Neu im Kino/Filmkritik: Jetzt gesungen: „Die Farbe Lila“

Februar 9, 2024

Nach dem Roman, der den Pulitzer Preis und den National Book Award erhielt und inzwischen zum Kanon der US-Literatur gehört, Steven Spielbergs erfolgreicher Verfilmung 1985 und dem ebenfalls erfolgreichem Broadway-Musical, das 2005 seine Premiere hatte, dürfte die von Alice Walker in ihrem Briefroman „Die Farbe Lila“ aufgeschriebene Geschichte von Celie Harris Johnson und ihrer Schwester Nettie bekannt sein. Es ist eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und ein breites Panorama afroamerikanischen Lebens in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aus weiblicher Sicht entwirft. Und jetzt gibt es eine neue Verfilmung, die auf dem Musical von Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray und Marsha Norman basiert. Das und wie Regisseur Blitz Bazawule („The Burial of Kojo“, Co-Regie bei Beyonces „Black is King“) die bekannte Geschichte erzählt, macht seine Verfilmung von der ersten Minute an zu einem eigenständigen Werk.

Der Film beginnt 1909 an der Küste von Georgia mit der ersten Begegnung von Celie, Nettie und Mister. Der Musiker wird kurz darauf Celies Mann. Und Celie merkt schnell, dass sie von der einen gewalttätigen Beziehung in die nächste gewalttätige Beziehung gekommen ist. Mister schlägt und unterdrückt sie. Aber er kann auch, wie bei ihrer ersten Begegnung, charmant sein.

Ihre Schwester, die kurz bei ihnen unterkommt, wird nach einem Streit von Mister vom Hof gejagt. Danach trennen sich die Wege der beiden Schwestern und Celie hört über Jahrzehnte nichts mehr von ihr, weil Mister Netties Briefe vor ihr versteckt.

Dafür begegnet Celie der freigeistigen und erfolgreichen Jazz-Sängerin Shug Avery. Sie ist Misters große Liebe und als sie bei ihnen auftaucht, degradiert er Celie sofort zur Haushälterin. Aber Shug und Celie verlieben sich ineinander und sie wird zur zweiten wichtigen Frau in ihrem Leben.

Spielberg zeigte in seiner vor vierzig Jahren entstandenen Verfilmung, was damals im Rahmen eines Big-Budget-Mainstream-Films möglich war und was nicht.

Blitz Bazawule zeigt in seinem Film, was heute in einem Film mit fast ausschließlich schwarzen Schauspielern (so gibt es in einer kleinen Rolle eine böse weiße Frau) möglich ist. Dabei sind die Gesangsnummern das größte Problem des Films. Sie feiern die afroamerikanische Kultur. Sie sind mitreißend inszeniert. Sie sind äußerst lebendig, fröhlich und lebensbejahend. Sie sind genau die Gesangs- und Tanznummern, die wir in einem Broadway-Musical und einem Filmmusical erwarten. Dummerweise bestätigen sie in diesem Fall auch jedes Klischee, mit dem Schwarze seit Jahrhunderten zu kämpfen haben und die Spike Lee in seiner grandiosen Satire „It’s Showtime“ (Bamboozled, 2000) so treffend zeigte.

Zwischen den Gesangsnummern erzählt Bazawule kraftvoll und mit durchgehend lebensbejahend-optimistischem Grundton die sich über fast vierzig Jahre erstreckende Geschichte von Celie. Es sind Episoden aus dem Leben einer sich langsam von den Konventionen emanzipierenden Frau. Die wichtigste Konvention ist dabei, dass eine Frau einem Mann dienstbar zu sein hat und dass er unumschränkt über sie herrscht. Es geht auch um Rassenkonflikte, die Unterdrückung durch Weiße und wie sich schwarzes Leben in eigenen Gemeinschaften organisierte. Das tut Bazawule in ausgewählt schönen Bildern. Und weil er viel zu erzählen hat, wird es nie langweilig.

Die Farbe Lila (The Color Purple, USA 2023)

Regie: Blitz Bazawule

Drehbuch: Marcus Gardley

LV (Roman): Alice Walker: The Color Purple,1982 (Die Farbe Lila)

LV (Musical): Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray, Marsha Norman: The Color Purple, 2005

mit Fantasia Barrino, Taraji P. Henson, Halle Bailey, Elizabeth Marvel, Danielle Brooks, Aunjanue Ellis, Colman Domingo, Louis Gossett Jr., Corey Hawkins, Stephen Hill, Jon Batiste

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Die Farbe Lila“

Metacritic über „Die Farbe Lila“

Rotten Tomatoes über „Die Farbe Lila“

Wikipedia über „Die Farbe Lila“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. Februar: Der gute Bulle: Heaven can wait

Februar 8, 2024

Arte, 20.15

Der gute Bulle: Heaven can wait (Deutschland 2024)

Regie: Lars Becker

Drehbuch: Lars Becker

TV-Premiere. Vierter Einsatz des ‚guten Bullen‘: Hauptkommissar Fredo Schulz (Armin Rohde) hat Krebs und, ohne Behandlung, nur noch drei Monate zu leben. Anstatt ins Krankenhaus zu gehen, stürzt er sich in seinen nächsten Fall. Ein Sicherheitsmann wurde vor einem Wohnblock erschossen. Bei seinen Ermittlungen trifft Fredo auf alte Bekannte und wird in einen Clankrieg verwickelt.

Wahrscheinlich (ich habe den Krimi noch nicht gesehen) gewohnt gute und kurzweilige Unterhaltung von Lars Becker.

mit Armin Rohde, Sabin Tambrea, Johann von Bülow, Nele Kiper, Sabrina Amali, Husam Chadat, Yasmina Djaballah, Mo Issa, Anica Dobra

Hinweise

Arte über den Film

Wikipedia über Lars Becker

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Der Horror: „Night Swim“ im eigenen Swimminpool

Februar 8, 2024

Neue Stadt, neues Glück: die Wallers ziehen in ein Haus mit einem Swimmingpool. Eve hat eine Arbeit als Leiterin einer Sonderschule. Ihre Kinder, die 15-jährige Izzy und der zwölfjährige Elliott, freuen sich auf ihre neuen Klassenkameraden. Und Ehemann Ray kann sich erholen. Der ehemalige Baseballprofi musste sich vom Profisport zurückziehen. Er hat Multiple Sklerose im Anfangsstadium. Sein Arzt meint, schwimmen könne helfen.

Aber in dem Pool lauert etwas Böses, das eine nächtliche Runde im Pool zu einer furchteinflößenden, manchmal sogar tödlichen Angelegenheit macht.

Anstatt jetzt einen großen Bogen um das Schwimmbecken zu machen, gehen die Wallers tags und nachts in das Becken, planschen, schwimmen und ängstigen sich.

Die Wallers veranstalten auch eine zünftige Einstandsparty, bei der ihre Gäste selbstverständlich auch in das Becken steigen dürfen und gar schreckliches passiert.

Das passiert wohl, wenn man aus einem vierminütigem Kurzfilm (inclusiv einer Minute für den Abspann) einen Spielfilm macht. Bei dem gelungenem Kurzfilm genügt eine Situation: eine Frau schwimmt in der Nacht in einem beleuchteten Pool. Sie glaubt, jemand am Beckenrand zu sehen. Als sie das Gesicht des Fremden sieht, verschwindet sie spurlos im Wasser. Der Film beschränkt sich auf Suspense und Horror. Ohne auch nur den Ansatz einer Erklärung. Bei einem Spielfilm muss es dann eine Erklärung für das Monster im Pool geben. Diese erfolgt ziemlich spät im Film holterdipolter und wird anschließend noch nicht einmal schlüssig umgesetzt.

Night Swim“ ist ein lahmer Horrorfilm ohne besondere Überraschungen. Immerhin sieht der in der Nacht beleuchtete Swimmingpool fast wie ein Edward-Hopper-Gemälde aus und die Suspense-Momente funktionieren. Solange man sie nur als isolierte Suspense-Momente betrachtet.

Am Ende fragte ich mich, warum Blumhouse nicht einfach einige gute Horror-Kurzfilme zusammenstellt und als Compilation ins Kino bringt. Sicher, das würde an der Kinokasse wahrscheinlich weniger Geld einspielen als der jetzt aus dem Kurzfilm entstandene Spielfilm. In den USA hat „Night Swim“ bis jetzt fast 30 Millionen und global fast 44 Millionen US-Dollar eingespielt. Bei einem Budget von 15 Millionen Dollar ist das ein gutes Geschäft. Allerdings würde die Kurzfilm-Compilation auch weniger kosten und die einzelnen Kurzfilme wären spannender als die Spielfilmversionen.

Night Swim (Night Swim, USA 2024)

Regie: Bryce McGuire

Drehbuch: Bryce McGuire (basierend auf dem gleichnamigem Kurzfilm von Rod Blackhurst und Bryce McGuire)

mit Wyatt Russell, Kerry Condon, Amélie Hoeferle, Gavin Warren, Nancy Lenehan, Jodi Long, Elijah R. Roberts

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Night Swim“

Metacritic über „Night Swim“

Rotten Tomatoes über „Night Swim“ 

Wikipedia über „Night Swim“ (deutsch, englisch)

Der Kurzfilm


Neu im Kino/Filmkritik: Über Andrew Haighs sensibles Drama „All of us strangers“

Februar 8, 2024

Es ist ziemlich schnell offensichtlich, wie die einzelnen Elemente der Geschichte zusammenhängen und es gibt eigentlich keine großen Geheimnisse oder Überraschungen in dem Film. Und es ist eigentlich nicht möglich, etwas über den Film zu schreiben, ohne einiges zu verraten: deshalb gibt es jetzt, auch wenn ich nicht das Ende verrate, eine Spoilerwarnung und den Hinweis, dass man sich Andrew Haighs Drama „All of us strangers“ unbedingt im Kino ansehen sollte. Es ist zwar ein Kammerspiel. Aber eines, bei dem gerade die kleinen Details in den Gesichtern der Schauspieler zählen.

Ich wollte meine eigene Vergangenheit aufarbeiten, so wie es Adam im Film tut. Ich war daran interessiert, die Komplexität von familiärer und romantischer Liebe zu erforschen, aber auch die besonderen Erfahrungen einer bestimmten Generation von Schwulen, die in den 80er-Jahren aufgewachsen sind. Ich wollte mich von der traditionellen Geistergeschichte des Romans entfernen und etwas mehr Psychologisches, fast Metaphysisches herausarbeiten.“

Andrew Haigh (Regie, Drehbuch)

Der 45-jährige Adam (Andrew Scott) lebt alleine und einsam in London in einem verlassenen Hochhaus. Der einzige andere Mieter ist der 28-jährige offen schwule Harry (Paul Mescal). Sie kommen ins Gespräch und beginnen eine Beziehung. Zur gleichen Zeit streift Adam durch die Gegend, in der er aufwuchs. Diese Streifzüge sind ein Teil seines neuen Projekts. Er schreibt ein Drehbuch über seine Kindheit.

Bei einem seiner Streifzüge begegnet er seinen Eltern, die sich über seine anschließenden Besuche freuen. Dummerweise starben sie bei einem Autounfall vor über dreißig Jahren, bei ihnen sieht noch alles so aus wie in den achtziger Jahren und auch sehen immer noch genauso aus wie damals.

In diesem Moment ist klar, dass zumindest dieser Teil von Andrew Haighs neuem Film kein Teil der normalen Realität ist. Unklar ist, ob die Begegnung mit seinen Eltern (Claire Foy, Jamie Bell) der Beginn einer die Regeln der Physik ignorierenden Fantasy-Geschichte ist oder ob sich zumindest dieser Teil des Films in Adams Kopf abspielt als ein fiktives Gespräch mit seinen Eltern über seine Homosexualität, wie sich die Wahrnahme von Homosexualität und das öffentliche Auftreten von Homosexuellen seit den achtziger Jahren veränderte. Denn, seinen wir ehrlich, ein nur von zwei Mietern bewohntes Hochhaus mitten in London wirkt schon auf den ersten Blick sehr fantastisch.

Haigh und sein Kameramann Jamie D. Ramsay („Living – Einmal wirklich leben“) verstärken mit ihrer eleganten Bildsprache, in der in fast jedem Bild Spiegel zu sehen sind, diesen Schwebezustand zwischen den verschiedenen Realitäts- und Bewusstseinsebenen. Sehr ruhig, fast schon meditativ, entfalten sie die Geschichte, die elegant zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie changiert. Dabei entsteht, auch dank der guten Schauspieler (wobei Andrew Scott hier eine besondere Erwähnung verdient), ein vielschichtiges Porträt eines einsamen Mannes, der versucht, den schon lange zurückliegenden Verlust seiner Eltern zu verarbeiten. Es ist eine intime, feinfühlig Trauerarbeit mit ungewissem Ausgang.

All of us strangers (All of us strangers, USA/Großbritannien 2023)

Regie: Andrew Haigh

Drehbuch: Andrew Haigh

LV: Taichi Yamada: Ijintachi to no natsu, 1987 (Sommer mit Fremden)

mit Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „All of us strangers“

Metacritic über „All of us strangers“

Rotten Tomatoes über „All of us strangers“

Wikipedia über „All of us strangers“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andrew Haighs „45 Years“ (45 Years, Großbritannien 2015)


TV-Tipp für den 8. Februar: Schachnovelle

Februar 7, 2024

RBB, 20.15

Schachnovelle (Deutschland 2021)

Regie: Philipp Stölzl

Drehbuch: Eldar Grigorian, Philipp Stölzl

LV: Stefan Zweig: Schachnovelle, 1942

Wien, 1938: die Gestapo steckt den Notar Josef Bartok in ein Hotelzimmer. Sie will von ihm die Zugangscodes zu zahlreichen Geheimkonten. Um der Folter zu widerstehen, beginnt Bartok gegen sich selbst Schach zu spielen.

Gut gespielte, konventionelle Literaturverfilmung, die die Vorlage massiv erweitert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, Rolf Lassgård, Andreas Lust, Samuel Finzi, Lukas Miko, Joel Basmann, Johannes Zeiler, Maresi Riegner, Luisa-Céline Gaffron, Moritz von Treuenfels

Wiederholung: Samstag, 10. Februar, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Schachnovelle“

Moviepilot über „Schachnovelle“

Wikipedia über „Schachnovelle“

Meine Besprechung von Philipp Stölzls „Der Medicus“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Philipp Stölzls „Ich war noch niemals in New York“ (Deutschland 2019)

Meine Besprechung von Philipp Stölzls „Schachnovelle“ (Deutschland 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: Sydney Sweeney ist „Reality“ Winner

Februar 7, 2024

Reality“ erzählt eine wahre Geschichte, aber trotzdem: Spoilerwarnung. Also massive Spoilerwarnung, weil ich davon ausgehe, dass die Fakten bekannt sind.

Zwischen „Wo die Lüge hinfällt“ (seit 18. Januar im Kino) und „Madame Web“ (ab 14. Februar) im Kino) können wir Sydney Sweeney in einem vollkommen anderen Film erleben. „Wo die Lüge hinfällt“ ist eine RomCom, in dem sie primär ihren ansehnlichen Körper vor fotogener australischer Kulisse präsentieren muss. In „Madame Web“ wird sie (den Film konnte ich noch nicht sehen) dies in einem Superheldenfilm wohl vor allem vor Greenscreens tun. In dem neuesten Film aus Sony’s Spider-Man Universe spielt sie ‚Spider-Woman‘ Julia Cornwall.

Eine ganz andere Heldin spielt sie in „Reality“, einer hochgelobten HBO-Films-Produktion, die 2023 auf der Berlinale ihre Premiere hatte. Sydney Sweeney spielt, sehr überzeugend, die titelgebende Reality Winner als eine unscheinbare Frau.

Die 1991 geborene Reality Winner (die heißt wirklich so) diente von 2010 bis 2016 in der United States Air Force. Danach ging sie als Übersetzerin zur Pluribus International Corporation. Die Firma arbeitet für die National Security Agency (NSA). Bei dieser Arbeit stieß sie auf einen NSA-Report über einen Versuch russischer Hacker, die US-Präsidentenwahl von 2016 (die Donald Trump gewann) zu beeinflussen. Sie gab den Bericht an die Website „The Intercept“ weiter. Noch vor der Veröffentlichung des Berichts wurde sie vom FBI verhaftet und 2018 zu einer fünf Jahre und drei Monate umfassenden Haftstrafe verurteilt. Es ist die bislang längste Strafe für die nicht autorisierte Weitergabe von staatlichen Informationen an die Medien.

Tina Satters Spielfilm „Reality“, der auf ihrem Theaterstück „Is This a Room“ basiert, stellt, minimal gestrafft, das erste Gespräch zwischen Reality und dem FBI nach. Es fand am 3. Juni 2017 in Augusta, Georgia, statt. Im Zentrum stehen die Gespräche zwischen Reality und den beiden FBI-Agenten Justin C. Garrick (Josh Hamilton) und R. Wallace Taylor (Marchánt Davis). Andere Agenten waren ebenfalls anwesend, aber vor allem mit der Sicherung des Geländes und dem Durchsuchen des Hauses beschäftigt. Die Grundlage für den Film war die von den Agenten während der Maßnahme angefertigte Tonaufnahme. Dabei – und das war später auch ein Vorwurf gegenüber den FBI-Agenten – ist lange Zeit unklar, was ihr genau vorgeworfen wird und sie wird nicht über ihre Rechte aufgeklärt. Vor allem am Anfang verwickeln die FBI-Agenten sie, fast schon unbeholfen, in harmlos wirkende Gespräche. Es geht um ihren Hund, Alltägliches und ihre Arbeit. Garrick, der das Gespräch führt, fragt sie immer wieder höflich, ob sie ihm helfen könne und ob sie ahne, warum sie hier seien. In den Momenten dachte ich immer: ‚Sei still. Verlang einen Anwalt. Auch wenn du nichts getan hast.‘. Aber Reality redet weiter, belastet sich dabei und gesteht im letzten Drittel des Films, wenn ihr die Beweise gezeigt werden, sogar die Tat.

Reality“ ist äußerst reduziertes und gelungenes Schauspielerkino. Der gesamte Film spielt vor und in Realitys kleinem Reihenhaus. In dem Haus sind sie vor allem in einem nicht benutzten und darum leer stehendem Nebenzimmer. In diesen Momenten lenkt nichts von den unbekannten, aber guten Schauspielern, ihrem Spiel und ihren Worten ab. Auch wenn sich im ersten Filmdrittel die Gespräche darauf konzentrieren, ob es in ihrem Haus mögliche Überraschungen, wie Tiere, versteckte Waffen und andere Personen, gibt, und bis kurz vor Schluss unklar ist, was Reality vorgeworfen wird, ist die Begegnung zwischen der Polizei und einer von der polizeilichen Maßnahme betroffenen Person spannend, weil es selten so einen präzisen Einblick in die Arbeit der Polizei gibt und selten die manipulativen Verhörtechniken der Polizei so offen gelegt werden. Dabei stellt sich durchgehend die Frage, ob sie bei einer nicht-weißen Person auch so höflich und rücksichtsvoll wären oder ob nicht gleich ein SWAT-Team das Haus demoliert hätte.

Die Beschränkung auf dieses eine Verhör, das anhand des FBI-Wortprotokolls nachinszeniert wird, führt dazu, dass der gesamte gesellschaftliche und politische Kontext, sofern er nicht im Verhör angesprochen wird, ausgeblendet wird. Dazu gehört auch die Frage, ob Reality Winners Geheimnisverrat gerechtfertigt war, und ob dafür eine so hohe Haftstrafe angemessen war.

Reality (Reality, USA 2023)

Regie: Tina Satter

Drehbuch: Tina Satter, James Paul Dallas (basierend auf ihrem Theaterstück „Is This a Room“)

mit Sydney Sweeney, Josh Hamilton, Marchánt Davis, Benny Elledge, John Way

Länge: 83 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Reality“

Metacritic über „Reality“

Rotten Tomatoes über „Reality“

Wikipedia über „Reality“ (deutsch, englisch) und Reality Winner (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 7. Februar: Who killed Marilyn?

Februar 6, 2024

Arte, 20.15

Who killed Marilyn? (Poupoupidou, Frankreich, 2011)

Regie: Gérald Hustache-Mathieu

Drehbuch: Gérald Hustache-Mathieu, Juliette Sales (Mitarbeit)

Jura: Der Krimi-Autor David Rousseau will herausfinden wer die Dorfschönheit und Wetterfee Candice Lecoeur ermordete.

Und weil Candice eine große Bewunderin von Marilyn Monroe war, gibt es in dieser gelungenen Krimikomödie auch zahlreiche Anspielungen auf MMs Leben.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jean-Paul Rouve, Sophie Quinton, Guillaume Gouix, Olivier Rabourdin, Clara Ponsot, Arsinée Khanjian, Eric Ruf

Wiederholung: Freitag, 9. Februar, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Who killed Marilyn?“

Wikipedia über „Who killed Marilyn?“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Gérald Hustache-Mathieus „Who killed Marilyn?“ (Poupoupidou, Frankreich, 2011)


Cover der Woche: Zweimal „Catwoman“ von Ed Brubaker

Februar 6, 2024

Besonders der zweite Band der dreibändigen Komplettausgabe von Ed Brubakers „Catwoman“-Run liegt mit über vierhundert Seiten schwer in der Hand. Es sind die großen, schweren Seiten eines großformatigen Comics.

Von August 2001 bis Januar 2005 machte Ed Brubaker, zunächst mit Darwyn Cooke, in grandiosen, jeweils mehr oder weniger viele Einzelhefte umfassenden Noir-Geschichten, die mehr oder weniger unabhängig voneinander gelesen werden können, aus ‚Catwoman‘ Selina Kyle eine Frau, die in Gotham City ihrer Gemeinde, dem Kriminalitätshotspot East End, etwas zurückgeben will. Und das bedeutet, gegen das lokale Verbrechen zu kämpfen. Das tut sie als versierte Einbrecherin und als ‚Sozialarbeiterin‘. Und sie hilft Freundinnen und Bekannten, die in Schwierigkeiten stecken.

Brubakers „Catwoman“-Geschichten sind eine fabelhafte Noir-Lektüre am Puls der Zeit. Den zweiten Sammelband halte ich für etwas gelungener als den dritten Sammelband. Das liegt aber hauptsächlich daran, dass Ed Brubakers „Catwoman“-Interpretation mit seinem mehrere Hefte umfassendem Beitrag zum Batman-Crossover-Event „War Games“ (Kriegsspiele) endet und diese „Catwoman“-Geschichte liest sich wie eine Geschichte, die aus der Hauptgeschichte herausgeschnitten und weggelegt wurde.

Ed Brubaker/Steven Grant/Cameron Stewart/Javier Pulido/Brad Rader: Catwoman (Band 2)

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Panini, 2022

412 Seiten

40 Euro

enthält

Catwoman # 10 – # 24

DC Comics, Oktober 2002 – Dezember 2003

Catwoman Secret Files and Origins 1

DC Comics, November 2002

Ed Brubaker/Paul Gulacy/Sean Phillips/Diego Olmos: Catwoman (Band 3)

(übersetzt von Andreas Kasprzak und Steve Kups)

Panini, 2022

316 Seiten

34 Euro

enthält

Catwoman # 25 – # 37

DC Comics, Januar 2004 – Januar 2005

Hinweise

Wikipedia über Catwoman (deutsch, englisch) und Ed Brubaker (deutsch, englisch)

Homepage von Ed Brubaker

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 6 – Unschuld“ (Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4, 2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito 2: Schlechter Einfluss“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Den Tod im Nacken (Band 1)“ (Fatale # 1 – 5, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Hollywood Babylon (Band 2)“ (Fatale # 6 – 10, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Westlich der Hölle (Band 3)“ (Fatale # 11 – 15, 2013)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Butch Guice/Mike Perkins‘ „Der Tod von Captain America (Band 2)“ (Captain America: The Burden of Dreams, Part 1 – 6 (# 31 – 36), 2007/2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Roberte De La Torre/Luke Ross“ „Der Tod von Captain America (Band 3)“ (Captain America: The Man who bought America, Part 1 – 6 (# 37 – 42), 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas „Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)“ (Gotham Central # 1 – 5 , 2003)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Im Fadenkreuz des Jokers (Band 3)“ (Gotham Central # 11 – 15)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Ed Brubakers „Gotham Central: Bullocks letzter Fall (Band 4)“ (Gotham Central # 16 – 22)

Meine Besprechung von Ed Brubakers „Batman/Joker: Der Mann, der lacht“ (Batman: The Man who laughs, 2005; Made of Wood, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Darwyn Cooke/Mike Allred/Cameron Stewarts „Catwoman – Band 1“ (Catwoman Vol. 1: Trail of the Catwoman, 2012)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Steve Epting/Mike Perkins‘ „Marvel-Must-Have: Captain America: Der Tod von Captain America“ (The Death of a Dream – Part 1 – Part 6 (Captain America (2005) 25-30), 2007)

Ed Brubaker in der Kriminalakte


Die Glauser-Nominierungen 2024

Februar 6, 2024

Das Syndikat, der Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, hat die Nominierungen für die diesjährigen Glauser-Preise (benannt nach Friedrich Glauser) veröffentlicht.

Die Preisverleihung ist am Samstag, den 18. Mai 2024, im Rahmen der Criminale in Hannover.

Nominiert sind:

Bester Roman

Vera Buck: Wolfskinder (Rowohlt Polaris)

Sabine Kunz: Die Saubermacherin (Gmeiner)

Elsemarie Maletzke: Agathes dunkler Garten (Schöffling & Co.)

Joachim B. Schmidt: Kalmann und der schlafende Berg (Diogenes)

Sven Stricker: Sörensen sieht Land (rororo)

Bester Debütroman

Andrea Bonetto: Abschied auf Italienisch (Droemer)

Oliver Juli: Das Gebot des Bösen (Emons)

Caroline Seibt: Gestohlenes Kind (dp Digital Publishers)

Bester Kurzkrimi

Franziska Henze: Grenzerfahrung. In: Tatort Nord 2 – Urlaubskrimis von Helgoland bis Usedom (HarperCollins)

Rita M. Janaczek: Gabriel und die Frau in Schwarz. In: Gabriel und die Frau in Schwarz (Machandel)

Christian Kuhn alias Fynn Jacob: Pakjesavond, Tatort: Amsterdam. In: Tatort Weihnachten – Weihnachtskrimis mit Rezepten (Penguin Random House)

Sunil Mann: Old School. In: MordsSchweiz 2 (Gmeiner)

Roland Spranger: Malaise. In: Jugendstil und Heinerblut – Kriminelle Geschichten aus Darmstadt (KBV)

Bester Jugendkrimi

Monika Feth: Und du wirst lächelnd sterben (cbj)

Colin Hadler: Exilium (Planet!)

Ursula Poznanski: Oracle (Loewe)

Ehren-Glauser

Paul Ott


TV-Tipp für den 6. Februar: Es war Nacht in Rom

Februar 5, 2024

HR, 00.15

Es war Nacht in Rom (Era notte a Roma, Frankreich/Italien 1960)

Regie: Roberto Rossellini

Drehbuch: Sergio Amidei, Diego Fabbri, Brunello Rondi, Roberto Rossellini, Mario Del Papa (Englische Dialoge) (nach einer Geschichte von Sergio Amidei)

Während des Zweiten Weltkriegs in Rom: Esperia, taffe Schwarmarkthändlerin und verlobte Teilzeit-Widerstandskämpferin, nimmt drei alliierte, sich auf der Flucht befindende Soldaten, bei sich auf. Sie versteckt sie auf dem Speicher. Zunächst nur für eine Nacht.

Ein humanistischer Kriegsfilm, der immer wie eine Komödie wirkt, die nicht auf Lacher, sondern auf ein Gefühl von wärmender Heimeligkeit setzt. Da sind die mordenden Deutschen plötzlich gar nicht mehr so schlimm, es wird laut Weihnachten gefeiert und Esperia darf ausgiebig die wutschnaubende italienische Mamma mit dem Herz aus Gold geben.

Die bekanntesten Filme des Neorealisten Roberto Rossellini sind „Rom, offene Stadt“, „Deutschland im Jahre Null“ und „Stromboli“.

mit Leo Genn, Giovanna Ralli, Sergej Bondartchoux, Hannes Messemer, Peter Baldwin, Renato Salvatori, Paolo Stoppa

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Es war Nacht in Rom“

Wikipedia über „Es war Nacht in Rom“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: Visuell überwältigend: „Deep Sea“

Februar 5, 2024

Shenxiu ist immer noch todtraurig darüber, dass ihre Mutter sie verlassen hat und nichts mehr von ihr wissen will. Ihr Vater hat inzwischen eine neue Frau. Mit ihr, Shenxiu und ihrem kleinen Bruder unternmmt er eine Kreuzfahrt – und verbringt dabei seine Zeit am liebsten mit seiner Frau und seinem Sohn. Shenxiu darf in der Zwischenzeit das Schiff alleine erkunden.

Bei einem Sturm geht Shenxiu über Bord – und erwacht in einer Traumwelt, in der es fantastische Wesen und ein Tiefsee-Restaurant mit seltsamem Personal und einem nervigen Chef gibt. In dieser Welt begibt sie sich, mit dem Restaurantchef, auf die Suche nach ihrer Mutter. Dabei ist die Unterwasserwelt untrennbar mit der realen Welt verwoben. Wie in der Realität muss sich Shenxiu auch im Traum mit ihrem Schmerz über den Verlust ihrer Mutter auseinandersetzen.

Diese Prämisse erinnert an Hayao Miyazakis vor wenigen Tagen im Kino angelaufenem Animationsfilm „Der Junge und der Reiher“. Auch dort musste ein Kind den Verlust seiner Mutter verarbeiten und tauchte dabei in eine andere Welt ein.

Im Gegensatz zu Miyazakis Film ist Tian Xiaopengs in sieben Jahren Arbeit entstandener Trickfilm weniger gelungen. Sein Film ist ein visuell überwältigender Animationsfilm voller Ideen und mit einer mauen Story.

Deep Sea“ ist der zweite Kinofilm von Tian Xiaopeng. Sein Kinodebüt war „Monkey King – Hero is back“ (2015), einer der bis heute in China erfolgreichstren Animationsfilme.

Deep Sea (Deep Sea. China, 2023)

Regie: Tian Xiaopeng

Drehbuch: Tian Xiaopeng

DVD

LEONINE Studios ANIME

Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Chinesisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Kurzfilm „Deep Sea x Monkey King: Hero Is Back“ (2:11 Minuten), Music Video „Good Bye Deep Sea“ (3:01)

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch

Hinweise

Moviepilot über „Deep Sea“

Metacritic über „Deep Sea“

Rotten Tomatoes über „Deep Sea“

Wikipedia über „Deep Sea“


TV-Tipp für den 5. Februar: Flic Story – Duell in sechs Runden

Februar 4, 2024

Arte, 20.15

Flic Story – Duell in sechs Runden (Flic Story, Frankreich 1975)

Regie: Jacques Deray

Drehbuch: Jacques Deray, Alphonse Boudard

LV: Roger Borniche: Flic Story, 1973 ( Duell in sechs Runden)

Inspektor Borniche (Alain Delon) jagt den aus einer psychiatrischen Klinik geflohenen Mörder Emile Buisson (Jean-Louis Trintignant).

Trotz der hochkarätigen Besetzung und dem eigentlich zuverlässigen Regisseur ein eher lahmer Polizeikrimi, der zuletzt vor Ewigkeiten, falls überhaupt, gezeigt wurde.

Doch was sagen die anderen?

farblose Kriminalfilm“ (Rein A. Zondergeld: Alain Delon, 1984/1995)

Folglich bezieht ‚Flic Story‘ seine Wirkung vor allem aus dem dem Schauspieler-Duell Delon kontra Trintignant, mit der Nachkriegszeit von 1947 bis 1950 als stimmungsvollen Hintergrund.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

„mit Bedacht inszenierter, schauspielerisch hervorragender Krimi aus dem Pariser Polizei- und Verbrechermilieu der Nachkriegszeit.“(Lexikon des internationalen Films)

mit Alain Delon, Jean-Louis Trintignant, Renato Salvatori, Maurice Barrier, Claudine Auger

Hinweise

AlloCiné über „Flic Story“

Rotten Tomatoes über „Flic Story“

Wikipedia über „Flic Story“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 4. Februar: Inside Man

Februar 3, 2024

Arte, 20.15

Inside Man (Inside Man, USA 2006)

Regie: Spike Lee

Drehbuch: Russell Gewirtz

Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.

„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

Ein feiner Thriller

Anschließend zeigt Arte um 22.20 Uhr die knapp einstündige Doku „Jodie Foster – Hollywoods Alleskönnerin“ (Frankreich 2021). Und im Stream (bei WOW und Sky) läuft gerade, mit Jodie Foster, „True Detective: Night Country“. Die Serie soll gut sein.

mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer

Hinweise

Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Inside Man”

Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees “Oldboy” (Oldboy, USA 2013)

Meine Besprechung von Spike Lees „BlacKkKlansman“ (BlacKkKlansman, USA 2018)

P. S.: Spike Lee hat noch viele andere gute Filme gedreht, die auch mal wieder im Fernsehen gezeigt werden könnten.


Impressionen aus Berlin: Von der #WirSindDieBrandmauer-Demonstration vor dem Bundestag

Februar 3, 2024

Einige Impressionen von der heutigen Demonstration #WirSindDieBrandmauer. Voll war es vor dem Bundestag. Nach Angaben der Polizei kamen 150.000 Menschen zur Demonstration. Das veranstaltende Bündnis Hand in Hand spricht von 300.000 Menschen. Die Stimmung war gut. Das Wetter weniger.

Hinweise

Homepage von Hand in Hand (veranstaltendes Bündnis)

RBB-Newsticker zur Demo (weil ich jetzt zu faul bin, einen langen Bericht über die Demo zu schreiben, heute jede Nachrichtenseite/-sendung darüber berichtet und in einem halben Jahr dieser Link als gut als Auffrischung dienen kann)


Die Krimibestenliste Februar 2024

Februar 3, 2024

Für den närrischen Monat (nicht in Berlin) empfiehlt die monatliche Krimibestenliste, präsentiert von Deutschlandfunk Kultur, folgende Bücher:

1 (–) Arne Dahl: Stummer Schrei

Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps

Piper, 458 Seiten, 17 Euro

2 (–) Hervé Le Corre: Durch die dunkelste Nacht

Aus dem Französischen von Anne Thomas

Suhrkamp, 340 Seiten, 17 Euro

3 (1) Robert Galbraith: Das strömende Grab

Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz

Blanvalet, 1292 Seiten, 29,90 Euro

4 (–) Shehan Karunatilaka: Die sieben Monde des Maali Almeida

Aus dem Englischen von Hannes Meyer

Rowohlt, 543 Seiten, 30 Euro

5 (–) Candice Fox: Stunde um Stunde

Aus dem Englischen von Andrea O’Brien

Suhrkamp, 475 Seiten, 18 Euro

6 (2) Uta-Maria Heim: Tanz oder stirb

Gmeiner, 283 Seiten, 14 Euro

7 (–) Samuel W. Gailey: Die Schuld

Aus dem Englischen von Andrea Stumpf

Polar, 308 Seiten, 26 Euro

8 (9) Doug Johnstone: Eingefroren

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Polar, 393 Seiten, 26 Euro

9 (3) Robert Brack: Schwarzer Oktober

Edition Nautilus

158 Seiten, 16 Euro

10 (–) Max Annas: Berlin, Siegesallee

Rowohlt, 285 Seiten, 22 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Und am Aschermittwoch ist alles vorbei.


TV-Tipp für den 3. Februar: Red Eye – Nachtflug in den Tod

Februar 2, 2024

ZDFneo, 21.55

Red Eye – Nachtflug in den Tod (Red Eye, USA 2005)

Regie: Wes Craven

Drehbuch: Carl Ellsworth

Während eines Linienflugs erweist sich der Sitznachbar einer Hotelmanagerin als eiskalter Erpresser. Wenn sie einen ihrer Gäste nicht in einem anderen Zimmer umbringt, wird er ihren Vater töten lassen.

Spannender kleiner Thriller, der seine Geschichte in unter neunzig Minuten erzählt.

mit Rachel McAdams, Cillian Murphy, Brian Cox

Wiederholung: Sonntag, 4. Februar, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Red Eye“

Wikipedia über „Red Eye“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wes Cravens „Tödlicher Segen“ (Deadly Blessing, USA 1981)


Neu im Kino/Filmkritik: Beeindruckend. Agnieszka Holland besucht die „Green Border“

Februar 2, 2024

In ihrer Heimat Polen sorgte ihr neuer Film für einen veritablen Skandal. Der damalige Staatspräsident Andrzej Duda rief zum Boykott des Films auf. Führende Vertreter der von der rechtsradikal-nationalistischen PiS geführten Regierung beschimpften sie übelst. Der Justizminister nannte den Film „Nazi-Propaganda“. Internettrolle polemisierten gegen den Film, der nach Ansicht der Regierung „antipolnische Propaganda“ sei. Inzwischen fast achthunderttausend Zuschauer sahen sich in Polen „Green Border“ im Kino an. Und wenige Wochen nach dem Kinostart wurde am 15. Oktober 2023 bei den Wahlen zum polnischen Parlament die Regierung abgewählt. Einige behaupten, wegen diesem Film, der beim Filmfestival von Venedig seine Premiere hatte. Dort erhielt er unter anderem den Spezialpreis der Jury.

Einige Kritiker halten „Green Border“ für Agnieszka Hollands besten Film. Und dabei inszeniert sie seit über fünfzig Jahren Filme, die zahlreiche Preise und viel Kritikerlob erhielten. Außerdem sorgten ihre Filme immer wieder für Kontroversen. Zu ihren bekanntesten Filmen gehören „Bittere Ernte“, „Hitlerjunge Salomon“ und „Der geheime Garten“. Nach zahlreichen TV-Arbeiten feierte sie 2017 mit „Die Spur“ eine gelungene Rückkehr ins Kino.

In „Green Border“ beschäftigt Holland sich mit der Situation an der Grenze zwischen Polen und Belarus. Ihr Film spielt im Oktober 2021. Aber die heutige Situation soll sich kaum von der im Film packend gezeigten Situation unterscheiden. In dem Niemandsland der Grenze irren Geflüchtete herum. Sie werden von Grenzpolizisten gejagt, die es als ihre Aufgabe ansehen, die Geflüchteten zuerst zu misshandeln und dann über die Grenze zu treiben. Auf der EU-Seite der Grenze versuchen Aktivisten den Flüchtlingen zu helfen. Viel können sie nicht tun.

Holland begleitet mit quasi-dokumentarischer Handkamera und eindrucksvollen SW-Bildern von Tomasz Naumiuk einige dieser Geflüchteten, wozu auch eine Schwangere gehört, einen jungen Grenzpolizisten, der bald Vater wird, und mehrere Aktivisten. Einige sind schon länger dabei. Psychotherapeutin, die sich in einen Hof an die Grenze zurückgezogen hat, stößt neu dazu. Aus deren Geschichten setzt sich langsam ein bedrückendes Porträt der Situation an dieser Grenze zu Europa zusammen. Und Polen sieht dabei denkbar schlecht aus. Denn die Polizisten führen, auch ohne formal aufgeschriebene Anweisungen, den Willen der damaligen Regierung aus.

Green Border“ ist ein nah an der Realität entlang erzählter Spielfilm. Jede im Film gezeigte Szene hat so oder so ähnlich stattgefunden. Holland zeigt, wie mehrere Kinder und eine Frau im Moor versinken. Sie zeigt, wie Polizisten eine Schwangere über die Grenze werfen. Sie zeigt, wie die aus Syrien und Afghanistan geflüchteten Menschen durch den alptraumhaften Wald irren. Von den Grenzschützern werden sie wie Tiere gejagt und behandelt. In diesen und anderen Momenten zeigt sie, was ein Dokumentarfilm nicht zeigen kann, weil in diesen Momenten keine Kamera läuft.

Green Border“ ist kein angenehmer Film, aber ein wichtiger, zum Nachdenken und Diskutieren anregender Film. Und unbestritten einer von Agnieszka Hollands besten Filmen.

Angesichts der im Film gezeigten Szenen ist es kein Wunder, dass der „antipolnische Film“ der „Nestbeschmutzerin“ von Polen nicht für den Oscar als bester internationaler Film nominiert wurde. Verdient hätte er es.

Green Border (Zielona granica, Polen/Tschechien/Frankreich/Belgien 2023)

Regie: Agnieszka Holland

Drehbuch: Agnieszka Holland, Gabriela Łazarkiewicz-Sieczko, Maciej Pisuk

mit Jalal Altawil, Maja Ostaszewska, Tomasz Włosok,Behi Djanati Ataï, Mohamad Al Rashi, Dalia Naous, Tomasz Włosok, Taim Ajjan, Talia Ajjan, Monika Frajczyk, Maciej Stuhr

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Green Border“

Metacritic über „Green Border“

Rotten Tomatoes über „Green Border“

Wikipedia über „Green Border“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Die Spur“ (Pokot, Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017)

Meine Besprechung von Agnieszka Hollands „Charlatan“ (Šarlatán, Tschechien/Irland/Slowakei/Polen 2020)


TV-Tipp für den 2. Februar: Shooter

Februar 1, 2024

Pro7, 22.40

Shooter (Shooter, USA 2007)

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: Jonathan Lemkin

LV: Stephen Hunter: Point of Impact, 1993 (Im Fadenkreuz der Angst; später wegen der Verfilmung als „Shooter“ veröffentlicht)

Actionhaltiger Thriller über den desillusionierten Ex-Marine-Scharfschützen Bob Lee Swagger, der als Strohmann für einen Anschlag auf ein Staatsoberhaupt herhalten soll. Er kann vor seiner Verhaftung flüchten und beginnt die wahren Täter zu jagen.

Viele tolle Actionszenen, grandiose Landschaftsaufnahmen (ein Treffen auf einem schneeweißen Berggipfel sieht schon toll aus) und eine Story, die ziemlich vorhersehbar den Konventionen des Verschwörungssthrillers folgt, machen „Shooter“ zu einem Thriller, bei dem man nicht vollkommen auf das Denken verzichten muss. Am Ende gibt es dann einige unnötige Twists.

mit Mark Wahlberg, Michael Peña, Danny Glover, Kate Mara, Elias Koteas, Rhona Mitra, Rade Sherbedgia, Ned Beatty

Wiederholung: Montag, 5. Februar, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über “Shooter”

Metacritic über “Shooter”

Rotten Tomatoes über “Shooter”

Wikipedia über “Shooter” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Southpaw” (Southpaw, USA 2015)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (The Magnificent Seven, USA 2016)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „The Equalizer 2“ (The Equalizer 2, USA 2018)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „The Equalizer 3 – The Final Chapter“ (The Equalizer 3, USA 2023)

Meine Besprechung von Stephen Hunters „Shooter“ (Point of Impact, 1993)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Charakterstudie „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“

Februar 1, 2024

Zwischen den Musicals „Mean Girls – Der Girls Club“ (letzte Woche) und „Die Farbe Lila“ (nächste Woche) und zwei Wochen vor dem Biopic „Bob Marley: One Love“ kommt diese Woche ein Musikfilm ins Kino, der eine Liebeserklärung an den Austropop und die Welt der verrauchten Tschocherl ist.

Im Mittelpunkt steht der Musiker Erich ‚Rickerl‘ Bohacek. Verkörpert wird er von Voodoo Jürgens, einem Vertreter der neuen Generation des Austropops, der in dem Film einige seiner Lieder ungeschnitten auf der Akustik-Gitarre präsentiert. Bei uns sind ja immer noch die Begründer Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Reinhard Fendrich, Ludwig Hirsch und STS die bekanntesten und für Adrian Goigingers Film in verschiedenen Schattierungen wichtigsten Vertreter des Austropops.

Rickerl hat immer seine Gitarre und seine handgeschriebenen Texte dabei. Es sind schwarzhumorige Alltagsbeobachtungen über die Menschen, die er kennt und liebt. Er schreibt, von unüberhörbarer Sympathie getragen, von den Gescheiterten, den Randexistenzen, den Spinnern, den Verpeilten, den Jungen und den Alten, die alle im Kapitalismus nicht richtig funktionieren, weil sie lieber in der Beisln rauchen, trinken und reden.

Rickerl will zwar von seiner Musik leben. Er ist talentiert. Er hat auch einen Manager, der gerne einige seiner Songs aufnehmen würde, aber er ist unfähig, seine Karriere sorgfältig zu planen. Er kann noch nicht einmal einen der vielen Aushilfsjob, die ihm vom Amt mit milder Verzweifelung angeboten werde, länger behalten. Zu einem Gespräch mit einer Journalistin, die in seiner Beisl auftaucht, muss er gezwungen werden. Als sie ihn in ihre Radiosendung einlädt, kehrt er vor der Tür des Senders um und verbringt lieber den Tag mit seinem Sohn am See.

Seine Wohnung scheint zu sagen „Verwahrlost aber frei“ (Ambros). Ein Smartphone besitzt er nicht. Auch keinen Computer. Mit seinem Sohn, dem sechsjährigen Dominik, versteht er sich gut. Mit seiner Ex-Freundin Viki, die auch Dominiks Mutter ist, weniger. Sie hat inzwischen einen neuen Freund, den sie auch heiraten will. Für Rickerl ist ihr neuer nur ein ‚gstopfter Piefke‘.

Adrian Goiginger setzt diesem Musiker, seiner Musik und dem in ihr porträtierten Milieu ein Denkmal. „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“ ist ein liebevolles Porträt einer sich im Verschwinden befindenden Welt, die es so vielleicht nie gegeben hat, die aber höchst heimilig und liebenswert ist.

Rickerl – Musik is höchstens a Hobby (Österreich/Deutschland 2023)

Regie: Adrian Goiginger

Drehbuch: Adrian Goiginger

Musik: Voodoo Jürgens

mit Voodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann, Claudius von Stolzmann, Rudi Larsen, Nicole Beutler, Patrick Seletzky, Der Nino aus Wien

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“

Moviepilot über „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“

Wikipedia über „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“

Meine Besprechung von Adrian Goigingers „Die beste aller Welten“ (Österreich/Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Adrian Goigingers „Märzengrund“ (Österreich/Deutschland 2022)

Meine Besprechung von Adrian Goigingers „Der Fuchs“ (Deutschland/Österreich 2022)

Voodoo Jürgens live


Neu im Kino/Filmkritik: „Eine Million Minuten“ für die Vater-Tochter-Beziehung

Februar 1, 2024

Nina wünscht sich eine Million Minuten mit ihrem Papa. Dieser jettet um die Welt und versucht die Welt zu retten. Seine Frau arbeitet, wenn Haushalt und die beiden kleinen Kinder es zulassen, als Bauingenieurin im Home-Office. Ihre gemeinsame Tochter, die fünfjährige Nina, hat eine massive Entwicklungsverzägerung und Bewegungsstörungen. Sie braucht viel Zuwendung und Zeit. Aber, so werden sie von Ninas Doktor beruhigt, mit viel Liebe, Zuwendung, gemeinsam verbrachter Zeit und individueller Hilfe beim Lernen könne ihr geholfen werden.

Nachdem Nina ihm das mit der einen Million Minuten gesagt hat, beginnt Wolf Küper (Tom Schilling) nachzudenken und zu rechnen. Eine Million Minuten sind ungefähr zwei Jahre, in denen er sich um seine Tochter kümmert und, denn nur in Berlin zu bleiben wäre langweilig, sie könnten in dieser Zeit gemeinsam die Welt bereisen. Wolfs Chefin und Ben, sein Kollege und bester Freund, sind einverstanden. Mit Kurzarbeit und Home-Office kann er trotzdem ein Mitglied in ihrem kleinen Team bleiben.

Und los geht die Reise der vierköpfigen Kleinfamilie. Zuerst geht es nach Thailand und später nach Island. Beide Länder hat Nina zufällig auf dem Globus ausgewählt.

Die herzige Geschichte, die Christopher Doll in seinem Regie-Debüt erzählt (nachdem er in den vergangenen Jahren unter anderem „Traumfrauen“, „High Society“ und „Wunderschön“ produzierte), basiert auf dem Reisebuch „Eine Million Minuten“ von Wolf Küper. Im Film folgen Doll und seine vier Mit-Drehbuchautoren Monika Fässler, Tim Hebborn, Ulla Ziemann und Malte Welding nicht sklavisch der Vorlage. Sie konzentrieren sich mehr auf die Beziehung des Ehepaares und veränderten die Reiseroute. Nachdem die Küpers Thailand verlassen, reisen sie im Buch nach Australien und Neuseeland; im Film geht es nach Island.

Die Prämisse erinnert an den vor wenigen Monaten im Kino gelaufenen „Wochenendrebellen“. In diesem, ebenfalls auf einem Sachbuch basierendem Film, verspricht ein von seiner Arbeit als Vertreter gestresster Vater, seinem Sohn, einem Asperger-Autisten, dass sie an den Wochenenden gemeinsam für ihn einen Lieblingsverein suchen. Der Zehnjährige will nämlich, wie alle Jungs, einen Lieblingsfußballverein haben. Aber er nimmt nicht den Heimatverein. Er geht die Suche nach dem Lieblingsverein wissenschaftlich an. Er entwirft einen Katalog mit Kriterien und er will sich – auch wenn so ein Fußballspiel aufgrund der vielen Eindrücke und des Trubels für ihn die Hölle ist – jeden Verein bei einem Heimatspiel ansehen.

Im Gegensatz zu „Eine Million Minuten“ hat „Wochenendrebellen“ eine Prämisse („Ich will einen Verein finden.“) und ein klares Ziel (der Film ist vorbei, wenn entweder ein Verein gefunden oder das Ziel geändert wurde). Auf dem Weg dahin kommen Vater und Sohn sich näher und der Vater beginnt zu überlegen, ob er das Leben lebt, das er leben will.

In „Eine Million Minuten“ verbringt der Vater dagegen wenig Zeit mit seiner Tochter. Wir sehen nicht, wie er ihr über einen längeren Zeitraum Dinge beibringt, wie sich ihre Beziehung verändert und wie sie sich über kleine Fortschritte freuen. Doll zeigt höchstens den Anfang, wenn Nina nicht Fahrrad fahren kann, und das Ende, wenn Nina Fahrrad fahren kann.

Eine Million Minuten“ fehlt genau das, was „Wochenendrebellen“ hat. In „Eine Million Minuten“ ist die Prämisse klar, aber nicht das Ziel. Oder, anders gesagt: was passiert, wenn die Milion Minuten vorbei sind? Nimmt die Familie, wie nach einem Urlaub, wieder ihr altes Leben auf? Entsprechend ziellos plätschert der Film vor sich hin. Die Autoren und der Regisseur wissen nie, welche Episoden in den Film gehören und welche nicht. Es ist unklar, ob es um die Beziehung vom Vater zu seiner Tochter oder vom Vater zu seiner Frau geht. Es ist unklar, was er lernen soll. Und so gibt es von allem etwas und von allem zu wenig.

Dieses, eigentlich leicht zu behebende Problem haben viele deutsche Filme. Es liegt nicht an den Schauspielern oder den Drehorten. In diesem Fall wurde in Berlin, Thailand und Island gedreht. Es liegt am Drehbuch. An dem unzureichend formuliertem Ziel der Hauptfigur, an der nur unzureichend formulierten Hauptfigur und den nicht vorhandenen Konflikten. Über Wolf, seine Arbeit und wie er durch seine Arbeit die Welt sieht, erfahren wir viel zu wenig. Wir erfahren nur, dass er irgendetwas mit Umweltschutz in einer überaus netten Firma macht. Er könnte aber auch irgendeinen anderen Bürojob haben, für den er immer wieder reisen muss. Es würde nichts an der Filmgeschichte ändern. Dabei wäre die Entscheidung, ob er mehr Zeit mit seinen Kindern oder mit der Rettung der Welt für seine Kinder verbringen möchte, ein interessanter Konflikt. Dieser Konflikt würde, wenn er ausformuliert würde, auch den Handlungsorten die notwendige Würze verleihen. Da wäre zuerst der Konflikt, einerseits die Umwelt retten zu wollen und anderereseits endlos viele Flugmeilen anzusammeln. Es könnte weitergehen mit der Frage, wie an den Reisezielen die Umwelt geschützt wird. Er könnte dann immer wieder vor der Entscheidung stehen, ob er mehr über ein Umweltschutzprojekt erfahren möchte oder ob er Zeit mit seiner Tochter verbringen möchte. Ein Subthema könnte sein, wie er seinen beiden Kindern die Schönheit der Natur zeigt und sie animieren möchte, die Natur zu bewahren.

Alles das sehen wir in „Eine Million Minuten“ nicht. Es gibt nur schöne Menschen, ohne erkennbare finanzielle Probleme, in schöner Landschaft und viele Probleme, die eher Scheinprobleme sind. Dafür gibt es in Island einen überaus gutaussehenden, charismatischen und netten Naturburschen-Nachbarn, den Wolf als eine Bedrohung für seine Ehe sieht.

In Island, wo die zweite Hälfte des Films spielt, rückt die Emanzipation von Wolfs Frau Vera (Karoline Herfurth) immer mehr in den Mittelpunkt. Sie arbeitet wieder mehr als Bauingenieurin. Sie knüpft, mit der Hilfe des netten Nachbarn, Kontakt zu den Einheimischen und gemeinsam bauen sie Häuser. Währenddessen überlässt sie Wolf immer mehr die Hausarbeit.

In dieser Hälfte des Films wird vor allem Englisch gesprochen. Das mag zwar realistisch sein, ich empfand es in diesem Fall aber als überflüssig. Außerdem führt die Entscheidung dazu, dass Wolfs fünfjährige Tochter Nina plötzlich sehr gut eine Fremdsprache sprechen kann.

Am Ende ist „Eine Million Minuten“ nur ein weiterer dieser netten deutschen Feelgood-Filme, die ihr Potential nie auch nur im Ansatz ausschöpfen.

Eine Million Minuten (Deutschland 2024)

Regie: Christopher Doll

Drehbuch: Monika Fässler, Tim Hebborn, Ulla Ziemann, Malte Welding, Christopher Doll

LV: Wolf Küper: Eine Million Minuten: Wie ich meiner Tochter einen Wunsch erfüllte und wir das Glück fanden, 2016

mit Karoline Herfurth, Tom Schilling, Pola Friedrichs, Piet Levi Busch, Joachim Król, Ulrike Kriener, Hassan Akkouch, Anneke Kim Sarnau, Godehard Giese, Rúrik Gislason

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Eine Million Minuten“

Moviepilot über „Eine Million Minuten“

Wikipedia über „Eine Million Minuten“