Patric Chiha verlegt in seinem neuen Film „Das Tier im Dschungel“ Henry James‘ 1903 erstmals publizierte Kurzgeschichte „The Beast in the Jungle“ so halbwegs in die Gegenwart und vollständig in die Discothek.
1979 treffen sich John Marcer (Tom Mericer) und May Bartram (Anaïs Demoustier) in einer Discothek. Sie ist fasziniert von ihm. Denn er steht abwartend am Rand. Er will nicht tanzen. Er wartet auf ein großes Ereignis. Alles, was davor passiert bedeutet nichts und ist nicht erinnerungswürdig. Deshalb erinnert er sich auch nicht an eine frühere, länger zurückliegende Begegnung mit ihr.
In den folgenden Jahren und Jahrzehnten – die Geschichte umfasst über zwei Jahrzehnte – treffen sie sich jeden Samstag in der Discothek. Die Musik, die Mode und das wechselnde, aber immer junge Publikum zeigen, wie die Zeit vergeht, während John ungerührt das Treiben beobachtet. Während er wartet, verändert sich auch die Welt vor dem Nachtclub. Der Fall der Mauer und 9/11 finden im Fernsehen statt. Diese großen, die Welt erschütternde Ereignisse sind allerdings nicht das Ereignis sind, auf das John wartet.
Er wartet weiter, beobachtet dabei das Leben der anderen Menschen und lässt sein Leben ungelebt verstreichen.
May bleibt bei ihm. Gemeinsam beobachten sie zunehmend passiv das Treiben in dem Nachtclub.
Patric Chihas Idee die Kurzgeschichte in die Discothek und damit in das Nacht- und Clubleben zu verlegen ist so einfach wie genial. Einerseits ist ein Nachtclub ein Symbol für das Leben im Jetzt. Jeden Abend wird gefeiert als gäbe es keine weiteren Abend. Es ist ein Ort, in dem junge Menschen das Leben genießen; – bis sie heiraten und Kinder kriegen. Und es ist ein Ort, an dem sich nichts verändert, weil es ein Ort der ständigen Wiederholung ist. Daran ändern die wechselnde Musik, die wechselnde Inneneinrichtung, die wechselnden Moden, die wechselnden Tänze und die wechselnden Tänzer nichts. Es ist ein Ort, der mit der Realität nichts zu tun hat. Und damit ist es auch der Ort, der sich am wenigsten für das Warten auf ein das eigene Leben veränderndes Ereignis eignet. Vor allem wenn man, wie John, einfach nur wartet und dabei sein Leben ungenutzt verstreichen lässt.
Chiha gelingt es mit einem Minimum an Handlung dieses Warten, das von der von ‚Betty Blue‘ Béatrice Dalle gespielten Türsteherin kommentiert wird, interessant zu gestalten. Am Ende des Films stellt sich die Frage nach dem eigenen Leben.
Das Tier im Dschungel (La bête dans la jungle, Frankreich/Belgien/Österreich 2023)
Wenn die Geschichte von „The Lost King“ nicht wahr wäre, würde jeder sie für eine schlecht erfundene Geschichte halten.
Als die in Edinburgh lebende Philippa Langley (Sally Hawkins) eine Schulaufführung von Shakespeares „Richard III.“ besucht, sieht sie in dem König nicht das Monster, sondern einen von der Gesellschaft zu Unrecht verurteilten Menschen. In den nächsten Tagen glaubt sie immer wieder, seinen Geist zu sehen. Gleichzeitig entwickelt sie eine Obsession für den König, der England von 1483 bis 1485 regierte. Sie, die am chronischen Erschöpfungssyndrom leidet, sieht in ihm einen Geistesverwandten.
Bei einem Beusch des lokalen Ablegers der Richard III. Society erfährt sie, dass niemand weiß, wo seine sterblichen Überreste sind. Also beschließt sie, ihn zu finden und seine Ruf zu retten. Dafür kündigt sogar ihren Job.
Auf ihrer aussichtslos erscheinenden Suche wird sie vorbehaltlos unterstützt von ihrem Mann John (Steve Coogan als Ehemann, der hier klaglos alles das tut, was in älteren Filmen die Frau für ihren Mann getan hat) und einigen seltsamen Hobbywissenschaftlern. Angriffen wird sie von etablierten Wissenschaftlern, die sie für eine durchgeknallte Hobbywissenschaftlerin halten.
Stephen Frears verfilmte diese in England wahrscheinlich allgemein bekannte, hier unbekannte Geschichte gelungen als Feelgood-Movie für die ganze Familie.
Jedenfalls kann ich mich nicht an einen einzigen Artikel über Philippa Langleys Geschichte und die Rehabilitierung von Richard III. erinnern. Dabei hätte es einige Gelegenheiten für größere Reportagen gegeben. So wurde die Entdeckung der möglichen Überreste Richard III. am 12. September 2012 öffentlich gemacht. Am 3. Februar 2013 wurde mittels einer DNA-Analyse die Identität Richard III. bestätigt. Am 26. März 2015 wurde er in der Leicester Cathedral in allen Ehren beigesetzt. Spätestens zu dieser Beisetzung hätte es doch einige Zeitungsartikel und TV-Berichte geben müssen.
Seit 2018 wird Richard III., nach einer langjährigen Kampagne von Philippa Langley, auf der königlichen Webseite als rechtmäßiger König von England geführt.
The Lost King (The Lost King, Großbritannien 2022)
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Jeff Pope, Steve Coogan
mit Sally Hawkins, Steve Coogan, Harry Lloyd, Mark Addy, Lee Ingleby, James Fleet
Mason Pettits (John Cena) ist ein ehemaliger Special-Forces-Soldat, der heute verheiratet, Vater und Anwalt ist. Vor allem diesem Job und seinen Kunden hadert er. Da wird er von seinem alten Army-Freund Sebastian Earle (Christian Slater, endlich mal wieder im Kino) gebeten, die Journalistin Claire Wellington (Alison Brie) nach Paldonien zu begleiten. Sie will den Regierungschef interviewen. Juan Arturo Venegas (Juan Pablo Raba) ist einer dieser südamerikanischen Diktatoren, wie sie im Buch, also diesen schundigen Abenteuerbüchern aus längst vergangenen Zeiten, stehen und aus vielen, vielen, sehr vielen in tropischen Fantasieländern spielenden Geschichten bekannt sind.
Kaum sind sie im Land angekommen, geraten sie in einen Putsch. Gemeinsam mit Venegas kämpfen sie sich durch den Wald und mordgierige Feinde. Venegas chargiert, improvisiert und scheint dabei nie den Überblick zwischen den Fronten und den vielen Männern, die ihn umbringen wollen, zu verlieren. Wellington wittert dabei die Story ihres Lebens. Und Pettits versucht beide zu retten.
Die Story von „Freelance“ ist erschreckend sinnfrei. Da stimmt, wenn man darüber nachdenkt, nichts. Aber mit der richtigen Portion Humor und Action könnte da einiges rausgerissen werden. Könnte.
John Cena spielt mal wieder in seiner in den vergangenen Jahren etablierten Wohlfühlzone die Rolle des netten Daddys, der um sich herum alles zerstört. Alison Brie darf weitgehend unauffällig durch den Dschungeln staksen. Nur Juan Pablo Raba als Diktator hatten seinen Spaß. Mit großer Geste und durchgehend gutgelauntem Overaction sorgt er für die wenigen Lacher des Films. Die anderen Witze sind marginal dem Zeitgeist angepasste Witzeleien, abgestandene Geschlechterklischees und bemühte Screwball-Comedy. Action gibt es auch kaum.
„Freelance“ ist ein lahmer Actionfilm ohne Humor. Solche Filme hat Luc Besson mit seiner Firma EuropaCorp in den letzten Jahren dutzendweise produziert. Für das halbe Budget, mit mehr und besserer Action und mehr Humor. Und, wenn ich darüber nachdenke, auch einer besseren Story.
Für Besson inszenierte „Freelance“-Regisseur Pierre Morel „Ghettogangz – Die Hölle vor Paris“ (Banlieue 13), „96 Hours“ (Taken) und „From Paris with Love“.
Freelance (Freelance, USA 2023)
Regie: Pierre Morel
Drehbuch: Jacob Lentz
mit John Cena, Alison Brie, Juan Pablo Raba, Alice Eve, Marton Csokas, Christian Slater
Neun Jahre sind seit Damián Szifrons letztem Film, der grandiosen tiefschwarzen Komödie „Wild Tales“, vergangen. Jetzt kommt sein Hollywood-Debüt in die Kinos. Es handelt sich um einen Serienkillerthriller (Gähn!) mit dem generischen Titel „Catch the Killer“ (nochmal Gähn!). Der Originaltitel „To Catch a Killer“ ist, auch wenn er als eine Anspielung auf Alfred Hitchcocks „To Catch a Thief“ (Über den Dächern von Nizza) verstanden werden kann, nicht vielversprechender. Gleiches gilt für das Filmplakat. Das ist auf den ersten Blick Direct-to-DVD bzw. Direct-to-Streaming-Material, das wir so oder so ähnlich in den vergangenen dreißig Jahren schon tausendmal gesehen haben.
Dieses Mal schlägt der Killer in Baltimore zum ersten Mal in der Silvesternacht zu. Mit seinem Gewehr tötet der Scharfschütze scheinbar wahllos 29 Menschen. Ihre einzige Gemeinsamkeit war, dass er sie von seiner Position aus gut erschießen konnte.
Weil die junge Streifenpolizistin Eleanor (kein Nachname) (Shailene Woodley) richtig reagierte und einige intelligente Vermutungen über den Killer hat, nimmt der legendäre FBI-Ermittler Lammark (kein Vorname) (Ben Mendelsohn) sie in sein Team auf.
Aus dieser doch sehr bekannten Prämisse entwickelt sich von der ersten Minute an ein Thriller, der ambitionierter und besser ist, als man auf den ersten Blick vermuten und erwarten könnte. Das von Jonathan Wakeham und Damián Szifron geschriebene Drehbuch folgt brav den spätestens seit „Das Schweigen der Lämmer“ etablierten Regeln. Einiges an der Geschichte ist unlogisch, aber das gilt für die meisten Serienkillerthriller. Szifron verfilmt es mit sichtbarem Engagement. Es ist offensichtlich, dass er das Beste aus dem Material heraushohlen will. Die eleganten Bilder und Kamerafahrten sind für die Kinoleinwand komponiert. Das Erzähltempo ist straff, aber nicht hektisch. Nach knapp zwei Stunden ist der Killer überführt. Die Schauspieler sind gut und ebenso engagiert.
„Catch the Killer“ ist kein künftiger Klassiker, der die Regeln des Serienkillerthrillers neu formuliert. Er versucht es noch nicht einmal. Er will nur ein guter und gut aussehender Genrefilm sein, der die Fans des Genres gut unterhält. Das tut er. Und er tut es besser als die Serienkillerthriller, die zuletzt im Kino liefen.
Über die vielen Direct-to-DVD-Serienkillerthriller muss ich hier jetzt nicht reden. Das tue ich demnächst in meiner Besprechung von „The Ritual Killer“.
Catch the Killer(To Catch a Killer, USA 2023)
Regie: Damián Szifron
Drehbuch: Damián Szifron, Jonathan Wakeham
mit Shailene Woodley, Ben Mendelsohn, Jovan Adepo, Ralph Ineson, Richard Zeman, Dusan Dukic, Jason Cavalier
Nachdem Meisterdieb Joe Moore bei einem Diebstahl von einer Überwachungskamera gefilmt wird, will er aussteigen. Aber sein Hehler Mickey Bergman erpresst ihn zu einem letzten großen Coup. Ab diesem Moment kämpfen sie gegeneinander.
Dank der guten Schauspieler und des wendungsreichen Drehbuchs von Regisseur David Mamet ist dieser Film vom letzten großen, perfekt ausgeführten Coup und den sich gegenseitig betrügenden Gaunern ein einziges Vergnügen. Denn „Heist – Der letzte Coup“ ist gutes Genrekino, präsentiert von einem Meister, der hier tief in seiner Trickkiste wühlt.
Mit Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo, Sam Rockwell, Rebecca Pidgeon, Ricky Jay
Das Ende von Robert Kirkmans Comicserie „The Walking Dead“ und der „The Walking Dead“-TV-Serie (elf Staffeln, 177 Folgen) bedeutet nicht das Ende der Welt von „The Walking Dead“. Im Fernsehen gibt es aktuell vier Serien, die in der „The Walking Dead“-Welt spielen. Es gibt Romane und Videospiele. Und jetzt gibt es einen weiteren Comic, der in dieser Welt spielt, die eigentlich ziemlich schnell beschrieben werden kann: nach einer Zombieapokalypse brach die uns bekannte Zivilisation zusammen. Seitdem kämpfen die Menschen um ihr Überleben und sie versuchen, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Meistens scheitern sie. Die Zombies sind in dieser Welt sich langsam bewegende Untote, die Menschenfleisch essen. Halt genauso wie bei George A. Romero.
In dieser Welt lebt Clementine, eine junge Frau, die bei einem Zombieangriff ihren linken Unterschenkel verlor. Sie will nach Norden, Richtung Kanada, gehen. Dort soll es besser sein.
Auf der Reise triff sie den gleichaltrigen Amos. Der Amish-Junge will ebenfalls Richtung Norden zur Siedlung Killington gehen. Sie soll in die Berge entstehen und sie ist schwer erreichbar. Clementine begleitet den naiven Jungen.
Als sie in der verschneiten, fast nicht erreichbaren Bergsiedlung sind, fragt Clementine sich, wie sehr sie den Gründern der Siedlung vertrauen kann.
Ihre Befürchtungen sind, wie fast immer, wenn im „The Walking Dead“-Universum auf eine andere Gruppe von Menschen getroffen wird, berechtigt.
Schon der Titel „Clementine – Buch Eins“ verrät, dass Tillie Walden nach dem Auftakt weitere Geschichten aus Clementines Leben erzählen will. Insgesamt sind drei Bücher mit Clementine geplant.
Ihren ersten Auftritt hatte Clementine 2012 als eine der Hauptfiguren in dem „The Walking Dead“-Computerspiel. Waldens Comic spielt chronologisch nach den Ereignissen in den Computerspielen. Einige kurze Rückblenden geben einen Einblick in ihr bisheriges Leben. Doch insgesamt erzählt Walden eine Geschichte, die problemlos ohne das Wissen über den Inhalt der Computerspiele und Clementines Leben gelesen werden kann.
Tillie Walden ist bekannt als Erzählerin queerer, teils autobiographischer und witziger Comics, wie „Piroutten“ und „Auf einem Sonnenstrahl“. Für ihre bisherigen Werke erhielt sie, oft mehrmals, den Ignatz Award, den Eisner-Award, den Los Angeles Times Book Prize, den Rudolph-Dirks-Award und den Luchs des Monats (vergeben von der „Zeit“ und Radio Bremen).
In „Clementine“ orientieren sich ihre Zeichnungen, im Gegensatz zu ihren früheren Werken, stärker an dem ins Detail gehenden Stil von „The Walking Dead“-Zeichner Charlie Adlard. Außerdem ist „The Walking Dead“-Colorist Cliff Rathburn auch bei ihr für die Grautöne zuständig. Das führt dazu, dass „Clementine“ wirklich wie ein „The Walking Dead“-Comic aussieht.
Ihre aus früheren Werke bekannten Themen kommen in „Clementine“ bestenfalls in homöopathischen Dosen vor. Insofern ist die sich stringent erzählte Survival-Story eine interessante Erweiterung ihres Œuvre. Für die Fans ihrer anderen Geschichten ist diese Fingerübung in einer von einem anderen Autor geschaffenen Welt allerdings nicht wirklich essenziell.
Das gesagt ist „Clementine“ eine spannende Zombie-Geschichte mit glaubwürdigen Figuren und Konflikten. Das liest sich sehr gut, kann aber nicht verhehlen, dass die einzelnen Elemente und Konflikte inzwischen sehr vertraut sind.
Die Verurteilten (The Shawshank Redemption, USA 1994)
Regie: Frank Darabont
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kann. Auch wenn „Der Pate“ und „Der Pate 2“ auf dem zweiten und vierten Platz stehen.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella
Drehbuch: Kit Hopkins, Thilo Röscheisen, Michael Bully Herbig
Durchaus spannender Thriller über die Flucht der Familien Strelzyk und Wetzel in einem selbstgebauten Ballon am 16. September 1979 aus der DDR in den Westen.
mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, Alicia von Rittberg, Thomas Kretschmann, Jonas Holdenrieder, Tilman Döbler, Ronald Kukulies, Emily Kusche, Till Patz, Ben Teichmann, Christian Näthe, Sebastian Hülk, Gernot Kunert, Ulirch Friedrich Brandhoff
TV-Premiere. Spielfilmlange Doku über Patrice Chéreau (2. November 1944 – 7. Oktober 2013). Er inszenierte Opern, u. a. 1976 bei den Wagner-Festspielen den „Ring der Nibelungen“, und Spielfilme, u. a. „Das Fleisch der Orchidee“ (sein Spielfilmdebüt), „Der verführte Mann“,„Die Bartholomäusnacht“ und „Intimacy“
Vor der Doku, um 23.00 Uhr, zeigt Arte sein Historiendrama „Die Bartholomäusnacht“.
Weiter geht’s mit James Bond. Wobei mit Daniel Craig der Tag und, teilweise, der Sender gewechselt wird. Die Wiederholung läuft nämlich am Freitag auf Pro7.
Sat.1, 20.15
James Bond 007: Casino Royale (Casino Royale, USA 2006)
Regie: Martin Campbell
Drehbuch: Paul Haggis, Neal Purvis, Robert Wade
LV: Ian Fleming: Casino Royale, 1953 (Casino Royale)
James Bond soll Le Chiffre, den Finanzier eines weltweiten Terrornetzwerkes, ausschalten.
Nach allgemeiner Einschätzung ist der einundzwanzigste James-Bond-Film (Offizielle Zählung) einer der fünf besten, vielleicht sogar – vor “Skyfall” – der beste Bond-Film. Niemand hatte mit dieser umfassenden Revitalisierung des Mythos James Bond für das neue Jahrhundert gerechnet.
Der erste Auftritt von Daniel Craig als Geheimagent ihrer Majestät ist ein spannender Thriller mit einem viel zu langen Ende. Denn nachdem Le Chiffre tot ist, ist der Film noch lange nicht zu Ende.
Mexiko, 1913: Zwei Verbrecher, einer davon ist ein Sprengstoffexperte, werden während des Bürgerkriegs zu Helden wider Willen und jagen einiges in die Luft.
Der weitgehend unbeachtete (und ungeliebte) Mittelteil von Leones Amerika-Trilogie, die mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ begann und mit „Es war einmal in Amerika“ endete, bietet in erster Linie rauhe Unterhaltung mit einem starken Schuss Comedy.
mit Rod Steiger, James Coburn, Romolo Valli, Maria Monti, Rik Battaglia
Neben dem SF-Kriegsfilm „The Creator“ (tolle Bilder, maue Story) laufen diese Woche auch eine Komödie („Das Nonnenrennen“), ein Horrorfilm („Speak no evil“) und zwei auf Tatsachen basierende Wohlfühldramen („Rose“ und „Wochenendrebellen“) an. Beginnen wir mit der leichtesten Kost: „Das Nonnenrennen“.
Nonnen auf Fahrrädern sind schon einmal ein ziemlich sicherer Lacher. In „Das Nonnenrennen“ setzten sie sich auf die Fahrräder, um ein Fahrradrennen zu gewinnen. Mit dem Gewinn wollen sie ein heruntergekommenes Altersheim sanieren. Für eine Komödie ist das eine durchaus tragfähige Prämisse, aus der dann wenig bis nichts gemacht wird.
„Das Nonnenrennen“ ist eine ziemlich lahme Komödie mit etwas Slapstick, altbackenen Witzen und viel Leerlauf.
Das ist Klamauk aus einer anderen Zeit, der irgendwann im Nachmittagsprogramm versendet und gesehen wurde, wenn gerade nicht schon wieder „Das fliegende Klassenzimmer“ (ich rede von der 1973er Version) oder ein Heinz-Erhardt-Film im Fernsehen lief.
Das Nonnenrennen(Juste ciel !, Frankreich 2022)
Regie: Laurent Tirard
Drehbuch: Cécile Larripa, Philippe Pinel, Laurent Tirard
mit Valérie Bonneton, Camille Chamoux, Claire Nadeau, Guilaine Londez, Sidse Babett Knudsen, Louise Malek, François Morel, Jean-Michel Lahmi
Horrorfilme müssen sich nicht um kreischende Teenager, die vor oder nach dem ersten Sex vor messerschwingenden Schlitzern davonlaufen, oder um Mütter, die ihr Baby für den Teufel halten, drehen. In „Speak no evil“ steht ein Ehepaar im Mittelpunkt. Bjørn und Louise besuchen in Holland ihre Urlaubsbekanntschaft. Dummerweise entpuppt sich das im Urlaub so nette Paar mit ihrem stillen Kind als gar nicht so nett.
Christian Tafdruf dreht in seinem dritten Spielfilm (nach „Eltern“ und „Eine schreckliche Frau“) langsam an der Spannungsschraube und es macht Spaß, wie aus kleinen Irritationen über Missverständnisse und Unhöflichkeiten etwas anderes wird. Dabei erweisen sich die Gäste als überaus höfllich, geduldig und fügsam. Bis…nein, das wird jetzt nicht verraten.
Nächstes Jahr soll ein US-Remake in die Kinos kommen. Von Blumhouse produziert, von James Watkins inszeniert und mit James McAvoy und Mackenzie Davis in den Hauptrollen.
Speak no evil(Gæsterne, Dänemark/Niederlande 2022)
Regie: Christian Tafdrup
Drehbuch: Christian Tafdrup, Mads Tafdrup
mit Morten Burian, Sidsel Siem Koch, Fedja van Huêt, Karina Smulders
Nach zwei erfundenen Geschichten, haben wir uns zwei wahre Geschichten verdient. „Rose“ spielt in den Neunzigern und erzählt von einer Busreise von Dänemark nach Paris. Ein Problem für die Mitreisenden ist Inger. Vor zwanzig Jahren war sie längere Zeit in Paris. Danach erkrankte sie psychisch. Heute, also im Herbst 1997, lebt sie in einer Psychiatrie, die sie nicht verlassen möchte. Ingers Schwester und ihr Mann möchten ihr mit dieser Paris-Fahrt einen Gefallen tun und Erinnerung an eine glückliche Vergangenheit heraufbeschwören.
Während der Vorstellungsrunde im Bus eröffnet Inger den Mitreisenden, dass sie schizophren ist. Mit ihrem auffälligem Verhalten irritiert und verärgert sie zunächst die Mitreisenden.
Niels Arden Oplev („Worlds apart“, „Verblendung“) hat ein nettes Roadmovie gedreht, das zum gegenseitigen Verständnis aufruft. Sehr überzeugend ist Hauptdarstelleirn Sofie Gråbøl, die hier eine ganz andere Frau als in „Kommissarin Lund“ spielt.
In Skandinavien war das angenehm herbe Feelgood-Movie im Kino ein Überraschungserfolg.
Rose – Eine unvergessliche Reise nach Paris (Rose, Dänemark 2022)
Regie: Niels Arden Oplev
Drehbuch: Niels Arden Oplev
mit Sofie Gråbøl, Lene Maria Christensen, Anders W. Berthelsen, Søren Malling, Luca Reichardt Ben Coker, Peter Gantzler, Christiane G. Koch, Karen-Lise Mynster, Illyès Salah, Jean-Pierre Lorit
Ein Aufruf zum Verstehen ist auch „Wochenendrebellen“. Marc Rothemund erzählt die wahre Geschichte von dem zehnjährigen Jason (Cecilio Andresen) und seinem Vater Mirco (Florian David Fitz). Jason ist Asperger-Autist. Hochbegabt, aber sehr schwierig im Umgang. Als er hört, dass jeder Jugendliche einen Lieblings-Fußballverein hat, will er auch einen Lieblings-Fußballverein haben. Die Vorschläge seiner Eltern, nämlich einfach ihren Verein zu nehmen, lehnt er rundweg ab. Das könnte ja nicht der beste Verein sein. Deshalb will er jeden Verein in der ersten, zweiten und dritten Liga in Deutschland bei einem Heimspiel besuchen und nach vorher festgelegten Kriterien bewerten. Sein Vater, der die Dimension des Projekts zunächst nicht überblickt und mehr Zeit mit Jason verbringen will, ist einverstanden, dass sie gemeinsam die Fußballspiele von 56 Mannschaften besuchen.
„Wochenendrebellen“ ist ein okayer Feelgood-Mainstream-Film, der zu sehr an der Oberfläche bleibt. So gelingt es ihm nur in wenigen Sekunden zu vermitteln, wie Jason die Welt wahrnimmt (nämlich als ein einziges bedrohliches Chaos) und wie wichtig Sicherheit stiftende Routinen für ihn sind. Nie gelingt es ihm, erfahrbar zu machen, warum Fußball für so viele Menschen so wichtig ist und warum Jason sich immer wieder in diese chaotische Welt begibt. Da wäre mehr, viel mehr möglich gewesen.
Wochenendrebellen(Deutschland 2023)
Regie: Marc Rothemund
Drehbuch: Richard Kropf
LV: Mirco von Juterczenka, Jason von Juterczenka: Wir Wochenendrebellen – Wie ein autistischer Junge und sein Vater über den Fußball zum Glück finden, 2017
mit Florian David Fitz, Cecilio Andresen, Aylin Tezel, Florina Siegel, Joachim Król, Petra Marie Cammin, Milena Dreissig, Leslie Malton, Tilo Nest, Michaela Wiebisch
James Bond 007: Stirb an einem anderen Tag (Die another day, USA/Großbritannien 2002)
Regie: Lee Tamahori
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade
LV: Charakter von Ian Fleming
Buch zum Film: Raymond Benson: Die Another Day, 2002
Nachdem James Bond kurzzeitig von M gefeuert wird, darf er wieder die Welt retten. Aktuelle Schauplätze sind Nordkorea, Hongkong, Kuba, London und Island.
Vierter und letzter Bond-Film mit Pierce Brosnan, der sich nicht sonderlich von den vorherigen unterscheidet: kurzweiliges Popcornkino für die ganze Familie.
Mit Pierce Brosnan, Halle Berry, Rick Yune, Judi Dench, John Cleese, Toby Stephens, Michael Madsen, Rosamund Pike, Michael G. Wilson, Madonna
Am Ende des Jahres könnte Gareth Edwards‘ „The Creator“ wirklich der beste Science-Fiction-Film des Jahres sein. Das liegt dann weniger an den unbestrittenen Qualitäten des Actionfilms, sondern an der sehr schwachen Konkurrenz, die vor allem aus weitgehend überflüssigen Superheldenfilmen besteht.
Während sich die Superheldenfilmen gerade in Multiversen und nicht mehr nachvollziehbaren „Phasen“ verirren, ist sein Film ein Einzelfilm. „The Creator“ ist und will kein Auftakt einer „Trilogie“ sein. Edwards‘ Actionfilm basiert, wie die Filme von Christopher Nolan, auf einem Originaldrehbuch. Es gibt keine Superhelden. Eine Fortsetzung ist nicht geplant. Sie wäre nach dem Ende auch nur schwer möglich.
In „The Creator“ gibt es nur Soldaten, die in einem Kampf zwischen Künstlicher Intelligenz und Menschheit (jedenfalls eines Teils der Menschheit) verwickelt sind.
In der Zukunft ist, nachdem Künstliche Intelligenz in Los Angeles eine Atombombe zündete, die Welt in zwei Machtsphären geteilt. Der ‚Westen‘ bannte KI-Anwendungen. In ‚Asien‘ bzw. dem ‚Osten‘ wurde dagegen weiter geforscht. Dort hat es jetzt auch den Durchbruch zu einer wirklich intelligenten KI gegeben. Der MacGuffin des Films ist eine Superwaffe, die die Welt vernichten und den Krieg zwischen Menschen und KI beenden kann.
Joshua Taylor (John David Washington), der vor fünf Jahren in ‚Asien‘ bei einem Undercover-Einsatz, der schiefging, seine Frau Maya (Gemma Chan) verlor, soll jetzt wieder nach ‚Asien‘ fliegen und mit einem von Colonel Jean Howell (Allison Janney) angeführtem Special-Forces-Kommando die KI finden und vernichten. Joshua, der seit Mayas Tod nicht mehr Soldat ist, wird mit dem Hinweis geködert, dass Maya noch am Leben sei.
Rücksichtslos dringen sie in das Feindesland vor. Als sie die KI finden, sind sie überrascht. Es handelt sich nicht um einen großen stationären Computer, sondern um die sechsjährige Alphie (Madeleine Yuna Voyles). In dem Moment ist erst ein Viertel des zweistündigen Films um. Die Entdeckung der KI-Superwaffe markiert nicht das Ende des Films, sondern das Ende des ersten Akts. Danach beginnt ein etwas anderer Film. Etwas, weil „The Creator“ ein Science-Fiction-Kriegsfilm ist und er das bleibt. Die US-Militäreinheit, die bis dahin äußest rücksichtslos gegen die Einheimischen vorging, ändert ihr Vorgehen nicht. Sie verfolgen weiterhin stur ihren Auftrag. Hindernisse werden mit mehr oder weniger viel Gewalt eliminiert. Die sie bekämpfenden KI-Soldaten schießen ähnlich rücksichtslos zurück. Die zwischen den beiden Fronten stehenden Reisbauern beobachten weiterhin sprachlos das Geschehen.
Für Joshua ändert sich allerdings einiges. Er wird zum Vaterersatz für Alphie und er hofft, dass Alphie ihm bei der Suche nach Maya helfen kann. Gemeinsam reisen sie durch das Kriegsgebiet, das weniger wie ein zukünftiges, sondern viel mehr wie ein vergangenes Kriegsgebiet aussieht. Gedreht wurde an achtzig verschiedenen Orten in Thailand, Vietnam, Kambodscha, Nepal, Indonesien, Japan, Los Angeles und in London in den Pinewood Studios. Die Bilder, die Edwards und seine Kameramänner Greig Fraser (zuletzt „Dune“ und „The Batman“) und Oren Soffer finden, könnten aus einem Film über den Vietnamkrieg stammen. Nur dass dieses Mal neben den vietnamesischen Bauern halbwegs menschenähnlich aussehende Roboter stehen. Einige in der Landschaft und Städten herumstehende Gebäude erinnern an die aus „Blade Runner“ bekannten Gebäude. Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker ist eines der Werke, das Edwards als Einfluss für seinen neuesten Film nennt. Die anderen Werke, die Edwards nennt, sind Joseph Conrads „Heart of Darkness“ (Herz der Finsternis), Coppols Verfilmung „Apocalypse Now“, „Akira“, den experimentellen Dokumentarfilm „Baraka“ und für die Beziehung zwischen Joshua und Alphie, „Rain Man“, „The Hit“, „E. T. – Der Außerirdische“ und „Paper Moon“. Diese Vorbilder sind für cineastisch gebildete Menschen einfach zu erkennen. Deshalb haben sie auch immer das Gefühl, dass „The Creator“ in erster Linie bekannte Versatzstücke neu anordnet.
Die Geschichte ist ein Remake, eine Variation, von seinem vorherigen Film „Rogue One“. Nur dass dieses Mal die Rebellen nicht die Pläne für den Todesstern aus den Händen des Imperiums klauen müssen, sondern dass sie eine Künstliche Intelligenz, die sie alle vernichten könnte, finden müssen.
Die Zuschreibung wer die Guten und wer die Bösen sind, erfolgt im Drehbuch. Im Film wird das nicht erklärt. In „Star Wars“ sind die Rebellen die Guten, weil sie die Guten sind. In „The Creator“ ist es auf den ersten Blick etwas komplizierter. Anfangs sind die Fronten klar. Auf der einen Seite steht die böse Künstliche Intelligenz, die eine gesamte Millionenstadt ausradiert. Auf der anderen Seite stehen die guten Soldaten, die weiteres Unglück verhindern wollen. Wenn sich die Geschichte nach Asien verlagert und die Ikonographie des Vietnam-Kriegsfilms heraufbeschworen wird, ahnen wir schon, dass die Guten nicht unbedingt die Guten sind. Sie gehen rücksichtslos vor. Es ist eine Töten-und-Vernichten-Mission, bei der keine Gefangenen gemacht werden.
Wobei die asiatischen KI-Soldaten ähnlich rücksichtslos vorgehen. Über die Gesellschaft im ‚Westen‘ und in ‚Asien‘ erfahren wir nichts. Wobei ‚Asien‘ mit seinen ständigen Kontrollen und der dauerpräsenten Polizei wie eine Diktatur aussieht.
Der Wandel von Joshua vom Kämpfer gegen die KI zum Kämpfer für die KI (das überrascht doch jetzt wirklich niemanden) erfolgt dann vor allem über das Aussehen der KI-Superwaffe. Sie sieht wie ein Kind aus. Warum das so ist, wird nicht erklärt. Aber echte Soldaten töten keine Kinder. Außerdem könnte das KI-Kind Alphie sein Kind sein. Denn als seine Frau vor fünf Jahren durch einen Angriff der westlichen Soldaten starb, war sie schwanger.
Aber einen rational nachvollziehbaren Grund, warum Joshua die Seiten wechselt und warum die KI besser ist, wird nicht geliefert. Es bleibt eine Behauptung in einer arg vorhersehbaren Geschichte, die niemals eine wirklich schlüssige Zukunft erfindet. Es sind gut aussehende Versatzstücke aus anderen Welten. Knapp gesagt ist „The Creator“ ein Verschnitt aus „Apocalypse Now“, „Blade Runner“ und „Rogue One“.
Die Action ist wuchtig inszeniert und die dreckigen Kriegsfilmbilder überzeugen. Wahrscheinlich gibt es kein einziges Bild im Film, das nicht am Computer nachbearbeitet wurde. Doch die Arbeit wurde kompetent durchgeführt. Hier sieht, im Gegensatz zu den schrottigen CGI-Effekten in „The Expendables 4“, alles echt aus.
The Creator(The Creator, USA 2023)
Regie: Gareth Edwards
Drehbuch: Gareth Edwards, Chris Weitz (nach einer Geschichte von Gareth Edwards)
mit John David Washington, Gemma Chan, Ken Watanabe, Sturgill Simpson, Madeleine Yuna Voyles, Allison Janney, Ralph Ineson
Die Magnetischen (Les magnétiques, Frankreich/Deutschland 2021)
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona, Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon, Catherine Paillé
Frankreich, 1981: die ungleichen Brüder Jerôme und Philippe betreiben in der Provinz einen Piratensender. Als sich beide in Marianne verlieben und Philippe als Soldat nach West-Berlin muss, verändert sich auch ihr Verhältnis zueinander.
TV-Premiere. Wunderschöne, erstaunlich unpolitische Charakterstudie, die am besten als gelungenes Mixtape genossen wird. Bei Älteren wird sie wohlige Erinnerungen heraufbeschwören. Jüngeren gibt sie einen Einblick in eine noch gar nicht so lange zurück liegende, aber ganz andere Zeit.
Indiekino über „Die Magnetischen“ (Zeitzeuge Tom Dorow über den Film und wie politisch es damals zwischen Hausbesetzung, Straßenprotest und Clubbesuch in Berlin war)
„Das Ende des Punisher“ ist auch das Ende der von Jason Aaron erfundenen, auf zwölf Hefte angelegten „Punisher“-Geschichte, die kurz nach ihrem Erscheinen in den USA vollständig auf Deutsch vorliegt.
In dieser Geschichte ist der Punisher Frank Castle in den Fängen der Ninjas vom mystischen Clan der Hand. Inzwischen ist er zu deren Anführer aufgestiegen. Er und die Ninjas morden weltweit Bösewichter. Währenddessen versuchen Superhelden wie Captain America, Black Widow, Dr. Strange, Wolverine und Moon Knight, Castle von seinem Rachefeldzug an allen Verbrechern abzuhalten.
Und wir fragen uns, ob Castle sozusagen undercover die Hand unterwandert, um sie später zu vernichten, ober ob er von der Hohepriesterin der Hand manipuliert wird mit seiner wieder zum Leben erweckten Frau und falschen Erinnerungen an seine Jugend und dem Mord seiner Familie während eines Picknicks im Central Park. Sie waren die Zufallsopfer eines Mafiamordes. Dieser Mord an Castles Frau und seinen beiden Kindern ist der Gründungsmythos des Punishers. An dem Tag wurde aus dem Vietnam-Veteran Frank Castle der Punisher, der zunächst alle die Menschen, die für den Tod seiner Familie verantwortlich waren, tötete. Danach mordete er nach der „Nur ein toter Verbrecher ist ein akzeptabler Verbrecher“-Methode weiter. Selbstjustiz in Reinkultur eben.
Jason Aaron und die Zeichner Paul Azaceta und Jesús Saiz erzählen ihrer zwölfteiligen „Punisher“-Geschichte in jedem Fall eine untypische „Punisher“-Geschichte. Dieses Mal geht es nicht um einen banalen Rachefeldzug, in dem Bösewichter wie Unkraut vernichtet werden. Dieses Mal wird der Punisher manipuliert und er befindet sich, aus etwas rätselhaften Gründen, in den Fängen eines mächtigen Clans. Es geht daher auch darum, wie Menschen sich manipulieren lassen oder manipuliert werden, bestimmte Dinge zu tun.
Gleichzeitig, und das ist während des Lesens eine weitere Möglichkeit, könnte sich die gesamte Geschichte im Kopf von Frank Castle abspielen.
Das ändert aber nichts daran, dass Aarons „Punisher“-Geschichte als Neudefinition des Punishers nicht überzeugt. Er macht aus einem emotionslosem Rächer ohne Bindungen einen weinerlichen, von seiner toten (?) Frau abhängigen Auftragskiller.
Immerhin findet Jason Aaron am Ende einen, wenn auch merkwürdigen, Ausgang aus der Sackgasse, in der er den Punisher vorher hineinschrieb.
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Jason Aaron/Paul Azaceta/Jesús Saiz: Punisher – Das Ende des Punishers
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2023
140 Seiten
17 Euro
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Originalausgabe/enthält:
The King of Killers, Book 2, Chapter 3: If it be the will of the beast – Punisher (2022) 9, Marvel, März 2023
The King of Killers, Book 2, Chapter 4: Bride of the Punisher – Punisher (2022) 10, Marvel, Mai 2023
The King of Killers, Book 2, Chapter 5: A day in the park – Punisher (2022) 11, Marvel, Juni 2023
The King of Killers, Epilogue: Punisher no more – Punisher (2022) 12, Marvel, Juli 2023
Vergleichendes Gucken: Bevor am Freitag, den Freitag, den 6. Oktober, der BR um 22.50 Uhr das Original „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ (USA 1973, Regie: Joseph Sargent, mit Walter Matthau) wieder zeigt, kann heute das Remake angesehen werden:
Nitro, 20.15
Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (The Taking of Pelham 123, USA 2009)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Brian Helgeland
LV: John Godey: The Taking of Pelham One Two Three, 1973 (Abfahrt Pelham 1 Uhr 23)
In New York nehmen Gangster die Passagiere einer U-Bahn als Geisel. Sie fordern binnen einer Stunde 10 Millionen Dollar Lösegeld. Ein Fahrdienstleiter beginnt mit den Verhandlungen.
Für das Update des 1973er Thriller-Klassikers „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ von Joseph Sargent, nach einem Drehbuch von Peter Stone, mit Walter Matthau, Robert Shaw und Martin Balsam musste Brian Helgeland nicht viel tun. Denn Romanautor John Godey hat sich eine ebenso einfach, wie spektakuläre Story ausgedacht. Da musste Brian Helgeland nur der Story folgen und aus den vielen im Buch auftretenden Charakteren (die so auch ein Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in den frühen Siebzigern entstehen lassen) die für einen Film wichtigen auswählen. Tony Scott bebilderte dann das ganze mit einer für seine Verhältnisse angenehm zurückhaltenden Regie.
Aber während die 1973er-Version immer noch thrillt, bedient Scott einfach nur ziemlich glatt und damit auch vorhersehbar-langweilig die Spannungsmachinerie. Es ist nicht wirklich Falsches in „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“, aber auch nichts, was zum wiederholten Ansehen reizt.
mit Denzel Washington, John Travolta, Luis Guzmán, John Turturro, James Gandolfini
William Peter Blattys „Der Exorzist“ (hier das Cover der Erstausgabe) ist ein immer noch lesenswerter, spannender Horrorthriller. 1973 wurde er von William Friedkin verfilmt. Und der Rest ist Filmgeschichte.
Am 5. Oktober kommt mit „Der Exorzist: Bekenntnis“ (Regie: David Gordon Green), so die Ankündigung, eine Fortsetzung von Friedkins Film und der Auftakt einer Trilogie in die Kinos.