DVD-Kritik: „Stowaway – Blinder Passagier“ verbraucht Luft

November 15, 2021

Kurz nach dem Start fällt Captain Marina Barnett buchstäblich ein Blinder Passagier vor die Füße. Aus unbekannten und nie geklärten Gründen wurde er vor dem Abflug nicht entdeckt und jetzt ist es zu spät, um die zweijährige Mission noch zu stoppen. Michael Adams, so heißt der Blinde Passagier, ein Techniker vom Bodenpersonal, muss mit zum Mars fliegen. Die Medizinerin Zoe Levenson und der Biologe David Kim nehmen ihn als viertes Mitglied in ihre Crew auf. Es wird zwar etwas enger sein, aber es wird schon gehen.

Dummerweise bemerken sie kurz darauf, dass in Michaels Versteck ein Versorgungssystem irreparabel geschädigt wurde. Die Luft reicht nicht, sie alle lebendig zum Mars zu befördern.

„Stowaway – Blinder Passagier“ ist ein Hard-Science-Fiction-Film, wie „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ oder „Gravity“. Deshalb stehen die Bemühungen der Crew, aus ihrer misslichen Lage zu kommen und wie ihnen das auch in der Realität gelingen könnte, im Zentrum.

Außerdem sind die Astronauten normale Menschen, die auch in einer Extremsituation die Nerven behandeln und ihr Wissen zum Finden von Lösungen einsetzen. Es geht um Mathematik, Variablen, Wahrscheinlichkeiten, Unmöglichkeiten und darauf basierenden Improvisationen.

Joe Penna konzentriert sich in seinem Film auf diese vier Menschen im Raumschiff. Eine Welt außerhalb des Raumschiffs gibt es nicht. Bei Gesprächen mit der Zentrale, sehen wir diese nicht, hören nicht deren Antworten und erfahren nur durch Barnetts Statement, dass sie alles tun würden, um sie zu retten. Es ist, als habe man bei „Der Marsianer“ alle Szenen, die nicht Watney Überlebenskampf auf dem Mars zeigen, herausgeschnitten. Diese Heransgehensweise verstärkt die Isolation der Marsreisenden.

Einige Dinge habe ich allerdings nicht verstanden. Zum Beispiel, warum es nicht weitere Luftreinigungssysteme gibt und wie Michael in sein Versteck gekommen ist. Auch der Außenaufbau des Raumschiffs erschien mir etwas seltsam und, auch im Weltraum, unpraktisch. Er war allerdings wichtig für den Höhepunkt des Films.

Warum sie die Mission wenige Stunden nach dem Beginn nicht mehr abbrechen, wird im Film ebenfalls nicht genauer erklärt. Sie scheinen aber eine Technik anzuwenden, die auf dem von Astronaut Buzz Aldrin vorgeschlagenem Mars-Cycler-Konzept beruht. Die Idee ist, das Raumschiff, wie eine Kugel, zum Ziel zu schießen. Und wie eine Kugel, die den Lauf der Waffe verlassen hat, kann das sich auf dem Weg zum Mars befindende Schiff dann nicht mehr gestoppt werden.

Für diese und ähnliche Fragen wäre ein Audiokommentar von oder ein Gespräch mit einem Experten hilfreich gewesen. Im Film hätten solche Erklärdialoge, in denen ein Experte dem anderen Experten erklärt, was er weiß, genervt.

Insgesamt wirkt die Filmgeschichte äußerst realistisch und es ist auch angenehm, einfach Profis bei der Arbeit, die sie ruhig und kompetent verrichten, zu beobachten. Auch das ist spannend.

Regisseur Joe Penna und sein Co-Autor Ryan Morrison arbeiteten bereits bei Pennas Debütspielfilm „Arctic“, über den Überlebenskampf eines Mannes (Mads Mikkelsen) in der Arktis, zusammen.

Stowaway – Blinder Passagier (Stowaway, USA/Deutschland 2021)

Regie: Joe Penna

Drehbuch: Joe Penna, Ryan Morrison

mit Anna Kendrick, Toni Collette, Daniel Dae Kim, Shamier Anderson

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DVD

EuroVideo

Bild:: 2,39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Untertitel für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Hörfilmfassung

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Blu-ray identisch.

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Hinweise

Moviepilot über „Stowaway“

Metacritic über „Stowaway“

Rotten Tomatoes über „Stowaway“

Wikipedia über „Stowaway“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. November: Arabeske

November 14, 2021

Arte, 20.15

Arabeske (Arabesque, USA 1966)

Regie: Stanley Donen

Drehbuch: Julian Mitchell, Stanley Price, Pierre Marton (Pseudonym von Peter Stone)

LV: Alex Gordon (auch Gordon Cotler): The Cipher, 1961

Oxford-Professor Pollock soll eine hethitische Inschrift entziffern. Er weiß nicht, dass er danach umgebracht werden soll.

Schwungvolle Agenten-Komödie in einem verschwenderischen Dekor, z. B. trägt Sophia Loren nur Kleider von Dior. Ist einer der besten nicht von Hitchcock inszenierten Hitchcock-Filme – und eine prall gefüllte Wundertüte an Intrigen und Gegenintrigen.

Gordons Buch war 1962 als bestes Debüt für den Edgar nominiert.

Mit Gregory Peck, Sophia Loren, Alan Badel, Kieron Moore

Wiederholung: Donnerstag, 18. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Arabeske“

Wikipedia über „Arabeske“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. November: Der unsichtbare Dritte

November 13, 2021

Arte, 20.15

Der unsichtbare Dritte (North by Northwest, USA 1959)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Ernest Lehman

Ein immer wieder unterhaltsamer Hitchcock-Cocktail: Feindliche Agenten halten den lebenslustigen Werbekaufmann Roger Thornhill für einen US-Spion und die Polizei für einen Mörder. Um seine Unschuld geht die Jagd „North by Northwest“.

Anschließend, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Cary Grant – Der smarte Gentleman aus Hollywood“ (Frankreich 2015).

Mit Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Leo G. Carroll, Martin Landau

Wiederholung: Dienstag, 16. November, 14.20 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der unsichtbare Dritte“

Wikipedia über „Der unsichtbare Dritte“ (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Eine Handvoll Wasser“, ein Flüchtlingsmädchen, ein alter Zausel

November 13, 2021

Konrad ist ein allein lebender Stinkstiefel. Seine Frau ist gestorben. Seine Tochter ist lesbisch und will jetzt die Kinder ihrer Freundin adoptieren. Der 85-jährige findet beides schlimm. Auch die neugierige Nachbarin nervt ihn. Nur mit seinen im Keller des typisch deutschen Vorstadtreihenhauses im Aquarium lebenden Fischen versteht er sich.

Eines Tages entdeckt er am Haus Einbruchsspuren. Er legt sich auf die Lauer und erwischt den Einbrecher. Sofort schießt er mit einer Nagelschusspistole auf ihn. Der Getroffene ist allerdings kein Mann, sondern die elfjährige Thurba. Ihre Mutter soll in den Jemen abgeschoben werden. Die Abschiebung wird allerdings errst vollzogen, wenn die gesamte Familie abgeschoben werden kann. Langfristig möchte Thurba nach England zu Verwandten. Aber im Moment versteckt sie sich vor der Polizei und schlägt sich durch den Tag. Immer auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit und einem warmen Ort.

Als Konrad bemerkt, dass er ein Kind verletzt hat, verarztet er es. Und, anstatt die Polizei anzurufen (weil, dann gäbe es ja keinen Film), lässt er sie bei sich übernachten. Natürlich nur diese Nacht.

Man muss wirklich kein Genie sein, um sich auszurechnen, wie sich die Geschichte zwischen Konrad und Thurba weiterentwickelt. Denn natürlich bleibt es nicht bei einer Nacht.

Diese Vorhersehbarkeit ist, wenn die Geschichte gut erzählt wird, selbstverständlich kein Problem. Und Thurbas Wunsch, nach England zu fahren, könnte der Auftakt für ein vergnügliches Roadmovie über die Annäherung zweier gegensätzlicher Figuren und die Resozialisierung eines alten Zausels sein. Aber die Geschichte bleibt im Reihenhaus stecken. Da wird dann zwischen Keller und Schlafzimmer alles ausdiskutiert. Leider ziemlich vorhersehbar mit papiernen Dialogen, die die Schauspieler zu einem ähnlichen Spiel animieren. So wirkt Jakob Zapfs mit einem überschaubarem Budget gedrehtes Spielfilmdebüt nie – und hat es auch nie versucht – wie großes Kino, sondern immer wie ein bedeutungsschwerer TV-Film. Immerhin mit Jürgen Prochnow in der Hauptrolle.

P. S.: Im Film sind die Untertitel teilweise nicht vollständig lesbar. Das ist, wie uns nach der Pressevorführung gesagt wurde, so gewollt.

Eine Handvoll Wasser (Deutschland 2020)

Regie: Jakob Zapf

Drehbuch: Marcus Seibert, Ashu B.A., Jakob Zapf

mit Jürgen Prochnow, Milena Pribak, Pegah Ferydoni, Anja Schiffel, Anke Sevenich

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Eine Handvoll Wasser“

Moviepilot über „Eine Handvoll Wasser“

 


TV-Tipp für den 13. November: Columbo: Lösegeld für einen Toten

November 12, 2021

Sat.1 Gold, 20.15

Columbo: Lösegeld für einen Toten (Ransom for a dead man, USA 1971)

Regie: Richard Irving

Drehbuch: Dean Hargrove, Gene Thompson (ungenannt), Richard Levinson (Geschichte), William Link (Geschichte)

LV: Richard Levinson, William Link (Charakter)

Anwältin Leslie Williams entsorgt ihren Mann im Meer. Um nicht als Mörderin verdächtigt zu werden, inszeniert sie die Entführung ihres toten Gatten. Dummerweise wird Columbo mit den Ermittlungen betraut.

Der zweite Pilot-Film nach „Mord nach Rezept“ (dem verfilmten Theaterstück, das damals nur als Einzelstück geplant war) und vor dem offiziellen ersten Columbo-Film „Tödliche Trennung“ hat bereits alles, was wir an „Columbo“ lieben. Ein schöner Fall mit tollen Auftritten von Columbo. Allein schon die erste Szene – und wie er dann auf seine unbeholfene Art die schöne Staranwältin ins Visier nimmt. Großes Theater.

Heute wird der Lösegeld-Fall als Teil eines Columbo-Marathons gezeigt. Er beginnt um 18.30 Uhr mit „Mord nach Rezept“ (yep, der erste Fall), geht um 20.15 Uhr mit „Lösegeld für einen Toten“ weiter. Um 22.10 Uhr „Tödliche Trennung“ (inszeniert von einem gewissen Steven Spielberg), um 23.45 Uhr wieder „Mord nach Rezept“ und um 01.25 Uhr wieder „Lösegeld für einen Toten“.

Mit Peter Falk, Lee Grant, John Fink, Harold Gould

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Mein Nachruf auf Peter Falk


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Doku „Billie – Legende des Jazz“

November 12, 2021

Bevor ich mit dem Kritisieren beginne, muss ich eines sagen: „Billie – Legende des Jazz“ ist sehenswert. Für Jazzfans sowieso. Für Fans von Musikdokus ebenso. Und wer sich für amerikanische Sozialgeschichte interessiert, sollte sich die Doku über das Leben der Jazzsängerin Billie Holiday ebenfalls ansehen.

Die Grundlage für James Erskines Doku waren Tonbänder, die Linda Lipnick Kuehl in den Siebzigern aufnahm. Sie waren Teil ihrer jahrelangen Recherche für eine Biographie über die Jazzsängerin. Am 6. Februar 1978 starb Kuehl in Washington, D. C.. Für die Polizei war ihr Tod ein Suizid. Ihre Schwester Myra Luftman, die auch im Film auftritt, bezweifelt das.

Diese halbgare Mordgeschichte ist der vernachlässigbare Rahmen, in dem Erskine das Leben von Billie Holiday von ihrer Geburt 1915 bis zum Tod 1959 erzählt. Dafür wertete er die von Kuehl gemachten 125 Tonbänder mit 200 Stunden Interviews und ihr Buchmanuskript aus. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit Billie Holiday. Diese Toncollage wird mit zeitgenössischen Bildern unterlegt. Es gibt auch einige Ausschnitte aus älteren TV-Sendungen. Hier ist vor allem ein Talkshowauftritt von ihrem Entdecker John Hammond (einem Weißen) zu erwähnen. Und selbstverständlich gibt es Ausschnitte von ihren Auftritten. Diese Bilder wurden für den Film gelungen koloriert.

Kuehl interviewte zwischen 1971 und 1978 vor allem Mitmusiker, Freunde, Bekannte, Familienmitglieder und Vertraute von Billie Holiday. Sie sprach auch mit FBI-Agenten, die gegen sie wegen Drogenvergehen ermittelten, und einer Vollzugsbeamtin, die erzählt, wie Holiday sich im Gefängnis verhielt.

Als Zeitzeugen sind diese Menschen für eine Biographie wichtige Stimmen. Sie sprechen dann gemeinsamen Erlebnissen, besonderen Ereignissen und erzählen Anekdoten aus Holidays Leben. Mal geht es um die Musik, öfter aber um Holidays Privatleben, ihre sexuellen Beziehungen (sie war äußerst aktiv), ihre gewalttätigen Liebhaber und ihren überbordenden Drogenkonsum. Es geht auch um ihre problematische Persönlichkeit. Dabei wurde Kuehl mit widersprechenden Geschichten konfrontiert. Wenn sie ihre Interviewpartner darauf anspicht, reagieren diese rechthaberisch, unwirsch und feindselig. Sowieso ist, wie auch bei anderen Jazzmusikern, oft unklar, wie sehr die von ihnen erzählten Geschichten wahr oder nur gut erfundene Anekdoten sind.

Damit interessiert die Doku sich, wie die Presse zu Holidays Lebzeiten, mehr für Klatsch, Tratsch, Sensationen, Enthüllungen und viel weniger für ihre Musik und ihre Bedeutung für die Jazzgeschichte. Aber immerhin werden mehrere ihrer Songs präsentiert. Es wird ausführlicher auf „Strange Fruit“, ihren bekanntesten und wichtigsten Song, eingegangen. Und damit natürlich auch auf den Rassismus in den USA, die Rassentrennung, die Bürgerrechtsbewegung und Holidays Kampf gegen den Rassismus. Allein schon, wenn sie das Lied über die Lynchjustiz in den Südstaaten sang.

Das, ihre Prominenz und ihr Auftreten waren dann auch wahrscheinlich die Gründe, warum der Staat die Drogenkonsumentin wie eine Schwerverbrecherin verfolgte, anklagte und verurteilte.

Das ist interessant, informativ und auch gut präsentiert in seiner Mischung aus O-Tönen, Fotos und Konzertmitschnitten. Nur hätte ich, wie wahrscheinlich jeder Jazzfan, mir mehr Musiker- und weniger Drogengeschichten gewünscht.

Billie – Legende des Jazz (Billie, Großbritannien 2019)

Regie: James Erskine

Drehbuch: James Erskine

mit den Stimmen (manchmal auch im Bild) Billie Holiday, Charles Mingus, Tony Bennett, Count Basie, John Hammond, John Simmons, Roy Harte, Lester Young, Tallulah Bankhead, Sylvia Syms, Pigmeat Markham, Jimmy Rowles, James ‚Stump‘ Cross, Bobby Tucker, Carmen McRea, Marie Bryant, Melba Liston, Ray Ellis, Milt Hinton, John Fagan, Mary ‚Pony‘ Kane, Skinny Davenport, Myra Luftman, Detroit Red, Ruby Davis, Clarence Holiday, Sandy Williams, Irene Kitchings, Virginia McGlocken, Jean Allen, James Hamilton, Earl Zaidins

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Billie – Legende des Jazz“

Metacritic über „Billie – Legende des Jazz“

Rotten Tomatoes über „Billie – Legende des Jazz“

Wikipedia über „Billie – Legende des Jazz“ und Billie Holiday (deutsch, englisch)

AllMusic über Billie Holiday


Neu im Kino/Filmkritik: Albert „Speer goes to Hollywood“ – ähem, nee, doch nicht.

November 12, 2021

Der Architekt Albert Speer gehörte während des Nationalsozialismus zum engsten Führungskreis um Adolf Hitler. Nach dem Krieg entging er 1946 bei den Nürnberger Prozessen knapp der Todesstrafe. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. 1969 veröffentlichte er seine „Erinnerungen“. Sie wurden ein Bestseller und Hollywood interessierte sich dafür; so wie Hollywood sich für jeden Bestseller interessiert und ihn verfilmen möchte.

Speer war einverstanden mit einer Verfilmung. Er wollte allerdings daran beteiligt werden und so das öffentliche Bild von ihm weiter positiv beeinflussen. 1971 schickte Paramount Pictures Andrew Birkin nach Heidelberg zu Speer. Er sollte mit Speer an dem Drehbuch arbeiten.

Birkin stand damals noch ganz am Anfang seiner Karriere. Später schrieb er unter anderem die Drehbücher zu „Der Name der Rose“, „Johanna von Orleans“ und „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“.

Als Regisseur war in dem Moment vor allem Carol Reed („Der dritte Mann“, „Oliver“) im Gespräch. Der war allerdings wenig begeistert von Speers Versuchen, den Film in seinem Sinn zu beeinflussen. Reed lehnte dann auch, als Speers schönfärberisches Konzept immer deutlicher wurde, den Film entschieden ab. Das sagte er schon während Birkins Gesprächen mit Speer.

Diese Gespräche, in denen Speer von seinem Leben erzählt und auch Vorschläge für den Film macht, nahm Birkin auf. Er stellt Fragen und lässt Speer reden. Schließlich ist er kein investigativer Journalist, der Widersprüche und Lügen aufdecken möchte, sondern ein Rechercheur, der eine Auftragsarbeit erledigt. Die dabei entstandenen Tonbänder waren als Arbeitsnotizen und Hintergrundmaterial für das noch zu schreibende Drehbuch gedacht. Entsprechend wenig kümmerte Birkin sich um die Tonqualität. Für „Speer goes to Hollywood“ mussten ihre Gespräche von Schauspielern nachgesprochen werden.

Aus dem Biopic wurde, wie wir wissen, nichts. Die Aufnahmen verschwanden im Archiv.

Jetzt sind sie die Grundlage für Vanessa Lapas Dokumentarfilm „Speer goes to Hollywood“, der diese Begegnung zwischen dem Nazi und dem jungen Drehbuchautor dokumentiert und gleichzeitig Speers Leben nachzeichnet. Dieser Teil, also das Nacherzählen von Speers Leben, wie sehr er in die Nazi-Herrschaft involviert war und wie skrupellos er sich später davon distanzierte, ist der gelungene Teil des Films.

Ärgerlich – immerhin ist der Titel „Speer goes to Hollywood“ – ist dagegen der andere Teil. Denn für „Hollywood“ und die vielen damit verbundenen spannenden Fragen interessiert Lapa sich nicht weiter. Bei ihr entsteht der Eindruck, dass Paramount Pictures die Verfilmung fallen ließ, weil ein Regisseur die Richtung, in die Speer den Film entwickeln wollte, bedenklich fand. Weil es 1982 mit „Inside the Third Reich“ eine, von Lapa nicht erwähnte, freie TV-Verfilmung von Speers „Erinnerungen“ gab, dürften Reeds Bedenken nicht der entscheidende Grund gewesen sein. Wir erfahren auch nicht, welche Überlegungen in Hollywood dazu führten, das Leben dieser Nazigröße zu verfilmen und wie sie es tun wollten.

Als Dokumentarfilm über Speer, sein Leben und seine Bemühungen, sein Image zu polieren, ist „Speer goes to Hollywood“ informativ und auch gelungen, ohne sich von irgendeiner gut gemachten TV-Dokumentation zu unterscheiden. Nach hundert Minuten bleibt die Erkenntnis, dass Speer kein „guter Nazi“, sondern einfach nur ein „Nazi“ war.

Zu Vanessa Lapas früheren Arbeiten gehört die hochgelobte spielfilmlange Doku „Der Anständige“ über Heinrich Himmler.

Speer goes to Hollywood (Speer goes to Hollywood, Israel 2020)

Regie: Vanessa Lapa

Drehbuch: Vanessa Lapa, Joëlle Alexis

mit Albert Speer, Andrew Birkin

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

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Moviepilot über „Speer goes to Hollywood“

Rotten Tomatoes über „Speer goes to Hollywood“

Wikipedia über „Speer goes to Hollywood“ (deutsch, englisch) und Albert Speer (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 12. November: Für eine Handvoll Dollar

November 11, 2021

3sat, 22.25

Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari, Italien/Deutschland/Spanien 1964)

Regie: Sergio Leone

Drehbuch: Sergio Leone, Duccio Tessari

Musik: Ennio Morricone

Sergio Leones erster richtiger Film (davor übte er bei Monumental- und Sandalenfilmen) und gleich ein genreprägender Klassiker, der für einen TV-Schauspieler den Weg zum Weltstar ebnete.

Die Story: In einer mexikanischen Kleinstadt taucht ein Fremder ohne Namen (Clint Eastwood, der öfter als Joe angesprochen wird) auf und spielt kaltschnäuzig die das Dorf beherrschenden Gangsterbanden gegeneinander aus.

Die Story lieh Leone sich von Akira Kurosawas „Yojimbo“. Der könnte auch mal wieder gezeigt werden.

mit Clint Eastwood, Marianne Koch, Gian Maria Volonté, Sieghardt Rupp, Antonio Prieto, Wolfgang Luckschy

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Für eine Handvoll Dollar“

Wikipedia über „Für eine Handvoll Dollar“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Last Night in Soho“ geschah ein Mord

November 11, 2021

Es dauert einige Minuten, bis wir sicher wissen, dass Eloise heute lebt. Ihr Elternhaus ist zeitlos. Ihre Kleider und ihr Zimmer sind eine Liebeserklärung an die sechziger Jahre. Auch die Musik, die sie hört, spiegelt nicht die aktuelle, sondern die Hitparade der Sechziger wieder.

Es sind die letzten Minuten, die sie zu Hause im ländlichen Cornwall verbringt, bevor sie ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlägt. Sie wird Redruth verlassen und nach London ziehen. Dort hat sie einen Platz als Studentin am Londoner College of Fashion bekommen. Das war ihr großer Traum. In London im Studentinnenwohnheim angekommen fremdelt sie mit ihren schon länger in der Großstadt lebenden Mitstudentinnen, die sich überhaupt nicht für die Vergangenheit, sondern nur für die nächste Party interessieren. Also zieht Eloise aus und bei Miss Collins ein. Die Vermieterin ist schon so alt, dass sie die Sechziger als junge Frau miterlebt haben kann. Auch das Haus und Eloises Zimmer wurden seitdem höchstens mininal an die Gegenwart angepasst. Aber das Haus steht in Soho, dem Ort, der in den Sechzigern das Zentrum von allem war.

In der ersten Nacht träumt sie von damals. Den Straßen, der riesigen Werbung am Kino für den neuen James-Bond-Film „Thunderball“ (Feuerball), den Neonlichtern, den Clubs mit ihren riesigen Tanzflächen und dem aufregendem Nachtleben, in dem alles möglich ist. Es sind Bilder von einem Leben, das sie gerne führen würde. Und sie steckt dabei im Körper der gleich alten, deutlich selbstsicheren Nachtschwärmerin Sandie. Die will in London als Sängerin Karriere machen. Allerdings wird sie auch in einen ihr Leben bedrohenden Mordfall verwickelt.

Mit Eloise fragen wir uns, ob das ein Traum, eine Jungmädchenfantasie von damals, ein zunehmend Eloises Leben bedrohendes Wahngebilde oder ein Hilferuf aus der Vergangenheit ist. Also ob eine Tote zu Eloise spricht und sie den Mörder enttarnen soll. Denn über fünfzig Jahre später ist der Mord immer noch nicht gesühnt und der Mörder lebt wahrscheinlich immer noch in Soho lebt.

Viel mehr als diese Prämisse sollte über die Geschichte von „Last Night in Soho“ nicht verraten werden. Auch nicht das Genre; oder sagen wir es anders: Fans von psychologischen Kriminal- und Horrorfilmen dürften nicht enttäuscht sein.

Im folgenden verwirrt sich Eloises Geschichte immer mehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Traum und Realität. Als Zuschauer wird man immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass bei der in den Sechzigern spielenden Geschichte etwas nicht stimmt. Immer wieder wird, in einer Szene und ohne erkennbaren Schnitt Eloise (Thomasin McKenzie) zu Sandie (Anya Taylor-Joy) oder Sandie geht eine Treppe hinunter, während wir als ihr Spiegelbild Eloise sehen. Diese Szenen drehte Wright vor Ort mit praktischen Tricks und ohne CGI. Und die von Eloise erlebten Sechziger sind ein wahres Sechziger-Jahre-Wunderland, in dem alles so ist, wie wir die Swinging Sixties in Soho aus Filmen, Büchern, Schallplatten und Magazinen kennen. Nur dass Sean Connery und „Alfie“ Michael Caine nicht über die Straße schlendern. Dafür trifft Sandie auf einen anderen gutaussehenden Mädchenschwarm, der Frauen nicht immer gut behandelt, aber ihr als Sängerin bei den ersten Karriereschritten helfen möchte.

Das klingt jetzt nach einem rundum gelungenem Vergnügen für Thriller- und Sixties-Fans. Dummerweise verlangt die Lösung mehr als eine Portion Gutgläubigkeit. Sie funktioniert nämlich nur, weil, rückblickend, die einzelnen Figuren sich wie Idioten verhielten und nicht miteinander gesprochen haben. Ja, Eloise erkundigte sich bei der Wirtin noch nicht einmal, wer denn der seltsame Stammgast sei.

Last Night in Soho (Last Night in Soho, Großbritannien 2021)

Regie: Edgar Wright

Drehbuch: Edgar Wright, Krysty Wilson-Cairns (nach einer Geschichte von Edgar Wright)

mit Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Joy, Matt Smith, Diana Rigg, Terence Stamp, Rita Tushingham, Synnøve Karlsen, Michael Ajao, Jessie Mei Li, Kassius Nelson, Rebecca Harrod

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Last Night in Soho“

Metacritic über „Last Night in Soho“

Rotten Tomatoes über „Last Night in Soho“

Wikipedia über „Last Night in Soho“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The World’s End“ (The World’s End, Großbritannien 2013)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „Baby Driver“ (Baby Driver, USA 2017)

Meine Besprechung von Edgar Wrights „The Sparks Brothers“ (The Sparks Brothers, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Lieber Thomas“ Brasch, das ist Dein Film

November 11, 2021

„Eine auf Tatsachen fußende Fiktion eines realen Lebens“ nennt Regisseur Andreas Kleinert seinen Film über Thomas Brasch, diesen 1945 in Westow, North Yorkshire, geborenen Künstler. Kurz nach seiner Geburt ziehen Braschs Eltern in die DDR. Sein Vater ist überzeugter Kommunist und von 1966 bis 1969 sogar stellvertretender Minister für Kultur. Zu ihm hat er immer ein problematisches Verhältnis. Die Zeit in der Kadettenschule der Natioalen Volksarmee in Naunburg von 1956 bis 1960 ist für Thomas Brasch traumatisch. Während seines 1967 begonnenen Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg protestiert er mit Gleichgesinnten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Sein Vater verrät ihn danach an die Stasi. Brasch wird zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Später wird er auf Bewährung entlassen und arbeitet im Transformatornwerk Oberschöneweide.

Und er schreibt. Seinen ersten Kurzgeschichtenband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ will er in der DDR veröffentlichten. Das geht nicht. Er unterzeichnet die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Danach stellt er einen Ausreiseantrag und darf 1976 ausreisen.

In Westberlin wurde „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im Rotbuch Verlag veröffentlicht (inzwischen ist es bei Suhrkamp erhältlich). Die Kritik ist begeistert. Er ist ein Star der westdeutschen Literaturszene. Er schreibt Theaterstücke. Großen Erfolg hat er mit dem Stück „Lovely Rita“, das er in der DDR schrieb und das im Westen mit seiner Freundin Katharina Thalbach in der Hauptrolle seine Premiere hat. Und er inszeniert Filme. Sein erster Spielfilm, das in SW gedrehte Gangsterepos „Engel aus Eisen“ über die Gladow-Bande, feiert seine Premiere in Cannes. Zu dieser Zeit, die späten siebziger und achtziger Jahre, war Thomas Brasch eine Gruppe männlicher und weiblicher Bewunderer um sich gescharrt.

In den Neunzigern zieht er sich zurück um „Mädchenmörder Brunke oder Die Liebe und ihr Gegenteil“ zu schreiben. Das Manuskript hat über vierzehntausend Seiten. Zu Braschs Lebzeiten wird ein keine hundert Seiten umfassendes Fragment veröffentlicht.

Am 3. November 2001 stirbt er in der Berliner Charité an Herzversagen.

Thomas Brasch war ein widersprüchlicher Geist, der die DDR nie verlassen wollte, der in Westdeutschland nie heimisch wurde und dessen Leben, inclusive der schwierigen Beziehung zu seinem Vater, auch paradigmatisch für die Geschichte Deutschlands zwischen Kriegsende und Jahrtausendwende steht. Mit gewissen blinden Stellen. Und einem breitbeinigem Machotum, das mit seiner Selbstinszenierung, seiner offen zur Schau getragenen Sensibilität und der ebenso offenen Faszination für die Halbwelt, heute nicht mehr zeitgemäß ist.

Kleinert erzählt, wundervoll in farbenfrohem SW gedreht, dieses Leben in über hundertfünfzig Minuten von der frühen Kindheit bis zu Brachs Tod nach. Aber Dank des schon erwähnten Kunstgriffs, das Leben von Thomas Brasch als eine sich Freiheiten nehmende Fiktion zu begreifen, entgeht er in „Lieber Thomas“ den üblichen Biopic-Fallen. Auch wenn Brachs frühen Jahre, also die Kindheit, Jugend, Studienzeit und die ersten Jahre in Westberllin deutlich mitreisender sind als die späteren Jahre sind. Ungefähr mit der Premiere von „Engel aus Eisen“ in Cannes beginnt der Film zunehmend episodischer zu werden. Der klassische Biopic-Drang, jede irgendwie wichtige Episode im Leben des Porträtierten bis zu seinem Tod chronologisch abzuhandeln wird spürbar. Bis dahin gibt es zahlreich mitreisende Momente, satirisch zugespitzte, surrealistische und absurde Szenen. Auch die Cannes-Episode mit ihrer aus dem Ruder laufenden Vater-Sohn-Begegnung gehört dazu.

Albrecht Schuch, der aktuell ungefähr in jedem zweiten deutschen Film und in jedem sehenswertem deutschen Film (nicht jeder sehenswerte Film ist unbedingt ein guter Film) dabei ist, spielt Thomas Brasch und verleiht ihm dabei sehr aussagekräftige Konturen als schreibsüchtiger, sensibler Macker. Die anderen Schauspieler – immerhin auch Jella Haase, Jörg Schüttauf und Joel Basman (der, wie Schuch, durch die interessanten deutschen Filme tingelt) – verblassen dagegen. Aber das war wohl zu Braschs Lebzeiten so.

P. S.: Das Erste zeigt am Freitag, den 12. November, um 22.15 Uhr den von Andreas Kleinert inszenierten Münchner Tatort „Freies Land“ (Deutschland 2017)

Lieber Thomas (Deutschland 2021)

Regie: Andreas Kleinert

Drehbuch: Thomas Wendrich

mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer, Claudio Magno, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Joana Jacob, Emma Bading

Länge: 157 Minuten

FSK: ab 16 Jahre (hätte eher auf eine FSK-12 getippt)

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Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Lieber Thomas“

Moviepilot über „Lieber Thomas“

Wikipedia über Thomas Brasch (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. November: Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor & Lula

November 10, 2021

Arte, 22.40

Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula (Wild at Heart, USA 1990)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

LV: Barry Gifford: Wild at Heart: The Story of Sailor and Lula, 1984 (Die Saga von Sailor und Lula)

Sailor und Lula flüchten vor einem Detektiv und einem Killer, die beide im Auftrag von Lulas durchgeknallter Mutter reinen Tisch machen sollen. Und dann treffen sie auf den Gangster Bobby Peru und dessen Komplizin Perdita Durango.

Lynchs wildes Roadmovie, ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, ist ein hemmungslos übertriebener Trip durch einen Alptraum namens Amerika. Ein Meisterwerk.

Barry Gifford schrieb später das Drehbuch für den Lynch-Film „Lost Highway”. Außerdem publizierte er neben seinen Romanen, wie „Perdita Durango“ (ebenfalls verfilmt), lesenswerte Sachbücher, wie „Out of the past“ über den Film Noir.

Mit Nicolas Cage, Laura Dern, Diane Ladd, Willem Dafoe, Isabella Rossellini, Harry Dean Stanton, Crispin Glover

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wild at Heart“

Wikipedia über „Wild at Heart“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (Dune, USA 1984) und der gleichnamigen Vorlage von Frank Herbert

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)


TV-Tipp für den 10. November: Jimmy’s Hall

November 9, 2021

Arte, 20.15

Jimmy’s Hall (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

1932 kehrt der Sozialist Jimmy Gralton aus dem amerikanischem Exil in seine geliebte irische Heimat zurück. Er will sich jetzt um seine Mutter kümmern. Aber alte Freunde überreden ihn, den Tanzsaal wieder zu eröffnen. Schnell wird ‚Jimmy’s Hall‘ zu einem Treffpunkt, in dem getrunken, getanzt und politisiert wird. Sehr zum Unwillen der katholischen Kirche.

TV-Premiere (schon lange überfällig). Schönes, leicht nostalgisches, von wahren Ereignissen inspiriertes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Barry Ward, Simone Kirby, Jim Norton, Aisling Franciosi, Aileen Henry, Francis Magee, Andrew Scott, Brian F. O’Byrne

Wiederholung: Freitag, 12. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Jimmy’s Hall“

Metacritic über „Jimmy’s Hall“

Rotten Tomatoes über „Jimmy’s Hall“

Wikipedia über „Jimmy’s Hall“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Sorry, we missed you“ (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)


TV-Tipp für den 9. November: Für Sama

November 8, 2021

Arte, 21.50

Für Sama (For Sama, Großbritannien 2019)

Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts

Drehbuch: Waad al-Kateab

Waad al-Kateabs Dokumentarfilm „Für Sama“ ist ein Brief an ihre Tochter, die, mitten im Bürgerkriegsgebiet, am 1. Januar 2016 in Aleppo geboren wird in einem provisorischem Krankenhaus, in dem Samas Vater versucht, den Verletzten zu helfen.

Waad al-Kateabs aus hunderten Stunden Aufnahmen entstandener Film besticht durch seine ungefilterten Bilder. Sie zeigt die Auswirkungen der Taten von Soldaten auf Zivilisten. „Für Sama“ ist ein beeindruckender, wichtiger und deprimierend zeitloser Film, dessen Bilder einen noch lange verfolgen.

Inzwischen lebt sie mit ihrer Familie in England.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit mehreren Interviews).

mit Waad al-Kateab, Hamza al-Khateab, Sama al-Khateab

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Für Sama“

Metacritic über „Für Sama“

Rotten Tomatoes über „Für Sama“

Wikipedia über „Für Sama“ (deutsch, englisch

Meine Besprechung von Waad al-Khateab/Edward Watts „Für Sama“ (For Sama, Großbritannien 2019)


DVD-Kritik: „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ für ein Ehepaar und drei Ausbrecher

November 8, 2021

Lisa (Noomi Rapace) und Dan (Aksel Hennie) wollen ein gemeinsames Wochenende in der malerisch abgelegen an einem See liegenden Hütte, die Dans Vater gehört, verbringen. Sie ist Schauspielerin, er Regisseur. Sie sind schon länger verheiratet und planen, das gemeinsame Wochenende dafür zu benutzen, ihren Partner umzubringen. Schließlich ist er dafür verantwortlich, dass ihr Leben nicht so glorios wie geplant verlief.

Dans erster Versuch, Lisa umzubringen geht grandios schief. Als er aufwacht, sitzt er gefesselt auf einem Stuhl und muss sich von der höhnisch auftriumphierenden Lisa die eklatanten Schwächen seines Plans vorhalten lassen. Aber noch ehe Lisa ihren Ehemann umbringen kann, krachen, aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände, drei aus einem Gefängnis geflohene Schwerverbrecher vom Dachboden auf sie hinunter – und jetzt müssen Dan und Lisa sich gegen die Verbrecher verbünden. Denn die wollen sie umbringen.

„The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ ist der neue Film von Tommy Wirkola. Zu seinen vorherigen Filmen gehören „Dead Snow“, „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ und der für ihn eher untypische Science-Fiction-Thriller „What happened to Monday?“ (ebenfalls mit Noomi Rapace). Untypisch ist der Science-Fiction-Film insofern, weil Wirkola für schwarzhumorige Filme mit einer ordentlichen Portion Blut und Gewalt bekannt ist. Und genau das gibt es in „The Trip“ reichlich. Es handelt sich um eine tiefschwarze Komödie, in der ein Haufen nicht besonders intelligenter Menschen sich gegenseitig umbringen will, dabei auf absurde Weise immer wieder scheitert und es auf groteske Weise doch immer wieder gelingt, einen nach dem anderen umzubringen. Immer nach der alten Regel, wenn Steine auf einem Boot versteckt werden, werden sie später wieder wichtig. Oder, in keiner bestimmten Reihenfolge, Gewehre, Messer, Billardkugeln, Rasenmäher, Autos, Küchenutensilien, und, nun, auch Fäkalien. Dazwischen gibt es etwas Paartherapie, epische Schlägereien und Blutbäder.

Das Drehbuch dafür stammt von John Niven („Kill your Friends“, „Gott bewahre“, „Straight White Male“), Nick Ball und Tommy Wirkola. Sie schrieben es während der Coronavirus-Pandemie. Ihre nächste Zusammenarbeit „Deathrow-mance“ ist schon in der Vorproduktion.

„The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ ist ein köstlicher Spaß, der gut in das Programm des Fantasy Filmfests oder die gepflegte Mitternachtsvorstellung passt.

Das Bonusmaterial besteht aus einem elfminütigem Werbe-“Behind the Scenes“.

The Trip – Ein mörderisches Wochenende (I onde dager, Norwegen 2021)

Regie: Tommy Wirkola

Drehbuch: Tommy Wirkola, Nick Ball, John Niven

mit Noomi Rapace, Aksel Hennie, Atle Antonsen, Christian Rubeck, André Eriksen, Nils Ole Oftebro, Stig Frode Henriksen, Tor Erik Gunstrøm

–

DVD

Square One Entertainment/Leonine

Bild: 2,00:1 (16.9)

Ton: Deutsch, Norwegisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Deutscher Trailer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre (verdient)

–

Hinweise

Moviepilot über „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“

Metacritic über „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“

Rotten Tomatoes über „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“

Wikipedia über „The Trip – Ein mörderisches Wochenende“

Meine Besprechung von Tommy Wirkolas „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ (Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Tommy Wirkolas „What happened to Monday?“ (What happened to Monday?, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 8. November: Aus Mangel an Beweisen

November 7, 2021

Arte, 20.15

Aus Mangel an Beweisen (Presumed Innocent, USA 1990)

Regie: Alan J. Pakula

Drehbuch: Frank Pierson, Alan J. Pakula

LV: Scott Turow: Presumed Innocent, 1987 (Aus Mangel an Beweisen)

Star-Anwalt Rusty Sabich soll die attraktive Staatsanwältin Carolyn Polhemus ermordet haben. Verzweifelt versucht Sabich seine Unschuld zu Beweisen.

Durchaus spannender, aber nie wirklich packender, Thriller mit hohem Rätselanteil. Alle Personen sind mehr oder weniger unsympathisch und verdächtig; auch der von Harrison Ford unterkühlt gespielte Mordverdächtige Sabich.

Scott Turow erhielt für seinen Debütroman den Silver Dagger. Der Film war für einen Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert.

Mit Harrison Ford, Brian Dennehy, Raúl Julia, Greta Scacchi, Bonnie Bedelia, Paul Winfield, Bradley Whitford

Wiederholung: Dienstag, 9. November, 14.20 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Aus Mangel an Beweisen“

Wikipedia über „Aus Mangel an Beweisen“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 7. November: Apocalypse Now Final Cut

November 6, 2021

Arte, 21.45

Apocalypse Now Final Cut (Apocalypse Now, USA 1979)

Regie: Francis Ford Coppola

Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola

LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)

Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.

Klassiker. Arte zeigt heute, als TV-Premiere, Coppolas 2019 erstellen „Final Cut“. Dafür wurde der Film digital restauriert (das Bild ist toll, aber auf der riesengroßen Kinoleinwand zeigen sich auch die Beschränkungen des Ausgangsmaterials) und er lief sogar im Kino.

Von der Länge liegt der dreistündige Final Cut zwischen der kürzeren 1979er Kinoversion und der längeren Redux-Fassung, die für mich die beste Fassung des Films ist. Danach kommt die Kinoversion (in der Fassung sah ich den Film zum ersten Mal). Der „Final Cut“ ist die Fassung, die mich am wenigsten anspricht.

Meine – und jetzt wird es etwas kompliziert – Besprechung des Final Cut, der DVD/Blu-ray-Ausgabe des Final Cut und einer früheren, umfassenden Ausgabe des Film in der Kino- und Redux-Fassung.

mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Apocalypse Now“, „Apocalypse Now Redux“ und „Apocalypse Now – Final Cut“

Wikipedia über „Apocalypse Now“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich der Kino- mit der „Redux“-Fassung

Schnittberichte: Vergleich der „Redux“-Fassung mit dem „Final Cut“

Awesome Film: Drehbuch „Apocalypse Now“ von John Milius (Fassung vom 3. Dezember 1975)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” (Apocalypse Now, USA 1979 – die “Full Disclosure”-Blu-ray)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now: The Final Cut“ (USA 1979/2019) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „The Outsiders: The complete Novel“ (The Outsiders, USA 1983/2005)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Rumble Fish“ (Rumble Fish, USA 1983)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Twixt – Virginias Geheimnis“ (Twixt, USA 2011)


TV-Tipp für den 6. November: Slow West

November 5, 2021

3sat, 23.15

Slow West (Slow West, England/Neuseeland 2015)

Regie: John Maclean

Drehbuch: John Maclean

Wilder Westen, 1870: der sechzehnjährige Schotte Jay Cavendish sucht seine aus Schottland geflüchtete große Liebe Rose Ross und eigentlich ist das Greenhorn zwischen Kopfgeldjägern, Indianern und allen anderen Wild-West-Gefahren zum Sterben verdammt. Wenn ihm nicht Silas Selleck, ein Revolverheld mit unklaren Absichten, helfen würde.

Schöner kleiner Western mit angenehm kurzer Laufzeit. Die Western Writers of America zeichneten den Film mit dem Spur Award als besten Western des Jahres aus.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kodi Smit-McPhee, Michael Fassbender, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Rory McCann, Andrew Robertt, Edwin Wright, Kalani Queypo

Hinweise

Moviepilot über „Slow West“

Metacritic über „Slow West“

Rotten Tomatoes über „Slow West“

Wikipedia über „Slow West“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Macleans „Slow West“ (Slow West, England/Neuseeland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Ildikó Enyedis „Die Geschichte meiner Frau“

November 5, 2021

Eigentlich ist es noch nicht einmal eine Schnapsidee: In einem Café sagt der Schiffskapitän Jakob Störr (Gijs Naber) zu seinem Freund Kodor, er werde die nächste Frau heiraten, die das Lokal betrete.

Jakob ist ein schweigsamer Seemann, der den Beruf gefunden hat, der perfekt zu ihm passt. Er ist nicht verheiratet; auch weil er noch nie eine Ehefrau, zu der er nach seinen langen Seefahrten zurückkehren kann, vermisst hat. In der Gesellschaft von anderen Menschen ist er eher unbeholfen.

Bei der ersten Frau, die sich der Tür nähert, bereut er schon sein unbedacht abgegebenes Vesprechen. Denn es ist eine ältere, übergewichtige Frau. Sie betritt das Lokal dann doch nicht. Als erste Frau betritt Lizzy (Léa Seydoux) das Café. Sie ist jung, gutaussehend, charmant und gewitzt. Eine bessere Frau hätte, auf den ersten Blick, Jakob nicht finden können. Und, entgegen aller Erwartungen, nimmt sie, leicht amüsiert, den Heiratsantrag des ihr unbekannten Mannes an.

Es ist die sagenumwobene Liebe auf den ersten Blick, die in den folgenden Tagen und, nach der Heirat, Wochen vertieft wird.

Erst später, wenn Jakob von seinen Reisen zurückkehrt, bemerkt er, dass Lizzy ein eigenes Leben hat und ihm nicht alles sagt über ihre Freunde und ihre abend- und nächtlichen Unternehmungen.

„Die Geschichte meiner Frau“ ist die Verfilmung von Milán Füsts bekanntestem Roman. Ildikó Enyedi, die 2017 für „Körper und Seele“ den Goldenen Bären erhielt, bearbeitete den Roman, „ein riesiger, ausschweifender innerer Monolog, ein Strom von Selbstanalyse und Reflektion“ (Enyedi) zu einer strikt chronologisch erzählten Geschichte, die konsequent aus Jakobs Sicht erzählt wird.

Deshalb wissen wir nicht, was Lizzy in Jakobs Abwesenheit treibt. Also ob sie ihn, wie er vermutet, betrügt oder, was sie behauptet, einfach nur eine lebenslustige Frau ist, die gerne mit verschiedenen Männern ausgeht. Eigentlich erfahren wir während des gesamten gut dreistündigen Films nichts über sie, was wir nicht bereits nach den ersten Minuten wissen.

Über ihn erfahren wir auch nicht mehr. Vor allem erfahren wir nicht, warum er Lizzy so abgöttisch liebt und unbedingt mit ihr zusammen bleiben will. Denn er glaubt, dass sie ihn betrügt. Er ist eifersüchtig. Aber er will sich auch nicht aus den Fängen dieser Femme Fatale befreien.

Und umgekehrt ist unverständlich, warum Lizzy unbedingt Jakobs Ehefrau bleiben möchte.

Die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts spielenden Szenen einer Ehe kranken an dieser zunehmend unglaubwürdigen Liebesgeschichte. Entgegen des Titels „Die Geschichte meiner Frau“ wird nicht die Geschichte von Jakobs Frau erzählt. Das Liebesdrama erzählt höchstens die Geschichte seines Bildes seiner ihm unbekannten Frau, für deren Leben und Vergangenheit er sich niemals interessiert.

Außerdem ist der Film mit gut drei Stunden viel zu lang für seine doch arg redundante und damit auch langweiligen Geschichte.

Die Geschichte meiner Frau (A Feleségem Története, Ungarn/Deutschland/Frankreich/Italien 2021)

Regie: Ildikó Enyedi

Drehbuch: Ildikó Enyedi

LV: Milán Füst: A feleségem története, 1942 (Die Geschichte meiner Frau)

mit Gijs Naber, Léa Seydoux, Louis Garrel, Luna Wedler, Josef Hader, Sergio Rubini, Jasmine Trinca, Ulrich Matthes, Udo Samel

Länge: 169 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Geschichte meiner Frau“

Moviepilot über „Die Geschichte meiner Frau“

Metacritic über „Die Geschichte meiner Frau“

Rotten Tomatoes über „Die Geschichte meiner Frau“

Wikipedia über „Die Geschichte meiner Frau“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ildikó Enyedis „Körper und Seele“ (Teströl és lélekröl, Ungarn 2017)


TV-Tipp für den 5. November: Sneakers – Die Lautlosen

November 4, 2021

ZDFneo, 20.15

Sneakers – Die Lautlosen (Sneakers, USA 1992)

Regie: Phil Alden Robinson

Drehbuch: Phil Alden Robinson, Walter F. Parkes, Lawrence Lasker

Martin Bishop und sein Team brechen im Auftrag von Firmen in Computersysteme ein. Als sie einen halbseidenen Regierungsauftrag erhalten, geraten sie in Teufels Küche.

Sozusagen die unglamouröse Variante von „Ocean’s Eleven“. Was den Film nicht weniger unterhaltsam macht.

mit Robert Redford, Sidney Poitier, Dan Aykroyd, Ben Kingsley, Mary McDonnell, River Phoenix, David Strathairn, Timothy Busfield, James Earl Jones

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Sneakers – Die Lautlosen“

Wikipedia über „Sneakers – Die Lautlosen“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „The many Saints of Newark“ erzählt von Tony Sopranos Jugend

November 4, 2021

Wie wurde Tony Soprano Tony Soprano? Diese Frage wird in „The many Saints of Newark“ nicht wirklich beantwortet.

Doch bevor wir zu diesem Kinofilm, der immer wie ein hoch budgetierter Prestige-TV-Film wirkt, kommen, muss ich einiges über Tony Soprano sagen. Gespielt wurde er von James Gandolfini in der Rolle seines Lebens. In den USA war die sich auf ihn, sein Leben und seine Familie konzentrierende TV-Serie ein Hit und ein kulturelles Phänomen. Sie revolutionierte das Erzählen im Fernsehen und wurde auch noch nach ihrem Ende in den höchsten Tönen gelobt. Die Writers Guild of America nannte „Die Sopranos“ die am besten geschriebene TV-Serie aller Zeiten. Das Magazin „Rolling Stone“ setzte „Die Sopranos“ auf den ersten Platz ihrer Liste der besten TV-Serien aller Zeiten. Bei uns wurde die Serie vor zwanzig Jahren zunächst auf einem schlechten Sendeplatz gezeigt, der durch einem noch schlechteren Sendeplatz ersetzt wurde, ehe auf die weitere TV-Ausstrahlung verzichtet wurde. Immerhin erschien auch in Deutschland die Serie vollständig auf DVD. Entsprechend überschaubar dürfte hier die Zahl der „Sopranos“-Fans sein.

Tony Soprano ist in der TV-Serie, die von 1999 bis 2007 produziert wurde, ein hoffnungslos überforderter, in New Jersey lebender Caporegime. Der Mafiosi muss auf seine Leute aufpassen, Konkurrenten in Schach halten, ein guter Vater, Ehemann und Sohn sein. Vollkommen überfordert von diesen Anforderungen begibt er sich in Psychotherapie. Mit seiner nichtsahnenden Therapeutin konnte er über seine Probleme reden. Nach acht Jahren und sechs Staffeln war dann Schluss.

„The many Saints of Newark“ springt jetzt zurück in die Kindheit und Jugend von Tony Soprano, der in dem Film nur eine Nebenrolle hat.

Die erste Hälfte des Mafiafilms spielt 1967. Tony ist noch ein Kind. ‚Hollywood Dick‘ Moltisanti kommt aus Italien mit einer deutlich jüngeren, wie Sophia Loren aussehenden Frau zurück. Giuseppina stellt schnell fest, dass das Leben in den USA nicht ihrem Bild von Amerika entspricht. Moltisantis Sohn Dickie Moltisanti ist ebenfalls ein Mobster. Er kümmert sich um das Tagesgeschäft. Er sammelt Schutzgeld. Er fährt, stilvoll gekleidet, mit seinem Chevrolet Impala Cabrio durch Newark. Er ist der Onkel von Tony Soprano. Und der elfjährige Tony bewundert seinen Onkel.

Als die Polizei einen schwarzen Taxifahrer zu Tode prügelt, ist das der Ausgangspunkt für mehrtägige, historisch verbürgte Straßenschlachten.

1971 ist Tony ein Teenager, der kleinere Verbrechen begeht. Tonys Vater ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Schwarze Verbrecher machen der DiMeo-Verbrecherfamilie das Leben schwer. Wenn die Mafiosi nicht gerade ihre Familienmitglieder umbringen.

Auch in diesem Teil ergeben die Episoden aus Newark keine Geschichte. Es ist ein Blättern im Familienalbum. Tony Soprano stolpert manchmal durch das Bild. Einen Einfluss auf die Ereignisse hat er nicht. Dafür ist er noch zu jung und viel zu weit unten in der Mafia-Hierarchie. Immerhin kann er für die abendlichen Partys mit seinen Klassenkameraden stimmungssteigernde Drogen besorgen.

Viel wichtiger als Tony Soprano sind die anderen Familienmitglieder. Fans der TV-Serie müssten sie kennen und sich darüber freuen, sie in diesem Prequel-Film in jungen Jahren zu sehen. Alle anderen müssen die unzähligen familiären und kriminellen Verflechtungen erdulden, die nur deshalb Teil der Filmgeschichte sind, weil sie in der TV-Serie wichtig waren und ein solches Prequel in jedem Fall ein Film sein muss, der die Fans der Serie bedient.

Der gesamte Film zerfällt in unzählige Episoden. Figuren, die teils von hochkarätigen und bekannten Schauspielern wie Vera Farmiga, Ray Liotta, Jon Bernthal und Corey Stoll gespielt werden, tauchen kurz auf, verschwinden für Ewigkeiten aus der Filmhandlung und sind dann plötzlich wieder da. Die geisterhafte Voice-Over-Stimme könnte die disparaten Episoden zusammenhalten. Dieser Erzähler verrät uns schnell, von wem er später erschossen wird und wir sehen Ereignisse, bei denen er nicht dabei war. Da ist es fast schon überflüssig, zu sagen, dass das Voice-Over in „The many Saints of Newark“ niemals die Präsenz und den Druck entwickelt, den die Erzählerstimme in Martin Scorseses grandiosem Mafia-Epos „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ hatte. Die Erinnerungen an Scorseses Gangsterfilm zeigen schmerzlich, wie sehr Alan Taylor („Thor – The Dark Kingdom“ [Thor: The Dark World], „Terminator: Genisys“ und mehrere „The Sopranos“-Episoden“) als Regisseur versagt. Wobei das auch am Drehbuch von „Sopranos“-Erfinder David Chase und Lawrence Konner liegt.

„The many Saints of Newark“ ist ein Film, der beständig in seine Teile zerfällt, die unverbunden nebeneinander stehen und sich in unzählige Sackgassen verirrt. Das führt dazu, dass der Gangsterfilm sich deutlich länger anfühlt als er ist.

The many Saints of Newark – A Sopranos Story (The many Saints of Newark, USA 2021)

Regie: Alan Taylor

Drehbuch: David Chase, Lawrence Konner (basierend auf von David Chase erfundenen Figuren)

mit Alessandro Nivola, Leslie Odom Jr., Vera Farmiga, Jon Bernthal, Corey Stoll, Ray Liotta, Michela De Rossi, Michael Gandolfini, Billy Magnussen, John Magaro, Michael Imperioli

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The many Saints of Newark“

Metacritic über „The many Saints of Newark“

Rotten Tomatoes über „The many Saints of Newark“

Wikipedia über „The many Saints of Newark“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Taylors „Terminator: Genisys“ (Terminator: Genisys, USA 2015)