Eine Frau mit berauschenden Talenten (La daronne, Frankreich 2020)
Regie: Jean-Paul Salomé
Drehbuch: Hannelore Cayre, Jean-Paul Salomé, Antoine Salomé (Zusammenarbeit)
LV: Hannelore Cayre: La daronne, 2017 (Die Alte)
Patience Portefeux (Isabelle Huppert) kommt als schlecht bezahlte Übersetzerin für das Pariser Drogendezernat gerade so über die Runden. Als sie bei einem Telefonat von einem großen Drogendeal erfährt, in den der Sohn einer Pflegerin ihrer Mutter involviert ist, hat sie eine Idee. Kurz darauf hat sie anderthalb Tonnen Haschich im Keller eines Mietshauses gelagert und sie beginnt die Drogen an die richtigen Männer zu verkaufen. Während die Polizei unbedingt die neue Drogengroßhändlerin schnappen will.
TV-Premiere der wundervollen Krimikomödie zu einer wenig berauschenden Uhrzeit.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Heißt es. Und seitdem Statistikprogramme auch kostenlos verfügbar sind, kann jeder sie mit Zahlen füttern, mit ihnen spielen und sich an den so entstehenden Grafiken erfreuen. Er kann sie in einen Vortrag einbauen. Auch in Zeitungen gibt es immer mehr Grafiken und Statistiken. Sie sind beliebt, weil sie schnell Zusammenhänge und Dimensionen verdeutlichen. Sie sind auch einfacher zu verstehen als Tabellen mit vielen Zahlen. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gibt es seit Jahren im Wissensteil eine einseitige Infografik, die mal mehr, mal weniger wichtige Themen behandelt, aber immer Daten aus verschiedenen Quellen zu bunten Bildern zusammenfügt.
Einer der Autoren dieser Seite ist der Datenjournalist Tin Fischer. In seinem Buch „Linke Daten – rechte Daten: Warum wir nur das sehen, was wir sehen wollen“ schreibt er darüber. Die auch von ihm erstellten Infografiken sehen objektiv aus. Aber sie sind es nicht. Schließlich können, um im Duktus des Buchtitels zu bleiben, linke und rechte Politiker fast immer die Statistik und Grafik zücken, die ihre Argumente untermauert. Je nach Thema geht bei den einen gerade das Abendland unter, während bei den anderen alles immer besser wird.
In seinem Buch beschäftigt Fischer sich mit verschiedenen kontroversen Diskussionen in den Bereichen Gesundheit, Gewalt, Geld und Ökologie. Es geht unter anderem um die gestiegene Lebenserwartung, die Gefahren des Rauchens und die abnehmende Zahl von Rauchern, Cannabis, Morde, Ausländerkriminalität, Krieg und Frieden (und die Rolle der Europäischen Union dabei), die globale Einkommensverteilung (und die Frage, welche Armut zugenommen hat), den Intelligenztest, den Klimawandel und die Energiewende.
Er zeigt in seinem populärwissenschaftlichem Sachbuch immer wieder, dass die Realität komplizierter als der erste Anschein (oder die erste Grafik) ist. Er zeigt auch, wie in der Auswertung bestimmte Kriterien bei der Auswertung zu ganz anderen Ergebnissen führen können. Es ist ein Unterschied, ob absolutes oder relatives Wachstum verglichen wird. Es ist ein Unterschied, ob ein Zeitraum von zehn, zwanzig oder hundert Jahren verglichen wird. Es ist ein Unterschied, welche Gruppen zusammengefasst werden.
Er weist darauf hin, dass manchmal bestimmte Annahmen zu anderen Ergebnissen führen können. Wobei selbst diese Annahmen manchmal strittig sind. Denn es handelt sich um Annahmen darüber, ob bestimmte Dinge miteinander zusammenhängen. Außerdem kann natürlich nur mit den Daten gearbeitet werden, die vorhanden sind.
Das und die damit verbundenen Probleme zeigt Fischer gut auf.
Weniger geht er auf die direkte Arbeit von Statistikern bei der Erhebung und Verarbeitung von Daten ein. Dabei, und das wissen alle Statistiker, können schon bei der Erhebung schwere Fehler gemacht werden. Deshalb fragen sie auch immer nach der Herkunft der Daten, der Qualität der Daten und, bei Umfragen, den gestellten Fragen.
„Linke Daten – rechte Daten“ ist ein populärwissenschaftliches Sachbuch, das vor allem zeigt, dass vieles komplizierter ist als es auf den ersten Blick scheint.
Insofern ist das flott zu lesende und bei den Fallbeispielen informative Buch eine gute Aufforderung, einfachen Antworten zu misstrauen und bei Statistiken und Grafiken auch zu fragen, ob es wirklich den behaupteten Zusammenhang gibt oder es sich nur um eine Korrelation handelt oder ob, was auch passieren kann, die richtige Ursache übersehen wurde. Oder ob die Statistik so manipuliert wurde, dass die beabsichtigte Aussage präsentiert werden kann.
Staatssekretär Stephen Fleming (Jeremy Irons) beginnt eine Affäre mit Anna Barton (Juliette Binoche), der künftigen Ehefrau seines Sohnes. Keine gute Idee.
Ob eine solche außereheliche Beziehung heute noch ein Skandal wäre? In jedem Fall ist sie die Ausgangslage für ein überaus gelungenes Filmdrama.
„eine der formal geschlossensten Inszenierungen des international tätigen Franzosen. (…) Ein Thriller, der vor der psychologischen und erotischen Provokation nicht zurückschreckt und Tabus, wie eh und je bei Malle, mit analystischer Nüchternheit und kühler, beherrschter Leidenschaft bricht.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Mit Jeremy Irons, Juliette Binoche, Miranda Richardson, Rubert Graves, Leslie Caron, Ian Bannen, Gemma Clarke, Peter Stormare
Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück(Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
Chile, 1973: Als ihr Freund während des Militärputschs verschwindet, macht Lena sich auf die Suche nach ihm. Sie glaubt, dass er in der Colonia Dignidad festgehalten wird. Als unlängst zum Christentum Bekehrte schleust sie sich in die von dem Deutschen Paul Schäfer geleitete, abgeschottet im Süden Chiles residierende Sekte ein. Dort entdeckt sie ein Terrorregime, das eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad ist. Sie wurde 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet. In ihr sollte ein urchristliches Leben geführt werden. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn.
Insgesamt sehenswerter Polit-Thriller, der zum Kinostart mit einer erfundenen Geschichte (Lena und ihr Freund Daniel sind erfundene Charaktere) ein unrühmliches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückholte: die Colonia Dignidad, ihre Unterstützung durch die deutsche Politik (vor allem durch CSU-Politiker) und ihre Beziehungen zum chilenischen Pinochet-Folterregime.
Duplicity – Gemeinsame Geheimsache (Duplicity, USA 2009)
Regie: Tony Gilroy
Drehbuch: Tony Gilroy
Nach Agententhriller (die “Bourne”-Serie) und Politthriller (“Michael Clayton”) ist Tony Gilroy jetzt bei der romantischen Thriller-Komödie mit Screwball-Elementen angelangt: zwei Industriespione, die eine Liebe-Hass-Beziehung (ersteres persönlich, letzteres beruflich) pflegen, beschließen, ihre Bosse um einige Millionen zu erleichtern. Aber können sie sich trauen? Und können sie mit dem Geld entkommen?
Die Kritiken tendieren zu einem leichten „ich hätte mehr erwartet“, aber zwei Stunden gepflegte Unterhaltung sind garantiert. „Mit viel doppelbödigem Charme und herausragendem Ensemble macht Tony Gilroy aus der Agentenromanze einen wunderbaren Film.“ (Thomas Klein, tip 10/2009)
Mit Julia Roberts, Clive Owen, Tom Wilkinson, Paul Giamatti, Ulrich Thomsen (als Big Swiss Suit; – was einiges über die Größe der Rolle aussagt)
Wie am 15. Juni 1904 aus einem Sommerausflug der deutschen Gemeinde von New York innerhalb weniger Stunden die größte Katastrophe der zivilen Schiffahrt in den USA wird, schildert Jan Soeken eindrucksvoll in seinem Comic „Slocum – Schiffbruch auf dem East River“. 1021 Menschen starben, weil die damals wenigen Sicherheitsbestimmungen nicht beachtet wurden, weil geschlampt wurde und weil teils sträflich leichtsinnig gehandelt wurde. So waren die Schwimmwesten und die Wasserschläuche unbrauchbar, das Schiff war mit brennbarer Farbe angestrichen worden, die Rettungsschiffe konnten, nachdem sie mehrmals in ihren Halterungen angestrichen wurden, nicht mehr aus ihnen heraus gehoben werden und Holzwolle wurde im Lampenraum neben Petroleum zwischengelagert. Nachdem in diesem Raum ein Feuer ausbricht, kommt es zu einer atemberaubenden Verkettung unglücklicher Umstände. So bricht das Feuer zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt während der Fahrt aus, ein nahe gelegener Pier kann wegen mehrerer Öltanks nicht angefahren werden und als das lichterloh brennende Schiff sich dem rettendem Ufer nähert, springen die Passagiere, hauptsächlich Frauen und Kinder, ins Wasser. Viele ertrinken, weil sie nicht schwimmen können.
„Slocum – Schiffbruch auf dem East River“ ist Jan Soekens Masterarbeit am Department Design der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Soeken („Friends“) erzählt anhand von historischen Zeitungsartikeln und Wikipedia-Einträgen diese heute vergessene Katastrophe mit dokumentarischer Genauigkeit und betont einfachen Zeichnungen nach.
Bei seiner durchaus schwarzhumorigen Nacherzählung der Katastrophe nehmen die Ereignisse auf der Brücke einen großen Teil der Geschichte ein. Dort geraten Kapitän Van Schaick und Pastor Haas, der den Ausflug für seine Gemeinde organisierte, handgreiflich aneinander. Es geht dabei um den richtig zubereiteten Tee, eine klemmende Tür und ein falsch hängendes Bild. Es geht, jedenfalls dem Pastor, nicht um das brennende Schiff und seine in Lebensgefahr befindenden Gemeindemitglieder.
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Jan Soeken: Slocum – Schiffbruch auf dem East River
Little Big Soldier (Da bing xiao jiang, China/Hongkong 2010)
Regie: Sheng Ding
Drehbuch: Jackie Chan
Ein Soldat (Jackie Chan), der mit seiner äußerst unheroischen Kampftechnik „Toter Mann“ eine Schlacht überlebt, kann danach einen gegnerischen General gefangennehmen. Er will ihn zu seinem König bringen und die Belohnung in Empfang nehmen.
In „Little Big Soldier“ gibt es, wie man es von Jackie Chan kennt, Action und Komik. Aber auch beträchtliche Schauwerte und eine zeitlose Antikriegsbotschaft. Ein sehr sympathischer Film.
Neben den professionelle Pornodarstellern gibt es, wie ein Blick auf die einschlägigen Pornoportale verrät, ‚Amateur Porn‘. Das sind dann Filme von nicht-professionellen Darstellern (was andeutet, dass sie damit kein oder eher wenig Geld verdienen) und Paaren, die Sex vor der Kamera haben.
Eines dieser Paare porträtiert Joscha Bongard in seinem Dokumentarfilm „Pornfluencer“.
Andreea und Nico leben mit ihren Katzen auf Zypern. In ihren Pornos treten sie als Jamie Young und Nico Nice bzw. Youngcouple9598 auf und sie verdienen mit ihren ungefähr zweihundert Filmen und damit zusammenhängenden Aktivitäten viel Geld. Im ersten Monat waren es, wie Nico erzählt, über zehntausend Euro. Während der Dreharbeiten für „Pornfluencer“ launchen sie ihre eigene Homepage und sie wollen nach Prag expandieren. Damit stellt sich dann auch irgendwann die Frage, wie sehr Andreea und Nico noch Amateure oder nicht inzwischen schon professionelle Darsteller sind, die eine Firma aufgebaut haben, auf der auch Filme mit anderen Frauen präsentiert werden.
Diese, zugegeben eher unwichtige Frage nach der Trennung zwischen Amateur- und professioneller Pornographie, interessiert Joscha Bongard nicht weiter. Das globale Geschäft mit Internet-Pornos wird in einem kurzen, animierten Erklärclip behandelt. Im Mittelpunkt von Bongards Dokumentarfilm stehen Andreea und Nico. Er zeigt, wie die beiden auf Zypern leben. Sie erzählen von ihrem Leben. Seit 2018 drehen sie Pornos. Für Andreea ist es die erste Beziehung. Nico kaum auf die Idee mit den Pornos, nachdem er im Internet nach Möglichkeiten suchte, schnell viel Geld zu verdienen.
Anfangs erscheinen sie – Andreea ist 22 Jahre, Nico 25 Jahre alt – als sympathisches junges Paar, das sich liebt, neckt, miteinander lacht, zusammen arbeitet und jetzt erst einmal viel Geld verdienen will. In dem Rahmen kann die Zustimmung zu dem Porträt als Imagepflege und Erschließen neuer Kundenkreise gesehen werden.
Bongard konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm auf Andreea und Nico. Familienmitglieder und Freunde kommen nicht vor. Ob das daran liegt, dass Bongard sich nur auf das Paar konzentrieren wollte oder ob sie gegen Interviews mit Familienmitglieder und Freund waren oder ob Familienmitglieder und Freunde Interviews ablehnten, ist unklar. Jedenfalls, auch weil sie sich auf Zypern mit niemandem unterhalten, entsteht mit der Zeit das Bild eines vollständig isoliert lebenden Paares.
Später wird die traditionelle Rollenverteilung zwischen ihnen immer deutlicher. Nico war früher in der Pick-Up-Szene aktiv. Er will täglich Sex haben. Mit Andreea oder einer anderen Frau. Die Idee eines Dreiers findet er charmant. Andreea wäre damit einverstanden, wenn Nico es unbedingt will. Ansonsten will sie treu sein. Wenn sie ihre Filme drehen oder Fotos machen, schlägt er ihr immer wieder vor, was sie zu tun habe. Nicht immer ist sie einverstanden. Meistens schon.
Interessant und gelungen umgesetzt ist Bongards Idee, den Film so zu präsentieren, als betrachte man einen Computerbildschirm und bewege sich zwischen verschiedenen Tabs. Die beiden für den Film befragten Experten Sylvia Sadzinski und Andreas Baranowski werden wie ein YouTube-Clip, mit zusätzlichen Informationen unter dem Bild, in den Film eingefügt. Und der Abspann ist dem Impressumsteil mit den dortigen rechtlichen Erklärungen nachempfunden. Das ist eine schöne, im Rahmen dieses Films sehr gut funktionierende Idee.
Pornfluencer (Deutschland 2022)
Regie: Joscha Bongard
Drehbuch: Joscha Bongard, Wolfgang Purkhauser
mit Andreea (aka Jamie Young), Nico (aka Nico Nice), Sylvia Sadzinski, Andreas Baranowski
Sag nicht, wer du bist! (Tom à la ferme/Tom at the Farm, Kanada/Frankreich 2013)
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan, Michel Marc Bouchard
LV: Michel Marc Bouchard: Tom at the Farm (Theaterstück)
Werbetexter Tom (Xavier Dolan) fährt zur Beerdigung seines Freundes aus Montreal in die tiefste kanadische Provinz. Dort wird er von dem gewalttätigem Bruder seines Freundes gehindert, die Farm zu verlassen.
„Sag nicht, wer du bist!“ ist nicht Dolans stärkster Film. Dafür ist alles zu gekünstelt und die Hauptfiguren verhalten sich seltsam.
Vor seinem Durchbruch arbeitete der am 13. Juli 1942 in Chicago geborene Harrison Ford in Hollywood schon zehn Jahre als Schauspieler. Ohne einen großen Eindruck zu Hinterlassen. Immerhin spielte er in George Lucas‘ „American Graffiti“ und Francis Ford Coppola „Der Dialog“ und, weil sein Kurzauftritt bereits im März 1976 gedreht wurde, in „Apocalypse Now“ mit.
Also dachte Ford ernsthaft daran, nur noch als Tischler zu arbeiten. Immerhin bezahlte diese Arbeit zuverlässig seine Miete.
Dann bot George Lucas ihm die Rolle des Han Solo in seinem neuen Film „Krieg der Sterne“ an. Der Science-Fiction-Film kam 1977 in die Kinos. Seitdem tischlert Harrison Ford nur noch in seiner Freizeit.
Danach spielte er, nach einer Idee von Lucas und Steven Spielberg, in dem Steven-Spielberg-Abenteuerfilm „Jäger des verlorenen Schatzes“ den Schatzsucher Indiana Jones. Der Film war ein Riesenerfolg. Drei weitere Filme folgten und aktuell wird ein fünfter Indiana-Jones-Film gedreht.
Kommerziell weniger erfolgreich war damals „Blade Runner“. Ridley Scotts Philip-K.-Dick-Verfilmung ist inzwischen ein Klassiker, dessen Einfluss auf den Science-Fiction-Film nicht überschätzt werden kann.
In den folgenden Jahren, vor allem in den Achtzigern und Neunzigern folgten ungefähr im Jahresturnus, weitere Hits, wie „Der einzige Zeuge“, „Mosquito Coast“, „Frantic“, „ Aus Mangel an Beweisen“, „Auf der Flucht“ und „Air Force One“. Zweimal spielte Ford in den Tom-Clancy-Verfilmungen „Die Stunde der Patrioten“ und „Das Kartell“ den CIA-Analysten Jack Ryan, der immer wieder den von ihm geliebten Schreibtisch verlassen und sich ins Getümmel stürzen muss, um die Welt zu retten. Er arbeitete, oft mehrmals, mit Peter Weir, Roman Polanski, Alan J. Pakula, Sydney Pollack, Mike Nichols, Phillip Noyce, Wolfgang Petersen, Robert Zemeckis, Kathryn Bigelow, Jon Favreau, Brian Helgeland, Gavin Hood, J. J. Abrams und Denis Villeneuve zusammen. Mit diesen Regisseuren drehte er einige Komödien und, oft mit einer ordentlichen Portion Action, viele anspruchsvolle Unterhaltungsfilme, die bei Publikum und Kritik gut ankamen und immer noch regelmäßig im Fernsehen laufen. In all den Jahren pflegte er auch seinen Ruf als Handwerker, der nicht gerne über seine Arbeit redet. Ihm eilte der Ruf eines schwierigen Interviewpartners voraus. Das scheint sich, wenn ich mir jüngere Interviews und TV-Auftritte mit ihm ansehen, in den letzten Jahren etwas geändert zu haben. Auch wenn er in dem „Vanity Fair“-Rückblick auf seine Filmkarriere jeden dort genannten Film gut findet, die beteiligten Kollegen lobt und er mit monotoner regelmäßig sagt, er habe die Rolle wegen dem Drehbuch und dem Regisseur angenommen. Aber vor allem wegen dem Drehbuch.
Die wiedergefundene Zeit (Le temps retrouvé, Frankreich/Italien 1999)
Regie: Raúl Ruiz
Drehbuch: Gilles Taurand, Raúl Ruiz
LV: Marcel Proust: Le Temps retrouvé, 1927 (Die wiedergefundene Zeit)
Kurz vor seinem Tod erinnert Marcel sich an sein Leben und er begibt sich so auf „Die Suche nach der verlorenen Zeit“.
TV-Premiere; erstaunlicherweise erst über zwanzig Jahre nach seiner Premiere in Cannes 1999. Danach lief der Film auch in unseren Kinos und die Besetzung ist vorzüglich.
Ruiz verfilmte den letzten Band von Marcel Prousts „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ als episches, gut dreistündiges Werk. „Mit einer komplizierten Technik der erzählerischen Darbietung versucht Ruiz, die einzigartige Schreibweise Prousts ins filmische Medium zu übertragen. Das gelingt ihm im Großen und Ganzen auch.“ (Reinhard Kleber, Filmecho-Filmwoche 51/2000) „Für Proust-Liebhaber kann das alles ein Ansporn sein, die Analogien zwischen Film und Buch zu suchen, für Nichtleser stellt ‚Die wiedergefunene Zeit‘ jedoch einen opulenten eigenständigen Film dar, der sich ganz und gar selbst erzählt.“ (Marli Feldvoß, epd-Film 1/2001) „Vielleicht die beste Proust-Verfilmung – denn Raúl Ruiz geht es weniger um die Geschichte als um deren Struktur.“ (Anke Leweke, tip 3/2001)
Na, das klingt doch vielversprechend.
mit Catherine Deneuve, Emmanuelle Béart, Vincent Perez, John Malkovich, Pascal Greggory
Zwischen 1962 und 2008 schrieb P. D. James vierzehn Rätselkrimis mit dem Scotland-Yard-Ermittler Adam Dalgliesh. In den meisten Romanen hat er den Rang eines Commanders. Die bei Krimifans beliebten Romane erhielten mehrere Daggers und zahlreiche weitere Preise. 1987 erhielt P. D. James den CWA Cartier Diamond Dagger für ihr Lebenswerk. 1999 wurde sie von den Mystery Writers of America zum Grandmaster ernannt.
Im Fernsehen wurde Dalgliesh bereits von Roy Marsden und Martin Shaw (yep, „George Gently“) gespielt. Und jetzt in der TV-Serie „Adam Dalgliesh – Scotland Yard“ von Bertie Carvel. Der Theaterschauspieler spielte in der Miniserie „Jonathan Strange & Mr Norrell“ Jonathan Strange.
Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, wurde die TV-Serie um eine zweite und dritte Staffel verlängert. Die Dreharbeiten für die zweite Staffel sollen im Sommer beginnen.
Bei uns erschien jetzt auf DVD die aus drei spielfilmlangen Fällen bestehende erste Staffel. Die Filme spielen Mitte der siebziger Jahren. Als Grundlage für die Filme dienten drei Romane, von denen zwei in den Siebzigern und einer in den Achtzigern veröffentlciht wurde.
Im ersten Fall „Tod im weißen Häubchen“ stirbt in einer Krankenpflegeschule während einer Übung eine der Schülerinnen. Adam Dalgliesh soll herausfinden ob es ein Unfall (war es nicht) oder ein Mord war. Und den Täter finden.
Im zweiten Fall „Der schwarze Turm“ geht es an die Küste. Dalgliesh will einen alten Freund und Mentor, der inzwischen in einem Sanatorium lebt, besuchen. Als er dort ankommt, erfährt er, dass sein Freund verstorben ist. Dalgliesh will trotzdem einige Tage bleiben. Als er sich in dem einsam gelegenem Sanatorium umsieht, stößt er auf einige seltsame Todesfälle und einen spirituellen Berater, der für die im Sanatorium lebenden, in ihrer Mobilität oder anderweitig eingeschräkten Menschen ein Guru ist.
Im dritten Fall „Der Beigeschmack des Todes“ ermittelt Dalgliesh erstmals in London. In der Kirche St. Matthew werden zwei Männer mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Einer der Toten ist ein obdachloser Alkoholiker, der andere ein kürzlich zurückgetretener Minister Ihrer Majestät.
Obwohl dieser Fall in London spielt und die Straßen fotogen mit Obdachlosen gesäumt sind, ist er ähnlich zeitlos wie die beiden vorherigen Fälle. Das liegt auch daran, dass die Ermittlungen vor allem im historischen Kirchengebäude und einem herrschaftlichem Anwesen stattfinden.
Adam Dalgliesh ist ein angenehm altmodischer Ermittler, der an erster, zweiter und dritter Stelle ein Ermittler ist. Der Tod seiner Frau und seine Karriere als Dichter werden zwar in jeder Folge angesprochen, aber sie haben keine Auswirkung auf die Krimihandlung. Er ist einfach ein Ermittler, der den Täter sucht. Dafür befragt er Zeugen und Verdächtige, sammelt Beweise und überführt ihn am Ende. Genauso, wie es vor ihm schon zahlreiche andere Ermittler taten.
Helfen tut ihm im ersten Fall der ruppige Kriminalpolizist Charles Masterson (Jeremy Irvine), der etwas zu penetrant seine Vorurteile gegen Minderheiten und Frauen pflegt. Im zweiten Fall ist die junge Polizistin Kate Miskin (Carlyss Peer) seine Mitarbeiterin. Die Schwarze arbeitet auf der dortigen Polizeistation und hilft Dalgliesh etwas abseits von den Dienstvorschriften. Im dritten Fall helfen beide Dalgliesh bei den Ermittlungen und zoffen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansichten etwas.
Die Filme sind altmodische Rätselkrimis, die in den Siebzigern spielen, aber vollkommen zeitlos sind. Es gibt kein nennenswertes Zeitkolorit. Es gibt keine Neubetrachtungen der Vergangenheit aus der heutigen Perspektive (wie in den schon erwähnten George-Gently-Krimis). Das liegt auch daran, dass Adam Dalglieshs Fälle an Orten spielen, die von der restlichen Welt abgeschottet sind und die sich in den vergangenen hundert Jahren (oder mehr) kaum veränderten.
Wer also einen Rätselkrimi sehen möchte, der direkt aus den Siebzigern (oder Jahrzehnte früher) stammen könnte, sollte sich die Adam-Dalgliesh-Krmis ansehen.
Und, wie immer bei Romanverfilmungen, kann man die Filme als einen Anlass nehmen, die ausgezeichneten Romane wieder (?) zu lesen.
Adam Dalgliesh, Scotland Yard – Staffel 1 (Dalgliesh, Großbritannien 2021)
mit Bertie Carvel (Adam Dalgliesh), Jeremy Irvine (DS Charles Masterson), Carlyss Peer (DS Kate Miskin)
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Die Fälle der ersten Staffel
Tod im weißen Häubchen(Shroud for a Nightingale)
Regie: Jill Robertson
Drehbuch: Helen Edmundson
LV: P. D. James: Shroud for a Nightingale, 1971 (Tod im weißen Häubchen)
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Der schwarze Turm (The black Tower)
Regie: Andy Tohill, Ryan Tohill
Drehbuch: Stephen Greenhorn
LV: P. D. James: The Black Tower, 1975 (Der Schwarze Turm)
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Der Beigeschmack des Todes (A Tast for Death)
Regie: Lisa Clarke
Drehbuch: Helen Edmundson
LV: P. D. James: A taste for death, 1986 (Der Beigeschmack des Todes)
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DVD
Edel Motion
Bild: PAL 16:9 (1,78:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 272 Minuten (6 x 45 Minuten, 2DVDs)
FSK: ab 16 Jahre (wegen des dritten Falls; obwohl da auch eine FSK-12 möglich gewesen wäre)
Tatort: Platzverweis für Trimmel (Deutschland 1973)
Regie: Peter Schulze-Rohr
Drehbuch: Peter Schulze-Rohr, Friedhelm Werremeier
LV: Friedhelm Werremeier: Platzverweis für Trimmel, 1972
Im Tor liegt ein ermordeter Mann. Und Hauptkommissar Paul Trimmel hat einen neuen Fall, der ihn auch in die gar nicht so heile Welt des Profi-Fußballs führt.
„Platzverweis für Trimmel“ verarbeitet den heute möglicherweise sogar bei historisch bewanderte Fußballfans unbekannten Bundesligaskandal aus den frühen siebziger Jahren. Die Idee für die Geschichte hatte Trimmel-Erfinder Friedhelm Werremeier schon davor. Zur Neuausgabe seines damals „’historischen‘ Romans“ schrieb Friedhelm Werremeier 1985: „Clevere Ganoven spielen (und kassieren) bekanntlich seit eh und je überall dort mit, wo großes Geld umgesetzt wird – und dieses ‚Gesetz des Ungesetzlichen‘ dürfte seine Gültigkeit deshalb gerade im internationalen Profifußballgeschäft nie verlieren.“
Insofern ist es erstaunlich, wie wenige Skandale es im Fußball gibt.
Ansonsten: toller alter „Tatort“, der inzwischen ein ‚historischer Film‘ ist, nach einem tollen Roman.
mit Walter Richter, Edgar Hoppe, Ulrich von Bock, Joachim Richert, Christa Berndl, Klaus Stieringer
In einer südfranzösischen Industriestadt hilft Doktor Valerio seinen armen Patienten und gerät darüber in Streit mit einem bösartigem Industriellen. Während seine Ehe darüber zerbricht, hält eine vermögende Gönnerin zu ihm.
Fast unbekanntes, selten gezeigtes Werk von Luis Buñuel, dem Regisseur von, u. a., „Der andalusische Hund“, „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“, „Belle de Jour“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“, „Das Gespenst der Freiheit“ und „Dieses obskure Projekt der Begierde“.
mit Georges Marchal, Lucia Bosé, Gianni Esposito, Nelly Bourgeaud, Julien Bertheau
Nur die Sonne war Zeuge (Plein soleiel, Frankreich/Italien 1960)
Regie: René Clément
Drehbuch: René Clément, Paul Gégauff
LV: Patricia Highsmith: The talented Mr. Ripley, 1955 (Nur die Sonne war Zeuge, Der talentierte Mr. Ripley)
Tom Ripley soll im Auftrag von Philippes Vater den Sohn nach Amerika zurückbringen. Aber Tom und Philippe verstehen sich gut und Tom gefällt das müßige Millionärsleben. Warum also nicht einfach Philippe Greenleaf umbringen und dessen Stelle einnehmen?
Grandiose Verfilmung des ersten Ripley-Romanes; obwohl der Film moralisch korrekter endet.
Neben dem ausgefeilten Drehbuch trug besonders Henri Decaes superbe Farbfotografie zum Erfolg des Films bei. Erstmals schuf Farbe jene beklemmende Atmosphäre, die bis dahin nur aus den Schwarzweiß-Filmen der Schwarzen Serie bekannt war.
Patricia Highsmith schrieb danach vier weitere Bücher mit Tom Ripley, dem ersten sympathischen Psychopathen der Kriminalgeschichte.
1877 ist Elisabeth, die Kaiserin von Österreich-Ungarn, auch bekannt als Sissi (Vicky Krieps), vierzig Jahre und damit nach damaliger Definiton eine alte Frau. Verzweifelt versucht sie ihr Gewicht zu halten. Sie lässt sich jeden Tag in eine enge Corsage pressen. Bei öffentliche Auftritten tritt sie verhüllt auf. Niemand soll die Spuren des Alters in ihrem Gesicht sehen. Von den kaiserlichen Pflichten ist sie gelangweilt und auch angeekelt. Manchmal erscheint sie deshalb überhaupt nicht zu den offiziellen Anlässen. Andere Auftritte beendet sie mit einer Ohnmacht, die mal echt, mal gespielt ist. Außerdem kann, dank der Gesichtsverhüllung, auch eine Doppelgängerin ihre Repräsentationsaufgaben erfüllen.
Die Ehe mit ihrem Mann Kaiser Franz Joseph (Florian Teichtmeister) existiert nur noch auf dem Papier. In der Hofburg leben sie in getrennten Flügeln, beschützt und ständig umgeben von ihrem Personal. Sie sehen sich kaum. Und von der Liebe, die sie vielleicht einmal füreinander empfunden haben, ist nichts mehr spürbar. Versuche von ihr, Franz Joseph bei politischen Entscheidungen zu beraten scheitern kläglich.
Viel Zeit investiert sie in ein rigoroses Schönheits- und Fitnessprogramm. Und, weil ihre Pflichten am Hof vernachlässigbar sind, reist sie viel zu anderen, teils mit ihr verwandten Königs- und Fürstenhäusern.
In ihrem Drama „Corsage“ verfolgt Marie Kreutzer („Der Boden unter den Füßen“, „Was hat uns bloß so ruiniert“) die rastlose Kaiserin über mehrere Monate. Sie zeichnet das Bild einer Frau, die mit der Rolle, die sie für die Öffentlichkeit spielen soll, fremdelt. Und einen Ausweg daraus sucht.
Dabei geht Kreutzer mit den historischen Fakten ähnlich unbekümmert um wie Ernst Marischka in seinen drei „Sissi“-Filmen mit Romy Schneider, die damals Kinohits waren und heute immer noch mindestens einmal im Jahr im TV gezeigt werden.
Kreutzer erfindet und fantasiert in ihrer Interpretation der historischen Figur allerdings nicht nur über das Leben und Sterben der Kaiserin von Österreich-Ungarn. Sie umgibt die Kaiserin auch, teils mehr, teils weniger offensichtlich, mit Dingen, die es damals noch nicht gab, wie einem Traktor, einem modernem Schiff, ein bei einer Abendgesellschaft präsentiertes Lied, das erst Jahrzehnte später geschrieben wurde, Filmkameras und Heroin, das ihr Arzt ihr als vollkommen harmloses Medikament verschreibt und sie zur Drogensüchtigen macht. Blöderweise wurde Heroin erst Ende des 19. Jahrhunderts von Bayer entwickelt, patentiert und ab 1900 verkauft. „Corsage“ endet über zwanzig Jahre früher.
All diese bewusst eingestreuten Irritationen, die auf eine äußerst plumpe, in ihrer Häufung die Intelligenz des Zuschauers beleidigenden Art, die Aktualität der Geschichte betonen sollen, weisen „Corsage“ als eine weitere Fantasie über Sissi (oder historisch korrekt Sisi) aus. Dieses Mal wird sie, quasi als Gegententwurf zur Marischka-Kitsch-Version, als eine widersprüchliche Frau gezeigt, die nicht die ihr zugewiesene öffentliche Rolle ausfüllen möchte und sich emanzipieren möchte. Am Ende, das kann verraten werden, gelingt ihr das auf eine diskussionswürdige Weise, die gleichzeitig reine Fantasie ist.
Wie in einigen anderen neueren Filmen, – Bruno Dumonts misslungene Mediensatire „France“ und Pablo Larraíns grandioses Lady-Diana-Biopic/Horrorfilm „Spencer“ können hier genannt werden -, geht es in „Corsage“ vor allem um das Gefühl der Fremdheit im eigenen Körper und im eigenen Leben. Aber gegen Larrains „Spencer“ ist „Corsage“ noch nicht einmal ein laues Lüftchen. Denn Kreutzer sagt schon in den ersten Minuten alles über Elisabeth und ihre Probleme. In den folgenden gut zwei Stunden bewegt sie sich, viele Freiheiten genießend, dann nur noch rastlos von einem Ort zu einem anderen Ort.
mit Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, Jeanne Werner, Alma Hasun, Manuel Rubey, Finnegan Oldfield, Aaron Friesz, Rosa Hajjaj, Lilly Marie Tschörtner, Colin Morgan
LV: James Ellroy: L. A. Confidential, 1990 (Stadt der Teufel, L. A. Confidential)
Drei unterschiedliche Polizisten versuchen einen Mord aufzuklären und müssen dabei einen tiefen Sumpf aus Drogen, Sex, Gewalt und Abhängigkeiten trockenlegen.
Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, das den Deutschen Krimipreis erhielt.
Brian Helgeland schaffte das scheinbar unmögliche: er raffte den 500-seitigen Thriller gelungen zu einem etwa zweistündigen Film zusammen und erhielt dafür einen Oscar. Kim Basinger für ihre Rolle als Edelhure erhielt ebenfalls die begehrte Trophäe. Den Edgar gab es natürlich ebenfalls.
mit Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce, James Cromwell, Kim Basinger, Danny DeVito, David Strathairn, Ron Rifkin, Paul Guilfoyle, Simon Baker
„Allgemeine Panik“ gehört nicht zu James Ellroys zweitem L. A. Quartett, von dem bislang „Perfidia“ und „Jener Sturm“ erschienen sind. „Allgemeine Panik“ ist ein Einzelroman, der mit 432 Seiten für den Noir-Autor sogar ziemlich kurz ausgefallen ist. In ihm erzählt der im Fegefeuer sitzende Freddy Otash die Geschichte seines Lebens. Er war Polizist beim LAPD, Privatdetektiv und in den Fünfzigern wichtigster Redakteur beim Hollywood-Klatschmagazin „Confidential“.
Ellroy-Fans kennen Fred Otash aus seiner „Underworld USA“-Trilogie. Otash ist eine reale Person und Ellroy erzählt hier, mehr oder weniger, seine Lebensgeschichte.
„LAPD ’53“ ist ein Sachbuch über die Arbeit des Los Angeles Police Department im Jahr 1953 mit über achtzig zeitgenössischen Fotos aus dem Polizeiarchiv und begleitenden Texten von James Ellroy, der der richtige Autor für dieses Buch ist. Schließlich sind seine Romane eine sich inzwischen über viele Jahrzehnte erstreckende, wahre Ereignisse verarbeitende Chronik der dunklen Seiten von Los Angeles.
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James Ellroy: Allgemeine Panik
(übersetzt von Stephen Tree)
Ullstein, 2022
432 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
Widespread Panic
Alfred A. Knopf, 2021
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James Ellroy (mit Glynn Martin, Leiter des Los Angeles Police Museum): LAPD ’53)
Das ist die Geschichte der Jugend von Manfred Deix, dem großen österreichischen Satiriker. Noch vor seinem Tod am 25. Juni 2016 nahm er das Drehbuch für Marcus H. Rosenmüllers ersten Animationsfilm ab. Es ist auch der erste spielfilmlange österreichische Animationsfilm. Fünf Jahre später, im Juni 2021, hatte der Film beim Festival d’Animation Annecy seine Premiere. Danach lief er auf einigen Festivals, wie dem Filmfest München, und jetzt regulär im Kino. Für Deix-Fans hat sich das Warten gelohnt.
Der am 22. Februar 1949 geborene Manfred Deix wuchs in Böheimkirchen bei St. Pölten auf. Seine Eltern hatten das Gasthaus „Zur blauen Weintraube“ gepachtet. Deix konnte dort schon als Kind die Gespräche, Witze und Ausfälle der Erwachsenen beobachten. „Aus Rache habe ich aus ihnen die mittlerweile bekannten ‚Deixfiguren‘ geformt und ihnen zu fragwürdiger Berühmtheit verholfen. Strafe muss sein“, sagt Deix über seine Anfänge. Er zeichnete Karikaturen, die den Österreichern ein für sie sehr unvorteilhaftes Spiegelbild präsentierten. Später wurden seine Werke auch in Deutschland dank Veröffentlichungen in den Satiremagazinen „pardon“ und „Titanic“ und Zeitschriften, wie dem „Stern“ und dem „Spiegel“, populär. Mit ätzendem Spott demaskierte er Spießbürger, Politiker, kirchliche Würdenträger und alles, was in Österreich wichtig war und ist.
In „Willkommen in Siegheilkirchen – Der Deix-Film“ erzählen Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover jetzt eine Geschichte, die eine leicht verfremdete, satirisch überspitzte Geschichte über Deix‘ Jugend in den sechziger Jahren in einem Dorf in der Provinz ist. Das Dorf heißt im Film Siegheilkirchen und der Name könnte nicht passender sein. Überall sind Altnazis. Alles Neue wird abgelehnt. Vergnügen auch. Der Pfarrer predigt von der Kanzel Enthaltsamkeit. In dieser Provinzhölle wächst ein Junge auf, der nur Rotzbub genannt wird. Er muss seinem Vater in der Wirtschaft helfen. Wenn er etwas falsches tut, – und das passiert oft -, wird er mit Worten und Schlägen gezüchtigt. Er verliebt sich still und heimlich in vollbusige Frauen, die er teils durch offene Fenster beobachtet. Und er zeichnet sie. Seine pornographischen Bilder sind bei seinen Klassenkameraden äußerst beliebt.
Mit diesen und anderen detailgenauen, oft satirischen Zeichnungen rebelliert der Rotzbub gegen den Muff von tausend Jahren. Und er will das Dorf verlassen.
Als sein Onkel Neidhardt, ein akademischer Kunstmaler, vom Bürgermeister den Auftrag erhält, ein Gemälde anzufertigen, das das braune Ortsbild übertünchen soll, hilft ihm der Rotzbub bei den Arbeiten. Gleichzeitig trifft der Rotzbub die Zigeunerin Mariolina, die ganz als die Frauen ist, die er aus dem Dorf kennt, und den Wirt Poldi, der eine Rockerkneipe betreibt. In ihr gibt es sogar eine Jukebox mit guter Musik.
Die Geschichte, die Figuren und die Ästhetik des Animatiosfilms sind von Manfred Deix‘ Leben und Werk beeinflusst. Deshalb erinnert alles an seine Bilder. Auch seine Sicht auf sein Heimatland findet sich in jedem Bild. Alles wird von einem ätzenden Spott überzogen. Die deformierten Figuren werden in ihrer Kleingeistigkeit, ihrem Hass auf alles Fremde und ihrer Bigotterie demaskiert. Das ist immer bissig und scheut auch nicht vor derben Geschmacklosigkeiten zurück. Insofern dürften Menschen, denen Deix‘ Humor nicht gefällt, auch „Willkommen in Siegheilkirchen“ nicht gefallen.
Alle andere dürfen sich freuen über die sehr gelungene satirische Beschreibung einer Jugend in der Provinz in den sechziger Jahren voll mit notgeilen Jungs, vergangenheitstrunkenen Spießbürgern, vollbusigen Frauen und, am Ende, einem bombigen Reinigungsversuch, der nicht wie geplant endet. Aber zum Namen des Dorfes passt.
Und vielleicht gibt es jetzt auch eine neue Generation von Deix-Fans. Seine meisten Buchveröffentlichungen sind nur noch antiquarisch erhältlich.
Willkommen in Siegheilkirchen – Der Deix-Film(Österreich/Deutschland 2021)
Regie: Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover (Animationsdirektor)
Drehbuch: Martin Ambrosch
Art Director: Manfred Deix
mit (den Stimmen von) Markus Freistätter, Gerti Drassl, Mario Canedo, Maurice Ernst, Roland Düringer, Erwin Steinhauer, Katharina Straßer, Adele Neuhauser
Colter Stevens versucht einen Anschlag auf einen fahrenden Zug zu verhindern. Nach acht Minuten ist er tot. Danach wird er wieder wach im Zug und er hat wieder acht Minuten Zeit, den Attentäter zu finden.
Die Prämisse ist eine äußerst fiese Abwandlung des Murmeltier-Tags. Das Ergebnis ist ein äußerst spannender, um nicht zu sagen bombiger Thriller.