Natürlich basiert „A Royal Night – Ein königliches Vergnügen“ auf einer wahren Begebenheit, die für den Film, weil man von dieser wahren Begebenheit eigentlich nichts weiß, kräftig ausgeschmückt wurde bis von der wahren Begebenheit nur noch die Inspiration für einen Film blieb, der auch ohne die wahre Begebenheit funktioniert. Also: am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation und der entsprechenden Siegesfeiern, verließen Prinzessin Elizabeth (seit Jahrzehnten bekannt als Königin Elizabeth II) und Prinzessin Margaret, damals neunzehn und vierzehn Jahre alt, den Buckingham Palast. Sie gingen, begleitet von einem kleinen Hofstaat, zu einem Tanz in das Hotel Ritz und waren kurz nach Mitternacht wieder zu hause.
In „A Royal Night – Ein königliches Vergnügen“ verlassen die supervernünftige Elizabeth (Sarah Gadon) und die hemmungslos vergnügungssüchtige Margaret (Bel Powley) durch einige dumme Zufälligkeiten das Ritz. Elizabeth sucht nun, mitten in Londons feiernden Massen ihre jüngere Schwester. Dabei trifft sie auf den Soldaten Jack (Jack Reynor), der Elizabeth selbstlos hilft. Denn sie hat kein Geld und sie kennt sich in London nicht aus. Vor allem nicht im London der kleinen Leute. Jack erkennt die künftige Königin nicht.
Julian Jarrold, der neben historischen Filmen, wie „Wiedersehen mit Brideshead“, „Geliebte Jane“ und „Great Expectations“, auch die grandiose David-Peace-Verfilmung „Red Riding: Yorkshire Killer 1974“ inszenierte, orientiert sich in seinem neuen Film an den Screwball-Komödien der fünfziger Jahre und selbstverständlich war „Ein Herz und eine Krone“ (Roman Holiday, USA 1953) eine der Inspirationen für „A Royal Night“, der ein rundum harmloser und geschmackvoller Spaß für queentreue Royalisten ist.
Das hat durchaus gelungene Momente, aber letztendlich handelt es sich um eine unbedeutende historische Episode, die höchstens weiter zur Legendenbildung beiträgt. Denn Prinzessin Elizabeth taumelt als besorgte und überragend vernünftige große Schwester, ohne sich jemals von der Feierlaune anstecken zu lassen, durch die Stadt und alle Menschen sind in diesem Kulissenlondon furchtbar nett.
Arte, 20.15 Banklady(Deutschland 2013)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christoph Silber, Kai Hafemeister
Bonnie & Clyde in der deutschen Version.
Ein überraschend gelungener Gangsterfilm, der, mit viel Sixties-Flair, die vergessene Geschichte von Deutschlands erster Bankräuberin Gisela Werner erzählt. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Nadeshda Brennicke, Charly Hübner, Ken Duken, Andreas Schmidt, Hein Hoenig, Henny Reents, Niels Bruno Schmidt, Heinz Struck
Das, wofür Don Winslow zuletzt in „Das Kartell“ über achthundert Seiten und eine sich über ein Jahrzehnt mäandernde Geschichte brauchte, erzählt Denis Villeneuve in seinem hochspannenden Action-Thriller „Sicario“ innerhalb von zwei Stunden anhand einer auf den ersten Blick eher kleinen Episode im mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg.
Kate Macer (Emily Blunt), FBI-Expertin für Geiselbefreiungen, stößt bei einem Einsatz zufällig auf ein Kartellhaus. In den Wänden stapeln sich die Leichen. Eine Sprengfalle tötet mehrere ihrer Kollegen.
Danach erhält sie das Angebot, in dem Team von Matt Graver (Josh Brolin) mitzuarbeiten. Graver versichert ihr, dass sie mit seiner Hilfe gegen die Hintermänner, die für den Tod ihrer Kollegen verantwortlich sind, vorgehen kann. Sie könne das Drogenübel an der Wurzel packen. Macer ist einverstanden – und sie betritt eine Welt, in der die normalen Regeln der Polizeiarbeit nicht mehr gelten.
Ihren ersten Einblick in Gravers Welt erhält sie bei einer Gefangenenüberstellung von Juárez in die benachbarte USA. In dem Autokonvoi ist neben Graver und etlichen schwer bewaffneten Männern, die auf den ersten Blick mehr Erfahrung im Kampf in Kriegsgebieten als mit der regulären Polizeiarbeit haben, auch Alejandro (Benicio Del Toro), ein südamerikanischer Ex-Staatsanwalt mit dunkler Vergangenheit. Genau wie Graver sagt er ihr nur das Nötigste und es ist immer unklar, ob sie ihr die Wahrheit sagen, Wichtiges verschweigen oder sie einfach belügen.
Schockiert beobachtet sie bei der Rückfahrt in die USA, wie einige Drogen-Killer, während sie im Stau vor der Grenze stehen, sie überfallen wollen. Aber Gravers Männer sind schneller. Skrupellos töten sie am helllichten Tag auf offener Straße alle, die sie bedrohen oder ihre Mission gefährden könnten. Danach verlassen sie, entgegen allen Regeln der Polizeiarbeit, die von Macer bislang akribisch befolgt wurden, den Tatort.
Diese Überstellung des mexikanischen Gefangenen ist nur der erste Schritt auf Macers Weg in die Finsternis, in das Land der Wölfe, wie es mal halbpoetisch genannt wird. Denn Graver, der mal sagt, er arbeite für die CIA, und seine Männer kümmern sich, im Gegensatz zu Macer, herzlich wenig um Recht und Gesetz. Bei ihnen zählt nur die Effektivität bei ihrer Jagd nach einem Drogenboss.
Denis Villeneuve, zuletzt „Enemy“, zeigt wieder einmal, dass er keine Lust hat, den gleichen Film zweimal zu drehen. Dieses Mal inszenierte er einen knallharten Thriller, der eine kleine Episode aus dem schon seit Jahrzehnten andauernden, erfolglosen Drogenkrieg erzählt. Die nur auf den ersten Blick geradlinige und einfache Geschichte wird schnell zu einem breiten Panorama des Krieges an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, bei dem alle moralischen Gewissheiten verschwinden und der genau deshalb zum Nachdenken anregt.
Das macht „Sicario“ zum Action-Polit-Thriller für den denkenden Menschen, der sich über die gelungene Verknüpfung von grandiosen, hochspannenden Action-Szenen, auch dank der Kamera von Veteran Roger Deakins und der effektiven Musik von Jóhann Jóhannsson, treffender politischer Analyse, genauem Einblick in eine für uns fremde Welt und dem Aufwerfen vielfältiger moralischer Fragen freut. Denn in dem Film hat jeder gute Gründe für seine Taten. Ob wir am Ende in Macers oder Alejandros Welt leben wollen, müssen wir selbst beantworten. All das sichert „Sicario“ einen Platz in meiner Jahresbestenliste; – wenn ich dazu komme, eine solche zu erstellen.
„Sicario“ kann, auch weil Benicio Del Toro eine ähnliche Rolle spielt (jedenfalls können wir uns mit einigen kleineren gedanklichen Verrenkungen vorstellen, dass der „Traffic“-Polizist Javier Rodríguez heute Alejandro ist), als Fortsetzung von „Traffic – Macht des Kartells“ (USA 2000, Regie: Steven Soderbergh) gesehen werden. So wie Soderberghs Film vor fünfzehn Jahren eine Bestandsaufnahme des Scheiterns des US-amerikanischen „war on drugs“ war, ist „Sicario“ eine aktualisierte Bestandsaufnahme dieses inzwischen grandiosen Scheiterns, die zeigt, wie sehr sich, im Schatten des „wars on terror“, die Lage verschlimmerte und der Drogenkrieg jegliches Maß verlor.
Als Ergänzung zu „Sicario“ empfehle ich die ab 6. Oktober als VoD erhältliche (ansehbare?) und in einigen Kinos laufende Doku „Cartel Land“ von Matthew Heineman. Er porträtiert den Ex-Soldaten Tim ‚Nailer‘ Foley, Anführer einer Bürgerwehr gegen mexikanische Einwanderer und Drogenkuriere in Arizona, und Doktor José ‚El Doctor‘ Mireles, Anführer der Autodefensas, einer Gruppe Bürger, die sich im mexikanischen Bundesstaat Michoacan gegen die Macht der dortigen Drogenkartelle wehren. Mit einem überraschendem Ergebnis.
Für die immer länger werdenden Nächte empfehlen die Herren der KrimiZeit (die niemals auf die tarnende Sonnenbrille verzichten):
1 (1) Friedrich Ani: Der namenlose Tag
2 (2) Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens
3 (-) William McIlvanney: Fremde Treue
4 (-) James Lee Burke: Glut und Asche
5 (-) Åke Edwardson: Marconipark
6 (-) Antonio Ortuño: Die Verbrannten
7 (4) Andreas Kollender: Kolbe
8 (10) Michael Robotham: Um Leben und Tod
9 (-) Seamus Smyth: Spielarten der Rache
10(–) Michael Fehr: Simeliberg
–
In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat
–
Einiges liegt auch auf meiner Zu-Lesen-Liste. Vor allem natürlich Seamus Smyth (Pulp Master!!!), William McIlvanney (der dritte Laidlaw-Roman), James Lee Burke (obwohl der so dick ist) und Friedrich Ani (immer noch).
Arte, 23.15 Finsterworld(Deutschland 2013)
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
Perfekte Einstimmung auf die Feierlichkeiten zur Einheit. Denn Frauke Finsterwalder und Christian Kracht toben sich in ihrem Episodenfilm so richtig gemein in deutschen Befindlichkeiten (echten und falschen, alten und neuen) aus. Denn das „Finsterworld“-Deutschland ist ein aus der Zeit gefallenes Deutschland voller gestörter Charaktere, die sich auf die Nerven gehen und die sich letztendlich in ihrer Tristesse gut eingerichtet haben.
Das ist zwar nicht durchgehend gelungen, hat aber erfrischend wenig mit den gängigen deutschen Komödien zu tun; was schon einmal eine gute Sache ist.
mit Johannes Krisch, Michael Maertens, Margit Carstensen, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Christoph Bach, Carla Juri, Leonard Scheicher, Jakub Gierszal, Max Pellny, Markus Hering, Dieter Meier
Hardy Kettlitz, der Autor von „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“, lernte den Science-Fiction-Autor, wie viele Jugendliche Anfang der achtziger Jahre durch die japanische Zeichentrickserie „Captain Future“ kennen. In ihr kämpfen Curtis Newton, genannt Captain Future und ein echter Alleskönner (für die Jüngeren: „Iron Man“ Tony Stark, aber nicht so arrogant egozentrisch), und seine Vertrauten, das lebende, alles wissende Gehirn Professor Simon Wright, befreit von allen körperlichen Beschränkungen, Android Otho, der seine Gestalt verändern kann, Roboter Grag, der gerne ein Mensch wäre, und die wunderschöne, wunderschöne Joan Randall auf verschiedenen Planeten im Sonnensystem gegen Verbrecher. Durch die Serie erlebte Edmond Hamilton, der bereits 1977 verstorben war, eine Renaissance. Bastei-Lübbe veröffentlichte die „Captain Future“-Romane. Teilweise erstmals. Es gab Comics und etliche andere Merchandise-Artikel.
Dabei schrieb Hamilton (21. Oktober 1904 – 1. Februar 1977) nicht nur die „Captain Future“-Romane, sondern zahlreiche weitere Space Operas und Kurzgeschichten, die fast alle, mit einer weitgehenden Missachtung jeglicher wissenschaftlichen Plausibilität, zum Science-Fiction-Genre gehören. Das war und ist nicht Hohe Literatur, sondern Pulp, der allerdings Spaß macht und Jungs zu Leseratten macht.
In seiner lesenswerten Monographie stellt Kettlitz vor allem die Romane und Erzählungen von Hamilton, die auf Deutsch erschienen, kurz vor. Denn insgesamt schrieb Hamilton fast dreihundert Geschichten, die fast alle zuerst in einem der damals populären Magazine erschienen. Der Schwerpunkt von „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ liegt dabei mit insgesamt gut achtzig Seiten auf Hamiltons bekanntestem Helden, dem schon genannten Captain Future. Zwischen 1940 und 1944 erschienen siebzehn „Captain Future“-Romane in den gleichnamigen Heften. Hamilton schrieb fünfzehn (zwei als Brett Sterling). 1945 und 1946 erschienen in „Startling Stories“ drei weitere „Captain Future“-Geschichten, von denen Hamilton zwei schrieb. 1950 und 1951 schrieb Hamilton, ebenfalls in „Startling Stories“, sieben kürzere „Captain Future“-Erzählungen. Kettlitz stellt sie alle kurz vor. Es gibt außerdem die ersten beiden Kapitel des ersten „Captain Future“-Romans, die Hamilton auf Wunsch seines Verlegers überarbeitete. Der ursprüngliche Text erschien erstmals 1971 in „Pulp“.
Es gibt ein im Februar 1975 mit Hamilton geführtes Interview, in dem er einige interessante Einblicke in das Geschäftsgebaren der Pulp-Magazine gibt. Es gibt eine ausführliche Bibliographie, die allerdings bei den Golkonda-Ausgaben der „Captain Future“-Geschichten schwächelt. Das liegt auch daran, dass „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ erstmals 2003 als „Edmond Hamilton – Weltenzerstörer und Autor von Captain Future“ (SF Personality 13) erschien und 2012 für eine erweiterte und ergänzte Neuausgabe im Shayol Verlag (dem Vorläufer von Golkonda) veröffentlicht wurde. Und es gibt ein erstmals im Oktober 2011 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienenes Essay von Dietmar Dath über Edmond Hamilton und Captain Future.
„Edmond Hamilton“ ist ein gewohnt liebevoll gestaltetes und sehr informatives Buch, das vor allem zum Blättern einlädt und, wenigstens bei mir, den Wunsch weckte, wieder einen „Captain Future“-Roman, die ja dank Golkonda in schönen Ausgaben wieder erhältlich sind, oder eine andere naive Weltraumoper zu lesen.
– Hardy Kettlitz: Edmond Hamilton – Autor von Captain Future Memoranda/Golkonda, 2015 208 Seiten
16,90 Euro
– Hinweise
Arte, 20.15 Hotel Ruanda (Südafrika/Großbritannien/Italien/Kanada 2004, Regie: Terry George)
Drehbuch: Keir Pearson, Terry George
Ruanda, 1994: Mitten während des Völkermordes der Hutu an den Tutsi versucht Paul Rusesabagina, Manager des in der Hauptstadt gelegenen 113-Zimmer Vier-Sterne-Luxushotels Les Milles Collines, den Hotelbetrieb aufrecht zu erhalten. Seine Gäste: Über 1200 Hutu und Tutsi, die um ihr Leben fürchten.
Starkes, auf wahren Ereignissen basierendes Drama.
„Ein überzeugender Film, dem der Balanceakt zwischen historischer Rekonstruktion und bewegender Erzählung souverän gelingt.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Don Cheadle, Sophie Okonedo, Nick Nolte, Joaquin Phoenix, Desmond Dube, David O’Hara Wiederholung: Freitag, 2. Oktober, 00.40 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Hotel Ruanda“
Wikipedia über „Hotel Ruanda“ (deutsch, englisch)
Detective Inspector Tom Thorne von der Londoner Polizei ist zurück mit einem Fall, der für ihn nur aus schlechten Nachrichten besteht: Stuart Nicklin (bekannt aus dem zweiten Tom-Thorne-Roman „Die Tränen des Mörders“ [Scaredy Cat, 2002], der auch verfilmt wurde, und dem achten Tom-Thorne-Roman „Das Blut der Opfer“ [Death Message, 2007]) will der Polizei verraten, wo er eine weitere Leiche versteckt hat. Seine einzige Bedingung: Tom Thorne, der ihn damals verhaftete, soll ihn begleiten. Oh, und sein Mithäftling Jeffrey Batchelor soll ihn als objektiver Beobachter begleiten. Man weiß ja nicht, was Thorne und die anderen Polizisten vielleicht auf dem Weg vom Hochsicherheitsgefängnis zum Tatort und zurück anstellen.
Der Tatort liegt auf der einsam gelegenen Insel Bardsey (oder, auf walisisch: Ynys Enlli). Sie ist, wenn das Wetter gut ist, mit dem Schiff erreichbar. Handyempfang gibt es nur an wenigen Orten und sie hat keine der modernen Errungenschaften, die inzwischen in London auch in der billigsten Mietwohnung normal sind. Es ist noch wie in der guten alten Zeit, als man im Winter Eisblumen am Fenster sah.
Dort, so Nicklin, habe er sein erstes Opfer vergraben. Er war vor fünfundzwanzig Jahren einer der Zöglinge einer kurzlebigen Besserungsanstalt, die kurz nach seinem Verschwinden geschlossen wurde.
Thorne fragt sich, was Nicklin, der es genießt Menschen zu manipulieren, plant und wann er versucht zu fliehen.
Billinghams zwölfter Tom-Thorne-Roman „Der Manipulator“ lebt von dieser Spannung. Damit ähnelt er einem Western, der auf einen finalen Showdown zusteuert. Das ist aber auch das Problem des gut vierhundertfünfzigseitigem Romans. Denn nachdem man sich daran gewöhnt hat, dass die Geschichte auf Bardsey spielt und Nicklin bis zu seiner Flucht vor allem die Polizisten bei der Arbeit beobachtet, wartet man nur auf eben diesen Fluchtversuch. Bis dahin plätschert die Geschichte eher vor sich hin.
Insofern ist „Der Manipulator“, als Landpartie mit überschaubarem Personal, für langjährige Tom-Thorne-Fans eine willkommene Abkehr von dem gewohnten Muster und eine Wiederbegegnung mit einem altbekannten Bösewicht. Für Neueinsteiger wird der Roman, obwohl er problemlos zu verstehen ist und eine ziemlich überraschende Lösung hat, insgesamt zu handlungsarm und zu wenig thrillend sein, um wirklich zu begeistern.
Mark Billingham: Der Manipulator (übersetzt von Irene Eisenhut) Heyne, 2015 464 Seiten
12,99 Euro
– Originalausgabe
The Bones beneath
Little, Brown (London), 2014
– Hinweise
Tele 5, 20.15 Rum Diary (USA 2011, Regie: Bruce Robinson)
Drehbuch: Bruce Robinson
LV: Hunter S. Thompson: The Rum Diary, 1998 (Rum Diary)
Puerto Rico, 1960: der erfolglose US-Journalist Paul Kemp ergattert auf der Insel einen Reporterjob, der ihn schnell in Kontakt mit den schmutzigen Geschäften seiner Landsleute und Drogen, vielen Drogen, sehr vielen Drogen bringt.
Bruce Robinsons „Rum Diary“ ist die sehr brave Version von „Fear and Loathing in Las Vegas“ (Angst und Schrecken in Las Vegas), das ebenfalls auf einem Buch von Thompson basiert. „Rum Diary“, ein lange verschollen geglaubter Roman von Thompson, ist zwar ein Roman, aber man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass er mehr als nur inspiriert von Hunter S. Thompsons Erlebnissen als Journalist auf Puerto Rico ist.
Die dank vieler gelungener Episoden durchaus kurzweilige, aber auch etwas belanglose Verfilmung selbst hat mit einem plätscherndem bis nicht vorhandenem Plot zu kämpfen. Johnny Depp als dreißigjähriger Journalist ist zu alt für die Rolle (was besonders bei seinen Szenen mit Aaron Eckhart, der einen deutlich erfahreneren und “älteren” Mann spielt, auffällt) und der Journalist Kemp ist auch etwas zu naiv für einen Dreißigjährigen gezeichnet. Er wirkt eher wie ein Zwanzigjähriger, also wie ein Alter Ego des 1937 geborenen Hunter S. Thompson, der 1960 auf der Insel arbeitete.
mit Johnny Depp, Aaron Eckhart, Michael Rispoli, Amber Heard, Richard Jenkins, Giovanni Ribisi, Amaury Nolasco, Marshall Bell, Bill Smitrovich
In der Mojave-Wüste will der vermögende Geschäftsmann John Madec (Michael Douglas) ein seltenes Dickhornschaf jagen. Der junge Fährtenleser Ben (Jeremy Irvine) soll ihn im einsam gelegenen Jagdgebiet begleiten. Aber dann erschießt Madec zufällig einen Einsiedler und weil er auf Bens Schweigsamkeit letztendlich nicht vertraut, will er jetzt auch ihn töten.
Die Jagd ist eröffnet – und Jean-Baptiste Léonettis „The Reach – In der Schusslinie“ bewegt sich wohltuend im Umfeld der Siebziger-Jahre-Survival-Thriller, in denen man nicht mehr als einen Jäger, einen Gejagten und eine ländliche Landschaft benötigte.
Dieses Mal stammt die Vorlage von Robb White. Sein mit dem Edgar ausgezeichneter Jugendroman „Deathwatch“ wurde bereits 1974 von Lee H. Katzin als TV-Film „Savages“ mit Andy Griffith und Sam Bottoms in den Hauptrollen verfilmt. Auch in dem Remake veränderte man die Geschichte bis auf einige Details und Aktualisierungen (so telefoniert Madec immer wieder mit einem Satellitentelefon) nicht. Es geht nur um eine Jagd in einer Landschaft, in der der Mensch nur als Gast geduldet ist, einen Gejagten und einen Jäger, der vor allem sein Opfer beobachtet, während die Natur den Rest erledigen soll. Allerdings kennt Ben die Landschaft verdammt gut.
Mit seiner Konzentration auf zwei Personen gehört „The Reach“ auch zu den reduziertesten Exemplaren des Genres. Auch die Laufzeit mit knapp neunzig Minuten ist sehr reduziert, was ja nicht schlecht ist. Denn damals benötigte der Regisseur, auch weil auf überflüssige Subplots verzichtet wurde, bei einem B-Picture keine neunzig Minuten, um seine Geschichte zu erzählen.
Und Michael Douglas gefällt sich, wieder einmal, in der Rolle des erschreckend sympathischen und normalen Unsympathen, auf die er während seiner großen Zeit in den Achtzigern und Neunzigern, nach der TV-Serie „Die Straßen von San Francisco“ , abonniert war.
The Reach – In der Schusslinie (Beyond the Reach, USA 2014)
Regie: Jean-Baptiste Léonetti
Drehbuch: Stephen Susco
LV: Robb White: Deathwatch, 1972
mit Michael Douglas, Jeremy Irvine, Ronny Cox, Hanna Mangan Lawrence, Patricia Bethune, Martin Palmer, David Garver
– DVD
Universum Film
Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Trailer, Wendecover
Länge: 87 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise Homepage zum Film Moviepilot über „The Reach“ Metacritic über „The Reach“ Rotten Tomatoes über „The Reach“
Wikipedia über „The Reach“ und Robb White
–
Ein Interview mit Jean-Baptiste Léonetti (Regie), Michael Douglas (Hauptrolle, Produzent) und Jeremy Irvine (Hauptrolle) und Tonproblemen
Und noch ein Interview mit den Jungs, kürzer und mit besserem Ton
Und eines mit Jean-Baptiste Léonetti über sein US-Debüt
Der dritte Mann (Großbritannien 1949, Regie: Carol Reed)
Drehbuch: Graham Greene
LV/Buch zum Film: Graham Greene: The third man, 1950 (Der dritte Mann)
Wien, kurz nach dem Krieg: Holly Martins kann es nicht glauben. Sein toter Freund Harry Lime soll ein skrupelloser Geschäftemacher sein. Holly will Harrys Unschuld beweisen.
Na, den Film kennen wir – das kaputte Wien, die grandiosen Leistungen der Schauspieler, die Verfolgung durch die Wiener Kanalisation, die Zither-Melodie von Anton Karas – und sehen ihn immer wieder gern.
Arte zeigt die in Cannes präsentierte Fassung des Films und anschließend, um 21.55 Uhr, die Doku „Orson Welles – Tragisches Genie“ (Frankreich 2014) über, nun, Orson Welles (6. Mai 1915 – 10. Oktober 1985)
Mit Joseph Cotten, Orson Welles, Alida Valli, Trevor Howard, Bernard Lee, Erich Ponto, Paul Hörbiger
Arte, 20.15 Ein Mann für gewisse Stunden (USA 1980, Regie: Paul Schrader)
Drehbuch: Paul Schrader
„American Gigolo“ Julian (Richard Gere) lebt in Los Angeles als Callboy für die Damen der Oberschicht. Das ist kein Problem, bis sich eine Politkergattin in ihn verliebt und er in ein Mordkomplott hineingezogen wird.
Für Richard Gere war der an der Kinokasse erfolgreiche Film der große Durchbruch als Schauspieler und Paul Schrader, der davor unter anderem das Drehbuch für „Taxi Driver“ schrieb, hatte als Regisseur plötzlich ein ganz anderes Standing in Hollywood.
Heute ist die Charakterstudie eines einsamen Mannes ein Klassiker, der damals allerdings von der Kritik nicht so geliebt wurde: „Paul Schrader hat so gut wie alle Möglichkeiten des Themas verschenkt. (…) Das Produkt verkommt in der Kulisse.“ (Fischer Film Almanach 1981) oder „Elegant inszeniert, mit überlegenswerten Zwischentönen, aber insgesamt in der Behandlung des Themas zu oberflächlich, kommt der Film über anspruchsvollere Unterhaltung nicht hinaus.“ (Lexikon des intenationalen Films)
Dabei ist Julian doch der Prototyp eines oberflächlichen Mannes, der sich (auch berufsbedingt) durch Äußerlichkeiten definiert und der in einer Welt des schönen Scheins lebt. Und Schraders Film eine Vorschau auf die achtziger Jahre.
2007 drehte Paul Schrader mit „The Walker – Ein Freund gewisser Damen“ ein Quasi-Remake/Fortsetzung. Woody Harrelson spielt darin den eleganten Beglücker älterer Damen.
Mit Richard Gere, Lauren Hutton, Hector Elizondo, Nina von Pallandt, Bill Duke Wiederholung: Montag, 28. September, 14.00 Uhr Hinweise Rotten Tomatoes über „Ein Mann für gewisse Stunden“
Wikipedia über „Ein Mann für gewisse Stunden“ (deutsch, englisch) Paul Schrader in der Kriminalakte
ServusTV, 20.15 James Dean – Ein Leben auf der Überholspur (USA 2001, Regie: Mark Rydell)
Drehbuch: Israel Horovitz
Durchaus gelungenes Biopic über James Dean (8. Februar 1931 – 30. September 1955).
James Franco erhielt für sein Spiel einen Golden Globe.
mit James Franco, Michael Moriarty, Valentina Cervi, Enrico Colantoni, John Pleshette, Barry Primus Wiederholung: Sonntag, 27. September, 15.35 Uhr Hinweise Rotten Tomatoes über „James Dean“
Wikipedia über James Dean (deutsch, englisch) und „James Dean“ (deutsch, englisch)
Nachdem in der vierten Staffel der legendären Serie „The Twilight Zone“ (USA 1959 – 1964) das Format von halbstündigen auf einstündige Geschichten (mit Werbung) verändert wurde, was nicht unbedingt zum Vorteil der Geschichten war, ist in der fünften und letzten Staffel der Serie (es gab später Wiederbelebungen und Kinofilme) wieder die Welt in Ordnung. Wenn man Intro, Rod Serlings Ansagen und den Abspann weglässt, wird in etwas über zwanzig Minuten eine unwahrscheinliche, immer spannende Geschichte, die fast immer ein ebenso überraschendes, wie überzeugendes Ende hat, erzählt. Meistens handelt es sich dabei um eine Science-Fiction- oder Horrorgeschichte.
Dabei ist die Auftaktepisode „Ein Leben für ein Leben“ (In Praise of Pip) eher schwach geraten. Im Mittelpunkt steht ein Spieler, der, als er erfährt, dass sein über alles geliebter Sohn in Vietnam im Sterben liegt, Gott um einen Tauschhandel bittet, während er schwerverletzt und von Visionen geplagt über einen Vergnügungspark stolpert. Da ist das Ende dann doch arg absehbar. Aber Jack Klugman darf schauspielerisch brillieren.
Die zweite Folge „Ein Halbschwergewicht aus Stahl“ (Steel) ist dann ein kleiner Klassiker, der 2011 als „Real Steel“ (Real Steel) wieder verfilmt wurde. Lee Marvin spielt einen Ex-Boxer und Box-Promoter, der – nachdem Boxkämpfe zwischen Menschen verboten sind und menschenähnliche Roboter gegeneinander kämpfen –, weil er das Geld braucht, als „Roboter“ gegen einen anderen Roboter in den Ring steigt.
Auch die dritte Folge „Porträt eines ängstlichen Mannes“ (Nightmare at 20.000 Feet), ebenfalls von Richard Matheson geschrieben, erhielt 1983 in dem Spielfilm „Unheimliche Schattenlichter“ (Twilight Zone: The Movie) ein von „Mad Max“ George Miller inszeniertes Remake. Es geht um einen von William Shatner gespielten Mann, der panische Flugangst hat. Als er während des Fluges aus dem Fenster blickt, sieht er ein koboldähnliches Wesen, einen Gremlin, auf der Tragfläche herumwerkeln. Das kann doch nur ein Alptraum sein.
Wie auch in den 33 anderen Geschichten aus der Dimension zwischen Licht und Schatten konfrontieren sie in jeder neuen Geschichte einen anderen Protagonisten mit seinen Ängsten oder Wünschen und einem Twist-Ende. Dabei fällt Robert Enricos Verfilmung von Ambrose Pierces Kurzgeschichte „Zwischenfall an der Eulenfluss-Brücke“ (Occurence at Owl Creek Bridge) aus dem Rahmen. Denn es ist eine französische Produktion, die für die US-Ausstrahlung bearbeitet wurde, während die anderen Geschichten alle für ein überschaubares Budget in Hollywood realisiert wurden. Auch von Regisseuren, die heute noch bekannt sind.
Don Siegel, Jacques Tourneur, Ida Lupino, Elliot Silverstein, Robert Butler, Richard C. Sarafian, Ted Post, Joseph M. Newman und Richard Donner inszenierten teils mehrere Episoden.
Wie immer schrieb Rod Serling die meisten Geschichten. Manchmal kam auch ein anderer Autor zum Zug. Neben dem schon erwähnten Richard Matheson waren das Charles Beaumont, Martin M. Goldsmith (der auch das Drehbuch für den Noir-Klassiker „Detour“ schrieb) und, am Anfang seiner Karriere, Earl Hamner, Jr. (der Erfinder der langlebigen TV-Serien „Die Waltons“ und „Falcon Crest“).
Und neben den schon erwähnten Schauspielern hatten Mickey Rooney, Telly Savalas, James Coburn, Warren Oates, Greg Morris, Patrick O’Neal, Michael Constantine, Jackie Cooper, Martin Landau, Barry Nelson (der allererste James-Bond-Darsteller), George Takei, John Mitchum, Robert Lansing und Don Gordon (okay, die beiden sind als Nebendarsteller, als Ich-kenne-das-Gesicht-aber-nicht-den-Namen, bekannt) prägnante Auftritte.
Am Ende wurden in fünf Jahren 156 Geschichten erzählt, die durchweg sehenswert sind und die heute immer noch als Schule für Autoren dienen können. Rod Serling, der Erfinder und Präsentator der Serie, schrieb insgesamt 92 Geschichten, vierzehn davon für die fünfte, aus 36 Geschichten bestehende Staffel.
Die Staffelbox ist mit Bonusmaterial, das sich dieses Mal vor allem auf die zahlreichen Audiokommentare konzentriert, gewohnt gut ausgestattet. Bei so einer alten Serie muss man sogar von überragend sprechen. Wie die aus der „Twilight Zone“ gekommene Serie.
The Twilight Zone – Staffel 5 (The Twilight Zone, USA 1963/1964)
Erfinder: Rod Serling
–
DVD
Koch Media
Bild: 1.33:1 (4:3) (SW)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Audiokommentare, isolierte Musikspure
Länge: 879 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
– Hinweise
700 Meilen westwärts (USA 1975, Regie: Richard Brooks)
Drehbuch: Richard Brooks
Selten gezeigter, 1906 spielender Spätwestern über ein Pferderennen: dem Sieger des 700 Meilen langen Rennens quer durch die Pampa winkt ein erkleckliches Preisgeld. Richard Brooks konzentriert sich, vor einer traumhaften Landschaft, vor allem auf die Motive der Charaktere und ihren Kampf gegeneinander.
„Ein fetter Brocken Americana, gut gewürzt mit einem Optimismus und Positivismus, wie sie im heutigen Film selten geworden ist. Brooks’ Drehbuch ist ein Wunder an Kompression und Humor. Wenn Coburn eine Dame von immensen Proportionen tätschelt und wie zu sich selber sagt ‘Ich hatte fast vergessen, wie gut sich eine schlechte Frau anfühlt’, sagt er in einem einzigen Satz sehr viel über sich selbst.“ (Arthur Knight, The Hollywood Reporter)
mit Gene Hackman, Candice Bergen, James Coburn, Ben Johnson, Ian Bannen, Jan-Michael Vincent, Robert Donner, Mario Arteaga, Paul Stewart
Das ikonischen Bild von James Dean auf dem Times Square in New York, das als Plakat in vielen Wohnungen hing, ist bekannt.
Aber den Fotografen dürfte niemand kennen; was sich mit „Life“ ändern könnte. In dem Spielfilm erzählt Anton Corbijn die Geschichte hinter diesem und einigen anderen bekannten James-Dean-Bildern. Corbijn schoss, was sein Interesse an dieser Geschichte erklärt, selbst jahrelang ikonische Bilder von Stars, wie Herbert Grönemeyer, Depeche Mode und U2. James Dean (8. Februar 1931 – 30. September 1955) war damals, nach einigen kleinen TV-Arbeiten und dem Dreh von Elia Kazans „Jenseits von Eden“, in den Augen des 26-jährigen Magnum-Fotograf Dennis Stock ein aufstrebender Star. Weil Stock (Robert Pattinson) dringend einen großen Auftrag brauchte, der seiner Karriere einen entscheidenden Schub verpassen sollte, überzeugte er seinen Chef, ihm bei dem legendären Life Magazine Platz für eine Bildstrecke über James Dean (Dane DeHaan) zu besorgen. Weil Dean sehr sprunghaft war, gestalteten sich die Fotografien schwierig. Sie wurden teils in New York und in Fairmount, Indiana, auf dem Bauernhof von Deans Onkel, wo er aufwuchs, gemacht.
Innerhalb von zwei Wochen schoss Stock einige Bilder, die im Life Magazine am Tag vor der Times-Square-Premiere von „Jenseits von Eden“ veröffentlicht wurden.
Trotz der gewohnt gut gestalteten Bilder, den guten Schauspieler, der guten Ausstattung und dem, als Nebenschauplatz, interessanten Porträt des Starkults und wie ein Schauspieler von Hollywood zu einem Star aufgebaut wird, ist „Life“ letztendlich ein banaler Film. Denn er erzählt einfach nur die Geschichte eines Foto-Auftrages, der sich, abgesehen von Deans schwieriger Persönlichkeit, nicht weiter von irgendeiner anderen journalistischen Auftragsarbeit unterscheidet. Schließlich war Stock kein Groupie, sondern ein Fotograf, der einige Bilder machen wollte, die er verkaufen konnte. Und Dean, der sich der Medienmaschine entziehen wollte, war intelligent genug, um zu wissen, dass er am Anfang einer großen Karriere stand. Das hatte ihm Jack Warner (Ben Kingsley) klar gemacht. Er konnte als Chef von Warner Bros. über seine künftigen Rollen und damit seine Karriere in Hollywood bestimmen.
Doch als Stock Dean fotografierte, ahnte niemand, dass er einige Monate später bei einem Autounfall sterben sollte. Auch in den USA waren die Premiere von „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ erst nach seinem Tod.
Wie eigentlich immer bei Corbijn gerät die sehr sehenswerte Oberfläche überzeugender als der Inhalt. Denn dieser ist in seiner Nachstellung der damaligen Ereignisse, einer kleinen Episode, letztendlich nicht so wahnsinnig interessant.
Um Liebe geht es in Nancy Meyers‘ neuem Film nicht. Jedenfalls nicht um die Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren. Und trotztdem ist „Man lernt nie aus“ das, was man heute RomCom nennt. Der Film ist romantisch, witzig, geschmackvoll und hoffnungslos altmodisch in der Tradition klassischer Hollywood-Filme, die damals Prestigeprodukte waren und heute kaum noch gemacht werden. Robert De Niro spielt, zugegeben auf Autopilot und mit Deadpan-Anwandlungen, den siebzigjährigen, gut situierten Witwer Ben Whitaker, der aus reiner Langeweile ein Praktikum annimmt. Die Modefirma „About the Fit“ (ATF), die ihre Waren aus einem trendigen Büroloft in Brooklyn ausschließlich über das Internet vertreibt, hat aus Imagegründen Praktika für Senioren ausgeschrieben und unter all den Bewerbern ist der steife Anzugträger die beste Wahl. Er wird zum persönlichen Praktikanten der leicht schusseligen Firmengründerin Jules Ostin (Anne Hathaway), glücklich verheiratete Mutter, die von Sonnenaufgang bis Morgengrauen arbeitet, während ihr Mann ihre Tochter behütet.
Während Ostin ihn zuerst weitgehend ignoriert, macht Whitaker sich auf seine zurückhaltenden Art nützlich. Die Jungs fragen ihn schnell um Rat in Sachen Kleidung und Benehmen. Die Haus-Masseurin Fiona (Rene Russo), die nur deshalb in der Firma ist, damit Whitaker sich in sie verlieben kann, findet unter all den Unter-25-jährigen den älteren Mann äußerst attraktiv.
Und dann beginnt Whitaker auch Ostin zu helfen. Zuerst beruflich, später auch privat, oft hinter den Kulissen und mit der Weisheit des Alters.
Nach „Prakti.com“ (The Internship, USA 2013), wo Owen Wilson und Vince Vaughn als glücklose Verkäufer ein Praktikum bei Google ergatterten und mit ihrem Verkäuferwissen und ihrer Party-Erfahrung die Jugendlichen überzeugten, und „Morning Glory“ (Morning Glory, USA 2010), wo Rachel McAdams als junge TV-Produzentin Harrison Ford zu einer Rückkehr in den Moderatorenstuhl bewegte, erzählt Nancy Meyers eine ähnlich Geschichte, die gerade am Anfang auch all die inzwischen arg abgestandenen Witze über Zwanzigjährige herunterleiert, die sich schon mit 25 für uralt halten und Über-Fünfzigjährige wie Außerirdische betrachten, als hätten die Jungen noch nie eine ältere Person gesehen und mit ihr gesprochen. Diese Witze sind nicht mehr neu, nicht witzig (auch wenn der Gag beim ersten Mal gut war) und nicht abendfüllend. Dass Meyers diese Witze selbst ad absurdum führt, wenn die Haus-Masseurin auftaucht, die die Großmutter einiger Angestellter sein könnte und wir Ostins Fahrer, der auch die Dreißig deutlich überschritten hat, kennenlernen, spricht immerhin für eine gewisse Einsicht in die fehlende Grundlage dieser Witze.
Sehr für Meyers spricht, dass sie auf den bei US-Komödien inzwischen schon üblichen, verklemmten Vulgärhumor verzichtet und ihre Charaktere, soweit das innerhalb des zuckersüßen RomCom-Kontextes möglich ist, ernst nimmt. Deshalb geht es um die Einsamkeit im Alter und wie man damit umgeht und es geht um den Konflikt zwischen Beruf und Privatleben und auch darum, wie ein Mann, der seine Karriere für seine Frau opferte, damit umgeht. Meyers („Was das Herz begehrt“, „Liebe braucht keine Ferien“, „Wenn Liebe so einfach wäre“) behandelt diese Themen mit leichter Hand, auch etwas oberflächlich, und den erwartbaren RomCom-Lösungen. Und die Schauspieler helfen ihr dabei.
So ist „Man lernt nie aus“ ein durchgehend angenehm anzusehender Film, der ziemlich genau das hält, was er verspricht. Es ist aber auch ein Film, der furchtbar belanglos und rundum nett ist, wenn er gleichzeitig alle anspricht, die, nun, über zwanzig Jahre sind.
Ihr merkt: das ist einer dieser „Kann man ansehen“-Filme, die man beim Ansehen durchaus genießt. Aber es gibt letztendlich keinen wirklichen Grund, ihn sich anzusehen. Auch wenn er einer der gelungensten Robert-De-Niro-Filme der letzten Jahre ist.
3sat, 22.25 Local Hero(Großbritannien 1983, Regie: Bill Forsyth)
Drehbuch: Bill Forsyth
Ölmagnat Happer (Burt Lancaster!) schickt den Jungmanager MacIntyre wegen seines schottischen Namens nach Schottland. Dort soll er die Bewohner eines kleinen Dorfes von einer Ölraffinierie in Sichtweite überzeugen. Dummerweise stellt sich ein am Strand lebender Einsiedler quer.
Wunderschönes, damals auch an der Kinokasse sehr erfolgreiches Märchen. Denn es ist „eine nuancenreiche Komödie voller origineller Figuren, deren Schwächen nie verletzend geschildert werden, und voller wehmütiger Sehnsucht nach einem anderen Leben“ (Fischer Film Almanach 1984)
Chris Menges war der Kameramann und Mark Knopfler („Dire Straits“) schrieb die Musik.
mit Burt Lancaster, Peter Riegert, Fulton Mackay, Denis Lawson, Peter Capaldi, Norman Chancer Wiederholung: Freitag, 25. September, 02.15 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Local Hero“
Wikipedia über „Local Hero“ (deutsch, englisch)
Wer „Krimi“ mit „der Kommissar ermittelt den Mörder“ übersetzt, muss nicht weiterlesen. Denn in „Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ermittelt eine Privatdetektivin und einen Mordfall gibt es auch nicht. Es gibt nur eine vergewaltigte und fast tot geprügelte Frau, die behauptet, sich mehrere Monate nach der Tat an den Täter zu erinnern. Es ist Miguel Ramirez, der inzwischen von der Immigrationsbehörde nach Mexiko abgeschoben wurde und dort untergetaucht ist. Im Auftrag der Versicherungsgesellschaft des Nobelhotels Neptune Grand soll Veronica herausfinden, ob die Behauptung des Opfers, der neunzehnjährigen Grace Elizabeth Manning, stimmt. Veronica kennt ihre Schwester Meg Manning von früher (und wir aus der ersten und zweiten Staffel von „Veronica Mars“).
Natürlich nimmt Veronica Mars den Auftrag an und ebenso natürlich will sie den Täter finden, der nicht Miguel, sondern wahrscheinlich ein Hotelgast ist. Dummerweise gelang es dem Täter, Meg aus dem Hotel zu schmuggeln, ohne von einer der Überwachungskameras aufgenommen zu werden.
Veronica Mars begegneten wir erstmals in der von Rob Thomas erfundenen TV-Serie „Veronica Mars“ (USA 2004 – 2007), die immer noch eine sehr treue Fanbasis hat, die seit dem Ende der Serie nach weiteren Abenteuern von Veronica Mars verlangte. Deshalb entstand 2014 ein Spielfilm, in dem Kristen Bell wieder Veronica Mars spielte und viele Schauspieler wieder in ihren Serienrollen auftraten. Der Film wurde auch per Crowdfunding finanziert und die äußerst erfolgreiche Kampagne zeigte in harten Zahlen, wie sehr die Serienfans auch Jahre nach dem Ende der Serie mehr von Veronica Mars wollen.
Die von Serienerfinder Rob Thomas und Jennifer Graham geschriebenen Veronica-Mars-Romane spielen nach dem Spielfilm und erzählen die weiteren Abenteuer der in dem südkalifornischen Küstenort Neptune groß gewordenen Privatdetektivin, die nach ihrem Studium zurückkehrte und Partnerin in der Detektei ihres Vaters Keith Mars wurde.
Neptune ist als eine durch und durch korrupte Kleinstadt natürlich eine aktuelle Version von Dashiell Hammetts „Rote Ernte“-Ort Personville/Poisonville (bzw. Pissville in der deutschen Übersetzung) und Veronica Mars war in der TV-Serie die Teenie-Version des Hardboiled-Detektiv. Inzwischen ist sie kein auf die Schule gehender Teenager mehr. Aber Neptune ist immer noch ein Ort des Verbrechens und viele ihrer alten Schulfreunde, die mehr oder weniger große Auftritte in der TV-Serie hatten, leben noch in Neptune.
Diese umfangreiche Serienhistorie führt dann auch dazu, dass „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“, der zweite Veronica-Mars-Roman, für meinen Geschmack etwas zu sehr mit Hinweisen auf die TV-Serie gefüttert ist. Natürlich begegnet Veronica ständig alten Bekannten, die auch immer wieder in Verbrechen verwickelt sind. Natürlich erinnert sie sich an ihre mehr oder weniger gemeinsame Vergangenheit und ihre damit zusammenhängenden alten Fälle. Das geschieht eher beiläufig in Nebensätzen und weckt bei allen, die die Serie gesehen haben, wohlige Erinnerungen. Aber Rob Thomas und Jennifer Graham schleppen hier mehr Ballast mit, als wir es von anderen Privatdetektiv-Krimis kennen. Ich rede jetzt nicht von dem Continental Op oder Philip Marlowe, die anscheinend keine Familie, Verwandschaft und Freunde hatten. Auch Spenser oder Matt Scudder haben als Einzelgänger ein überschaubares soziales Umfeld. Veronica hat Familie, Freunde, Freundinnen, Bekannte und, als altbekannten Gegner, Sheriff Lamb. Wobei dieser, weil gerade Wahlkampf ist, plötzlich eine aussichtsreiche Gegenkandidatin hat, die Keith Mars aus seiner Jugend kennt.
Das gesagt, ist „Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ ein kurzweiliger PI-Krimi, der auch Krimifans gefallen dürfte, die die Serie nicht kennen.
Den Serienfans dürfte er auch gerade wegen der Referenzen zur Serie gefallen.
– Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück (übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessika Komina) script5, 2015 368 Seiten
14,95 Euro
– Originalausgabe
Mr. Kiss and Tell
Vintage Books, 2015
– Hinweise