Unsortierte Gedanken zur Neuübersetzung von Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichte „Die Lady im See“

Dezember 29, 2021

Aus mir unbekannten Gründen habe ich Hellmuth Karaseks alte Diogenes-Übersetzung jetzt nicht zur Hand. Dabei habe ich Raymond Chandlers vierten Philip-Marlowe-Krimi „The Lady in the Lake“ vor Ewigkeiten in seiner Übersetzung gelesen. Aber ohne das Buch in Griffnähe zu haben, kann ich die Übersetzungen nicht miteinander vergleichen.

Das gesagt, liest sich Robin Detjes neue Übersetzung sehr gut. Und zwar so gut, dass aus den wenigen Seiten, die ich Lesen wollte, um die Qualität der Übersetzung zu prüfen, eine erneute Lektüre des gesamten Romans wurde; – nun, es gibt schlechtere Methoden, um seine Zeit zu verbringen.

In „Die Lady im See“ soll Philip Marlowe im Auftrag von dem Unternehmer Derace Kingsley dessen seit einem Monat spurlos verschwundene Frau suchen. Zuletzt wurde Crystal Kingsley in dem kleinen Haus, das die Kingleys in den Bergen am Little Fawn Lake haben, gesehen.

Marlowe fährt dorthin und trifft Bill Chess, der dort als Hausmeister seine Invalidenrente aufbessert. Chess erzählt Marlowe, dass er Streit mit seiner Frau hatte. Das war vor einem Monat. Danach verschwanden die beiden Frauen gleichzeitig.

Als die beiden Männer zum See gehen, entdecken sie im See die titelgebende Frau im See. Chess hält die Wasserleiche für seine Frau.

Marlowe beginnt nun auch den Mörder der Wasserleiche zu suchen. Dabei stochert er in der Vergangenheit der beiden Frauen herum und stolpert über die Leiche von Crystal Kingsleys Liebhaber. Er wurde erschossen.

Bei der wiederholten Lektüre fällt auf, wie zeitlos und schnörkellos elegant Raymond Chandlers Sprache ist. Die Story selbst bewegt sich zügig voran und sie wirkt ebenfalls nicht veraltet. Sicher, heute müsste Marlowe keine Münzfernsprecher mit Geld füttern. Er würde mit einem Handy telefonieren. Aber immer noch müsste er mit vielen Verdächtigen, Zeugen und potentiellen Zeugen reden. Immer noch hätte er Ärger mit der Polizei. Er würde zusammengeschlagen werden und er würde auf gutaussehende Frauen treffen, die ihn mit einer Waffe in der Hand begrüßen.

Angenehm ist auch, dass sich der gesamte Roman auf Marlowes Auftrag und seine Jagd nach dem Mörder konzentriert. Über Marlowe selbst und sein Privatleben erfahren wir nichts. Und das ist gut so.

Schlecht ist allerdings die Lösung des Falles. Die zaubert Chandler ziemlich aus dem Hut in einer Mischung aus nicht mit dem Leser geteiltem Wissen und wilden Vermutungen. Echte Beweise hat Marlowe erst durch das anschließende Geständnis des Täters.

The Lady in the Lake“ ist Raymond Chandlers vierter Philip-Marlowe-Roman. Davor schrieb er „The big Sleep“ (1939, Der tiefe Schlaf/Der große Schlaf), „Farewell, my Lovely“ (1940, Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling) und „The high Window“ (1942, Das hohe Fenster). Danach „The little Sister“ (1949, Die kleine Schwester), „The long Good-Bye“ (1953, Der lange Abschied) und „Playback“ (1958, Spiel im Dunkel/Playback). Bis auf „Playback“ sind alle seine Marlowe-Romane Klassiker.

The Lady in the Lake“ wurde mehrmals ins Deutsche übersetzt und als „Einer weiß mehr“, „Die Tote im See“ und jetzt „Die Lady im See“ veröffentlicht.

Neben Dashiell Hammett definierte Raymond Chander das Privatdetektiv-Genre.

Ohne Chandler gäbe es Spenser nicht. 1989 durfte Spenser-Erfinder Robert B. Parker mit „Poodle Springs“ ein von Chandler geschriebenes Fragment fertig schreiben.

Chandlers Roman wurde 1947 von Robert Montgomery als „Die Dame im See“ (Lady in the Lake) verfilmt. Mit etlichen Freiheiten. So wurde die Handlung in die Vorweihnachtszeit verlegt und es gibt eine Rahmengeschichte, in der Marlowe Autor von Pulp-Romanen werden will. Gedreht wurde hauptsächlich in Innenräumen. Es wurde auch weitgehend auf Action verzichtet. Das lag nicht an der Unlust, vor Ort zu drehen, sondern an den technischen Herausforderungen des Films. Denn Montgomery erzählte die Geschichte als Ich-Erzählung. In einem Roman, vor allem in einem Privatdetektiv-Roman, der normalerweise immer in der ersten Person Singular geschrieben ist, funktioniert das problemlos. In einem Film nicht. So erfahren wir nicht, wie der Erzähler auf etwas reagiert. Immer wenn Marlowe sich bewegte, musste die damals noch sehr unhandliche Kamera bewegt werden. Es musste auch geguckt werden, wie man Marlowes Arme richtig im Bild positioniert. Und es gibt, neben den üblichen Gefahren, denen das Gesicht eines Privatdetektivs (hier die Kamera) bei seinen Abenteuern ausgesetzt ist, wie Schläge und Küsse, eine ziemlich spektakulär gefilmte Autoverfolgungsjagd. Denn als Marlowe auf einer einsamen Landstraße von einem anderen Auto verfolgt wird, muss er sich immer wieder umdrehen, damit wir genug mitbekommen, um die Verfolgungsjagd gespannt mitverfolgen zu können.

Insofern ist die Bewältigung der technischen Herausforderungen in „Die Dame im See“ beeindruckend. Ein guter Film ist so allerdings nicht entstanden.

Chandlers Hardboiled-Roman „Die Lady im See“ ist dagegen ein Klassiker, der jetzt in einer neuen Übersetzung wieder entdeckt werden kann.

Raymond Chandler: Die Lady im See

(mit einem Nachwort von Rainer Moritz)

(übersetzt von Robin Detje)

Diogenes, 2021

336 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

The Lady in the Lake

A. A. Knopf, 1943

Frühere deutsche Übersetzungen

Einer weiß mehr

(übersetzt von Mary Brand)

Nest 1949

Die Tote im See

(übersetzt von Hellmuth Karasek)

Diogenes, 1976

Die Verfilmung

Die Dame im See (Lady in the Lake, USA 1947)

Regie: Robert Montgomery

Drehbuch: Steve Fisher

mit Robert Montgomery, Lloyd Nolan, Audrey Totter, Tom Tully, Leon Ames, Jayne Meadows

Hinweise

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Rotten Tomatoes über „Die Dame im See“

Wikipedia über „Die Lady im See“ (Roman), „Die Dame im See“ (Film) (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 29. Dezember: Verdacht

Dezember 28, 2021

Arte, 20.15

Verdacht (Suspicion, USA 1941)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Samson Raphaelson, Joan Harrison, Alma Reville

LV: Francis Iles (Pseudonym von Anthony Berkeley): Before the fact, 1932 (Vor der Tat)

Hals über Kopf verknallt sich die schüchterne, vermögende Lina McLaidlaw in den Playboy Johnny Aysgarth. Nach ihrer Heirat erfährt sie, dass ihr Mann ein Spieler ist und dringend Geld braucht. Deshalb befürchtet sie, dass er sie umbringen will.

Klassiker.

Zur Einordnung: Das ist der Hitchcock, in dem Grant mit einem Glas Milch auf einem Tablett eine Treppe hochgeht.

“Durchaus spannend, aber auch humorvoll, ist ‘Verdacht’ eine Kriminalgeschichte ohne ein Verbrechen.” (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)

Anschließend, um 21.50 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Mr. und Mrs. Hitchcock“ (Frankreich 2018). Und der RBB zeigt, teils parallel, zwei ebenfalls sehenswerte Hitchcock-Filme: um 22.15 Uhr „Das Fenster zum Hof“ (USA 1954) und um 00.05 Uhr „Der Mann, der zu viel wusste“ (USA 1956).

mit Joan Fontaine, Cary Grant, Sir Cedric Hardwicke, Nigel Bruce

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Verdacht“

Wikipedia über „Verdacht“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thily Wydras “Alfred Hitchcock”

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis auf Stephen Rebellos Buch basierendem Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)


TV-Tipp für den 28. Dezember: Chinatown

Dezember 27, 2021

One, 22.50

Chinatown (Chinatown, USA 1974)

Regie: Roman Polanski

Drehbuch: Robert Towne

Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.

Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.

Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Chinatown“

Wikipedia über „Chinatown“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week: David N. Meyer über „Chinatown“

Meine Besprechung von Roman Polanskis “The Ghostwriter” (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “Venus im Pelz” (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Nach einer wahren Geschichte“ (D’après une histoire vraie, Frankreich 2017)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Intrige“ (J’accuse, Frankreich/Italien 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Joel Coens „Macbeth“

Dezember 27, 2021

Die Geschichte von Macbeth, diesem Feldherren, dem drei Hexen die Königswürde prophezeien, und der sich danach, zusammen mit seiner Frau, zum König von Schottland morden will, dürfte bekannt sein. Auch ihr tödliches Ende. William Shakespeare erzählte sie in einem Theaterstück. Die autoritative Textfassung erschien, sieben Jahren nach seinem Tod, 1623. Setidem gehört das Drama zum festen Theaterrepertoire und wurde auch unzählige Male verfilmt. Die bislang letzte, äußerst bildgewaltig Kinoverfilmung ist von Justin Kurzel mit Michael Fassbender als Macbeth. Frühere, heute noch bekannte Verfilmungen sind von Roman Polanski, Akira Kurosawa (als „Das Schloss im Spinnwebwald“) und Orson Welles. Seine Verfilmung stand eindeutig Pate für Joel Coens neue „Macbeth“-Verfilmung, die auch gleichzeitig sein Solo-Regiedebüt ist. Alle seine anderen Filme inszenierte er mit seinem Bruder Ethan.

Joel Coen inszenierte seine extrem expressionistisch stilisierte „Macbeth“-Version, wie Orson Welles, in einem Studio in Schwarzweiß im 4:3-Bildformat. Die Dialoge kürzte er nur leicht. Seine Frau Frances McDormand übernahm die Rolle der Lady Macbeth. Sie spielte diese Rolle bereits 2016 in einer Produktion des Berkeley Repertory Theatre und sie schlug ihm das Projekt vor. Denzel Washington spielt Macbeth. Die Bildgestaltung übernahm Bruno Delbonnel („Inside Llewyn Davis“), das Szenenbild Stefan Dechant, die Kostüme sind von Mary Zophres und die Musik ist von Carter Burwell. Sie alle haben schon mit den Coen-Brüdern zusammen gearbeitet und sie trugen jetzt auch einen Teil zum Gelingen von „Macbeth“ bei.

Entstanden ist eine visuell brillante, sehr düstere, zum depressiven Wahnsinn neigende „Macbeth“-Version. Für Shakespeare-Fans ist das unbedingt sehenswert.

Andere Zuschauer sollten sich überlegen, wie groß ihre Toleranz für prächtig aussehende Theaterkulissen und Shakespeare-Dialoge ist. Das gilt auch für Fans der Coen-Brüder. Denn die typischen Stilelemente und der Humor der Coens fehlen hier fast vollständig. Obwohl „Macbeth“ eine ziemlich schwarzhumorige und bitterböse Geschichte ist, die für ihre Figuren immer wieder die schlimmstmögliche Wendung nimmt. Trotzdem wollte Joel Coen hier keinen typischen Coen-Film inszenieren. Er wollte das Shakespeare-Stück möglichst originalgetreu verfilmen und dabei die Beschränkungen eines von der Bühne abgefilmten Theaterstücks überwinden. Das ist ihm gelungen.

Macbeth (The Tragedy of Macbeth, USA 2021)

Regie: Joel Coen

Drehbuch: Joel Coen

LV: William Shakespeare: Macbeth, 1611/1623 (ursprünglich „The Tragedy of Macbeth“) (Macbeth)

mit Denzel Washington, Frances McDormand, Bertie Carvel, Alex Hassell, Corey Hawkins, Harry Melling, Brendan Gleeson, Kathryn Hunter, Moses Ingram

Länge: 105 Minuten

FSK: ? (dürfte aber mit Kulturbonus in Richtung FSK-12 gehen)

Jetzt in einigen Kinos und ab 14. Januar 2022 weltweit auf Apple TV+

Hinweise

Moviepilot über „Macbeth“

Metacritic über „Macbeth“

Rotten Tomatoes über „Macbeth“

Wikipedia über „Macbeth“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Drehbuchgewinner „Drive my Car“

Dezember 27, 2021

Die Story von Ryusuke Hamaguchis neuem Film „Drive my Car“ kann schnell nacherzählt werden. Es geht um Yusuke Kafuku. Zwei Jahre nach dem plötzlichen Tod seiner Frau trauert er immer noch um sie. Da erhält er das Angebot, in Hiroshima für ein Festival Anton Tschechows Theaterstück „Onkel Wanja“ zu inszenieren. Eine Bedingung der Organisatoren ist, dass er sich während seines Engagements von einem Chauffeur fahren lässt. Widerwillig akzeptiert er diese Bedingung, die ihn zwingt, sich jeden Tag von seinem Hotel zum Theater und zurück fahren zu lassen. Immerhin ist Misaki Watari eine gute Fahrerin.

Hamaguchi erzählt, nach einer Erzählung von Haruki Murakami, in epischen drei Stunden – wobei die ersten vierzig Minuten ein vor Hiroshima spielender Prolog sind – wie sich Kafuku und Watari langsam öffnen. Denn beide haben den Tod eines für sie wichtigen Menschen nicht überwunden. Aber vor ihrem ersten Gespräch sagt Kafuku, dass diese langen Fahrten zwischen dem Hotel und dem Theater für ihn die Möglichkeit sind, sich das Theaterstück immer wieder anzuhören und so immer tiefer zu verinnerlichen. Deshalb dauert es mehrere Autofahrten und gemeinsam verbrachte Stunden im engen Auto, bis sie beginnen sich zu unterhalten. Wobei ihre Gespräche eher längere Monologe sind.

Gleichzeitig sehen wir die Proben für das Tschechow-Stück, bei dem Kafuku die Rolle von Onkel Wanja mit dem für die Rolle viel zu jungen Takatsuki besetzt. Kafuku glaubt, dass Takatsuki ein Liebhaber seiner Frau gewesen ist.

Auch diese Proben für das Theaterstück beobachtet Regisseur Hamaguchi äußerst geduldig und zurückhaltend. Immer wirkt es, als ob er einen Dokumentarfilm inszeniere und beim Dreh möglichst wenig auffallen wolle. Die Schauspieler spielen extrem zurückhaltend und sie bewegen sich kaum. Das führt dazu, dass „Drive my Car“ oft wie ein bebildertes Hörspiel wirkt. Diese Methode führt dazu, dass wir uns sehr auf den Text einlassen können und müssen. In ihm und nicht in den Bewegungen oder der Mimik der Schauspieler steckt die Wahrheit. Und weil die Schauspieler ihre Texte möglichst ausdruckslos vortragen sollen (das ist auch das Konzept von Hamaguchi bei seiner Tschechow-Inszenierung), ist „Drive my Car“ von einer medidativen Ruhe geprägt.

In Canner erhielt Hamaguchi neben dem Drehbuchpreis auch den FIPRESCI-Preis und den Preis der Ökumenischen Jury.

Drive my Car (Doraibu mai kā, Japan 2021)

Regie: Ryusuke Hamaguchi

Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi, Oe Takamasa

LV: Haruki Murakami: Drive my Car, 2014 (Erzählung, enthalten in „Von Männern, die keine Frauen haben“)

mit Hidetoshi Nishijima, Toko Miura, Masaki Okada, Reika Kirishima, Park Yurim, Jin Daeyeon

Länge: 177 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Drive my Car“

Metacritic über „Drive my Car“

Rotten Tomatoes über „Drive my Car“ (aktueller Frischegrad: 100 %)

Wikipedia über „Drive my Car“ (deutsch, englisch)

Zwei Gespräche mit dem Regisseur Ryusuke Hamaguchi


TV-Tipp für den 27. Dezember: Killing them softly

Dezember 26, 2021

RTL II, 23.35

Killing them softly (Killing them softly, USA 2012)

Regie: Andrew Dominik

Drehbuch: Andrew Dominik

LV: George V. Higgins: Cogan’s Trade, 1974 (Neuauflage als „Killing them softly“, deutsche Übersetzung als „Ich töte lieber sanft“)

Zwei Kleingangster überfallen ein illegales Pokerturnier. Dummerweise ist es von einem Mafiosi organisiert und der sinnt auf Vergeltung. Sein Troubleshooter Cogan soll das Problem lösen.

Düsteres, top besetztes Gangsterdrama, das von seinen Dialogen lebt. Das ist nicht wirklich schlecht, aber der Roman ist besser. Denn dort stört es nicht, wenn die Geschichte vor allem über die Gespräche der Gangster erzählt wird.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Davor zeigt RTL II „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, ebenfalls mit Brad Pitt.

mit Brad Pitt, James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Vincent Curatola, Trevor Long, Max Casella, Sam Shepard

Die Vorlage (Lesebefehl!)

George V. Higgins: Ich töte lieber sanft

(übersetzt von Dirk van Gunsteren)

Verlag Antje Kunstmann, 2013

240 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Cogan’s Trade

Alfred A. Knopf, 1974

Hinweise

Metacritic über „Killing them softly“

Rotten Tomatoes über „Killing them softly“

Wikipedia über „Killing them softly“ (deutsch, englisch) und George V. Higgins

New York Times über George V. Higgins

Mulholland Books: Brian Greene über George V. Higgins

Elmore Leonard über George V. Higgins

Weekly Lizard: Justin Peacock über George V. Higgins und das Must-Read-Book “The Friends of Eddie Coyle”

National Post: Robert Fulford über George V. Higgins

Meine Besprechung von Andrew Dominiks  George-V.-Higgins-Verfilmung „Killing them softly“ (Killing the softly, USA 2012)

Meine Besprechung von George V. Higgins‘ „Ich töte lieber sanft“ (Cogan’s Trade, Killing them softly, 1974)

Meine Besprechung von George V. Higgins‘ „Die Freunde von Eddie Coyle“ (The Friends of Eddie Coyle, 1971)


TV-Tipp für den 26. Dezember: Tatort: Alles kommt zurück

Dezember 25, 2021

ARD, 20.15/One, 21.45

Tatort: Alles kommt zurück (Deutschland 2021)

Regie: Detlev Buck

Drehbuch: Uli Brée

Kommissarin Lindholm wird verdächtigt, ihren Liebhaber in Hamburg im Hotel Atlantik ermordet zu haben. Selbstverständlich will (und wird) sie ihre Unschuld beweisen. Bis dahin muss sich sich durch eine Hundertschaft von Udo-Lindenberg-Doppelgängern kämpfen und Udo Lindenberg treffen.

Detlev Bucks erster „Tatort“ ist selbstverständlich kein gewöhnlicher „Tatort“. Anscheinend überzeugt er vor allem als skurille Nummernrevue.

mit Maria Furtwängler, Jens Harzer, Anne Ratte-Polle, Udo Lindenberg, Neda Rahmanian, Kida Khodr Ramadan, Detlev Buck, Nadeshda Brennicke

Wiederholung: Montag, 27. Dezember, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Das Erste über diesen Tatort

Wikipedia über „Tatort: Alles kommt zurück“

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)

Meine Besprechung von Detlev Bucks „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (Deutschland 2021)


TV-Tipp für den 25. Dezember: Master Cheng in Pohjanjoki

Dezember 24, 2021

One, 20.15

Master Cheng in Pohjanjoki (Master Cheng, Finnland/China/Großbritannien 2019)

Regie: Mika Kaurismäki

Drehbuch: Hannu Oravisto, Mika Kaurismäki (Adaption), Sami Keksi-Vähälä (Adaption)

Auf der Suche nach Fongtron strandet Master Cheng mit seinem Sohn in Pohjanjoki, einer Ansammlung von Hütten in Lappland. In einer dieser Hütten ist die Gaststätte von Sirkka. Nachdem er spontan eine chinesische Reisegruppe, die von ihrem Essen entsetzt ist, bekocht, engagiert sie ihn als Koch.

TV-Premiere. Wunderschönes Feelgood-Movie, das schon bevor Cheng seine Messer auspackt, unsere Herzen erobert hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Pak Hon Chu, Anna-Maija Tuokko, Lucas Hsuan, Vesa-Matti Loiri, Anna-Maija Tuokko, Kari Väänänen

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Master Cheng in Pohjanjoki“

Rotten Tomatoes über „Master Cheng in Pohjanjoki“

Wikipedia über „Master Cheng in Pohjanjoki“

Meine Besprechung von Mika Kaurismäkis „The Girl King“ (The Girl King, Fnnland/Deutschland/Kanada/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Mika Kaurismäkis „Master Cheng in Pohjanjoki“ (Master Cheng, Finnland/China/Großbritannien 2019)


TV-Tipp für den 24. Dezember: Green Book – Eine besondere Freundschaft/Selma

Dezember 23, 2021

Ein gelungenes, sich steigerndes Doppelprogramm

One, 22.05

Green Book – Eine besondere Freundschaft (Green Book, USA 2018)

Regie: Peter Farrelly

Drehbuch: Peter Farrelly, Nick Vallelonga, Brian Currie

Gut gemachtes, auf einer wahren Geschichte basierendes Feelgood-Movie über die sich während einer Konzerttour durch die Südstaaten in den frühen sechziger Jahren entwickelnde Freundschaft zwischen dem Konzertpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) und seinem für diese Tournee engagiertem Fahrer und Rausschmeißer Tony ‚The Lip‘ Vallelonga (Viggo Mortensen).

Der allgemeine Jubel über den Film, die zahlreichen Preise, unter anderem der Oscar als bester Film des Jahres (Spike Lee hatte mit seinem Wutausbruch, dass jeder andere nominierte Film den Oscar mehr verdient hätte als „Green Book“, vollkommen recht), können nicht über die doch ziemlich altbackene Ideologe des Films (der weiße Mann als Retter des Schwarzen und mit etwas gutem Willen kann der Rassissmus besiegt werden) hinwegtäuschen. „Green Book“ ist halt perfektes Hollywood-Wohlfühlkino.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Sebastian Maniscalco, Dimiter D. Marinov, P. J. Byrne

Hinweise

Moviepilot über „Green Book“

Metacritic über „Green Book“

Rotten Tomatoes über „Green Book“

Wikipedia über „Green Book“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood sieht sich diese Männerfreundschaft an

Meine Besprechung von Peter Farrellys „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ (Green Book, USA 2018)

One, 00.05

Selma (Selma, USA/Großbritannien 2014)

Regie: Ava DuVernay

Drehbuch: Paul Webb

Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.

Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.

Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston

Hinweise

Moviepilot über „Selma“

Metacritic über „Selma“

Rotten Tomatoes über „Selma“

Wikipedia über „Selma“ (deutsch, englisch) und Martin Luther King (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ava DuVernays „Selma“ (Selma, USA/Großbritannien 2014 – mit etlichen YouTube-Clips) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: „Matrix Resurrections“ meditiert über die Matrix

Dezember 23, 2021

Das ist er also: der letzte Film des Jahres, der in den vergangenen Wochen mit kryptischen Trailern, ominösen Clips und nichtssagenden Inhaltsangaben beworben wurde. Irgendwie soll es in „Matrix Resurrections“ um die Matrix gehen, Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss sind als Neo und Trinity wieder dabei. Lana Wachowski, die eine Hälfte der Wachowski-Geschwister, die für die ersten drei „Matrix“-Filme verantwortlich sind, hat dieses Mal allein die Regie übernommen. Mehr ist nicht bekannt.

Die Bedeutung von „Matrix“ für den Science-Fiction-Film und das Kino ab 1999 kann nicht überschätzt werden.

In dem Film erfährt der Hacker ‚Neo‘ Thomas Anderson, dass er in einer Computersimulation, der Matrix, lebt. Die reale Welt ist eine von Maschinen beherrschte postapokalyptische Welt, in der die Maschinen Menschen als Energiequellen züchten und sie in einem künstlichem Dämmerzustand halten (immerhin bespaßen sie uns mit einer coolen Actionwelt und nicht mit niemals endenden Sonnenuntergängen oder dem Nichts).

Eine kleine Gruppe Menschen kämpft in der realen Welt und der Matrix gegen die Herrschaft der Maschinen. Besonders wichtig sind die Kämpferin Trinity und Morpheus, der Kapitän der Nebuchadnezzar. Er hält Neo für den Erlöser.

Diese Geschichte erzählten die Wachowskis mit zahlreichen religiösen, mythologischen, philosophischen, literarischen und popkulturellen Verweisen, einer perfekt durchkomponierten düsteren Neo-Noir-Lack-Leder-Sonnenbrillen-Optik, mit spektakulären, die Schwerkraft und die Physik negierenden Actionszenen (naja, in der Matrix ist halt alles möglich) und einem bis dahin unbekanntem Einsatz der Zeitlupe. Die Spezialeffekte überzeugen heute immer noch.

Für Science-Fiction-Leser ist die Idee der Matrix ein ziemlich alter Hut. Aber es war der bis dahin überzeugendste Versuch, Ideen des Cyberpunk zu verfilmen. Danach war die Idee, einer virtuellen Welt und dass wir in dieser virtuellen Welt leben und aufwachen müssen, Allgemeingut.

Der Film war ein weltweiter Erfolg. An der Kinokasse und auch popkulturell. Vier Jahre später, 2003, folgten „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“. Sie sind grottig und überflüssig. Denn sie setzen einen Film fort, der erkennbar als in sich abgeschlossener Einzelfilm angelegt war. Gleichzeitig zeigen sie immer deutlicher die Probleme in der Konstruktion der von den Wachowskis erfundenen Welt. Die zahlreichen philosophischen Anspielungen erweisen sich zunehmend als heiße Luft. Am Ende blieb die Erkenntnis, dass unter der glänzenden Oberfläche nur ein bedeutungsschwanger raunendes, Tiefe simulierendes Nichts ist.

Entsprechend niedrig waren vor dem Film meine Erwartungen an „Matrix Resurrections“.

Nach dem Film kann ich sagen: Lana Wachowski kümmert sich in ihrem neuen Film denkbar wenig um die Erwartungen der Fans nach Lack, Leder, Düster-Optik, kryptischen philosophischen und religiösen bedeutungsvoll klingenden Sätzen und endlos langen Actionszenen.

Allein dieser Mut beeindruckt. Sie inszenierte vor allem einen Meta-Film, der einerseits eine Neuinszenierung von „Matrix“ ist und andererseits eine Diskussion über den Film, seinen Einfluss auf die Popkultur und die kreative Arbeit von Autoren ist. Vor allem wenn diese Autoren sich in bereits etablierten, kommerziell erfolgreichen Welten bewegen müssen. Für Lana (früher Larry) Wachowski ist das die Welt der von ihr und ihrer Schwester Lilly (früher Andy) Wachowski geschaffene Welt der Matrix. Für Neo, der unter seinem echten Namen Thomas Anderson in „Matrix Resurrections“ ein erfolgreicher, in San Francisco lebender Spieleprogrammierer ist, ist das die Welt der Computerspiele. Jetzt soll er eine neue Version des von ihm erfundenem populären „Matrix“-Spiels erschaffen.

In einem Café trifft er Trinity, die jetzt Tiffany heißt und eine glücklich verheiratete Vorstadt-Ehefrau ist. Anderson glaubt, sie von früher zu kennen. Dass er auf seinem Schreibtisch eine Trinity-Figur stehen hat, die in dem von ihm erfundenem Spiel eine wichtige Figur ist, fällt ihm nicht auf.

Gleichzeitig ist er wegen massiver psychischer Probleme in therapeutischer Behandlung. Er hat einen Suizid-Versuch hinter sich. Er zweifelt an der Realität und wird von Visionen geplagt, die für uns klar erkennbare Flashbacks sind.

Matrix Resurrections“ zitiert immer wieder „Matrix“. So inszeniert Wachowski den Anfang von „Matrix“ mit kleinen Änderungen nach. Danach begibt er sich zwar auf andere erzählerische Pfade, aber immer wieder werden Szenen aus dem ersten „Matrix“-Film gezeigt. Immer wieder wird der Film zitiert. Vieles in dem neuen Film wirkt wie eine Variation von „Matrix“, mit einigen Momenten aus dem zweiten und dritten „Matrix“-Film. Es tauchen auch viele aus den vorherigen Filmen bekannte Motive und Figuren, teils von anderen Schauspielern gespielt, auf.

Auch die Actionszenen aus „Matrix“ und die dort verwandten Stilmittel werden zitiert. Oft nur kurz oder im Schnellldurchlauf oder, auch das ist möglich, in einer invertierten Form.

Die Handlung gehorcht vor allem vom Willen der Drehbuchautoren. Wachowski schrieb das Buch zusammen mit Aleksandar Hemon und David Mitchell. Mit ihnen arbeitete er bereits bei der Netflix-Serie „Sense8“ zusammen und, zusammen mit seiner Schwester und Tom Tykwer, verfilmte er David Mitchells „Cloud Atlas“.

So etwas wie Figurenmotivation gibt es nicht. Dafür können sie, wenn sie durch Türen treten, von einer Welt in eine andere Welt treten. Figuren, die teils pompös eingeführt werden, verschwinden spurlos aus der Handlung. Andere sind dann plötzlich wichtig.

Damit wirkt „Matrix Resurrections“ wie ein bekanntes Computerspiel, in dem der Spieler in bestimmten Situationen eine andere Option prüft und kommentiert. Insofern ist der Film ein erstes Brainstorming, bei dem aufgeschrieben wurde, was dem Publikum beim ersten Film gefiel, was jetzt wiederholt werden soll und was anders gemacht werden kann. Zum Beispiel indem das Liebespaar zwanzig Jahre älter ist.

Das hat als Film über einen anderen Film durchaus seine interessanten Momente. Er ist auch deutlich interessanter, insgesamt gelungener und zum Nachdenken anregender als der zweite und dritte „Matrix“-Film. Aber so richtig überzeugend ist das Ergebnis nicht.

Matrix Resurrections“ ist eher eine intellektuelle Übung, ein Metafilm, mit gewaltigen Pacing-Problemen und einer Story, die nur funktioniert, weil sie sich letztendlich an der Story von „Matrix“ entlanghangelt. Es ist damit ein Remake, das kein Remake, sondern eine Meditation über ein Remake ist.

P. S.: Es gibt eine durchaus wichtige Post-Credit-Szene.

Matrix Resurrections (The Matrix Resurrections, USA 2021)

Regie: Lana Wachowski

Drehbuch: Lana Wachowski, David Mitchell, Aleksandar Hemon (basierend auf von den Wachowskis erfundenen Figuren)

mit Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss, Yahya Abdul-Mateen II, Jessica Henwick, Jonathan Groff, Neil Patrick Harris, Priyanka Chopra Jonas, Jada Pinkett Smith, Christina Ricci, Lambert Wilson, Max Riemelt

Länge: 148 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „Matrix Resurrections“ (weil der Film zu einem großen Teil in Babelsberg gedreht wurde)

Moviepilot über „Matrix Resurrections“

Metacritic über „Matrix Resurrections“

Rotten Tomatoes über „Matrix Resurrections“

Wikipedia über „Matrix Resurrections“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowskis „Jupiter Ascending“ (Jupiter Ascending, USA 2015)


TV-Tipp für den 23. Dezember: Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft

Dezember 22, 2021

Arte, 22.20

Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft (And now for something completely different, Großbritannien 1971)

Regie: Ian MacNaughton, Terry Gilliam

Drehbuch: Monty Python

Eine immer wieder gern gesehene Nummernrevue von Monty Python, die erst 1983 in die deutschen Kinos kam.

mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin

Hinweise

Homepage von Monty Python

YouTube-Kanal von Monty Python (und wer mit dem Englischen Probleme hat, muss einfach seine Wunschsprache eingeben)

Monty Python’s Completely Useless Web Site (und auch nicht autorisiert)

Wikipedia über Monty Python (deutsch, englisch)


Best of Cinema ist im Januar „Tod auf dem Nil“

Dezember 22, 2021

Hoffentlich klappt es jetzt. Also nicht mit der Präsentation von John Guillermins „Tod auf dem Nil“ am Dienstag, den 4. Januar 2022, im Kino (hier ist die Kinoliste). Der Film ist Teil der „Best of Cinema“-Reihe von Studiocanal. Die Idee hinter der Reihe ist, dass alt(bekannt)e und immer noch beliebte Filme an einem Tag im Kino gezeigt werden. Das verleiht der monatlichen Reihe etwas von einem Ereignis. Und Studiocanal kann in seinem Archiv nach reichlich vorhandenne Perlen der Filmkunst stöbern. Manchmal wird der Film auch in Zusammenhang mit einem anderen Ereignis, wie einer neuen DVD/Blu-ray/4K-UHD-Veröffentlichung, präsentiert. In diesem Fall – und darauf bezieht sich die eingangs angesprochene Hoffnung – geht es um den Kinostart von Kenneth Branaghs starbesetzter Neuverfilmung, die am 10. Februar 2022 starten soll. Ursprünglich sollte der Rätselkrimi bereits am 15. Oktober 2020 starten.

Tod auf dem Nil“ ist die Verfilmung eines Hercule-Poirot-Romans von Agatha Christie. Sie schrieb ihn bereits 1937 und damals war die Lektüre des Rätselkrimis für die meisten Menschen wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, Ägypten kennen zu lernen.

Poirot unternimmt eine Urlaubsreise auf einem Nildampfer. Während der Reise wird die sich ebenfalls an Bord befindende Millionenerbin Linnet Ridgeway ermordet. Poirot beginnt sofort mit seinen Ermittlungen. Denn der Mörder ist immer noch auf dem Schiff und alle Passagiere hätten eine Grund, Ridgeway zu ermorden.

EMI Films hatte 1974 mit der Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ einen gewaltigen Hit. Selbstverständlich wollten sie nach dem erfolgreichen Rezept – bekannter Roman, exotischer Drehort, viele Stars, bekannter Regisseur und gutes Team hinter der Kamera – einen weiteren Hit landen.

Für das Drehbuch wurde Anthony Shaffer engagiert. Er war damals ein bekannter Theater- und Drehbuchautor. Sein bekanntestes Stück ist „Sleuth“ (Revanche, grandios verfilmt als „Mord mit kleinen Fehlern“ [1972]). Er schrieb die Drehbücher zu dem Alfred-Hitchcock-Thriller „Frenzy“ (1972), „The Wicker Man“ (1973) und, nach „Tod auf dem Nil“ für die Poirot-Verfilmungen „Das Böse unter der Sonne“ (Evil under the Sun, 1982) und „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, 1987).

John Guillermin übernahm die Regie. Davor drehte er „Die Brücke von Remagen“ (The Bridge at Remagen, 1968), „Shaft in Afrika“ (Shaft in Africa, 1972 – der dritte Shaft-Film), „Endstation Hölle“ (Skyjacked, 1972), „Flammendes Inferno“ (The Towering Inferno, 1974) und „King Kong“ (1976).

Kameramann war Jack Cardiff. Und die Musik ist von Nino Rota.

Gedreht wurde vor Ort in und vor historischer Kulisse, wie den Pyramiden von Gizeh und den Tempelanlagen von Karnak, Kom Ombo und Abu Simbel, und auf der SS Memnon und der SS Sudan.

Albert Finney, der in „Mord im Orientexpress“ Hercule Poirot spielte, wollte die Rolle nicht noch einmal spielen. Peter Ustinov übernahm die Rolle des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot. Das Opfer wird von Lois Chiles gespielt. Heute ist sie vor allem für ihren Auftritt als Dr. Holly Goodhead in dem James-Bond-Film „Moonraker – Streng geheim“ bekannt. Die Verdächtigen werden von einer illustren Schar schon damals altbekannt-belieber Schauspieler und einigen Newcomern, die am Anfang ihrer Karriere standen, gespielt. Es sind Jane Birkin, Bette Davis, Mia Farrow, David Niven, Jon Finch, Angela Lansbury, Olivia Hussey, Maggie Smith, Simon MacCorkindale, George Kennedy, Jack Warden, Sam Wanamaker und Celia Imrie.

Der so entstandene Film ist eine weitgehend spannungsfreie, nostalgische, stargarnierte Angelegenheit. Und war im Kino so erfolgreich, dass Peter Ustinov in fünf weiteren Filmen Hercule Poirot spielte. Seit Jahren wird „Tod auf dem Nil“ regelmäßig im Fernsehen gezeigt.

Trotzdem spricht einiges für einen Kinobesuch. Auf der großen Leinwand können die Stars, die Landschaft, die Kostüme (Anthony Powell erhielt dafür einen BAFTA und einen Oscar) ausgiebig bewundert werden, während man selig in der Vergangenheit schwelgt als eine Flußfahrt noch ein mörderisches, nicht von Handys gestörtes Vergnügen war.

Tod auf dem Nil (Death on the Nile, Großbritannien 1978)

Regie: John Guillermin

Drehbuch: Anthony Shaffer

LV: Agatha Christie: Death on the Nile, 1937 (Der Tod auf dem Nil)

Mit Peter Ustinov, Jane Birkin, Bette Davis, Mia Farrow, Lois Chiles, David Niven, Jon Finch, Angela Lansbury, Olivia Hussey, Maggie Smith, Simon MacCorkindale, George Kennedy, Jack Warden, Sam Wanamaker, Celia Imrie

Die Vorlage (demnächst in der Filmausgabe; es gibt natürlich zahlreiche ältere Ausgaben und frühere Übersetzungen)

Agatha Christíe: Der Tod auf dem Nil – Ein Fall für Poirot

(übersetzt von Pieke Biermann)

Atlantik Verlag, 2022

320 Seiten

12 Euro

Die Neuverfilmung (im Februar im Kino)

Tod auf dem Nil (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Death on the Nile, 1937 (Der Tod auf dem Nil)

mit Kenneth Branagh, Gal Gadot, Armie Hammer, Rose Leslie, Emma Mackey, Letitia Wright, Annette Bening, Russell Brand, Tom Bateman, Jennifer Saunders, Dawn French

Hinweise

Studiocanal über „Best of Cinema“

Rotten Tomatoes über „Tod auf dem Nil“ (1978)

Wikipedia über „Tod auf dem Nil“ (1978) (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)


TV-Tipp für den 22. Dezember: Ich bin dein Mensch

Dezember 21, 2021

ARD, 20.15

Ich bin dein Mensch (Deutschland 2021)

Regie: Maria Schrader

Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader

LV: Emma Braslavsky: Ich bin dein Mensch, 2019 (Kurzgeschichte, in „2029 – Geschichten von Morgen“)

Die Wissenschaflerin Alma soll über mehrere Wochen mit einem humanoiden Roboter zusammenleben und anschließend einen Forschungsbericht über die gemeinsame Zeit verfassen. Es geht um die Frage, ob humanoide Roboter Menschenrechte bekommen sollen.

TV-Premiere, wenige Wochen nach dem Kinostart. „Ich bin dein Mensch“ ist ein feiner, auf der Berlinale abgefeierter, zum Nachdenken anregender Film und einer der besten deutschen Filme des Jahres. Inzwischen steht er auch auf der Shortlist für den Auslands-Oscar.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch, Annika Meier, Falilou Seck, Jürgen Tarrach, Henriette Richter-Röhl, Monika Oschek

Wiederholungen

ARD, Donnerstag, 23. Dezember, 01.40 Uhr (Taggenau!)

One, Donnerstag, 30. Dezember, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Ich bin dein Mensch“

Moviepilot über „Ich bin dein Mensch“

Rotten Tomatoes über „Ich bin dein Mensch“

Wikipedia über „Ich bin dein Mensch“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ (Deutschland 2021)


TV-Tipp für den 21. Dezember: Impfgegner – Wer profitiert von der Angst?

Dezember 20, 2021

Arte, 20.15

Impfgegner – Wer profitiert von der Angst? (Frankreich/Großbritannien 2021)

Regie: Lise Barnéoud, Marc Garmirian, Colette Camden, Flora Bagenal

Brandneue spielfilmlange Doku über Impfgegner. Es geht um Prominente, wie den in Großbritannien mit einem Berufsverbot belegte Arzt Andrew Wakefield, die finanziellen Verflechtungen und Interessen der Anti-Impf-Bewegung, um verschiedene Menschen, die das Impfen ablehnen und um einen jungen Mann, der seine Impfung gegen den Willen seiner Eltern durchsetzt.

Danach, um 21.45 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Impfstoff-Diplomatie: Geopolitik in Zeiten der Pandemie“ (Frankreich 2021).

Hinweis

Arte über die Doku (bis 25. Juni 2022 in der Mediathek. Dort gibt es auch weitere thematisch ergänzende Dokus)


Neu im Kino/Filmkritik: „Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“, überschaubar berauscht

Dezember 20, 2021

Die 29-jährige Hanna Leitner (Maresi Riegner) hält es 1906 in Wien nicht mehr aus. Auch weil ihr Arzt, der Psychoanalytiker, Freud-Schüler/Bewunderer und Anarchist Otto Gross (Max Hubacher) ,die Stadt in Richtung Schweiz verlassen hat. Sie folgt ihm ins tessinische Ascona. Dort will er in der Kommune Monte Verità seinen Geist erweitern und seine Drogensucht auskurieren.

Diese Kommune gibt es wirklich. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde sie von Henri Oedenkoven (im Film Michael Finger), Ida Hofmann (im Film Julia Jentsch), Lotte Hattemer (im Film Hannah Herzsprung), Karl Gräser und Gusto Gräser gegründet.

An dem Ort sollte eine dauerhafte, alternative Lebens- und Wirtschaftsform zur bürgerlichen Gesellschaft ausprobiert werden. Damalige, frei denkende Intellektuelle waren von dem Monte-Verità-Projekt fasziniert. Deshalb dürfen im Film auch der Schriftsteller Hermann Hesse (Joel Basman) und die Tänzerin Isadora Duncan (Eleonora Chiocchini) durchs Bild laufen.

Diesen historisch verbürgten Hintergrund malt Stefan Jäger in seinem Film „Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“ liebevoll aus. Die Hauptperson des Films, Hanna, könnte eine der zahlreichen, oft nur einige Wochen in der Kommune bleibenden Gäste gewesen sein. In jedem Fall ist sie eine erfundene Figur.

Zunächst ist Hanna vom Treiben in der Kommune irritiert. Während sie in Wien nichts tun durfte und jede Aufreigung vermeiden musste, kann sie hier alles tun. Sie sieht die nackten Menschen, die sich schamlos in der Sonne räkeln. Es wird getanz, gelacht, philosophiert. Sie sieht, wie Drogen konsumiert werden. Sie muss ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen. Deshalb muss sie bei der täglich anfallenden Arbeit mithelfen. Und sie kann ohne Zwang und Druck ausprobieren, was ihr gefällt. Dazu gehört das Fotografieren. Sie beginnt die Gäste des Monte Verità zu fotografieren. Dabei emanzipiert sie sich zunehmend von ihrem Mann und den damaligen gesellschaftlichen Konventionen. Es sind Konventionen, die für uns heute teils sehr fremd sind und die wir teilweise schlichtweg ablehnen. Dazu gehören die unbedingte Verfügungsgewalt des Mannes über seine Frau und das Siezen der Kinder. Damit sollte eine zu große Nähe vermieden werden.

Aus diesem Stoff macht Stefan Jäger eine immer eine Spur zu brav und zu sehr innerhalb der bekannten und etablierten Konventionen erzählte Emanzipationsgeschichte.

Monte Verità – Der Rausch der Freiheit (Schweiz/Deutschland/Österreich 2021)

Regie: Stefan Jäger

Drehbuch: Kornelija Naraks

mit Maresi Riegner, Max Hubacher, Julia Jentsch, Hannah Herzsprung, Joel Basman, Philipp Hauß, Daniel Brasini, Eleonora Chiocchini, Michael Finger

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Monte Verità“

Moviepilot über „Monte Verità“

Wikipedia über „Monte Verità“


TV-Tipp für den 20. Dezember: M

Dezember 19, 2021

Arte, 23.00

M (M, USA 1951)

Regie: Joseph Losey

Drehbuch: Norman Reilly Raine, Leo Katcher, Waldo Salt (Dialogmitarbeit) (nach dem Film von Thea von Harbou und Fritz Lang)

TV-Premiere. Joseph Loseys fast unbekanntes Remake von Fritz Langs „M“ erreicht nach einhelliger Meinung nicht die Qualität des Originals.

Die Story blieb gleich – ein Kindermörder wird von der Polizei und Verbrecherbanden durch die Stadt gejagt -, aber Losey verlegte die Geschichte in die Gegenwart und nach Los Angeles.

Der Krimi ist der vierte Spielfilm von Losey. Zu seinen späteren Filmen gehören „Der Diener“, „Modesty Blaise – Die tödliche Lady“, „Der Mittler“ und „Monsieur Klein“.

mit David Wayne, Howard da Silva, Luther Adler, Martin Gabel, Steve Brodie, Raymond Burr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „M“

Wikipedia über „M“ (deutsch, englisch) (aktuell ist die deutsche Seite umfangreicher und informativer)


TV-Tipp für den 19. Dezember: Die Fliege

Dezember 18, 2021

Tele 5, 22.25

Die Fliege (The Fly, USA 1986)

Regie: David Cronenberg

Drehbuch: David Cronenberg, Charles Edward Pogue

LV: George Langelaan: The Fly, 1957 (Die Fliege und andere Erzählungen aus der phantastischen Wirklichkeit; Kurzgeschichte)

Biologe Seth erforscht den molekularen Transport von Lebewesen (vulgo „beamen“). Bei einem Versuch transportiert er sich selbst und eine Fliege von dem einen Teleporter zum nächsten. Die, von David Cronenberg, liebevoll bis zum letzten Detail ausgemalte Konsequenz, ist, dass Seth und die Fliege immer mehr zu einem Wesen werden.

Grandioses Remake von einem Science-Fiction-Horrorfilmklassiker, der von Cronenberg vom Kopf auf die Füße gestellt wurde.

Danach, um 00.25 Uhr, zeigt Tele 5 ein weiteres gelungenes Remake eines Horrorfilmklassikers, das inzwischen ebenfalls ein Klassiker ist: „Katzenmenschen“ von Paul Schrader.

mit Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz, Jay Boushel, David Cronenberg

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Fliege“

Wikipedia über „Die Fliege“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014) (und die DVD-Kritik)

David Cronenberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. Dezember: Wild Christmas

Dezember 17, 2021

Aus dem Weihnachtsprogramm der Kriminalakte

ServusTV, 22.45

Wild Christmas (Reindeer Games, USA 2000)

Regie: John Frankenheimer

Drehbuch: Ehren Kruger

Knacki Rudi Duncan freut sich wie Bolle. Unter der Identität eines verstorbenen Knastkumpels will er sich an dessen Brieffreundin heranmachen. Die sieht nämlich unglaublich gut aus. Dummerweise hat sie einen Bruder. Der möchte, dass Rudi ihm beim Überfall eines Casinos hilft. Ein Casino, in dem Rudi früher arbeitete.

John Frankenheimers letzter Kinofilm ist nicht gerade ein Meisterwerk, aber ein vergnüglicher Neo-Noir mit viel Schnee, Weihnachtsmännern und vielen Dingen, die mit Weihnachten nichts zu tun haben.

„Mag das Drehbuch auch gelegentlich ein wenig überkonstruiert erscheinen, die Inszenierung von Regie-Veteran Frankenheimer erweist sich als absolut schnörkellos und handwerklich perfekt.“ (tip 25/2000)

Die US-Kritik war nicht so begeistert.

Frankenheimer inszenierte „Der Gefangene von Alcatraz“, „Botschafter der Angst“ (The Manchurian Candidate), „Grand Prix“, „French Connection II“, „Schwarzer Sonntag“ und „Ronin“.

mit Ben Affleck, Gary Sinise, Charlize Theron, Donal Logue, Danny Trejo, Clarence Williams III, Dennis Farina

Wiederholung: Sonntag, 19. Dezember, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wild Christmas“

Wikipedia über „Wild Christmas“ (deutsch, englisch)

Meine Bepsrechung von John Frankenheimers „Die jungen Wilden“ (The Young Savages, USA 1960)


TV-Tipp für den 17. Dezember: Matrix

Dezember 16, 2021

Pro7, 20.15

Matrix (The Matrix, USA 1998)

Regie: Andy Wachowski, Larry Wachowski

Drehbuch: Andy Wachowski, Larry Wachowski

Hacker Neo ist der nette Nerd von nebenan, bis er erfährt, dass die Wirklichkeit nicht die Wirklichkeit ist und dass er der Erlöser ist.

Kommerziell unglaublich erfolgreicher, Hugo- und Nebula-nominierter Science-Fiction-Klassiker, in dem es erstmals gelang, die Ideen der Cyberpunk überzeugend in einen Realfilm zu transportieren. Die beiden Fortsetzungen „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ sind dagegen ein Fall für die filmische Mülltonne und auch bei der „Matrix“ kann man sich an einigen groben Logikfehlern und Widersprüchen stoßen. Z. B.: Warum sollten die Maschinen uns Menschen mit einer Computersimulation betäuben? Warum sollten wir Menschen aus der Computersimulation ausbrechen wollen? Vor allem, wenn die Erde ungefähr so bewohnbar wie die dunkle Seite des Mondes ist.

Als Vorbereitung für den am 23. Dezember startenden vierten Matrix-Film, „Matrix Ressurrections“, zeigt Pro7 heute die vorherigen Matrix-Filmen. Um 23.10 Uhr läuft „Matrix Reloaded“ und um 01.55 Uhr „Matrix Revolutions“.

mit Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie Anne Moss, Hugo Weaving, Gloria Foster, Joe Pantoliano

Wiederholung: Montag, 20. Dezember, 03.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Matrix“

Wikipedia über „Matrix“ (deutsch, englisch)

Drehbuch “The Matrix” von Andy Wachowski und Larry Wachowski

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowskis „Jupiter Ascending“ (Jupiter Ascending, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Annette“ – ein Film von Leos Carax, ein Musical der Sparks

Dezember 16, 2021

Es beginnt mit der typischen Sparks-Mischung aus eingängiger Musik, Ironie, Tief- und Flachsinn. Zuerst werden wir, das Publikum, um unsere vollständige Aufmerksamkeit gebeten (Tun wir gerne.). Und wir sollen mucksmäuschenstill sein und unserem Atem bis zum Ende der Show anhalten (Tun wir nicht). Dann geht es mit einer minutenlangen, ohne Schnitt gefilmten Eröffnungssequenz weiter. Es ist eine große Gesangsnummer, einem in einem Tonstudio beginnendem Singalong, zu dem die beiden Hauptdarsteller – Adam Driver als Henry McHenry und Marion Cotillard als Ann Desfranoux – durch die Straßen von Los Angeles laufen, singen und von immer mehr Menschen begleitet werden, bis sich ihre Wege für die nächsten Stunden des Abends trennen. Sie, die Opernsängerin, fährt zur Oper. Er, der Stand-up-Comedian, fährt zum Orpheum Theatre. Singen tun sie in diesen Minuten „So may we start“. Das Stück ist ein perfekter Start für einen Film oder, für Ann und Henry, der Beginn eines Arbeitsabends.

Ann und Henry sind das neue Traumpaar der Regenbogenpresse: jung, gutaussehend, erfolgreich und in hunderprozentig gegensätzlichen Bereichen des Kulturlebens arbeitend. In der Boulevardpresse-Dramturgie ist sie die Schöne und er das Biest, das in seiner Soloshow auch als „Der Affe Gottes“ auftritt. Sie sind verliebt („We love each other so much“), heiraten, kriegen eine Tochter, Annette genannt (anfangs von einer Holzpuppe gespielt), in ihrer Ehe kriselt es – und aus dem Liebesfilm wird ein Noir-Drama.

Annette“ ist der neue Film von Leos Carax, der nur alle Jubeljahre einen Film dreht. „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991), „Pola X“ (1999) und, sein bislang letzter Film, „Holy Motors“ (2012) sind seine bekanntesten Filme. Nie interessierte er sich für eine platte Wiedergabe der Realität. Stattdessen sind seine Werke immer radikal stilisiert und voller akustischer und visueller Einfälle und cineastischer Verweise. Sie sind pures Kino. Da passt ein hundertprozentiges Musical gut ins Œuvre.

Die Idee für den Film hatten die Brüder Ron und Russell Mael. Sie treten seit 1967 gemeinsam auf. Zuerst als Halfnelson, seit den frühen Siebzigern als Sparks. Seit einigen Wochen dürfte die Band über den engen Fankreis hinaus bekannt sein. Denn Anfang Oktober lief in den Kinos Edward Wrights ausführliche Doku „The Sparks Brothers“ (USA 2021) über die beiden Brüder, ihre Musik und ihr Leben. Vor allem in den Siebzigern und Achtzigern hatten sie Hits. Stilistisch legten sie sich nie fest. Aber meistens bewegen sie sich, mit einer ordentlichen Portion Humor, zwischen Pop, Discomusik und den aktuell angesagten Trends. 2009 fragte das Swedisch National Radio sie, ob sie für das Radio ein Musical schreiben wollten. Sie taten es und nannten das Ergebnis „The Seduction of Ingmar Bergman“. In dem Stück geht es darum, dass Ingmar Bergman in Hollywood einen Film drehen will. Mit mehr Geld und weniger Seele. 2013 trafen sie Leos Carax in Cannes und fragten ihn, ob er ihr Bergman-Stück verfilmen wolle. Sie fanden sich sympathisch, aber Carax lehnte ab. Er könne keinen Film drehen, der in der Vergangenheit spiele. Kurz darauf schickten sie ihm erste Ideen und Songdemos für „Annette“.

Daraus entstand jetzt, nachdem sich die Finanzierung und Produktion als schwierig und langwierig erwiesen (was auch den großen Abstand zwischen „Holy Motors“ und „Annette“ erklärt) „Annette“. Es ist das erste Film-Musical der Sparks. Es ist, wie üblich bei den Sparks, gleichzeitig ein traditionelles Musical und die Dekonstruktion eines Musicals. Erzählt wird, immer mit eingängigen, sofort zum Mitsingen einladenden Pop-Songs, eine zunehmend düstere High-Society-Liebesgeschichte im Künstlermilieu, mit einigen Spitzen gegen den Kulturbetrieb, etwas Wunderkindmythos, einem Touch #MeToo und dem Fall eines provozierenden Künstlers.

Annette“ ist ein experimentierfreudiges, dabei jederzeit zugängliches und witziges Art-Pop-Musical. In Cannes gab es dafür Preise für die Regie und die Musik.

Annette (Annette, Frankreich/Belgien/Deutschland/USA 2021)

Regie: Leos Carax

Drehbuch: Ron Mael, Russell Mael (aka die Sparks)

mit Marion Cotillard, Adam Driver, Devyn McDowell, Simon Helberg, Kanji Furutachi, Rebecca Sjöwall, Nino Porzio, Ron Mael, Russell Mael, Angèle

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Annette“

Moviepilot über „Annette“

AlloCiné über „Annette“

Metacritic über „Annette“

Rotten Tomatoes über „Annette“

Wikipedia über „Annette“ (deutsch, englisch, französisch)