Neu im Kino/Filmkritik: Über Ridley Scotts Mittelalterdrama „The last Duel“

Oktober 14, 2021

Natürlich ist das titelgebende „The Last Duel“ nicht wirklich das letzte Duell, sondern das Duell vom 29. Dezember 1386 ist das letzte gerichtlich verbürgte Duell in Frankreich. Aber es ist ein guter Filmtitel. Mit dem Duell sollte herausgefunden werden, ob Jacques Le Gris Marguerite de Carrouges vergewaltigt hatte. Solche Gerichtskämpfe, bei denen durch einen Kampf herausgefunden wurde, wer die Wahrheit sagt, waren damals schon eine Seltenheit.

Dieses Duell, die Schuldfrage und ob Marguerite de Carrouges vergewaltigt wurde, wurden seitdem, mehr oder weniger farbig ausgeschmückt, weiter erzählt. 2004 schilderte Eric Jager, nach zehnjähriger Recherche, in „The Last Duel“ das Duell. Matt Damon wurde auf das Buch aufmerksam. Er sprach Ridley Scott, mit dem er bereits bei „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ zusammengearbeitet hat, darauf an. Und er schrieb zusammen mit Ben Affleck und Nicole Holofcener das Drehbuch, bei dem vor allem seine Erzählstruktur auffällt. Denn die Ereignisse werden hintereinander, in drei ungefähr gleich langen Blöcken von jeweils ungefähr 45 Minuten geschildert. Zuerst werden die Ereignisse aus der Sicht von Jean de Carrouges (Matt Damon), dann von Jacques Le Gris (Adam Driver) und abschließend von Marguerite de Carrouges (Jodie Comer) geschildert. Holofcener („Genug gesagt“, „Can you ever forgive me?“) war vor allem für diesen Teil zuständig.

Carrouges und Le Gris sind alte Kampfgefährten und Freunde, die gemeinsam zahlreiche Kämpfe überlebten. Carrouges heiratete 1380 Marguerite de Thibouville. Durch die Heirat erhoffte er auch, seine prekäre finanzielle Situation zu verbessern. Trotzdem muss er immer wieder als Ritter in Kämpfe ziehen. Le Gris, Sohn eines normannischen Gutsherrn, beginnt währenddessen für Graf Pierre d’Alencon (Ben Affleck) zu arbeiten und Geld einzutreiben.

Während Carrouges auf einem Feldzug ist, hat Marguerite die Aufsicht über den Hof (und sie ist dabei wesentlich geschäftstüchtiger als ihr Mann). Als sie allein in der Burg ist, dringt Le Gris ein und vergewaltigt sie. Das behauptet sie jedenfalls später gegenüber ihrem Mann. Die Forschung, die sich in diesem Fall auf ungewöhnlich viele gut erhaltene und umfangreiche Dokumente stützen kann, interpretierte die Schuldfrage unterschiedlich. Jager geht in seinem Buch davon aus, dass Le Gris Marguerite vergewaltigte. Der Film folgt ihm darin.

Carrouges fordert Gerechtigkeit. Nachdem d’Alencon sie ihm nicht gewährt, zieht er vor den Justizpalast in Paris. Dort entscheidet der zuständige Richter, dass das Urteil durch ein Gottesurteil gefällt werden soll.

Diese Geschichte erzählt Ridley Scott, wie gesagt, aus drei verschiedenen Perspektiven. Das ist eine gute Idee, um ein Ereignis aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und jede neue Perspektive kann zu weiteren Erkenntnissen führen. Dominik Moll zeigt die Möglichkeiten dieser Herangehensweise in seiner letzte Woche gestarteten Colin-Niel-Verfilmung „Die Verschwundene“. Bei Scott unterscheiden sich die drei Perspektiven kaum. Sie wirken daher wie fast identische Wiederholungen einer Geschichte. Das ist dann arg redundant und langweilt auch.

Gleichzeitig wird offensichtlich, wie sehr der Vorwurf der Vergewaltigung und die Empörung von Carrouges über die Vergewaltigung seiner Frau und seine Versuche, den Täter in einem Gerichtsverfahren verurteilen zu lassen, alle andere Erklärungen und Motive aus dem Film verdrängt. In dem Moment erscheint Carrouges wie ein eifriger Kämpfer für die Rechte der Frauen. Dabei heiratete er Marguerite wegen ihrer Mitgift und als zukünftige Mutter eines Erben. Ihr Geschlechtsverkehr kann mühelos als lustlose Vergewaltigung in der Ehe beschrieben werden.

Genau dieses rein instrumentelle Verhältnis zu seiner Frau führt zur Frage, warum Carrouges seine Klage gegen Le Gris so stur und eifrig weiterbetrieb. Seine ständigen finanziellen Probleme, die ihm verwehrten Positionen und Ämter, auf die er, mehr oder weniger zu Recht, Anspruch gehabt hätte und verlorene Klagen gegen Graf d’Alencon und damit den König von Frankreich liefern Ansätze für eine andere mögliche Erklärung. Das alles wird im Film auch erwähnt, aber als Erklärung für Carouges‘ Verhalten nie weiter thematisiert. Andere Erklärungen und Interpretationen für sein Verhalten werden überhaupt nicht erwähnt.

So bleibt „The Last Duel“ vor allem als mittelalterliche Soap-Opera über gekränkte männliche Eitelkeiten in Erinnerung. Daran ändert auch die dritte, aus Marguerites Perspektive erzählte und endgültige Interpretation der Ereignisse nichts. Denn zwei Drittel des Films werden aus der Perspektive von zwei Männern erzählt und sie bestimmen die Handlung.

Scott inszenierte diese wahre Geschichte in dunklen grau-schwarzen Bildern und einem sehr brutalen Duell am Filmende.

The Last Duel (The Last Duel, USA 2021)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Ben Affleck, Matt Damon, Nicole Holofcener

LV: Eric Jager: The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France, 2004

mit Matt Damon, Adam Driver, Jodie Comer, Ben Affleck, Nathaniel Parker, Harriet Walter, Marton Csokas, Adam Nagaitis, Alex Lawther

Länge: 153 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Last Duel“

Metacritic über „The Last Duel“

Rotten Tomaotes über „The Last Duel“

Wikipedia über „The Last Duel“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood beteiligt sich an der Wahrheitsfindung

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Ridley Scott in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 14. Oktober: Die Wütenden – Les Misérables

Oktober 13, 2021

Servus TV, 22.15

Die Wütenden – Les Misérables (Les Misérables, Frankreich 2019)

Regie: Ladj Ly

Drehbuch: Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manenti

Ein ganz normaler Sommertag in Clichy-Montfermeil, einem sozialen Brennpunkt östlich von Paris: Polizisten, darunter ein Neuling bei seinem ersten Arbeitstag, und Kleingangster kennen und bekriegen sich.

TV-Premiere. Rundum überzeugendes Ghettodrama. Einer meiner Kino!filme des Jahres 2020.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga, Issa Perica, Al-Hassan Ly, Steve Tientcheu, Jeanne Balibar

Wiederholung: Freitag, 15. Oktober, 03.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Wütenden – Les Misérables“

Moviepilot über „Die Wütenden – Les Misérables“

Metacritic über „Die Wütenden – Les Misérables“

Rotten Tomatoes über „Die Wütenden – Les Misérables“

Wikipedia über „Die Wütenden – Les Misérables“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Ladj Lys „Die Wütenden – Les Misérables“ (Les Misérables, Frankreich 2019)


TV-Tipp für den 13. Oktober: Die Wahrheit über Lolita

Oktober 12, 2021

Arte, 21.55

Die Wahrheit über Lolita (Frankreich 2021)

Regie: Olivia Mokiejewski

Drehbuch: Olivia Mokiejewski

Brandneue knapp einstündige Doku über Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ und seine Folgen.

Hinweise

Arte über die Doku (in der Mediathek bis zum 13. März 2022)

Wikipedia über „Lolita“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 12. Oktober: Manche mögen’s heiß

Oktober 11, 2021

HR, 23.15

Manche mögen’s heiß (Some like it hot, USA 1959)

Regie: Billy Wilder

Drehbuch: Billy Wilder, I. A. L. Diamond (nach einer Geschichte von Robert Thoeren und Michael Logan)

Chicago, während der Prohibition: die beiden Musiker Jerry und Joe beobachten den Mord an mehreren Gangstern. Um nicht ebenfalls ermordet zu werden, flüchten sie. In Frauenkleidern verstecken sie sich in einer nur aus Frauen bestehenden Band.

Klassiker. Seltsamerweise war die im TV doch ziemlich oft gezeigte Komödie hier noch nie der Tagestipp. Naja, niemand ist perfekt.

mit Marilyn Monroe, Jack Lemmon, Tony Curtis, George Raft, Pat O’Brien, Joe E. Brown, Edward G. Robinson Jr.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Manche mögen’s heiß“

Wikipedia über „Manche mögen’s heiß“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Stefan Ruzowitzkys sehenswerten Serienkiller-Noir „Hinterland“

Oktober 11, 2021

Zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehren Peter Perg (Murathan Muslu) und seine Männer aus dem Krieg zurück in ein Wien, das sie nicht wieder erkennen. Als sie in den Krieg zogen war Österreich ein Kaiserreich. Jetzt gehört Österreich zu den Verlierern, einen Kaiser gibt es nicht mehr, es ist kleiner und eine Republik. Sie kämpften auf der falschen Seite für die falsche Sache. Niemand erwartet diese Verlierer.

In Wien kehrt Perg in seine alte Wohnung zurück. Seine Frau ist mit ihrem Kind zu ihrer Schwester aufs Land gezogen. Noch ehe Perg sich wirklich Gedanken über sein weiteres Leben machen kann, wird der frühere Kriminalinspektor in einen Mordfall verwickelt. Ein Serienkiller ermordet einen Oberleutnant aus Pergs Truppe, verstümmelt ihn und stellt die Leiche aus.

Zusammen mit der Gerichtsmedizinerin Theresa Körner (Liv Lisa Fries), die er von früher kennt, und dem jungen Kommissar Paul Severin (Max von der Groeben) beginnt er den Serienmörder zu suchen.

Gut, die Geschichte von Stefan Ruzowitzkys neuem Film „Hinterland“ ist ein 08/15-Serienkillerthriller, in dem der Mörder munter seine Taten begeht, die Opfer anschließend fotogen ausstellt, der Ermittler tapfer aufklärt und dem Mörder am Schluss die Maske vom Gesicht reißt. Dabei ist seine Identität sekundär. Schließlich ist „Hinterland“ kein klassischer Rätselkrimi, bei dem der Ermittler in einer Schar hochgradig verdächtiger Menschen den Täter finden muss.

Diese Mordermittlung bildet das Rückgrat für die atemberaubende Gestaltung des Films. Denn Ruzowitzky drehte seinen neuen Film fast ausschließlich im Studio vor Blue Screens. D. h. letztendlich, dass die Schauspieler wie in einem Theater vor einem nackten Hintergrund spielten, Benedict Neuenfels das aufnahm und Ruzowitzky, zusammen mit Oleg Prodeus und Ronald Grauer als Digital Designer, später diese einfügte. Dabei ging es ihnen nie um Realismus, sondern um, so Ruzowitzky, „eine digitale Version des Stummfilmklassikers ‚Das Kabinett des Dr. Caligari’“. Diesen expressionistischen Stil hält er vom ersten bis zum letzten Bild durch. Es handelt sich um ein künstliches Wien, das in jedem Bild seine Künstlichkeit betont und zeigt, wie derangiert und auch verrückt Perg, die anderen Kriegsheimkehrer und ganz Österreich sich fühlen.

Es sind Bilder, die auf die große Leinwand gehören – und auch in einem Comic gut aufgehoben wären.

Hinterland (Österreich/Luxemburg/Belgien/Deutschland 2021)

Regie: Stefan Ruzowitzky

Drehbuch: Robert Buchschwenter, Hanno Pinter, Stefan Ruzowitzky

mit Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Maximilian von der Groeben, Marc Limpach, Matthias Schweighöfer, Stipe Erceg

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Hinterland“

Moviepilot über „Hinterland“

Rotten Tomatoes über „Hinterland“

Wikipedia über „Hinterland“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Cold Blood – Kein Ausweg, keine Gnade“ (Deadfall, USA/Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Das radikal Böse“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Die Hölle – Inferno“ (Österreich/Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Stefan Ruzowitzkys „Narziss und Goldmund“ (Deutschland 2020)

„Hinterland“-Pressekonferenz beim Locarno Film Festival (Schweigen wir über die Kamera. Der Ton ist wichtiger)


TV-Tipp für den 11. Oktober: Deutschstunde

Oktober 10, 2021

ZDF, 20.15

Deutschstunde (Deutschland 2019)

Regie: Christian Schwochow

Drehbuch: Heide Schwochow

LV: Siegfried Lenz: Deutschstunde, 1968

In den Fünfzigern sitzt Siggi Jepsen in einer Besserungsanstalt. Er soll einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Er schreibt über seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs in einem Dorf an der Nordseeküste. Dort setzt Siggis Vater Jens Jepsen als Dorfpolizist mit allen Mitteln gegenüber Siggis Patenonkel Max Ludwig Nansen das gegen Nansen von den Nazis verhängte Malverbot durch.

TV-Premiere. „Deutschstunde“ ist gediegenes, aber nicht in Erinnerung bleibendes Bildungsbürgerkino. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht besonders überzeugend.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Mit Tobias Moretti, der aktuell im Kino in „Das Haus“ einen Journalisten mit Schreibverbot spielt, als Maler Max Ludwig Nansen

mit Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter, Johanna Wokalek, Sonja Richter, Maria Dragus, Tom Gronau, Louis Hofmann

Die Vorlage

Siegfried Lenz: Deutschstunde (Filmausgabe)

Atlantik, 2019

592 Seiten

12 Euro

Siegfried Lenz: Deutschstunde (Jubiläumsausgabe, mit einer Zeittafel über Siegfried Lenz)

Hoffmann und Campe, 2018

592 Seiten

25 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Deutschstunde“

Moviepilot über „Deutschstunde“

Wikipedia über „Deutschstunde“ (Film, Roman) und Siegfried Lenz

Hoffman und Campe über Siegfried Lenz

Offizielle deutsche Homepage von Siegfried Lenz

Meine Besprechung von Christian Schwochows „Deutschstunde“ (Deutschland 2019)

Meine Besprechung von Florian Gallenbergers Siegfried-Lenz-Verfilmung „Der Überläufer“ (Deutschland/Polen 2020)


Neu im Kino/Filmkritik: „’Das Haus‘ mag mich nicht.“

Oktober 10, 2021

2029 könnten in Deutschland die nächsten Wahlen den Aufstieg eines faschistisch-totalitären Regimes endgültig besiegeln. Journalist Jonas Hellström (Tobias Moretti) bekommt die Folgen schon vor der Wahl zu spüren. Ihm werden – zu Unrecht – Recherchefehler vorgeworfen. Er erhält ein Schreibverbot und wird beurlaubt.

Zusammen mit seiner Frau Lucia (Valery Tscheplanowa), einer Anwältin, begibt er sich auf eine malerisch gelegene Insel. Dort steht ihr vollautomatisches Haus. Dieses Smarthome bestellt selbstständig Lebensmittel, sorgt für die richtige Temperatur und nimmt seinen Bewohnern fast alles ab. Deshalb reguliert man, wenn nötig, beim Duschen die Wassertemperatur verbal und sagt, immer wieder, „Tür auf“ und „Tür zu“, anstatt selbst die Tür zu öffnen. Johann und Lucia genießen die Zwangspause und ärgern sich über die Eigenheiten des Hauses. Denn es funktioniert nicht immer hunderprozentig fehlerfrei. Lucia vermutet sogar, dass das Haus sie nicht möge. Währenddessen ruft Jonas den Techniker an.

In der Filmmitte tauchen dann zwei polizeilich gesuchten Linksterroristen bei ihnen auf. Sie sollen einen Anschlag verübt haben; können aber beweisen, dass sie zur Tatzeit an einem anderen Ort waren. Lucia ist ihre Anwältin und auch irgendwie in die Pläne der Terroristen eingeweiht. Jetzt will sie sie ins sichere Ausland bringen.

Das Haus“ sieht wie die erste Fassung einer halbwegs strukturierten Ideensammlung aus. Viele aktuelle Themen werden angesprochen. Aktuelle Entwicklungen werden in die Zukunft extropliert. Aber alles bleibt skizzenhaft. Potentielle Konflikte existieren nur auf dem Papier. Die Dialoge sind fast durchgägngig Erste-Fassung-Platzhalter, die später durch bessere Dialoge ersetzt werden. Nicht in diesem Fall.

Und so ist „Das Haus“ ein gut aussehender, gut besetzter, an einer interessanten Location spielender Film, bei dem unklar ist, um was es eigentlich geht. Um ein durchgeknalltes Haus? Um eine Warnung vor dem Faschismus? Um eine Erörterung über den Ethos des Journalismus? Um eine Diskussion über die verschiedenen Formen des Widerstandes? Um eine auf der Kippe stehende Ehe? Immerhin hat Lucia in ihrem Haus ihren Mann mit seinem Chef betrogen. Das alles sprechen Rick Ostermann (Regie, Drehbuch) und Patrick Brunken (Drehbuch) in ihrer Verfilmung einer Geschichte von Dirk Kurbjuweit an. Kurbjuweit leitet das „Spiegel“-Hauptstadtbüro. Seine Kurzgeschichte erschien in „2029 – Geschichten von Morgen“. Aus diesem Sammelband verfilmte Maria Schrader bereits, äußerst gelungen, Emma Braslavskys Geschichte „Ich bin dein Mensch“. Ihr Film erhielt zahlriche Deutschten Filmpreise, unter anderem den als Bester Film, und er ist die deutsche Nominierung für den Auslands-Oscar.

Das wir mit „Das Haus“ nicht passieren. Denn während „Ich bin dein Mensch“ sich auf einen Konflikt und eine Frage (Sind Roboter Menschen?) konzentriert, spricht „Das Haus“ viele aktuelle Themen an, entscheidet sich für keines, bleibt daher notgedrungen immer an der Oberfläche und ohne einen eindeutigen Fokus. Dabei hätte ein rachsüchtiges Haus und ein zerstrittenes Ehepaar, das sich gegen das Haus wehren muss, doch mühelos für einen abendfüllenden, gerne schwarzhumorigen, Horrorfilm gereicht.

Wegen Tobias Moretti und dem titelgebendem Traumhaus kann man sich den Film irgendwann einmal im Fernsehen ansehen. Er sieht wie der ambitionierte TV-Film-der-Woche aus, bei dem der Drehbuchautor streikte.

Das Haus (Deutschland 2021)

Regie: Rick Ostermann

Buch: Rick Ostermann, Patrick Brunken

LV: Dirk Kurbjuweit: Das Haus, 2019 (in „2029 – Geschichten von Morgen“)

mit Tobias Moretti, Valery Tscheplanowa, Lisa Vicari, Max von der Groeben, Hans-Jochen Wagner, Samir Fuchs, Daniel Krauss, Alexander Wipprecht

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Haus“

Moviepilot über „Das Haus“

Wikipedia über „Das Haus“

Meine Besprechung von Rick Ostermanns „Wolfskinder“ (Deutschland 2013)


TV-Tipp für den 10. Oktober: Johnny Guitar – Gejagt, gehasst, gefürchtet

Oktober 9, 2021

Arte, 20.15

Johnny Guitar – Gejagt, gehasst, gefürchtet (Johnny Guitar, USA 1954)

Regie: Nicholas Ray

Drehbuch: Philip Yordan

LV: Roy Chanslor: Johnny Guitar, 1953

Johnny Guitar (Sterling Hayden) ist ein gefürchteter Revolvermann, der fortan ein friedliches Leben führen möchte. Er will bei Vienna (Joan Crawford) arbeiten. Die Casinobesitzerin kauft, weil sie die künftige Strecke der Eisenbahn kennt, gerade wie verrückt Land auf. Und macht sich dabei einige Feinde. Unter anderem die Rancherin Emma Small (Mercedes McCambridge).

Kultwestern, dessen Titel ein Männername ist. Aber Joan Crawford ist hier der Star der in jedem Fall faszinierenden, mit viel Subtext und entsprechend vielen Interpretationsmöglichkeiten  angereicherten Show.

mit Joan Crawford, Sterling Hayden, Mercedes McCambridge, Scott Brady, Ward Bond, Ben Cooper, Ernest Borgnine, John Carradine

Wiederholung: Dienstag, 12. Oktober, 13.50 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Johnny Guitar“

Wikipedia über „Johnny Guitar“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nicholas Rays „Rächer der Enterbten“ (The true story of Jesse James, USA 1956)


Neu im Kino/Filmkritik: Wer sind „The Sparks Brothers“? Und warum sind sie heute so unbekannt?

Oktober 9, 2021

Bevor Edgar Wright uns am 11. November 2021 zu einer „Last Night in Soho“ einlädt, macht der Regisseur von „Baby Driver“ uns mit den Sparks Brothers bekannt. Es handelt sich dabei um die Brüder Ron und Russell Mael, die sich als Band „Sparks“ nennen, und 1974 ihren Durchbruch mit dem Hit „This Town ain’t big enough for both of us“ hatten. Später änderten sie ihren Stil; oder gingen mit der Zeit. Denn aus den Glamrock- und Powerpopsongs der siebziger Jahre wurde Disco (inclusive einer Zusammenarbeit mit Giorgio Moroder), Synthie-Pop und ein Flirt mit Techno. Sie schrieben das Musical „The Seduction of Ingmar Bergman“ und arbeiteten mit Franz Ferdinand zusammen. Ihr erster gemeinsamer Song war „Collaborations don’t work“. Ohne Humor, Selbstironie, Dekonstruktion in Wort und Bild und Vaudeville sind die Sparks halt nicht denkbar.

Sie hatten immer wieder, abwechselnd in verschiedenen Ländern und Kontinenten, Nummer-Eins-Hits und blieben dabei immer unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit. Denn wer die Sparks der einen Phase mag, mag nicht unbedingt die Sparks der anderen Phase.

Ein großer Teil ihres Charmes beruht auf dem gegensätzlichen Aussehen der beiden Brüder und ihrer ‚Britishness‘. Dabei sind sie aus Kalifornien kommende US-Amerikaner, deren verschrobene Musik in den späten sechziger Jahren dort nicht verstanden wurde. In England schon eher und zwischen David Bowie (in seiner Ziggy-Stardust-Phase), Queen und T-Rex fielen sie nicht weiter auf. Der Lohn waren Single-Hits, kreischende, die Bühne stürmende Teenager und Fans wie Edgar Wright, der sie Ende der Siebziger entdeckte. Jetzt setzte er ihnen mit seiner Doku „The Sparks Brothers“ ein Denkmal. Denn danach sind die Sparks die größte Band aller Zeiten.

Er erzählt ihre Geschichte chronologisch in einem Mix aus Konzertmitschnitten, alten und neuen Dokumentaraufnahmen und sprechenden Köpfen. Interviewt wurden die beiden Brüder, Weggefährten und Fans. Dieses gut erprobte Verfahren ist allerdings, wenn der Reihe nach die nächste und die nächste Platte vorgestellt wird, auf die Dauer etwas ermüdend. Denn die Sparks haben inzwischen 26 Studioalben veröffentlicht und jede dieser Platten, die selbstverständlich ein Meisterwerk ist, will gewürdigt werden. Neben den anderen Projekten der Brüder. In dem Moment wird das chronologische Verfahren zu einem Problem. Vor allem wenn es auf das mitteilungsbedürftige Fantum des Regisseurs trifft, er einen exklusiven Zugang zu dem Archiv der Porträtierten hat und diese stark in das Projekt involviert sind. Deshalb ist Wrights Doku auch keine schlanke neunzig Minuten, sondern voluminöse hundertvierzig Minuten.

Am Ende steht eine unkritische, aber vergnügliche Heldenverehrung. Denn die Brüder Ron und Russell Mael sind einfach zwei herrlich schrullige Typen. Im Interview, im Studio und auf der Bühne, wo der eine sich mit stoischer Mine (und inzwischen etwas gestutztem Charlie-Chaplin-Hitler-Bärtchen) hinter seinem Keyboard verschanzt, während der andere mit wechselnden Haarlängen singend über die Bühne springt.

The Sparks Brothers (The Sparks Brothers, USA 2021)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Edgar Wright

mit Ron Mael, Russell Mael, Beck, Thurston Moore, Björk, Vince Clark, Flea, Giorgio Moroder, Todd Rundgren, ‚Weird Al‘ Yankovic, Mike Myers, Jason Schwartzman, Neil Gaiman

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Sparks Brothers“

Metacritic über „The Sparks Brothers“

Rotten Tomatoes über „The Sparks Brothers“

Wikipedia über „The Sparks Brothers“ und die Sparks (deutsch, englisch)

Homepage der Sparks

AllMusic über die Sparks

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Baby Driver“ (Baby Driver, USA 2017)

Zufällige Songs


TV-Tipp für den 9. Oktober: Donnie Brasco

Oktober 8, 2021

One, 22.00

Donnie Brasco (Donnie Brasco, USA 1997)

Regie: Mike Newell

Drehbuch: Paul Attanasio

LV: Joseph D. Pistone, Richard Woodley: Donnie Brasco: My Undercover Life in the Mafia, 1990

FBI-Agent Joe Pistone arbeitete von 1975 bis 1981 als Undercover-Agent in New York gegen den Bonanno Clan. Dabei befreundete er sich mit dem Kleingangster Lefty Ruggiero.

Intensives Porträt über Mafiosi am unteren Ende der Futterleiter, den persönlichen Folgen gefährlicher Einsätze, über Beziehungen, Freundschaft und Verrat.

Mit Al Pacino, Johnny Depp, Michael Madsen, James Russo, Anne Heche

Wiederholung: Samstag, 16. Oktober, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Donnie Brasco”

Wikipedia über „Donny Brasco“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Mike Newells „Deine Juliet“ (The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society, USA/Großbritannien 2018)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Aus Colin Niels „Nur die Tiere“ wird Dominik Molls „Die Verschwundene“

Oktober 8, 2021

Am 19. Januar verschwindet Évelyne Ducat, die Frau eines aus der Gegend stammenden vermögenden Geschäftsmanns. Ihr Wagen steht an einer Landstraße im Schnee. Die Suche der Polizei verläuft ergebnislos.

Dagegen erfahren wir in Colin Niels Noir „Nur die Tiere“ und in Dominik Molls kongenialer Verfilmung des Romans, die bei uns unter dem Titel „Die Verschwundene“ in den Kinos läuft, was passierte. Dabei entfaltet die Geschichte sich nicht chronologisch, sondern aus verschiedenen, nacheinander erzählten Perspektiven. Diese Erzählungen überlappen sich zeitlich teilweise. Und sie ergeben ein düsteres Porträt des französischen Landlebens im Zentralmassiv. Die Höfe liegen weit auseinander. Das Einkommen der Landwirte ist kärglich. Jedenfalls bei den Landwirten, die Alice als Sozialarbeiterin besucht. Auch ihr gehört ein Hof. Er wird von ihrem Mann Michel betrieben. Ihre Ehe – beide sind Mttvierziger – ist im Alltag erstarrt.

Einer ihrer Kunden ist der allein lebende Joseph. Er ist auch ihr Geliebter; wobei die Initiative dafür von ihr ausging. Er hat – soviel kann verraten werden – Évelyne nicht ermordet. Allerdings entdeckt er Évelynes auf seinem Hof hingelegte Leiche, versteckt sie spontan in seiner Scheune und baut eine Beziehung zu der langsam verwesenden Leiche auf.

Eine andere Person, die eine Beziehung zur verschwundenen Évelyne hat, ist Marion. Die Mittzwanzigerin verliebt sich in die Endvierzigerin und zieht wegen ihr ins Zentralmassiv. Évelyne ist über das plötzliche Auftauchen ihrer Geliebten nicht begeistert. Sie möchte die Beziehung sofort beenden.

Niel wählte für seinen Noir eine ungewöhnliche Struktur. Er lässt seine Figuren ihre Geschichte erzählen und ordnet sie so an, dass sie auch immer mehr Hintergründe über Évelynes Verschwinden enthüllen. In einem Roman, der sich wie eine Sammlung von lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten liest, funktioniert das ganz gut. Immerhin hängen die Erzählungen miteinander zusammen und jede Figur sucht nach Liebe. Es ist allerdings auch eine Struktur, die nur schwer in einen Film übertragen werden kann. So wird Alice, die Erzählerin der ersten Geschichte, zunehmend unwichtiger. Und Marions Geschichte spielt vor Èvelynes Verschwinden. Sie hat nur sehr wenige Berührungspunkte mit den anderen Geschichten. Sie ist allerdings sehr wichtig, um Évelynes Verschwinden zu verstehen.

Die aus den unterschiedlichen Perspektiven entstehende Geschichte von Èvelynes Ermordung ist auch eine Abhandlung über die Macht des Zufalls. Denn die verschiedenen Handlungen haben hier immer wieder Konsequenzen, die die handelnden Personen nicht wollten oder von denen sie nichts wissen. So hat Marion keine Ahnung, was ihr Auftauchen in der Provinz auslöst.

Wie in dem ebenfalls diese Woche im Kino angelaufenem Horrorfilm und Cannes-Gewinner „Titane“, geht es in „Nur die Tiere“/“Die Verschwunden“, wie gesagt, um die Suche nach Liebe und den seltsamen Wegen, die sie geht. Dabei akzeptieren die Macher vorbehaltlos jede Form von Liebe zu anderen ‚Menschen‘. Aber während das in „Titane“ nur eine lose, fast schon bemühte Interpretionsklammer ist, wird dieses Thema in „Nur die Tiere“/“Die Verschwundene“ erzählerisch stringenter, geschlossener und mit stärker in der Realität verhafteten Personen und Ereignissen erzählt. Umso verstörender sind dann die von Joseph und Michel gewählten Objekte der Begierde.

Dominik Moll („Lemming“, „Der Mönch“) übertragt den Roman und seine eigentlich unverfilmbare Struktur und Erzählweise gelungen auf die Leinwand. Dabei verändert er einiges, aber er bleibt bei seiner Interpretation immer nah an der Vorlage.

Am Ende haben wir einen sehenswerten Film und einen lesenswerten Roman.

Die Verschwundene (Seules les bêtes, Frankreich/Deutschland 2019)

Regie: Dominik Moll

Drehbuch: Dominik Moll, Gilles Marchand

LV: Colin Niel: Seules les bêtes, 2017 (Nur die Tiere)

mit Denis Ménochet, Valeria Bruni Tedeschi, Laure Calamy, Damien Bonnard, Nadia Tereszkiewicz, Bastien Bouillon, Guy Roger ‚Bibisse‘ N’drin

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Colin Niel: Nur die Tiere

(übersetzt von Anne Thomas)

Lenos Verlag, 2021

288 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Seules les bêtes

Éditions du Rourgue, 2017

Demnächst

Colin Niel: Unter Raubtieren

(übersetzt von Anne Thomas)

Lenos Verlag, 2021

360 Seiten

24 Euro

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Verschwundene“

Filmportal über „Die Verschwundene“

Moviepilot über „Die Verschwundene“

Rotten Tomatoes über „Die Verschwundene“

Wikipedia über „Die Verschwundene“ (deutsch, englisch, französisch) und Colin Niel 

Perlentaucher über „Nur die Tiere“


TV-Tipp für den 8. Oktober: Frances Ha

Oktober 7, 2021

One, 22.30

Frances Ha (Frances Ha, USA 2012)

Regie: Noah Baumbach

Drehbuch: Greta Gerwig, Noah Baumbach

Frances Ha stolpert durch ihr Leben – und wir sind verzückt.

Eines der Kino-Highlights von 2013.

mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver, Michael Zegen, Charlotte d’Amboise, Crace Gummer, Justine Lupe, Patrick Heusinger, Christine Gerwig, Gordon Gerwig

Hinweise

Metacritic über „Frances Ha“

Rotten Tomatoes über „Frances Ha“

Wikipedia über „Frances Ha“ (deutsch, englisch)

Berlinale: „Frances Ha“-Pressekonferenz Noah Baumbach und Greta Gerwig

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Frances Ha“ (Frances Ha, USA 2012)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (While we’re young, USA 2014)

Meine Besprechung von Noah Baumbachs „Mistress America“ (Mistress America, USA 2015)

Meine Besprechung von Greta Gerwigs „Lady Bird“ (Lady Bird, USA 2017)

Meine Besprechung von Greta Gerwigs „Little Women“ (Little Women, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Gewinner 2021: „Titane“ von Julia Ducournau

Oktober 7, 2021

Jetzt ist er da: der diesjährige Cannes-Gewinner. Ein spektakulär gutaussehender Film, der das Potential für einen Skandalfilm hat. Allerdings ist die Zeit der Skandalfilme, also die Zeit, als Kritiker wutschnaubend die Vorstellung verließen, kirchliche Würdenträger den endgültigen Verfall der Sitten konstatierten (natürlich ohne das Werk gesehen zu haben), Zuschauer bei der Vorstellung ohnmächtig wurden und der Film anschließend in mehreren Ländern verboten wurde, vorbei.

Heute gibt es für so einen Film eine Freigabe ab 16 Jahre; was, zugegeben, eine ziemlich gewagte Entscheidung ist. Denn „Titane“ ist mit seinen zahlreichen intensiven Body-Horror-Szenen wirklich kein Film für zartbesaitete Zuschauer.

Im Mittelpunkt steht Alexia (Agathe Rousselle). Als Kind wurde sie bei einem von ihrem Vater verursachtem Autounfall schwer verletzt. Seitdem hat sie eine Titanplatte in ihrem Kopf. Inzwischen ist sie eine junge Frau. In einer Autoshow, die sich kaum von einem Stripclub unterscheidet, arbeitet sie als Tänzerin. Nach der Show hat sie zuerst etwas, das wie wilder Sex mit einem Auto aussieht, und dann auf dem Parkplatz Ärger mit einem übergriffigem Gast.

Er ist eines ihrer Opfer und weil sie keine Energie darauf verschwendet, ihre Spuren zu verwischen, wird sie schnell als Serienkillerin gesucht. Im Fernsehen sieht sie auch das Bild eines vor zehn Jahren veschwundenen Jungen. Sie hat eine entfernte Ähnlichkeit mit ihm. Deshalb schneidet sie sich die Haare, bricht sich die Nase und gibt sich, in körperverhüllenden Kleidern, als Adrien aus.

Adriens Vater Vincent (Vincent Lindon) ist der Kommandant einer einsam gelegenen Feuerwehrstation. Die jugendlichen Feuerwehrleute, die er ausbildet und die ausschließlich Männer sind, übernachten dort. Für sie ist er die unumstrittene Führerfigur, die entsprechend frei schalten und walten kann. Eine Welt außerhalb der Station scheint es nicht zu geben.

Vincent akzeptiert Alexia sofort als Adrien. Ihr Schweigen und ihr ruppig-abweisendes Verhalten erklärt er sich mit den traumatischen Erfahrungen ihrer/seiner Entführung. Er sieht auch über Alexias dicker werdenden Bauch (einiges spricht dafür, dass der Vater kein Mensch, sondern ein Auto ist) hinweg. Aber wie lang kann er die immer offensichtlicher werdende Realität ignorieren?

Bereits mit ihrem ersten Film „Raw“ (Grave, Frankreich/Belgien 2016), der bei uns nur auf DVD erschien, tobte Julia Ducournau sich im Horrorgenre aus. Im Mittelpunkt ihrer Coming-of-Age-Geschichte steht eine Sechzehnjährige, die zur Kannibalin wird.

Auch „Titane“ ist ein heftiger Film. So weckt der erste Teil, wegen seiner Verbindung von Body-Horror, Autos und Sex, spontan Erinnerungen an David Cronenbergs J.-G.-Ballard-Verfilmung „Crash“. Die Serienkillergeschichte ist oft äußerst blutig und schwarzhumorig. Dabei ist es Alexia letztendlich egal, wen sie warum umbringt. Ihre Morde haben eine beeindruckende rohe Effektivität und sie sind durchaus einfallsreich in ihrer Brutalität. Aber nachdem die Polizei öffentlich nach ihr fahndet, muss sie ihr Aussehen verändern und untertauchen.

Der dann folgende zweite und subjektiv längere Teil des Films (Sorry, ich hatte nicht auf die Uhr gesehen.) führt in eine seltsam Testosteron-gesteuerte Männerwelt, die mit dem ersten Teil nichts zu tun hat.

Beide Teile können, wenn man die einzelnen Episoden zu einem überwölbenden Thema zusammenfassen will, als ein verquerer Schrei nach Zuneigung und ein Aufruf zur Toleranz gelesen werden kann. Jedenfalls wollte Ducourneau etwas über die Liebe erzählen.

Am Ende wirkt „Titane“ wie eine Best-of-Compilation des harten Horrorfilms: stilsicher inszeniert, – was in diesem Fall auch heißt, stilsicher Geschmacks-, Ekel- und Toleranzgrenzen des Publikums auslotend -, immer wieder überzeugende Szenen, die sich tonal vollkommen von der vorherigen Szene unterscheiden können, immer wieder strange und zu offensichtlich auf die große Empörung des Publikums spekulierend.

Ich war am Ende des Films ratlos, was ich von diesem disparatem Potpourri aus Ideen halten sollte und was mir der Film sagen wollte. Das liebt auch daran, dass ich mich aus Prinzip weigere, ohne Nachzudenken, auf einen hysterischen Erregungszug aufzuspringen oder besinnungslos die aktuellen Feuilleton-Schlagworte herunterzubeten.

Auch rückblickend ändert sich das nicht.

Titane (Titane, Frankreich 2021)

Regie: Julia Ducournau

Drehbuch: Julia Ducournau

mit Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier, Lais Salameh

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Titane“

Moviepilot über „Titane“

Metacritic über „Titane“

Rotten Tomatoes über „Titane“

Wikipedia über „Titane“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 7. Oktober: Der Würgeengel

Oktober 6, 2021

Arte, 00.20

Der Würgeengel (l ángel exterminador, Mexiko 1962)

Regie: Luis Buñuel

Drehbuch: Luis Buñuel, Luis Alcoriza

Ein weiterer Buñuel-Film – und der Abschluss der kleinen Arte-Reihe. Dieses Mal geht es um eine Abendgesellschaft, deren gemeinsames Essen in Edmundos Villa eine merkwürdige Wende nimmt. Denn nach dem Essen können die Gäste das Haus nicht mehr verlassen. Obwohl die Türen offen stehen und es kein erkennbares Hindernis gibt.

mit Silvia Pinal, Lucy Gallardo, Augusto Benedico, Jacqueline Andere, Enrique Rambal, José Baviera

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Würgeengel“

Wikipedia über „Der Würgeengel“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. Oktober: Killer, Trader und Psychopath

Oktober 5, 2021

Arte, 22.10

Killer, Trader und Psychopath (Frankreich 2021)

Regie: Jean-Christophe Klotz

Drehbuch: Jean-Christophe Klotz

Brandneue einstündige Doku über Bret Easton Ellis und sein 1991 erschienenes Skandalbuch „American Psycho“. In Deutschland war der Bestseller von 1995 bis 2001 indiziert.

Weniger skandalös war, neun Jahre später, Mary Harrons Verfilmung des Romans.

Hinweise

Arte über die Doku (in der Mediathek bis zum 14. März 2022)

Wikipedia über Bret Easton Ellis (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 5. Oktober: Propagandamaschine Social Media

Oktober 4, 2021

Arte, 20.15

Propagandamaschine Social Media (Frankreich 2020)

Regie: Alexandra Jousset, Philippe Lagnier

Drehbuch: Alexandra Jousset, Philippe Lagnier

Spielfilmlange Doku über den Einfluss der sozialen Medien auf die politische Willensbildung.

Die Doku ist der Beginn eines langen Arte-Info-Abends. Um 21.45 Uhr geht es mit „Der Königsmacher: Mit den Waffen der Werbung“ (Frankreich 2018, über den britischen PR-Experten und Politikberater Lord Timothy Bell) weiter. Um 23.15 Uhr folgt, als TV-Premiere, „Die alte Neue Rechte“ (Deutschland 2021). Zum Abschluß zeigt Arte um 00.10 In den Gräben der Geschichte“ eine einstündige Doku über Ernst Jünger.

Hinweis

Arte über „Propagandamaschine Social Media“ (online bis zum 10. Dezember 2021)


TV-Tipp für den 4. Oktober: Ein Bulle sieht rot

Oktober 3, 2021

Arte, 22.00

Ein Bulle sieht rot (Un condé, Frankreich/Italien 1970)

Regie: Yves Boisset

Drehbuch: Claude Veillot, Yves Boisset, Sandro Continenza

LV: Pierre-Vial Lesou: La Mort d’un condé, 1970 (später auch „Un condé)

Inspektor Favenin sucht den Mörder seines Partners. Dabei ist er nicht zimperlich.

TV-Premiere eines harten Polizeithrillers, der damals deswegen mit der Zensur zu kämpfen hatte.

Boissets für damals sehr brutaler Polizeifilm löste wegen seiner Kritik an den Methoden der Polizei einen Sturm der Entrüstung aus. Dabei hatte er nur weitergeführt, was Melville in ‚Le Deuxième soffle‘ angedeutet hatte: Die Polizei foltert.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Tja, das war noch, bevor Inspektor Lavardin auf die Welt losgelassen wurde.

mit Michel Bouquet, Françoise Fabian, John Garko, Michel Constantin, Anne Carrère, Rufus, Théo Sarapo, Adolfo Celi

Hinweise

AlloCiné über „Ein Bulle sieht rot“

Wikipedia über „Ein Bulle sieht rot“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 3. Oktober: James Bond 007 – Skyfall

Oktober 2, 2021

RTL, 20.15

James Bond 007 – Skyfall (Skyfall, Großbritannien/USA 2012)

Regie: Sam Mendes

Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade, John Logan

LV: Charakter von Ian Fleming

James Bond jagt Raoul Silva, der zuerst die Datei mit den Identitäten von allen Geheimagenten, die undercover in Terroristennetzwerken arbeiten, entwendet und dann den gesamten britischen Geheimdienst ins Nirvana schicken will, weil M(ama) nicht nett zu ihm war.

Insgesamt ein sehr erfreulicher James-Bond-Film, in dem wir letztendlich mehr über Bond erfahren, als wir jemals wissen wollten – und den ich zum Kinostart ausführlich besprochen habe.

Höhepunkt des RTL-James-Bond-Tages, der um 5.45 Uhr mit „James Bond 007 jagt Dr. No“ beginnt. Danach folgen „Goldfinger“ (um 7.30 Uhr), „Leben und sterben lassen“ (um 09.45 Uhr), „Octopussy“ (um 12.20 Uhr), „Der Hauch des Todes“ (um 15.00 Uhr) und „Being James Bond“ (einstündige Doku über Daniel Craig, um 17.40 Uhr und um 04.10 Uhr).

mit Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Bérénce Marlohe, Ben Whishaw, Albert Finney, Rory Kinnear, Ola Rapace

Wiederholung: Montag, 4. Oktober, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Skyfall“

Rotten Tomatoes über „Skyfall“

Wikipedia über „Skyfall“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romane “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

Meine Besprechung von Cary Joji Fukunaga James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (No time to die, Großbritannien 2021)

Meine Besprechung von Danny Morgensterns „Unnützes James Bond Wissen“ (2020)

Kriminalakte: Mein Gespräch mit Danny Morgenstern über „Keine Zeit zu sterben“ und sein Buch „Das ultimative James-Bond-Quizbuch“ (1. Oktober 2021)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 2. Oktober: Messer im Kopf

Oktober 1, 2021

Weil „Chinatown“ (RBB, 23.30 Uhr) öfter läuft

3sat, 23.30

Messer im Kopf (Deutschland 1978)

Regie: Reinhard Hauff

Drehbuch: Peter Schneider

Bei einer Razzia wird der Biogenetiker Dr. Berthold Hoffmann (Bruno Ganz) von einem Polizisten angeschossen. Durch den Kopfschuss hat er sein Gedächtnis verloren. Die Polizei behauptet, dass Hoffmann ein gefährliche Terrorist sei und den Polizisten angegriffen habe. Seine Freunde sagen, er sei ein harmloser Bürger und Opfer des Polizeiterrors.

Packender Polit-Thriller, der das damalige Klima des Deutschen Herbst aufgreift und immer mehr zu einem intelligentem Psychodrama wird, das bis zum letzten Bild (und darüber hinaus) zum Nachdenken über die eigene Position anregt.

mit Bruno Ganz, Angela Winkler, Hans-Christian Blech, Heinz Hönig, Hans Brenner, Udo Samel, Eike Gallwitz, Hans Noever

Hinweise

Filmportal über „Messer im Kopf“ und über Terrorismus im deutschen Film

Rotten Tomatoes über „Messer im Kopf“

Wikipedia über „Messer im Kopf“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 1. Oktober: Das schweigende Klassenzimmer

September 30, 2021

ZDFneo, 20.15

Das schweigende Klassenzimmer (Deutschland 2018)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume

LV: Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer, 2006

Eisenhüttenstadt, DDR, 1956: eine Abiturklasse steht spontan für eine Schweigeminute für die Opfer des ungarischen Volksaufstands auf. Der Regierung gefällt das überhaupt nicht. Sie will unbedingt den oder die Rädelsführer dieser subversiven, staatsgefährdenden Tat finden.

Äußerst gelungene politische Version von „Der Club der toten Dichter“. Kraumes Drama ist ein überzeugendes, auf einer wahren Geschichte basierendes Plädoyer für Zivilcourage.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalski, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Florian Lukas, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek

Die lesenswerte Vorlage (hier die Ausgabe zum Filmstart)

Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer

Ullstein, 2018

256 Seiten (plus 16-seitiger Bildteil)

12 Euro

Hinweise

Filmportal über „Das schweigende Klassenzimmer“

Moviepilot über „Das schweigende Klassenzimmer“

Rotten Tomatoes über „Das schweigende Klassenzimmer“

Wikipedia über „Das schweigende Klassenzimmer“

Berlinale über „Das schweigende Klassenzimmer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ (Deutschland 2018)