Die beste aller Welten (Österreich/Deutschland 2017)
Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Adrian Goiginger
Starkes autobiographisches Drama über einen Jungen und seine drogensüchtige Mutter, die ihn in einer Sozialsiedlung am Stadtrand von Salzburg groß zieht. Sie sind arm. Aber sind sie auch glücklich?
Bald ist es soweit: der neue Film mit Brad Pitt startet Anfang August in den Kinos. Die Werbemaschine mit Trailern, Pressekonferenzen und Autogrammen auf dem roten Teppich läuft und erzeugt die notwendige Aufmerksamkeit für die Actionkomödie, die auf einem Roman von Kotaro Isaka basiert.
In Japan ist der 1971 geborene Isaka ein Bestsellerautor. Bis jetzt veröffentlichte er 24 Romane. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem von den Mystery Writers of Japan, und mehrere seiner Bücher waren für den prestigeträchtigen Naoki-Preis nominiert. Übersetzungen erschienen bereits in den USA, China, Korea, Frankreich und Italien. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.
„Bullet Train“, die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung, erschien im Frühling auf Deutsch und es ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka. Im Original erschien der Thriller bereits 2010. Für die Romangeschichte ist das Jahr egal. Sie spielt in einem etwas zeitlosem Paralleluniversum, in dem es Mobiltelefone und jugendliche Killer gibt und sich niemand darüber wundert.
Satoshi Oji, genannt „Der Prinz“, ist dieser jugendliche Killer. Er ist ein vierzehnjähriger hochintelligenter und hochgradig psychopathischer Schüler, der seine Mitschüler terrorisiert und bereits für mehrere Morde verantwortlich ist. Eines seiner Opfer ist Wataru Kimura. Der Sechsjährige liegt im Krankenhaus im Koma. Sein Vater Yuichi Kimura will Oji dafür töten. Früher war Kimura ein Profikiller, heute ist er ein alleinerziehender Alkoholiker.
Kimura steigt in Tokio in den Shinkansen Hayate. Neben ihm und Oji sind noch ungefähr drei weitere Killer im Zug, die nichts voneinander wissen, aber bis zur Endstation aufeinandertreffen. Einige von ihnen überleben die Begegnung nicht.
Die Prämisse von „Bullet Train“ – Ein Zug, fünf Killer, ein Koffer voller Geld: Wer überlebt? – ist so einfach wie genial. Schließlich hat sie, ohne dass der Autor lange überlegen muss, das Potential für einige Körperverletzungen, Straftaten und, selbstverständlich, Morde. Dass da schnell an eine Verfilmung gedacht wird, ist nachvollziehbar. Doch dazu später mehr. Bleiben wir zuerst bei dem Roman.
Er beginnt mit der Zugabfahrt. Fünf Seiten später befindet sich Kimura, gefesselt an einen Sitzplatz, in der Gewalt von Oji. Auf den nächsten Seiten stellt Isaka die anderen Killer vor, die ebenfalls in dem fast leeren Hochgeschwindigkeitszug mitfahren.
Das sind die beiden Killer Lemon und Tangerine, die oft für Zwillinge gehalten werden (sind sie nicht) und „Die Zitrusfrüchte“ genannt werden. Tangerine liebt klassiche Literatur. Lemon liebt eine alte Kinder-TV-Serie über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde. Er kennt alle Loks und ihre Eigenschaften. Bei ihnen ist Minegishi Junior, der von ihnen aus den Händen von Entführern befreite Sohn eines Gangsterbosses, und der Koffer mit dem Lösegeld. Dummerweise verschwindet der Koffer spurlos und Minegishi Junior verstirbt einfach so im Zug. Weil sein Vater Yoshio Minegishi einer dieser knallharten Gangsterbosse, der Fehler mit dem Tod bestraft, ahnen Lemon und Tangerine, dass das ihr Todesurteil ist.
Fünfter im Bunde ist Nanao, genannt „Der Marienkäfer“. Er soll einen Koffer klauen. Dummerweise ist er vom Pech verfolgt und damit eigentlich der ungeeignetste Mann für alle halb- und illegalen Aufträge.
Im Lauf der Geschichte stoßen weitere Killer, auch eine unscheinbar aussehende Killerin, mit teils sehr speziellen Mordmethoden dazu.
Das klingt jetzt nach einem großen Spaß: auf gut vierhundert Seiten machen sich ein über ein halbes Dutzend Killer während einer kurzen Zugfahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug das Leben zur Hölle. Doch schnell wird „Bullet Train“ zu einer ziemlich eintönigen Zeitschinderei. Die Killer laufen immer wieder durch den Zug, lassen einen Koffer mal verschwinden, mal wieder auftauchen, nur um zu sehen, wie die anderen Passagiere darauf reagieren. Die Story bringt dieses Versteckspiel nicht voran.
Die Figuren bleiben bei diesem Hin- und Hergerenne im Zug eindimensionale Comicfiguren. Jede von ihnen hat ein, zwei Gimmicks (wie eine Leidenschaft für Thomas, die kleine Lokomotive, oder immerwährendes Pech), die ihnen einen Wiedererkennungswert, aber keine Persönlichkeit verschaffen. Sie haben keine weitergehende Motive, Ziele und Wünsche. Sie wollen nur einen Auftrag zu erledigen. Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Und wenn das Hindernis ein Mensch ist, wird dieser irgendwann getötet.
Problematisch ist die von Isaka gewählte Struktur. Er wechselt nämlich kontinuierlich zwischen den verschiedenen Killern. Etliche Ereignisse erzählt er aus mehreren Perspektiven. Beim Lesen stellt sich, weil wir die gleichen Ereignisse zuerst aus der Perspektive von dem einen Killer, dann aus der von einem anderen Killer noch einmal erfahren, schnell das Gefühl des Stillstands ein. Ich hatte beim Lesen sogar den Verdacht, dass ich, wenn ich nur die Geschichte von einem der Killer verfolgen und die anderen Kapitel überblättern würde, nichts wesentliches verpassen würde.
Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass der Thriller mit seinen überraschenden Wendungen, die deutlich von asiatischen Actionfilmen und Mangas inspiriert sind, mir als Teenager gefallen hätte.
Die Rechte für die Verfilmung gingen dann nach Hollywood. Aus einem harten Actionthriller wurde letztendlich eine Actionkomödie. Aus den im Buch rein japanischen Killern wurde eine beachtliche Hollywood-Starbesetzung, die sich im Shinkansen das Leben zur Hölle macht und versucht, sich gegenseitig umzubringen. Also nicht die Schauspieler, sondern die von ihnen gespielten Figuren.
Kotaro Isaka: Bullet Train
(übersetzt von Katja Busson)
Hoffmann und Campe, 2022
384 Seiten
22 Euro
–
Originalausgabe
Mariabitoru
Kadokawa, Tokio, 2010
–
Die Verfilmung (startet am 4. August; die Besprechung gibt es zum Kinostart)
Eigentlich sollte das tolle Justizdrama „Vergiftete Wahrheit“ der heutige Tagestipp werden. Aber weil im Ersten das Halbfinale der Frauen-EM übertragen wird (wogegen wenig gesagt werden kann), ist die TV-Premiere von Todd Haynes‘ Film (mit einem grandiosem Mark Ruffalo in der Hauptrolle) jetzt nicht mehr für 22.50 Uhr, sondern für 23.45 Uhr angekündigt. Deshalb gibt es für die Nicht-Fußball-Fans, wieder einmal
Leonardo DiCaprio spielt einen Spion, der sich in die Gehirne von anderen Menschen einloggt. Jetzt soll er allerdings nichts ausspionieren, sondern eine schädliche Idee in das Gehirn seines Opfers implantieren.
Die Kritiker waren begeistert von “Batman“ Christopher Nolans Mindfuck. Die Zuschauer ebenso. Die Kinobetreiber zählten strahlend die verkauften Eintrittskarten. Denn „Inception“ ist ein inzwischen seltenes Beispiel für Blockbusterkino, bei dem man sein Gehirn nicht an der Kinokasse abgeben muss.
mit Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Cillian Murphy, Tom Berenger, Marion Cotillard, Pete Postlethwaite, Michael Caine, Lukas Haas
Gentleman-Gauner Walter will mit seiner Gang einen kostbaren Dolch aus dem Topkapi-Museum in Istanbul klauen. Ohne die Hilfe des zwielichtigen Fremdenführers Arthur haben sie keine Chance.
Mit dem düsteren Gangsterfilm „Rififi“ erfand Dassin das Caper-Movie, mit seiner Parodie „Topkapi“ trug er es stilbewusst, gedreht vor Ort mit einem glänzend aufgelegtem Ensemble zu Grabe. Alle späteren Capers bewegen sich in den von Dassin formvollendet präsentierten Grenzen.
Amblers Buch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis. Und Peter Ustinov eine Oscar als bester Nebendarsteller.
Mit Melina Mercouri, Peter Ustinov, Maximilian Schell, Robert Morley, Akim Tamiroff
Die Erinnerungen eines erblindeten Drehbuchautoren an eine nicht fertig gestellte Komödie, seine große Liebe und einen für sie tödlichen Autounfall dienen Almodóvar als Ausgangspunkt für einen Film im Film im Film – und wir Zuschauer sind nie verwirrt, sondern verzaubert, wenn flugs und zitatreich die Zeitebenen und Genres gewechselt werden.
Für das „Lexikon des internationalen Films“ gehört „Zerrissene Umarmungen“ „zum Anrührendsten und Schönsten, was das europäische Kino aktuell zu bieten hat“.
Anschließend, um 22.15 Uhr, zeigt Arte die brandneue einstündige Doku „Penélope Cruz: Diva im Spiegel“ (Frankreich 2022).
mit Penélope Cruz, Lluís Homar, Blanca Portillo, José Luis Gómez, Rubén Ochandiano, Tamar Novas
Rififi (Du rififi chez les hommes, Frankreich 1954)
Regie: Jules Dassin
Drehbuch: René Wheeler, Jules Dassin, Auguste le Breton
LV: Auguste le Breton: Du rififi chez les hommes, 1953
Kaum draußen aus dem Gefängnis plant Toni zusammen mit seinen Freunden Jo und Mario den Einbruch in ein Juweliergeschäft. Der Einbruch gelingt. Dann kommt ihnen eine rivalisierende Bande auf die Spur.
Mit „Rififi“ begründete Dassin das Caper-Movie: ein Film, bei dem die Planung und Durchführung eines Einbruches mit Mittelpunkt steht. „Dassins Film wirkt ein wenig wie die Synthese aus seinen eigenen realistischen Kriminalfilmen aus Hollywood, das er der antikommunistischten Hexenjagden McCarthys wegen hatte verlassen müssen, und den französischen Filmen aus der Tradition des Poetischen Realismus. Dabei potenziert sich der Pessimismus so sehr wie die Stilisierung: In einer halbstündigen Sequenz, in der der technische Vorgang des Einbruchs gezeigt wird, gibt es weder Dialoge noch Musikuntermalung. Die technische Präzision, die fast ein wenig feierlich zelebriert wird und in der die Männer ganz offensichtlich ihre persönliche Erfüllung finden, mehr als in der Freude über die Beute, steht dabei im Gegensatz zu ihrem fast ein wenig melancholischen Wesen.“ (Georg Seeßlen)
Am Montag, den 25. Juli, zeigt Arte um 20.15 Uhr „Topkapi“ (USA 1964), Dassins gelungene und überaus beliebte „Rififi“-Parodie.
Mit Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Perlo Vita (Pseudonym von Dassin)
Jetzt geht die unappetitliche, kommerziell sehr erfolgreiche „Monsieur Claude“-Filmserie in die dritte Runde. Der erste Auftritt des nationalistischen Provinzanwalts lockte in Frankreich über zwölf Millionen Zuschauer in die Kinos. In Deutschland waren es gut vier Millionen. Der zweite Teil lockte in Frankreich immer noch 6,8 Millionen in die Kinos. Damit stehen beide Filme in den Top 100 der größten Erfolge in der Geschichte des französischen Films. In Deutschland sahen sich im Kino knapp 1,4 Millionen Zuschauer die Komödie an. Damit landete sie mühelos in den Top Twenty der meistbesuchten Filme des Jahres. Der dritte „Monsieur Claude“-Film hat in Frankreich bereits fast 2,5 Millionen Zuschauer erreicht. Bei uns startet er in über sechshundert Kinos.
Dieses Mal dreht sich die Filmgeschichte vor allem um den vierzigsten Hochzeitstag von Claude Verneuil und seiner Frau Marie. Während der Pensionär diesen Tag ohne größeres Aufsehen begehen möchte, planen seine vier Töchter in aller Heimlichkeit ein großes Fest, zu dem selbstverständlich auch die in der ganzen Welt verstreut lebenden Schwiegereltern eingeladen werden.
Das Chaos ist vorprogrammiert und natürlich gibt es, wenn die verschiedenen Generationen und durchweg grenzwertigen Familien aufeinanderprallen, genug Raum für Witze. Und damit kommen wir zu dem unappetitlichem Teil der Serie. Sie pflegt und bejaht fröhlich konservative und reaktionäre Ressentiments und Vorurteile.
So wird in „Monsieur Claude und seine Töchter“ (2014) zuerst postuliert, dass wir alle Rassisten sind. Das am Filmende empfohlene Gegenmittel gegen den Rassismus ist der Nationalismus in der Form des Gaullismus. In „Monsieur Claude 2“ (2019) wird das heile Provinzleben gegen das schlimme, in Kriminalität, Aggression und Hass versinkende Großstadtleben empfohlen. Am Ende der Komödie ziehen Monsieur Claudes Töchter und ihre Männer in die Provinz, in der es – abseits aller Fakten – keinen Rassismus gibt.
Im dritten „Monsieur Claude“-Film wird sich, ähnlich eindimensional, das nächste konservative Lieblingsthema vorgenommen: die angestammte Rolle der Frau, die hier, wieder einmal, auf die drei Ks „Kinder, Küche, Kirche“ reduziert wird.
Monsieur Claudes Töchter haben, zum Entsetzen des katholischen Monsieur Claude in „Monsieur Claude und seine Töchter“, einen Juden, einen algerischstämmigen Muslim, einen Chinesen und einen Schwarzafrikaner geheiratet. Die kindsköpfigen Männer verdienen jetzt in dem Dorf Chinon das Geld als Unternehmer, Anwalt, Bankier und Schauspieler. Ihre Frauen ziehen die vielen Kinder groß, besuchen die Kirche, schmeißen klaglos den Haushalt und können sich kein anderes Leben vorstellen. Sie und alle anderen Frauen in dem Film finden ihre Erfüllung in diesen Tätigkeiten.
Quasi nebenbei werden die künstlerischen Ambitionen von Monsieur Claudes Tochter Ségolène, die in der Familie geduldet werden, als talentloses, modernistisches Geschmiere abgewatscht. Wieder einmal werden die moderne Kunst und berufliche Ambitionen von Frauen der Lächerlichkeit preisgegeben. Es sind billige Pointen, die schon vor vierzig, fünfzig Jahren einen leicht ranzigen Geschmack hatten. Ebenso nebenbei bekommen im dritten „Monsieur Claude“-Film Veganer eine Klatsche. Eine Tochter von Monsieur Claude ist jetzt Veganerin. Die von ihr aufgetischten veganen Platten sind eine ausgesprochen lieblose Präsentation von Gemüse.
Diese rückwärtsgewandten Ansichten werden glorifiziert. Es wird also nicht über Monsieur Claude und seine reaktionären Ansichten gelacht, sondern es wird mit ihm gelacht. Die Filme bestätigen und verstärken so die angesprochenen Vorurteile. Eben diese Haltung macht die „Monsieur Claude“-Filme zu so unappetitlichen Komödien.
Monsieur Claude und sein großes Fest(Qu’est-ce qu’on a tous fait au Bon Dieu?, Frankreich 2022)
Regie: Philippe de Chauveron
Drehbuch: Guy Laurent, Philippe de Chauveron
mit Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan, Medi Sadoun, Frédéric Chau, Noom Diawara, Frédérique Bel, Émilie Caen, Élodie Fontan, Alice David, Pascal N‘Zonzi, Salimata Kamate, Daniel Russo, Nanou Garcia, Abbes Zahmani, Farida Ouchani, Bing Yin, Li Heling, Jochen Hägele
Die in Wuppertal in der Psychiatrie arbeitende und lebende Pflegerin Sissi (Franka Potente) will unbedingt den Mann finden, der nach einem Autounfall ihr Leben rettete. Aber er ist zunächst nicht zu finden, will sich dann nicht mit ihr treffen und ist in einen Banküberfall verwickelt. Nichts davon hält Sissi ab. Denn Bodo ist nicht nur ihr Lebensretter, sondern auch der Mann ihres Lebens.
Nach dem Welterfolg „Lola rennt“ war sein nächster Film „Der Krieger und die Kaiserin“, wieder mit Franka Potente in der Hauptrolle, das Kontrastprogramm: anstatt knapp achtzig Minuten Tempo gibt es Langsamkeit in epischer Länge. Trotzdem ist das über deutlich über zweistündige Märchen sehenswert. Und eine Liebeserklärung an Tykwers Geburtsort, der hier zu einem Ort wird, in dem die profane Realität nicht mehr existiert.
„Eine faszinierende filmische Entdeckung der Langsamkeit, die in der urbanen Architektur Wuppertals ein reizvolles Sinnbild entdeckt.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Franka Potente, Benno Fürmann, Joachim Król, Lars Rudolph, Melchior Beslon, Ludger Pistor, Jürgen Tarrach, Natja Brunckhorst, Marita Breuer
Harper will einige Tage allein in Cotson Manor verbringen und den Tod ihres kürzlich verstorbenen Ehemannes verarbeiten. Sie fühlt sich für James‘ Tod wenigstens mitverantwortlich. Nach einem Streit stürzte er in London vom Balkon des Hauses, in dem sie wohnen. Die genaueren Umstände erzählt Alex Garland in seinem neuen Film „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ in mehreren kurzen Rückblenden. Im Zentrum des Horrorfilms stehen Harpers Tage in Cotson. Sie streift durch den menschenleeren Wald, sieht in einer Ruine einen nackten Mann, der später in ihr Haus eindringen will. Und sie trifft andere Männer, wie den Vermieter, einen Pfarrer, Polizisten und einen einen eine Maske tragenden Jungen, die sich alle etwas seltsam und bedrohlich verhalten.
Nach zwei überzeugenden Science-Fiction-Spielfilmen – „Ex Machina“ (Ex Machina, USA/Großbritannien 2014) und „Auslöschung“ (Annihilation, USA 2018) – widmet Alex Garland sich in „Men“ dem Horrorfilm. Vor allem dem Folk-Horrorfilm und dem psychologischen Horrorfilm. Garland übernimmt vollständig den Blick seiner Hauptperson. Er erzählt seine Geschichte eindeutig aus Harpers Perspektive. Ihre Trauer, Schuldgefühle und Ängste bestimmen die Geschichte. Deshalb ist es nur konsequent, Rory Kinnear (Tanner in den Daniel-Craig-James-Bond-Filmen) fast alle Männer spielen zu lassen. Für Harper sind nach dem Tod ihres gewalttätigen Ehemannes alle Männer bedrohlich und sie sehen auch alle, mehr oder weniger, gleich aus. Sie werden auch, mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger eindeutig, übergriffig. Der überaus servile Besitzer von Cotson Manor ist zu höflich, macht unpassende Anspielungen und stellt, als er ihr sein Haus zeigt, unverschämte Fragen, der Grüne Mann ist aufdringlich nackt und bedrohlich, der Pfarrer ist schon bei der ersten Begegnung zu besorgt und, anstatt Harper Trost zu spenden, verstärkt er ihre Schuldgefühle, der neunjährige Samuel verströmt hinter seiner Maske eine irritierende Mischung aus Unverschämtheit und Höflichkeit, der Polizist und die im Pub Bier trinkenden Männer scheinen nur daran interessiert zu sein, Harper die Schuld für ihre Probleme zuzuschieben. Wie es schon ihr tödlich verunglückter Mann getan hat.
Sie ist ein Opfer, sie soll sich als Opfer fühlen und wird von den Männern als passives Objekt ihrer Begierden betrachtet. Für Harper sollen die Tage in Cotson Manor, jedenfalls hat sie das so geplant, auch dazu dienen, sich aus dieser passiv duldenden Rolle zu befreien. Also vom Objekt zum Subjekt ihres Lebens zu werden; – wobei, je mehr wir über James‘ Tod erfahren, diese eindeutige Zuordnung diffuser wird.
Garland lotet in seiner Folk-Horror-Geschichte geduldig, mit einem präzisen Blick für religiös und mythologisch aufgeladene Details (wie die Äpfel und der Grüne Mann), in langen stummen Szenen und wenigen Dialogen Harpers Gefühlsleben aus. Dabei vertraut er auf Jessie Buckley („The lost Daughter“), die Harper spielt, ihren von Rory Kinnear gespielten Antagonisten und die Bilder von seinem Stamm-Kameramann Rob Hardy. Mit ihren intensiven Farben und dem präzise komponiertem Bildaufbau verstärken sie schon von der ersten Minute an die beunruhigende Atmosphäre.
So gelungen dieser Spannungsaufbau ist, so schnell ist auch klar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird. Außerdem ist das Body-Horror-Finale etwas zu lang geraten.
Men – Was dich sucht, wird dich finden (Men, Großbritannien 2022)
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
mit Jessie Buckley, Rory Kinnear, Paapa Essiedu, Gayle Rankin, Sarah Twomey, Zak Rothera-Oxley, Sonoya Mizuno
Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist (nach der Erzählung „Gräns“ von John Ajvide Lindqvist)
Zollbeamtin Tina kann Gefühle erschnüffeln. Bei der Jagd auf Verbrecher ist dieses Talent ein Vorteil. Als sie bei einer Zollkontrolle Vore trifft, versagt ihr Geruchssinn. Aber sie weiß, dass er etwas verbirgt und dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt.
Zu Recht hochgelobtes genreüberschreitendes Drama. „Das grandiose Drama verwebt sozialen Realismus, Fantasy und skandinavische Mythologie zu einem zwitterhaften Werk, in dem aktuelle gesellschaftliche Debatten um Identitat, Ausgrenzung und Rassismus anklingen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitender Ausnahmefilm.“ (Lexikon des internationalen Films; dort auch in der Liste der 20 besten Kinofilme des Jahres 2019)
Als Birgit Weyhe in den USA an einer Universität im Mittleren Westen für zwei Monate unterrichtet und darüber erstaunt ist, dass sie im Supermarkt Schusswaffen, aber keinen Wein oder frisches Brot kaufen kann, erreicht sie eine Anfrage für ein Interview. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin trifft sie sich mit Priscilla Layne, einer US-amerikanischen Germanistik-Professorin, die gerade in der deutsche Hauptstadt lebt. Die beiden Frauen verstehen sich gut. Weyhe hat später die Idee, einen Comic über Layne und ihr ungewöhnliches Leben zu zeichnen.
Aus dieser Idee entstand „Rude Girl“. In dem Comic erzählt Weyhe von Laynes Kindheit, Jugend und ihrem späteren Leben. Während Weyhe eine „mittelalte weiße Frau aus Norddeutschland“ (Selbstbeschreibung) ist, ist Layne eine Schwarze, die in den Achtzigern als Einwandererkind in Chicago aufwuchs und „Oreo“ genannt wurde, weil sie für eine Schwarze zu hellhäutig und für eine Weiße zu dunkelhäutig ist. Genau diese und die damit verbundenen weiteren Unterschiede zwischen den beiden Frauen werden in „Rude Girl“ durchgehend thematisiert.
Weyhe erzählt in ihrem Comic nämlich nicht nur die Geschichte von Layne, sondern sie reflektiert auch über aktuelle identitätspolitische Diskussionen und sie beginnt beim Erzählen der Lebensgeschichte von Priscilla Layne auch ein Gespräch mit ihr über ihre Arbeit. Zwischen die einzelnen biographischen Kapitel fügt Weyhe die – ebenfalls von ihr gezeichneten – Reaktionen und Kommentare von Layne auf ihre Zeichnungen und ihre Interpretation von Laynes Leben ein. Im nächsten Kapitel nimmt Weyhe dann Laynes Kritik auf. So bekommt Layne, die zuerst keine Hautfarbe hatte, einen dunkleren Hautton.
Das ist von seiner Idee und Machart interessant und gelungen umgesetzt. Außerdem füllen Laynes Kommentare einige Lücken in Weyhes Erzählung. Denn für meinen Geschmack wird Laynes Leben oft zu elliptisch erzählt. So hat die aus einer armen Familie kommende Layne plötzlich Empfehlung für eine renommierte Schule, später, ausgehend von einer Faszination für Ska, wird sie Skinhead und, einige Seiten später, Stipendiatin an der Freien Universität Berlin, Studentin in Berkeley und Professorin. Hier hätte ich gerne genauer erfahren, wie Layne Skinhead wurde und warum und wie sie sich später aus der Szene löste.
Trotz dieser Kritik ist „Rude Girl“ absolut lesenswert. Außerdem ist der Comic ein formal interessantes Experiment, das spielerisch identitätspolitische Diskurse in all seinen Facetten reflektiert.
Mitte Juni wurde Birgit Weyhe beim Comic Salon in Erlangen als „Beste deutschsprachige Comic-Künstlerin“ ausgezeichnet.
Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien (Deutschland 2020)
Regie: Bettina Böhler
Drehbuch: Bettina Böhler
TV-Premiere. Zweistündige Doku über Christoph Schlingensief (1960 – 2010), dem wir etliche spektakuläre Kunstaktionen, die Partei „Chance 2000“ („Scheitern als Chance“), Theateraufführungen und einige Perlen der Filmkunst, wie „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“, „Das deutsche Kettensägenmassaker“, „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ und „Die 120 Tage von Bottrop“, verdanken.
Für ihre Doku montierte Bettina Böhler vorhandenes, teils bis dahin unbekanntes Archivmaterial zu einem überzeugenden und auch für Schlingensief-Kenner sehenswertem Porträt.
Die Musik ist von Helge Schneider.
Mit Christoph Schlingensief, Margit Carstensen, Udo Kier, Sophie Rois, Bernhard Schütz, Helge Schneider, Dietrich Kuhlbrodt, Susanne Bredehöft, Alfred Edel, Irm Hermann, Martin Wuttke, Tilda Swinton (natürlich alles Archivmaterial)
Deutschlands Brenner ist zurück. Aber während Wolf Haas seinen Ermittler in den Wiener „Müll“ schickt, schickt Jörg Juretzka seinen Helden in die Wüste und nennt den Roman gleich zutreffend „Ein Roadmovie“. Denn wer „Nomade“ mit den Erwartungen eines normalen Kriminalromans und einem irgendwie damit verbundenem Tätersuchspiel liest, wird enttäuscht sein. Das, also Kriminalromane, nicht traditionelle Tätersuchspiele, waren die vorherigen Abenteuer von Kristof Kryszinski unbestreitbar. In den Geschichten geriet der schnoddrige Ich-Erzähler Kryszinski als Privatdetektiv und, später Nachtwächter, Kneipier und Europol-Mitarbeiter, in ziemlich haarsträubende Abenteuer, die er mit seinen Kumpels überlebte. Es sind Krimikomödien (in Ermangelung eines besseren Wortes), die sich wohltuend von den meist provinziellen, oft betulichen deutschen Krimis unterscheiden.
In „Nomade“ kurvt Kryszinski durch die algerische Wüste. Begleitet wird er von der Hündin Bella. Suchen tut er vermisste Touristen. Finden tut er meistens toten Touristen, tote Flüchtlinge (die auf dem Weg nach Europa in der Wüste verdursten) und tote Verbrecher. Selten trifft er auf lebendige Verbrecher, wie den angeschossenen Afghanen. Seine Männer zwingen Kryszinski mit vorgehaltenen Sturmgewehren zu einer erfolgreich verlaufenden Notoperation. Und manchmal trifft er Menschen wie die fünfzehnjährige Jamilah. Sie flüchtet vor ihrer Familie aus Somalia in Richtung Europa und hat gerade ein Kind bekommen.
Kryszinski, der unter seiner gut gepflegten Hardboiled-Schale ganz anders ist, hilft ihr. Auch wenn er von der ersten Minute an weiß, dass er dieser dummen Nervensäge nicht helfen sollte, weil sie nur für Ärger sorgen wird in einem Gebiet, in dem es neben naiven Wüstentouristen vor allem Flüchtlinge, Strauchdiebe, korrupte Polizisten und durchreisende Söldner gibt.
Im Mai erhielt „Nomade“ den diesjährigen Glauser-Preis in der Kategorie „Bester Roman“. Ich halte das für eine sehr zwiespältige Entscheidung. Natürlich hat Juretzka den Preis, für den er bereits mehrmals nominiert war, verdient. Er gehört zu Deutschlands besten Krimi-Autoren und er kann wirklich witzig schreiben. Aber im Gegensatz zu seinen vorherigen dreizehn Kryszinski-Kriminalromanen ist „Nomade“ nur dann ein Kriminalroman, wenn man die Grenzen bis ins Unendliche dehnt. Dann wäre jeder Roman, in dem ein Verbrechen vorkommt oder ein Verbrecher auftaucht, ein Kriminalroman. Das kann man so sehen, aber als Kriterium, um Kriminalromane von anderen Romane zu unterscheiden, dient die Genrezuschreibung dann nicht mehr. Denn dann wären nämlich so ziemlich alle Klassiker, Western (pro Buch wird mindestens ein Mensch erschossen), Science-Fiction-Romane (auch Aliens können ermordet werden; oder Menschen von Aliens) oder auch Liebesromane Kriminalromane. Das kann nicht gemeint sein.
Das gesagt, ist „Nomade“ eine sehr vergnügliche Lektüre. Die Abenteuergeschichte spielt in einer literarisch eher vernachlässigten Gegend, spricht aktuelle Probleme an (mit dem respektlosen Kryszinski-Zeigefinger) und bringt unseren Helden in einige gefährliche Situationen, die allerdings ziemlich schnell überstanden sind.
Die aus den vorherigen Kryszinski- Büchern bekannten Freunde von Kristof Kryszinski tauchen erst am Ende im Epilog (auch wenn er im Buch nicht so genannt wird) auf.
Eine Frau mit berauschenden Talenten (La daronne, Frankreich 2020)
Regie: Jean-Paul Salomé
Drehbuch: Hannelore Cayre, Jean-Paul Salomé, Antoine Salomé (Zusammenarbeit)
LV: Hannelore Cayre: La daronne, 2017 (Die Alte)
Patience Portefeux (Isabelle Huppert) kommt als schlecht bezahlte Übersetzerin für das Pariser Drogendezernat gerade so über die Runden. Als sie bei einem Telefonat von einem großen Drogendeal erfährt, in den der Sohn einer Pflegerin ihrer Mutter involviert ist, hat sie eine Idee. Kurz darauf hat sie anderthalb Tonnen Haschich im Keller eines Mietshauses gelagert und sie beginnt die Drogen an die richtigen Männer zu verkaufen. Während die Polizei unbedingt die neue Drogengroßhändlerin schnappen will.
TV-Premiere der wundervollen Krimikomödie zu einer wenig berauschenden Uhrzeit.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Heißt es. Und seitdem Statistikprogramme auch kostenlos verfügbar sind, kann jeder sie mit Zahlen füttern, mit ihnen spielen und sich an den so entstehenden Grafiken erfreuen. Er kann sie in einen Vortrag einbauen. Auch in Zeitungen gibt es immer mehr Grafiken und Statistiken. Sie sind beliebt, weil sie schnell Zusammenhänge und Dimensionen verdeutlichen. Sie sind auch einfacher zu verstehen als Tabellen mit vielen Zahlen. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gibt es seit Jahren im Wissensteil eine einseitige Infografik, die mal mehr, mal weniger wichtige Themen behandelt, aber immer Daten aus verschiedenen Quellen zu bunten Bildern zusammenfügt.
Einer der Autoren dieser Seite ist der Datenjournalist Tin Fischer. In seinem Buch „Linke Daten – rechte Daten: Warum wir nur das sehen, was wir sehen wollen“ schreibt er darüber. Die auch von ihm erstellten Infografiken sehen objektiv aus. Aber sie sind es nicht. Schließlich können, um im Duktus des Buchtitels zu bleiben, linke und rechte Politiker fast immer die Statistik und Grafik zücken, die ihre Argumente untermauert. Je nach Thema geht bei den einen gerade das Abendland unter, während bei den anderen alles immer besser wird.
In seinem Buch beschäftigt Fischer sich mit verschiedenen kontroversen Diskussionen in den Bereichen Gesundheit, Gewalt, Geld und Ökologie. Es geht unter anderem um die gestiegene Lebenserwartung, die Gefahren des Rauchens und die abnehmende Zahl von Rauchern, Cannabis, Morde, Ausländerkriminalität, Krieg und Frieden (und die Rolle der Europäischen Union dabei), die globale Einkommensverteilung (und die Frage, welche Armut zugenommen hat), den Intelligenztest, den Klimawandel und die Energiewende.
Er zeigt in seinem populärwissenschaftlichem Sachbuch immer wieder, dass die Realität komplizierter als der erste Anschein (oder die erste Grafik) ist. Er zeigt auch, wie in der Auswertung bestimmte Kriterien bei der Auswertung zu ganz anderen Ergebnissen führen können. Es ist ein Unterschied, ob absolutes oder relatives Wachstum verglichen wird. Es ist ein Unterschied, ob ein Zeitraum von zehn, zwanzig oder hundert Jahren verglichen wird. Es ist ein Unterschied, welche Gruppen zusammengefasst werden.
Er weist darauf hin, dass manchmal bestimmte Annahmen zu anderen Ergebnissen führen können. Wobei selbst diese Annahmen manchmal strittig sind. Denn es handelt sich um Annahmen darüber, ob bestimmte Dinge miteinander zusammenhängen. Außerdem kann natürlich nur mit den Daten gearbeitet werden, die vorhanden sind.
Das und die damit verbundenen Probleme zeigt Fischer gut auf.
Weniger geht er auf die direkte Arbeit von Statistikern bei der Erhebung und Verarbeitung von Daten ein. Dabei, und das wissen alle Statistiker, können schon bei der Erhebung schwere Fehler gemacht werden. Deshalb fragen sie auch immer nach der Herkunft der Daten, der Qualität der Daten und, bei Umfragen, den gestellten Fragen.
„Linke Daten – rechte Daten“ ist ein populärwissenschaftliches Sachbuch, das vor allem zeigt, dass vieles komplizierter ist als es auf den ersten Blick scheint.
Insofern ist das flott zu lesende und bei den Fallbeispielen informative Buch eine gute Aufforderung, einfachen Antworten zu misstrauen und bei Statistiken und Grafiken auch zu fragen, ob es wirklich den behaupteten Zusammenhang gibt oder es sich nur um eine Korrelation handelt oder ob, was auch passieren kann, die richtige Ursache übersehen wurde. Oder ob die Statistik so manipuliert wurde, dass die beabsichtigte Aussage präsentiert werden kann.
Staatssekretär Stephen Fleming (Jeremy Irons) beginnt eine Affäre mit Anna Barton (Juliette Binoche), der künftigen Ehefrau seines Sohnes. Keine gute Idee.
Ob eine solche außereheliche Beziehung heute noch ein Skandal wäre? In jedem Fall ist sie die Ausgangslage für ein überaus gelungenes Filmdrama.
„eine der formal geschlossensten Inszenierungen des international tätigen Franzosen. (…) Ein Thriller, der vor der psychologischen und erotischen Provokation nicht zurückschreckt und Tabus, wie eh und je bei Malle, mit analystischer Nüchternheit und kühler, beherrschter Leidenschaft bricht.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Mit Jeremy Irons, Juliette Binoche, Miranda Richardson, Rubert Graves, Leslie Caron, Ian Bannen, Gemma Clarke, Peter Stormare
Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück(Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2015)
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Torsten Wenzel, Florian Gallenberger
Chile, 1973: Als ihr Freund während des Militärputschs verschwindet, macht Lena sich auf die Suche nach ihm. Sie glaubt, dass er in der Colonia Dignidad festgehalten wird. Als unlängst zum Christentum Bekehrte schleust sie sich in die von dem Deutschen Paul Schäfer geleitete, abgeschottet im Süden Chiles residierende Sekte ein. Dort entdeckt sie ein Terrorregime, das eine äußerst genaue Beschreibung des Lebens in der Colonia Dignidad ist. Sie wurde 1961 von dem ehemaligen evangelischen Jugendpfleger, Laienprediger und Pädophilen Paul Schäfer gegründet. In ihr sollte ein urchristliches Leben geführt werden. Seine Jünger, alles Deutsche, verehrten ihn.
Insgesamt sehenswerter Polit-Thriller, der zum Kinostart mit einer erfundenen Geschichte (Lena und ihr Freund Daniel sind erfundene Charaktere) ein unrühmliches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückholte: die Colonia Dignidad, ihre Unterstützung durch die deutsche Politik (vor allem durch CSU-Politiker) und ihre Beziehungen zum chilenischen Pinochet-Folterregime.
Duplicity – Gemeinsame Geheimsache (Duplicity, USA 2009)
Regie: Tony Gilroy
Drehbuch: Tony Gilroy
Nach Agententhriller (die “Bourne”-Serie) und Politthriller (“Michael Clayton”) ist Tony Gilroy jetzt bei der romantischen Thriller-Komödie mit Screwball-Elementen angelangt: zwei Industriespione, die eine Liebe-Hass-Beziehung (ersteres persönlich, letzteres beruflich) pflegen, beschließen, ihre Bosse um einige Millionen zu erleichtern. Aber können sie sich trauen? Und können sie mit dem Geld entkommen?
Die Kritiken tendieren zu einem leichten „ich hätte mehr erwartet“, aber zwei Stunden gepflegte Unterhaltung sind garantiert. „Mit viel doppelbödigem Charme und herausragendem Ensemble macht Tony Gilroy aus der Agentenromanze einen wunderbaren Film.“ (Thomas Klein, tip 10/2009)
Mit Julia Roberts, Clive Owen, Tom Wilkinson, Paul Giamatti, Ulrich Thomsen (als Big Swiss Suit; – was einiges über die Größe der Rolle aussagt)