Mord im Orientexpress(Murder on the Orient Express, USA 2017)
Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Michael Green
LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)
Wenn ein Detektiv eine Reise tut, geschieht ein Mord. So auch hier: Während einer Fahrt im Orientexpress wird Edward Ratchett ermordet. Und weil der Täter noch im Zug ist, strengt Privatermittler Hercule Poirot seine kleinen grauen Zellen an. Denn, wie es sich für einen guten Rätselkrimi gehört, hat jeder der Mitreisenden ein überzeugendes Mordmotiv.
Kenneth Branaghs starbesetzte Agatha-Christie-Verfilmung ist nicht so gut wie Sidney Lumets grandiose Verfilmung des gleichen Romans. Aber im Kino kam Branaghs Version gut an und am Donnerstag, den 10. Februar, startet Branaghs lange angekündigte zweite Poirot-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Besprechung folgt zum Kinostart).
Da kann man sich sich, als Vorbereitung, den „Mord im Orientexpress“ wieder ansehen. Der Rätselkrimi ist nostalgisches Ausstattungskino mit einer 1-A-Besetzung, die an etlichen dramaturgischen Fehlentscheidungen und einer irritierend schwachen zweiten Hälfte leidet.
mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman, Sergei Polunin , Manuel Garcia-Rulfo, Leslie Odom, jr.
Der Komponist Fred Ballinger und sein Freund, der Drehbuchautor Mick Boyle, verbringen den Sommer in der Schweiz in einem edlen Wellness-Tempel. Die beiden alten Herren genießen die Ereignislosigkeit. Sie blicken wehmütig auf ihre früheren Jahre zurück und beobachten, milde desinteressiert, die anderen Hotelgäste. Ab und an wird Ballinger, – weil es doch nicht vollkommen ohne Story geht -, von einem Gesandten der Queen gefragt wird, ob er sein bekanntestes Stück für eine Feier dirigieren möchte. Ballinger lehnt diese Unterbrechung seines Ruhestandes zunächst ab.
In „Ewige Jugend“ gibt es noch nicht einmal die Scheinaktivitäten von Sorrentinos früheren Filmen. Handlungstechnisch passiert nichts. Visuell passiert nichts. Das hat, gerade wegen der Altersweisheit der Charaktere, durchaus seinen kontemplativ entspannenden Reiz. Wenn man in der richtigen Stimmung ist.
mit Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda, Mark Kozelek, Robert Seethaler, Alex Macqueen
„Ich wurde in Eno’s Diner verhaftet. Um zwölf Uhr. Ich aß gerade Rühreier und trank Kaffee. Kein Mittagessen, ein spätes Frühstück. Ich war durchnässt und müde nach einem langen Marsch im strömenden Regen. Die ganze Strecke vom Highway bis zum Stadtrand.“
So beginnt Lee Childs erster Jack-Reacher-Roman „Größenwahn“. Es war auch sein Romandebüt und, obwohl er von Anfang an auf den Bestsellererfolg hoffte, hätte er sich diesen Erfolg nicht vorstellen können. Seit 1997 veröffentlichte er jedes Jahr einen Jack-Reacher-Roman. 2010 sogar zwei. Bei uns erschien zuletzt „Der Spezialist“, sein 23. Reacher-Roman (dazu später mehr). In England erschien bereits „Blue Moon“, der letzte von ihm allein geschriebene Reacher-Roman.
Seitdem schreibt er zusammen mit seinem Bruder Andrew Grant, der ebenfalls Thriller schreibt, unter dem Pseudonym Andrew Child weitere Reacher-Romane. Langfristig soll Andrew Grant die Serie allein weiterschreiben. – Ach ja: Lee Child ist ein Pseudonym von James Dover Grant.
„Größenwahn“ wurde jetzt eine Amazon-Prime-Serie (auch dazu später mehr). Der Blanvalet-Verlag, in dem die Reacher-Romane erscheinen, spendierte dem Roman deswegen ein neues Cover.
In „Größenwahn“ besucht Jack Reacher in Georgia die Kleinstadt Margrave. Dort starb vor Ewigkeiten der von ihm bewunderte Blues-Musiker Blind Blake und Reacher will sich jetzt den Ort einmal ansehen.
Jack Reacher ist ein ehemaliger Militärpolizist. Er ist 1,96 Meter groß, muskulös, superschlau, T-Shirt-Träger und Kaffee-Trinker. Sein ganzes bisheriges Leben verbrachte er im Militär. Geboren wurde er 1960 in Westberlin. Danach wurden seine Eltern von Stützpunkt zu Stützpunkt versetzt. Er wurde Soldat, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und ist jetzt, mit 36 Jahren, zum ersten Mal ohne Verpflichtungen. Seit einem halben Jahr erkundet er das Land, das er im Ausland verteidigte und das er noch nicht kennt.
In Margrave wird ihm vorgeworfen, einen Mann ermordet zu haben. Allerdings hat er ein überzeugendes Alibi. Kurz darauf gesteht der Banker Paul Hubble den Mord. Der ist zwar auch nicht der Täter, aber das interessiert Reacher nicht weiter. Er will, sobald die Polizei sein Alibi überprüft hat, weiterziehen.
Aber dann wird der erste Tote identifiziert und für Reacher wird die Angelegenheit persönlich. Es ist sein zwei Jahre älterer Bruder Joe. Reacher hat ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Inzwischen arbeitet Joe im Finanzministerium. Dort beschäftigt er sich mit der Verfolgung von Geldfälschern.
Reacher will jetzt die Mörder seines Bruders finden und töten. Zusammen mit den örtlichen Polizisten Finlay, dem Chef des Ermittlungsbüros, und Elizabeth Roscoe, ermittelt er in Margrave, schlägt währenddessen einige Männer zusammen und bringt etliche Männer um.
Trotzdem ist dieses Rachemotiv für die Geschichte unerheblich. Es ist letztendlich nur der aus einem Schreibratgeber übernommene Grund, Reacher daran zu hindern, Margrave zu verlassen. Denn im Gegensatz zu den späteren Reacher-Romanen zögert Reacher hier viel länger, bis er sich einmischt und die Bösewichter verfolgt.
Von diesem kleinen Punkt abgesehen steckt Lee Child in „Größenwahn“ bereits den Rahmen ab, in dem die Figur Reacher und die Geschichten sich seitdem bewegen. Es sind Western-Topoi, die in die Gegenwart übertragen werden. Jack Reacher ist der archetypische mythologische Held. Er ist die moderne Ausgabe von ‚mein großer Freund Shane‘. Die Plots folgen, vor allem wenn sie im Hinterland spielen, Western-Geschichten. So gibt es in „Größenwahn“, der immer wieder an einen klassischen Western erinnert, einen bösen Landbesitzer, der die Stadt beherrscht, und einen Durchreisenden, der für Recht und Ordnung sorgt – und anschließend weiterzieht. Je nach den Erfordernissen der Geschichte erzählt Child sie mal in der ersten, mal in der dritten Person. In einigen Reacher-Romanen taucht er in die Militärvergangenheit seines Helden ein und manchmal lässt er ihn in einer Großstadt in Schwierigkeiten geraten.
Außerdem sind alle Reacher-Romane Einzelabenteuer, die unabhängig voneinander gelesen werden können. Er besucht immer wieder verschiedene Orte und es gibt keine von Roman zu Roman wachsende Schar von Freunden und Gehilfen. Auch seine Familie spielt keine Rolle in Reachers Leben. In „Der Spezialist“ erwähnt er im Gespräch zwar seinen Bruder, aber er sagt nie, dass er vor über zwanzig Jahren ermordet wurde oder dass er tot ist. Reacher ist einfach der Wanderer, der für Gerechtigkeit sorgt, keine Bindungen hat, keine Bindungen eingehen will und mit seinem rastlosen Leben rundum zufrieden ist.
In „Der Spezialist“ besucht Reacher in New Hampshire Laconia. Es ist der Ort, den sein Vater Stan Reacher mit siebzehn Jahren verließ und den er seitdem nie wieder besuchte. Das führte auch dazu, dass Reacher seine Großeltern oder andere Verwandte nicht kennt. In Laconia stößt er dann gleich auf ein Problem. Ein Stan Reacher oder eine Familie Reacher wohnte niemals in dem Ort. Erst als Reacher den Suchradius auf die umlegenden Orte, wobei Häuser mit Postanschrift treffender ist, erweitert, entdeckt er den Ort, in dem die Reachers damals lebten.
In dem Moment hat Reacher schon eine Frau gegen einen Vergewaltiger verteidigt und, gleichzeitig, eine in Laconia einflussreiche Unternehmerfamilie verärgert. Der Patriarch will sich dafür an Reacher rächen. Mit der Aufgabe beauftragt er einige Schläger.
In dem Moment weiß Reacher noch nicht, dass ein Mark Reacher (anderer Zweig der Familie) im Wald ein Motel betreibt. Dort gastiert ein junges Pärchen, das aus Kanada kommend auf der Durchreise ist und Probleme mit ihrem Auto hat. Während die beiden Mittzwanziger noch auf den Mechaniker warten, ahnen wir bereits, dass sie das Motel niemals wieder verlassen werden. Immmerhin erinnert das Motel sofort an das „Psycho“-Motel und „Der Spezialist“ ist ein Thriller. Was Mark und seine Freunde mit Patty Sundstrom und Shorty Fleck vorhaben, verrät Lee Child erst ziemlich spät; genaugenommen am Ende des dritten Viertel des Romans. Trotzdem können wir uns denken, welches Spiel mit ihnen gespielt werden soll und wie Reacher als nicht eingeladener Teilnehmer den geplanten Spielablauf durcheinanderbringt.
„Der Spezialist“ ist ein durchwachsener Thriller. Einerseits entwickelt die Geschichte sich ziemlich überraschungsfrei und sie ist so kontruiert, dass Reacher im letzten Viertel des Romans zufällig in Marks Spiel stolpert. Bis dahin hat er keine Ahnung davon. Andererseits wechselt Child spannungssteigernd zwischen den beiden Erzählsträngen, auf jeder Seite passiert etwas und die Lesezeit vergeht flott. Letztendlich ist „Der Spezialist“ ein guter Thriller, aber er gehört nicht zu den besten Reacher-Thrillern, – von denen bereits zwei zu Spielfilmen wurden.
2012 und 2016 spielte Tom Cruise in „Jack Reacher“ und „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ sehr überzeugend Jack Reacher. Die Fans der Romane meckerten allerdings von Anfang an über Cruises Körpergröße. Cruise ist 1,7 Meter. Reacher ist in den Büchern 1,96 Meter und damit ein Riese. Aus Sicht der Fans kann Reacher daher auch nur von einem Riesen gespielt werden; was natürlich Unfug ist. Trotzdem wurde der immer wieder lautstark vorgetragene Wunsch der Fans erhört. Für die Amazon-Prime-Serie „Reacher“, die seit dem 4. Februar 2022 online ist, wurde Alan Ritchson engagiert. Er ist 1,88 Meter groß und er hat viele, also wirklich viele Muskeln. Viel mehr spricht nicht für ihn als Jack Reacher.
Das war meine Meinung vor dem Ansehen der Serie und ist meine Meinung nach dem Ansehen der Serie.
Ironischerweise versuchen die Regisseure in der Streamingserie immer wieder, Reacher kleiner erscheinen zu lassen. Selten überragt Ritchson die anderen Schauspieler um ein, zwei Köpfe. Seine Gegner in den zahlreichen Faustkämpfen sind alle groß und muskulös. Das macht die Kämpfe auf den ersten Blick etwas weniger ungleich. Trotzdem werden hier immer wieder renitente Kleinstadtjugendliche oder Häftlinge von einem Mann zusammengeschlagen, der so groß ist, dass allein schon seine Körpergröße jede Schlägerei verhindern sollte.
Die erste, aus acht, jeweils um die fünfzig Minuten langen Episoden bestehende Staffel basiert auf dem ersten Reacher-Roman „Größenwahn“. Für die Streamingserie wurde die Handlung aus den Neunzigern in die Gegenwart verlegt. Es wird mit Smartphones telefoniert. Und Reacher, der eigentlich ein begnadeter Schweiger und Denker ist, muss viel reden.
Ansonsten folgt Showrunner Nick Santora mit wechselnden Episodenautoren und Regisseuren sehr genau, fast schon sklavisch dem Roman. Zu den größeren Änderungen gehören, dass in der Serie, im Gegensatz zum Roman, der eine Ich-Erzählung ist, auch Ereignisse gezeigt werden, bei denen Reacher nicht dabei ist. Im Buch erfährt er später davon. Es gibt mehrere Rückblenden in Reachers Vergangenheit und Jugend, die es so im Roman nicht gibt. Und Frances Neagley, die im Buch überhaupt nicht auftaucht, hat eine wichtige Rolle. Sie arbeitete mit Reacher während seiner Militärzeit zusammen und hilft ihm jetzt wieder. Wahrscheinlich wird sie in künftigen Staffeln als wiederkehrende Figur immer wieder dabei sein.
Die gut vierhundert Minuten der absolut okayen, niemals irgendwie außergewöhnlichen Streamingserie vergehen flott. Schließlich gibt es in jeder Folge einige neue Ermittlungserfolge, Schlägereien und Tote. Teils verüben die Bösewichter die Morde. Teils verübt Reacher sie. Ebenfalls ohne erkennbare Skrupel. Und das explosive Finale ist mit seinen zahlreichen Kampfszenen ziemlich lang geraten. Gleichzeitig ist immer deutlich, dass die Serie als in sich abgeschlossene Geschichte für den kleinen Bildschirm geschrieben und inszeniert wurde.
„Reacher blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Dann marschierte er in diesselbe Richtung los. Die Sonne schien ihm in die Augen. Er erreichte die von Norden nach Süden führende Nebenstraße, suchte sich eine gute Stelle auf dem Bankett und reckte einen Daumen in die Höhe.“
(die letzten Zeilen von „Der Spezialist“)
Lee Child: Der Spezialist
(übersetzt von Wulf Bergner)
Blanvalet, 2021
448 Seiten
22 Euro
–
Originalausgabe
Past Tense (Reacher 23)
Bantam Press, London 2018
–
Lee Child: Größenwahn
(übersetzt von Marie Rahn)
Blanvalet, 2022 (Filmausgabe)
544 Seiten
11,00 Euro
–
Deutsche Erstausgabe
Heyne, 1998
–
anschließend bei Blanvalet mehrere Ausgaben
–
Originalausgabe
Killing Floor
Bantam Press, London 1997
–
Amazon-Prime-Video-Serie
Reacher(Reacher, USA 2022)
Regie: Norberto Barba, M.J. Bassett, Sam Hill, Omar Madha, Christine Moore, Lin Oeding, Stephen Surjik, Thomas Vincent
Drehbuch: Cait Duffy, Aadrita Mukerji, Scott Sullivan, Nick Santora
LV: Lee Child: Killing Floor, 1997 (Größenwahn)
mit Alan Ritchson, Malcolm Goodwin, Willa Fitzgerald, Hugh Thompson, Chris Webster, Bruce McGill, Maxwell Jenkins, Gavin White, Maria Sten, Kristin Kreuk, Marc Bendavid, Patrick Garrow, Lee Child (Cameo)
Länge: ~ 390 Minuten (8 Episoden)
FSK: ab 16 Jahre (Amazon-Freigabe ist ab 18 Jahre; in jedem Fall gibt es nackte Haut, Sex und Gewalt; wie in den Romanen)
Der Mann, der Liberty Valance erschoss (The man who shot Liberty Valance, USA 1962)
Regie: John Ford
Drehbuch: James Warner Bellah, Willis Goldbeck
LV: Dorothy M. Johnson: The Man, who shot Liberty Valence, 1953 (Kurzgeschichte, erschienen in „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“)
Als junger Anwalt kam Senator Ransom Stoddard nach Shinbone, einer kleinen Stadt im Wilden Westen, die von Liberty Valance, dem skrupellosen Handlanger der örtlichen Viehzüchter, denen Recht und Gesetz egal ist, beherrscht wird. Stoddard will das ändern.
Western-Klassiker und einer von John Fords schönsten Filmen.
mit James Stewart, John Wayne, Vera Miles, Lee Marvin, Edmund O’Brien, John Carradine, Woody Strode, Strother Martin, Lee Van Cleef
Als Mann gehöre ich definitiv nicht zur von Karoline Herfurth in ihrem neuen Film „Wunderschön“ angepeilten Zielgruppe. Die ist weiblich und sehr empfänglich für einen typischen Frauenfilm, der in Kinos gerne in „Ladies Night“-Vorstellungen mit Sekt und Taschentüchern gezeigt wird.
Karonline Herfurth erzählt in ihrem Episodendrama von fünf Frauen unterschiedllichen Alters, die miteinander verwandt oder befreundet sind und die in Berlin leben. Ein Berlin-Film ist „Wunderschön“ trotzdem nicht und will es auch nicht sein. Berlin ist nur der austauschbare Handlungsort für die Frauen, die mit ihrem Selbstbild, ihren eigenen und den Ansprüchen der Gesellschaft hadern.
Die 59-jährige Frauke (Martina Gedeck) möchte ihrer Ehe neuen Pep geben. Dafür bucht sie eine Tangokurs. Ihr Mann, Joachim Król in schönster Stinkstiefellaune, ist davon nicht begeistert.
Ihre Tochter Julie (Emilia Schüle), 24 Jahre, arbeitet als Model, hungert wie blöde, erzählt auf Instagram von ihrem tollen Leben (alles gelogen) und ist langsam zu alt für die große Karriere. Und sie hat ein, zwei Gramm Übergewicht. In dem Altbau, in dem sie zur Miete wohnt, trifft sie immer wieder das Nachbarsmädchen Toni, das immer allein im Hof und auf der Treppe herumhängt.
Auch Leyla (Dilara Ayli Ziem), 15 Jahre, ist unzufrieden mit ihrem Aussehen. Auf der Schule wird sie wegen ihres Gewichts gemobbt. Ihre Mutter Gabo (Melika Foroutan, schlanker als schlank, schöner als schön), Chefin einer Modelagentur, versorgt Leyla, in ihren wenigen freien Minuten, mit gesunder Nahrung und klugen Ratschlägen. Beides untergräbt Leylas Selbstwertgefühl noch weiter. Da entschließt sie sich, bei einer Baseballmannschaft ein Probetraining mitzumachen. Ihr Schlag ist atemberaubend. Auch ein Mitspieler, der auch der schönste Junge auf dem Spielfeld ist, verliebt sich in sie.
Leylas Kunstlehrerin Vicky (Nora Tschirner), 38 Jahre, Single, schnippisch, latent verpeilt und grundsympathisch (halt wie die Tschirner, die wir aus der Talkshow kennen), hat in dem Moment ein Auge auf den neuen Sportlehrer geworfen. Franz (Maximilian Brückner) wäre eigentlich der ideale Mann fürs Leben, wenn Vicky an längerfristigen Beziehungen interessiert wäre. Aber sie hat nun Mal diese Nur-einmal-Sex-Regel, die sie nach dem ersten Geschlechtsverkehr ändert.
Und dann ist da noch Sonja (Karoline Herfurth). Die 35-jährige ist eine glücklich verheiratete zweifache Mutter, die sich nach der Schwangerschaft für unattraktiv hält. Ihr Mann Milan (Friedrich Mücke) verdient gut als Banker. Vor allem nachdem er zum Abteilungsleiter befördert wird. Nur Sonja ist mit ihrem Leben als Vollzeit-Mutter und Hausfrau unglücklich. Viel lieber würde sie wieder Vollzeit arbeiten. Jetzt erhält sie ein verlockend klingendes Angebot für eine solche Stelle in einem hippen Büro.
Sie alle gehören zum bürgerlich-linksalternativen Milieu. Sie haben keine drängenden ökonomischen Probleme. Sie haben Bürojobs oder sind Lehrer in einer Klasse voller netter Kinder. Und alle von Herfurth porträtierten Paare entsprechen dem konservativen Familienbild. Sie sind heterosexuell und bleiben es. Sie haben oder suchen und bekommen ungefähr gleichaltrige Partner. Denn zu einem Feelgood-Movie gehört ein positives Ende.
Der Weg zur „Du bist schön, so wie du bist“-Erkenntnis führt über fünf vorhersehbare Geschichten, die immer an der Oberfläche bleiben. Es ist banales Herzschmerzkino mit schönen Menschen in schöner Umgebung, das etwaige Tiefen des Stoffes weiträumig umfährt. Daran ändern auch einige treffende Beobachtungen und Witze nichts. Entsprechend ausgedacht wirken die Konflikte, die Probleme und die Lösungen. Die Figuren sind dann auch eher ein- als zweidimensional. Die Männer existieren in dem Episodendrama nur noch als Stichwortgeber. Die Ausnahme ist der von Joachim Król gespielte Wolfi. Er verleiht seiner Figur in wenigen Szenen eine ungeahnte Tiefe. Für seine Frau Frauke ändert er sein Leben.
Das ist, auch dank des guten Ensembles, nie wirklich schlecht, aber auch nie wirklich gut. Alles bewegt sich immer im Fahrwasser ähnlich gelagerter deutscher Komödien. Daran ändern der weibliche Blick und dass hier Frauen und nicht Männer im Mittelpunkt stehen, nichts.
Wunderschön (Deutschland 2022)
Regie: Karoline Herfurth
Drehbuch: Lena Stahl, Monika Fässler, Karoline Herfurth
mit Karoline Herfurth, Nora Tschirner, Martina Gedeck, Emilia Schüle, Dilara Aylin Ziem, Joachim Król, Friedrich Mücke, Maximilian Brückner, Ben Litwinschuh, Luna Arwen Krüger, Melika Foroutan, Benjamin Sadler
Edward mit den Scherenhänden (Edward Scissorhands, USA 1990)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson
Zwischen seinen beiden „Batman“-Filmen drehte Tim Burton, der hier erstmals Carte Blanche hatte, dieses dunkle, romantische Märchen über den einsam in einem Schloss auf einem Hügel lebenden „Edward mit den Scherenhänden“. Als eine Kosmetikvertreterin ihn trifft, ist sie fasziniert von ihm und nimmt ihn mit in die typisch amerikanische Vorstadt. Dort ist Edward wegen einer motorischen Fähigkeiten zuerst sehr beliebt.
Ein schöner trauriger Film voller Humor und Skurrilitäten.
„ein Märchen. Und das erzählt er einem Publikum, das schon alle Märchen kennt, an keins mehr glaubt und sich doch danach sehnt. Und er erzählt es mit allen Emotionen, aller Naivität, aller Grausamkeit und auch aller Komik, die das Publikum erwarten darf.“ (Fischer Film Almanach 1992)
mit Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Vincent Price (seine letzte Rolle in einem Spielfilm), Alan Arkin
Die zweigeteilte Frau (La fille coupée en deux, Frankreich/Deutschland 2007)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol, Cécile Maistre
Als die TV-Wetterfee Gabrielle von ihrem verheirateten Liebhaber, einem deutlich älteren Bestsellerautor, verstoßen wird, nimmt sie sich einen neuen Liebhaber. Dieser hat allerdings einen seelischen Knacks.
In dem ruhigen Krimidrama über eine Frau zwischen zwei verkorksten Männern führt Claude Chabrol wieder einmal die französische Bourgeoisie vor. Sicher nicht sein bester Film und nach dem grandiosen „Geheime Staatsaffären“ eine Enttäuschung.
Mit Ludivine Sagnier, Benoît Magimel, François Berléand, Mathilda May
Schlechte Stimmung im Pott: Stahlarbeiter demonstrieren gegen drohende Massenentlassungen. Die mit 500.000 DM gefüllte Streikkasse wird geklaut. Ein Gewerkschaftsfunktionär wird ermordet. Kommissar Schimanski ermittelt zwischen und hinter allen Fronten.
Mit viel Ruhrpott-Patina gesättigter Schimanski-Krimi, der seine Geschichte nah an damals aktuellen Schlagzeilen und Konflikten entlang erzählt. Rio Reiser liefert den Streikenden die revolutionäre musikalische Unterstützung.
Mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Thomas Rech, Sabine Postel, Michael Brandner, Miroslav Nemec, Axel Götz, Ludger Pistor, Rio Reiser
Zuerst erschienen Pénélope Bagieus Frauenporträts in zwei Einzelbänden. Jetzt in der über dreihundert Seiten dicken Gesamtausgabe haben die dreißig Porträts schon etwas lexikalisches. Bagieu verdichtet die Leben der von ihr porträtierten Frauen äußerst gelungen in knappen Texten und betont einfachen Zeichnungen. Sie stellt, immer auf wenigen Seiten, Frauen vor, die für ihre Ziele kämpften. Mal kleinere, mal größere. Mal sind sie bekannter, mal unbekannter und, wenn sie bekannt waren, oft vergessen.
In „Unerschrocken“ erzählt Bagieu vom Leben, den Taten und dem Wirken von Clémentine Delait (Dame mit Bart), Nzinga (Königin von Ndongo und Matamba), Margaret Hamilton (Schauspielerin zum Fürchten), Las Mariposas (Rebellische Schwestern), Josephina van Gorkum (Verliebter Sturkopf), Lozen (Kriegerin und Schamanin), Annette Kellerman (Meerjungfrau), Delia Akeley (Entdeckerin), Josephine Baker (Tänzerin, Widerstandskämpferin, Mutter), Tove Jansson (Malerin und Herrin der Trolle), Agnodike (Gynäkologin), Leymah Gbowee (Sozialarbeiterin), Giorgina Reid (Leuchtturmretterin), Christine Jorgensen (Transsexuelle Berühmtheit), Wu Zetian (Kaiserin), Temple Grandin (Tierdolmetscherin), Sonita Alizadeh (Rapperin), Cheryl Bridges (Langstreckenläuferin), Thérèse Clerc (Realistische Utopistin), Betty Davis (Sängerin und Songwriterin), Nellie Bly (Journalistin), Phoolan Devi (Banditenkönigin), The Shaggs (Rockstars), Katia Krafft (Vulkanologin), Jesselyn Radack (Anwältin), Hedy Lamarr (Schaupielerin und Erfinderin), Naziq al-Abid (Aktivistin aus gutem Hause), Frances Glessner Lee (Puppenstubenforensikerin), Mae Jemison (Astronautin) und Peggy Guggenheim (Kunstsammlerin).
Nach der Lektüre der dreißig äußerst dichten Porträts von bekannten und unbekannteren Frauen ist offensichtlich, dass Frauen alles können, außer kochen.
Alle diese Frauen, die auf verschiedenen Kontintenten und zu verschiedenen Zeiten leben, verwirklichen ihre Träume. Sie wollen so leben, wie sie es sich vorstellen. Für dieses eigenständige Leben, ihre Ideen, Wünsche und Ziele verstoßen sie gegen Konventionen, überwinden Grenzen und Rollenzuschreibungen. Sie kämpfen gegen die von Männern für Männer aufgestellten Regeln, die der Erfüllung ihrer Ziele im Weg stehen. Und so erzählt Bagieu auch von den Regeln der Gesellschaften, in denen ihre unerschrockenen Frauen leben und wie in ihnen die Unterdrückung von Frauen gerechtfertigt und legitimiert wird.
Bagieu erzählt pointiert und mit viel Witz von ihren erfolgreichen Kämpfen und ihrem Leben. So können sie anderen Frauen und Mädchen als Vorbild dienen und Mut machen. Sie sind das Zielpublikum von Bagieus Porträts.
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Pénélope Bagieu: Unerschrocken – Dreißig Porträts außergewöhnlicher Frauen
(übersetzt von Claudia Sandberg und Heike Drescher)
Drehbuch: Peter Shaffer (nach seinem Theaterstück)
Wien, 1823: in der Psychiatire erzählt der frühere Hofkomponist Antonio Salieri einem Geistlichen, wie er Wolfgang Amadeus Mozart ermordete.
„Amadeus“ war damals ein hochgelobter, weltweiter Publikumserfolg. Und seitdem kennen wir auch Antonio Saliere. Jedenfalls seinen Namen.
Forman liefert „keine historisch-korrekte Musiker-Biographie und schon gar keinen ernstzunehmenden Beitrag zu dem Streit der Experten über Mozarts Todesursache. (…) Formans ‚Amadeus‘ nimmt die Ehrfurcht vor den Klassikern, ohne ihnen die Bedeutung abzuerkennen.“ (Fischer Film Almanach 1985)
Miloš Forman inszenierte auch „Einer flog übers Kuckucksnest“, „Hair“, „Ragtime“ und „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ (The People vs. Larry Flynt).
Arte zeigt die Kinofassung. 2002 erstellte Forman einen zwanzig Minuten längeren ‚Director’s Cut‘.
Mit F. Murray Abraham, Tom Hulce, Elizabeth Berridge, Simon Callow, Roy Dotrice
LV: Ben Mezrich: The Accidental Billionaires, 2009 (Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook – Eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug)
Fincher und Sorkin (The West Wing, The Newsroom), der für sein Drehbuch einen Oscar erhielt, erzählen die Geschichte von Facebook und Mark Zuckerberg.
Rasantes dialoglastiges Drama, bei dem jeder Satz trifft und einige junge Schauspieler ihr Können zeigen können.
Mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Rooney Mara, John Getz, Armie Hammer
In Edinburgh leben Renton und seine drogensüchtigen Kumpels in den Tag hinein, randalieren und versuchen ab und zu einen Entzug.
Von der ersten Sekunde an mitreisendes Kino, das gleichzeitig komisch, realistisch und überhöht ist. Inziwschen ist Danny Boyles grandiose Bestsellerverfilmung ein Klassiker des britischen Kinos.
„Wildes und wüstes Kino pur!“ (Fischer Film Almanach 1997)
mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Kevin McKidd, Robert Carlyle, Kelly Macdonald, Peter Mullan
Die Handlung von „Mulholland Drive“ kann, wie bei dem ähnlich strukturiertem „Lost Highway”, kaum wiedergegeben werden. Denn dafür springt sie zu sehr zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit, hin und her.
Der Neo-Noir-Mystery-Thriller beginnt mit einem Autounfall. Eine junge Schönheit (Laura Elena Harring) verliert dabei ihr Gedächtnis. Sie irrt durch das nächtliche Hollywood, findet bei der jungen Schauspielerin Betty (Naomi Watts) Unterschlupf und nennt sich, nach einem Filmplakat, Rita. Gemeinsam versuchen die beiden Frauen hinter Ritas Geheimnis zu kommen.
Diese Suche ist dann vollkommen irreal, surreal und doch auch vollkommen logisch. Inzwischen wird „Mullholland Drive“ David Lynchs vollendetstes Werk genannt.
Zahlreiche Preise und noch mehr Nominierungen sagen einiges über die Qualität von “Mulholland Drive” aus. Lynch erhielt 2001 beim Filmfestival in Cannes den Preis für die beste Regie. Der Film erhielt den César als bester ausländischer Film. Für Krimifans ist die Nominierung von „Mulholland Drive“ für den Edgar als bester Kriminalfilm des Jahres wichtig. Für Science-Fiction-Fans ist es die Nominierung für den Saturn Award als bester Science-Fiction-Film. Beide Male wurde Christopher Nolans „Memento“ als bester Film ausgezeichnet.
David Lynch: „Ich habe zuerst visuelle Einfälle (…) So war es auch bei ‚Mulholland Drive‘. Ich bin eines Nachts wirklich über diese Straße gefahren, oberhalb von Los Angeles in den Bergen von Santa Maria. Alles fügte sich in meinem Kopf zum perfekten Bild: die mystische Dunkelheit, die symbolischen Gegenstände, die unheimliche Atmosphäre. Es entstanden sofort ganz konkrete Vorstellungen, wie bestimmte Szenen in meinem Film auszusehen haben. (…) Ich glaube, man muss meine visuellen und akustischen Einfälle auf sich wirken lassen und in ihren Sog geraten. Und zum Schluss soll man aus dem Kino kommen und im Idealfall meine Bilder nicht mehr loswerden.“ (AZ, 31. Januar 2002)
Am 1. März wird „Total Recall – Totale Erinnerung“ (natürlich die grandiose Version von Paul Verhoeven mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle und, natürlich, in einer restaurierten Fassung) im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe gezeigt.
Mulholland Drive – Straße der Finsternis (Mulholland Dr., USA/Frankreich 2001)
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
mit Naomi Watts, Laura Elena Harring, Justin Theroux, Ann Miller, Robert Forster, Dan Hedaya, Lee Grant, Billy Ray Cyrus, Chad Everett, Mark Pellegrino
Brexit – Chronik eines Abschieds(Brexit: The uncivil war, Großbritannien 2019)
Regie: Toby Haynes
Drehbuch: James Graham
Packendes satirisches, äußerst dicht und flott erzähltes Drama über die Kampagne, die dazu führte, dass die Briten am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten. Im Mittelpunkt des Films steht der skrupellose Spindoktor Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch, grandios!), der die manipulative und vor Lügen strotzende „Vote Leave“-Kampagne zum Erfolg führte.
mit Benedict Cumberbatch, John Heffernan, Rory Kinnear, Simon Paisley Day, Lee Boardman
San Fernando Valley, Sommer 1973: Auf dem Schulhof lernt der Teenager Gary Valentine (Cooper Hoffman) die zehn Jahre ältere Alana Kane (die Musikerin Alana Haim) kennen. Sie ist die Assistentin für den Fotografen, der an diesem Fototag Bilder von den Schülern und den Klassen macht. Sie hängt eher gelangweilt herum. Da ist Garys gleichzeitig unverschämt offensives, großkotziges und pubertäres Werben um sie eine willkommene Abwechslung. Sie lässt sich von ihm sogar zu einem Date überreden.
Und das ist der Auftakt für eine deutlich über zweistündige Abfolge von Anekdoten aus diesem Sommer. Gary ist neben der Schule auch ein Schauspieler (zwar noch ganz am Anfang seiner Karriere, aber sehr ambitioniert) und ein Unternehmer. Auch hier steht er noch vor dem großen Durchbruch, aber er ist sehr ambitioniert und von jeder seiner Geschäftsideen hundertfünfzigprozentig überzeugt. Zum Beispiel mit dem Verkauf von Wasserbetten oder, nachdem er erfährt, dass Flippern in Kalifornien legalisiert werden soll, eröffnet er eine Halle mit Flipperautomaten.
Alana ist in diesen Tagen seine Fahrerin und Freundin. Wobei unklar ist, ob sie seine ‚Freundin‘ werden soll oder sein ‚Freund‘ ist. Jedenfalls sind sie, trotz des Altersunterschieds, ziemlich unzertrennlich. Und Paul Thomas Anderson zeigt diesen schüchterne und auch unbeholfene, von großer Unsicherheit gekennzeichnete Umwerben äußerst feinfühlig.
Sie hilft Gary bei seinen Geschäften und fährt auch einmal einen Laster rückwärts die Berge hinunter, weil erstens ihr Kunde, der extrem cholerische Filmproduzent und Barbara-Streisand-Freund Jon Peters (Bradley Cooper), mit dem Aufbau des Wasserbettes unzufrieden ist, und zweitens, während der Ölkrise, der Tank des Wagens leer ist. Aber bergab braucht man kein Benzin, sondern gute Bremsen.
Sie will auch Schauspielerin werden. Gary vermittelt ihr einen Vorsprechtermin. Dabei lernt sie Jack Holden (Sean Penn; Vorbild war William Holden) kennen. Zusammen mit ihm und Rex Blau (Tom Waits; Vorbild war Regisseur Mark Robson [„Erdbeben“]) verbringen sie einen Abend voller Alkohol und männlicher Angeberei. Schließlich beweist Holden sich sturzbetrunken als Motorradfahrer.
Sie wird Freiwillige im Wahlkampfteam des jungen, charismatischen Politiker Joel Wachs (Benny Safdie). Er kandidiert für das Bürgermeisteramt von Los Angeles. Auch er ist eine reale Figur, die unter ihrem echten Namen auftritt. Das Vorbild für Gary Valentine war der mit Paul Thomas Anderson befreundete Gary Goetzman. Er erzählte ihm Geschichten von seiner Jugend. Heute produziert Goetzman, oft mit Tom Hanks in der Hauptrolle, Filme wie „My Big Fat Greek Wedding – Hochzeit auf griechisch“, „Mamma Mia!“, „Larry Crowne“ und „Ein Hologramm für den König“.
Paul Thomas Anderson taucht in seinem neuen Film „Licorice Pizza“ tief in frühen Siebziger in Kalifornien ein. Eigentlich sieht das Episodendrama wie ein gut fünfzig Jahre alter Dokumentarfilm aus. Die Hauptrollen werden von den Spielfilmdebütanten Cooper Hoffman, Sohn von Philip Seymour Hoffman, und Alana Haim gespielt. Das restliche Ensemble besteht, manchmal in Personalunion, aus Freunden von Anderson, bekannten Schauspielern und der Familie von Alana Haim, die die Familie von Alana Kane spielen.
Die Abfolge der von Anderson erzählten Anekdoten folgt dabei keiner strikten Chronologie oder erzählerischen Notwendigkeit. Deshalb könnte „Licorice Pizza“ problemlos eine halbe Stunde länger oder kürzer sein.
Wenn man auf diese Art von weitgehend plotlosen Erinnerungsfilmen voller warmherziger Nostalgie und in diesem Fall cineastischer Anspielungen steht, dann wird man von „Licorice Pizza“ begeistert sein. Die meisten Kritiker sind es.
Ich halte das Drama für überbewertet; das liegt allerdings daran, dass ich diese Art von Filmen, in denen tagebuchhaft einfach Episoden und Anekdoten aneinandergereiht werden, für schwierig halte und ich vor allem Gary reichlich unsympathisch fand. Er ist in erster Linie kein Teenager, der sich zum ersten Mal verliebt, sondern ein Schüler, der ständig das nächste große Geschäft wittert und umsetzt. Seine ganze Existenz dreht sich um das Angeben mit seinen Taten und um das Geld verdienen. Er ist ein archetypischer Kapitalist, für den der ständig getragene Anzug die stolz getragene Arbeitskleidung ist. Dabei darf er noch nicht einmal Auto fahren oder Bier trinken. Dieser Gary, der Protagonist, mit dem wir mitfühlen sollen, wirkt die meiste Zeit wie ein schmieriger, ichbezogen-egomanischer Verkäufer. Vor solchen Menschen haben uns unsere Eltern immer gewarnt.
„Licorice Pizza“ ist nicht schlecht. Er hat sogar viele gute Szenen, aber die anderen Filme von Paul Thomas Anderson, zum Bespiel sein ebenfalls in den frühen Siebzigern spielender Privatdetektivkrimi „Inherent Vice – Natürliche Mängel“, sind besser.
Licorice Pizza (Licorice Pizza, USA 2021)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
mit Alana Haim, Cooper Hoffman, Bradley Cooper, Benny Safdie, Tom Waits, Sean Penn, Nate Mann, Will Angarola, Joseph Cross, Maya Rudolph
Zombie 2 – Das letzte Kapitel (Day of the Dead, USA 1985)
Regie: George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero
Eine Gruppe Wissenschaftler und Militärs haben sich in Florida vor den Zombies in eine unterirdische Militäranlage zurückgezogen. Bevor die Zombies die Anlage stürmen, liefern die Menschen viele gute Gründe, warum ihr Überleben nicht wünschenswert ist.
„Zombie 2“ erlebt heute Nacht seine ungekürzte (!) TV-Premiere. Der Titel ist etwas irreführend. Denn „Day ot the Dead“ ist nach „Die Nacht der lebenden Toten“ (Night of the living Dead, USA 1968) und „Zombie“ (Dawn of the Dead, USA 1978) der dritte Zombie-Film von Romero.
Die seriöse Filmkritik meinte gewohnt ablehnend zu dem Splatterfilm: „reichlich ekelerregende Horroreffekte der härteren Art“ (Lexikon des internationalen Films) oder „Anstatt neue Zombie-Filme zu drehen, könnte man auch den ersten ‚Die Nacht der lebenden Toten’ in zeitlichen Abständen immer wieder neu starten. Viel hat sich seitdem bestimmt nicht verändert, weder die Geschmacksgewohnheiten der Zombies noch die ihrer Fans.“ (Fischer Film Almanach 1988). Die Zensurgeschichte folgte auch den bekannten Mustern.
Romero war mit dem bis dahin härtesten Zombiefilm zufrieden und den Fans gefiel er. Etliche halten ihn, wie Romero, für den Besten der Serie. Dabei sollte bei all den Morden, die einen stabilen Magen verlangen, nie die in Romeros Zombie-Filmen enthaltene überaus düstere Diagnose der Gesellschaft übersehen werden.
George A. Romero: „Ich finde ‚Day of the Dead‘ ist wirklich ein dunkler, apokalyptischer und tragischer Film, weil man sieht, dass nicht die atomare Bedrohung uns kriegen wird, sondern wir selbst.“
Mit Lori Cardille, Terry Alexander, Joseph Pilato, Richard Liberty, Howard Sherman, Jarlath Conroy, Gregory Nicotero
Jeder hat schon einmal auf so einem Stuhl gesessen. Aber, so meine kleine persönliche Umfrage, niemand kennt den Namen des Stuhls und, wenn ich ihn dann beschreibe, dauert es ziemlich lange, bis mein Gesprächspartner weiß, welchen Stuhl ich meine. Dabei stehen sie, heute vielleicht weniger als früher, überall herum. Vor allem auf Campingplätzen, in Freibädern, auf Sportplätzen, in Vereinsheimen und in Schrebergärten sind sie allgegenwärtig. In Fußgängerzonen, vor allem vor Schnellimbissen, stehen sie auch herum. Denn sie kosten fast nichts und sie sind praktisch. Sie können gestapelt und schnell gesäubert werden. Ein Wasserstrahl genügt. Wenn sie kaputt gehen oder geklaut werden, hält sich der Verlust in Grenzen.
Erfunden wurde der Monobloc in seiner heute bekannten Form in den frühen Siebzigern von Henry Massonnet (1922 – 2005). Die Idee war, in einem einzigen Arbeitsschritt in einer Gussform den Stuhl herzustellen. Verwandt wird dafür der weit verbreitete Kunststoff Polypropylen. Das dauerte zuerst ungefähr zwei Minuten pro Stuhl. Heute entsteht er in 50 bis 55 Sekunden. In einer Stunde entstehen über 60, in 24 Stunden ungefähr 1500 Stühle.
1974 erhielt Massonet für seine Erfindung den „Oscar du Meuble“. Allerdings schützte er seine Idee nicht durch ein Patent. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Stuhl zum meistverkauften Möbelstück aller Zeiten werden sollte. Heute soll es eine Milliarde Monoblocs geben.
Eine italienische Firma, geführt von einigen verschmitzten Brüdern, übernahm flink die Idee, änderte einige Details und stellt seitdem den Monobloc her. Neben etlichen kleineren Konkurrenten.
Hauke Wendler drehte jetzt eine den Blick auf diesen Stuhl richtende und den Blick auf diesen Stuhl verändernden Dokumentarfilm. Er geht auf die Geschichte des Stuhls ein. Er befragt in Deutschland in Fußgängerzonen Menschen, was sie über den Stuhl denken. Nicht viel; das kann schon verraten werden.
Und er zeigt, dass dieser billige, rein funktionale Plastikstuhl in ärmeren Regionen als Stuhl, der bezahlt werden kann, wichtig ist. Er kann auch zu einem Plastik-Rollstuhl werden. Wendler zeigt, wie in Uganda aus der Sitzfläche eines Monoblocs und vier Rädern schnell ein funktionaler Rollstuhl entsteht. Für die dort lebenden Menschen ist es die Frage, ob sie keinen oder diesen Rollstuhl, den sie auch selbst reparieren können, haben wollen.
Das ist durchaus kurzweilig und informativ. Allerdings zeigt Wendler für meinen Geschmack zu viele Beispiele aus der ganzen Welt über den Gebrauch und die Verwendung des Stuhls. Das wirkt dann manchmal wie eine TV-Reportage für den „Weltspiegel“ oder das „auslandsjournal“. Dagegen kommt die Design-, Industrie- und Kulturgeschichte des Stuhls zu kurz. Diese Teile der Doku fand ich wesentlich interessanter und darüber hätte ich gerne noch viel mehr erfahren. Auch über die ökologischen Kosten dieses Plastikstuhls hätte er mehr sagen können.
Aber auch so verändert „Monobloc“ den Blick auf den Monobloc nachhaltig.
Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don’t look now, Großbritannien/Italien 1973)
Regie: Nicolas Roeg
Drehbuch: Allan Scott, Chris Bryant
LV: Daphne du Maurier: Don’t look now, 1971 (Dreh dich nicht um, Kurzgeschichte)
Nach dem Unfalltod ihrer kleinen Tochter nimmt Restaurator John Baxter mit seiner Frau einen Job in einer Kirche in Venedig an. Dort glaubt er, seine Tochter zu sehen.
Horrorfilmklassiker.
„Dieses Meisterwerk des englischen Kinos von einem der größten lebenden Regisseure kann man nicht genug loben: Ein Festmahl für Herz, Verstand und Sinne (…) Großartig, gehört zum besten, was das Genre zu bieten hat.“ (James Marriott, Kim Newman: Horror, 2006)
Mit Julie Christie, Donald Sutherland, Hilary Mason, Clelia Matania, Massimo Serato, Leopoldo Trieste, Renato Scarpa