Drehbuch: Pete Docter, Meg LeFauve, Josh Cooley (nach einer Idee von Pete Docter und Ronnie del Carmen)
Die elfjährige Riley ist todunglücklich über den Umzug vom wundervollen Minnesota nach San Francisco – und dann passiert in ihrem Kopf etwas. Ab diesem Moment spielt der Film in Rileys Kopf, wo im Kontrollzentrum die verschiedenen Emotionen für ein geregeltes Leben sorgen. Als der Emotion Kummer ein dummes Missgeschick passiert, versucht Freude wieder den alten Zustand herzustellen. Dafür muss sich sich, zusammen mit Kummer, auf eine Reise durch Rileys Gedächtnis begeben.
Wundervolle Pixar-Komödie, die locker schwierige Themen und Theorien erklärt.
Donna Tartts Roman „Der Distelfink“ und John Crowleys gleichnamige Verfilmung beginnen beide in Amsterdam. Der Endzwanziger Theo Decker ist in einem Hotelzimmer. Er ist verstört. Auf seinem Hemd ist etwas Blut, das er panisch versucht zu entfernen.
Er erinnert sich an seine Vergangenheit und, auch wenn Crowley Ansel Elgort immer wieder im Hotelzimmer zeigt, wird Theos Geschichte im Film fast genauso chronologisch gezeigt, wie sie im Buch erzählt wird.
Dabei wirkt der Film wie die Readers-Digest-Version des tausendseitigen Romans.
Und das ist keine gute Sache. Während Crowley uns durch Theos Geschichte von seinem dreizehnten Lebensjahr, als er bei einen Terroranschlag in einem New Yorker Museum seine Mutter verliert, bis, vierzehn Jahre später, zu dem Zimmer in Amsterdam führt, findet sich nie ein thematischer Fokus. Stattdessen wird von Thema zu Thema, von möglichem erzählerischem Bogen zu möglichem erzählerischem Bogen gesprungen. So kommt Theo nach dem Attentat bei der vermögenden Familie Balfour unter, er lernt den Restaurator Hobie kennen, Theos spurlos verschwundener Vater taucht auf und nimmt ihn mit nach Las Vegas, er befreundet sich mit dem drogensüchtigen Slacker-Klassenkameraden Boris, wird selbst eifriger Drogenkonsument, nach einem Autounfall seines Vaters flüchtet Theo zurück nach New York, acht Jahre später ist er Hobies Geschäftspartner, steht kurz vor einer Hochzeit, hat wegen halbseidener Geschäfte Ärger mit einem Kunden, trifft Boris wieder und gemeinsam fahren sie nach Amsterdam. Im Buch und im Film folgt ein Ereignis einfach auf das nächste. Erklärungen gibt es kaum. So taucht irgendwann Theos spurlos verschwundener Vater auf und er nimmt Theo freiwillig und ohne irgendeinen erkennbaren Grund, unter seine Obhut. Danach, in Las Vegas, kümmert er sich dann nicht weiter um Theo.
Wenn man ein erzählerisches Prinzip in Theos Rückschau auf sein Leben erkennt, dann, dass fast alles Zufall ist und er passiv von einer Situation in die nächste stolpert. Wobei Theo selbst am Anfang seiner Lebensbeichte sagt: Meine Mutter „starb, als ich klein war, und obwohl ich an allem, was mir seitdem passiert ist, zu hundert Prozent selbst schuld bin, verlor ich doch mit ihr den Blick für jede Art von Orientierungspunkt, der mir den Weg zu einem glücklicheren Ort hätte zeigen können, hinein in ein erfüllteres oder zuträglicheres Leben.“
Das titelgebende Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius, das Theo nach dem Terroranschlag, über den wir nichts genaues erfahren, im Museum einsteckt und danach, immer hübsch verpackt, von einem Ort zum nächsten schleppt, wird erst am Ende wichtig. In einem Roman oder eine TV-Serie funktioniert diese Offenheit, dieses Präsentieren von Episoden und Erzählsträngen, die nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind, besser als in einem Film.
Das wissen auch Drehbuchautor Peter Straughan und Regisseur John Crowley. Crowley inszenierte vorher die sehr feinfühlige, präzise an ein zwei Orten und einer Zeit lokalisierte Einwanderergeschichte „Brooklyn“. Hier beschränkt er sich auf das Bebildern des Romans, den Drehbuchautor Straughan brav zusammenfasste. Straughan schrieb die Bücher für „Männer, die auf Ziegen starren“, „Eine offene Rechnung“, „Dame, König, As, Spion“ und „Frank“. Das sind teilweise sehr komplexe Geschichte, die er grandios verdichte oder gleich selbst eine Geschichte aus dem zugrunde liegendem Material herausdestillierte. In „Der Distelfink“ ist dagegen nie eine eigene Haltung oder ein eigener Zugriff auf die Geschichte erkennbar. Er nimmt einfach das Buch und macht aus zehn Buchseiten eine Filmminute. Wenn möglich übernimmt er dabei wortwörtlich die Dialoge aus dem Roman. Manchmal lässt er auch eine Figur und ein Episödchen weg. Bei einem Thriller, wie denen von Stieg Larsson, funktioniert das gut: die Story bleibt, etwas Hintergrund auch, und die überflüssigen Teile werden weggelassen. Bei „Der Distelfink“ funktioniert das Zusammenkürzen auf die reine Handlung nicht, weil bei solchen literarischen Romanen die Handlung nicht unbedingt das Wichtigste ist. Trotzdem dürften die zahlreichen Leser des Romans erfreut sein, dass sie in jeder Filmminute den Roman wieder erkennen.
Die Ausstattung ist stimmig, aber auch durchgehend zeitlos. In New York wohnt Theo immer in Wohnungen, die mit alten Möbeln und Gegenständen vollgestellt sind. In Las Vegas lebt er in einem Haus in einer austauschbaren, unbewohnten Vorortsiedlung, die irgendwann in den letzten fünfzig Jahren errichtet wurde. Gegenstände, die den Film eindeutig in einer bestimmten Zeit verorten, fehlen. Roger Deakins, der für „Blade Runner 2049“ den nach dreizehn Nominierungen schon lange überfälligen Kamera-Oscar erhielt, übernahm die Kamera. Die Besetzung ist hochkarätig. Ansel Elgort, Nicole Kidman (unterfordert und als ältere Mrs. Barbour mit einer gruselig-lieblosen, an Saturday Night Life erinnernden Maske), Jeffrey Wright, Luke Wilson und Sarah Paulson sind dabei.
Aber das kann man bei der prestigeträchtigen Verfilmung eines weltweiten Bestsellers erwarten. Tartts Roman wurde mit Kritikerlob überschüttet und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Dabei ist „Der Distelfink“ von der erzählerischen Komplexität eher ein besonders dickes Jugendbuch, das seine Leser niemals überfordern will. Entsprechend flott lassen sich die tausend Seiten lesen.
Am Ende begeistert nichts an Crowleys buchstabengetreuer Donna-Tartt-Verfilmung.
Der Distelfink (The Goldfinch, USA 2019)
Regie: John Crowley
Drehbuch: Peter Straughan
LV: Donna Tartt: The Goldfinch, 2013 (Der Distelfink)
mit Oakes Fegley, Ansel Elgort, Nicole Kidman, Jeffrey Wright, Luke Wilson, Sarah Paulson, Willa Fitzgerald, Aneurin Barnard, Finn Wolfhard, Ashleigh Cummings, Aimée Lawrence, Robert Joy, Boyd Gaines, Hailey Wist, Ryan Foust, Denis O’Hare
Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (Battle of the Sexes, USA 2017)
Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton
Drehbuch: Simon Beaufoy
1973 fordert Bobby Riggs Billy Jean King heraus. Der 55-jährige Riggs, ein großmäuliger Wimbledon- und US-Open-Gewinner, behauptet, die beste Tennisspielerin der Welt in einem Match schlagen zu können.
TV-Premiere. Auf Tatsachen basierende, sehr kurzweilige Dramödie mit viel Zeitkolorit über diesen historischen Kampf und über Billy Jean King, die 2009 die Presidential Medal of Freedom für ihr Engagement für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft erhielt. Bereits 1975 sang Elton John über sie in „Philadelphia Freedom“.
Letztes Jahr begeisterte Ari Aster mit seinem Debütfilm „Hereditary – Das Vermächtnis“ (Hereditary, USA 2018), einem Horrorfilm, der sich nicht für das Teenie-Slasher-Kreisch-Publikum interessierte. Sein neuer Film „Midsommar“ ist wieder ein Horrorfilm, der sich wieder nicht an das eben erwähnte Publikum richtet und wieder etwas Sitzfleisch verlangt. Mit gut hundertfünfzig Minuten fällt „Midsommar“ ziemlich episch aus und, obwohl jetzt im Kino die vom Regisseur gewünschte Uncut-Kinofassung läuft, hat er schon einen längeren Director’s Cut angekündigt, der vielleicht einige der kleinen Lücken klärt, die entstehen wenn eine Figur plötzlich aus dem Film verschwindet oder ein Ereignis später nicht wieder aufgenommen wird. Diese 25 Minuten längere Fassung soll in Deutschland am 7. Februar 2020 als DVD und Blu-ray mit umfangreichem Bonusmaterial erscheinen.
Bis dahin gibt es die faszinierende Kinofassung, die in epischer Breite und beunruhigender Langsamkeit die Geschichte einiger US-Studierender erzählt, die einen Ausflug nach Schweden machen. Ihr Studienkollege Pelle hat sie zum so nur alle neunzig Jahre stattfinden Mittsommerfest seines Dorfes eingeladen. Christian und Mark wollen vor allem eine schöne Zeit verbringen. Josh will, wenn er dazu kommt, seine Abschlussarbeit über heidnische Kulte schreiben. Und Dani fährt wegen ihres Freundes Christian mit. Weil sie immer noch einen traumatisches Ereignis in ihrer Familie verarbeitet und entsprechend labil und anhänglich ist, ist keiner der Jungs von ihrer Anwesenheit begeistert. Aber nachdem Christian ihr von der Fahrt erzählte und sie seine pro-forma-Einladung akzeptierte, kann sie nicht mehr ausgeladen werden. .
In der Einöde werden sie und das britische Pärchen, das sie auf dem Weg zum Dorf aufgabelten, freundlich empfangen. Zuerst wird etwas geraucht. Danach wundern sie sich über die nicht untergehende Sonne und probieren auch andere lokale Rauschmittel aus, während sie die Gemeinschaft in ihrem an ein Ferienlager erinnerndes Hüttendorf in ihren altmodischen Kleidern bei den einzelnen Schritten des Rituals beobachten und auch daran teilnehmen. Die jungen Gäste genießen diese Mischung aus drogengeschwängertem Freigeist und mittelalterlichem Ritual. Dass es sich um ein Opferritual handelt, ignorieren die Studierenden. Dabei zeigen augenfällig platzierte Malereien ihnen schon früh den gesamten Ablauf des ausführlich gezeigten heidnischen Rituals.
Und Dani ist erfreut, dass nicht die Jungs, sondern sie im Mittelpunkt steht und vergöttert wird.
Ari Aster erzählt diese am helllichten Tag spielende Geschichte suggestiv, mit einprägsamen Bildern und Anordnungen von Menschen und Gegenständen, die an kunstvolle Zeichnungen erinnern. Weil die Geschichte in ihren groben Zügen absolut voraussehbar ist, kann und sollte man vor allem die Stimmung genießen. Es ist eine alptraumhafte Stimmung, die man als Folk Horror trifft Ingmar Bergman beschreiben kann. Und schon bei Bergman lag der wahre Horror in der Psyche und in den Beziehungen der Menschen zueinander.
Ich nahm mir auch die Zeit, mich zu fragen, wann und wie die Dorfbewohner die Zeit gefunden hatten, auf der Wiese immer wieder die Tische und Bänke so perfekt anzuordnen. Denn man sieht nie, wie sie die Tische auf den zentralen Festplatz tragen und später wegtragen.
Dafür sieht man sie bei ihren kultischen Handlungen, die ein munteres Mashup verschiedenster nordischer, englischer und deutscher Folklore-Traditionen, heidnischer Bräuche und US-amerikanischer Vorurteile über die alte Welt sind.
„Midsommar“ ist wie ein langsames Musikstück, das durch seine Atmosphäre in seinen Bann zieht. Dafür muss man in der richtigen Stimmung sein.
Midsommar (Midsommar, USA 2019)
Regie: Ari Aster
Drehbuch: Ari Aster
mit Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Will Poulter, Vilhelm Blomgren, Gunnel Fred, Ellora Torchia, Archie Madekwe
Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, USA 1991)
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Ted Tally
LV: Thomas Harris: The Silence of the Lambs, 1988 (Das Schweigen der Lämmer)
Jung-FBI-Agentin Clarice Starling verfolgt einen Serienkiller und verliebt sich in den inhaftierten Hannibal Lecter. Der hochintelligente Psychiater, Serienkiller und Kannibale sitzt seit Jahren in einer Hochsicherheitszelle.
Inzwischen ein Klassiker, der – zu Recht – etliche Oscars erhielt (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle). Beim wiederholten Sehen fällt auf, wie wenig von den schockierenden Ereignissen wirklich zu sehen ist – und wie konservativ die Kameraführung ist. Achten sie auf die erste Begegnung von Jodie Foster und Anthony Hopkins. Da ist keine Bewegung überflüssig, kein Schnitt zu viel und es wird sich in jeder Sekunde auf das Drehbuch und die Schauspieler verlassen.
Hitchcock hätte der Film gefallen.
Der Roman ist ebenfalls sehr gelungen.
Mit Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine
Der Film könnte überall spielen. Denn wer in den letzten Jahren aufmerksam die Zeitung gelesen hat, hat oft genug vom sexuellen Missbrauch von Kindern durch Würdenträger in der katholischen Kirche gelesen.
Zum Beispiel von diesem Fall aus Lyon, den François Ozon in seinem neuen Film „Gelobt sei Gott“ akribisch nachzeichnet.
Es beginnt damit, dass Alexandre Guérin (Melvil Poupaud), glücklich verheirateter Vater mehrerer Kinder und praktizierender Katholik, erfährt, dass Pater Preynat, der ihn als Kind missbrauchte, schon vor einigen Jahren in die Nähe von Lyon zurückkehrte, immer noch Priester ist und immer noch mit Kindern arbeitet.
Alexandre wendet sich an Kardinal Barbarin, den Erzbischof von Lyon. Die Kirche nimmt geduldig und verständnisvoll sein Anliegen auf, die von der Kirche angestellte Mediatorin Régine Maire redet mit ihm und sie lässt immer viel Zeit verstreichen zwischen Alexandres Schreiben. Und sie denkt nicht daran, den beschuldigten Priester, der die Taten nie bestreitet, aus dem Dienst zu entfernen.
Alexandre ist der erste Mann, den Ozon in seinem neuen Film porträtiert. Danach folgen François Debord (Denis Ménochet) und Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud).
François ist ein militanter Atheist, der ihren Fall an die Öffentlichkeit bringt und die Interessengruppe „La Parole Liberée“ (Das gebrochene Schweigen) gründet. Die Gruppe bringt Preynats Taten und die Untätigkeit der Kirche an die Öffentlichkeit.
Emmanuel ist innerlich zerbrochen. Diese Figur besteht, im Gegensatz zu Alexandre und François, nicht aus einer realen Figur, sondern orientiert sich an einem Opfer und veränderte bei ihm einige Details. Er steht damit für die Opfer, die nach dem sexuellen Missbrauch kein normales Leben führen können.
Während die Handlung sich, immer nah an den Tatsachen, chronologisch fortbewegt, konzentriert Ozon sich nacheinander auf einen der drei Männer. Somit besteht „Gelobt sei Gott“ aus drei jeweils ungefähr gleich langen, thematisch miteinander verbundenen Kurzfilmen. Stilistisch verfolgt Ozon die Ereignisse mit dem ruhigen, objektiv-distanzierten Blick eines Dokumentarfilmers. Weil es ein Spielfilm ist, kann Ozon, der das Thema ursprünglich als Dokumentarfilm bearbeiten wollte, Ereignisse zeigen, bei denen in der Realität niemals eine Kamera dabei wäre. Zum Beispiel wenn die Männer erfahren, dass ihr Vergewaltiger noch immer aktiv ist, wenn sie sich entschließen, den Kampf gegen die mächtige Kirche aufzunehmen, und wenn sie sich hinter verschlossenen Türen unterhalten.
„Gelobt sei Gott“ behandelt sein Thema facettenreich und mit eindeutiger Sympathie für die Opfer, die teilweise immer noch gläubig sind. Er gibt ihnen eine Stimme und lässt sie durch die verschiedenen Figuren zu Wort kommen. So sind Alexandres Briefe an die Kirche, die er im Voice-Over vorliest, die Briefe, die Alexandre Guérin an den Erzbischof von Lyon schrieb.
Ozons dokumentarischer Spielfilm zeigt auch, wie – höflich formuliert – unbefriedigend die bisherige Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Thema ist. Anstatt sich um die Opfer die kümmern, wurden (und werden?) die Täter und die Institution geschützt. Immerhin wurde Pater Preynat am 4. Juli 2019 von einem Kirchengericht des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger für schuldig befunden und aus dem Klerus ausgeschlossen. Ob er gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt hat, konnte ich jetzt nicht herausfinden. Das staatliche Gerichtsverfahren gegen ihn hat immer noch nicht stattgefunden. Kardinal Barbarin, Régine Maire (die Kirchenpsychologin, die für die Unterstützung der Opfer von Priestern zuständig ist) und fünf weitere kirchliche Amtsträger wurden im Januar 2019 wegen der Nichtanzeige sexueller Übergriffe auf Minderjährige unter 15 Jahren und wegen unterbliebener Hilfeleistung angeklagt. Kardinal Barbarin erhielt eine eine Bewährungsstrafe, gegen die er Berufung einlegte. Im November soll darüber verhandelt werden.
Gelobt sei Gott(Grâce à Dieu, Frankreich 2019)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon
mit Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Èric Caravaca, François Marthouret, Bernard Verley, Josiane Balasko, Martine Erhel
Jede Familie hat so ihre Macken. Das bemerkt Grace in der Hochzeitsnacht auf dem noblen Anwesen der Familie Le Domas. Hier sieht noch alles wie zur Jahrhundertwende aus, als die Familie ein Vermögen mit Brettspielen machte. Und ein Spiel möchte die Familie ihres Bräutigams Alex Le Domas um Mitternacht mit ihr spielen. Es sei, so sagt ihr Alex, eine lächerliche Aufnahmezeremonie, die jedes neue Mitglied der Familie machen müsse.
Aus dem Kartenstapel mit den Spielvorschlägen zieht sie die Karte für das Spiel „Verstecken“. Diese eng mit einem Familiengeheimnis verbundene Karte wird nur sehr selten gezogen und sie ist der Auftakt für eine Menschenjagd auf Grace, die in dem Moment noch nicht ahnt, in welcher Gefahr sie schwebt.
Sie versteckt sich in dem riesigen Anwesen, während die Le Domas‘ sich, entsprechend den Spielbedingungen mit historischen Waffen ausrüsten. Danach jagen sie Grace durch das riesige, einsam gelegene Haus, das sie nicht verlassen darf.
Als zusätzlichen Motivationsschub für die Le-Domas-Sippe heißt es, dass sie das Opfer vor Sonnenaufgang töten müssen. Sonst sterben sie. Falls Grace das nicht schon vorher erledigt hat.
Die Grundidee für „Ready or Not“ ist natürlich schamlos von Richard Connells mehrmals verfilmter Kurzgeschichte „The most dangerous Game“, die auch zahlreiche weitere Bücher und Filme über eine Jagd auf Menschen inspirierte, geklaut. Wobei in dem von Matt Bettinelli Olpin und Tyler Gillett inszeniertem Film die Jagd in einem Haus stattfindet, das auch als Spukschloss taugen würde und in dem die Zeit stehen geblieben ist.
Mit einem prächtig aufgelegten Ensemble und nicht immer jugendfreien Gags und Tötungen entstand eine blutige Horrorkomödie, in der sich Splatter und Spaß abwechseln. Jedenfalls meistens. Dank des Handlungsortes und der Spielbedingung, dass nur die Waffen benutzt werden dürfen, die es gab, als das Spiel zum ersten Mal gespielt wurde, könnte der Film auch vor fünfzig, hundert oder sogar hundertfünfzig Jahren spielen. Dann hätte man auf die wenigen Gags mit der modernen Technik verzichten müssen. Und die Mitglieder der Le-Domas-Familie wären nicht so tollpatschig im Umgang mit den alten Tötungsgerätschaften.
Mit etwas über neunzig Minuten ist die überzeugende Warnung vor dem Einheiraten in traditionsbewusste Familien auch angenehm kurz geraten.
Ready or Not – Auf die Plätze fertig tot(Ready or Not, USA 2019)
Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett
Drehbuch: Guy Busick, R. Christopher Murphy
mit Samara Weaving, Adam Brody, Mark O’Brien, Henry Czerny, Andie MacDowell, Melanie Scrofano, Kristian Bruun, Nicky Guadagni, Elyse Levesque, John Ralston
LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)
Der Neurophysiologe Dr. Robert Laing zieht in ein am Stadtrand von London liegendes modernes Hochhaus. Als er seine Mitbewohner kennenlernt, bemerkt er die Klassengesellschaft im Haus, die Konflikte zwischen den Stockwerken und ihre dekadente Vergnügungssucht.
TV-Premiere. Sehr düstere Satire auf die Gesellschaft und den Kapitalismus, toll besetzt, glänzend und sehr stilbewusst inszeniert von Ben Wheatley.
Full Metal Jacket (Full Metal Jacket, Großbritannien 1987)
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick, Michael Herr, Gustav Hasford
LV: Gustav Hasford: The Short-Timers, 1981 (Höllenfeuer)
Grandioser (Anti-)Kriegsfilm von Stanley Kubrick, der im ersten Drittel des Films die gnadenlose Ausbildung der Soldaten, ihre Entpersönlichung und Zurichtung nach den Wünschen des Militärs, und in den restlichen zwei Dritteln den chaotischen Kampf in Vietnam, in dem die Ausbildung keinen Pfifferling mehr wert ist, dokumentiert.
Kein angenehmer Film und auch kein Film mit irgendwelchen Identifikationsfiguren oder einem moralischen Standpunkt, aber ein wichtiger und sehenswerter Film.
„Full Metal Jacket ist ein nihilistischer Thriller und insofern der letzte Kriegsfilm, ein Schlussstrich unter das Genre, weil in ihm das Ende des Individuums weniger eine Aussage ist als eine Haltung.“ (Stefan Reinicke: Es ist besser zu leben, als tot zu sein: Full Metal Jacket [1987], in Andreas Kilb/Rainer Rother: Stanley Kubrick)
mit Matthew Modine, Adam Baldwin, Vincent D’Onofrio, R. Lee Ermey, Dorian Harewood
Pünktlich zu dem bekannten Münchner Volksfest zeigt der BR den „Tatort“ dazu:
BR, 20.15
Tatort: A gmahde Wiesn (Deutschland 2007)
Regie: Martin Enlen
Drehbuch: Friedrich Ani
Buch zum Film: Martin Schüller: A gmahde Wiesen, 2009
Kurz vor dem Oktoberfest wird der einflussreiche Stadtrat Hubert Serner umgebracht. Die Kommissare Leitmayr, Batic und Menzinger können sich vor Verdächtigen kaum retten. Denn ohne Serner ging nichts bei der Vergabe der Wies’n-Standplätze und die Zahl seiner Ehemaligen ist immens.
Guter Tatort mit dem zuverlässigen Münchner Team, das uns dieses Mal in die schmutzigen Hinterhöfe des Oktoberfestes entführt.
Mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Michael Fitz, Monika Baumgartner, Franziska Schlattner
–
Lesehinweis
Zuletzt erschien von Friedrich Ani „All die unbewohnten Zimmer“. In dem Krimialroman treffen seine aus bislang vollkommen eigenständigen Serien bekannte Ermittler Tabor Süden (Ex-Kommissar, inzwischen Privatdetektiv und immer auf der Suche nach verschwundenen Menschen), Jakob Franck (Ex-Kommissar und Überbringer schlimmer Nachrichten) und Polonius Fischer (Ex-Mönch, Kommissar und Leiter des „Die zwölf Apostel“ genannten Kommissariats) aufeinander. Zusammen mit Fariza Nasri (syrichstämmige Kommissarin und neu bei den „zwölf Aposteln) wollen sie zwei rätselhafte Mordfälle – die Ermordung einer Frau und die Erschlagung eines Streifenpolizisten – aufklären, während die öffentliche Debatte sich auf die unfähige Polizei einschießt.
Mit gut fünfhundert Seiten ist „All die unbewohnten Zimmer“ einer der umfangreichsten Romane von Friedrich Ani. Aber das passiert halt, wenn all die guten Ermittler gemeinsam einen Fall lösen und dabei ihre individuellen Ermittlungsstile pflegen müssen.
Drei Farben: Rot (Trois couleurs: Rouge, Frankreich/Polen/Schweiz 1994)
Regie: Krzysztof Kieslowski
Drehbuch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz
Eine Studentin überfährt die Schäferhündin eines misanthropischen, ehemaligen Richters, der illegal die Telefongespräche seiner Nachbarn abhört. Trotzdem fühlt sie sich, auch wegen ihrer persönlichen Situation, von ihm angezogen.
Fulminante Abschluss von Kieslowskis Drei-Farben-Trilogie. „’Drei Farben: Rot‘ ist Höhepunkt, Krönung und Abschluss der Drei-Farben-Trilogie, die die Farben der Trikolore – Blau, Weiß, Rot – zu den Idealen der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – in spannungsvolle Beziehung setzt und ihre Wertigkeiten für die heutige Zeit untersucht.“ (Fischer Film Almanach 1995)
mit Irène Jacob, Jean-Louis Trintignant, Frédérique Feder, Jean-Pierre Lorit
Kingsman: The Golden Circle(Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
LV: Mark Millar/Dave Gibbons: The Secret Service, 2012/2013 (Secret Service) (naja, eigentlich „Inspiration“)
Nachdem Bösewichter die Zentrale der Kingsman zerstörten, müssen die distinguierten britischen Agenten Eggsy und Merlin sich mit ihrer US-amerikanischen Partnerorganisation, den Statesman, deren Zentrale in Kentucky einer Whiskey-Destillerie ist, zusammentun.
TV-Premiere. Witzge, mit hundertvierzig Minuten zu lang geratene Agentenkomödie, mit einer chaotischen Story und viel Action, die um 20.15 Uhr wahrscheinlich in einer gekürzten Version gezeigt wird.
mit Taron Egerton, Julianne Moore, Colin Firth, Mark Strong, Channing Tatum, Halle Berry, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Edward Holcroft, Elton John, Hanna Alström, Tom Benedict Knight, Michael Gambon, Sophie Cookson, Björn Granath, Lena Endre, Poppy Delevingne, Bruce Greenwood, Emily Watson
Five Minutes of Heaven (Five Minutes of Heaven, Großbritannien 2009)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Guy Hibbert
1975 erschoss Alistair Little in Nordirland den etwa gleichaltrigen Jim Griffin. Jims jüngerer Bruder Joe sah die Tat. 33 Jahre später sollen sie vor laufender Kamera eine Versöhnung inszenieren. Aber Joe hat andere Pläne.
TV-Premiere. Fast unbekanntes, aber sehr sehenswertes Kammerspiel von Oliver Hirschbiegel über die Folgen des Nordirlandkonflikts für die Täter und Opfer.
German Films, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt „Systemsprenger“ ins Rennen um den Auslandsoscar. Bis zur Verleihung sind noch einige Hürden zu nehmen, aber von den Filmen, die in der Vorauswahl waren und die ich kenne (ich kenne nicht alle), ist „Systemsprenger“ mit Abstand die beste Wahl.
Nora Fingscheidt erzählt in ihrem Debütfilm die Geschichte von Benni. Einem neunjährigen Mädchen, das sich mit allen Sozialarbeitern anlegt und durch die Netze des Systems fällt. Sie ist ein sogenannter ‚Systemsprenger‘. Keine Hilfeeinrichtung, keine Maßnahme verfängt bei ihr.
Trotzdem versucht Frau Bafané, ihre Sozialarbeiterin, weiter, den Kreislauf zu durchbrechen, in dem Benni in eine Wohngruppe kommt, einen Tobsuchtsanfall hat, bei dem sie andere Kinder verletzt und Gegenstände zerstört werden, und dann, zum Schutz der Gruppe, aus der Gruppe entfernt wird. Danach muss Frau Bafané einen neuen Ort für Bennie suchen.
Fingscheidt erzählt Bennis Odyssee durch das deutsche Hilfesystem immer nah an ihrer Protagonistin Benni, die von Helena Zengel verkörpert wird. Im Bruchteil einer Sekunde wird sie von einem netten Mädchen zu einem den Saal zusammenschreiendem Monstrum. Und sie flippt oft aus. Denn immer wenn etwas nicht so ist, wie sie es gerne hätte, bekommt sie einen Wutanfall. Als Zuschauer entwickelt man schnell eine regelrechte Angstlust. Einerseits fürchtet man sich vor ihrem nächsten Wutausbruch und den Folgen, den dieser für sie hat. Denn jeder Wutausbruch bringt sie weiter von einer dauerhaft-sicheren Umgebung, in der sie sich normal entwickeln kann, weg. Andererseits erwartet man ihn. Denn er wird kommen. Die Frage ist dabei nie ‚ob‘, sondern nur ‚wann‘. Und welche Folgen ihr Schrei nach Liebe hat.
Dieser Kreislauf und die vielen Versuche, Benni daraus zu befreien, ohne ihre Freiheit über Gebühr einzuschränken und ohne sie in einer geschlossenen Psychiatrie ruhigzustellen, zeigt „Systemsprenger“ ohne einseitige Schuldzuweisungen oder Glorifizierungen. Die Sozialarbeiter im Film sind Menschen, die Benni helfen wollen, aber an ihre persönlichen und fachlichen Grenzen stoßen. Das gilt vor allem für Frau Bafané und Michael Heller. Er ist Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche. Mit Benni führt er in intensiver Einzelbetreuung einen dreiwöchigen Aufenthalt in einer einsam gelegenen Hütte durch.
Sie sind für Benni Bezugspersonen, die aber immer auf die nötige professionelle Distanz achten und Grenzen ziehen müssen. Außerdem sind sie nicht Bennis Mutter. Benni wäre zwar gerne bei ihr, aber sie ist als Erzieherin vollkommen überfordert.
„Systemsprenger“ ist in jeder Sekunde pulsierend, frisch, kompromisslos und, gleichzeitig, emotional und analytisch. Er stellt Fragen, ohne eine Lösung zu haben. Das ist junges deutsches Kino, wie man es viel zu selten sieht. Bitte mehr davon!
Und wenn es in einem halben Jahr mit dem Oscar nicht klappt (was erwartungstechnisch für Fingscheidts nächsten Film vielleicht nicht schlecht wäre), sollte ein Produzent ihr unbedingt schnell das Geld für ihren nächsten Film geben.
Systemsprenger (Deutschland 2019)
Regie: Nora Fingscheidt
Drehbuch: Nora Fingscheidt
mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan
Ted Swenson (Stanley Tucci) hat es gut erwischt. Er ist glücklich verheiratet mit Sherrie (Kyra Sedgwick), einer Klinikärztin. Sein erster und bislang einziger Roman verschaffte ihm eine Stelle als Professor an einer ländlich gelegenen Universität in Vermont. Das ist eine Arbeit, die ihm bei überschaubarem Aufwand die nötige finanzielle Sicherheit und Zeit gibt, um weitere Romane zu schreiben. Nur die Muße hat ihn bislang nicht geküsst. Denn Swenson will nicht im Stephen-King-Tempo oder, literarisch anspruchsvoller, T.-C.-Boyle-Tempo einen Bestseller nach dem nächsten schreiben. Also unterrichtet er und zieht elitär-gelangweilt über seine Studenten her. Bis Angela Argo (Addison Timlin) in seinem Seminar einen intelligenten Satz sagt und ihn bittet, das erste Kapitel ihres Romans zu lesen.
Es gefällt ihm. Er will das nächste Kapitel ihrer Geschichte über eine Lehrer-Schülerinnen-Beziehung lesen. Schnell überwindet ihre Beziehung die normale, von gegenseitigem Desinteresse geprägte Lehrer-Schüler-Beziehung.
Richard Levine, der vor allem für das Fernsehen arbeitet (u. a. Drehbuchautor, Regisseur und Produzent von „Nip/Tuck“, „Boss“ und „Masters of Sex“), erzählt in seinem Spielfilm „Submission“ diese Liebesgeschichte zwischen Swenson und Argo sehr langsam und immer entlang der bekannten Konventionen. Das eine harmlose Ereignis führt zum nächsten harmlosen Ereignis. Dass die ihn bewundernde Studentin Hintergedanken haben könnte und dass eine solche Beziehung, auch schon vor den Zeiten von #MeToo, gegen die guten Sitten und etliche universitäre Verhaltensvorschriften verstößt, ignoriert Swenson trotz deutlicher Warnzeichen. Bei seinem Weg ins Verhängnis erstaunt vor allem, wie wenig sich seit Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“ (1930), einer Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ (1905), veränderte. „Der blaue Engel“ wird in „Submission“ mehrmals direkt angesprochen und gezeigt. Damit werden die Parallelen zwischen Professor Raths und Professor Swensons Abstieg auch für die Menschen, die von Sternbergs Film nicht kennen, überdeutlich.
So wird in „Submission“, mit guten Schauspielern und sehr stilbewusst-altmodisch, noch einmal eine Verführungsgeschichte erzählt, die genau so schon vor hundert Jahren erzählt wurde. Nur dass aus der Nachtclubsängerin inzwischen eine Studentin mit etwas zweifelhafter Vergangenheit wurde. Levine hätte wenigstens die Geschlechter und vielleicht sogar das Aussehen der beiden Hauptfiguren ändern können. Dann hätte sich vielleicht eine Professorin in einen Studenten verliebt.
Submission (Submission, USA 2017)
Regie: Richard Levine
Drehbuch: Richard Levine
LV: Francine Prose: Blue Angel, 2000
mit Stanley Tucci, Addison Timlin, Kyra Sedgwick, Janeane Garofalo, Peter Gallagher, Colby Minifie, Ritchie Coster, Alison Bartlett
James Gray war noch nie der schnellste Erzähler. In all seinen bisherigen Filmen erzählte er langsamer als man es nach Hollywood-Erzählkonventionen gewohnt ist. Je nach persönlicher Gefühlslage ist das dann „atmosphärisch“ oder „langweilig“. In seinem neuen Film „Ad Astra“ perfektioniert er seine langsame Erzählweise fast zum Stillstand.
Major Roy McBride (Brad Pitt) soll zum Rand unseres Sonnensystems reisen. In der Nähe des Neptuns gibt es mehrere radioaktive Explosionen, die zu Katastrophen auf der Erde führen. Diese terroristischen Aktionen könnten sogar die Erde vernichten. McBrides Vorgesetzte vermuten, dass hinter den Anschlägen McBrides Vater H. Clifford McBride (Tommy Lee Jones) steckt. Er verschwand vor sechzehn Jahren mit seiner Besatzung. Er war der Leiter des Luna-Projekts, das im Universum nach intelligentem Leben suchen sollte.
Diese Geschichte von McBrides Reise von der Erde zum Rand des Sonnensystems ist selbstverständlich von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ bzw. Francis Ford Coppolas Verfilmung „Apocalypse Now“ und Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ inspiriert.
Deshalb verfolgt der Film, immer wieder mit überwältigenden, für die große IMAX-Leinwand gemachten Bildern, McBride auf seiner Reise von der Erde zum kommerziell besiedelten Mond, zum militärisch-wissenschaftlich besiedelten Mars und dann zum unbesiedelten Neptun, wo er auf seinen Vater trifft. Auf seiner Reise begegnet McBride Mondpiraten, wildgewordenen Pavianen in einer norwegischen Forschungsstation und wenigen, sehr wenigen Menschen. Weil er auf einer Geheimmission ist, kann er mit ihnen nicht darüber reden.
Über seine Gefühle will er auch nicht reden. Denn für McBride handelt es sich, so wird uns gesagt, bei der Mission um eine sehr persönliche Angelegenheit. Die lange Reise zu seinem totgeglaubten Vater ist für ihn der Anlass, über sein Verhältnis zu seinem Vater und zu seinen Mitmenschen nachzudenken. Denn McBride ist ein introvertierter Einzelgänger. Die Reise im Film soll daher auch seinen Weg vom Einzelgänger zum sozialen Wesen, das sich um seine Mitmenschen kümmert, nachzeichnen.
Dieser innere Konflikt wird im Film allerdings nicht durch die Erlebnisse, die McBride auf seiner Reise hat, erfahrbar gemacht. Stattdessen spricht Brad Pitt leise mit ruhig-monotoner Stimme darüber. Dazu gibt es lange Einstellungen und ruhige Bilder von ihm, dem Weltraum und den wenigen von Menschen besiedelten Orten.
Wer sich jetzt nicht brennend für McBrides Selbstfindungsprobleme und sein Verhältnis zu seinem Vater und was das für ihn bedeutet, interessiert, wird eine sehr schön aussehende, sehr ruhige Reise durch das All sehen und am Ende des Films ganz „Zen“ sein.
Ad Astra: Zu den Sternen(Ad Astra, USA 2019)
Regie: James Gray
Drehbuch: James Gray, Ethan Gross
mit Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Ruth Negga, Liv Tyler, Donald Sutherland, Donnie Keshawarz, Loren Dean, Kimberly Elise, Bobby Nish
James Gray, Brad Pitt und Nasa-Vertreter unterhalten sich über den Film (16. September 2019)
Schon einige Tage älter: im TIFF Talk redet James Gray über seine Karriere und den damals noch nicht der Öffentlichkeit gezeigten Film „Ad Astra“ (9. Januar 2019)
Der Vietnam-Veteran John Rambo, der in den vergangenen Jahrzehnten durch die Welt reiste und Bösewichter ins Jenseits beförderte, lebt inzwischen auf einer Ranch in Arizona. Er schluckt Tabletten, wie andere Erdnüsse essen. Gabrielle, die Enkelin seiner Haushälterin, ist seine über alles geliebte Ziehtochter, die demnächst auf die Universität geht.
Eines Tages fährt sie nach Mexiko. Sie will dort ihren Vater, der sie vor Ewigkeiten verlassen hat, fragen, warum er sie verlassen hat. Kurz darauf ist sie in den Händen der Martinez-Brüder, die ihr Geld unter anderem mit Frauenhandel und Zwangsprostitution verdienen.
Als Rambo das erfährt, packt er sein Auto voll mit den Waffen, die man halt so in Mexiko benötigt, und fährt los.
Adrian Grunberg, der die kurzweilige Mel-Gibson-Actionkomödie „Get the Gringo“ inszenierte, ist hier ein reiner Erfüllungsgehilfe für Sylvester Stallone. Ohne erkennbare Ambitionen wird der Star ins rechte Licht gerückt, während aus allen Ritzen konservative und reaktionäre Ideologie tropft. Alle Mexikaner sind Verbrecher, Drogenhändler, Frauenhändler, Vergewaltiger oder treulose Familienväter. Halt menschlicher Abschaum, der nur auftritt, um von Rambo getötet zu werden. Dafür latschen sie bereitwillig in seine Fallen und leisten in direkten Konfrontationen keine Gegenwehr. Denn Sylvester Stallone ist nicht mehr der Jüngste. Sein Schauspiel beschränkt sich auf grimmige Blicke und grummelige Satzfragmente.
Alle Figuren in diesem Film verhalten sich dumm. Wenn sie die Wahl zwischen zwei dummen Alternativen haben, wählen sie zuverlässig die dümmste Option und sie entscheiden sich konsequent für die die gewalttätige Option. Es gibt nur „Gewalt“ und „noch mehr Gewalt“.
Bis es zu den Gewaltausbrüchen und den damit verbundenen wenigen, dafür sehr blutig-brutalen Actionszenen kommt, vergeht ziemlich viel Filmzeit mit peinlichen Erklärdialogen und Sonnenuntergängen. Spätestens wenn Rambo nach Mexiko aufbricht, verbindet der Film vollkommen ironie- und überraschungsfrei, die Dummheiten der Jugend mit der Sturheit des Alters. Der John Rambo in „Last Blood“ unterscheidet sich nicht von dem deutlich jüngeren John Rambo in „Rambo II – Der Auftrag“ oder in „Rambo III“. Er ist eine Ein-Mann-Kampfmaschine, die die gerade populären Gegner reaktionärer US-Amerikaner abschlachtet.
Das ist genau die strunzdumme Law&Order-Ideologie, die Stallone in den achtziger Jahren zu einem der größten Actionstars machte, die damals schon unbekömmlich war und die hier unverändert wieder präsentiert wird.
„Rambo: Last Blood“ ist noch nicht einmal ärgerlich, weil alles genau so kommt, wie man es erwartet, wenn Stallone nicht nur die Hauptrolle übernimmt, sondern auch das Drehbuch schreibt. Der fünfte Rambo-Film ist einfach nur noch ein weiterer vergessenswerter Film mit John Rambo. Auch wenn dieser mit dem Titel „Last Blood“ und, im Abspann, Bildern aus den vorherigen Rambo-Filmen einen Bogen zu „First Blood“, dem Originaltitel des ersten Rambo-Films, schlagen soll.
In Grunbergs Film gibt es nirgendwo den Versuch, den Charakter John Rambo einer Neubetrachtung zu unterziehen oder einen Abschluss zu liefern. Das ist kein letztes Gefecht, sondern einfach nur das nächste Gefecht und, auch wenn Stallone in Interviews zum Filmstart nur von einem weiteren Rocky-Film mit ihm als Rocky redet, ist der nächste Rambo-Film schon am Horizont sichtbar.
Eine unbestrittene Qualität hat der vollkommen ironie- und humorfreie Actionfilm allerdings. „Rambo: Last Blood“ hat unzählige Momente, die sich für Parodien eigenen. Schon beim Ansehen des Films fielen mir mögliche Fake-Trailer und Memes (wie „John Rambo, Herzchirurg“) ein.
Rambo: Last Blood(Rambo: Last Blood, USA 2019)
Regie: Adrian Grunberg
Drehbuch: Matthew Cirulnick, Sylvester Stallone (nach einer Geschichte von Dan Gordon und Sylvester Stallone) (basierend auf der von David Morrell erfundenen Figur)
mit Sylvester Stallone, Paz Vega, Sergio Peris-Mencheta, Adriana Barraza, Yvette Monreal, Oscar Jaenada
New York in den Siebzigern. Das Hell’s Kitchen war noch nicht gentrifiziert. Der „Taxi Driver“ fuhr durch die von irischen Gangstern beherrschten Straßen. Einige von ihnen sind die Berufsverbrecher Jimmy Brennan, Kevin O’Carroll und Rob Walsh. Nachdem sie 1978 nach einem Überfall auf einen Schnapsladen verhaftet und zu längeren Haftstrafen verurteilt werden, stehen ihre Frauen Kathy Brennan (Melissa McCarthy), Ruby O’Carroll (Tiffany Haddish) und Claire Walsh (Elisabeth Moss) nicht vor dem Nichts. Immerhin erhalten sie als die Ehefrauen der Mob-Gangster, solange ihre Männer im Gefängnis sind, etwas Geld. Es sind Almosen, die sie ruhig stellen sollen. Zum Leben ist es zu wenig. Also übernehmen die drei Ehefrauen das Geschäft ihrer Männer: sie treiben die Schulden und das Schutzgeld selbst ein.
Das ist allerdings leichter gedacht, als getan. Trotzdem sind sie, nach kurzen Anlaufschwierigkeiten, sehr erfolgreich im Geschäft. Ein Mafiaboss bietet ihnen eine Zusammenarbeit an. Andere Gangster sind über die drei Frauen weniger erfreut. Schließlich sollen Frauen nicht Gangster spielen, sondern Wäsche waschen und Essen kochen. Und dann sind da auch noch ihre Männer, die irgendwann aus dem Gefängnis entlassen werden.
Das hört sich – auch wenn die drei Damen bruchlos von liebevoller Hausfrau zu skrupellosem Gangster und Gangsterboss umschalten – nach einem zünftigen Gangsterfilm mit viel Retro-Charme an. Dass in den späten siebziger Jahren, außerhalb eines Blaxploitation-Films, niemals drei Hausfrauen den Macho-Gangstermännern Befehle erteilt hätten, stört nicht weiter. Es ist eine wunderschöne Selbstermächtigungsfantasie vor einem ausnehmend pittoresken Hintergrund.
Die Idee für diese Geschichte hatten Ollie Master, Ming Doyle und Jordie Bellaire, die 2015 den Hardboiled-Noir-Gangstercomic „The Kitchen“ bei DC/Vertigo veröffentlichten.
Andrea Berloff, die für ihr Buch zum NWA-Biopic „Straight Outta Compton“ für einen Drehbuch-Oscar nominiert wurde und die Drehbücher zu „World Trade Center“, „Blood Father“ und „Sleepless“ schrieb, nahm für ihre Verfilmung den Comic als Handlungsskizze. Sie fügte einige Figuren dazu, veränderte bei anderen Figuren einiges und auch das Ende ist anders. Dem Geist der Vorlage blieb sie dabei treu.
Aber es gelingt ihr bei ihrer ersten Regiearbeit nicht, ihn in den Film zu übertragen. Trotz aller Änderungen wirkt der Film, als habe man den Comic 1-zu-1 abgefilmt und dabei vergessen, dass Comic und Film zwei verschiedene Medien sind.
So bleiben im Film alle Figuren austauschbare Abziehbilder ohne ein erkennbares Innenleben und nachvollziehbare Motive. Sie sind alle böse Verbrecher, die sich ohne erkennbare Skrupel notfalls gegenseitig betrügen und töten. Nirgendwo ist ein moralischer Kompass erkennbar, der aus „The Kitchen“ mehr als ein banales Gangster-bringen-Gangster-Werk machen würde.
„The Kitchen“ ist ein Langweiler und angesichts der Besetzung – Melissa McCarthy (wieder in einer ernsten Rolle), Tiffany Haddish (dito) und Elisabeth Moss in den Hauptrollen -, der Ausstattung, den Kostümen, den Frisuren (es sieht wirklich wie in den Siebzigern aus), der Kamera (Maryse Alberti [„The Wrestler“, „Creed“]) und der zeitgenössischen Musikauswahl eine große Enttäuschung.
Im Gegensatz zur Vorlage.
The Kitchen:Queens of Crime (The Kitchen, USA 2019)
Regie: Andrea Berloff
Drehbuch: Andrea Berloff
LV: Ollie Masters/Ming Doyle/Jordie Bellaire: The Kitchen, 2015 (The Kitchen)
mit Melissa McCarthy, Tiffany Haddish, Elisabeth Moss, Domhnall Gleeson, James Badge Dale, Brian d’Arcy James, Margo Martindale, Bill Camp, Common, Annabella Sciorra
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Die Vorlage
Ollie Masters/Ming Dolye/Jordie Bellaire: The Kitchen
Den Menschen so fern (Loin des Hommes, Frankreich 2014)
Regie: David Oelhoffen
Drehbuch: David Oelhoffen
LV (frei nach): Albert Camus: L’Hôte, 1957 (Der Gast, Erzählung)
Algerien, 1954: Der Ex-Soldat und Lehrer Daru soll den des Mordes angeklagten Bauern Mohamed in die nächste Stadt bringen, wo er zum Tod verurteilt wird. Während Daru ihn nicht dorthin bringen will, will Mohamed unbedingt dorthin
Tolles existenzialistisches Drama vor einer menschenleeren Western-Kulisse, musikalisch spärlich untermalt von Nick Cave und Warren Ellis.