In drei ineinander verschachtelten Geschichten erzählt Christopher Nolan die legendäre, 1940 einen Nationalmythos begründende Rettung der britischen Soldaten an der französischen Nordseestadt Dünkirchen nach.
mit Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Harry Styles, Aneurin Barnard, James D’Arcy, Barry Keoghan, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Mark Rylance, Tom Hardy
Das was Hasbro mit den „Transformers“-Filmen gelang, will der Spielwarenfirma mit ihren „G.I. Joe“-Figuren nicht gelingen: nämlich aus sich erfolgreich verkaufendem Spielzeug ein erfolgreiches Kinofranchise zu kreieren, das sie noch reicher macht. Bei „Transformers“ gelang das dank des exzessiven Bombasts von Regisseur Michael Bay, leinwandsprengender Action, knapp bekleideten Frauen mit „Playboy“-Idealmaßen und Autos, die sich regelmäßig in riesige Roboter transformieren und demolieren. Das war idiotisch, aber an der Kinokasse unglaublich erfolgreich.
All das hatten die vorherigen „G.I. Joe“-Filme nicht. Deshalb wird jetzt mit „Snake Eyes: G.I. Joe Origins“ ein Neustart versucht. In Einzelfilmen sollen einzelne „G.I. Joe“-Figuren vorgestellt werden. Später sollen die Filme zu einem „Hasbro Cinematic Universe“ verschmelzen.
Robert Schwentke, ein deutscher Regisseur, der in Hollywood sein Geld mit Filmen wie „R.E.D. – Älter, Härter, Besser“, „R.I.P.D.“, „Die Bestimmung – Insurgent“ und „Die Bestimmung – Allegiant“ verdient, soll den Neustart zum Erfolg führen. Mit Henry Golding wurde ein junger Schauspieler engagiert, der in „Crazy Rich“ (Crazy Rich Asians), „Nur ein kleiner Gefallen“ (A Simple Favor), „Last Christmas“ und „The Gentlemen“ überzeugte. Allgemein werden ihm glänzende Karriereperspektiven attestiert. Er spielt die Hauptrolle: ‚Snake Eyes‘. Und eine Origin-Story hat einen großen Vorteil: es wird sich nur auf eine Figur und ihre Entwicklung konzentriert. Der Rest der Serienmythologie kann getrost ignoriert werden.
Dummerweise haben wir in den letzten Jahren schon so viele Origin-Geschichten gesehen, dass wir die einzelnen Handlungsschritte genau kennen. Außerdem müssen wir nicht von jedem Helden wissen, wie er zum Helden wurde. Schließlich haben wir uns früher auch nicht für die Kindheit und Jugend von James Bond oder Ellen Ripley interessiert.
Snake Eyes hat als Kind beobachtet, wie sein Vater von einem Killerkommando ermordet wurde. Jetzt arbeitet der schweigsame Einzelgänger im Hafen von Los Angeles für den Yakuza-Boss Kenta. Kenta hat ihm versprochen, ihm bei der Suche nach den Mördern seiner Eltern zu helfen. Als er auf Kentas Befehl einen jungen Mann töten soll, rettet er ihn.
Gemeinsam fliehen sie nach Japan. In Tokio wird Snake Eyes von der Familie seines neuen Freundes ‚Storm Shadow‘ Tommy Arashikage empfangen. Seit sechshundert Jahren beschützt der Arashige-Clan Japan seinen Feinden. In ihrem Besitz befindet sich ein unglaublich wertvoller, alter und, in den falschen Händen, unglaublich gefährlicher Gegenstand. Bis jetzt bestand der Clan nur aus Japanern.
Aber die Zeiten ändern sich und Snake Eyes hat bereits gezeigt, dass er ein tapferer Kämpfer ist. Tommy, der designierte Thronfolger, bieten an, ihn als Ninja auszubilden und so zu einem vollwertigen Mitglied der Familie zu machen.
Während er die verschiedenen Stufen seiner selbstverständlich anstrengenden Ausbildung absolviert, ist er hin und her gerissen zwischen seiner Loyalität zu Kenta und zu Tommy. Denn der Arashikage-Clan sei, so sagt ihm Kenta, verantwortlich für den Tod seiner Eltern. Aber kann er ihm vertrauen?
Und der Arashikage-Clan fragt sich, ob sie dem undurchschaubarem Fremden vertrauen können.
Das ganze ist reichlich lustlos und, sowohl für „G.I. Joe“- Novizen als auch für „G.I. Joe“-Fans, die die „G.I. Joe“-Mythologie kennen, unnötig kompliziert erzählt. So schwankt Snake Eyes, gefühlt im Minutentakt, immer wieder zwischen seiner Loyalität zu Kenta und seiner Freundschaft zu Tommy hin und her, ohne dass die Geschichte an Tiefe gewinnt. Es sorgt nur für überflüssige Verwirrung in einer letztendlich einfachen Kinderwelt, in der Gut und Böse sauber getrennt sind. Ein Interesse an den Figuren und ihren Motiven kommt in diesem Wust von Verrat und Gegenverrat, in dem „Cobra“ mal zu den Guten, mal zu den Bösen gehören soll, nicht aufkommen. Und zwar sowohl bei denen, die die „G.I. Joe“-Welt kennen (und daher wissen, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört), als auch bei den Novizen, die zunächst ratlos, später desinteressiert verfolgen, wie Loyalitäten ständig wechseln und willkürlich auftauchende, für spätere Filme möglicherweise wichtig werdende Figuren, die sich mal mehr, mal weniger skrupellos zwischen den verfeindeten Seiten bewegen. Das soll Tiefe und Komplexität vortäuschen. Es ist aber nur eine hoffnungslos verwirrend erzählte Geschichte, bei der die Macher selbst den Überblick verloren haben.
Die Action, die davon ablenken könnte, ist meistens verwirrend, hektisch geschnitten und spielt im Dunkeln. So kann geschummelt werden, wenn es um die kämpferischen Fähigkeiten der einzelnen, schwarz gekleideten Schauspieler geht.
„Snake Eyes“ ist sicher besser als die vorherigen „G.I. Joe“-Filme. Trotzdem ist der kindgerecht-unblutige Actionfilm kein glorioser Auftakt für eine neue Kinoserie, wie es „Iron Man“ für das Marvel Cinematic Universe war, sondern die aktuelle Version von „Die Mumie“, dem vergurkten Auftakt des Dark Universe; einer geplanten Reihe von Neuverfilmungen von Universal-Horrorfilmklassikern, die nie über den ersten Film hinausgekommen ist.
Snake Eye: G.I. Joe Origins (Snake Eyes: G.I. Joe Origins, USA 2021)
Regie: Robert Schwentke
Drehbuch: Evan Spiliotopoulos, Joe Shrapnel, Anna Waterhouse (nach einer Geschichte von Evan Spiliotopoulos)
mit Henry Golding, Andrew Koji, Úrsula Corberó, Samara Weaving, Samuel Finzi, Haruka Abe, Takehiro Hira, Peter Mensah, Iko Uwais, Eri Ishida
Vor zwei Jahren wurden Zoey (Taylor Russell), Ben (Logan Miller) und vier weitere Menschen in ein aus mehreren extravaganten Räumen bestehendes „Escape Room“-Spiel gesperrt und in ein perfides Spiel gezwungen. Sie mussten, immer im Rennen gegen die Zeit, Rätsel lösen und tödlichen Fallen entgehen. Die meisten von ihnen starben dabei, weil das genau das von dem Spielmacher erwünschte Ergebnis war. Allen Spielern beim Sterben zusehen.
Aber Zoey und Ben überlebten. Sie haben immer noch Alpträume von dem Spiel. Zoey ist in Therapie. Außerdem sucht sie nach Hinweisen, die sie zu den Organisatoren des Spiels, der anscheinend allmächtigen Minos Corporation, führen können. Jetzt hat sie eine Spur, die sie nach New York zu einem verlassenem Lagerhaus führt.
Als Zoey und Ben am helllichten Tag in der Nähe des Gebäudes in eine U-Bahn einsteigen, sind sie wieder in einem Escape-Room-Spiel. Denn der U-Bahn-Wagen koppelt sich von der restlichen U-Bahn ab, fährt einen anderen Weg und wird zur tödlichen Falle für die sechs in ihm sitzenden Passagiere.
Die vier anderen Passagiere sind, wie sie schnell feststellen, ebenfalls Überlebende von Escape-Room-Spielen der Minos Corporation (gut, das macht jetzt nur eingeschränkt Sinn) und die Minos Corporation hat es irgendwie geschafft, sie alle zufällig zur gleichen Zeit in diesen U-Bahn-Wagen zu bringen. Zum Glück erfahren wir nicht, aufgrund welcher Zufälle die anderen Mitspieler und nur die anderen Mitspieler den Wagen betreten haben. Denn, seien wir ehrlich, es hätte hunderttausend einfachere Wege gegeben, sie an einen Ort zu bringen oder, wenn es denn unbedingt ein Schienenfahrzeug sein muss, sie in das gleiche Abteil zu bringen als eine Verkettung von Zufällen, die auf Zufällen aufbauen.
In dem Wagen beginnt dann der US-titelgebende ‚Wettkampf der Champions‘.
Auf die restliche Handlung hat ihre vorherige Spielerfahrung wenig Einfluss. Schnell, eigentlich sofort, wird Zoey als die beste Spielerin akzeptiert; – auch weil die anderen nicht gerade wahnsinnig brillant sind.
Von dem U-Bahn-Wagen, der mittels Elektrizität zur tödlichen Falle wird, geht es einige Etagen tiefer in eine riesige Art-Deco-Bankhalle, in der es ein Sicherheitssystem mit tödlichen Laserstrahlen gibt, einen ebenso tödlichen Strand, eine im verregneten „Blade Runner“-Stil nachgestellten Straßenszene und in ein Kinderzimmer.
Durch diese Horrorkammern hetzten die sechs, fünf, vier, drei, zwei Spieler. Als eigenständige Charaktere bleiben sie durchgehend blass. Das liegt einerseits an der Struktur des Spiels, in dem jeder jederzeit sterben kann. Da möchte man keine Lieblingsfigur auswählen, die dann in einigen Minuten tot ist. Andererseits, und das ist der wichtigere Grund, haben die Macher des Films sich nicht bemüht, den einzelnen Figuren eine Geschichte und für das Spiel wichtige Konflikte mitzugeben. Sie sind einfach nur austauschbare Spielfiguren in einem perfiden Spiel.
Das Ende ist, ähm, merkwürdig, überzeugt noch weniger als das Ende des ersten Films, ist kaum bis überhaupt nicht mit dem vorher gezeigten vereinbar und noch bescheuerter als die Idee, sechs Spieler in einen U-Bahn-Wagen zu bringen.
Aber auch bis dahin kümmerten die Macher sich nicht groß um erzählerische Stringenz und starres Befolgen der von ihnen aufgestellten Regeln. Da wurde mal gestorben, mal nicht, halt so, wie es gerade passte in dieser Geisterbahn der schrecklichen Räume.
Über die Hintergründe, also wer warum diese Escape Rooms unbehellligt organisiert, erfahren wir nichts bzw. noch weniger als im ersten Teil. Aber vielleicht im dritten Teil.
Escpae Room 2: No way out (Escape Room: Tournament of Champions, USA 2021)
Regie: Adam Robitel
Drehbuch: Will Honley, Maria Melnik, Daniel Tuch, Oren Uziel (nach einer Geschcihte von Christine Lavaf und Fritz Bohm)
mit Taylor Russell, Logan Miller, Indya Moore, Holland Roden, Thomas Cocquerel, Carlito Olivero, Deborah Ann Woll
Zeugin der Anklage(The Witness for the Prosecution, Großbritannien 2016)
Regie: Julian Jarrold
Drehbuch: Sarah Phelps
LV: Agatha Christie: The Witness for the Prosecution, 1925 (Kurzgeschichte, erschien ursprünglich als „Traitor’s Hands“ in Flynn’s, 31. Januar 1925, später unter dem heute bekannten Titel in der Kurzgeschichtensammlung „The Hound of Death and Other Stories, 1933; deutscher Titel: Zeugin der Anklage)
London, in den Zwanzigern: Kriegsheimkehrer Leonard Vole soll die vermögende Witwe Emily French ermordet haben. Er beteuert seine Unschuld. Trotzdem droht ihm die Todesstrafe. Vor allem nachdem seine Frau zur ‚Zeugin der Anklage‘ wird.
Die Geschichte kennen wir. Entweder haben wir die Kurzgeschichte gelesen (Falls nicht: Lesebefehl!) oder das Theaterstück gesehen oder Billy Wilders Klassiker „Zeugin der Anklage“ (Witnes for the Prosecution, USA 1957, mit Tyrone Power, Marlene Dietrich und Charles Laughton) gesehen. Das war, neben „Mord im Orient-Express“ (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974), die einzige Verfilmung eines ihrer Werke, die Agatha Christie mochte
Heute wird, als TV-Premiere, die hochgelobte und formidabel besetzte BBC-Neuverfilmung von 2016 präsentiert.
mit Billy Howle, Kim Cattrall, Monica Dolan, Andrea Riseborough, Toby Jones, Robert East, David Haig
Eine TV-Premiere, eine Polizeistation, ein Verhör, ein seltsamer Polizist, ein sich in Widersprüche verwickelnder Verdächtiger, ein Film von Quentin Dupieux. Ein Vergnügen für die Freunde des abseitigen Humors.
mit Benoît Poelvoorde, Grégoire Ludig, Marc Fraize, Anais Demoustier, Orelsan, Philippe Duquesne, Jacky Lambert, Jeanne Rosa, Vicnent Grass, July Messéan
Tatort: Kressin und der tote Mann im Fleet(Deutschland 1971)
Regie: Peter Beauvais
Drehbuch: Wolfgang Menge
Im Sommer werden ab und an, meistens zu mitternächtlicher Stunde, alte „Tatorte“ gezeigt. Heute gibt es den dritten „Tatort“. In ihm ermittelt Zollfahnder Kressin in Hamburg. Denn dort wurde der Reiseleier einer Kreuzfahrt, an der Kressin teilgenommen hatte, ermordet und ins Wasser geworfen.
Hach, war der Kressin ein fescher Bursche. Die Dienstregeln legte er locker aus, die Bösewichter verkloppte er und bei den Frauen hatte er einen Schlag.
Mit Sieghardt Rupp, Hermann Lenschau, Sabine Sinjen, Eva Renzi, Siegfried Flemm, Günter Heising, Ivan Desny, Edgar Hoppe, Walter Richter (als Gastkommissar Trimmel)
Karin Vergerus beginnt eine Affäre mit dem Archäologen David Kovac. Dummerweise erfährt ihr Mann davon.
Extrem selten gezeigter, ziemlich unbekannter Film von Ingmar Bergman. Sein erster englischsprachiger Film ist keiner seiner allgemein anerkannten Klassiker, aber mit gut fünfzig Jahren Abstand sicher ein interessanter Blick in die damaligen gesellschaftlichen Konventionen und dem Versuch einer bürgerlichen Frau, sich aus ihnen zu befreien..
„Ein auffallend glatt und sehr konventionell inszenierter Film.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Elliott Gould, Bibi Andersson, Max von Sydow, Sheila Reid
auch bekannt als „Die Berührung“ (DDR-Titel) und „The Touch“
Le Mans 66: Gegen jede Chance (Ford v Ferrari, USA 2019)
Regie: James Mangold
Drehbuch: Jez Butterworth, John-Henry Butterworth, Jason Keller
In den frühen sechziger Jahren hatte Ferrari mit seinen Siegen bei Autorennen ein cooles Image. Der langweilige Familienkutschenhersteller Ford wollte von diesem Image profitieren. Aber Ferrari wehrte sich erfolgreich gegen die Firmenübernahme. Also engagierte Henry Ford II den Ex-Rennfahrer Carroll Shelby (Matt Damon). Er sollte in kürzester Zeit einen Ford-Rennwagen entwickeln, der bei dem prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen von Le Mans Ferrari schlägt. Shelby engagiert dafür Ken Miles (Christian Bale), einen nicht teamfähigen, genialen Tüflter, Autonarr und Rennfahrer. Gemeinsam könnte ihnen das Unmögliche gelingen.
TV-Premiere. Tolles, auf einer wahren Geschichte beruhendes Rennfahrerdrama und ein zukünftiger Klassiker.
mit Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar, Stephen Graham, Ophelia Lovibon
Guy (Ryan Reynolds) ist rundum zufrieden mit seinem Leben in Free City. Er hat einen Job in der Bank (die täglich überfallen wird), ist mit dem Wachmann Buddy befreundet, lebt in einem ein Apartment mit einer paradiesischen Aussicht und bekommt jeden Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, einen zu heißen Kaffee. Was will man mehr?
Dieses in den immergleichen Bahnen verlaufende Leben endet, als Guy sich in Molotovgirl (Jodie Comer), eine sonnenbebrillte sexy Kampfamazone, verliebt und er eine der Sonnenbrillen aufsetzt, die nur Menschen, wie die Bankräuber, tragen dürfen.
Durch die Brille erfährt Guy, dass er in einem Computerspiel lebt. Durch Molotovgirl erfährt er, dass er ein NSC, ein Nicht-Spieler-Charakter, ist. Er ist also eine Hintergrundfigur, die einfach nur bestimmte Bewegungen ausführen soll und Sätze sagen kann. Er hätte Molotovgirl niemals ansprechen dürfen und können.
Eben diese Anomalie weckt das Interesse von Molotovgirl, die im echten Leben Millie (Jodie Comer) heißt. Sie will Antwan (Taika Waititi) verklagen, weil er ein Computerprogramm von ihr und ihrem Freund Keys (Joe Keery) gestohlen und es in dem brutalen Töten-oder-getötet-werden-Computerspiel „Free City“ verarbeitet hat. Den Beweis für diesen Diebstahl will sie in dem Spiel finden. Guy könnte ihr dabei helfen.
Und schon sind wir in einem munteren Spiel zwischen Realität und virtueller Realität, das im ersten Moment teils an „Die Truman Show“, teils an „Ready Player One“ erinnert und dann doch eine ganz eigene Welt entwirft und eine ganz andere Geschichte erzählt. „Free Guy“-Drehbuchautor Zak Penn schrieb das Drehbuch für „Ready Player One“. Seine Hollywood-Karriere begann mit einem Story-Credit für den Arnold-Schwarzenegger-Film „Last Action Hero“, in dem ein Actionfilmheld in die reale Welt geworfen wird. Danach trieb Penn sich im „X-Men“- und Marvel-Universum herum. Bei „Free Guy“ wurde er für den Feinschliff an Matt Liebermans Drehbuch engagiert.
„Free Guy“-Regisseur Shawn Levy ist vor allem als Komödienregisseur bekannt. Die „Nachts im Museum“-Filme, „Date Night“ und „Prakti.com“ gehören zu seinem Werk, aber auch die Science-Fiction-Vater-Sohn-Geschichte „Real Steel“ und die Tragikomödie „Sieben verdammt lange Tage“.
Seinen neuesten Film inszenierte er souverän und auch in Szenen zwischen den verschiedenen Realitätsebenen wechselnd mit einem spielfreudigen Ensemble. Vor allem Ryan Reynolds als ewig strahlender, optimistischer Sunnyboy Guy, der niemand verletzten oder töten möchte (auch wenn es nur in der Realität des Spiels ist) und Taika Waititi als Over-the-Top-Firmenmogul/Bösewicht fallen auf. Sie sollen für einen Großteil der Lacher sorgen. Jodie Comer überzeugt in ihrer Doppelrolle als Actionheldin Molotovgirl und nerdige Programmiererin Millie.und der damit verbundenen doppelten Liebesgeschichte.
Die Story ist gut entwickelt, ohne die Zuschauer mit zu tiefsinnigen Gedanken zu belästigen. Auch die Anspielungen sind mit einer guten Portion aktuellem popkulturellem Wissen leicht verständlich.
Damit erfüllt „Free Guy“ seine Aufgabe als eskapistischer Sommer-Blockbuster vorzüglich.
Free Guy (Free Guy, USA 2021)
Regie: Shawn Levy
Drehbuch: Matt Lieberman, Zak Penn (nach einer Geschichte von Matt Lieberman)
mit Jodie Comer, Ryan Reynolds, Taika Waititi, Camille Kostek, Aaron W Reed, Channing Tatum, Utkarsh Ambudkar, Joe Keery, Kimberly Howe, Matty Cardarople, Lil Rel Howery, Alex Trebek
Womit kann man seine Eltern provozieren? Die Tochter einer überzeugten Atheistin und Feministin probiert es mit einem hundertfünfzigprozentigem Übertritt zum Islam.
TV-Premiere. Hochgelobte Komödie mit viel schwarzem Humor und Situationskomik, die ich damals im Kino leider verpasste.
mit Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher, Simon Schwarz, Emily Cox, Kida Khodr Ramadan
Die jährliche Purge findet nicht nur in den Suburbs und Städten, sondern in den ganzen Vereinigten Staaten von Amerika statt. Also auch im Hinterland und in Texas, wo der neueste Film der „The Purge“-Reihe spielt.
Die Purge ist eine von den New Founding Fathers of America (NFFA) erfundene Maßnahme zur seelischen Reinigung und Triebabfuhr. In einer Nacht ist jedes Verbrechen erlaubt. Die Nacht entwickelte sich zu einem Silvester des Mordens.
James DeMonaco, Autor, Regisseur und inzwischen auch einer der Produzenten der Serie, hatte diese dystopische Idee. Die Filme waren immer auch ein Mittel für wenig subtile politische Kommentare zur Lage der Nation. Gnadenlos wurde mit dem Gedankengut abgerechnet, das wir inzwischen unter dem Label Trumpismus zusammenfassen können.
Verknüpft wurde dies mit einer ordentlichen Portion hemmungsloser Gewalt.
Im ersten „The Purge“-Film (2013) kämpfte eine Familie in ihrem Vorstadthaus gegen eine Gruppe Eindringlige. Das war, mit Ethan Hawke und Lena Headey in den Hauptrollen, ein klassischer, niedrig budgetierter Home-Invasion-Thriller mit einem für die Story letztendlich vernachlässigbarem politischen Subtext.
Im zweiten und dritten „The Purge“-Film („The Purge: Anarchy“ [2014] und „The Purge: Election Year“ [2015]), beide mit Frank Grillo, ging es dann beide Male, mit vielen Figuren und Handlungssträngen durch die mörderische Großstadtnacht. Die Kritik an der Politik der NFFA wurde deutlicher. Es waren Pamphlete und überspitzte tagespolitische Kommentare
Im vierten „The Purge“-Film („The First Purge“ [2018]) wurde die Geschichte der ersten Purge erzählt und was die Organisatoren taten, um die Menschen zum Ausleben ihrer Triebe zu animieren. Das war vor allem das Brandschatzen und das Ermorden von Schwarzen, Verbrechern (echten und vermeintlichen) und allen, die nicht sofort in das christliche-fundamentallistische Weltbild passten. Denn in der ersten Purge-Nacht wollten die Menschen das noch nicht tun. In diesem Film wurde das zynisch-reaktionär-faschistoide Kalkül der Machthaber deutlich. Und ein lokaler Druglord wurde zum Kümmerer, der die Menschen in seinem Viertel vor den weißen Bösewichtern rettet.
Zwischen diesem vierten und dem jetzt im Kino startenden fünften „The Purge“-Film gab es 2018/2019 auch eine TV-Serie, die es auf zwanzig Folgen brachte.
Dieser fünfte Film war als der letzte Film der Serie angekündigt wurde und er könnte auch der letzte Film der Serie sein, wenn James DeMonaco jetzt nicht schon die Idee für einen sechsten Film gehabt hätte. Er schrieb wieder das Drehbuch. Die Regie bei „The Forever Purge“ übernahm Everardo Valerio Gout. Der Mexikaner inszenierte „Days of Grace“, Musikvideos, Episoden für TV-Serien wie „Banshee“ „Luke Cage“ und „Snowpiercer“ und fast alle Episoden der National-Geographic-Serie „Mars“. Alle Haupt- und Nebenrollen wurden neu besetzt. Damit erzählt „The Forever Purge“, der in den USA ursprünglich im Juli 2020 starten sollte, eine komplett neue Geschichte im „Purge“-Universum.
Dieses Mal spielt die Geschichte in Texas und im Mittelpunkt stehen Adela und Juan. Das Ehepaar musste vor der auch sie unmittelbar bedrohenden Gewalt der Drogenkartelle aus Mexiko in die USA fliehen. Jetzt leben sie als Illegale im Los Feliz Valley. Adela arbeitet in einer Fleischfabrik. Juan ist Pferdeversteher und Rancharbeiter bei den wohlhabenden Tuckers. Die Purge-Nacht verbringen sie mit anderen Mexikanern in einem gut gesicherten Haus.
Im Gegensatz zu den vorherigen Purge-Nächten endet das Morden dieses Mal allerdings nicht mit dem Morgengrauen, sondern eine sich landesweit koordinierte Gruppe von Purgern mordet weiter. Die USA versinken im Chaos.
Einige Purger, die auch aus Angestellten der Tucker-Ranch bestehen, exekutieren das Oberhaupt der Tucker-Familie. Diesen und ihre weiteren Morde ummänteln sie mit etwas Rhetorik gegen die Vermögenden, Stolz auf die amerikanischen Werte und Hass auf Fremde. Bevor sie die weiteren Familienmitglieder ermorden können, werden sie von Juan und seinem Arbeitskollegen T. T. gerettet. Gemeinsam mit den überlebenden Mitglieder der Familie Tucker – Dylan Tucker, ein Redneck mit periodischen liberalen Anwandlungen, seine schwangere Frau Cassie und seine taffe Schwester Harper – flüchten sie vor weiteren Purgern von der Ranch.
In der nahe gelegenen Stadt, die inzwischen einem Kriegsgebiet gleicht, können sie Adela aus einer misslichen Situation befreien.
Gemeinsam machen sie sich auf den Weg Richtung Mexiko. Dort werden sie nicht mehr von den mordgierigen „Forever Purgern“ verfolgt. Falls sie die Grenze lebend erreichen.
Das B-Picture „The Forever Purge“ ist letztendlich ein Neo-Western, der auch wieder an den ersten Film anschließt. Denn wieder geht es nur um eine kleine Gruppe von Menschen, die ums Überleben kämpft. Die politische Kritik ist im Gegensatz zu den vorherigen Filmen fast schon subtil bis kaum vernehmbar. Das liegt daran, dass wir über den kollektiven Aufstand nur aus den Medien erfahren, nicht mehr über Sinn und Unsinn der Purge gesprochen wird und die NFFA kein Gesicht hat. Ein ständiges Thema ist allerdings der Rassismus, die Fremdenfeindlichkeit (so weigert Dylan Tucker sich, spanisch zu lernen, obwohl er Mexikaner beschäftigt) und das Zusammenleben der Kulturen.
Außerdem zeigen DeMonaco und Gout die Folgen einer von Anfang an menschenverachtenden Idee über die die Initiatoren die Kontrolle verlieren. Die NFFA haben ein Feuer entfacht, dass sie in „The Forever Purge“ nicht mehr löschen können. Der aus Rassisten und White-Supremacy-Anhänger bestehende Mob übernimmt die Herrschaft über die Straße. Das macht den Thriller dann zu einem fast schon natürlichen Schlusspunkt der „The Purge“-Serie.
Und, schließlich sollte er in den USA ursprünglich vor etwas über einem Jahr starten, zu einer eindrücklichen Warnung vor einer zweiten Trump-Amtszeit. Nach der Wahl hat diese Warnung, wie die Bilder vom Sturm des Mobs auf das Kapitol am 6. Januar 2021, die skrupellosen Versuche von Donald Trump und den Republikanern, das Wahlergebnis ungültig zu machen und die aktuelle Entwicklung der Republikaner hin zu einer die Realität verleugnenden, demokratiefeindlichen Sekte zeigen, nichts von ihrer Aktualität verloren. Dieser politische Kommentar mit den Mitteln des Exploitation-Films ist natürlich kein feingeistiger Zeitungskommentar, sondern knalliges Kino.
„The Forever Purge“ ist ein aktuelle politische Diskurse kommentierendes Roadmovie mit viel Action, Blut, Gewalt, einigen, eher wenig überraschenden Wendungen und starken Rollen für Native Americans, Mexikaner und Frauen.
The Forever Purge(The Forever Purge, USA 2021)
Regie: Everardo Valerio Gout
Drehbuch: James DeMonaco
mit Ana de la Reguera, Tenoch Huerta, Josh Lucas, Cassidy Freeman, Leven Rambin, Will Patton, Alejandro Edda, Sammi Rotibi, Zahn McClarnon
Kaum beginnt Kommissar Hanns von Meuffels seinen Dienst in München, muss er auch gleich im Kreis der Kollegen ermitteln. Denn auf die Frau von Gerry Vogt wurde ein Anschlag verübt, bei dem ihre Freundin starb. Diana Vogt erhält Polizeischutz und von Meuffels und Vogt suchen die Mörderin, die wahrscheinlich eine verschmähte Verehrerin ist.
Der erste Auftritt von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels ist ein starkes Stück Kino, mitreisend erzählt mit kleinen Abschweifungen. Dass die Lösung, rückblickend, einige kleine Logikfehler hat, kann nach neunzig atemlosen Minuten verziehen werden.
mit Matthias Brandt, Ronald Zehrfeld, Philipp Moog, Alma Leiberg, Anna Maria Sturm, Tobias van Dieken
In der Einsamkeit der Rocky Mountains verlieben sich 1963, während sie Schafe hüten, die Cowboys Jack Twist und Ennis Del Mar ineinander. Danach schlagen sie getrennte Lebenswege ein, begegnen sich aber immer wieder.
Berührendes, hochgelobtes, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes Drama von Ang Lee.
mit Heath Ledger, Jake Gyllenhaal, Randy Quaid, Anne Hathaway, Michelle Williams, Valerie Plance, David Harbour
Fotograf Jeffries liegt mit einem gebrochenen Bein in seinem Hinterhofzimmer und beobachtet gelangweilt seine Nachbarn. Eines Tages glaubt er, Mr. Thorwald habe seine Frau umgebracht. Aber wie kann er es beweisen?
Ein Meisterwerk. Ein perfekter Film über Männer und Frauen, über alle Facetten des Zusammenlebens (eigentlich der Unmöglichkeit des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau) und über Voyeure – gedreht in einem einzigen Studio (der gesamte Hinterhof wurde dort „funktionsfähig“ nachgebildet) aus einer einzigen Perspektive (wir sind mit James Stewart in seinem Zimmer gefangen).
Mit James Stewart, Grace Kelly, Thelma Ritter, Raymond Burr
Sehr selten gezeigter Film von Truffaut, in dem er Episoden aus dem Alltag einiger in der südfranzösischen Provinzstadt Thiers zeigt. Die Episoden basieren auf eigenen und den Erlebnissen der Kinder.
mit Jean-François Stévenin, Virginie Thévenet, Marcel Berbert, Christine Pellé, Jane Lobre, Laura Truffaut, François Truffaut, Geory Desmouceaux, Philippe Goldman, Claudio Deluca, Franck Deluca, Pascale Bruchon, Corinne Boucart, Eva Truffaut
Ready or Not – Auf die Plätze fertig tot(Ready or Not, USA 2019)
Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett
Drehbuch: Guy Busick, R. Christopher Murphy
Bevor Grace ein vollwertiges Mitglied der Familie Le Domas wird, muss sie in der Hochzeitsnacht ein harmloses Aufnahmeritual überstehen. Das behauptet jedenfalls ihr Gatte, bevor in dem riesigen Familienanwesen die Jagd auf die Braut eröffnet wird.
TV-Premiere. Kurzweilige Splatter-Komödie und eine eindrückliche Warnung vor dem Einheiraten in stinkreiche Familien.
mit Samara Weaving, Adam Brody, Mark O’Brien, Henry Czerny, Andie MacDowell, Melanie Scrofano, Kristian Bruun, Nicky Guadagni, Elyse Levesque, John Ralston
In ihrem Kino-Regiedebüt – davor inszenierte sie mehrere „House of Cards“-Episoden – erzählt Robin Wright die Geschichte von Edee Holzer. Die von ihr gespielte Edee entschließt sich, nach einem traumatischen Ereignis, das für uns in seinem vollen Umfang lange im Dunkeln bleibt, die Zivilisation und ihr bisheriges wohlgeordnetes Leben hinter sich zu lassen. Sie kauft sich eine einsam in den Bergen von Wyoming gelegene Blockhütte, die nur eine Ein-Zimmer-Bretterbude ist, und fährt mit einer Jahresration Dosenessen dorthin. Ihr Auto lässt sie später abholen. Ihr Telefon hat sie bereits vorher in eine Mülltonne geworfen.
Dass sie keine Ahnung vom Überleben in der Wildnis hat, stört sie nicht. Es gibt ja Ratgeberbücher.
Im Winter stößt diese naive „Was soll mir schon passieren“-Strategie an ihre Grenze.
Kurz bevor sie in der Hütte erfriert, wird sie von Miguel Borras (Demián Bichir) und Alawa (Sarah Dawn Pledge), einer mit ihm befreundeten Krankenschwester, gerettet. Der Jäger hat Edee schon länger beobachtet.
In dem Moment beginnt Edees Rückkehr ins Leben. Auch wenn diese Rückkehr zunächst darin besteht, dass Miguel ihr beibringt, wie man in der Wildnis überlebt und schweigend genossenen Sonnenuntergängen.
„Abseits des Lebens“ erzählt die nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlene Geschichte einer Traumabehandlung. Denn ohne Miguel wäre Edee schon lange vor dem ersten Frühling gestorben. Mit seiner schweigsamen, nie fordernden, immer geduldigen Art ist er dann der ideale Therapeut.
Der andere Therapeut in diesem dialogarmen „Die Einsamkeit heilt alle Wunden“-Stück ist die beeindruckende Landschaft der Rocky Mountains. Gedreht wurde hauptsächlich in Moose Mountain in Alberta, Kanada, und Kameramann Bobby Bukowski verbrachte werden des Drehs jede Nacht in Edees Hütte, um die Landschaft aufzunehmen.
„Abseits des Lebens“ ist ein ruhig erzähltes Zwei-Personenstück. Dank des zurückgenommenen Spiels von Robin Wright und Demián Bichir sind die seelischen Wunden ihrer Figuren immer spürbar. Wenn sie dann ihre Verlusterfahrungen und die Gründe für ihre Schuldgefühle ansprechen, klingen sie beliebig. Das liegt daran, dass es in „Abseits des Lebens“ um die Folgen und um einen Weg geht, wie mit einem schmerzhaften Verlust umgegangen werden kann.
Abseits des Lebens (Land, USA 2021)
Regie: Robin Wright
Drehbuch: Jesse Chatham, Erin Digman
mit Robin Wright, Demián Bichir, Sarah Dawn Pledge, Brad Leland, Kim Dickens
Will, ein Kriegsveteran mit psychischen Problemen, lebt mit seiner Tochter Tom von der restlichen Menschheit abgeschieden in den Wäldern um Portland, Oregon. Als Tom von einem Jogger entdeckt wird, werden sie in ein Arbeitsprogramm gezwungen.
TV-Premiere. Tolles Drama von „Winter’s Bone“-Regisseurin Debra Granik.
Im Moment glaubt Dominik Graf, dass eine Verfilmung genauso so lange sein soll, wie die Lektüre des Buches dauert. Bei einem kurzen Roman, also eigentlich eher einer Novelle, geht das. Trotzdem ist die Idee Unfug. Konsequent exekutiert würden dann Romanverfilmungen zehn bis zwanzig Stunden dauern. Solche Epen könnten dann nur noch im Fernsehen laufen. Dabei gibt es etliche Romanverfilmungen, die ausgezeichnete eigenständige Interpretionen von Romanen sind und deutlich kürzer als die Vorlage sind.
Das sage ich, weil die Länge von drei Stunden das Problem von Dominik Grafs ansonsten sehr gelungener, werktreuer und gleichzeitig eigenständiger Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ ist.
Kästners Roman erschien 1931 in einer leicht gekürzten Fassung als „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“. Er wurde von den Nazis als entartete Kunst angesehen und gehörte zu den Büchern, die während der Bücherverbrennung verbrannt wurden. 2013 erschien unter dem ursprünglich geplanten Titel „Der Gang vor die Hunde“ Kästners Originalfassung. Diese liegt Dominik Grafs Verfilmung zugrunde.
Fabians Geschichte ist eine bestenfalls lose verknüpfte Abfolge von Episoden, die ein Bild von Deutschland vor neunzig Jahren, also von den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, ergeben. In einem Roman, vor allen in einem etwas über zweihundertseitigem Roman, der eine Satire ist, zur Avantgarde gehört und der ein Sittenbild ist, ist diese episodische Struktur kein Problem. Bei einem Film, der dann drei Stunden lang Episoden ohne eine erkennbare Geschichte aneinanderreiht, wird das zu einem Problem. Es wird redundant. Es wird langweilig.
Auch wenn ich jetzt nicht genau sagen kann, wo Graf hätte schneiden sollen, hätte er doch um ein Drittel kürzen sollen.
Das gesagt ist „Fabian“ ein absolut sehenswerter Film, der die Stimmung der zwanziger Jahre, das pulsierende Großstadt-, Künstler- und Bohèmeleben, ohne erkennbare Kompromisse und souverän mit allen filmischen Stilmitteln hantierend, auf die Leinwand bringt.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht – überzeugend von „Oh Boy“ Tom Schilling gespielt – Jakob Fabian, ein promovierter Germanist, der im Berlin der frühen dreißiger Jahre tagsüber als schlecht verdienender Werbetexter für eine Zigarettenfabrik arbeitet, in einem Zimmer zur Miete wohnt und nach Sonnenuntergang durch die Berliner Clubs und Bordelle zieht. Dabei lehnt der Flaneur und Beobachter nie einen Drink oder eine Affäre ab. Begleitet wird er meistens von seinem Studienfreund Stephan Labude. Der Sohn des vermögenden Justizrat Labude schreibt schon seit Jahren an seiner Habilitation und er ist bekennender und agitierender Kommunist. Er hat eine feste, in einer anderen Stadt lebende Freundin, die er heiraten will. Aber sie betrügt ihn.
Bei einem seiner nächtlichen Sauftouren trifft Fabian auf Irene Moll. Die verheiratete Frau hat mit ihrem Mann ein Arrangement getroffen, nach dem sie ihm ihre Liebhaber vorstellen muss, die Liebhaber einen Vertrag unterschreiben müssen und sie dann Sex haben dürfen. Dieses Angebot lehnt Fabian bei ihrer ersten Begegnung empört ab.
Kurz darauf trifft er in einem Kabarett Cornelia Battenberg. Zufällig haben sie in der gleichen Wohnung ein Zimmer gemietet. Sie verlieben sich ineinander. Cornelia will als Schauspielerin Karriere machen. Sie beginnt eine Affäre mit einem Filmproduzenten.
Aus diesen und zahlreichen weiteren Episoden, aber noch mehr aus der Inszenierung, ergibt sich ein Bild des damaligen Berlins und der damaligen Gefühlslage, die in bestimmten Aspekten immer noch oder wieder aktuell ist. Während in Kästners Roman die Warnung vor dem Nationalsozialismus zwischen den Zeilen steht – schließlich kannte Kästner als er den Roman schrieb, die Zukunft nicht – deutet Graf den beginnenden Nazi-Terror deutlich an. Er zeigt Stolpersteine, die es in Berlin erst seit einigen Jahren gibt. Auf ihnen stehen die Namen von Opfern der Nationalsozialisten. Wir sehen Nazi-Uniformen. Bei einer Konfrontation von Fabian mit einem von Labudes Studienkollegen ist der heraufziehende Faschismus deutlich spür- und sichtbar.
Sowieso interessiert Graf sich in seinem Sittengemälde wenig für historische Faktenkorrektheit. Ihm geht es darum, die damalige Stimmung, die von einem Gefühl eines nahenden Weltuntergangs geprägt war, begreifbar zu machen und tief in Fabians Psyche, die Psyche eines alles distanziert beobachtenden Moralisten, einzutauchen. Dieser Fabian ist kein Mitläufer. Er will nicht, während er sich durch das pulsierende Nachtleben treiben lässt, mit der Masse mitschwimmen.
Dazu lässt Graf die Kamera fiebrig durch die engen, dunklen Räume tanzen. Er schneidet teils im Sekundentakt. Später, wenn Fabian sich verliebt und seine Eltern besucht, wird die Kamera und der Anfangs atemlose Erzählrhythmus ruhiger. Graf wechselt munter die Kameras, das Filmmaterial und das Bildformat. Er schneidet historische Aufnahmen hinein. Dazu kommt ein konstanter Fluss von Dialogen und Voice-Over. Auch wenn nicht alle Texte von Kästner sind, haben sie immer einen deutlichen Kästner-Einfluss. So ergibt sich eine souveräne, sehr eigenständige Interpretation des Romans, die immer wie eine wortwörtliche Übertragung wirkt, es aber nicht ist. Graf und sein Co-Drehbuchautor Constantin Lieb haben den Geist des lesenswerten Buches vorzüglich eingefangen.
Nach diesem „Fabian“ kann man Wolf Gremms „Fabian“ von 1979 getrost vergessen. Denn der ist nur hochbudgetiertes, letztendlich billiges Ausstattungskino. Genau das kann von dem „Gang vor die Hunde“ nicht gesagt werden.
Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Deutschland 2021)
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Constantin Lieb, Dominik Graf
LV: Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde, 1931/2013
mit Tom Schilling, Albrecht Schuch, Saskia Rosendahl, Michael Wittenborn, Petra Kalkutschke, Elmar Gutmann, Aljoscha Stadelmann, Anne Bennent, Meret Becker
Länge: 186 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
(zum Kinostart mit Filmcover und einigen Filmbildern)