Neu im Kino/Filmkritik: Über Gus Van Sants John-Callahan-Biopic „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

August 17, 2018

John Callahan trinkt sich in den frühen Siebzigern in Long Beach, Kalifornien, durch den Tag. Als er mit einer Zufallsbekanntschaft von einer wilden Party zu einer noch wilderen Party will, verändert sich sein Leben für immer. Und das ist jetzt nicht Hollywood-Pathos, sondern bittere Realität: Auf dem Weg zur nächsten Party baut der betrunkene Fahrer einen Unfall, den dieser fast unverletzt überlebt. Callahan, der noch betrunkenere Beifahrer, überlebt schwer verletzt. Ärzte können sein Leben retten, aber er ist fast vollständig gelähmt. Er muss bis an sein Lebensende im Rollstuhl sitzen. Auch seine Arme kann er kaum bewegen.

Callahan zieht zurück in seine Geburtsstadt Portland, Oregon. Er trinkt weiter und beginnt zu Malen. Es sind primitive, sarkastisch-schwarzhumorige und immer wieder politisch inkorrekten Cartoons, die zuerst in der örtlichen Tageszeitung abgedruckt werden. Später in den gesamten USA und weltweit.

Am 24. Juli 2010 stirbt der am 5. Februar 1951 geborene John Callahan. Aber diesen Teil, seine letzten Lebensjahre als erfolgreicher Cartoonist, erzählt Gus Van Sant in seinem neuen Film „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ nicht. Er baut seinen konventionell erzählten Feelgood-Film nach dem Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker auf. Er erzählt Callahans Weg vom Trinker zur Enthaltsamkeit und Selbsterkenntnis. Mit dem AA-Programm hat Van Sant eine sehr einfache und dramaturgisch sehr tragfähige Struktur. Er kann in der Zeit hin und her springen, ohne den Fluss der Erzählung zu unterbrechen und so auch etwas widerständiges Indie-Feeling in einen sehr konventionellen Film bringen. Das AA-Programm gibt auch eine klare dramaturgische Richtung vor: von rauschenden Drogennächte über die verschiedenen Versuche, abstinent zu Leben und anschließend sein Leben immer mehr in Ordnung zu bringen. Dazu gehören auch Callahans Umgang mit seiner Behinderung und sein beginnender Erfolg als Cartoonist. In seinen Zeichnungen setzt er sich auch ohne falsche Scheu, mit ätzendem Humor und Selbstironie mit seiner letztendlich selbst verschuldeten, beschissenen Situation auseinander. Auch ohne das Bild zu kennen, sagt der Filmtitel ‚Keine Panik, er wird zu Fuß nicht weit kommen‘ einiges über Callahans Haltung zu sich und seinem Leben aus. Callahans spiritueller Helfer auf dem Weg zur Selbsterkenntnis ist dabei Donnie. Ein vermögender AAler, der eine kleine Schar von Jüngern um sich gescharrt hat und in seiner Nobelvilla nicht arm wie Jesus lebt, aber sich so benimmt und aussieht.

Mit den Musikerinnen Kim Gordon („Sonic Youth“) und Beth Ditto („Gossip“) und Udo Kier ist Donnies AA-Gruppe prominent besetzt. Callahans Sozialarbeiterin Suzanne wird ebenfalls von einer Indie-Musikerin gespielt: „Sleater-Kinney“-Gitarristin Carrie Brownstein.

Und Donnie, gespielt von Jonah Hill, ist auch kein Unbekannter. Auch wenn er unter seinem Vollbart kaum erkennbar ist. Joaquin Phoenix spielt, gewohnt überzeugend, John Callahan.

In Gus Van Sants Filmographie, die munter zwischen Arthaus, Experimenten und Mainstream-Hollywood-Erzählkino hin und her springt, gehört „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ eindeutig in die letzte Kategorie. Den Ursprung hatte das Projekt vor mehr als zwanzig Jahren. Robin Williams, mit dem Van Sant bei „Good Will Hunting“ zusammen gearbeitet hatte, hatte sich die Rechte an John Callahans Biographie gesichert und er wollte Callahan spielen. Seitdem traf Van Sant sich öfter mit Callahan und arbeitete mit verschiedenen Autoren an verschiedenen Drehbuchversion. Letztendlich baute er das Buchkapitel, in dem Callahan erzählt, wie er seine Alkoholsucht überwand, zum Film aus.

Don’t worry, weglaufen geht nicht (Don’t worry, he won’t get far on foot, USA 2018

Regie: Gus Van Sant

Drehbuch: Gus Van Sant (nach einer Geschichte von John Callahan und Gus Van Sant & Jack Gibson & William Andrew Eatman)

LV: John Callahan: Don’t worry, he won’t get far on foot, 1989 (Don’t worry, weglaufen geht nicht)

mit Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Mark Webber, Udo Kier, Carrie Brownstein, Beth Ditto, Kim Gordon

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Metacritic über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

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Wikipedia über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Don’t worry, weglaufen geht nicht“

Meine Besprechung von Gus Van Sants „The Sea of Trees – Liebe wird dich nach Hause führen“ (The Sea of Trees, USA 2015)

Don’t worry, das Filmgespräch ist zwar leise aufgenommen, aber die drei Drehbuchautoren sind gut verständlich

Eine Doku über John Callahan


TV-Tipp für den 17. August: Midnight Special

August 17, 2018

Pro7, 22.55

Midnight Special (Midnight Special, USA 2015)

Regie: Jeff Nichols

Drehbuch: Jeff Nichols

In Texas sind zwei Männer mit einem Jungen, der eine Schutzbrille trägt, auf dem Weg zu einem geheimnisvollen Treffpunkt. Wenn sie nicht vorher von ihren Häschern geschnappt werden.

Ein Film mit einer geheimnisvollen Atmosphäre, texanischen Sonnenauf- und Untergängen, guten Schauspielern und einer „Twilight Zone“-würdigen Prämisse. Trotzdem war ich letztendlich enttäuscht.

Warum verrate ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst, Adam Driver, Jaeden Lieberher, Sam Shepard, Sean Bridgers, Paul Sparks, Bill Camp

Wiederholung: Samstag, 18. August, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
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Berlinale über „Midnight Special“

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Midnight Special“ (Midnight Special, USA 2015)

Meine Besprechung von Jeff Nichols‘ „Loving“ (Loving, USA/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Titel, neuer Versuch: „The Equalizer 2“

August 17, 2018

Die Idee mit der Zeitungsannonce, in der er Hilfesuchenden Hilfe anbietet, hat Robert McCall wohl schnell aufgegeben. Er bekommt auch so in Boston genug zu tun. Zum Beispiel wenn er als Lyft-Fahrer eine Kundin mitnimmt, die von einigen reichen Schnöseln schlecht behandelt wurde, und er anschließend den Jungs eine Lektion erteilt. Oder wenn in dem Mietshaus, in dem er wohnt, eine Wand mit Graffitis beschmiert wird und er einem anderen Mieter, einem künstlerisch begabtem Jungen, der am Scheideweg zwischen Verbrecher und Künstler steht, bei der Entscheidungsfindung hilft. Oder wenn er einem Holocaust-Überlebenden der immer noch nach seiner wahrscheinlich schon lange verstorbener Schwester sucht, hilft, indem er eine alte Freundin um einen Gefallen bittet. Er versucht ein guter Mensch zu sein und nicht aufzufallen. Für seine früheren Kollegen ist er tot.

Als ungefähr in der Filmmitte seine beim Geheimdienst arbeitende Freundin Susan Plummer (Melissa Leo) ermordet wird, will McCall herausfinden, wer dafür verantwortlich ist. Weil ihr Tod mit der Ermordung zweier Geheimagenten in Brüssel zusammenhängt, ist klar, wohin die Spur führt: in McCalls alte Welt. Denn er war, was Kenner des ersten „The Equalizer“-Films und der legendären TV-Serie „The Equalizer“ wissen, vorher ein Geheimagent. Während dieser Arbeit verübte er Verbrechen, die sein Gewissen immer noch belasten. Nach dem Ende seiner Agentenkarriere zog er sich deshalb zurück und versucht jetzt Menschen zu helfen. So will er, als sei Gott ein penibler Buchhalter, seine Schuld abzutragen. Der deutsche TV-Serientitel „Der Equalizer – Der Schutzengel von New York“ (gedreht in den Achtzigern, als Manhattan wahrlich einen Schutzengel benötigte) brachte das gut auf den Punkt. Im ersten „The Equalizer“-Film übernahm Denzel Washington die Rolle des Schutzengels und Antoine Fuqua inszenierte den ruhigen Thriller, in dem McCall eine Teenager-Prostituierte vor der Russenmafia rettet.

Vier Jahre später spielt Washington wieder McCall und Fuqua inszeniert wieder den Film. Für beide ist es in ihrer Karriere die erste Fortsetzung und in Interviews schloss Fuqua einen dritten Film nicht aus. Richard Wenk schrieb wieder das Drehbuch. Damit ist an wichtigen Positionen für eine hohe Kontinuität gesorgt und die Ankündigung, dass wir dieses Mal mehr über McCalls Vergangenheit erfahren, macht neugierig.

Aber viel Neues erfahren wir dann doch nicht und gerade die Suche nach Plummers Mörder wird von Fuqua als wenig überraschendes Tätersuchspiel in der altbekannten Rätselkrimitradition erzählt. Schon damals war das Motiv denkbar uninteressant. In „The Equalizer 2“ ist es nicht anders. Denn als Motiv für die Morde gibt es letztendlich nur ein „Es war ein Auftrag“. Dabei sparte die TV-Serie nicht mit politischen Anspielungen und politischen Geschichten, in denen östliche und westliche Geheimdienste involviert waren. In seinen früheren Filmen sprach Fuqua immer wieder politische Themen an. Hier verzichtet er im Hauptplot vollkommen darauf. Dafür darf McCall in den ausführlich geschilderten Nebenplots als Schutzengel und gute Seele des Viertels agieren, der die Welt zu einem besseren Ort machen will. Mit Worten und, wenn diese nicht helfen, Taten.

Das Ende ist dann durchaus spektakulär. In einem wegen eines Hurrikans menschenleerem Küstendorf treffen McCall und Plummers Mörder aufeinander und McCall schaltet sie der Reihe nach aus; – wobei sie ihm mehr oder weniger unfreiwillig helfen oder in seine Fallen tappen. Dabei sind sie ihm ebenbürtige Killer. In diesen Minuten demonstriert Fuqua, wieder einmal und wie zuletzt in „Die glorreichen Sieben“, sein Faible für Action.

The Equalizer 2“ ist ein ruhiger Thriller, der sich viel Zeit (eigentlich schon zu viel Zeit) für die vorhersehbaren Nebengeschichten nimmt, dabei den Hauptplot sträflich vernachlässigt und immer wieder zu pathetisch wird. Denn McCall ist der Gute Mensch des Arbeiterviertels.

The Equalizer 2 (The Equalizer 2, USA 2018)

Regie: Antoine Fuqua

Drehbuch: Richard Wenk (basierend auf der von Michael Sloan und Richard Lindheim erfundenen TV-Serie)

mit Denzel Washington, Pedro Pascal, Ashton Sanders, Orson Bean, Bill Pullman, Melissa Leo, Jonathan Scarfe, Sakina Jaffrey, Kazy Tauginas, Garrett A. Golden

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Wikipedia über „The Equalizer 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Southpaw” (Southpaw, USA 2015)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (The Magnificent Seven, USA 2016)

Meine Besprechung von „The Equalizer – Der Schutzengel von New York: Staffel 1“ (The Equalizer, USA 1985/1986)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „The darkest Minds – Die Überlebenden“ in einer Dystopie

August 17, 2018

Da denkt man, die Zeit der Teenager-Dystopien sei vorbei. Einige von ihnen – „The Hunger Games“ (!!!), „Maze Runner“ – waren richtige Blockbuster. Viele überlebten gerade so den ersten Kinoeinsatz. Entsprechend schnell war die Luft aus dem Hype raus. Und dann ist die nächste Teenager-Dystopie im Kino.

In „The darkest Minds – Die Überlebenden“ tötet eine Krankheit die meisten Teenager. Die Überlebenden entwickeln geheimnisvolle Kräfte. Sie können Gegenstände nur mit der Kraft ihrer Gedanken bewegen, Elektrizität erzeugen, Feuer spucken und die Erinnerungen von Menschen löschen. Weil die Erwachsenen Angst vor ihnen haben, werden die Kinder in Resozialisierungscamps inhaftiert und, gemäß ihren übernatürlichen Begabungen, in Gruppen eingeteilt.

Sechs Jahre nach ihrer Inhaftierung bricht, mit der Hilfe einer Ärztin, die sechzehnjährige über-übernatürlich begabte Ruby Daly aus. Sie kann Erinnerungen löschen und, nur mit ihren Gedanken, Menschen zu Handlungen zwingen. Auf ihrer Flucht trifft sie eine aus drei Teenager bestehende Gruppe. Gemeinsam machen sie sich, verfolgt von verschiedenen, mehr oder weniger böswilligen Gruppen, auf den Weg zu einem geheimnisumwitterten Ort, in dem sie in Freiheit leben und ihre Fähigkeiten ungehindert entfalten können.

The darkest Minds – Die Überlebenden“ ist, wie die anderen Teenager-Dystopien, die Verfilmung eines Jugendbuchs. Alexandra Bracken schrieb die Trilogie und einige weitere Bände. Auch die Verfilmung soll der Auftakt zu einer Trilogie sein. Angesichts des in jeder Beziehung bescheidenen Ergebnisses dürfte „The darkest Minds – Die Überlebenden“ Anfang und Ende der Serie sein.

Die Filmgeschichte folgt ziemlich einfallslos den bekannten Genretopoi, die lieblos abgehakt werden. Nichts davon ist originell oder überraschend. Immerhin wird dieses Mal die Hauptrolle von einer Afroamerikanerin übernommen und Amandla Stenberg als Ruby hat eine sympathische Leinwandpräsenz. Aber sie ist machtlos gegen ein Drehbuch und eine Inszenierung, die mehr an den Pilotfilm für eine kurzlebige TV-Serie als an einen Kinofilm erinnert.

The darkest Minds – Die Überlebenden (The darkest Minds, USA 2018)

Regie: Jennifer Yuh Nelson

Drehbuch: Chad Hodge

LV: Alexandra Bracken: The darkest Minds, 2012 (Die Überlebenden)

mit Amandla Stenberg, Mandy Moore, Harris Dickinson, Patrick Gibson, Skylan Brooks, Miya Cech, Lidya Jewett, Bradley Whitford, Gwendolyne Christie

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Neu im Kino/Filmkritik: Was eine Mutter für ihre Kinder tut: „Breaking in“

August 16, 2018

Shaun Russell will das malerisch gelegene, riesige Anwesen ihres Vaters verkaufen. Er starb bei einem Unfall, der in Wirklichkeit ein Mord war. Und die Mörder sind gerade in dem Russell-Anwesen. Irgendwo in dem Haus ist ein randvoll mit Geld gefüllter Safe, den sie schnell finden und öffnen müssen. Denn neunzig Minuten nachdem sie die Telefonleitung gekappt haben, wird die Polizei informiert.

Das ahnt Shaun nicht, als sie mit ihren beiden Kindern, Jasmine und Glover, vorfährt und durch das Haus streift, das sie seit Ewigkeiten nicht mehr betreten hat. Sie will sich einmal umsehen und alles für den Verkauf herrichten. Dabei bemerkt sie, dass ihr Vater das Haus zu einem Hochsicherheitsgebäude umfunktioniert hat. Kurz gesagt: das Haus kann mühelos als einziger riesiger Safe Room funktionieren.

Als sie die Eindringlinge entdeckt, kommt es zu einigem Hin und Her. Am Ende steht sie vor dem einbruchsicheren Haus und im Haus sind die vier Einbrecher und ihre beiden Kinder. Shaun versucht jetzt, sie zu befreien.

Einen Innovationspokal wird „Breaking in“ nicht erhalten. Dafür ist die Geschichte zu vorhersehbar und auch mit zu vielen offenen Fragen und zu großen Logiklücken versehen. So beschäftigen die Verbrecher sich lieber damit, Shaun durch den anliegenden Wald zu verfolgen und mit ihr um und im Haus Katz und Maus zu spielen, anstatt den Safe zu suchen, auszuräumen und schnell zu verschwinden.

Interessant ist allerdings die Besetzung der Hauptrolle. Gabrielle Union spielt eine Action-Rolle, die früher von Männern gespielt wurde. Außerdem ist sie eine Afroamerikanerin. Und gerade das ist heutzutage immer noch ungewöhnlich.

Das ändert aber nichts daran, dass alle Charaktere, vor allem die Gangster, reinste Reißbrettcharaktere sind (der pseudokluge Anführer mit dem Plan, der blutrünstig-psychopathische Killer, die beiden austauschbaren Gehilfen), und die Story sich schnell zwischen Straight-to-DVD und „TV-Film der Woche“ einpendelt. Dazu trägt auch die kurze Laufzeit von knapp neunzig Minuten bei.

Immerhin versucht Shaun lange Zeit die Bösewichter auszutricksen und weckt damit die wahnwitzige Hoffnung auf eine kluge Heldin, die ihr Ziel auch ohne Gewaltanwendung erreicht. Am Ende wird der Konflikt zwischen den Einbrechern und der Hausbesitzerin nach dem vertrauten Muster gelöst, das der Justiz viel Arbeit erspart (Hm, man sollte mal einen Film darüber machen, wie eine solche Heldin sich vor Gericht gegen die Mordanklage von den Angehörigen der toten Verbrecher und dem Staatsanwalt verteidigt.).

Inszeniert wurde „Breaking in“ ohne eine spürbare eigene Handschrift von James McTeigue, der seit seinem Debüt „V wie Vendetta“ bei jedem Film über ein kleineres Budget verfügt. Das Drehbuch ist von Ryan Engle, der auch die Drehbücher für die Liam-Neeson-Actionfilme „Non-Stop“ und „The Commuter“ und für den Dwayne-Johnson-Aktionkracher „Rampage“ mit schrieb.

Am Ende ist bei „Breaking in“ das einzig ungewöhnliche die Hautfarbe der Hauptdarstellerin. Damit reiht sich der Thriller in die Reihe der Filme ein, die einfach noch einmal eine sattsam bekannte Geschichte erzählen. Nur dieses Mal nicht mit Weißen, sondern mit Afroamerikanern als Protagonisten. Spannender oder besser wird der Film dadurch nicht.

Breaking in (Breaking in, USA 2018

Regie: James McTeigue

Drehbuch: Ryan Engle (nach einer Geschichte von Jaime Primak Sullivan)

mit Gabrielle Union, Billy Burke, Richard Cabral, Ajiona Alexus, Levi Meaden, Jason George, Seth Karr, Christa Miller

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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TV-Tipp für den 16. August: Jackie Chan: City Hunter

August 16, 2018

Tele 5, 20.15

Jackie Chan: City Hunter (City Hunter, Hongkong 1993)

Regie: Wong Jing

Drehbuch: Wong Jing

Ein Privatdetektiv soll eine verschwundene Millionärstochter finden und gerät auf einem Luxusdampfer in eine Geiselnahme – und weil Jackie Chan in der Manga-Verfilmung den Detektiv spielt, ist für Action gesorgt. Und Humor.

die Zuschauer sollten sich auf 90 Minuten schräger Scherze und verrückte Slapsticks gefasst machen.“ (Stefan Hammond/Mike Wilkins: Sex und Zen und eine Kugel in den Kopf, 1999)

Damals erschien der Film bei uns nur auf DVD und war in einer gekürzten Fassung ab 18 Jahren freigegeben. Inzwischen ist er ungekürzt ab 12 Jahre freigegeben.

mit Jackie Chan, Kumiko Goto, Joey Wong, Richard Norton, Gary Daniels

Hinweise

Rotten Tomatoes über „City Hunter“

Wikipedia über „City Hunter“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. August: Das Versprechen

August 15, 2018

ARD, 22.45

Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich (The Promise, Deutschland 2016)

Regie: Marcus Vetter, Karin Steinberger

Drehbuch: Marcus Vetter, Karin Steinberger

Informative, spannende und sehr akribische Doku über den deutschen Diplomatensohn Jens Söring, der seit 1990 in den USA im Gefängnis sitzt. Er soll am 30. März 1985 die Eltern von seiner Freundin und ersten großen Liebe Elizabeth Haysom in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia bestialisch ermordet haben. Er behauptet, unschuldig zu sein und die neueren Beweise unterstützen seine Version.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jens Söring, Gail Marshall, Tom Elliott, William Sweeney, Ricky Gardner, Gail Ball, Chuck Reid, Rich Zorn, Dave Watson, Tony Buchanan, Carlos Santos, Steven Rosenfield

und den Stimmen von Imogen Poots und Daniel Brühl

Wiederholung: Donnerstag, 16. August, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Versprechen“

Moviepilot über „Das Versprechen“

Wikipedia über „Das Versprechen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Vetter/Karin Steinbergers „The Forecaster“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Marcus Vetter/Karin Steinbergers „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ (The Promise, Deutschland 2016) und der DVD

The New Yorker: ausführliche Reportage von Nathan Heller über den Mordfall (9. November 2015)

Michael Remke: Neue Beweise für Unschuld des Diplomaten-Sohns? (Die Welt, 5. Mai 2017)


TV-Tipp für den 14. August: Tatort: Schwarzes Wochenende

August 14, 2018

WDR, 22.10

TATORT: Schwarzes Wochenende (Deutschland 1986, Regie: Dominik Graf)

Drehbuch: Dominik Graf, Bernd Schwamm, Michael Hatry

Möbelfabrikant Hencken wird vor Schimanskis Stammhotel „Ideal“ erschossen. Für Schimanski, der die Intrigen zweier verfeindeter Familien aufklären muss, der Auftakt zu einem wirklich schwarzen Wochenende. Und das alles ohne seine geliebte Jacke.

Damals war Dominik Grafs „Tatort“ bei der Kritik ziemlich schlecht weggekommen, heute wird er – zu Recht – als einer der düsteren Klassiker gefeiert. Einer der Höhepunkte des Films ist eine halbstündige Verhörsequenz. Heute undenkbar.

Mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Dieter Pfaff, Marita Breuer, Marie-Louise Millowitsch

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Schimanski

Wikipedia über „Tatort: Schwarzes Wochenende“

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 13. August: Die Abenteurer

August 13, 2018

Arte, 20.15

Die Abenteurer (Les Aventuriers, Frankreich 1967)

Regie: Robert Enrico

Drehbuch: Robert Enrico, José Giovanni, Pierre Pelegri

LV: José Giovanni: Les Aventuriers, 1960

Roland (Lino Ventura) und Manu (Alain Delon) wollen zusammen mit ihrer Freundin Laetitia (Joanna Shimkus) vor der afrikanischen Küste einen Goldschatz heben. Aber sie sind nicht die einzigen Glücksjäger.

„Die Abenteurer“ ist ein feiner Film, ein Kassenhit, ein Klassiker des französischen Kinos und eine zeitlose Liebeserklärung an die Träumer und die Freundschaft. Immer wieder ein Vergnügen

mit Lino Ventura, Alain Delon, Joanna Shimkus, Serge Reggiani, Paul Crauchet, Hans Meyer

Wiederholung: Mittwoch, 15. August, 14.00 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Abenteurer“

Wikipedia über „Die Abenteurer“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Robert Enricos „Die Abenteurer“ (Les Aventuriers, Frankreich 1967)

Kriminalakte über José Giovanni, Alain Delon und Lino Ventura


TV-Tipp für den 12. August: Misery

August 11, 2018

Tele 5, 20.15

Misery (Misery, USA 1990)

Regie: Rob Reiner

Drehbuch: William Goldman

LV: Stephen King: Misery, 1987 (Sie)

Des Schriftstellers Alptraum (hilflos ans Bett gefesselt in den Händen eines fanatischen Fans), des Zuschauers Vergnügen. Eine der besten Verfilmungen des Grandmasters der Mystery Writers of America.

Kathy Bates erhielt für ihre furchterregende Darstellung der helfenden Krankenschwester den Oscar, den Chicago Film Critics Association Awards und den Golden Globe als beste Schauspielerin.

Mit James Caan, Kathy Bates, Richard Farnsworth, Lauren Bacall, Frances Sternhagen

Wiederholung: Montag, 13. August, 00.15 Uhr (Taggenau!)

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Rotten Tomatoes über “Misery”

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwarz“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Es“ (It, USA 2017)

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Rob Reiners „Das grenzt an Liebe“ (And so it goes, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Vollblüter“ sind ziemliche Biester. Auch für Anton Yelchin

August 11, 2018

Es ist schon über zwei Jahre her, als Anton Yelchin am 19. Juni 2016 durch einen dummen Autounfall starb. Und erst jetzt kommt sein letzter Spielfilm in unsere Kinos. Nach den Dreharbeiten, die wenige Tage vor Yelchins Tod endeten, nahm Cory Finley sich viel Zeit für den Schnitt und im letzten Jahr tourte er, beginnend mit dem Sundance Film Festival, über etliche Festivals. In der Hoffnung auf eine gute Mundpropaganda für einen nicht gerade einfach zu bewerbenden Film.

Im Mittelpunkt von „Vollblüter“ stehen zwei in gut situierten Verhältnissen lebende Teenager, die einen Mordplan aushecken. Amanda (Olivia Cooke) ist mit einer genauen Beobachtungsgabe und einem präzisen Verstand gesegnet. Mit ihrem Verhalten irritiert sie allerdings viele Menschen. Denn sie fühlt nichts. Sie spielt Gefühle nur vor. Jetzt soll sie ihrer alten Schulfreundin Lily (Anya Taylor-Joy), die sie in den vergangene Jahren aus den Augen verlor, dringend nötigen Nachhilfeunterricht geben. Lily soll auch zu ihrer Freundin werden. Das ist jedenfalls der Plan von Amandas Mutter, die Lily dafür bezahlt. Amanda hat den Plan allerdings schon vor der ersten Nachhilfestunde durchschaut. Trotzdem hängen die beiden Außenseiterinnen miteinander ab.

Weil Lilys Stiefvater Mark (Paul Sparks) ein rechtes Arschloch ist, schlägt Amanda ihrer neuen Freundin vor, ihn umzubringen. Natürlich wollen sie für den Mord nicht bestraft werden. Da könnte ihnen der Kleingauner Tim (Anton Yelchin) helfen. Er sieht sich als künftigen Paten von Connecticut, während er mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs seinen Lebensunterhalt bestreitet. Der Trottel ist damit der ideale Täter; – wenn er den nicht übermäßig komplizierten Plan der beiden ebenso jungen wie moralbefreiten Schönheiten fehlerfrei ausführen kann.

Zum Vorbild taugt kein Charakter in „Vollblüter“. Aber das ist in einem Noir auch nicht nötig und auf ein traditionelles Happy End hofft in einem Noir auch niemand. Entsprechend spaßig ist es, zu beobachten, wie Amanda und Lily sich miteinander befreunden und den Mordplan fassen. Denn der Stiefvater ist so unsympathisch, dass er den Tod wirklich verdient hat. Jedenfalls aus Lilys Sicht.

Cory Finley inszeniert diese Geschichte in seinem Regiedebüt erstaunlich souverän als sich für seine Charaktere und Lilys Haus Zeit nehmendes Kammerspiel. Weil er seine Noir-Geschichte sehr langsam erzählt, hat sie einige Wendungen weniger, als man es heute gewöhnt ist. Das ist dann näher an alten Noirs, die Finley beim Schreiben seines Drehbuchs als Inspiration benutzte, als an Neo-Noirs wie John McNaughtons „Wild Things“. Gleichzeitig ist Finleys düsteres Sittengemälde des weißen Vorstadtamerikas näher an „Funny Games“ Michael Haneke als an einer knalligen Satire nach bekanntem US-amerikanischen Muster, in der es immer auch einige Schenkelklopfer gibt. In „Vollblüter“ ist das dann doch eher ein verzweifeltes Lachen.

In „Vollblüter“ entwickelt die Geschichte einen verführerisch-langsamen Sog ins Verderben. Die Inszenierung ist sehr ruhig und präzise in der Komposition ihrer Bilder. Die die Szenen anreichernden, klug gewählten Details und die präzisen Beobachtungen veranschaulichen das Gefühlsleben der beiden Möchtegernmörderinnen und ihren Blick auf die Welt. Zum Beispiel wenn Amanda durch Lilys Haus streift und sich umsieht, dann wirkt sie nicht wie eine von dem riesigen, Wohlstand ausstrahlendem Anwesen eingeschüchterte Schulfreundin, die auf ihre Freundin wartet, sondern wie ein Raubtier beim Erkunden des Terrains. Oder wenn die Hand eines Dienstmädchens, das wir nie sehen, unauffällig und stumm hinter Lily aufräumt, dann verrät uns diese kurze Szene viel über Lilys Weltsicht und die Welt, in der sie lebt. Die Schauspieler sind gut. Die Musik von Avantgarde-Jazzer Erik Friedlander konstant beunruhigend.

Dummerweise verspielt Finley im Finale grundlos viel von dem positiven Eindruck. Dann führen Amanda und Lily einen schlampig geplanten Mord durch und tischen der Polizei eine vollkommen unglaubwürdige Geschichte auf, die von den CSI-Jungs schon nach einer flüchtigen Besichtigung des Tatorts zerfetzt würde. Denn die Diskrepanz zwischen ihren Aussagen und dem Tatort ist einfach zu groß, um auch nur den flüchtigsten Kontakt mit der Realität auszuhalten.

Vollblüter (Thoroughbreds, USA 2017)

Regie: Cory Finley

Drehbuch: Cory Finley

mit Olivia Cooke, Anna Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift, Kailie Vernoff

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Moviepilot über „Vollblüter“

Metacritic über „Vollblüter“

Rotten Tomatoes über „Vollblüter“

Wikipedia über „Vollblüter“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. August: Nur 48 Stunden

August 11, 2018

Servus TV, 22.20

Nur 48 Stunden (48 Hrs., USA 1982)

Regie: Walter Hill

Drehbuch: Roger Spottiswoode, Walter Hill, Larry Gross, Steven E. de Souza

Detective Jack Cates hat ’nur 48 Stunden‘ um den flüchtigen Schwerverbrecher Albert Ganz zu schnappen. Der Knacki Reggie Hammond soll ihm helfen.

Ein Klassiker. Hill verband das Buddy-Movie mit dem Actionfilm und landete einen Kassenhit. Nolte ist dabei der ewig schlecht gelaunte, Regeln brechende Cop und Murphy, in seinem ersten Filmauftritt, eine wahre Quasselstrippe.

Hill erzählt diese im Grund sehr simple Geschichte ungeheuer direkt, kraftvoll und mit einer Wucht, dass die Gewalt beinahe physisch spürbar wird. Seine rasantes Schnittfolgen lassen keine Entspannung zu und treiben die Story und die gewitzten Dialoge mit Höchstdruck voran.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Mit Nick Nolte, Eddie Murphy, Annette O’Toole, Frank McRae, James Remar, David Patrick Kelly, Sonny Landham

Widerholung: Sonntag, 12. August, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Nur 48 Stunden“

Wikipedia über „Nur 48 Stunden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Walter Hills “Straßen in Flammen” (Streets on Fire, USA 1984)

Meine Besprechung von Walter Hills “Shoutout – Keine Gnade” (Bullet to the Head, USA 2013)

Walter Hill in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Deine Juliet“ besucht einen Buchclub auf Guernsey

August 10, 2018

1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erhält die in London lebende Journalistin Juliet Ashton einen Brief. Dawsey Adams vom Lesezirkel „Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“ bittet sie um die Adresse einer Buchhandlung, die Bücher von Charles Lamb führt. Neugierig geworden durch den epischen Namen des Buchclubs und Dawseys Briefe, beschließt die sich gerade in einer Schaffenskrise befindende Juliet, für einige Tage auf die Insel zu fahren, die Mitglieder des Buchclubs kennen zu lernen, die Hintergründe des Namens (Was ist ein Kartoffelschalenauflauf?) zu erfahren und einen Bericht darüber zu schreiben.

Schnell – immerhin ist Mike Newells neuer Film ein romantischer Liebesfilm – verliebt sie sich in den Prachtburschen Dawsey, die Mitglieder des Buchclubs und die Insel, die während des Kriegs von Deutschen besetzt war. Diese Besatzung ist auch der schon in den ersten Filmminuten enthüllte Grund für den seltsamen Namen des Buchclubs. Die Mitglieder des damals noch nicht existierenden Buchclubs werden nachts, reichlich angeheitert von einer gemeinsamen Feier, von einer deutschen Patrouille erwischt. Um einer Bestrafung zu entgehen, behauptet Elizabeth McKenna, sie seien die Mitglieder eines Buchclubs. Um diese dreiste Behauptung gegenüber den Deutschen aufrecht zu halten, gründen sie dann schnell, durch eine Anmeldung bei den Besatzern, den Buchclub. Sie treffen sich dann zu regelmäßigen Leserunden, die auch den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl zwischen ihnen stärken.

Vier Hochzeiten und ein Todesfall“-Regisseur Mike Newell wechselt in seinem neuen Film „Deine Juliet“ zwischen Rückblenden, in denen wir mehr über die Geschichte des Buchclubs während des Kriegs erfahren, und in der Gegenwart spielenden Szenen, in denen Juliet die Kanalinsel Guernsey kennen und lieben lernt und sie sich in den alleinerziehenden Farmer Dawsey verliebt. Dabei gelingt ihm nicht die richtige Mischung zwischen den Handlungssträngen, die sich mehr im Weg stehen als sich gegenseitig zu verstärken.

Die Liebesgeschichte zwischen der Journalistin Juliet und Dawsey kommt nicht recht voran. Das liegt nicht an Juliets schnöseligem Liebhaber, einem US-Soldaten, der sie heiraten möchte und, nachdem sie länger als geplant auf Guernsey bleibt, auch auf der Insel besucht. Es liegt an den zahlreichen Rückblenden und weil Juliet beginnt, nach der verschwundenen Gründerin des Buchclubs zu suchen. Elizabeth wurde von den Nazis deportiert. Ihre Freunde wissen nicht wo sie ist, aber Juliet will herausfinden was mit ihr geschah. Das Ergebnis ihrer für die damalige Zeit erstaunlich einfachen Recherche erfahren wir im Film.

Und, immerhin geht es um einige Menschen, die Bücher lesen und darüber reden, die Faszination des Lesens stellt sich nicht ein. Der Film macht noch nicht einmal neugierig auf einige Bücher, die im Film erwähnt werden.

Ein weiteres Manko der in seiner Geschichte vorhersehbaren Liebeserklärung an die gute alte Zeit ist, dass „Deine Juliet“ auf Guernsey spielt, man aber fast nichts von der Insel sieht und vom Lebensgefühl einer Insel spürt. Weil das heutige, bei Touristen beliebte Guernsey nicht mehr an das Nachkriegs-Guernsey erinnert, wurde in Cornwall und Devon gedreht und das sieht dann wie die Rosamunde-Pilcher-Welt aus.

Deine Juliet (The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society, USA/Großbritannien 2018

Regie: Mike Newell

Drehbuch: Kevin Hood, Thomas Bezucha, Don Roos

LV: Mary Ann Shaffer/Annie Barrows: The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society, 2008 (Deine Juliet – Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf)

mit Lily James, Michiel Huisman, Matthew Goode, Jessica Brown Findlay, Tom Courtenay, Penelope Wilton, Katherine Parkinson, Glen Powell

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Deine Juliet“

Metacritic über „Deine Juliet“

Rotten Tomatoes über „Deine Juliet“

Wikipedia über „Deine Juliet“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 10. August: James Bond: Sag niemals nie

August 10, 2018

RTL II, 20.15

James Bond: Sag niemals nie (Never say never again, USA 1983)

Regie: Irvin Kershner

Drehbuch: Lorenzo Semple jr.

LV: Ian Fleming: Thunderball, 1961 (Feuerball)

James Bond bei seiner Lieblinsbeschäftigung: Welt retten. Aktuelle Einsatzorte: Bahamas, Südfrankreich und Nordafrika.

Nach einer langen Pause (und bei einer anderen Produktionsfirma) spielte Sean Connery wieder Bond; Klaus Maria Brandauer den Bösewicht, Kim Basinger das ´love interest´ der beiden Männer. Außerdem sind Barbara Carrera, Max von Sydow, Edward Fox, Bernie Casey und Rowan Atkinson dabei.

„Sag niemals nie“ konnte entstehen, weil Ian Fleming zusammen mit Kevin McClory und Jack Whittingham für einen Film die Geschichte „Longitude 78 West“ entwarf. Fleming verarbeitete sie später in dem Bond-Roman „Feuerball“. McClory, der bei „Feuerball“ Co-Produzent war, hatte die Rechte für weitere Verfilmungen dieser Geschichte. Die Auflage war, dass er sich möglichst eng an das gemeinsam entworfene Story-Gerüst halten müsse. Die juristischen Streitigkeiten und der Konkurrenzkampf zwischen dem Ur-Bond Connery und dessen Nachfolger Roger Moore waren ein gefundenes Fressen für die damalige Presse. Denn „Octopussy“ (mit Moore) startete fast zeitgleich in den Kinos. An der Kinokasse war der Moore-Bond etwas erfolgreicher, bei der Kritik war es – zu Recht – umgekehrt.

Wiederholung: Samstag, 11. August, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Sag niemals nie“

Wikipedia über „James Bond: Sag niemals nie“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Meg“ tut das, was Haie so tun. Im Film

August 9, 2018

Etwas böswillig könnte man sagen, dass Dwayne Johnson zwischen „Rampage“ und „Skyscraper“ keine Zeit hatte und deshalb Jason Statham gegen den Monsterhai kämpfen darf. Aber Stathams Version des Helden ist etwas weniger poliert als bei dem immer sympathischen Johnson. Es geht, dank Stathams gepflegtem Drei-Tage-Bart, in einer homöopathischen Dosis, in Richtung britische Arbeiterklasse. Und George Clooney war mal für die Rolle des tapferen Jonas Taylor im Gespräch.

Nachdem ein kleines Forschungs-U-Boot im Pazifik vor der Küste Chinas in der tiefsten Tiefsee havarierte, wird Taylor zur Hilfe gerufen. Sie entdeckten unter einer als Barriere funktionierenden Schwefelwasserstoff-Schicht eine neue, noch vollkommen unerforschte Unterwasserwelt. Die dreiköpfige Besatzung hat nur noch für wenige Stunden Sauerstoff und sie wird von irgendetwas Großem angegriffen. Taylor hat dieses Ding schon einmal vor fünf Jahren bei einer Tiefseetrettungsmission getroffen. Damals starben zwei Kameraden. Danach hörte er mit dem Tauchen auf und ertränkt sein Selbstmitleid heroisch in Bier. Das würde Dwayne Johnson niemals tu.

Weil Taylor der beste Mann für eine so gefährliche Rettungsaktion ist, bittet die Mannschaft der Forschungsstation, zu der auch zwei alte Bekannte von Taylor gehören, ihn um Hilfe. Und weil Taylors Ex-Frau in dem jetzt gesunkenen U-Boot ist, begibt er sich auf eine Rettungsmission, bei der er zwei der drei Besatzungsmitglieder, unter anderem seine Frau, retten kann. Dabei sehen sie und wir sensationsgierigen Zuschauer zum ersten mal das gefährliche Wesen: es ist ein Megalodon, ein 25 Meter großer Hai, der seit Ewigkeiten als ausgestorben gilt. Und dieser Meg (eigentlich sogar zwei) verlässt sein Unterwassergefängnis, um auf die Jagd zu gehen.

Die Filmgeschichte basiert auf Steve Altens 1997 erschienener Debütroman „The Meg“. Alten schrieb mehrere Buchfortsetzungen zu seinem erfolgreichen Thriller. Hollywood kaufte sich damals sofort die Filmrechte, aber nach „Deep Blue Sea“ wurde das Projekt erst einmal auf die lange Bank geschoben. Einmal waren auch Guillermo del Toro und Eli Roth involviert. Jetzt verfilmte Jon Turteltaub den Roman und der Film ist „Der weiße Hai“ mit einem größeren Hai und, nun, auch größeren Booten. Es gibt auch, – siehe „Alien“ -, einen fiesen Großkapitalisten.

Turteltaub erzählt die bekannte Geschichte mit viel Wumms und Spaß in unter zwei Stunden noch einmal nach für eine Generation, die Spielbergs Klassiker „Der weiße Hai“ nicht im Kino gesehen hat. Es gibt zahlreiche gut platzierte Anspielungen und Inside-Jokes auf „Der weiße Hai“ und seine unzähligen Fortsetzungen und Rip offs. Dafür hatte Turteltaub ein erkleckliches Budget von 150 Millionen Dollar. Das Geld sieht man auf der Leinwand.

Es ist auch, wie in „Der weiße Hai“, eine kluge Entscheidung, den riesigen Hai erst spät und oft nur in Teilansichten zu zeigen. Manchmal sieht man auch nur die Auswirkungen eines seiner Angriffe. So wirkt er etwas bedrohlicher, wenn er sich die bunt zusammengewürfelten Mitglieder der internationalen Forschungsmission vornimmt. Diese ist, und das ist ein augenfälliger Unterschied zu den älteren Blockbustern, deutlich multikultureller und weiblicher als im Siebziger-Jahre-Blockbuster-Kino.

The Meg“ ist angenehm altmodisches Blockbuster-Kino, das bewusst auf die nervigen Modernismen der letzten Saisons verzichtet und seine Geschichte unaufgeregt präsentiert. Perfekt Sommerunterhaltung eben. Für das Open-Air-Strandkino.

P. S.: In „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ gibt es auch einen Riesenhai. Aber der hat mit diesen Megs nicht zu tun. Sie fressen sich durch vollkommen verschiedene Filmwelten.

Meg (The Meg, USA 2018)

Regie: Jon Turteltaub

Drehbuch: Dean Georgaris, Jon Hoeber, Erich Hoeber

LV: Steve Alten: Meg: A Novel of Deep Terror, 1997 (Meg)

mit Jason Statham, Li Bingbing, Winston Chao, Rainn Wilson, Ruby Rose, Page Kennedy, Jessica McNamee, Ólafur Darri Ólafsson, Robert Taylor, Sophia Shuya Cai, Masi Oka, Cliff Curtis

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Meg“

Metacritic über „Meg“

Rotten Tomatoes über „Meg“

Wikipedia über „Meg“

Homepage von Steve Alten

Meine Besprechung von Jon Turteltaubs „Last Vegas“ (Last Vegas, USA 2013)

Nachtrag (24. August 2018)

MEG von Steve Alten

Manchmal läuft’s dumm. Denn erst jetzt trudelte bei mir die lang ersehnte Neuausgabe von „Meg“ ein. Zum Filmstart veröffentlichte der Heyne Verlag nämlich eine Neuausgabe von Steve Altens jetzt erfolgreich verfilmtem Debütroman „Meg“. Wobei „Neuausgabe“ etwas irreführend ist. Denn es wurde nicht einfach der alte, 1997 erschienene Bestseller genommen und mit einem neuen Umschlag neu veröffentlicht, sondern die „Vom Autor erweiterte und komplett überarbeitete Neuausgabe“, die in den USA 2015 erschien und jetzt erstmals auf Deutsch erschien.

Die Neuausgabe beginnt mit der 2011 geschriebenen, sieben Jahre vor der Romangeschichte spielenden Vorgeschichte zum ursprünglichen Roman. Alten veröffentlichte die achtzigseitige Geschichte als E-Book. Ausgehend von den Ereignissen in der Vorgeschichte nahm er für die Neuausgabe am ursprünglichen Roman notwendige Änderungen vor, erweiterte Szenen, vertiefte Figuren und überarbeitete ihn auch sprachlich, weil, so Alten, er sich stilistisch weiterentwickelt hat.

Die Story ist natürlich immer noch die gleiche: Tiefseeforscher Jonas Taylor will im Marianengraben einen Carcharodon mealodon, kurz Meg, entdecken. Nach seiner Entdeckung begibt sich der riesige Hai in den oberen Wasserregionen und sucht Nahrung.

Steve Alten: Meg

(vom Autor erweiterte und komplett überarbeitete Neuausgabe)

(übersetzt von Bernd Kleinschmidt)

Heyne, 2018

400 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe dieser Ausgabe

Meg

Viper Press, 2015


TV-Tipp für den 9. August: Der Chef

August 9, 2018

Schlaflos? Da hilft

ARD, 02.10

Der Chef (Un Flic, Frankreich/Italien 1972)

Regie: Jean-Pierre Melville

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.

Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.

„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)

„‘Un Flic’ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)

Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Chef“

Wikipedia über „Der Chef“ (deutsch, englisch, französisch) und Jean-Pierre Melville (deutschenglischfranzösisch)

Senses of Cinema (Adrian Danks) über Jean-Pierre Melville (September 2002)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Der Eberhofer Franz hat kein „Sauerkrautkoma“

August 9, 2018

Das ist eine längst überfällige Premiere. Denn in Bayern war schon die erste Rita-Falk-Verfilmung „Dampfnudelblues“ unglaublich erfolgreich. Auch die nächsten Franz-Eberhofer-Filme liefen im Süden erfolgreich in den Kinos. Der vierte Eberhofer-Film „Grießnockerlaffäre“ hatte über 830.000 Zuschauer. In der Top 10 der erfolgreichsten deutschen Filme 2017 reichte das für den sechsten Platz. Insgesamt haben fast 2,5 Millionen Menschen die Krimikomödien im Kino gesehen. Das sind Zahlen, von denen die meisten deutschen Filme nur Träumen können.

Aber erst die fünfte Rita-Falk-Verfilmung „Sauerkrautkoma“ wird auch außerhalb Bayerns regulär in den Kinos gezeigt und damit auch in Deutschlands größter Stadt. Aktuell läuft er im Cinemaxx Potsdamer Platz, dem Delphi Lux und dem Titania.

In „Sauerkrautkoma“ wird Franz Eberhofer von Niederkaltenkirchen, ein erfundenes Kaff, in dem jeder jede kennt (und umgekehrt) und ein Kreisverkehr das Symbol (und die Metapher) für Fortschritt ist, nach München versetzt. Anstatt sich über die Beförderung zu freuen, versucht er nur, möglichst schnell wieder an seine alte Arbeitsstelle zurückzukehren. Denn München ist für ihn schlimmer als die Hölle. Die täglichen mehrstündigen Heimfahrten (im Buch) und eine Vollverköstigung durch die Oma ändern daran nichts.

Mit seiner Dauerfreundin Susi hat er auch Stress. Denn sie wird heftig von Karl-Heinz Fleischmann umgarnt. Zu ihrer Schulzeit war er der pickelige hässliche Nerd. Der ‚Fleischi‘. Jetzt ist er ein sonnengebräunter Schönling und erfolgreicher Software-Unternehmer, der das Dorf besucht. Und dann heult sein Bruder sich auf dem Eberhofer-Hof aus. Seine thailändische Frau probiert gerade die Unabhängigkeit aus und hat ihn vor die Tür gesetzt.

Das sind die privaten Nebengeschichten, die in einem normalen Krimi vernachlässigbare Nebengeschichten wären. Neben Eberhofers ausführlich geschildertem Abhängen mit seinen aus den Romanen und Filmen bekannten, ähnlich ambitionslosen Kumpels, – Detektiv Rudi Birkenberger (der das titelgebende Sauerkrautkoma erleidet), Metzger Simmerl, Installateur Flötzinger und Wirt Wolfi – , nehmen die Nebenplots den größten Teil der Komödie ein, die das Dorfleben als inklusives Paradies schildert.

Der Kriminalfall ist, wie in den anderen Eberhofer-Geschichten, herzlich nebensächlich. Dieses Mal geht es um eine Frauenleiche, die im in München gestohlenen Oldtimer von Eberhofers Vater gefunden wird. Es ist das Au-pair-Mädchen einer vermögenden Familie. Im Buch ist es die Familie Dettenbeck in Grünwald, die mit dem Verleih von Oldtimern Geld verdient. Im Film arbeitete die Ermordete beim Bürgermeister von Niederkaltenkirchen. Er ist, immerhin gehört er zur Stammbesetzung der Ebershofer-Krimis, nicht der Mörder.

Der Film wurde vom bewährten Team inszeniert. Ed Herzog übernahm wieder die Regie. Stefan Betz ist zum dritten Mal am Drehbuch beteiligt. Sebastian Edschmid ist wieder der Kameramann. Kerstin Schmidbauer ist wieder die Produzentin. Es ist also ein eingespieltes Team, das in jeder Beziehung auf Kontinuität setzt. Deshalb wurde das erfolgreiche Rezept der vorherigen Filme „Dampfnudelblues“ (2013), „Winterkartoffelknödel“ (2014), „Schweinskopf al dente“ (2016) und „Grießnockerlaffäre“ (2017) nicht geändert.

Auch die aus den vorherigen Eberhofer-Filmen bekannten Schauspieler sind wieder dabei.

Sebastian Bezzel, den ich als „Tatort“-Kommissar immer zu steif fand, hängt hier, wieder einmal, in der Rolle seines Lebens als tiefenentspannter Franz Eberhofer ab. Am Ende löst er zwar den Fall, aber er ist ein richtiger niederbayerischer Slacker, der immer noch bei seinen Eltern wohnt und niemals sein vertrautes Revier verlassen will. In Niederkaltenkirchen hat er ja alles, was er braucht.

Simon Schwarz (als Rudi Birkenberger), Lisa Maria Potthoff (als Susi), Enzi Fuchs (als schnäppchenjagende und kochende Oma Eberhofer), Eisi Gulp (als dauerkiffender Papa Eberhofer), Gerhard Wittmann (als Franz Eberhofers Bruder Leopold), Sigi Zimmerschied (als Dienststellenleiter Moratschek), Stephan Zinner (als Metzger Simmerl), Daniel Christensen (als Flötzinger), Max Schmidt (als Wirt Wolfi) und Thomas Kügel (als mordverdächtiger Bürgermeister) sind wieder dabei.

Wieder wird die Romangeschichte nur als Inspiration für den Film genommen, der vor allem um das Leben und die Probleme seiner Protagonisten kreist, die alle mehr oder weniger mit ihrem Leben zufrieden sind. Ambitionen, an denen sie scheitern könnten, haben sie nicht.

Im Roman ist der Mordfall noch unwichtiger als im Film. Sogar die Zeilen, in denen Rita Falk darüber schreibt, was Eberhofer von seiner Oma gekocht bekommt, nehmen im Buch mehr Platz ein. Im Mittelpunkt steht dieses Mal Eberhofers reichlich unbeholfenes Werben um seine Susi, die er heiraten will, und die von ihm widerwillig absolvierten Hochzeitsvorbereitungen. Der Eberhofer ist halt kein Romantiker. Seine Susi schon eher. Das ist bestenfalls mäßig unterhaltsam. Es passt aber in einen „Provinzkrimi“ (Buchcover). Das ist ein anderes Wort für „Regiokrimi“ und wie eigentlich alle Regiokrimis richten sie sich nicht an beinharte Krimifans, sondern an Nicht-Krimileser, die vor allem ihre Heimat (oder den Urlaubsort) wieder erkennen wollen.

Der größte Unterschied zwischen dem Buch und dem Film ist der Humor. Im biederen Buch ist es ein schnurriger, niemand weh tuender Tonfall, der mich niemals zum Lachen reizte. Der Filmhumor ist dagegen gemeiner, bösartiger, schwärzer, lakonischer und auch antiautoritärer. Da gibt es dann etliche Lacher. Auch weil einiges doch sehr absurd und skurril ist.

Sauerkrautkoma“ ist besser als der Roman und wem die vorherigen Eberhofer-Filme gefallen haben, wird auch dieser bayerische Provinzkrimi gefallen.

Sauerkrautkoma (Deutschland 2018)

Regie: Ed Herzog

Drehbuch: Stefan Betz, Ed Herzog

LV: Rita Falk: Sauerkrautkoma, 2012

mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Nora Waldstätten, Gedeon Burkhard, Sigi Zimmerschied, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Max Schmidt, Ferdinand Hofer, Thomas Kügel, Ulrike Beimpold, Phillipp Franck, Michael Ostrowski, Goran Navojec

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(für den Kinostart im Filmcover)

Rita Falk: Sauerkrautkoma

dtv, 2018

272 Seiten

9, 95 Euro

Originalausgabe

dtv, 2012

Taschenbuchausgabe

dtv, 2014

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Sauerkrautkoma“

Moviepilot über „Sauerkrautkoma“

Wikipedia über „Sauerkrautkoma“

Homepage von Franz Eberhofer

dtv über Rita Falk

Meine Besprechung von Rita Falks „Dampfnudelblues – Ein Provinzkrimi“ (2011)


TV-Tipp für den 8. August: Die Welt der Wunderlichs

August 8, 2018

Arte, 20.15

Die Welt der Wunderlichs (Deutschland/Schweiz 2016)

Regie: Dani Levy

Drehbuch: Dani Levy

Allein unter Irren – das ist für Mimi der gelebte Normalzustand. Sie ist die einzige Normale in der Familie Wunderlich. Als sie bei einem Casting mitmachen will, möchte sie das ohne die Hilfe ihrer Familie tun…

Herrlich unaufgeräumte, gewollt dysfunktionale Komödie, die gerade deshalb gefällt. Auch wenn das Ende schwach ist.

Mehr in meiner ausführlichen Kritik der heutigen TV-Premiere.

mit Katharina Schüttler, Ewi Rodriguez, Peter Simonischek, Christiane Paul, Martin Feifel, Steffen Groth, Hannelore Elsner, Arabella Kiesbauer, Thomas Anders, Sabrina Setlur, Friedrich Liechtenstein

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Welt der Wunderlichs“

Moviepilot über „Die Welt der Wunderlichs“

Wikipedia über Dani Levy

Meine Besprechung von Dani Levys „Die Welt der Wunderlichs“ (Deutschland/Schweiz 2016)


TV-Tipp für den 7. August: St. Vincent

August 7, 2018

ARD, 22.45

St. Vincent – Mein himmlischer Nachbar (St. Vincent, USA 2014)

Regie: Ted Melfi (aka Theodore Melfi)

Drehbuch: Ted Melfi

Weil die gerade eingezogene Maggie (Melissa McCarthy) jemand braucht, der auf ihren Sohn Oliver (Jaeden Lieberher) aufpasst, engagiert sie den misanthropischen Nachbarn Vincent (Bill Murray). Der ist als Aufpasser eine denkbar schlechte Wahl.

TV-Premiere einer herzigen und sehr witzigen Komödie.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Bill Murray, Melissa McCarthy, Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Chris O’Dowd, Terrence Howard

Wiederholungen

ARD, Mittwoch, 8. August, 02.15 Uhr (Taggenau!)

One, Freitag, 10. August, 21.00 Uhr

One, Samstag, 11. August, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „St. Vincent“
Moviepilot über „St. Vincent“
Metacritic über „St. Vincent“
Rotten Tomatoes über „St. Vincent“
Wikipedia über „St. Vincent“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ted Melfis „St. Vincent“ (St. Vincent, USA 2014)

Meine Besprechung von Ted Melfis „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ (Hidden Figures, USA 2016)


TV-Tipp für den 6. August: Mein großer Freund Shane

August 6, 2018

Arte, 20.15

Mein großer Freund Shane (Shane, USA 1953)

Regie: George Stevens

Drehbuch: A. B. Guthrie jr., Jack Sher

LV: Jack Schaefer: Shane, 1949 (Mein großer Freund Shane)

Revolverheld Shane hilft einigen Siedlern gegen einen Viehzüchter.

Ein Westernklassiker für Erwachsene mit einem mythologischen Helden. Sowohl Roman als auch Film eroberten Publikum und Kritik im Sturm.

Danach: Dranbleiben! Um 22.10 Uhr zeigt Arte „Der Feuerwehrball“ (eine Oscar-nominierte Satire von „Einer flog über das Kuckucksnest“-Regisseur Milos Forman) und danach, um 23.20 Uhr „Lerchen am Faden“ (eine über zwanzig Jahre verbotene Satire von Jiri Menzel, die 1990 den Goldenen Bären erhielt).

Mit Alan Ladd, Jean Arthur, Van Heflin, Brandon De Wilde, Jack Palance, Ben Johnson, Elisha Cook jr.

Wiederholung: Freitag, 10. August, 13.55 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Mein großer Freund Shane“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Shane”

Rotten Tomatoes über „Shane“

Filmsite: Tim Dirks über “Shane”

Western-Autor Richard S. Wheeler über „Shane“ von Jack Schaefer