanach 1980. Carpenters Großstadt-Western ist natürlich von den klassischen Western (Erinnern Sie sich an „Rio Bravo“?) inspiriert und der Filmfan spart nicht mit Zitaten. Gleichzeitig gibt er einen galligen Kommentar zur urbanen Gewalt ab.
Am kommenden Freitag, den 31. Januar, zeigt Tele 5 um 20.15 Uhr Jean-François Richets gelungenes Remake „Das Ende – Assault on Precinct 13“ (USA/Frankreich 2005).
Mit Austin Stoker, Darwin Joston, Laurie Zimmer, Martin West, Tony Burton, Charles Cyphers, Nancy Loomis, Peter Bruni
Auch bekannt als „Anschlag bei Nacht“ und „Das Ende“
Nachdem er Blutsauger und einen Gott zu Lachfiguren machte, ist jetzt der „GröFaZ“ (Größter Feldherr aller Zeiten) dran. Und Taika Waititi macht den Führer Adolf Hitler, von ihm übertrieben chargierend gespielt, zu einer richtigen Lachnummer.
Hitler ist der imaginäre Freund des zehnjährigen Jojo Betzler (Roman Griffin Davis). Jojo lebt in Falkenheim, einem typisch typischem deutschen Dorf. Es sind die letzten Monate vor dem Ende des Krieges und damit der endgültigen und allumfassenden Niederlage des GröFaZ und seines Reichs. Aber das Wissen in dem Moment Jojo und sein Klassenkamerad Yorki (Archie Yates) nicht. Die beiden Außenseiter in der Klasse glauben noch an das ewige Bestehen des tausendjährigen Reichs. Sie sind begeisterte Anhänger der Nazis. Vor allem Jojo ist ein hundertfünfzigprozentiger Verehrer des Führers und seiner Ideologie, die er wortwörtlich nimmt. Daher nimmt er begeistert bei den Aufnahmeprüfungen für die Hitlerjugend teil. Dummerweise geht schon bei ihren ersten Prüfungen einiges schief. Er ist halt nicht sportlich und ein rechter Hasenfuß. Und Sam Rockwell hat einen wundervoll durchgeknallten Auftritt als Ausbilder Hauptmann Klenzendorf. Leider verschwindet er danach fast vollständig aus dem Film.
Jojo lebt zusammen mit seiner lebenslustigen Mutter Rosie (Scarlett Johansson). Sie haben ein sehr innig-vertrauensvolles Verhältnis. Sein Vater ist im Krieg.
Eines Tages entdeckt Jojo in ihrem ziemlich großem Haus ein in einer Kammer verstecktes Mädchen (Thomasin McKenzie). Noch schlimmer als ihr Geschlecht ist, dass sie eine Jüdin und damit eine Ausgeburt der Hölle ist, die er gerne sofort verraten würde. Wenn dann nicht auch seine über alles geliebte Mutter verhaftet würde.
Und dann ist diese Jüdin gar nicht so unsympathisch. Fast könnte Elsa eine größere Schwester sein.
„Jojo Rabbit“ ist eine durchgeknallte Komödie, die hemmungslos die Nazis und Adolf Hitler der Lächerlichkeit preisgibt. Das ist heute das Einrennen offener Scheunentore. Schon zu Hitlers Lebzeiten gab es die Komödien „Der große Diktator“ und „Sein oder Nichtsein“. Später kamen unter anderem „Frühling für Hitler“ und Walter Moers‘ „Adolf“-Comics dazu. Deshalb muss auch nicht über einen vermeintlichen Tabubruch geredet werden, sondern es kann über die Qualitäten des Films gesprochen werden. Also über die Qualitäten der Inszenierung, die Stringenz seiner Geschichte, die Leistungen der Schauspieler und, immerhin ist es eine Komödie, über die Qualität der Witze.
Beginnen wir mit der Geschichte und damit dem großen Problem des Films. Bei all dem Spaß, den Waititi und sein glänzend aufgelegtes Ensemble verbreiten, ist unklar, welche Geschichte und damit welches Thema im Mittelpunkt steht. Also welche Coming-of-Age-Geschichte er erzählen will; wobei über große Strecken des Films auch unklar ist, ob Waititi die Regeln eines Coming-of-Age-Films befolgen will. So wechselt der Film zwischen Jojos Emanzipation von seinem Freund Adolf Hitler, der ihn belügt, seiner Liebe zu seiner Mutter (die ihn auch, aber aus anderen und edleren Motiven belügt) und seinen Gefühlen gegenüber Elsa. Das sind dann ungefähr drei verschiedene Filme, etliche Stilbrüche und auch, weil im Mittelteil unklar ist, wie sich Jojos Geschichte weiter entwickeln wird, eine gewisse Langweile. Außerdem pendelt er, immer wieder den Tonfall wechselnd, unentschlossen zwischen Nazi-Komödie und Nazi-Satire; wobei ihm hier die satirische Schärfe fehlt.
Denn Waititi ist kein kühle Analytiker, sondern das Kind in der Süßwarenabteilung, das im Zweifelsfall noch einen Gag aufnimmt und achselzuckend für einen Lacher jede Stringenz opfert. In seinen vorherigen Komödien „Fünf Zimmer Küche Sarg“ (What we do in the Shadows) und „Thor: Tag der Entscheidung“ (Thor: Ragnarok) störte dieses Kindergeburtstagsfeeling nicht. Bei einer Satire, die Aufklären und Warnen will, schon.
So war ich, wenn am Ende David Bowies „Helden“ (seine deutsche Fassung von „Heroes“) erklingt, von Waititis angenehm respektloser Komödie nicht so begeistert wie die meisten anderen Kritiker.
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Und nun einige zeitlose Worte vom Meister über sein Werk:
Seit ich selbst Kinder habe, wird mir immer stärker bewusst, dass wir Erwachsene dazu da sind, unsere Kinder durch das Leben zu geleiten und sie zu besseren Versionen von uns selbst zu erziehen. Doch in Kriegszeiten machen Erwachsene oft genau das Gegenteil. Tatsächlich erscheint in jenen Zeiten das Verhalten von Erwachsenen, aus der Perspektive von Kindern betrachtet, chaotisch und absurd, wo doch gerade dann die Welt dringend Führung und Ausgeglichenheit nötig hätte.
Als ich aufwuchs, erlebte ich als jüdischer Māori ein gewisses Maß an Vorurteilen. Deshalb soll „Jojo Rabbit“ auch als Mahnung dienen, unsere Kinder, besonders in der heutigen Zeit, zu Toleranz zu erziehen – und auch uns selbst daran erinnern, dass in dieser Welt der Hass keinen Platz hat. Kinder werden ohne Hass geboren, sie werden zum Hass abgerichtet.
Ich hoffe, dass der Humor in „Jojo Rabbit“ dabei hilft, eine neue Generation zu interessieren; es ist wichtig, neue und originelle Wege zu finden, um die schreckliche Geschichte des Zweiten Weltkriegs immer und immer wieder auch der jüngeren Generation nahe zu bringen, damit unsere Kinder zuhören und daraus lernen, und sich gemeinsam daran machen, diese Welt in einen besseren Ort zu verwandeln.
Auf dass die Dummheit endet und durch Liebe ersetzt wird.
Jojo Rabbit (Jojo Rabbit, USA 2019)
Regie: Taika Waititi
Drehbuch: Taika Waititi
LV: Christine Leunens: Le ciel en cage, 2007
mit Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Taika Waititi, Scarlett Johansson, Sam Rockwell, Rebel Wilson, Stephen Merchant, Alfie Allen
A Gang Story – Eine Frage der Ehre (Les Lyonnais, Frankreich 2011)
Regie: Olivier Marchal
Drehbuch: Olivier Marchal, Edgar Marie
LV: Edmond Vidal
Momon Vidal, der schon seit Jahren ein bürgerliches Leben lebt, will seinen Kumpel Serge Suttel, die beide als „Bande von Lyon“ früher große Gangster waren, aus dem Gefängnis befreien – was gar nicht so einfach ist.
Überzeugender französischer Gangsterkrimi, der bei uns nur auf DVD veröffentlicht wurde.
„Glaubwürdig und mit Verve gespielte, souverän in Rückblenden erzählte Gangster-Saga, die den epischen Atem französischer Genreklassiker atmet, dabei aber mit mehr zeitgenössischem Tempo und viel Action erzählt wird.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Gérard Lanvin, Tchéky Karyo, Daniel Duval, Dimitri Storoge, Patrick Catalifo
Die Tochter des Brunnenbauers(La fille du pulsatier, Frankreich/Niederlande 1940)
Regie: Marcel Pagnol
Drehbuch: Marcel Pagnol
Die junge Patricia wird 1940 von einem Schönling, der als Pilot in den Krieg zieht, geschwängert. Als ihr Vater, der Brunnenbauer Amoretti, davon erfährt, verstößt er sie. Wie soll es jetzt mit ihrem Leben weitergehen?
TV-Premiere der restaurierten Fassung und, möglicherweise, auch TV-Premiere von Marcel Pagnols schöner Tragikomödie.
2011 inszenierte Daniel Auteuil ein Remake.
mit Raimu, Fernandel, Josette Day, Line Noro, Georges Grey, Charpin, Milly Mathis