Nachdem bei einem Routineeinsatz mehrere Kollegen von FBI-Agentin Kate Macer durch eine Sprengfalle sterben, erhält sie das Angebot, in der Spezialeinheit von Matt Graver mitzuarbeiten. Graver und seine Männer sollen die mexikanischen Drogenkartelle bekämpfen. Mit allen Mitteln.
In jeder Hinsicht grandioser, vielschichtiger, zum Nachdenken anregender Thriller über den Drogenkrieg an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.
mit Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin, Victor Garber, Jon Bernthal, Daniel Kaluuya, Jeffrey Donovan, Raoul Trujillo, Julio Cedillo, Hank Rogerson, Bernardo P. Saracino, Maximiliano Hernández
Ein Jahr nach dem Original startet jetzt das US-Remake von „Speak no evil“ im Kino und weil fast jedes Wort über das Remake auch als Spoiler über das Original interpretiert werden kann, gibt es jetzt einmal eine allgemeine, allumfassende Spoilerwarnung, die ausdrücklich auch für den Trailer gilt.
Vor einem Jahr erzählte Christian Tafdrup in seinem Horrorthriller „Speak no evil“ eine ziemlich gemeine Geschichte mit einem zugleich gemeinem, schockierendem und diskussionswürdigem Ende. Es geht, ich folge jetzt bei den Namen und Orten dem Remake, um das Ehepaar Dalton. Bei einem Toskanaurlaub lernen Ben (Scoot McNairy) und Louise Dalton (Mackenzie Davis) Paddy (James McAvoy) und Ciara Field (Aisling Franciosi) kennen. Sie verstehen sich gut. Auch ihre Kinder, Daltons elfjährige Tochter Agnes (Alix West Lefler) und Fields etwa gleichaltriger, stummer Sohn Ant (Dan Hough), verstehen sich gut. Am Ende des Urlaubs werden die Adressen ausgetauscht und das war es. Normalerweise. Aber die Fields laden die in London lebenden Daltons zu einem Wochenende auf ihrem einsam in der westenglischen Provinz liegenden Hof ein. Die Daltons nehmen die Einladung an. So ein Wochenende könnte eine schöne Abwechslung sein.
Schon kurz nach ihrem Eintreffen kommt es zu ersten Irritationen. Die Gastgeber verhalten sich immer wieder seltsam. Vor allem Paddy ist immer wieder übergriffig und schlichtweg unhöflich. Die Daltons sind immer wieder irritiert. Aber letztendlich verbuchen das Verhalten der Fields immer wieder unter ‚Missverständnis‘ und ‚kulturelle Unterschiede‘ zwischen Amerika und England, zwischen Stadt und Land.
Blumhouse sicherte sich die Rechte an Tafdrups hochgelobtem Horrorthriller. James Watkins inszenierte und schrieb auch das neue Drehbuch, das über weite Strecken einfach die Herkunft der beiden Ehepaare änderte. Im Original wird das dänische Paar von einem holländischem Paar zu sich nach Hause eingeladen. Im Remake wird aus den beiden Urlauberpaaren ein in London lebendes, aus den USA kommendes Paar und ein in der englischen Provinz lebendes Paar.
Bis zum dritten Akt sind die Unterschiede zwischen Original und Remake marginal und oft eher Geschmacksache. Einiges fällt bei James Watkins auch kürzer aus, weil sein Finale länger und konventioneller ist. Er macht aus einem Horrorthriller, der mit seinem Ende Diskussionen anregt, einen 08/15-Actionthriller, der als Update von Sam Peckinpahs „Wer Gewalt sät“ (Straw Dogs) oder Watkins‘ Horrorthriller „Eden Lake“ gesehen werden kann. In allen drei Filmen geht es um den Zusammenprall von linksliberalen, gebildeten, Gewalt ablehnenden Städtern und zurückgebliebenen, gewalttätigen und sexuell freizügigen Landbewohnern. Ratio trifft auf Trieb. Missverstädnisse, Vorurteile und die Unfähigkeit darüber zu sprechen, treiben den Konflikt weiter an.
Und jedes Mal antworten die Städter am Ende mit brachialer Gewalt auf Gewalt. „Speak no evil“ endet in einem Blutbad, das alles außer kathartisch ist. Dieses Ende ist das Gegenteil des überaus beunruhigenden Ende des Originals. In ihm bleiben die Gäste bis nach dem bitteren Ende duldsam. Nie ergreifen sie eine Chance zur Flucht. Nie wehren sie sich. Und genau dieses Ende führt nach dem Abspann zu erregten Diskussionen über den Film. Christian Tafdrup stellt die Frage, wie sehr man sich unterdrücken lässt. Und er gibt eine provozierende Antwort. Watkins beantwortt die Frage mit einem zu keiner Diskussion anregendem Finale. Wie in unzähligen anderen Filmen wird Gewalt einfach mit Gewalt beantwortet.
So ist Watkins „Speak no evil“ als straff inszenierter, gut besetzter 08/15-Thriller mit vorhersehbarem Ende durchaus gelungen. Aber nicht mehr.
Speak no evil (Speak no evil, USA 2024)
Regie: James Watkins
Drehbuch: James Watkins (nach dem Drehbuch „Gæsterne“ von Christian Tafdrup und Mads Tafdrup)
mit James McAvoy, Mackenzie Davis, Aisling Fanciosi, Alix West Lefler, Dan Hough, Scoot McNairy, Kris Hitchen, Motaz Malhees
Coralie Fargeat hätte keine bessere Schauspielerin als Demi Moore für die Hauptrolle in ihrem neuen Horrorfilm engagieren können.
Mit Kassenhits, wie „Ghost – Nachricht von Sam“ (1990), „Eine Frage der Ehre“ (1992), „Ein unmoralisches Angebot“ (1993) und „Enthüllung“ (1994), wurde sie in Hollywood zur bestbezahlten Schauspielerin. Dabei beruhten ihre hohen Gagen auf dem Irrtum, dass die Leute wegen ihr ins Kino gehen und nicht wegen anderer Stars oder wegen des Films. „Striptease“ (1996, in der mit sechs Razzies ausgezeichneten Satire präsentierte sie ihren neuen Busen) und „Die Akte Jane“ (1997) floppten.
Davor, 1991, zierte sie hochschwanger und ziemlich nackt das Cover der Zeitschrift „Vanity Fair“. Seit 1987 war sie mit Bruce Willis verheiratet. 1998 trennten sie sich. 2003 begann sie eine Beziehung mit dem 16 Jahre jüngeren Ashton Kutcher. Die Regenbogenpresse berichtete ausführlich darüber.
Seit den späten neunziger Jahren ist Moores Filmkarriere nichtexistent. Sie spielt regelmäßig in Filmen mit, aber nur wenige Filme, wie „Mr. Brooks – Der Mörder in Dir“ (2007, mit und wegen Kevin Costner als Serienmörder), wurden von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen. 2019 veröffentlichte sie ihre Autobiographie „Inside Out“. Ein New-York-Times-Bestseller.
Die 1962 geborene Schauspielerin ist ein Star, deren Filmkarriere schon lange vorbei ist und die immer noch atemberaubend jung aussieht. In „The Substance“ spielt sie mit vollem Körpereinsatz Elizabeth Sparkle. Früher war Elizabeth ein großer Star. Jetzt tanzt sie in der nach ihr benannten Fitness-TV-Show. Zufälllig erfährt sie, dass der aasige Senderchef Harvey (Dennis Quaid) sie durch eine jüngere Vortänzerin ersetzen will. Sie ist einfach zu alt.
Aber mit der neuen Droge The Substance könnte sich ihr Leben ändern. The Substance ist eine der Öffentlichkeit noch unbekannte und wahrscheinlich nirgendwo getestete Droge, die eine radikale Verjüngung verspricht. Durch eine Injektion wird aus der alten Elizabeth die wunderschöne Mittzwanzigerin Sue (Margaret Qualley). Nach einer Woche wird aus Sue wieder Elizabeth. Es ist eine perfekte Balance mit eigentlich nur einer Regel, die genau eingehalten werden muss: nach genau einer Woche findet der Körpertausch statt.
Gut, diese Idee ist vollkommen gaga – und knüpft an ältere, irgendwo zwischen Horror und Science-Fictiion spielende Geschichten an, die vor allem ätzende Satiren über das Thema der Geschichte sind. Über die Hintergründe der Organisation, die The Substance zur Verfügung stellt, erfahren wir nichts. Über den Schönheitswahn, vor allem in Hollywood und den Druck, immer gut auszusehen, erfahren wir deutlich mehr. „The Substance“ ist eine verdammt gut aussehende Satire, die Schönheitswahn und Sexismus anklagt und gleichzeitig ausstellt und Elizabeth und Sue in einen gnadenlosen Kampf gegeneinander verwickelt. Denn alles was Sue sich nimmt, beginnend mit der Rolle der Vortänzerin in Elizabeths TV-Show, nimmt sie in einem Nullsummenspiel Elizabeth weg. Jede Minute länger in Sues Körper zerstört die perfekte Balance und lässt Elizabeth, zunehmend grotesk, altern.
Coralie Fargeat inszeniert diese Geschichte mit der gleichen Konsequenz, mit der sie 2017 auch ihr Spielfilmdebüt „Revenge“ inszenierte. Der stylishe feminstische Rachethriller war ultrabrutal und sehr blutig.
Ihr zweiter Spielfilm knüpft in punkto Stilbewusstsein, Gore und satirischer Zuspitzung nahtlos daran an. „The Substance“ ist trotz der epischen Laufzeit von 141 Minuten als zitatreiche, wenig subtile, äußerst intensive und kurzweilige Over-the-Top-Satire grandios, die vor allem Fans von ultrabrutalen französischen Horrorfilmen und Fans von David Cronenbergs frühen Body-Horror-Exzessen anspricht.
Mir gefiel der Body-Horror so gut, dass ich ihn in den vergangenen Wochen allen empfahl, denen solche Filme gefallen. Alle anderen werden spätestens bei der ersten, sehr explizit gezeigten Verwandlung von Elizabeth zu Sue, die aus Elizabeths nacktem, im Bad liegendem Körper schlüpft, den Kinosaal verlassen.
Allen, die in dem Moment sitzen bleiben, kann ich versichern, dass es, nachdem Elizabeth/Sue gegen die einzige wichtige Regel verstoßen, noch ‚ekliger‘ wird.
Der feministische Body-Horrorfilm „The Substance“ ist ein großer Spaß und, ja, zugegeben, hundertfünfzigprozentig Style over Substance, bei dem der eigene Blick auf den nackten weiblichen Körper vorgeführt, bedient und kritisiert wird.
In Cannes gab es dafür den Preis für das beste Drehbuch.
P. S.: Der Trailer gibt einen guten Eindruck vom Film.
The Substance (The Substance, Großbritannien/USA 2024)
Regie: Coralie Fargeat
Drehbuch: Coralie Fargeat
mit Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid, Hugo Diego Garcia, Gore Abrams, Matthew Géczy, Daniel Knight, Philip Schurer, Olivier Raynal
Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.
Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.
Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon, Ricky Jay
Ezra (William A. Fitzgerald, Debüt) ist ein elfjähriger Junge mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Nachdem er wieder den gesamten Schulbetrieb stört, soll er auf eine spezielle Förderschule geschickt werden. Seine Mutter ist einverstanden. Sein Vater, der finanziell klamme New Yorker Stand-up-Komiker Max Brandel (Bobby Cannavale), lehnt das vehement ab. Bislang kümmert er sich nicht um seinen Sohn und in Zukunft hat er das auch nicht wirklich vor. Schließlich arbeitet er als Komiker und hofft immer noch auf den Durchbruch. Bis es soweit ist, lebt er seit der Scheidung bei seinem sturen Vater Stan (Robert De Niro).
Als seine Managerin ihm einen Auftritt in der TV-Show von Jimmy Kimmel besorgt, könnte das für ihn ein großer Schritt in seiner Karriere sein. Die Kimmel-Show wird in Los Angeles aufgezeichnet. Er lebt auf der anderen Seite des Kontinents.
In einer Verzweiflungstat entführt er seinen Sohn und macht sich mit ihm auf einen Roadtrip nach Los Angeles.
Tony Goldwyn erzählt eine herzige Vater-Sohn-Geschichte, wobei Max sich noch kindischer und unverantwortlicher verhält als sein Sohn. Das von Tony Spiridakis auf eigenen Erfahrungen mit seinem autistischen Sohn basierende Drehbuch erzählt die Vater-Sohn-Geschichte humorvoll in den erwartbaren Bahnen mit den erwartbaren, weidlich ausgenutzten Taschentuch-Momenten.
Die Besetzung ist mit Bobby Cannavale, Rose Byrne, Vera Farmiga, Rainn Wilson, Whoopi Goldberg (telefonierend), Robert De Niro (deutlich mehr als ein Cameo)und, nur kurz, Jimmy Kimmel für einen so kleinen Film erstaunlich hochkarätig. Das liegt teilweise an der persönlichen Betroffenheit der Beteiligten und ihrem Wunsch, Verständnis für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen zu wecken. Gleichzeitig sagen sie den betroffenen Eltern, dass sie nicht allein sind.
„Ezra – Eine Familiengeschichte“ ist ein Feelgood-Movie, das als Road Movie erstaunlich wenig ‚on the road‘ ist.
Ezra – Eine Familiengeschichte(Ezra, USA 2023)
Regie: Tony Goldwyn
Drehbuch: Tony Spiridakis
mit Bobby Cannavale, William A. Fitzgerald, Rose Byrne, Whoopi Goldberg, Rainn Wilson, Tony Goldwyn, Vera Farmiga, Robert De Niro, Jimmy Kimmel
Don’t worry, weglaufen geht nicht (Don’t worry, he won’t get far on foot, USA 2018)
Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Gus Van Sant (nach einer Geschichte von John Callahan und Gus Van Sant & Jack Gibson & William Andrew Eatman)
LV: John Callahan: Don’t worry, he won’t get far on foot, 1989 (Don’t worry, weglaufen geht nicht)
Nach einem Autounfall ist John Callahan fast vollständig gelähmt. Zurück in seiner Heimatstadt Portland, Oregon, säuft er weiter, bis er mit seinem Rollstuhl in ein Treffen der Anonymen Alkoholiker fährt und zu zeichnen beginnt. Seine schwarzhumorigen Cartoons machen ihn weltweit bekannt.
TV-Premiere. Mit etwas Indie-Feeling erzählt Gus Van Sant in seinem konventionellem Biopic, wie John Callahan vom Trinker zum trockenen Alkoholiker wird.
LV: Olen Steinhauer: All the old knives, 2015 (Der Anruf)
Vor acht Jahren endete in Wien eine Flugzeugentführung mit dem Tod von allen hundertzwanzig Passagieren. Jetzt soll CIA-Agent Henry Pelham herausfinden, ob seine damalige Kollegin und Freundin Celia Harrison (im Buch Favreau) den Entführern entscheidende Informationen gab. Sie treffen sich in einem Restaurant zu einem Abendessen.
TV-Premiere. Dialoglastiger Agententhriller
mit Chris Pine, Thandiwe Newton, Laurence Fishburne, Jonathan Pryce, Corey Johnson
Heute, kurz vor zwölf Uhr, im Westhafen Richtung Westen blickend. Leider mit bescheidenem Wetter. Ich werde wohl wieder auf den Turm schnaufen müssen. Wenn sie mich lassen.
Lief laut meiner nicht hundertprozentig zuverlässigen Buchführung zuletzt 2015:
Arte, 20.15
Tote schlafen fest (The Big Sleep, USA 1946)
Regie: Howard Hawks
Drehbuch: William Faulkner, Leigh Brackett, Jules Furthman
LV: Raymond Chandler: The big sleep, 1939 (Der große Schlaf)
Privatdetektiv Philip Marlowe soll einen Erpresser finden. Zuerst findet er zwei schöne Töchter und viele Leichen.
Unbestritten – neben „Der Malteser Falke“ (der nach meiner Buchführung zuletzt 2010 im TV lief) – der Klassiker unter den Privatdetektiv-Krimis und eines der Meisterwerke des Film Noir.
Im Anschluss, um 22.05 Uhr, läuft „Lauren Bacall – Die diskrete Verführerin“ (Frankreich 2017).
Mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Elisha Cook Jr., John Ridgely, Martha Vickers, Dorothy Malone, Charles Waldron, Regis Toomey
Drehbuch: Charlie Wachtel, David Rabinowitz, Kevin Willmott, Spike Lee
LV: Ron Stallworth: Black Klansman, 2014
Ron Stallworth ist in den Siebzigern der erste schwarze Polizist in Colorado Springs. Als er eine Anzeige des Ku Klux Klans entdeckt ruft er dort an und wird auch gleich zu einem Treffen eingeladen. Aufgrund seiner Hautfarbe kann er nicht hingehen. Aber sein jüdischer Kollege Flip Zimmerman kann es. Gemeinsam beginnen sie gegen die weißen Rassisten zu ermitteln.
Spike Lee in Höchstform: er erzählt eine unglaubliche, aber wahre Geschichte mit viel Verve, Wut, satirischen Überspitzungen viel Zeitkolorit.
mit John David Washington, Adam Driver, Topher Grace, Laura Harrier, Ryan Eggold, Jasper Pääkkönen, Corey Hawkins, Paul Walter Hauser, Alec Baldwin, Harry Belafone
Joseph ist schwul, Regisseur und trauert drei Jahre nach der Trennung immer noch seinem Ex hinterher. Außerdem ist er mit seiner depressiven Ex zusammen, die in der Psychiatrie sein sollte. Er erzieht ihren gemeinsamen Sohn. Er schreibt irgendwie an seinem zweiten Spielfilm. Seine ersten Ideen überzeugen seinen Produzenten nicht. Und nach einem Kampf mit einem Snack-Automaten ist Josephs linke Hand die meiste Zeit des Films bandagiert.
Fabian Stumm spielt diesen Pechvogel. Er schrieb auch das Drehbuch und inszenierte „Sad Jokes“ als eine Abfolge von meist peinlich unwitzigen Sketchen. Sie ergeben ein Panoptikum dysfunktionaler, gescheiterter und scheiternder Beziehungen. Sie könnten, bis auf sehr wenige Ausnahmen, auch in irgendeiner anderen Reihenfolge präsentiert werden. Es würde nicht auffallen. Es würde auch nicht auffallen, wenn einzelne Szenen durch vollkommen andere Szenen ersetzt würden. Denn eine Story ist höchstens erahnbar.
Normalerweise nahm Stumm die Szenen ungeschnitten mit einer statischen, die Ereignisse wie eine Überwachungskamera beobachtenden Kamera auf. Wenn dann doch geschnitten wird, sind die Schnitte so unbeholfen gesetzt, dass es schon wieder Absicht sein könnte.
Und genau das ist das Problem von „Sad Jokes“. Es ist vollkommen unklar, ob er schlecht ist, weil die Macher es nicht besser können, oder ob er schlecht ist, weil er schlecht sein soll.
Aber egal welche Erklärung zutrifft: „Sad Jokes“ ist ein schlechter Feelbad-Film, eine Komödie, die keine Komödie ist, und ein Episodendrama voller passiv-aggressiver, latent nervender Menschen.
Anderen gefällt „Sad Jokes“ besser. Die meisten Kritiken sind überaus positiv und beim diesjährigem Filmfest München erhielt „Sad Jokes den FIPRESCI-Preis und den Förderpreis Neues Deutsches Kino in der Kategorie Beste Regie.
Sad Jokes (Deutschland 2024)
Regie: Fabian Stumm
Drehbuch: Fabian Stumm
mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem, Anne Haug, Knut Berger, Anneke Kim Sarnau (nicht jedem ist ein zweiter Auftritt in dem Film gegönnt)
LV: Isaac Asimov: I, Robot, 1950 (Ich, der Robot, Kurzgeschichtensammlung)
2035: Roboter nehmen uns viele Aufgaben ab. Als der Chefkonstrukteur der Firma US Robotics in den Tod stürzt, glaubt Polizist und Roboterhasser Del Spooner, dass der Konstrukteur von einem Roboter umgebracht wurde. Niemand glaubt ihm.
Unterhaltsamer SF-Actionthriller, der von Asimov vor allem die drei Robotergesetze übernommen hat. Denn Proyas interessiert sich vor allem für Design und Entertainment.
mit Will Smith, Bridget Moynahan, Alan Tudyk, James Cromwell, Bruce Greenwood, Chi McBride, Shia LaBeouf
Reisen mit den Eltern sind schon anstrengend. Vor allem wenn die Tochter einen festen Plan hat, der mehr ein ausufernder Arbeitsplan als eine Urlaubsreise ist und wenn diese Reise nicht an irgendwelche schönen sonnigen Strände, sondern in das triste postkommunistische Polen führt und die Tochter die Familiengeschichte erforschen möchte. Eine Familiengeschichte zu der ein KZ-Besuch gehört.
Deshalb wollte die 36-jährige New Yorker Musik-Journalistin Ruth Rothwax (Lena Dunham) 1991 die Reise auch ohne ihren Vater Edek (Stephen Fry) machen. Aber er lud sich ungefragt ein. Er benimmt sich – und so scheint er sich immer zu benehmen – wie ein Kind, das auf jede Ablenkung und jedes Vergnügen anspringt. Er nimmt jede Gelegenheit wahr, ihre Pläne zu sabotieren. Außerdem will er, der als Kind im KZ Auschwitz-Birkenau war, nicht Zug fahren. Schon am Flughafen besorgt er ein Taxi und verpflichtet den Fahrer bis zu ihrer Abreise als ihren persönlichen Chauffeur.
Ruth und Edek sind ein seltsames Paar. Sie ist ständig schlecht gelaunt. Er nicht. Die Stationen, die sie abfahren sind die vorhersehbaren Stationen eines Ausflugs in die Familienvergangenheit. Die Erlebnisse sind auch vorhersehbar. Sie treffen einige Menschen. Einige treffen sie öfter. Sie besuchen das inzwischen herunterkommene Haus, in dem Edek als Kind wohnte und in dem jetzt andere Menschen wohnen, die Angst um ihre Wohnung haben. Sie besuchen das KZ, werden am Zaun entlang gefahren und Edek entdeckt dabei Orte, an denen er früher war. Und langsam öffnet Edek sich.
Julia von Heinz‘ Film „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ basiert auf dem siebenhundertseitigem Roman „Zu viele Männer“ von Lilly Brett, den von Heinz und ihr Co-Autor John Quester für den Film veränderten. Ihre sich während eines einwöchigen Besuchs in Polen abspielende Familiengeschichte reiht konventionell die einzelnen Stationen der Reise aneinander. Die Vergangenheit bildet den Hintergrund für die Kabbeleien zwischen Ruth und Edek. Lena Dunham spielt die penibel planende Journalistin mit einem von ihrem Vater dauergenervtem Gesichtsaustdruck. Stephen Fry läuft als lebensbejahender Holocaust-Überlebender, der die Schrecken, die er im Zweiten Weltkrieg erlebte und jetzt unter der Maske der Fröhlichkeit versteckt, zu großer Form auf.
Treasure – Familie ist ein fremdes Land (Deutschland/Frankreich 2024)
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: Julia von Heinz, John Quester
LV: Lilly Brett: Too many men, 1999 (Zu viele Männer)
mit Lena Dunham, Stephen Fry, Zbigniew Zamachowski, Tomasz Wlosok, Iwona Bielska, Maria Mamona, Wenanty Nosul, Klara Bielawka, Magdalena Célowna
Beim Kauf einer Wohnung in der schwedischen Kleinstadt Gullspång treffen zwei Schwestern auf eine Frau, die wie die Zwillingsschwester ihrer vor dreißig Jahren gestorbenen Schwester aussieht. Aber sie haben niemals etwas von einer Zwillingsschwester gehört. Neugierig und begleitet von Regisseurin Maria Fredriksson versuchen sie herauszufinden, weshalb ihre tote Schwester und die Verkäuferin der Wohnung wie Zwillinge aussehen.
Ziemlich schnell ist in „Das Gullspång-Geheimnis“ geklärt, dass es sich wirklich um Zwillinge handelt. Sie treffen ihre Familie. Bald fragen die Schwestern sich auch, ob ihre ältere Schwester sich damals wirklich umgebracht hat.
Und was jetzt der Auftakt für einen dicken skandinavischen Kriminalroman sein könnte, ist der Auftakt für einen etwas schrägen Dokumentarfilm. Einerseits ist die Schwester wirklich im Juli 1988 gestorben, es wurde nie wirklich ermittelt, einige Umstände ihres Todes sind seltsam und die vor den Kindern verschwiegene Familiengeschichte ist es wert, ausgegraben zu werden.
Andererseits inszeniert Maria Fredriksson ihren Film immer wie eine Fake-Doku. Mehrmals mischt sie sich als Regisseurin ein. Sie gibt Regieanweisungen, lässt Szenen mehrmals wiederholen und lässt gleichzeitig Interviews störende Ereignisse im fertigen Film. Die im Film auftretenden Personen werden nur mit ihren Vornamen vorgestellt. Die Musik ist in ihrer harmlosen Fröhlichkeit vollkommen unpassend für einen Dokumentarfilm über düstere Familiengeheimnisse und einen ungeklärten Mord. „Das Gullspång-Geheimnis“ ist das Gegenteil einer konventionellen True-Crime-Doku. Dazu passt auch, dass am Ende nichts geklärt ist. Es gibt noch nicht einmal eine tragfähige Vermutung, was mit ihr geschah.
Trotz wahrer Ereignisse wirkt „Das Gullspång-Geheimnis“ wie eine Parodie auf True-Crime-Dokus. Fredriksson dekonstruiert das Genre. Anstatt Geheimnisse aufzuklären, vernebelt sie und ist immer weniger an einer Aufklärung interessiert. Das ist während des Ansehens durchaus amüsant, am Ende aber auch frustrierend.
Das Gullspång-Geheimnis (Miraklet i Gullspång, Schweden/Norwegen/Dänemark 2023)
Regie: Maria Fredriksson
Drehbuch: Maria Fredriksson
mit Kari Klo, May-Elin Storsletten, Olaug Bakkevold Østby
Die Unfassbaren – Now you see me (Now you see me, USA 2013)
Regie: Louis Leterrier
Drehbuch: Ed Solomon, Boaz Yakin, Edward Ricourt
Vier Illusionskünstler beginnen, im Auftrag eines Unbekannten, als „Die vier Reiter“ (The four Horsemen) verbrecherische Zauberkunststücke mit Robin-Hood-Touch auszuführen. Schnell werden sie vom FBI und einem Ex-Magier verfolgt.
Der Überraschungserfolg „Die Unfassbaren – Now you see me“ ist ein locker-lässiger Popcorn-Film, ein vergnüglicher Comic-Crime-Caper, der Spaß macht, solange man nicht zu genau über die Geschichte nachdenkt und das nach einem fulminanten ersten Trick zunehmend konventioneller wird. Denn ein Las-Vegas-Paris-Bankraub ist viel eindrucksvoller, als ein Geldtransfer von einem Konto zu anderen Konten; auch wenn dies während einer Show geschieht und sich dabei – dank unsichtbarer Schrift – der Kontostand auf den Papieren der Anwesenden verändert.
Beetlejuice ist zurück. 1988 war das, nach einigen kürzeren Arbeiten und dem Talentprobe-Spielfilmdebüt „Pee-Wee’s irre Abenteuer“ sein erster echter Tim-Burton-Spielfilm und sein Durchbruch. Danach inszenierte er „Batman“. In „Beetlejuice“ geht es um das Ehepaar Maitland, das bei einem tödlichen Unfall stirbt und die nächsten 125 Jahre in ihrem Haus als Geister leben muss. Als die Familie Geetz, eine neureiche Clique, die das gesamte Haus umgestalten will, einzieht, versuchen die Maitlands die neuen Bewohner loszuwerden. Ohne Erfolg. Aus nackter Verzweiflung rufen sie den selbsternannten Bio-Exorzisten Beetlejuice (bzw. Betelgeuse). Der erledigt die Aufgabe.
Burton erzählt das als liebevoll-skurille Geisterkomödie mit zahlreichen Anspielungen auf die entsprechenden Filme und Geschichten. Es ist die Mischung, die er seitdem in seinen Filmen perfektionierte.
„Beetlejuice Beetlejuice“ spielt ungefähr fünfunddreißig Jahre nach dem ersten Film. Michael Keaton als Beetlejuice, Winona Ryder als Lydia Deetz und Catherine O’Hara als ihre Mutter Delia Deetz sind wieder dabei. Es gibt viele Neuzugänge, wie Jenny Ortega, Justin Theroux, Monica Bellucci, Arthur Conti, Willem Dafoe (erstaunlicherweise erstmals in einem Tim-Burton-Film) und Danny DeVito, in mehr oder weniger großen Rollen. Eine nennenswerte Story ist, im Gegensatz zu „Beetlejuice“, nicht mehr vorhanden. Es gibt mehrere Plots, die mehr oder weniger halbherzig erzählt werden, und einzelne mal mehr, mal weniger gelungene Gags, die die Hauptgeschichten nicht voranbringen.
Es geht um Delores (Monica Bellucci), die sich an ihrem Ehemann Beetlejuice rächen will. Es geht um die Familie Deetz, die nach dem Tod des Familienoberhaupts für die Beerdigung nach Winter River und in das Geisterhaus zurückkehrt und dort ‚Erlebnisse‘ hat. Es geht Lydias Tochter Astrid (Jenny Ortega), die als Teenager von dem ganzen Geisterbohei, ihrer Familie und dem Rest der Welt genervt ist. In Winter River trifft sie Jeremy Frazier (Arthur Conti) und verliebt sich in ihn. Zur gleichen Zeit wird ihrer Mutter Lydia, die als Gastgeberin der TV-Show „Ghost House with Lydia Deetz“ bekannt ist, von ihrem Freund und Produzenten Rory (Justin Theroux) während der Beerdigung ein Heiratsantrag gemacht. Notgedrungen akzeptiert sie und sofort wird die Hochzeit geplant.
Die einzelnen Szenen spielen in dieser und in der Geisterwelt, von der wir mehr als in „Beetlejuice“ sehen und das Verhältnis zwischen beiden Welten und wie vor allem die Geisterwelt funktioniert, ist wahnsinnig komplex. Oder einfach nur verwirrend.
Der Film ist eine Nummernrevue für die Fans des ersten Films. Nachdem Tim Burton in „Beetlejuice“ die Regeln des Geisterfilms parodierte und dekonstruierte, dekonstruiert er hier auch das Erzählen von Geschichten. Die einzelnen Szenen sind liebevoll inszeniert und für Freunde alter Horrorfilme und Gruselcomics ein Fest. Die Effekte gelungen. Die Musik von Danny Elfman gewohnt bombastisch. Die Schauspieler hatten beim Dreh ihren Spaß. Die von ihnen gespielten Figuren sind durchgehend eindimensionale Cartoons.
Da erscheint der Griff in den Tim-Burton-Zettelkasten trotz seiner kurzen Laufzeit von, ohne den langen Abspann, etwas über neunzig Minuten doch ziemlich lang.
Beetlejuice Beetlejuice(Beetlejuice Beetlejuice, USA 2024)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Alfred Gough, Miles Millar (nach einer Geschichte von Alfred Gough, Miles Millar und Seth Grahame-Smith, basierend auf von Michael McDowell und Larry Wilson)
mit Michael Keaton, Winona Ryder, Catherine O’Hara, Jenna Ortega, Justin Theroux, Willem Dafoe, Monica Bellucci, Arthur Conti, Nick Kellington, Santiago Cabrera, Danny DeVito
Die Macher nennen ihre Version von „The Crow“ eine „Neuinterpretation der legendären Graphic Novel von James O’Barr“. Barrs Comic erschien in fünf Heften zwischen 1989 und 1992. In ihm verarbeitete er den Unfalltod seiner Verlobten. In dem Comic werden Eric und seine Verlobte Shelly von einigen Straßenräubern bestialisch ermordet. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Eric kehrt als wandelnde Leiche auf die Erde zurück und tötet die Männer, die Shelly und ihn ermordeten.
1993 wurde die Geschichte von Alex Proyas verfilmt. Die Dreharbeiten verliefen katastrophal. Der traurige Höhepunkt war der Tod von Hauptdarsteller Brandon Lee am Set kurz vor dem Ende der Dreharbeiten durch einen Schuss aus einem geladenen Revolver. Der 1994 in den Kinos gestartete Film erzählt eine einfache Rachegeschichte. Ein Jahr nachdem Eric Draven und seine Verlobte von Verbrechern ermordet wurden, kehrt er zurück aus dem Reich der Toten und tötet ihre Mörder. Proyas erzählt sie als eine eine Symphonie in Schwarz, Nacht und Regen. Der Film wurde ein Erfolg mit mehreren längst vergessenen Fortsetzungen.
Seit 2007 wurde über eine Neuinterpretation gesprochen. Autoren, Regisseure und auch Schauspieler wurden engagiert. Aber alle Pläne endeten in der Entwicklungshölle.
2022 wurde Rupert Sanders als Regisseur engagiert. In seinen vorherigen Spielfilmen „Snow White and The Huntsman“ und „Ghost in the Shell“ zeigte er sein Talent für eindrucksvolle Bilder. Der Rest überzeugte bestenfalls bedingt.
In „The Crow“ überzeugen nocht nicht einmal die Bilder. Der Plot – ein Toter rächt seine ermordete Freundin – bleibt in dieser abstrakten Form gleich. Der Rest – nun, es handelt sich um eine Neuinterpretation einer über dreißig Jahre alten Geschichte.
In „The Crow“ (2024) jagen die Handlanger von Filmbösewicht Vincent Roeg Shelly Webster (FKA twigs). Sie hat auf ihrem Handy ein belastendes Video, das für die Filmgeschichte nur die Funktion eines MacGuffins hat. Auf ihrer Flucht wird sie von der Polizei geschnappt und in ein Reha-Zentrum gesteckt, das mehr wie eine Mischung aus drakonisch geführter Besserungsanstalt und Gefängnis aussieht. Dort trifft sie auf Eric Draven (Bill Skarsgård), einen tätowierten Jungen mit offensichtlichen Problemen und einer künstlerischen Ader. Beides ist für den späteren Film unwichtig.
Als ihre Verfolger die Anstalt betreten, flüchten Shelly und Eric aus der abgelegen im Wald liegenden Einrichtung und gehen zurück in die große, namenlose dunkle Stadt. Dort verbringen sie die Tage zwischen Bett und Disco; immer Drogen nehmend. Als sie von den Verbrechern entdeckt werden, werden sie ermordet. Inzwischen befinden wir uns ungefähr in der Mitte des Films.
In einem Zwischenreich erklärt Torwächter Kronos (Sami Bouajila) Eric, dass tote Menschen in das Reich der Lebenden zurückkehren dürfen, wenn etwas so Grausames geschehen ist, dass die Seele keinen Frieden findet bis das Unrecht korrigiert wurde. Eric, der seine große Liebe verloren hat, kehrt zurück und begibt sich auf einen Rachefeldzug, der, den Genrekonventionen gehorchend, mit dem Tod von Vincent Roeg (Danny Huston) endet (aber, keine Panik, in einer Fortsetzung kann er selbstverständlich von den Toten wieder auferstehen). Vincent ist eine Art Vampir mit nebulösen Fähigkeiten und Interessen. Vincent ist außerdem, so dürfen wir annehmen, ein sehr mächtiger Verbrecherboss mit exzellenten Verbindungen und, was ihn in dieser Welt sofort zum Überbösewicht stempelt, Liebhaber klassischer Musik. Er befehligt hunderte Männer, deren Existenzberechtigung im Film darin besteht, sich von Eric fotogen zersäbeln zu lassen, weil sie alle etwas mit dem Tod seiner Freundin und seinem Tod zu tun haben oder weil sie für den Bösewicht arbeiten. Oder weil sie gerade rumstehen.
Dass der Plot nicht neu, triefend vor Klischees und abstrus ist, ist nicht das größte Problem des Films. Eine simple Rachegeschichte, wenn sie gut gemacht ist, kann für einen unterhaltsamen Kinoabend sorgen. Ich sage nur „John Wick“.
Aber in „The Crow“ stimmt nichts. So vergeht die halbe Filmzeit mit harmlos-langweiligem, für die spätere Geschichte weitgehend vollkommen unwichtigem Vorgeplänkel. Erst danach gibt es, immer wieder von langen Gesprächen unterbrochen, Action und auch Düsternis. Die Figuren verhalten sich immer wieder bescheuert. So kehren Eric und Shelly nach ihrer erstaunlich mühelosen Flucht aus der Besserungsanstalt zurück in die Großstadt, in der der Bösewicht auf sie wartet und dort bemühen sie sich, von ihm möglichst schnell entdeckt zu werden.
In „The Crow“ (2024) wird mit Vincent und seiner Organisation ein elaboriertes Worldbuilding angedeutet, das sich in einer Ansammlung bekannter, nicht zusammenpassender, die Geschichte unnötig verkomplizierender Versatzstücke erschöpft. Dabei hätte eine einfache Rachegeschichte wie in „The Crow“ (1994) funktioniert. Der Bösewicht hätte auch einfach nur ein einflussreicher Kapitalist oder Mafiosi sein können und Shelly hätte ihn einfach bei irgendeinem Verbrechen aufnehmen können. Das ganze hätte in einer von Verbrechern regierten Stadt wie Gotham City oder Sin City spielen können.
Gleiches gilt für die Bilder. „The Crow“ (2024) strebt niemals die stilistische Geschlossenheit von „The Crow“ (1994) an. Die neue Interpretation der Geschichte von Eric ist einfach nur der nächste Film mit Bildern die immer an andere, bessere Filme erinnern.
Das Ergebnis ist ein liebloser, schlecht erzählter und belangloser Mash-Up aus einem halben Dutzend Drehbüchern, die alle gänzlich andere Geschichten erzählten.
Auf „The Crow“ (2024) hätten wir gut verzichten können.
The Crow (The Crow, Großbritannien/Frankreich/USA/Deutschland 2024)
Regie: Rupert Sanders
Drehbuch: Zach Baylin, Will Schneider
LV: James O’Barr: The Crow, 1989 – 1992 (The Crow)
mit Bill Skarsgård, FKA Twigs, Isabella Wei, Danny Huston, Josette Simon, Sami Bouajila, Karel Dobrý, David Bowles
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 18 Jahre (auch eine Form von Jugendschutz)
Runaway Train – Express in die Hölle (Runaway Train, USA 1985)
Regie: Andrei Konchalovsky
Drehbuch: Djordje Milicevic, Paul Zindel, Edward Bunker (nach einem Drehbuch von Akira Kurosawa)
Alaska: zwei Knackis brechen aus und hoffen als blinde Passagiere auf einem Güterzug in die Freiheit fahren zu können. Doch der Lokführer stirbt, ein dritter blinder Passagier ist ebenfalls an Bord und der Zug kann nicht gebremst werden.
Harter, spannender, heute fast unbekannter Thriller mit guten Schauspielerleistungen. Voight und Roberts waren für je einen Oscar nominiert; Voight erhielt einen Golden Globe, Roberts war nominiert. Außerdem war der Film als bester Film für einen Golden Globe nominiert. Die Schmonzette „Out of Africa“ erhielt ihn.
Mit Jon Voight, Eric Roberts, Rebecca DeMornay, Edward Bunker, Danny Trejo (Debüt)
Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (Deutschland/Frankreich 2022)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Wenige Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 wird in Pakistan der neunzehnjährige Murat Kurnat verhaftet und nach Guantanamo gebracht. Die Presse nennt ihn „Bremer Taliban“.
Seine Mutter Rabiye Kurnaz will ihren Jungen aus der Gefangenschaft befreien. Zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke setzt sie Himmel und Hölle in Bewegung.
TV-Premiere. Sehr gelungenes, unterhaltsames, nah an den Fakten entlang erzähltes Drama, mit einer ordentlichen Portion Humor.
Anschließend, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die brandneue knapp einstündige Doku „Andreas Dresen – Ein Leben für den Film“.
Am 17. Oktober, startet der neue, selbstverständlich ebenfalls sehenswerte Film von Andreas Dresen und Laila Stieler. „In Liebe, eure Hilde“ erzählt von Hilde Coppi und der „Roten Kapelle“, einem immer noch wenig bekanntem Widerstandsnetzwerk gegen die Nazi-Diktatur.
mit Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, Nazmi Kirik, Sevda Polat, Abdullah Emre Öztürk