Ohne Worte

April 29, 2025

weil selbsterklärend


TV-Tipp für den 29. April: Punch-Drunk Love

April 28, 2025

ZDFneo, 22.30

Punch-Drunk Love (Punch-Drunk Love, USA 2002)

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

Barry Egan ist Unternehmer. Allerdings läuft sein Verkauf von Kitschartikeln eher schlecht. Seine sieben Schwestern erdrücken ihn mit ihrer Fürsorge. Ein Telefonsex-Anbieter versucht ihn zu erpressen. Und er selbst findet die Welt immer wieder etwas ver-rückt. Da wird in der Einfahrt zu seinem Garagengeschäft ein alte Harmonium abgestellt und er trifft die überaus liebenswerte Lena.

„Punch-Drunk Love“ ist ein wundervoll derangierter Film. Wie die Hauptfigur, die am amerikanischen Traum, der Realität, seiner Familie (sieben Schwestern!) und sich selbst verzweifelt ohne zu scheitern. Denn Paul Thomas Anderson erzählt gleichzeitig eine romantische Liebesgeschichte mit psychedelischen Einschüben.

Paul Thomas Andersons neuer Film „The Battle of Baktan Cross“ (One Battle After Another) läuft am 25. September 2025 an.

mit Adam Sandler, Emily Watson, Philip Seymour Hoffman, Luis Gusmán, Mary Lynn Rajskub, Robert Smigel

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Punch-Drunk Love“

Wikipedia über „Punch-Drunk Love“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Der seidene Faden“ (Phantom Thread, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Paul Thomas Andersons „Licorice Pizza“ (Licorice Pizza, USA 2021)


TV-Tipp für den 28. April: Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit

April 27, 2025

ARD, 23.35

Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit (Deutschland/USA 2024)

Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck

Drehbuch: Hans Block, Moritz Riesewieck

Sehr sehenswerter und zum Nachdenken anregender Dokumentarfilm über Menschen, die mit ihren verstorbenen Liebsten reden können. Möglich wird das, indem Unternehmen mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz Avatare programmieren, die den Verstorbenen immer mehr ähneln. Verkaufen tun sie es als Hilfe bei der Trauerbewältigung. Stimmt das? Oder sollten solche KI-Anwendungen verboten werden?

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung – und meinem Interview mit den beiden Regisseuren.

Hinweise

Der Film in der ARD-Mediathek

Homepage zum Film

Filmportal über „Eternal You“

Moviepilot über „Eternal You“

Metacritic über „Eternal You“

Rotten Tomatoes über „Eternal You“

Wikipedia über „Eternal You“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Hans Block/Moritz Riesewiecks „Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit“ (Deutschland/USA 2024)


TV-Tipp für den 27. April: Panic Room

April 26, 2025

Sixx, 22.30

Panic Room (Panic Room, USA 2002)

Regie: David Fincher

Drehbuch: David Koepp

Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.

Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.

David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.

Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)

Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Panic Room“

Wikipedia über David Fincher (deutsch, englisch) und „Panic Room“ (deutsch, englisch)

Die Welt: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Süddeutsche Zeitung: Interview mit David Fincher zu „Panic Room“

Drehbuch „Panic Room“ von David Koepp

The Works and Genius of David Fincher (Fan-Blog – mit einem „Panic Room“-Special)

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)

Meine Besprechung von David Finchers „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ (Gone Girl, USA 2014)

David Fincher in der Kriminalakte

Meine Besprechung von David Koepps „Mortdecai – Der Teilzeitgauner“ (Mortdecai, USA 2015)

Meine Besprechung von David Koepps „Cold Storage – Es tötet“ (Cold Storage, 2019)


TV-Tipp für den 26. April: Drei Tage und ein Leben

April 25, 2025

One, 21.45

Drei Tage und ein Leben (Trois jours et une vie, Frankreich 2019)

Regie: Nicolas Boukhrief

Drehbuch: Pierre Lemaitre, Perrine Margaine

LV: Pierre Lemaitre: Trois jours et une vie, 2016 (Drei Tage und ein Leben)

Kurz vor Weihnachten verschwindet in den belgischen Ardennen ein Kind. Die Suche verläuft ergebnislos. Auch weil der zwölfjährige Antoine, der weiß, was passiert ist, schweigt. Fünfzehn Jahre später kehrt er in das Dorf zurück.

Ruhiger Thriller, der an Claude Chabrols schwarzhumorige Abrechnungen mit dem französischen Bürgertum erinnert. Auch wenn die Geschichte in Belgien spielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sandrine Bonnaire, Pablo Pauly, Charles Berling, Philippe Torreton, Margot Bancilhon, Jeremy Senez, Dimitri Storoge, Arben Bajraktaraj

Wiederholung: Montag, 28. April, 23.55 Uhr

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Drei Tage und ein Leben“

Moviepilot über „Drei Tage und ein Leben“

Wikipedia über „Drei Tage und ein Leben“ (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von Nicolas Boukhriefs „Drei Tage und ein Leben“ (Trois jours et une vie, Frankreich 2019)


„Der Blick von den Sternen“ auf Cixin Liu

April 25, 2025

Vor zehn Jahren erhielt Cixin Liu für seinen Roman „Die drei Sonnen“ den renommierten Hugo Award. In China erschien der Science-Fiction-Roman bereits 2006/2008 und er war in seiner Heimat schon ein Erfolg, bevor er in verschiedenen Übersetzungen zu einem weltweiten Erfolg wurde. Auch in Deutschland stürzten Science-Fiction-Fans sich auf den Roman, der gleichzeitig Auftakt der Trisolaris-Trilogie ist.

Danach übersetzte der Heyne Verlag in schneller Folge die weiteren Bände der Trisolaris-Trilogie, seine anderen Romane und Kurzgeschichten. Seine Bücher und Kurzgeschichten waren die Vorlage für Kinofilme, Serien, Comics und Mangas.

Cixin Liu wurde mit Trisolaris-Trilogie zu einem weltweiten Bestsellerautor, Botschafter der chinesischen Science-Fiction-Literatur und Türöffner für seine Kollegen.

Jetzt erschien der Sammelband „Der Blick von den Sternen“, der vor allem den Hunger seiner Fans nach neuen Romanen und Kurzgeschichten befriedigt.

Der Sammelband enthält achtzehn Texte von Liu und ein Interview mit ihm. Es handelt sich um sechs Kurzgeschichten, die zwischen 1999 und 2002 veröffentlicht wurden, zwölf Essays, die Liu zwischen 2002 und 2015 veröffentlichte, und ein 2004 veröffentlichtes Interview über seinen Roman „Kugelblitz“. Die Kurzgeschichten sind Frühwerke, die eine gute Idee haben, aber doch meistens im skizzenhaften verbleiben. Die Essays, wozu auch kurze Statements gehören, liefern selbstverständlich einen Einblick in sein Denken, aber oft fehlt der Zusammenhang und gerade die älteren Texte, wie „Die Welt in fünfzig Jahren“ (2005), sind primär historisch interessant.

Alle Texte, wozu auch die mit dem Publikumspreis des 14. Galaxy Awards auszeichnete Kurzgeschichte „Der Einstein-Äquator“ gehört, erschienen jetzt, so mein Überblick, erstmals auf Deutsch.

Diese Auszeichnung ändert aber nichts daran, dass „Der Blick von den Sternen“ vor allem ein aus verstreut erschienenen Texten zusammengestelltes Werk für seine Fans ist, die wirklich jeden Text von ihm haben wollen.

Alle anderen sollten besser mit „Die drei Sonnen“, dem grandiosen Auftakt seiner Trisolaris-Trilogie, oder dem vorzüglichen Kurzgeschichten-Sammelband „Die wandernde Erde“ beginnen.

Cixin Liu: Der Blick von den Sternen

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)

Heyne, 2025

336 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

A View from the Stars

Tor Books (Tom Doherty Associates), New York, 2024

Hinweise

Heyne über Cixin Liu

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch) 

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die drei Sonnen“ (San Ti, 2008) (und der anderen Werke von Liu)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die wandernde Erde“ (Liulang diqiu, 2008)

Meine Besprechung von Baoshus „Botschafter der Sterne – Ein Trisolaris-Roman“ (三体X:观想之宙, 2011) (Roman spielt in der von Cixin Liu erfundenen Welt)

Mene Besprechung von Christophe Bec/Stefano Raffaele: Die wandernde Erde (2020) (Comicversion von Cixin Lius Geschichte)

Meine Besprechung von Frant Gwos Cixin-Liu-Verfilmung „Die wandernde Erde II“ (liúlàng dìqiú II, China 2023)


TV-Tipp für den 25. April: Verleugnung

April 24, 2025

One, 23.00

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde. Absolut sehenswert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Hinweise

Moviepilot über „Verleugnung“

Metacritic über „Verleugnung“

Rotten Tomatoes über „Verleugnung“

Wikipedia über „Verleugnung“ (deutsch, englisch)

Wer gerade Zeit hat: die Dokumentation des Prozesses

Meine Besprechung von Mick Jackson „Verleugnung“ (Denial, USA/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“ restauriert im Kino

April 24, 2025

Die Musik: bekannt.

Die Bilder: auch bekannt.

ABER nicht in dieser Qualität. 1971 schlug Adrian Maben Pink Floyd, damals bestehend aus der klassischen Besetzung Roger Waters (Bass), David Gilmour (Gitarre), Richard Wright (Keyboards) und Nick Mason (Schlagzeug), vor, in Pompeji im Amphitheater einige Songs ohne Publikum zu spielen und daraus einen Konzertfilm zu machen.

1972 wurde das Werk erstmals der Öffentlickeit präsentiert. Vor dem Kinostart 1974 gab es Nachdrehs in den Abbey Road Studios. Seitdem wurde der Konzertfilm, teils in leicht geänderten Schnittfassungen, immer wieder veröffentlicht.

Präsentiert werden von den vier Musikern im menschenleeren, sonnendurchfluteten Theater heute immer noch bekannte Songs, wie „Echoes“, „One of these Days“ (beide von „Meddle“) und „A Saucerful of Secrets“ (von „A Saucerful of Secrets“ und „Ummagumma“), aber nicht die große Hits von ihren später veröffentlichten LPs. Als Pink Floyd in Pompeji spielte, waren sie bereits eine bekannte Band. Der große Durchbruch erfolgte 1973 mit „The Dark Side of the Moon“. Einige Soundschnipsel aus der LP wurden im Film zu Aufnahmen aus dem Abbey Road Studios verwendet. Dort entstanden auch Aufnahmen von Gesprächen mit und zwischen den Musikern.

Für die aktuelle Kinoauswertung wurde das originale 35mm-Kameranegativ, das kürzlich im Archiv von Pink Floyd entdeckt wurde, in 4K restauriert. Steven Wilson (Porcupine Tree) mischte für das Kino und das Heimkino den Ton neu ab.

Das Bild ist – ich konnte den Musikfilm im IMAX, in einer der vordersten Reihen sitzend, sehen – fantastisch. Das sind Details zu sehen, die frühere Generationen so wahrscheinlich niemals sahen. Der Ton überzeugt ebenfalls.

Der Film selbst ist heute eine Zeitkapsel, der auch eine Band kurz vor ihrem so von niemand erahnbarem großen Durchbruch zeigt. Einige damals revolutionäre Stilmittel sind heute veraltet. Einiges was damals mit großem logistischem Aufwand verbunden war, wird heute lässig für jeden Konzertmitschnitt verwendet. Die Mischung aus live im Amphitheater aufgenommenen Stücken, Impressionen aus dem Studio, Gesprächen und pointillistisch eingestreuten Bildern von durch die Landschaft laufenden Musikern und römischen Fresken war damals sicher aufregender als heute, wo wir solche Montagen schon hunderttausendmal gesehen haben. Jedenfalls hätte ich gerne mehr von ihrem Auftritt in Pompei gesehen.

Als historisches Dokument und als wegweisender Konzertfilm ist „Pink Floyd at Pompeii“ immer noch sehenswert und in der aktuellen Fassung, betitelt als „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“, im Kino ein Erlebnis, das wegen der Bilder und der Musik im größten Kinosaal mit der besten Soundanlage gesehen werden sollte.

Für das Heimkino und die heimische Stereonanlage erscheint der Konzertfilm am 2. Mai als CD, DVD, Blu-Ray und LP.

Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII (Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII, Großbritannien/USA 2025)

Regie: Adrian Maben

Drehbuch (eher Idee): Adrian Maben

mit Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright, Nick Mason

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

alternativer Titel/Originaltitel: Pink Floyd: Live at Pompeii (Frankreich/Deutschland 1972/1974)

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“

Metacritic über „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“

Rotten Tomatoes über „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“

Wikipedia über „Pink Floyd at Pompeii – MCMLXXII“ (deutsch, englisch) und über Pink Floyd (deutsch, englisch)

AllMusic über Pink Floyd

Homepage von Pink Floyd


Neu im Kino/Filmkritik: Wahre Geschichte „Der Pinguin meines Lebens“

April 24, 2025

Der aus Sussex kommende Tom Michell (Steve Coogan) ist, nach einer langen Tour durch ähnliche Schulen in Südamerika, 1976 in Buenos Aires gelandet. Er ist im noblen St. George’s College der neue Englischlehrer. In dem von der Außenwelt durch eine Mauer getrenntem Jungeninternat sind die Regeln streng. Ihm wird die lernschwache siebte Klasse zugewiesen. Er soll ihre Leistungen soweit verbessern, dass sie versetzt werden können.

Nach dem Militärputsch wird die Schule für einige Tage geschlossen. Zusammen mit einem Kollegen unternimmt er einen typischen Junggesellenausflug nach Uruquay. Um eine Frau, die er am Strand trifft, zu beeindrucken und so später Sex mit ihr zu haben, rettet er einen ölverschmutzten Pinguin vor dem Tod. Der Pinguin überlebt. Die Frau will trotzdem nicht mit ihm ins Bett gehen. Außerdem verfolgt der Pinguin ihn fortan überall hin. Am Strand, wenn der Pinguin hinter Tom herläuft, ist das ein putziges Bild. Wenn er den Pinguin im Handgepäck über die Grenze schmuggeln muss und er ihn im Internat in seinem Zimmer – erfolglos – vor neugierigen Blicken schützen will, ist das weniger putzig, sondern gefährlich, weil er gegen verschiedene Regeln verstößt und er seine Arbeit und seine Freiheit verlieren könnte.

Aber „Der Pinguin meines Lebens“ ist kein Drama, sondern eine humoristische Feelgood-Komödie über einen ausgebrannten, sarkastischen Lehrer, der dank der Hilfe eines Pinguins zu einem besseren Menschen wird. Und der mit der Hilfe des Pinguins seine Schüler zu besseren Schülern macht.

Der historische Hintergrund bleibt eine pittoreske Kulisse.

Ganz oder gar nicht“-Regisseur Peter Cattaneo inszenierte die Geschichte nach einem Drehbuch von Jeff Pope. Pope schrieb auch die Drehbücher für „Philomena“ und „Stan & Ollie“, die beide mit Steve Coogan verfilmt wurden. Und wie schon „Philomena“ und „Stan & Ollie“ basiert die Geschichte auf einer wahren Geschichte. In diesem Fall den 2015 erschienenen gleichnamigen Memoiren von Tom Michell. Dieses Mal nahm Pope sich Freiheiten. Die auffälligste und folgenreichste Änderung ist, dass er Michells Alter änderte. Der echte Tom Michell war damals Mitte zwanzig. Der von Steve Coogan im Film als liebenswert-sarkastischer Miesepeter mit dem Herzen auf dem rechten Fleck gespielte Michell ist ein Mann in den Fünfzigern. Er blickt auf ein längeres Leben zurück und er ist auch ein anderer Charakter als der echte Michell.

Aber warum sollte die Wahrheit eine schöne Geschichte stören?

Der Pinguin meines Lebens (The Penguin Lessons, Großbritannien/Spanien 2024)

Regie: Peter Cattaneo

Drehbuch: Jeff Pope

LV: Tom Michell: The Penguin Lessons, 2015 (Der Pinguin meines Lebens)

mit Steve Coogan, Vivian El Jaber, Björn Gustafsson, David Herrero, Jonathan Pryce, Alfonsina Carrocio, Mica Breque

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Pinguin meines Lebens“

Metacritic über „Der Pinguin meines Lebens“

Rotten Tomatoes über „Der Pinguin meines Lebens“

Wikipedia über „Der Pinguin meines Lebens“ (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 24. April: The Quiet Girl

April 23, 2025

WDR, 23.45

The Quiet Girl (An Cailín Ciúin, Irland 2022)

Regie: Colm Bairéad

Drehbuch: Colm Bairéad

LV: Claire Keegan: Foster, 2010 (Das dritte Licht)

Irland, 1981: die schüchterne neunjährige Cáit soll den Sommer bei der Cousine ihrer Mutter auf dem Land verbringen. Dort entdeckt sie eine neue Welt.

TV-Premiere zu einer ungünstigen Uhrzeit. Stilles, hochgelobtes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Carrie Crowley, Andrew Bennett, Catherine Clinch, Michael Patric, Kate Nic Chonaonaigh

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Quiet Girl“

Metacritic über „The Quiet Girl“

Rotten Tomatoes über „The Quiet Girl“

Wikipedia über „The Quiet Girl“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Colm Bairéads „The Quiet Girl“ (An Cailín Ciúin, Irland 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Titelwahl, nächste Folge: „The Accountant 2“

April 23, 2025

Während eines Treffens mit einer Profi-Killerin wird Ray King (J. K. Simmons) ermordet. Nicht unauffällig in einer dunklen Gasse, sondern von einem ganzen Killerkommando, das vor, hinter und in dem Lokal auf ihn und die Profi-Killerin wartete und alle tötet, die zwischen ihnen und ihrem Ziel stehen. Vor seinem Tod kann King die kryptische Botschaft „Find the Accountant“ (oder auf Deutsch: „Finde den Buchhalter“) auf seinen Unterarm schreiben. Während U. S. Treasury Deputy Director Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson), die Nachfolgerin von King im US-Finanzministeriums, noch den Buchhalter sucht, haben wir ihn bereits gefunden. Er lebt immer noch in seinem Wohnwagen und besucht eine Partnerbörse.

Wir kennen aus dem Thriller „The Accountant“. Der lief 2016 durchaus erfolgreich im Kino und wird auf Streamingportalen immer noch gerne gesehen. Kein Wunder, denn Gavin O’Connor erzählt kraftvoll und konzentriert eine weitgehend vertraute Geschichte gut konstruiert, mit einigen Twists und einem interessanten Helden. Denn der titelgebende Accountant Christian Wolff (Ben Affleck) ist gleichzeitig ein zurückgezogen lebender Autist, der gut mit Zahlen umgehen kann und die Buchhaltung für verschiedene Verbrechersyndikate erledigt, und ein, zusammen mit seinem Bruder Brax (Jon Bernthal), von seinem Vater ausgebildeter Killer. Brax schlug später eine Karriere als Auftragskiller ein. Im Finale von „The Accountant“ treffen sie aufeinander.

O’Connor erzählte, nach einem Drehbuch von Bill Dubuque, in „The Accountant“ eine runde, in sich abgeschlossene Geschichtet, die nach keiner Fortsetzung verlangte. Eigentlich war alles gesagt.

Aber natürlich geht es weiter. Schließlich kann der titelgebende Buchhalter in ein weiteres Abenteuer hineinstolpern oder er kann, nach den Ereignissen des ersten Films, zum Kreuzritter gegen das Verbrechen werden und sich eine Verbrecherbande nach der nächsten vornehmen.

Und das macht er auch in „The Accountant 2“. Bei King wurde ein älteres Bild von einer vor acht Jahren aus El Salvador geflüchteten dreiköpfigen Familie gefunden: Zusammen mit Medina nimmt Christian die Fährte der skrupellosen und über beträchtliche Ressourcen verfügenden Menschenschmuggler auf. Dabei soll ihm sein Bruder Brax helfen.

Das Ergebnis ist ein unterhaltsamer Thriller, in dem ständig etwas passiert. Aber wahrscheinlich kann noch nicht einmal der Drehbuchautor die Story schlüssig in wenigen Worten nacherzählen. Die Motive der Figuren sollte man auch nicht so genau hinterfragen. Letztendlich tun sie, was sie tun, weil es so im Drehbuch steht. Die Guten tun gute Dinge, auch wenn sie foltern und töten. Die Bösen sind böse. Sie sind so böse, dass sie sogar Kinder umbringen würden. Dazwischen wird mild eine Lanze für die aus Südamerika in die USA flüchtenden Menschen gebrochen.

Die Story ist ein Potpourri bekannter Thrillerszenen und -motive, die locker-flockig aneinandergereiht werden. Nie wird die erzählerische Geschlossenheit oder Dringlickeit des ersten Films erreicht. In „The Accountant 2“ passieren Dinge einfach. Die Geschichte erstreckt sich über die halbe USA, aber die Figuren sind im richtigen Moment immer am richtigen Ort. Gavin O’Connor inszeniert das kompetent. Wuchtig in den wenigen Actionszenen. Eher plätschernd in den teils endlosen Dialogen. Wenn Christian und sein Bruder Brax ihren Beziehungsstatus erörterten eher nervig in Buddy-Humor-Gefilden. Wenn die beiden Brüder zusammen mit der Beamtin Medina die Bösewichter jagen, gibt es, weil sie vollkommen unterschiedliche Ermittlungsmethoden haben, einige witzige Szenen.

The Accountant 2“ ist okay, aber nicht so gut wie der erste Film.

Ein dritter Film ist bereits in Planung.

The Accountant 2 (The Accountant 2, USA 2025)

Regie: Gavin O’Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

mit Ben Affleck, Jon Bernthal, Cynthia Addai-Robinson, Daniella Pineda, Allison Robertson, J. K. Simmons

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Accountant 2“

Metacritic über „The Accountant 2“

Rotten Tomatoes über „The Accountant 2“

Wikipedia über „The Accountant 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „Jane got a Gun“ (Jane got a Gun, USA 2015)

Meine Besprechung von Gavin O’Connors „The Accountant“ (The Accountant, USA 2016)


TV-Tipp für den 23. April: Sabotage – Deutschland in Putins Visier

April 22, 2025

ARD, 22.50

Sabotage – Deutschland in Putins Visier (Deutschland 2025)

Regie: Diana Löbl, Peter Onneken

Brandneue 45-minütige Doku über aktuelle und mögliche russische Anschläge auf Deutschland mit explodierenden DHL-Paketen, Anschlägen auf Frachtflugzeuge und, zuletzt öfter in den Nachrichten zerstörten Unterseekabeln in der Ostsee. Löbl und Onneken porträtieren diesen hybriden Krieg.

Hinweis

ARD über die Doku


Cover der Woche

April 22, 2025

Kein Nachruf, aber eine dicke Lektüreempfehlung für alle Menschen, die wissen wollen, wie ein neuer Papst gewählt wird:

Spannend-informativer Thriller, kongenial verfilmt.

Robert Harris: Konklave

(übersetzt von Wolfgang Müller)

Heyne, 2024 (Filmausgabe)

352 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2016

Originalausgabe

Conclave

Hutchinson, London, 2016

 


TV-Tipp für den 22. April: Eagle Eye – Außer Kontrolle

April 21, 2025

Tele 5, 20.15

Eagle Eye – Außer Kontrolle (Eagle Eye, USA 2008)

Regie: D. J. Caruso

Drehbuch: Dan McDermott, John Glenn, Travis Adam Wright, Hillary Seitz

Actionfilm über einen slackerhaften Copyshop-Angestellten und eine alleinerziehende Mutter, die plötzlich in das Fadenkreuz von Polizei und Geheimdiensten geraten. Die Regierung hält sie für gemeingefährliche Terroristen. Eine geheimnisvolle Frau hilft ihnen via Telefon immer wieder aus der größten Gefahr. Und die beiden Gejagten wollen herausfinden, warum sie öfters in Lebensgefahr geraten als James Bond in einem halben Dutzend Abenteuer.

Der Paranoiathriller soll nach Meinung der Macher vor der totalen Überwachung warnen. Das dürften einige ältere Filme („Staatsfeind Nr. 1“?; um nicht in die siebziger Jahre zurückzugehen) schon besser erledigt haben. Dafür gibt es Action satt, eine damals aufsehenerrengenden Cast mit aufstrebenden Stars (wie „Transformers“ Shia LaBeouf, der danach karrieretechnisch in die falsche Richtung abbog) und vielen Anspielungen auf andere Filme. Den Kritikern gefiel’s nicht. Dem zahlenden Publikum schon mehr.

mit Shia LaBeouf, Michelle Monaghan, Rosario Dawson, Michael Chiklis, Billy Bob Thornton, Anthony Mackie, Julianne Moore (Stimme, im Original)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Eagle Eye“

Wikipedia über „Eagle Eye“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von D. J. Carusos „xXx: Die Rückkehr des Xander Cage“ (xXx: Return of Xander Cage, USA 2017)


TV-Tipp für den 21. April: Die Körperfresser kommen

April 20, 2025

Arte, 21.55

Die Körperfresser kommen (Invasion of the Body Snatchers, USA 1978)

Regie: Philip Kaufman

Drehbuch: W. D. Richter

LV: Jack Finney: The Body Snatchers, 1955 (Unsichtbare Parasiten, Die Körperfresser kommen )

Außerirdische Sporen landen auf der Erde und entwickeln sich zu Doppelgängern von Menschen. Sie beginnen die Macht auf der Erde zu übernehmen. Dr. Matthew Benell versucht die Menschheit zu warnen.

Die damalige Kritik war ziemlich ungnädig gegenüber dem aus heutiger Sicht gelungenem und, wie die regelmäßigen Wiederholungen zeigen, beständigem Remake mit einem legendären Ende. Auch die Grundidee, „dass es die urbane Entfremdung praktisch unmöglich macht, zwischen Zombies und Menschen zu unterscheiden“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998) ist heute, wo alle mit dem Blick auf das Smartphone und dem Kopfhörer über den Ohren, aktueller denn je.

Entsprechend positiv sind heutige Einschätzung des SF-Films.

Hier einige zeitgenössische Kritiken:

Nur in wenigen Sequenzen erreicht er die albtraumhafte Qualität des Originals“ (Hans C. Blumenberg, Die Zeit)

Durch die auf äußere Effekte ausgerichtete Inszenierung wird die tiefere Dimension der Horrorgeschichte nicht erfasst.“ (Lexikon des internationalen Films)

Philip Kaufmans Remake ist zwar nicht weniger spannend, hat die Geschichte jedoch stark verflacht und die nach innen gelagerte Dramatik dieses Stoffes den äußerlichen Effekten geopfert.“ (Fischer Film Almanach 1980)

Das Remake kommt „bei weitem nicht an das Original heran“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films, 1983)

Später wurde es, wie gesagt, positiver:

Dies ist eines der interessantesten Remakes innerhalb der Neuverfilmungen, die Hollywood in den siebziger Jahren hervorbrachte.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)

effektvolle Gruselthriller“ (Manfred Hobsch: Mach’s noch einmal!, 2002)

Das 1956 von Don Siegel inszenierte Original „Die Dämonischen“ (Invasion of the Body Snatchers) könnte auch mal wieder gezeigt werden.

Ebenso Abel Ferraras ebenfalls sehenswerte 1992er Version der Geschichte „Body Snatchers – Angriff der Körperfresser“.

Mit Donald Sutherland, Brooke Adams, Leonard Nimoy, Veronica Cartwright, Jeff Goldblum, Art Hindle, Kevin McCarthy, Don Siegel, Robert Duvall

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Körperfresser kommen“

Wikipedia über „Die Körperfresser kommen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Philip Kaufmans „Der große Minnesota-Überfall“ (The great Northfield Minnesota Raid, USA 1972)


Frohe Ostern!

April 20, 2025


TV-Tipp für den 20. April: Das Leben des Brian

April 19, 2025

Es gab Jesus und…

RTL II, 20.15

Das Leben des Brian (Monty Pythons Life of Brian, Großbritannien 1979)

Regie: Terry Jones

Drehbuch: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin

Das Leben von Brian, das erstaunliche Parallelen zu dem von Jesus Christus hat, und hier von Monty Python kräftig durch den Kakao gezogen wird.

Kult. Und wahrscheinlich schon tausendmal gesehen.

Der deutsche Kinostart war am 15. August 1980

Anschließend, um 22.05 Uhr, reiten „Die Ritter der Kokosnuss“ durch…ein schönes Königreich.

mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin, Terence Bayler, Carol Cleveland, Kenneth Colley, Neil Innes, Charles McKeown

Wiederholung: Montag, 21. April, 02.o5 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Leben des Brian“

Wikipedia über „Das Leben des Brian“ (deutsch, englisch) und über Monty Python (deutsch, englisch)

YouTube-Kanal von Monty Python (und wer mit dem Englischen Probleme hat, muss einfach seine Wunschsprache eingeben)

Monty Python’s Completely Useless Web Site (und auch nicht autorisiert)


TV-Tipp für den 19. April: Der Hauptmann von Köpenick

April 18, 2025

Stadtgeschichte

RBB, 20.15

Der Hauptmann von Köpenick (Deutschland 1956)

Regie: Helmut Käutner

Drehbuch: Carl Zuckmayer, Helmut Käutner

LV: Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, 1931 (Theaterstück)

Schuster Wilhelm Voigt will nach dem Verbüßen seiner Zuchthausstrafe wieder arbeiten. Eine Arbeit gibt es aber nur mit einem Pass und einen Pass erhält nur, wer eine Arbeit hat. Also entschließt der Schuster sich, sich als falscher Hauptmann einen Pass zu besorgen.

Klassiker des deutschen Tonfilms, der damals ein Publikumserfolg war (über zehn Millionen Besucher in fünf Monaten), auch für den Auslands-Oscar nominiert war, die deutschen Filmpreise abräumte und zu den bekanntesten und beliebtesten Heinz-Rühmann-Filmen gehört.

Zuckmayers Stück gehört zur Schullektüre und ist heute immer noch aktuell.

mit Heinz Rühmann, Hannelore Schroth, Martin Held, Erich Schellow, Walter Giller, Wolfgang Neuss

Hinweise

Filmportal über „Der Hauptmann von Köpenick“

Wikipedia über „Der Hauptmann von Köpenick“


Neu im Kino/Filmkritik: Über Dag Johan Haugeruds erste von drei „Oslo Stories: Liebe“

April 18, 2025

Das ist der Vorteil von Kinostartterminen. Im Gegensatz zu zeitlich und örtlich auseinanderliegenden Festivals können sie dicht beieinander liegen. Dag Johan Haugeruds drei „Oslo Stories“ liefen 2024 auf der Berlinale im Panorama („Sehnsucht“), einige Monate später in Venedig im Wettbewerb („Liebe“), und, zuletzt, im Februar 2025, auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb. „Träume“ erhielt sogar den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals. Der Bären-Gewinner läuft am 8. Mai und „Sehnsucht“ am 22. Mai an.

Den Auftakt macht diese Woche „Liebe“, der für mich gelungenste Film der Trilogie, die ich jetzt zusammen besprechen werde und bei den Kinostarts von „Träume“ und „Sehnsucht“ in, so plane ich es im Moment, leicht veränderter Form reposten werde.

Liebe“ ist der erzählerisch offenste Film der Trilogie und der Film mit dem größten Ensemble und den meisten Handlungssträngen, die locker miteinander verflochten sind. Es geht um den in einem Krankenhaus arbeitenden sanften und verständnisvollen Pfleger Tor, der Nachts auf der Suche nach flüchtigem Sex mit Männern mit der Fähre von einem Ufer zum anderen und zurück fährt. Es geht um die im gleichen Krankenhaus arbeitende Ärztin Marianne. Sie lebt ebenfalls allein und würde gerne ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben. Eines Nachts trifft sie Tor auf der Fähre und redet mit ihm über ihre Gefühle und Sehnsüchte. Es geht um Mariannes beste Freundin Heidi, die für eine Stadtfeier gerne die überall in der Stadt sichtbaren Skulpturen und Fresken in einem feministischen und sexuellem Zusammenhang interpretieren würde. Wie das aussehen könnte, erklärt sie am Filmanfang im Rahmen einer ziemlich schrägen Stadtführung.

Sie alle sind Großstädter auf der Suche nach Liebe. Und, soviel kann verraten werden, sie finden sie auf überraschende Weise.

In „Träume“ geht es um die minderjährige Schülerin Johanne, die sich in ihre Lehrerin verliebt. Sie schreibt darüber und gibt ihrer Großmutter ihre Texte zum Lesen. Die früher erfolgreiche Schriftstellerin ist begeistert von der Qualität von Johannes tabulosen Texten. Sie regt eine Veröffentlichung an. Johannes Mutter ist von den literarischen Geständnissen ihrer Tochter weniger begeistert.

Sehnsucht“ kreist um zwei heterosexuelle, glücklich verheiratete Schornsteinfeger. Aber dann träumt der eine davon, in seinen Träumen David Bowie zu begegnen und der Musiker ihn ansieht, als ob er eine Frau sei. Er ist von diesem Traum und Bowies Reaktion auf ihn verunsichert. Sein im Film ebenfalls namenloser Kollege erzählt ihm von einer kürzlich erfolgten Begegnung. Nachdem er bei einem schwulen Mann den Schornstein kontrolliert hatte, hatte er Sex mit ihm. Es gefiel ihm. Aber er besteht darauf, dass er nicht homosexuell sei oder seine Frau betrogen habe.

Nach diesen gegenseitigen Geständnissen könnten die Sachen erledigt sein. Aber beide Männer denken weiter darüber nach, reden darüber und erzählen es ihren Frauen, was zu weiteren Gesprächen führt.

Regisseur und Autor Dag Johan Haugerud fasste die drei Filme, die voneinander unabhängige Geschichten mit verschiedenen Schauspielern erzählen, unter dem Titel „Oslo Stories“ zusammen.

Diese Vorgehensweise erinnert an Eric Rohmer, der seine Filme in Zyklen wie „Moralische Erzählungen“ und „Komödien und Sprichwörter“ zusammenfasste und so ein schönes Gleichgewicht zwischen Offenheit und Geschlossenheit schuf. Jeder Film stand gleichzeitig für sich und war Teil von etwas Größerem.

Der Zusammenhang zwischen den „Oslo Stories“ ergibt aus dem Handlungsort, der von Haugerud verwendeten Sprache, der Inszenierung und dem Thema. Alle drei Filme beschäftigen sich, wie die Filme von Eric Rohmer, mit unterschiedlichen Formen von Liebe, Begehren und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander. Alle drei Filme spielen in der Gegenwart.

Die Inszenierung ist spartanisch. Haugerud inszenierte die Gespräche und Gedanken seiner Figuren in langen, oft statischen Szenen, in denen die Schauspieler unglaubliche Textmengen ohne erkennbare äußere Regungen und mit wenigen Bewegungen vortragen. Im Mittelpunkt der drei Filme steht eindeutig das gesprochene Wort, das immer wie ein sorgfältig aufgeschriebenes Wort klingt.

Insofern sind alle „Oslo Stories“ verfilmte Literatur. „Träume“ und „Sehnsucht“ mehr, „ Liebe“ weniger.

Liebe“ ist, so Haugerud, der Abschluss der Trilogie. „Sehnsucht“ ist der erste und „Träume“ der zweite Teil. Die internationalen Premieren auf Filmfestivals folgten einer anderen Reihenfolge. Die deutschen Kinostart drehen die Chronologie einfach um, indem der Abschluss der Trilogie zuerst und der Beginn der Trilogie zuletzt startet. Aber letztendlich ist die Reihenfolge egal.

Liebe“ ist der am meisten an Rohmer und redselige, sexuell offene französische Beziehungsfilme erinnernde Film der „Oslo Stories“. Es geht um mehrere eher jüngere Menschen, die auf der Suche nach Liebe und Sex sind.

Der Berlinale-Gewinner „Träume“ ist der anspruchsvollste und literarischste Film der Trilogie. Eigentlich handelt es sich um ein auf mehreren Zeit- und damit verbundenen Interpretationsebenen spielendes Gedankenspiel über Begehren, Tabubrüche, ihre literarische Verarbeitung und wie diese Verarbeitung von anderen Menschen aufgenommen wird. Intellektuell ist das interessant, aber keine dieser nur auf dem Papier existierenden Figuren interessierte mich.

Sehnsucht“ ist letztendlich ein Zwei-Personenstück über zwei in ihrer Sexualität verunsicherte Männer, die stundenlang darüber reden. Auch diesem Film fehlt die französische Leichtigkeit von „Liebe“. Dafür ist es der queerste Film der Trilogie, in dem die beiden Protagonisten ständig betonen, dass sie das nicht sind.

Haugerud schuf drei sehenswerte Filme, die eher bebilderte Hörspiele sind. Falls man die „Oslo Stories“ im Original mit Untertiteln sieht, muss man jeweils zwei Stunden ununterbrochen Untertitel lesen und sich dabei möglichst wenig von den Bildern und Geräuschen stören lassen. Insofern rate ich in diesem Fall zur mir unbekannten synchronisierten Fassung.

Oslo Stories: Liebe (Kjærlighet, Norwegen 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Thomas Gullestad, Lars Jacob Holm, Marte Engebrigtsen

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Kinostart: 17. April 2025

Oslo Stories: Träume (Drømmer, Norwegen 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen

Länge: 110 Minuten

FSK: ?

Kinostart: 8. Mai 2025

Oslo Stories: Sehnsucht (Sex, Norwegen, 2024)

Regie: Dag Johan Haugerud

Drehbuch: Dag Johan Haugerud

mit Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen, Theo Dahl

Länge: 118 Minuten

FSK: ?

Kinostart: 22. Mai 2025

Hinweise

Deutsche Homepage zur Trilogie

Moviepilot über „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“

Metacritic über „Liebe“ und „Sehnsucht“

Rotten Tomatoes über „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch, norwegisch), „Träume“ (deutsch, englisch, norwegisch) und „Sehnsucht“ (deutsch, englisch, norwegisch)


TV-Tipp für den 18. April: Die fabelhafte Welt der Amélie

April 17, 2025

One, 20.15

Die fabelhafte Welt der Amélie (Le fabuleux destin d’Amélie Poulain, Frankreich/Deutschland 2001)

Regie: Jean-Pierre Jeunet

Drehbuch: Guillaume Laurant, Jean-Pierre Jeunet

In einem Paris, das nicht von dieser Welt ist (und das es so nie gab), verzaubert die Kellnerin Amélie ihre Mitmenschen und macht sie glücklich. Da trifft sie ihren Märchenprinzen…

Ein märchenhafter, schnell verzaubernder, vor Einfällen überbordender, wundervoll warmherziger Film voller Humor und skurriller Typen.

mit Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Yolande Moreau, Artus de Penguern

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die fabelhafte Welt der Amélie“

Wikipedia über „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Pierre Jeunets „Die Karte meiner Träume“ (The young and prodigious T. S. Spivet, Frankreich/Kanada 2013)