TV-Tipp für den 13. Juli: Unternehmen Capricorn

Juli 12, 2019

Servus TV, 23.55

Unternehmen Capricorn (Capricorn One, USA 1978)

Regie: Peter Hyams

Drehbuch: Peter Hyams

Peter Hyams schildert die erste Marslandung, die allerdings, aufgrund von Sicherheitsproblemen, von den USA gefälscht wurde. Als beim Eintritt in den Erdorbit die Raumkapsel verglüht, ahnen die NASA-Astronauten, dass ihre Tage gezählt sind. Offiziell sind sie ja schon tot. Aber ein Journalist versucht das Komplott aufzudecken.

Kommerziell erfolgreicher, erzählerisch unbeholfener Science-Fiction-Verschwörungsthriller mit viel Action und einer Top-Besetzung. Inzwischen kann der Thriller durchaus als Kultfilm bezeichnet werden. Und nach dem Film wissen wir, wie das mit der gefakten Mondlandung war. Ehrlich!

Unglücklicherweise wird die interessante Grundidee von Hyams Drehbuch (…) durch Hyams unausgeglichene Regie abgeschwächt.“ (Phil Hardy, Hrsg.): Die Science Fiction Filmenzyklopädie)

mit Elliott Gould, James Brolin, Karen Black, Brenda Vaccaro, Sam Waterston, O. J. Simpson, Hal Holbrook, Telly Savalas

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Unternehmen Capricorn“

Wikipedia über „Unternehmen Capricorn“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Peter Hyams‘ „Gegen jeden Zweifel“ (Beyond a reasonable doubt, USA 2009)


Neu im Kino/Filmkritik: Elektrisiert „Electric Girl“?

Juli 12, 2019

Als die 23-jährige Mia den Job als Synchronsprecherin der Anime-Superheldin Kimiko erhält, ist sie im siebten Himmel. Denn Kimiko kämpft über mehrere Staffeln gegen Bösewichter und rettet Menschen. Mit dieser sich über Monate und Jahre hinziehenden Arbeit könnte die Poetry-Slammerin ihre Arbeit als Bedienung in einer abgewrackten Szene-Kneipe aufgeben.

Während sie sich auf die Rolle vorbereitet, identifiziert sie sich zunehmend mit Kimiko. Sie hält sich ebenfalls für eine Superheldin. Sie kann ebenfalls Elektrizität sehen und sie rettet ebenfalls Menschen. Sie glaubt auch, dass die Bösewichter, die in dem Anime die Welt übernehmen wollen, auch in der tristen bundesdeutschen Realität die Welt übernehmen wollen.

In dem Moment hat Mia mit ihrem seltsamen Verhalten schon etliche Menschen verstört. Denn es ist unklar, ob sie in einer manischen Phase ist und dringend eine ärztliche Behandlung benötigt oder, immerhin ist „Electric Girl“ ein Spielfilm, sie Kimikos Wiedergängerin im tristen Hamburg ist. Dann wäre sie eine Superheldin, die tut, was Superhelden in Comics und Filmen tun.

Electric Girl“ ist der neue Spielfilm von Ziska Riemann. „Lollipop Monster“ war 2011 ihr erster Film. Ihr nächster Film „Get Lucky“ läuft am 26. September in unseren Kinos an. Er ist als „Die erste unzensierte Teenie-Komödie über das erste Mal“ angekündigt. Daneben ist sie auch als Musikerin und vor allem als Comiczeichnerin bekannt. Mit Gerhard Seyfried veröffentlichte sie mehrere Comics.

Comicteile gibt es auch in „Electric Girl“. Kimikos Geschichte basiert auf einem Manga. Es gibt größere animierte Ausschnitte aus der fiktiven Animeserie, Und wie Mia mit ihren Synchrontexten in Kimikos Welt eintaucht, taucht Ziska Riemann in Mias Welt ein. Als Zuschauer soll man hundertprozentig ihre Perspektive übernehmen. Ihre zunehmend wahnhafte Überidentifikation mit Kimiko soll so erfahrbar werden.

Das gelingt nicht. Riemann fügt immer wieder objektivierende Szenen ein. Andere Figuren äußern ihr Unverständnis über Mias Handlungen. Es sind Handlungen, die von nett über nervig verpeilt zunehmend die Grenze zur Gefährdung anderer Menschen überschreiten. Zum Beispiel als sie ihre Eltern besucht und dabei ihrem Vater begegnet. Sie tut Dinge, die man oft nicht versteht und vor allem nicht gutheißen kann. In diesen Momenten betrachtet man die Protagonistin aus einer distanzierten Beobachterperspektive als klinischen Fall.

Allerdings ist und will „Electric Girl“ keine klinische Studie sein, die wahnhaftes Verhalten ernsthaft diskutiert. Man soll ja Mias Wahn miterleben, wie man einen Rausch erlebt. In einem Rausch hört man nicht auf Bedenkenträger und ist auch nicht an einer objektiven Analyse interessiert.

Zwischen diesen beiden Erzählhaltungen schwankend, garniert mit einer beliebig austauschbaren Superheldengeschichte (Mia hätte auch die Sesamstraße synchronisieren können), setzt sich „Electric Girl“ unglücklich zwischen die Stühle.

Wie es anders geht zeigt David Fincher in seiner grandiosen Chuck-Palahniuk-Verfilmung „Fight Club“. Von der Qualität dieses Klassikers ist „Electric Girl“ meilenweit entfernt.

Electric Girl (Deutschland 2018)

Regie: Ziska Riemann

Drehbuch: Dagmar Gabler, Angela Christlieb, Ziska Riemann, Luci van Org

mit Victoria Schulz, Hans-Jochen Wagner, Svenja Jung, Björn von der Wellen, Irene Kugler, Victor Hildebrand, Oona von Maydell

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Electric Girl“

Moviepilot über „Electric Girl“

 


TV-Tipp für den 12. Juli: Edge of Tomorrow

Juli 12, 2019

Pro7, 20.15

Edge of Tomorrow (Edge of Tomorrow, USA 2014)

Regie: Doug Liman

Drehbuch: Christopher McQuarrie, Jez Butterworth, John-Henry Butterworth

LV: Hiroshi Sakurazaka: All you need is Kill, 2004

Nachdem Major Bill Cage (Tom Cruise) von den außerirdischen, scheinbar unbesiegbaren Mimics ermordet wird, hat er danach ein Erlebnis der besonderen Art. Er erlebt seine letzten Stunden vor dem Tod noch einmal – und mit der bekannten Kämpferin Rita Vrataski (Emily Blunt), die ihn zu einem Kämpfer ausbildetet, nehmen sie den Kampf auf.

Unglaublich flotter, dicht erzählter Action-Science-Fiction-Thriller mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors und einem klugen Umgang mit den Paradoxien der Zeitreise (was hier eigentlich nur eine kleine Zeitschleife ist), der etwas zu unpolitisch geraten ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Cruise, Emily Blunt, Bill Paxton, Brendan Gleeson, Jonas Armstorng, Tony Way, Kick Gurry, Franz Drameh, Dragomir Mrsic, Charlotte Riley

auch bekannt als „Live.Die.Repeat.“ (mehr oder weniger der DVD-Titel)

Wiederholung: Samstag, 13. Juli, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Edge of Tomorrow“

Metacritic über „Edge of Tomorrow“

Rotten Tomatoes über „Edge of Tomorrow“

Wikipedia über „Edge of Tomorrow“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Doug Limans „Edge of Tomorrow“ (Edge of Tomorrow, USA 2014) und der DVD

Meine Besprechung von Doug Limans „Barry Seal – Only in America“ (American Made, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Rebellinnen – Leg‘ dich nicht mit ihnen an!“, es könnte tödlich enden

Juli 12, 2019

Den Tod hat…nun, sagen wir es mal so: Jean-Mis Tod ist eine Verkettung unglücklicher Umstände, bei der die scharfe Kante einer Spindtür in der Umkleidekabine der örtlichen Fisch-Konservenfabrik zu seiner Entmannung führt. Anschließend fällt er eine Treppe hinunter und verletzt sich dabei tödlich. Pech halt. Die an dem Abend zum Putzen eingeteilten Arbeiterinnen – die nach fünfzehn Jahren wieder in das ärmliche nordfranzösische Provinzkaff Boulogne-sur-Mer zurückgekommene Schönheitskönigin Sandra (Cécile de France mit konsequent angepisstem Gesichtsausdruck), ihre ehemalige Klassenkameradin Marilyn (Audrey Lamy), inzwischen alleinerziehende Mutter mit erhöhtem Konsum illegaler Drogen und Ex-Geliebte von Jean-Mi, und Nadine (Yolande Moreau), die ihre Mutter sein könnte – vergessen ihren Plan, den Notruf zu wählen, als sie bei ihrem Chef Jean-Mi eine Tasche voller Geld entdecken. Die drei Damen denken an ihre prekäre finanzielle Lage, ahnen, dass Jean-Mi das Geld gestohlen hat und wollen es jetzt behalten. Dafür muss Jean-Mi verschwinden – in Fischdosen.

Dummerweise wird das Geld doch vermisst. Der örtliche Gangster Simon (Simon Abkarian) benötigt das Geld für ein Geschäft mit der ziemlich mordlustigen belgischen Drogenmafia. Genaugenommen ist es sein Geld und Jean-Mi sollte nur darauf aufpassen.

Außerdem schnüffelt die Polizei bei der Suche nach dem spurlos verschwundenen Jean-Mi in der Fisch-Konservenfabrik herum. Immerhin ist der ermittelnde Kommissar (Samuel Joey) ein fescher Bursche, der wegen eines Korruptionsverfahrens in die Provinz versetzt wurde. In dem Moment hat Sandra schon eine heiße Nacht mit ihm erlebt. Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

Rebelllinnen“-Regisseur Allan Mauduit arbeitete vor seinem Solo-Regiedebüt lange für das Fernsehen. Er entwickelte die bei uns anscheinend nie gezeigte Comedy-Serie „Kaboul Kitchen“. Bei seinem ersten Kinofilm, der schwarzen Komödie „Vilaine“, teilte er sich mit Jean-Patrick Benes die Regie. Später wollte er Iain Levisons „Betriebsbedingt gekündigt“ verfilmen. Aber die Filmrechte für den Kriminalroman über einen Arbeitslosen, der zum Auftragskiller wird, waren bereits vergeben. Währenddessen fragte Mauduit sich, als er eine Thunfischdose in der Hand hielt, wie viele Thunfischdosen man wohl brauche, um eine Leiche in ihnen zu verteilen.

Viele. Sehr viele. Und danach können die Dosen mit dem besonderen Inhalt nicht einfach verkauft werden. Sie müssen entsorgt werden, ohne dass ein Verdacht auf das Damentrio fällt, das im Kampf gegen Verbrecher und Polizisten über sich hinauswächst.

Schon milieubedingt ist „Rebellinnen – Leg‘ dich nicht mit ihnen an!“ nichts für Feingeister. Sandra, Nadine und Marilyn sind Arbeiterinnen mit einfachen Bedürfnissen und, beim Lösen der teilweise von ihnen verursachten Probleme, pragmatisch-einfachen Methoden. Mauduit inszenierte, ohne wohlfeile ironische Brechungen, eine tiefschwarze Komödie über ein Damentrio, das nach einem kurzen Zögern nicht mehr vor Gewalt gegen Männer zurückschreckt. Wobei diese Männer ihre Strafe verdient haben.

Wenn sie bekommen, was sie verdienen.

Rebellinnen – Leg‘ dich nicht mit ihnen an! (Rebelles, Frankreich 2019)

Regie: Allan Mauduit

Drehbuch: Allan Mauduit, Jérémie Guez

mit Cécile de France, Yolande Moreau, Audrey Lamy, Simon Abkarian, Samuel Jouy, Béatrice Agenin, Patrick Ridremont

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Rebellinnen“

AlloCiné über „Rebellinnen“

Wikipedia über „Rebellinnen“


Neu im Kino/Filmkritik: Über Thomas Vinterbergs U-Boot-Tatsachendrama „Kursk“

Juli 11, 2019

Nach einer Explosion eines Torpedos sinkt im August 2000 das russische Atom-U-Boot K-141 Kursk auf den Grund der Barentssee. Als kurz darauf bekannt wird, dass es Überlebende gibt, beginnen die Rettungsaktionen. Weil Russland noch dem Denken des Kalten Kriegs verhaftet ist und Angst vor westlicher Spionage hat, wird über mehrere Tage ausländische Hilfe abgelehnt. Auch später verlaufen die internationalen Rettungsversuche, aufgrund der zahlreichen russischen Restriktionen, sehr schleppend.

Die Weltöffentlichkeit verfolgte, soweit es mit den spärlichen offiziellen Informationen möglich war, die Rettungsversuche. Am 21. August bestätigen die norwegischen Rettungstaucher, dass kein Besatzungsmitglied das Unglück überlebte. Damit gehört der Untergang der Kursk mit 118 Toten zu den größten U-Boot-Unglücken.

2002 veröffentlicht Robert Moore das Sachbuch „A Time to Die“ über die erfolglose Rettungsaktion. Das Buch ist die Grundlage für Thomas Vinterbergs Survivaldrama „Kursk“, das sich, teils notgedrungen, künstlerische Freiheiten nimmt. Er konzentriert sich dabei auf die die Explosion überlebenden 23 Besatzungsmitglieder und ihre Angehörigen. Die Marinesoldaten warten in der Kursk in einer vom restlichen U-Boot abgeschlossenen Kammer auf Rettung, während sie um ihr Überleben kämpfen. Von Anfang an sind Nahrung und Luft Mangelware, das kalte Ozeanwasser dringt in das havarierte U-Boot ein und sie können sich nur durch Klopfzeichen bemerkbar machen. Zur gleichen Zeit versuchen ihre Frauen, Kinder und Eltern im Marinestützpunkt herauszufinden, was passiert ist. Auch sie sind zur Untätigkeit verdammt. Und das russische Militär mauert. Zunächst gibt es keine Informationen, später falsche. Auch die Hilfsangeboten verschiedener westlicher Staaten werden aus ziemlich ausführlich geschilderten politischen Motiven abgelehnt.

Vladimir Putin, der damals seit Mai Präsident der Russischen Föderation war, hat allerdings keinen Auftritt in dem Spielfilm. Noch vor den Dreharbeiten wurde seine Rolle aus dem Drehbuch gestrichen zugunsten des menschlichen Dramas im U-Boot und auf dem Marinestützpunkt.

Kursk“ ist keine patriotische Heldensaga. Das liegt auch daran, dass der Film von Luc Bessons EuropaCorp produziert wurde (Keine Panik. Mit den üblichen Actionfilmen hat er nichts zu tun) und dass es keine russische Beteiligung gibt. Gedreht wurde vor allem in Belgien. Auf Englisch. Deshalb ist auch nichts gegen die deutsche Synchronisation einzuwenden, in der konsequent Deutsch gesprochen wird.

Die Schauspieler kommen aus ganz Europa. Trotzdem spielen erstaunlich viele uns sehr vertraute deutsche Schauspieler mit. Meistens in kleinen Rollen und weil sie international unbekannter sind, erleiden einige von ihnen einen überraschend schnellen Filmtod. Matthias Schweighöfer, August Diehl, Martin Brambach gehören zur U-Boot-Besatzung. Peter Simonischek spielt Admiral Gruzinsky, den russischen kommandierenden Offizier der Marineübung an der die Kursk teilnahm. Er trauert dem Kalten Krieg hinterher. Damals war die Flotte größer und die Übungen imposanter.

Dazu kommen etliche Stars des europäischen Kinos. Matthias Schoenaerts als Mikhail Averin, den kommandierenden Offizier der Kursk. Léa Seydoux als seine schwangere Frau Tanya. Max von Sydow als Admiral Petrenko, der auch das Gesicht der russischen Regierung ist und der die Bedürfnisse des Staates über das Überleben der Soldaten stellt. Und Colin Firth als britischer Commodore David Russell, der den Russen Hilfe bei der Rettung der Kursk-Besatzung anbietet. Der echte David Russell beriet auch das Filmteam und Colin Firth.

Allein schon diese äußeren Umstände sprechen gegen das patriotische Hohelied auf den tapferen russischen Soldaten.

Am wichtigsten ist allerdings Vinterbergs betont nüchterne Erzählweise. Sie bereitet einen schon lange vor dem Ende auf das düstere Ende vor. Sie verhindert allerdings auch einen zu großen emotionalen Überschwang. Die Taschentücher müssen bei diesem Überlebensdrama nicht ausgepackt werden. Pulstreibend spannend wird es bei den zahlreichen russischen Rettungsversuchen, die alle aufgrund des maroden und veralteten Materials scheitern, auch nicht. Gleichzeitig verschont Vinterberg einen vor dem überbordenden Pathos der Michael-Bay-Schule.

Kursk (Kursk, Belgien/Frankreich/Norwegen 2018)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Robert Rodat

LV: Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, 2002 (aktualisierte Neuausgabe unter „Kursk“)

mit Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, August Diehl, Max von Sydow, Colin Firth, Bjarne Henriksen, Magnus Millang, Artemiy Spiridonov, Joel Basman, Matthias Schweighöfer, Pernilla August, Martin Brambach

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Kursk“

Metacritic über „Kursk“

Rotten Tomatoes über „Kursk“

Wikipedia über „Kursk“ und die Kursk (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Am grünen Rand der Welt“ (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ (Kollektivet, Dänemark 2016)


TV-Tipp für den 11. Juli: Der Hexer

Juli 10, 2019

3sat, 20.15

Der Hexer (Deutschland 1964)

Regie: Alfred Vohrer

Drehbuch: Herbert Reinecker

LV: Edgar Wallace: The gaunt stranger, The ringer, Police Work, 1925 (Der Hexer)

Scotland Yard jagt den Meisterverbrecher Milton, genannt “Der Hexer”. Dieser jagt den Mörder seiner Schwester.

“Der Hexer” ist einer der bekanntesten Film der Serie und „eines der amüsantesten kriminalistischen Kammerspiele des deutschen Nachkriegsfilms“ (Florian Pauer: Die Edgar Wallace-Filme).

Danach, um 21.35 Uhr, zeigt 3sat die Fortsetzung „Neues vom Hexer“.

Mit Joachim Fuchsberger, Heinz Drache, Sophie Hardy, Siegfried Lowitz, Margot Trooger, Eddi Arent, René Deltgen, Siegfried Schürenberg

Wiederholung: Freitag, 12. Juli, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Der Hexer“

Wikipedia über „Der Hexer“ (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Edgar Wallace

Kirjasto über Edgar Wallace

Englische Edgar-Wallace-Seite

Deutsche Edgar-Wallace-Seite

Noch eine deutsche Edgar-Wallace-Fanseite

Meine Besprechung der Edgar-Wallace-Verfilmung „Der Zinker“ (Deutschland 1931)

Meine Besprechung der Edgar-Wallace-Verfilmung “Der Doppelgänger” (Deutschland 1934)


„Der Tod der Wahrheit“ durch die Kultur der Lüge?

Juli 10, 2019

Die Postmoderne ist schuld. Mal wieder. Schließlich haben postmoderne Philosophen erklärt, dass es keine endgültige Wahrheit und auch keine unumstrittenen Fakten gibt. Alles kann in jeder beliebigen Richtung interpretiert und dekonstruiert werden.

Das ist natürlich zuerst einmal ein philosophisches Programm und damit eine Anleitung, Texte zu lesen. Es ist auch, in einem gewissen Rahmen, nicht besonders neu, sondern nur eine Radikalisierung des alten wissenschaftlichen Programms, nach dem es einen Erkenntnisfortschritt nur geben kann, indem alte Gewissen in Frage gestellt und überprüft werden. Die Radikalisierung bestand darin, dass der Universitätslehrer nicht mehr den Schiedsrichter spielt, der durch seine Notenvergabe die richtige von der falschen Meinung unterscheidet.

Folgerichtig tobten postmoderne Philosophen sich in Textwelten und der Literatur aus. In der politischen Wissenschaft war diese Philosophierichtung niemals richtig populär.

Trotzdem hat, so Michiko Kakutanis These, postmodernes Denken Einzug in die Politik gefunden und der Erfolg der Trump-Administration sei so erklärbar. Weil es im postmodernen Denken keine ‚Wahrheit‘ und keine ‚Lüge‘ gebe, könne Trump alles mögliche behaupten und die Menschen glaubten ihm. Auch weil es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Entwicklungen gab, die dazu führten, dass Vernunft, Wahrheit, rationales Denken und ein öffentlicher Diskurs, der Meinungen von Fakten und vollkommenem Blödsinn trenne, nicht mehr gebe.

Das ist in jedem Fall eine interessante These, die die ehemalige „New York Times-Hauptrezensentin Michiko Kakutani in ihrem Buch „Der Tod der Wahrheit“ ausbreitet. Sie untermauert sie mit vielen gut gewählten Zitaten von postmodernen Philosophen, ehe sie sich die „alternativen Fakten“ der Trump-Administration vornimmt. In dem Moment rekurriert sie dann wieder auf das klassische Konzept von „Wahrheit“ und „Lüge“ bzw. von wahren und falschen Aussagen. Es sind Aussagen, die mit unumstrittenen Fakten untermauert werden. Wie die Zahl von Besuchern bei einer Veranstaltung. Es sind auch Fakten, auf die wir uns verständigt haben. Dazu gehören wissenschaftliche Erkenntnisse und Regelwerke, wie Gesetze und Verträge. Ohne ein solches von allen geteiltes Fundament von Wissen, Regeln und Erkenntnissen ist ein Zusammenleben nicht möglich.

Das bestätigt Kakutani in ihrem Sachbuch, das auch zahlreiche Lügen von Donald Trump und seiner Gefolgschaft Revue passieren lässt. In dem Moment lässt sie, und das ist gut so, ihre Ausgangsthese links liegen.

Denn die postmodernen Philosophen haben sicher nicht gewollt, dass ihre Theorie so auf die Realität angewandt wird und dass in der Politik alles zu einer offenen Interpretationssache wird, in der jede Meinung die gleiche Bedeutung hat und es egal ist, ob die Interpretation irgendetwas mit der Realität und Fakten zu tun hat. Also Lügen, ein Wahngebilde, Illusionen und Fantasien den gleichen Stellenwert haben wie eine rationalen, faktenbasierte Politik.

Insofern ist Kakutanis These, dass postmoderne Theorien die Grundlage für Trumps Politik der Lüge legten, eine Adelung, die er und seine Gefolgsleute (in den USA und anderen Ländern) nicht verdienen.

Denn Trump und seine Konsorten sind keine Theoretiker und auch keine Menschen, denen ich komplexes Denken in abstrakten Theoriegebäuden zutraue. Sie sind auch keine Menschen, die mit den Kategorien von „Wahrheit“ und „Lüge“ etwas anfangen können. Sie sind Gebrauchtwagenverkäufer, die einem alles erzählen, um ein Schrottauto zu verkaufen und, kaum hat das Auto den Parkplatz verlassen, jede Verantwortung für ihre Handlungen ablehnen.

Vor allem wegen der vielen gut gewählten Zitate, die zum Nachdenken anregen können, ist „Der Tod der Wahrheit“ lesenswert. Im Hauptteil rekapituliert die Literaturkritikerin Kakutani vor allem die Lügen der Trump-Regierung. Wer in den vergangenen Monaten die US-Politik in einer Mischung aus Entsetzen und Faszination für eine fehlgeleitete Horrorshow verfolgte, wird diese Zitate weitgehend kennen.

Michiko Kakutani: Der Tod der Wahrheit – Gedanken zur Kultur der Lüge

(übersetzt von Sebastian Vogel)

Klett-Cotta, 2019

200 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

The Death of Truth. Notes on Falsehood in the Age of Trump

Tim Duggan Books, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Der Tod der Wahrheit“

Wikipedia über Michiko Kakutani (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 10. Juli: Die Kommune

Juli 9, 2019

Arte, 20.15

Die Kommune (Kollektivet, Dänemark 2016)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm

In den siebziger Jahren gründen Erik und Anna in Kopenhagen in einer riesigen Villa eine Kommune. Alles ist ziemlich perfekt, bis Erik eine Affäre mit einer seiner Studentinnen beginnt.

Sehenswerte TV-Premiere. Thomas Vinterbergs von eigenen Erinnerungen inspirierter Blick auf die siebziger Jahre, als neue Lebensmodelle ausprobiert wurden, die sich an eingeübten Konventionen rieben.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Am Donnerstag läuft Vinterbergs neuer Film „Kursk“ bei uns an. Das mit vielen deutschen Schauspielern besetzte U-Boot-Drama, das den Untergang des russischen Atom-U-Bootes Kursk im August 2000 aus verschiedenen Perspektiven nacherzählt, ist einen Blick wert. Warum erfahrt ihr zum Filmstart in meiner Besprechung.

mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrom Hansen, Lars Ranthe, Fares Fares, Magnus Millang, Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen

Hinweise

Moviepilot über „Die Kommune“

Rotten Tomatoes über „Die Kommune“

Wikipedia über „Die Kommune“ (englisch, dänisch)

Berlinale über „Die Kommune“

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Am grünen Rand der Welt“ (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ (Kollektivet, Dänemark 2016)


Cover der Woche

Juli 9, 2019


TV-Tipp für den 9. Juli: Die Sieger – Director’s Cut

Juli 8, 2019

BR, 22.00

Die Sieger – Director’s Cut (Deutschland 1994/2019)

Regie: Dominik Graf

Drehbuch: Günter Schütter (nach einer Idee und Vorlage von Peter Hollweg und Klaus Maas)

Bei einem Einsatz, der schief geht, glaubt SEK-Mann Karl Simon einen toten Kollegen gesehen zu haben. Er beginnt ihn zu suchen.

Toller harter Polizeithriller, der sich vor der internationalen Konkurrenz nicht verstecken muss. Damals floppte der actionhaltige Film an der Kinokasse.

Auf der diesjährigen Berlinale wurde eine digital restaurierte, um einige verschollen geglaubte Szenen (die nur in schlechterer Bildqualität auf der Rohschnitt-VHS vorhanden waren) ergänzte Fassung gezeigt. Insgesamt ist diese Fassung ungefähr fünfzehn Minuten länger.

Dominik Graf zu dieser Fassung (in epd film): „Im Prinzip ist das Vorliegende nun als die Endfassung zu sehen, ja. Mehr gab es beim Drehen 1993 nicht. Günter Schütter hatte ursprünglich ein längeres Drehbuch geschrieben, ein Jahr vor den Dreharbeiten, das bis auf den jetzigen Schluss – der war anders – noch epischer, inhaltlich gewaltiger war und mit mehr verblüffenden Details aufwartete. »Szenen aus dem SEK-Leben« zu erzählen lag aber nicht in der Absicht des Produzenten Günter Rohrbach, und nachdem sich auch Bernd Eichingers Verleihinteresse verflüchtigt hatte, weil es sich hier – Zitat – ja mehr um »Verlierer als Sieger« handele, wurden die Drehbuchfassungen, auch wegen finanziellen Defiziten, allmählich immer weiter eingedampft. Das finale Skript war dann zweifellos ein Kompromiss. Aber alte Filme verändern sich auch im Lauf der Jahre, sie bleiben immer wie in einem flüsternden Dialog mit der laufenden Jetzt-Zeit, sie verlieren oder gewinnen mal an Attraktivität, weil sie dem filmischen Zeitgeschehen einen Spiegel vorhalten. In diesem Fall auch dem politischen Geschehen. Einen Korruptions- und Entführungs-Fall wie den hier beschriebenen, der mit Hilfe von kriminellen Elitepolizisten in Zusammenarbeit mit gierigen Politikern abläuft – das wollte sich 1993 in der Jubel-BRD niemand vorstellen. Obwohl wirtschaftlicher Betrug und politische Champagnerparties auf Kosten der gewendeten Menschen im Osten ja ungeheure Ausmaße annahmen. Das könnte heute anders sein, wir trauen, glaube ich, den Volks-Vertretern heute fast alle Betrügereien zu ihrem eigenen Vorteil zu.“

mit Herbert Knaup, Hansa Czypionka, Heinz Hoenig, Katja Flint, Hannes Jaenicke, Heinrich Schafmeister, Michael Breitsprecher, Meret Becker, Natalia Wörner

Hinweise

Filmportal über „Die Sieger“

Moviepilot über „Die Sieger“

Wikipedia über „Die Sieger“

Berlinale über „Die Sieger – Director’s Cut“

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 8. Juli: Teorema – Geometrie der Liebe

Juli 7, 2019

Arte, 22.15

Teorema – Geometrie der Liebe (Teorema, Italien 1968)

Regie: Pier Paolo Pasolini

Drehbuch: Pier Paolo Pasolini (nach seinem Roman)

Ein junger Schönling verdreht den Frauen und Männer einer Mailänder Industriellenfamilie den Kopf. Als er wieder aus ihrem Leben verschwindet, hat das Folgen.

Pasolinis Abrechnung mit der Moral der Bourgeoisie war damals ein Skandalfilm, der in Italien zeitweise verboten war.

ein enigmatisches, hermetisches Werk von kristalliner Struktur und Klarheit.“ (Wolfram Schütte, in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte: Pier Paolo Pasolini, 1977/1985)

mit Terence Stamp, Massimo Girotti, Silvana Mangano, Anne Wiazemsky, Laura Betti, Andrès José Soublette Cruz

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Teorema“

Wikipedia über „Teorema“ (deutsch, englisch)


Die Krimibestenliste Juli 2019

Juli 7, 2019

Mitten in der Hochsommerpause präsentieren die F.A.S. und Deutschlandfunk Kultur ihre monatliche Krimibestenliste mit Vorschlägen für lange Nachmittage auf der Couch:

1. Johannes Groschupf – Berlin Prepper (Plazierung im Vormonat: 1)

Suhrkamp, 236 Seiten, 14,95 Euro.

2. Friedrich Ani – All die unbewohnten Zimmer (Plazierung im Vormonat: /)

Suhrkamp, 495 Seiten, 22 Euro.

3. Liza Cody – Ballade einer vergessenen Toten (Plazierung im Vormonat: 2)

Aus dem Englischen von Martin Grundmann. Ariadne im Argument-Verlag, 416 Seiten, 22 Euro.

4. Kate Atkinson – Deckname Flamingo (Plazierung im Vormonat: 3)

Aus dem Englischen von Anette Grube. Droemer 336 Seiten, 19,99 Euro.

5. Mike Nicol – Sleeper (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Mechthild Barth. btb, 512 Seiten, 10 Euro.

6. Alan Carter – Marlborough Man (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Suhrkamp, 383 Seiten, 14,95 Euro.

7. Georges Simenon – Maigret im Haus der Unruhe (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Französischen von Thomas Bodmer. Kampa, 220 Seiten, 16,90 Euro.

8. Ivy Pochoda – Wonder Valley (Plazierung im Vormonat: 5)

Aus dem Englischen von Sabine Roth und Rudolf Hermstein, Ars Vivendi, 400 Seiten, 18 Euro.

9. Harry Bingham – Fiona – Wo die Toten leben (Plazierung im Vormonat: 7)

Aus dem Englischen von Kristof Kurz und Andrea O’Brien. Rowohlt, 526 Seiten, 10 Euro.

10. Jim Nisbet – Welt ohne Skrupel (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, 233 Seiten, 14,80 Euro.

Bei dem Simenon handelt es sich um die erste Übersetzung des Maigret-Romans. Sonst hätte er nach den Krimibestenliste-Regeln nicht gewählt werden können.

Anis „All die unbewohnbaren Zimmer“ ist einer seiner längsten Romane. Er ist ein Zusammentreffen von seinen Ermittlern Tabor Süden, Jakob Franck, Polonius Fischer und Fariza Nasri (die ebenfalls zu Fischer ‚zwölf Apostel‘-Kommissariat gehört). Mal lesen, wie das endet.

Aktuell lese ich John Steeles fantastischen Nordirland-Kriminalroman „Ravenhill“ (polar). Adrian McKintys ebenfalls in Nordirland spielender Thriller „Cold Water“ (Suhrkamp) liegt auf meinem Zu-lesen-Stapel.

Da liegen auch, frisch eingetroffen, George Pelecanos‘ „Prisoners“ (Ars Vivendi), Estelle Surbranches „Nimm mich mit ins Paradies“ (polar), Harlan Cobens „Suche mich nicht“ (Goldmann) und Lee Childs Jack-Reacher-Roman „Keine Kompromisse“ (Blanvalet).

Das dürften genug Ausreden für die Biergarten-Absage sein.


TV-Tipp für den 7. Juli: War Dogs

Juli 7, 2019

Pro7, 20.15

War Dogs (War Dogs, USA 2016)

Regie: Todd Phillips

Drehbuch: Stephen Chin, Todd Phillips, Jason Smilovic

LV: Guy Lawson: Arms and the Dudes (Artikel Rolling Stone, 2011)

Die Schulfreunde Efraim (Jonah Hill) und David (Miles Teller) verdienen ihr Geld mit kleinen, öffentlich ausgeschriebenen Beschaffungsaufträge des Militärs. Als sie für ihren bislang größten Auftrag die Konkurrenz unwissentlich um fünfzig Millionen Dollar unterbieten, ändert sich ihr Leben.

Immer wieder gelungen satirisch zugespitztes Drama über Freundschaft und den amerikanischen Traum.

Todd Phillips drehte vorher die „Hangover“-Filme. Aktuell ist er mit dem DC-Einzelfilm „Joker“ beschäftigt. Der Trailer sieht vielversprechend aus.

Mehr über „War Dogs“ in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Miles Teller, Jonah Hill, Ana de Armas, Bradley Cooper, Kevin Pollak

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „War Dogs“

Metacritic über „War Dogs“

Rotten Tomatoes über „War Dogs“

Wikipedia über „War Dogs“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Todd Phillips „War Dogs“ (War Dogs, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Die überwältigende Doku „Apollo 11“ über die erste Mondlandung

Juli 6, 2019

Vor fünfzig Jahren war die Landung der Apollo 11 auf dem Mond das Ereignis, das die Welt zusammenbrachte. Weltweit wurde es auf TV-Bildschirmen verfolgt. In einer aus heutiger Sicht abenteuerlich schlechten Bildqualität. Dabei wurden schon damals brillante Bilder gemacht. Einige dieser Bilder wurden anschließend in für die damals verfügbaren Medien in bearbeiteter Form veröffentlicht. Zu einem großen Teil verschwanden sie ungesehen in den Archiven der NASA und der National Archives and Records Administration (NARA). Der aufregendste Fund sind dabei 70-mm-Aufnahmen, die Todd Douglas Miller („Dinosaur 13“) für seinen Dokumentarfilm „Apollo 11“ sichten konnte.

In dem Film konzentriert er sich auf die Mission von den Startvorbereitungen über den Hinflug, die Mondlandung am 20. Juli 1969 (selbstverständlich mit den berühmten Schritten von Neil Armstrong), dem Rückflug und der Landung im Pazifik. Es gibt auch Aufnahmen von den vielen Schaulustigen, die damals den Start der Apollo 11 in Cape Canaveral in Florida beobachten wollten. Es soll sich um eine Million Schaulustige gehandelt haben.

Bei den Bildern erstaunt die Qualität. Das gilt nicht nur für die 70-mm-Aufnahmen, sondern auch für die 16 und 35-mm-Aufnahmen, die alle für den Film bearbeitet wurden. Weil alte TV-Aufnahmen und auf YouTube hochgeladene Mitschnitte von TV-Sendungen eine oft gotterbärmliche Qualität haben, muss das ja gesagt werden. Der Detailreichtum und die Farben sind überwältigend. Schon die ersten Minuten, wenn die Rakete langsam von den riesigen Raupenfahrzeugen, die von einigen Männern begleitet werden, zur Abschussrampe gefahren wird und die Sonne aufgeht, glaubt man, direkt dabei zu sein. Später fällt auf, wie viele weiße Männer in den verschiedenen Kontrollräumen herumsitzen und Bildschirme beobachten, ohne erkennbar irgendetwas zu tun.

Neben den Bildern wertete Todd Douglas Miller über elftausend Stunden Audiomitschnitte aus, die er für den Film zu einer durchgehenden, präzise zu den Bildern passenden Tonspur bearbeitete. Außer den damals gesprochenen Worten gibt es in „Apollo 11“ keine weiteren Dialoge.

Diese Konzentration auf die wenigen Tage zwischen dem Start am 16. Juli 1969 und der Rückkehr zur Erde am 24. Juli 1969 (und der anschließenden Quarantäne) und die damals aufgenommenen Bilder und Töne führt dazu, dass man wenig über die jahrelangen Vorbereitungen und nichts über die politischen Hintergründe erfährt. Dafür erlebt man die damaligen Ereignisse, als ob man dabei wäre.

So ist „Apollo 11“ die Chronik der ersten Landung auf dem Mond. Optisch überwältigend, stringent erzählt und, auch wenn man das Ende kennt, spannend bis zur letzten Minute.

Angekündigt ist der Film als einmaliges Kinoereignis, das nur am Sonntag, den 7. Juli, im Kino läuft. Ich bin allerdings überzeugt, dass er danach weiter gezeigt wird. In jedem Fall sollte der Dokumentarfilm auf der größtmöglichen Leinwand angesehen werden.

P. S.: Ab Dienstag, den 16. Juli, zeigt Arte, jeweils um 20.15 Uhr die dreiteilige, insgesamt gut sechsstündige Dokumentation „Die Eroberung des Mondes“ (Chasing the Moon, USA 2019)..

Apollo 11 (Apollo 11, USA 2019)

Regie: Todd Douglas Miller

Drehbuch: Todd Douglas Miller

mit Neil Armstrong, Buzz Aldrin, Michael Collins

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

 

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Apollo 11“

Metacritic über „Apollo 11“

Rotten Tomatoes über „Apollo 11“

Wikipedia über „Apollo 11“ und die Mission (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. Juli: Sightseers

Juli 5, 2019

Tele 5, 22.20

Sightseers (Sightseers, Großbritannien 2012)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Alice Lowe, Steve Oram

Tina und ihr Freund Chris machen sich auf dem Weg zu einem Trip zu den Sehenswürdigkeiten von Yorkshire – und Chris bringt alle um, die ihnen die Urlaubsfreude verderben könnten.

Sehr britische, sehr schwarze Komödie

mit Alice Lowe, Steve Oram, Eileen Davis, Monica Dolan, Jonathan Aris, Kenneth Hadley, Stephanie Jacob, Richard Glover

Wiederholung: Sonntag, 7. Juli, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Sightseers“

Metacritic über „Sightseers“

Rotten Tomaotes über „Sightseers“

Wikipedia über „Sightseers“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Free Fire“ (Free Fire, Großbritannien/Frankreich 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Tel Aviv on Fire“ oder Wie eine Soap Opera das wahre Leben beeinflusst

Juli 5, 2019

Der kleine Grenzverkehr sorgt immer wieder für Erheiterung. Beim Zuschauer. Für den Betroffenen von entwürdigenden Kontrollen, bohrenden Fragen und der penetranten Neugier von Zöllnern, die berufsbedingt Dinge tun dürfen, die man sich noch nicht einmal von seiner Frau gefallen lässt, sieht das anders aus. Entsprechend unwohl fühlt sich der junge Palästinenser Salam als am Grenzübergang vom Westjordanland nach Israel seine Habseligkeiten durchsucht. Dabei entdecken die israelischen Grenzsoldaten ein noch nicht verfilmtes Drehbuch der in Ramallah produzierten Soap Opera „Tel Aviv on Fire“. Salam behauptet gegenüber Assi, dem Leiter der Kontrollstation, einer der Autoren der in Israel und Palästina unglaublich beliebten Soap Opera zu sein.

In der 1967, wenige Tage vor dem legendären Sechstagekrieg, spielenden Soap geht es um die glamouröse palästinensische Spionin Rachel, die den israelischen General Yehuda Edelman verführen soll. Dafür eröffnet sie gegenüber dem Hauptquartier des Militärs ein französisches Edelrestaurant. Edelman gehört schnell zu den Stammgästen und er erwidert die Avancen Rachels, die sich als aus Frankreich kommende jüdische Immigrantin ausgibt. Alle Zuschauer fragen sich, ob sie ihre Mission erfolgreich beenden kann oder ob sie sich in den General verliebt und ob sie ihren Geliebten, den palästinensischen Widerstandskämpfer Marwan, verlässt.

In Wirklichkeit ist Salam der Neffe des Produzenten. Der Slacker ist seit einigen Stunden als Produktionsassistent eingestellt. Weil er während der Dreharbeiten spontan die von dem Autor aufgeschriebenen Sätze korrigierte, soll er jetzt die Dialoge zwischen Rachel und Edelman so umformulieren, wie sie von Israelis gesagt würden.

Der israelische Kommandeur Assi kritisiert allerdings ganz andere Dinge als die hölzernen Dialoge an der Liebesgeschichte. Ihm gefällt die Darstellung des israelischen Generals nicht. Nach seiner Ansicht verhält sich der Held nicht heldenhaft genug. Deshalb schlägt er Salam einige Änderungen vor, die Salam notgedrungen akzeptiert. Denn sonst könnte er die Grenze nicht jeden Tag zweimal passieren.

Während Assi in den folgenden Tagen immer stärker auf das Drehbuch Einfluss nimmt, versucht Salam die Änderungen im Studio zu verkaufen. Außerdem begegnet er wieder seiner Jugendliebe, die er immer noch liebt. Sie will allerdings nichts von ihm wissen.

Sameh Zoabis Komödie „Tel Aviv on Fire“ bietet einen Einblick in das komplizierte Verhältnis zwischen Israel und Palästina. Dabei wird eine auf beiden Seiten der Grenze gesehene Soap zum Katalysator und Mittel der Völkerverständigung. Auch wenn die Produzenten der Soap das ursprünglich anders planten. Schließlich sind sie palästinensische Patrioten. Zoabi jongliert in seiner Komödie gelungen und kurzweilig zwischen den Ereignissen am Set, den Dreharbeiten, den Hahnenkämpfen während des Drehs und Salams unbeholfenen Versuchen als Drehbuchautor, der Beziehung zwischen Salam und Assi, Salams Werben um seine Ex und den ausführlich gezeigten Ereignissen in der Soap Opera, die auch ein überspitzter Kommentar zum Verhältnis zwischen Palästina und Israel ist. Das ist witzig, intellektuell vergnüglich und am Ende, angesichts der realen Situation im Nahen Osten, vielleicht etwas zu harmlos-harmonieselig. Wobei gemeinsames Lachen mit- und übereinander ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Völkerverständigung ist.

Tel Aviv on Fire (Tel Aviv on Fire, Luxemburg/Frankreich/Israel/Belgien 2018)

Regie: Sameh Zoabi

Drehbuch: Dan Kleinman, Sameh Zoabi

mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Yaniv Biton, Nadim Sawalha, Maisa Abd Elhadi, Salim Daw, Yousef Sweid

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Tel Aviv on Fire“

Rotten Tomatoes über „Tel Aviv on Fire“

Wikipedia über „Tel Aviv on Firre“ 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Red Joan und das „Geheimnis eines Lebens“

Juli 5, 2019

Geheimnis eines Lebens“ ist lose inspiriert von dem Fall Melita Norwood. Sie wurde 1999 als Spionin enttarnt. Zu dem Zeitpunkt war die Spion-Oma bereits 87 Jahre alt. Sie studierte kurz und ohne Abschluss Latein und Logik am University College of Southampton. Sie war Mitglied der britischen Kommunistischen Partei. Für verschiedene sowjetische Geheimdienste war sie von 1937 bis 1972, ihrer Pensionierung bei der British Non-Ferrous Metals Research Association, als Spionin tätig. Sie verriet Geheimnisse über die britische Atomforschung. Der KGB hielt sie für wertvoller als den bekannten Cambridge-Five-Spionagering. Aufgrund ihres Alters wurde die 1912 geborene Spionin nicht verurteilt.

Dieser Fall inspirierte Jennie Rooney zu ihrem 2013 erschienenen Roman „Geheimnis eines Lebens“ (Red Joan), der mit den wahren Ereignissen so gut wie nichts zu tun hat. Das ist eigentlich kein Problem. Schließlich handelt es sich um einen Roman und kein Sachbuch. Ein Romanautor kann, ausgehend von einer x-beliebigen Zeitungsmeldung, seiner Fantasie freien Lauf lassen. Man sollte in diesem Fall von dem Roman und dem Film, trotz der Hinweise auf den wahren Fall, keine Aufklärung über die wahren Ereignisse erwarten. Man hätte bei der Werbung vielleicht auch auf die prominenten, etikettenschwindlerischen Hinweise auf den wahren Fall verzichten können.

In dem Roman und der dem Roman weitgehend folgenden Verfilmung von Trevor Nunn wird Joan Stanley 2000 (im Roman 2005) verhaftet. Der Geheimdienst MI5 beschuldigt die Frau, vor langer Zeit Staatsgeheimnisse verraten zu haben. Joan Stanley, die einen großen Teil ihres Lebens in Australien lebte und nach dem Tod ihres Ehemannes nach England zurückkehrte, soll eine Spionin sein.

Während sie verhört wird, erinnert sie sich an ihre Vergangenheit, als sie 1938 in Cambridge Physik studiert, den Vamp Sonya kennenlernt und sich in Leo Galisch, Sonyas Cousin, verliebt. Er ist ein überzeugter Kommunist. Sie besuchen Parteiveranstaltungen. Joan schließt ihr Studium erfolgreich ab und erhält während des II. Weltkriegs eine Stelle in einem geheimen Forschungsprojekt. Sie verliebt sich in Max Davis, den unglücklich verheirateten Leiter des Atombombenprojekts. Er erwidert ihre Liebe.

Jetzt arbeitet Joan an einem Ort, von dem aus sie die Sowjetunion mit wichtigen Informationen versorgen könnte. Leo bittet sie auch darum.

Ob und, wenn ja, welche Informationen sie an die Sowjetunion weitergibt und warum sie das tut (oder auch nicht), wird erst am Ende von „Geheimnis eines Lebens“ verraten. Damit konzentrieren sich der Roman und die Verfilmung offensichtlich auf die Frage, ob Joan Landesverrat begangen hat. Und was sie tut, um ihre Unschuld zu beweisen oder einer Enttarnung zu entgehen; – sofern sie überhaupt daran ein Interesse hat und nicht einfach den Vorwurf, eine Spionin zu sein, als Gelegenheit benutzt, um reinen Tisch zu machen.

Für diesen Thrillerplot interessieren die Macher sich nicht. Denn Joans Erinnerungen werden in Rückblenden strikt chronologisch erzählt, es handelt sich dabei immer um die Wahrheit und es ist unklar, ob sie den MI5-Beamten und ihrem Sohn, der später bei den Verhören dabei ist, das oder etwas anderes erzählt.

Daneben gelingt es ihnen auch, alle weiteren Tiefen und interessanten Aspekte der Geschichte von Joan Stanley zugunsten einer im Akademikermilieu spielenden Liebesgeschichte zu umgehen. Vor allem das erste Drittel des Romans, wenn die Liebesbeziehung zwischen Joan und Leo an der Universität im Mittelpunkt steht, liest sich wie ein Loreroman, in dem das schüchterne Landei sich in den feschen, charismatischen Russen verliebt. Danach, wenn sie die Stelle in dem streng geheimen Forschungsprojekt erhält, wird es nicht besser.

Aus einem drögen Roman wurde eine biedere Literaturverfilmung, die den Roman mit all seinen Schwächen illustriert ohne eigene Akzente zu setzen.

Geheimnis eines Lebens (Red Joan, USA 2018)

Regie: Trevor Nunn

Drehbuch: Lindsay Shapero

LV: Jennie Rooney: Red Joan, 2013 (Geheimnis eines Lebens)

mit Judi Dench, Sophie Cookson, Stephen Campbell Moore, Tom Hughes, Tereza Srbova, Ben Miles, Freddie Gaminara

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

Jennie Rooney: Geheimnis eines Lebens

(übersetzt von Stefanie Retterbush)

Goldmann, 2019

560 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Red Joan

Chatto & Windus, London, 2013

Hinweise

Moviepilot über „Geheimnis eines Lebens“

Metacritic über „Geheimnis eines Lebens“

Rotten Tomatoes über „Geheimnis eines Lebens“

Wikipedia über „Geheimnis eines Lebens“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 5. Juli: Bound – Gefesselt

Juli 5, 2019

Tele 5, 22.05

Bound – Gefesselt (Bound, USA 1996)

Regie: Larry Wachowski, Andy Wachowski

Drehbuch: Larry Wachowski, Andy Wachowski

Violet ist die Geliebte des Mafiakillers Caesar. Corky ist frisch aus dem Knast entlassen, arbeitet als Handwerkerin und hat immer noch exzellent funktionierende kriminelle Reflexe. Dennoch (oder gerade deswegen) funkt es gewaltig zwischen Corky und Violet. Sie beschließen Caesar, der auf zwei Millionen Dollar aufpassen soll, zu bestehlen.

Das Debüt der Wachowski-Brüder ist ein toller Noir voller Spannung, Erotik und Witz. Mit einigen überraschenden Wendungen.

Danach drehten die Wachowskis „Matrix“ und der Rest ist Geschichte. Wenn auch keine ungebrochene Erfolgsgeschichte. Immerhin war „Cloud Atlas“ interessant.

mit Jennifer Tilly, Gina Gershon, Joe Pantoliano, John P. Ryan, Christopher Meloni, Richard C. Sarafian

Wiederholung: 6. Juli, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Bound – Gefesselt“

Wikipedia über „Bound – Gefesselt“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowskis „Jupiter Ascending“ (Jupiter Ascending, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Annabelle comes home“ und sieht sich im Haus der Warrens um

Juli 4, 2019

Als wir die Puppe Annabelle zum ersten Mal in einem Film sahen, saß sie auf einem Holzstuhl in einer Glasvitrine im Keller des anonymen Vorstadthaus des Dämonologenehepaares Ed und Lorraine Warren. James Wans gelungener Geisterhorrorfilm „The Conjuring“ (USA 2013) war der Auftakt zu einer Reihe von kommerziell erfolgreichen Horrorfilmen, die alle in der Welt der beiden Dämonologen spielen, die es wirklich gab. Einige Filme basieren auf wahren Fällen des Ehepaares (soweit man hier überhaupt von ‚wahren Fällen‘ sprechen kann). Andere sind frei erfunden. Wie jetzt der dritte eigenständige Annabelle-Film „Annabelle comes home“, der zeitlich zwischen dem Anfang und Ende von „The Conjuring“ spielt.

In den frühen siebziger Jahren müssen Ed (Patrick Wilson) und Lorraine Warren (Vera Farmiga) für eine Nacht weg. Mary Ellen (Madison Iseman) soll als Babysitter auf ihre zehnjährige Tochter Judy (Mckenna Grace) aufpassen. Judy ist, wie ihre Mutter, seherisch begabt und, immerhin lebt sie in einem Haus, in dem Geister und Dämonen ständige Hausgäste sind, ist sie für ihr Alter schon sehr erfahren im Umgang mit diesen Wesen. Sie hat auch fast immer ein Holzkreuz in Reichweite.

Schon am Nachmittag kommt Mary Ellens Freundin Daniela (Katie Sarife) vorbei. Sie trauert noch immer um ihren bei einem Autounfall verstorbenen Vater und sie fühlt sich für seinen Tod verantwortlich. Neugierig ist sie auch. Dabei belässt sie es nicht beim Blättern in den Akten der Warrens, sondern sie schließt auch die Tür zu dem Kellerraum auf, in dem die Warrens von Dämonen besessene Gegenstände lagern. Dazu gehört auch Annabelle, die in einem Glasvitrine eingeschlossen ist, auf der steht, dass man die Tür unter keinen Umständen öffnen solle. Für Daniela ist das selbstverständlich die Anweisung die Tür zu öffnen. Und weil sie vorher alle möglichen Gegenstände in dem Keller berührt hat, hat Annabelle viele Helfer, die ihr in der Nacht in dem Vorstadthaus helfen, die drei Mädchen und Bob (Michael Cimino), den später hinzukommenden, Gitarre spielenden Verehrer von Mary Ellen, zu terrorisieren.

Für Horrorfilmfans ist das ein Best-of aller möglichen Geister. Sogar ein Werwolf ist dabei. Spätestens in dem Moment werden Erinnerungen an die beiden auf den Kinderbüchern von R. L. Stine basierenden „Gänsehaut“-Filme wach. In den beiden Filmen müssen Jugendliche gegen eine Armada höchst unterschiedlicher Geister und Monster kämpfen. Die Filme sind, wobei der erste Film besser als der zweite ist, Horrorkomödien, die sich an ein jüngeres Publikum richten. Sie sollen eine Gänsehaut verursachen. „Annabelle comes home“ ist dagegen ein erstaunlich langsam erzählter Horrorfilm, der mehr an Atmosphäre und Suspense als an Jumpscares interessiert ist. Es ist allerdings auch ein Film, in dem die titelgebende Annabelle kaum auftritt und auch die anderen Geister eher kurze Auftritte haben, die mehr die Funktion eines Zitats erfüllen. Meist stehen sie irgendwo im Bildhintergrund herum und verschwinden dann wieder geräuschlos. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt in Gary Daubermans Regiedebüt kein Geist.

Dauberman schrieb bereits die Bücher für die vorherigen „Annabelle“-Filme, „The Nun“ (ebenfalls aus dem Conjuring-Universum) und die Blockbuster-Stephen-King-Verfilmung „It“. Der zweite Teil, angekündigt für 5. September, ist ebenfalls von ihm geschrieben.

Annabelle comes home“ ist ein gemütlicher Gang durch bekannte Geisterhorrortopoi, bei dem sich aufgrund der vielen Geister, die letztendlich austauschbar bleiben, und dem schwachen Finale, keine wirkliche Begeisterung aufkommen will. Mehr als eine leichte Gänsehaut will bei Annabelles neuestem Auftritt nicht aufkommen.

Annabelle comes home (Annabelle comes home, USA 2019)

Regie: Gary Dauberman

Drehbuch: Gary Dauberman (nach einer Geschichte von James Wan und Gary Dauberman)

mit Vera Farmiga, Patrick Wilson, Mckenna Grace, Madison Iseman, Katie Sarife, Michael Cimino, Samara Lee, Steve Coulter

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Auch bekannt als „Annabelle 3“ (mehr oder weniger der Arbeitstitel und mehr oder weniger der inoffizielle Titel)

Hinweise

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Moviepilot über „Annabelle comes home“

Metacritic über „Annabelle comes home“

Rotten Tomatoes über „Annabelle comes home“

Wikipedia über „Annabelle comes home“ (deutsch, englisch)

Das „Conjuring“-Universum in der Kriminalakte

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring“ (The Conjuring, USA 2013)

Meine Besprechung von James Wans „The Conjuring 2″ (The Conjuring 2, USA 2016)

Meine Besprechung von John R. Leonettis „Annabelle“ (Annabelle, USA 2014)

Meine Besprechung von David F. Sandbergs „Annabelle 2″ (Annabelle: Creation, USA 2017)

Meine Besprechung von Corin Hardys „The Nun“ (The Nun, USA 2018)

Meine Besprechung von Michael Chaves‘ „Lloronas Fluch“ (The Curse of La Llorona, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Spider-Man: Far From Home“ in good old Europe

Juli 4, 2019

Spider-Man: Far From Home“ ist der erste Marvel-Film nach dem unglaublich erfolgreichen „Avengers: Endgame“, der lange als Abschluss der Phase Drei des Marvel Cinematic Universe angekündigt war. Inzwischen weiß man, dass aus Sicht der Macher „Spider-Man: Far From Home“ der richtige und endgültige Abschluss der Phase Drei des MCU ist. Diese Idee, mit dem MCU mehrere Filme miteinander zu verbinden, war auch eine grandiose Idee, um das Publikum über mehrere Filme ins Kino zu locken. Schließlich traten Hauptfiguren in einem Film in anderen Filmen kurz auf und es gab immer Kleinigkeiten, die in einem der nächsten Filme wichtig wurden. In „Endgame“ wurden dann die verschiedenen, wie Brotkrumen über die Filme gestreuten Informationen so zusammengefügt, dass das Bild eines großen Plans entstand. „Spider-Man: Far From Home“, der nach „Endgame“ spielt, ist jetzt ein Epilog, der vor allem ein Einzelfilm ist.

‚Spider-Man‘ Peter Parker (Tom Holland) sieht sich immer noch als der freundliche Superheld aus und für die Nachbarschaft. Er will nicht die Welt, sondern das Dorf retten. Außerdem ist er immer noch der sechzehnjährige Schüler (Wird der denn nie älter?), der immer noch in die schnippische MJ (Zendaya) verliebt ist und keine Ahnung hat, wie er ihr seine Liebe gestehen soll. Aber während der Klassenfahrt könnte sich eine Gelegenheit ergeben. Zusammen mit seinem Freund Ned Leeds (Jacob Batalon) entwirft er schon kitschig-romantischste Pläne für dieses große Ereignis.

Die Klassenfahrt ist eine Europa-Rundreise, die in Venedig beginnt. Dort gerät er in einen Kampf zwischen einem Wassermonster und Quentin Beck, aka Mysterio (Jake Gyllenhaal) (Nein! Nicht schnell auf Wikipedia nachsehen, wer Mysterio in den Marvel-Comics ist.). Mysterio ist auf den ersten Blick eine Mischung aus Iron Man und Dr. Strange, die beide, wie Nick Fury ihm sagt, aus verschiedenen Gründen im Moment verhindert sind. Also muss Peter Parker gegen die Bösewichter kämpfen.

Und weil wir in der Pressevorführung gebeten wurden, nichts über den Inhalt des Films zu verraten, bin ich jetzt am Ende des Teils meiner Besprechung angelangt, die irgendetwas über den Inhalt verrät, das man nicht schon aus den Trailern kennt.

Sagen kann ich, dass Tom Holland wieder als freundlicher, meist von den Herausforderungen etwas überforderter Spider-Man überzeugt. Auch die anderen Schauspieler überzeugen. Viele sind aus dem vorherigen, ebenfalls von Jon Watts inszeniertem MCU-Spider-Man-Film „Homecoming“ und den anderen MCU-Filmen bekannt. Die Effekte sind, wenn ganze Innenstädte und Wahrzeichen zerstört werden, gewohnt gut und bombastisch. Der touristische Europatrip erfreut mit vielen, meist gut abgehangenen Klischees über die alte Welt und verliert dabei mehr als einmal den Kampf von Spider-Man gegen den Bösewicht aus dem Blick. Der Bösewicht ist gewohnt schwach. Sein Motiv ist kaum nachvollziehbar. Sein genialer und teuflisch böser Plan ebenso. Damit gibt es auch keinen zentralen Konflikt, auf den sich die gesamte Filmgeschichte konzentrieren könnte. Aber das kennt man aus den vorherigen Marvel-Filmen, die diesen Mangel mit Humor überspielen.

Far From Home“ gefällt vor allem als unterhaltsamer Einzelfilm, der bis auf ein, zwei Momente auch ohne das Wissen aus den anderen MCU-Filmen gesehen werden kann. Entsprechend schlecht funktioniert „Far From Home“ als Abschluss der dritten MCU-Phase. Am Anfang werden zwar die in „Endgame“ verstorbenen Avengers erwähnt und Peter Parkers erinnert sich an sein Idol Tony Stark, aber auf die Geschichte von „Far from home“ hat das keinen nennenswerten Einfluss. Um was es in der nächsten MCU-Phase gehen könnte, ist auch nach „Far From Home“ immer noch unklar. Daran ändert auch Peter Parkers bereits aus dem Trailer bekannte sofortige Akzeptanz des Multiversums nichts. Aber vielleicht hat er den vor Weihnachten gestarteten Spider-Man-Animationsfilm „Spider-Man: A new Universe“ (Spider-Man: Into the Spider-Verse, USA 2018) gesehen und wusste daher, dass es viele verschiedene Welten mit verschiedenen Spider-Man-Inkarnationen, Superhelden und Bösewichtern gibt.

Spider-Man: Far From Home (Spider-Man: Far From Home, USA 2019)

Regie: Jon Watts

Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers (nach dem Charakter von Steve Ditko und Stan Lee)

mit Tom Holland, Jon Favreau, Jake Gyllenhaal, Samuel L. Jackson, Cobie Smulders, Jacob Batalon, Zendaya, Angourie Rice, Zach Barack, Numan Acar, Marisa Tomei, J. K. Simmons

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Spider-Man: Far From Home“

Metacritic über „Spider-Man: Far From Home“

Rotten Tomatoes über „Spider-Man: Far From Home“

Wikipedia über „Spider-Man: Far From Home“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jon Watts‘ „Spider-Man: Homecoming“ (Spider-Man: Homecoming, USA 2017)