Sicher nicht ganz zufällig startet einen Tag vor dem Internationalen Frauentag „Sultanas Traum“ im Kino. Bei dem Trickfilm handelt es sich auch um eine Verfilmung von Rokeya Hussains 1905 geschriebener Science-Fiction-Kurzgeschichte „Sultanas Traum“.
Das Problem des Films liegt in dem „auch“. Denn neben der SF-Geschichte (dazu später mehr) geht es auch und vor allem um Ines, ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle. Diese Coming-of-Age-Geschichte nimmt mit ungefähr einer Stunde den weitaus größten Teil des 87-minütigen Films ein.
In Indien entdeckt die Erzählerin des Films, die Künstlerin Inés, in einer Buchhandlung eine Kopie von Hussains 1905 erstmals veröffentlichter Kurzgeschichte „Sultanas Traum“. In wenigen Zeilen (es ist eine sehr kurze Kurzgeschichte) entwirft sie das Bild einer Gesellschaft, in der Geschlechterverhältnisse anders als in der Reallität sind. In der Kurzgeschichte sind die Frauen mächtig, die Männer ohnmächtig und es herrschen paradiesische Zustände. Ausgehend von dieser feministischen Utopie interessiert Inés sich für die Autorin. Regisseurin Isabel Herguera illustriert in ihrem Langfilmdebüt die Kurzgeschichte und die Biographie ihrer Autorin in ausdrucksstarken Bildern. Beide Erzählblöcke erzählt sie sehr fokussiert; – auch wenn es sich einmal um eine verfilmte Kurzgeschichte und einmal um ein Mini-Biopic handelt, das nicht tiefgründiger als der englischsprachige Wikipedia-Artikel ist. Es sind letztendlich zwei Kurzfilme.
Der dritte und umfangreichste Teil des Trickfilms erzählt dann eine sich über den halben Globus erstreckende, nicht so wahnsinnig interessante Coming-of-Age-Geschichte. Jedenfalls irgendwie. Dieser Teil besteht aus Episoden und Begegnungen, die normalerweise zu einem späteren Zeitpunkt nicht wieder aufgenommen werden. Es wird immer unklarer was Herguera erzählen will. „Sultanas Traum“ wird in diesem Erzählblock immer mehr zu einer Meditation mit unklarer Botschaft.
Durchgehend überzeugend sind die in verschiedenen Stilen angefertigten Zeichnungen von traditionellen Aquarellanimationen (für Inés‘ Reise) über Schattentheater (für Hussains Leben) und Animationen im Mehndi-Stil (für die Kurzgeschichte). Das ist eine ornamentale Körperbemalung, für die ausschließlich Henna verwandt wurde.
Sultanas Traum(El sueño de la sultana, Spanien/Deutschland 2023)
Regie: Isabel Herguera
Drehbuch: Isabel Herguera, Gianmarco Serra
LV: Rokeya Hussain (aka Begum Rokeya bzw. Rokeya Sakhawat Hussain): Sultana’s Dream, 1905 (Kurzgeschichte, erschienen in The Indian Ladies Magazine) (Sultanas Traum)
mit (den Stimmen von) Paul B. Preciado, Mary Beard, Miren Arrieta, Mireia Gabilondo
Länge: 87 Minuten
FSK: ab 16 Jahre (Uhuh – und hier in Berlin läuft er in der Startwoche in den wenigen Kinos, die den Trickfilm zeigen, nachmittags)
Über Jahrzehnte drehten die Coen-Brüder gemeinsam Filme. Viele Klassiker und wenige, sehr wenige Flops. Dann nahmen (nehmen?) sie eine Auszeit voneinander und drehten mit ihren Frauen einen Spielfilm. Joel Coen inszenierte mit seiner Ehefrau Frances McDormand die Shakespeare-Verfilmung „Macbeth“. Ein künstlerischer Erfolg. Ethan Coen schrieb mit seiner Ehefrau Tricia Cooke, die bei etlichen Coen-Filmen am Schnitt beteiligt war, die Komödie „Drive-Away Dolls“, die – auf den ersten Blick – an die Coen-Frühwerke „Blood Simple“ und „Arizona Junior“ anknüpft.
In der von ihm inszenierten Komödie machen sich Ende 1999 die Mittzwanzigerinnen Jamie (Margaret Qualley) und Marian (Geraldine Viswanathan) von Philadelphia aus auf den Weg nach Tallahassee, Florida. Jamie ist der unbekümmert lebenslustige und sehr sexpositive Teil des Duos. Für sie wird die improvisierte Fahrt mit jedem Umweg und jeder Pause, die der Beginn zu einem großartigen Abenteuer sein kann, besser.
Marian ist das Gegenteil. Sie ist eine intellektuelle Leseratte, die während der Fahrt eine sehr dicke Ausgabe Henry James‘ „The Europeans“ liest. Ständig blickt sie so genervt und miesepetrig in die Welt, dass sie jeden potentiellen Verehrer sofort abschreckt. Und selbstverständlich ist für sie der Weg nicht das Ziel, sondern nur eine nervige Verzögerung.
In einem gemieteten Dodge Aries machen sich die beiden Lesben auf den Weg nach Florida. Dummerweise hat ihnen der Autovermieter den falschen Dodge gegeben. Denn im Kofferraum des Mietwagens ist ein Koffer, für den sich einige Gangster interessieren. Der Chef der Gangster, der nur „The Chief“ heißt, beauftragt zwei seiner Männer mit der Wiederbeschaffung des Koffers. Arliss und Flint sind, bei allen Unterschieden, brutal und kreuzdämlich; – wie eigentlich alle Männer in diesem Film.
„Drive-Away Dolls“ knüpft, wie gesagt, stilistisch an die schwarzhumorigen, sich einen Dreck um Tabus und Anstand kümmernden Frühwerke der Coen-Brüder an. Nur dass dieses Mal nicht ein Mann und eine Frau oder zwei Männer, sondern zwei Frauen sich auf einen Roadtrip begeben und sie Lesben sind. Es gibt also eine ordentliche Portion gleichgeschlechtlichen Sex und entsprechende Witze darüber. Ohne diesen Geschlechterwechsel könnte die Komödie genausogut in den achtziger Jahren (plus/minus ein Jahrzehnt) entstanden sein. Es ist eine Liebeerklärung an diese Filme, diese Regiesseure und auch ältere Noirs und Pulp-Geschichten, die schon in diesen „Pulp Fiction“-Filmen zitiert wurden.
Die Idee für diesen lesbischen Road-Trip hatten Tricia Cooke und Ethan Coen bereits vor ungefähr zwanzig Jahren. Die Geschichte sollte auch einmal von einer Regisseurin verfilmt werden. Der Plan zerschlug sich. Während der Coronavirus-Pandemie nahmen sie sich das zur Seite gelegte Projekt noch einmal vor, schrieben das finale Drehbuch und verfilmten es als eine ziemlich enttäuschende Komödie. Dies beginnt schon mit der Story, die eine Verfolgungsjagd schildert, bei der die potentiellen Opfer nicht wissen, dass sie gejagt werden. Über einen großen Teil der Strecke wissen sie auch nicht, dass in ihrem Kofferraum mehr als ein Ersatzreifen ist. Entsprechend unbekümmert springen Jamie und Marian von einem Bett in das nächste, während die Gangster ihnen mordend folgen. Die Gags wiederholen damalige Gags über dumme Gangster, die wegen ihrer hirnlosen Brutalität so furchterregend und gleichzeitig furchterregend lustig sind. Dass die beiden Heldinnen Lesben sind, ist gut für einige Gags, aber nicht abendfüllend. Die meisten Gags sind nicht so wahnsinnig witzig, eher platt und es geht viel zu oft um „Sex“ und viel zu selten um andere Dinge.
Das Ergebnis ist eine Groteske mit angezogener Handbremse (man will ja nicht die Gefühle von irgendwelchen Minderheiten oder sensiblen Twenty-Somethings verletzten), viel Leerlauf und dem Gefühl, dass auf dem Road-Trip viel zu viele Gelegenheiten für gute Witze grundlos verschenkt werden. Da werden die 84 Minuten zu einer Geduldsprobe.
Drive-Away Dolls(Drive-Away Dolls, USA 2024)
Regie: Ethan Coen
Drehbuch: Ethan Coen, Tricia Cooke
mit Margaret Qualley, Geraldine Viswanathan, Joey Slotnick, CJ Wilson, Colman Domingo, Beanie Feldstein, Bill Camp, Annie Gonzalez, Pedro Pascal, Matt Damon, Miley Cyrus
Passend und die ideale Ergänzung zu dem Drama „The Zone of Interest“, das aktuell auf dem zweiten Platz der deutschen Kinocharts steht. Der sehenswerte Spielfilm zeigt den biederen Alltag der Familie des Lagerkommandanten. Sie wussten was geschah. Und es war ihnen egal.
Der hochgelobte Dokumenfilm „Ein Tag in Auschwitz“ zeigt, was hinter den Mauern des Konzentrationslagers geschah. Die Grundlage für den neunzigminütigen Dokumentarfilm war ein von den Tätern angelegtes Fotoalbum, das aus Bildern besteht, die innerhalb weniger Tage Ende Mai 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau gemacht wurden. Sie zeigen, was dort passierte.
LV: Maile Meloy: Both ways is the only way I want it: Stories, 2009
TV-Premiere (hat etwas gedauert). In ihrem wunderschönen Drama erzählt Kelly Reichardt gewohnt zurückhaltend und präzise drei Geschichten über den wenig außergewöhnlichen Alltag von vier Frauen in Livingstone, Montana.
Der Filmdienst meinte „Sehenswert“.
Einer der ersten Leinwandauftritt von Lily Gladstone, die jetzt als beste Hauptdarstellerin für ihr Spiel in Martin Scorseses „Killers of the Flower Moon“ für den Oscar nominiert ist
The Limehouse Golem – Das Monster von London (The Limehouse Golem, Großbritannien 2016)
Regie: Juan Carlos Medina
Drehbuch: Jane Goldman
LV: Peter Ackroyd: Dan Leno and the Limehouse Golem, 1994 (Der Golem von Limehouse)
London, 1880: Inspektor John Kildare (Bill Nighy) soll den Serienmörder finden, der als Limehouse Golem bekannt ist. Scheinbar wahllos ermordet er im Bezirk Limehouse Menschen und hinterlässt an den Tatorten kryptische Botschaften. Zu Kildares Verdächtigen gehören Karl Marx und der kürzlich verstorbene erfolglose Dramatiker John Cree. Seine Frau, die bekannte Varieté-Künstlerin Elizabeth Cree (Olivia Cooke), ist angeklagt, ihren Mann vergiftet zu haben.
Gut besetzter und in schön atmosphärischer Kulisse gedrehter, erzählerisch ambiotionierter Mystery-Grusler im Hammer-Stil. „The Limehouse Golem“ ist eine vergnügliche Moritat mit ausgedehntem Varieté-Besuch.
mit Bill Nighy, Olivia Cooke, Eddie Marsan, María Valverde, Douglas Booth, Amelia Crouch, Daniel Mays, Sam Reid, María Valverde, Henry Goodman
Der älteste Film des Tages und, wenn ich jetzt nichts übersehen habe, einer von zwei SW-Filmen, die diese Woche im Fernsehen gezeigt werden (der andere ist „Ein Herz und eine Krone“)
Arte, 20.15
Des Teufels General (Deutschland 1955)
Regie: Helmut Käutner
Drehbuch: George Hurdalek, Helmut Käutner, Gyula Trebitsch
LV: Carl Zuckmayer: Des Teufels General (Theaterstück, geschrieben zwischn 1943 und 1945, Premiere 1946 am Schauspielhaus Zürich, deutsche Premiere 1947 am Hamburger Schauspielhaus)
Deutschland 1941: Luftwaffengeneral Harras (Curd Jürgens), der die Nazis nicht mag, ist als Generalflugzeugmeister verantwortlich für die Beschaffung neuer Flugzeugtypen. Als Prototypen eines neuen Flugzeugs reihenweise abstürzen, will er den Grund dafür herausfinden. Gleichzeitig wollen die Nazis ihn auf ihre Seite ziehen.
Klassiker des deutschen Nachkriegsfilms, der damals auch an der Kinokasse erfolgreich war. Immerhin ist Harras ja kein Nazi.
mit Curd Jürgens, Marianne Koch, Viktor de Kowa, Karl John, Eva-Ingeborg Scholz, Harry Meyen, Camilla Spira, Albert Lieven, Beppo Brem, Ingrid van Bergen, Wolfgang Neuss, Inge Meysel
LV: George Langelaan: The Fly, 1957 (Die Fliege und andere Erzählungen aus der phantastischen Wirklichkeit; Kurzgeschichte)
Biologe Seth erforscht den molekularen Transport von Lebewesen (vulgo „beamen“). Bei einem Versuch transportiert er sich selbst und eine Fliege von dem einen Teleporter zum nächsten. Die, von David Cronenberg, liebevoll bis zum letzten Detail ausgemalte Konsequenz, ist, dass Seth und die Fliege immer mehr zu einem Wesen werden.
Grandioses Remake von einem Science-Fiction-Horrorfilmklassiker, der von Cronenberg vom Kopf auf die Füße gestellt wurde.
mit Jeff Goldblum, Geena Davis, John Getz, Jay Boushel, David Cronenberg
LV: Elmore Leonard: Out of sight, 1996 (Zuckerschnute, Out of sight)
Auf der Flucht verbringt Jack Foley im Kofferraum einige Zeit mit Debputy U. S. Marshal Karen Sisco. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Als Jack in Detroit seinen letzten Coup plant, erscheint auch Karen auf der Bildfläche.
Hochgelobte und uneingeschränkt empfehlenswerte Elmore-Leonard-Verfilmung mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman
Von Elmore Leonards Homepage: “Out of Sight, like Get Shorty, was a totally happy film experience for Elmore. The Get Shorty production team and writer: Danny DeVitos Jersey Films and screenwriter Scott Frank, once again collaborated on an Elmore Leonard project. Jersey signed Steven Soderbergh to direct and he cast George Clooney and Jennifer Lopez in the lead roles. (…) Clooney and Lopez added considerable sizzle to Out of Sight. Steve Zahn is hilarious as a stoner car thief; Ving Rhames, Don Cheadle and Isaiah Washington are all deadly and cool. Albert Brooks was a pleasant surprise. He makes the most out of the Ripley character. It was Scott Frank who took Ripley, off-stage in the book, and made him a key character. After Scott finished his screenplay, Elmore disagreed with the Ripley move and the ´happy´ movie ending, but admitted he was right after seeing the finished film. Out of Sight has a great look thanks to Steven Soderberghís masterful direction and Scott Frank’s savvy script. The film was a critical success but a box office so-so because of an unfortunate summer release date.”
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Buchhinweis
Das wird für Elmore-Leonard-Fans ein Freudentag: am Montag erscheint sein Western „Letztes Gefecht am Saber River“ erstmals in einer deutschen Übersetzung. Der selbstverständlich lesenswerte Western ist ein Frühwerk von Leonard.
Im Zentrum steht Rancher Paul Cable. Für die Konföderierten zog er in den Bürgerkrieg, wurde schwer verwundet und möchte jetzt in Arizona friedlich auf seiner Ranch leben. Aber zwei Brüder, Anhänger der Union, haben inzwischen sein Land besetzt. Cable will das nicht akzeptieren.
In Riad verüben Terroristen einen Anschlag auf eine amerikanische Wohnanlage. Es sterben über hundert Menschen. FBI-Agent Ronald Fleury stellt ein Team von Spezialisten zusammen, um der dortigen Polizei bei der Sicherung des Tatortes zu helfen. Schnell geraten sie zwischen die Fronten.
Guter Politthriller, bei dem die Charaktere im Mittelpunkt stehen und man, angesichts der vielen Subplots, öfters den Eindruck hat, die Geschichte wäre besser als TV-Mehrteiler erzählt worden. Handfeste Action gibt es eigentlich nur am Ende.
Außerdem hat er eine tolle Titelsequenz und einen doofen deutschen (oder denglischen) Titel.
mit Jamie Foxx, Chris Cooper, Jennifer Garner, Jason Bateman, Ashraf Barhoum, Ali Suliman, Jeremy Piven, Richard Jenkins, Danny Huston
Paul Atreides, wieder gespielt von Timothée Chalamet, ist zurück. Und jetzt wird es etwas kompliziert. Denn „Dune: Part 2“ erzählt die Geschichte des ersten Teils weiter. Dabei umfasst der zweite Teil die zweite Hälfte von Frank Herberts Science-Fiction-Roman „Der Wüstenplanet“. Der 1965 im Original erschienene Roman ist ein SF-Klassiker, der seitdem immer erhältlich war. In unzähligen Romanen wurde seitdem die Geschichte des Wüstenplaneten weiter erzählt. Herberts Roman wurde zweimal verfilmt. Einmal in einer damals gefloppten, inzwischen legendären Verfilmung von David Lynch. Einmal als wohl okaye Mini-TV-Serie. Und jetzt von Denis Villeneuve, der sich um eine möglichst große Werktreue bemüht. Deshalb machte er aus den 800 Seiten des Romans auch keinen Zwei-Stunden-Film, sondern erzählt die Geschichte in zwei überlangen Filmen. Der erste Film ist 156 Minuten. Der zweite 166 Minuten. Zusammen sind das über fünf Stunden in denen er bildgewaltig und in epischer Breite und Zähigkeit die Geschichte von Paul Atreides erzählt. Er ist der Sohn von Herzog Leto Atreides und kraft seiner Geburt der künftige Herrscher des Hauses Atreides. Seine Familie hat vom Imperator als überaus wertvolles Lehen den Wüstenplaneten Arrakis erhalten. Auf dem Planeten gibt es den für die Raumfahrt wichtigen Treibstoff, der gleichzeitig eine bewusstseinserweiternde Droge ist.
Aber die vorherigen Lehnsherrn, das Haus der Harkonnen, wollen wieder die Macht über den Planeten zurück erlagen und ihn weiter rücksichtslos ausbeuten. Sie sind die skrupellosen Bösewichter der Geschichte. Um an ihr Ziel zu gelangen, ermorden sie Leto Atreides. Bevor sie Paul Atreides ermorden können, flüchtet er in die Wüste zu dem Wüstenvolk der Fremen.
In diesem Moment beginnt der zweite Teil, der erzählt, wie Atreides zum Anführer der Fremen wird und sie gegen das Haus der Harkonnen in den Kampf führt. Atreides wird von den Fremen schnell als der in alten Schriften prophezeite Messias gesehen wird. Er nimmt den Kampf um die Herrschaft über den Planeten auf.
Viel mehr Story hat „Dune: Part 2“ nicht. Und alles was ich an dem Roman („eine arg dröge Lektüre“) und dem ersten Teil („eine viel zu ehrfurchtsvolle Bebilderung der ersten Hälfte des Romans“) kritisierte, trifft auch auf den zweiten Teil zu. So erzählt „Der Wüstenplanet“ eine typische White-Savior-Geschichte, in der der Retter kraft seines Blutes und der göttlichen Prophezeiung als künftiger Herrscher vorherbestimmt ist. Die in der Zukunft spielende Gesellschaft ist eine mittelalterliche Ständegesellschaft, in der Planeten Lehnsbesitz sind. Die Parallelen zwischen dem in den Sechzigern geschriebenem Roman, den damaligen Ansichten und Konflikten sind offensichtlich und müssen hier nicht weiter ausgeführt werden. Das habe ich bereits zum Start des ersten Teils in meiner Buch- und Filmbesprechung getan.
Dazu kommen im zweiten Teil, in dem Villeneuve die zweite Hälfte des Romans bebildert, weitere Probleme. So ist die Geschichte eine zufällige Ansammlung von Szenen. Wie Atreides zum Führer der Fremen aufsteigt, ist nebulös. Anstatt die einzelnen Schritte zu zeigen, überspringt Villeneuve diese. Irgendwann reitet Atreides auf einem Sandwurm und ist danach der von alptraumhaften Visionen geplagte Anführer. Bei den Kämpfen wird nie erklärt, wie sehr ein Sieg die Fremen in ihrem Kampf gegen die Ausbeuter ihrem Ziel näherbringt. Es ist einfach nur eine plötzlich endende Actionszene ohne jeden Kontext, die mühelos mit einem späteren Kampf zwischen den tapferen Fremen und den gesichtslosen Harkonnen-Söldnern getauscht werden könnte. Es würde nicht auffallen. Dazwischen gibt es Szenen von Männern, die in die Wüste starren und auf Sandwürmer warten. Es gibt religiös gefärbten Mythenbrei. Es gibt Szenen, in denen die Schauspieler salbungsvolle Sätze in enervierender Langsamkeit von sich geben. Am Ende wird in den gut drei Stunden, die „Dune: Part 2“ dauert, wahrscheinlich weniger als in einem halben Film von Woody Allen gesprochen. Dafür darf Javier Bardem als tapferer Fremen-Krieger Stilgar in jedem zweiten Satz sagen, dass Atreides der Messias ist. Zunächst glauben seine Kampfgefährten ihm nicht und auch Atreides möchte noch nicht die Rolle des Messias annehmen. Weitere Stars, wie Josh Brolin, Austin Butler, Florence Pugh, Dave Bautista, Christopher Walken, Léa Seydoux, Stellan Skarsgård und Charlotte Rampling, haben teils nur kurze Auftritte. Darüber legt Hans Zimmer einen Ambient-Soundteppich, der vor allem aus bedeutungsschwangerem Brummen besteht, das in diesem Fall die Grenze zur Parodie schon lange überschritten hat.
Immerhin sehen die in der Wüste aufgenommenen Bilder gut aus, einige computergenierte Spezialeffekte sind gelungen und es immer erfreulich, einige Schauspieler im Kino zu sehen. Auch wenn sie in dem Film, außer ihrer Anwesenheit, nicht viel zu tun haben.
Das ändert nichts daran, dass Welt des Wüstenplaneten immer noch keine Welt für mich ist.
In aktuellen Interviews sagte Villeneuve, dass er das Drehbuch für einen dritten „Dune“-Film bereits fast fertig geschrieben habe. Der Film, basierend auf dem zweiten „Dune“-Roman „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune Messiah, 1969), würde zwölf Jahre nach den in „Der Wüstenplanet“ geschilderten Ereignissen spielen. Wann „Dune Messiah“ verfilmt wird, ist unklar. Aber es dürfte keine zwölf Jahre dauern.
Dune: Part 2(Dune: Part 2, USA 2024)
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Denis Villeneuve, Jon Spaihts
LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)
mit Timothée Chalamet, Zendaya, Rebecca Ferguson, Josh Brolin, Austin Butler, Florence Pugh, Dave Bautista, Christopher Walken, Léa Seydoux, Souheila Yacoub, Stellan Skarsgård, Charlotte Rampling, Javier Bardem
Länge: 166 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (mit dem aktuellen Cover)
Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet
(übersetzt von Jakob Schmidt)
Heyne, 2024 (die Filmausgabe)
800 Seiten
12,99 Euro
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Vor dem Filmstart erschien der Roman bereits in mehreren Übersetzungen und Ausgaben.
Hutch Mansell (Bob Odenkirk) ist ein richtiger Niemand, auf dem jeder herumtrampelt. Als zwei Einbrecher das heißgeliebte Kitty-Cat-Armband seiner Tochter klauen, will er es zurückholen. Das ist, denn Mansell hat aus seinem früheren Leben einige ungeahnte Talente, der Auftakt für eine beispiellose Gewaltorgie.
TV-Premiere. B-Picture-Actionkracher mit viel Gewalt, trockenem Humor und gut(gelaunt)en Schauspielern. Ein großer Spaß für kleine Jungs, präsentiert von den Machern der „John Wick“-Filme.
Wenige Tage vor der Oscar-Verleihung, den er fünfmal gewinnen könnte, läuft Jonathan Glazers hochgelobtes Drama „The Zone of Interest“ endlich bei uns an. Glazer inszenierte vorher die sehr unterschiedlichen, in jedem Fall sehenswerten Filme „Sexy Beast“ (2000), „Birth“ (2004, sein schwächstes Werk) und „Under the Skin“ (2013) und etliche Musikvideos.
Seit seiner Premiere in Cannes, wo „The Zone of Interst“ den Großen Preis der Jury erhielt, wird sein neuester Film überall abgefeiert. Vor wenigen Tagen erhielt „The Zone of Interest“ den BAFTA als „Bester britischer Film“ und als „Bester nicht-englischsprachiger Film“. Das ging, weil in der britischen Produktion nur Deutsch gesprochen wird. Hauptdarstellerin Sandra Hüller erhielt vor wenigen Tagen einen weiteren Schauspielpreis. In diesem Fall war es am 23. Februar 2024 ein César als beste Schauspielerin für „Anatomie eines Falls“. Aber im Moment ist das wie eine Münze werfen und am Ende erhält Sandra Hüller den Preis für „Anatomie eines Falls“ oder für „The Zone of Interest“. Die Nominierungen und Preise werden begleitet von euphorischen Kritiken. „The Zone of Interest“ ist unbestritten und schon jetzt einer der besten Filme des Jahres und, falls ich im Dezember eine Jahresbestenliste erstelle, wird Glazers Film einen der vorderen Plätze der Top Ten belegen. Er ist auch eine grandiose Romanverfilmung, obwohl Glazer sich viele Freiheiten nimmt und oft gesagt wird, der Film sei nur inspiriert von Martin Amis‘ Roman „Interessengebiet“. Glazer, der auch das Drehbuch schrieb, veränderte die Geschichte und die Namen der Figuren. Aber er übernahm die kalt-analytische Sicht auf die Figuren, das Thema und den Handlungsort. Ironischwerweise hat sein Film, wie Amis‘ Roman, Probleme im dritten Akt und damit mit dem Ende. Amis und Glazer finden verschiedene Lösungen, um die Geschichte zu beenden. Für mich funktioniert keine hundertprozentig. Glazers Film gehört zu den Romanverfilmungen, die sich alle erdenklichen Freiheiten bei der Bearbeitung der Vorlage nehmen und ihr dabei treu bleiben.
In dem im ‚Interessengebiet Auschwitz‘ spielendem Roman erzählt Amis eine Liebesgeschichte, die aus einer Schmonzette stammen könnte. SS-Offizier Golo Thomsen verliebt sich in Hannah Doll, die Frau des Lagerkommandanten Paul Doll. Sie erwidert seine Avancen. Neben dieser Liebesgeschichte erzählt Amis von Dolls Arbeit als Behfelshaber über das Konzentrationslager, die er möglichst perfekt und zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ausführen möchte, und von Szmul, einem im KZ sitzendem Juden und Führer des Sonderkommandos, das bei der Vernichtung von Juden mithilft. Geschrieben hat Amis seinen aus diesen drei Plots und damit verbundenen Perspektiven bestehenden Roman in einem nüchternen Tonfall, der einem genau deshalb erschauern lässt. Er schildert den Alltag der Familie Doll als ob es neben ihrem Haus nicht das Vernichtungslager gäbe, das ihnen allen ein gutes Leben beschert. Denn der Krieg ist weit weg und die Arbeit im KZ verhindert eine Einberufung an die Front. Währenddessen schwarwenzelt Thomsen um seine Frau herum.
„Interessengebiet“ ist einer von Martin Amis‘ besten Romanen.
In der Verfilmung konzentriert Jonathan Glazer sich auf die Familie Doll, die im Film, wie in der Realität, Höß heißt. Glazer verzichtet auf die Liebesgeschichte. Er blickt auch nicht hinter die Mauer, die, wie ein Schutzwall, das KZ von dem Haus der Familie Höß trennt. Von dem KZ sind nur einige Häuserdächer und Wachtürme zu sehen. Die aus dem KZ kommenden Geräusche sind für die Familie Höß Hintergrundgeräusche, die sie in ihrem Alltag in ihrem Haus und Garten nicht weiter wahrnehmen. Während Rudolf Höß (Christian Friedel) jeden Tag das Familienhaus verlässt und über den Hof zu seinem Arbeitsplatz geht, betritt seine Gattin Hedwig (Sandra Hüller) niemals das KZ. Sie führt den Haushalt, erzieht die fünf Kinder, bewirtet Gäste und bestellt den Garten. Neben dem Interessengebiet Auschwitz hat sie sich den Traum vom trauten Heim erfüllt. Dieses Paradies will sie unter keinen Umständen verlassen.
Glazer beschreibt das Leben der Familie Höß als Situationsbeschreibung. Er verzichtet auf einen Plot. Er verzichtet auf eine vertiefende Analyse der Figuren. Dafür hätte es nämlich Konflikte benötigt. Er zeigt sie nur in ihrem selbstgeschaffenem kleinen Paradies.
Aufgenommen hat er diese Situationsbeschreibung in der Nähe des Konzentrationslagers. Ursprünglich wollte er in dem KZ und in dem Haus, in dem die Familie Höß gelebt hat, filmen. Als das wegen des Denkmalschutzes und Veränderungen auf dem Gelände des KZ (so sind vor über achtzig Jahren gepflanzte Bäume heute größer als damals) nicht möglich war, drehte er in der Nähe in einem Nachbau des Hauses, das er mit teils versteckten, teils fest installierten Kameras ausstattete. Die Kameras nahmen den gesamten Raum auf. Die Schauspieler konnten sich während der Dreharbeiten frei im Set bewegen. Sie wussten allerdings auch nicht, wann sie aufgenommen wurden. Sie wurden ständig überwacht. Gleichzeitig verhinderte diese Anordnung der Kameras und der damit verbundenen Ästhetik, dass der Regisseur spontan eingreifen oder Szenen in einer normalen Abfolge von Einstellungen und Schnitten auflösen konnte. Mit diesen starren Einstellungen, in denen verschiedene Dinge geschehen, wirkt „The Zone of Interest“ wie ein Theaterstück, das man als Zuschauer aus dem Saal heraus erlebt. Deshalb sollte das Drama im Kino gesehen werden. Auf einem kleinen Bildschirm sieht man einfach zu wenig.
Die für einen Spielfilm ungewohnt detailreichen Bilder (bei Dokumentarfilmen ist das anders), die präzisen Bildkompositionen und die kluge Farbdramaturgie verstärken gekonnt das Unwohlsein, das man beim Ansehen des banalen Lebens in der Villa Höß, hat.
„The Zone of Interest“ ist ein sehr sehenswerter, konzentrierter und in sich geschlossener Feelbad-Film, der die Banalität des Bösen zeigt und, mit chirurgischer Präzision, die Frage stellt, wie man sich selbst verhalten würde. Oder, anders gesagt: wie viel Unrecht und Terror ist man bereit für seinen eigenen kleinen Traum vom Glück zu ignorieren?
Nach dem Kinobesuch sollte man den Roman lesen, der faktenreich, auch die Dinge erzählt, die einige im Film vermissen.
The Zone of Interest (The Zone of Interest, Großbritannien/Polen/USA 2023)
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer
LV: Martin Amis: The Zone of Interest, 2014 (Interessengebiet)
mit Christian Friedel, Sandra Hüller, Johann Karthaus, Luis Noah Witte, Nele Ahrensmeier, Lilli Falk, Anastazja Drobniak, Cecylia Pękala, Julia Polaczek, Kalman Wilson, Imogen Kogge, Medusa Knop, Zuzanna Kobiela, Martyna Poznańska, Stephanie Petrowitz, Max Beck, Andrey Isaev
Barry Seal – Only in America (American Made, USA 2017)
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Gary Spinelli
In den Siebzigern rekrutiert CIA-Mann Monty Shafer den TWA-Piloten Barry Seal (Tom Cruise) für verdeckte Operationen in Südamerika. Das sympathische Schlitzohr unternimmt zunächst Aufklärungsflüge. Später liefert er Waffen an südamerikanische Guerilla-Kämpfer. Gleichzeitig importiert er für die Kartelle Drogen in die USA. Dabei verdient er viel Geld und gerät zwischen die Fronten.
Lockere Actionkomödie, die alle Tiefen der wahren Geschichte ignoriert. Oder in den Worten von Doug Liman: „amüsanten Schwindel, der auf einer wahren Begebenheit basiert“.
mit Tom Cruise, Domhnall Gleeson, Sarah Wright Olsen, E. Roger Mitchell, Jesse Plemons, Lola Kirke, Alejandro Edda, Benito Martinez, Caleb Landry Jones, Jayma Mays
Zombies sind auch nur Menschen, die sich verlieben können. Jedenfalls passiert das dem Zombie R. Nachdem er ein Gehirn verspeist hat, ist er verliebt in Julie, die Freundin seines letzten Opfers.Und sie findet R auch ganz sympathisch.
Herzige Zombie-Teenie-Romanze mit Romeo-und-Julia-Touch.
Drehbuch: Jay Dratler, Samuel Hoffenstein, Elizabeth Reinhardt
LV: Vera Caspary, Laura, 1943
Der New Yorker Polizist Mark McPherson soll den Mord an der Managerin Laura Hunt aufklären. Dabei verliebt er sich in die Tote. Und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, taucht plötzlich die vermeintlich tote Laura Hunt quicklebendig auf. Aber wer wurde dann ihn ihrer Wohnung ermordet?
TV-Premiere (unglaublich, aber wahrscheinlich wahr). „Laura“ ist einer der unumstrittenen Noir-Klassiker.
„still remains the cult noir par excellence“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)
1947 veröffentlichte Vera Caspary eine erfolgreiche Bühnenadaption von ihrem Roman. 1962 verfilmte Franz Josef Wild mit Hildegard Knef und Hellmut Lange für den Bayerischen Rundfunk die Geschichte. Früher lief der TV-Film regelmäßig im Fernsehen.
Anschließend, um 21.40 Uhr zeigt Arte, ebenfalls als TV-Premiere, die fünfzigminütige Doku „Gene Tierney – Hollywoods vergessener Star“ (Frankreich/USA 2017).
Mit Gene Tierney, Dana Andrews, Clifton Webb, Vincent Price, Judith Anderson
Früher als gewohnt, weil der Film schon am Nachmittag läuft
Tele 5, 15.40
Der Smaragdwald(The emerald forest, Großbritannien 1985)
Regie: John Boorman
Drehbuch: Rospo Pallenberg
Während der Vater Bill Markham als Ingenieur ein Staudammprojekt im Amazonas überwacht, verschwindet sein siebenjähriger Sohn Tommy spurlos. Bill Markham sucht ihn und als er ihn nach einer zehnjährige Suche bei einem zurückgezogen lebendem Indiostamm findet, erlebt er eine Überraschung.
Man kann „Der Smaragdwald“ als geglückte und sehr eigenständige Variante von John Fords „Der schwarze Falke“ (mit John Wayne) sehen, oder einfach als ein bildgewaltiges, von einem wahren Fall von 1972 inspiriertes Ökoabenteuer. Während der Dreharbeiten erfuhr Boorman von weiteren ähnlichen Fällen.
In jedem Fall ist „Der Smaragdwald“ ein weiterer lohnenswerter Film von Regisseur John Boorman („Point Blank“, „Beim Sterben ist jeder der erste“, „Der General“, „Der Schneider von Panama“). Es ist ein vor Ort gedrehtes, facettenreiches Plädoyer für den Schutz des Regenwaldes und die Rechte der Ureinwohner.
„Ein meisterhafter Abenteuerfilm von mitreisender Schönheit ist dabei entstanden – als geglückte Mischung aus Fantasy- und Actionelementen, aus Mythologie und Anthropologie -, der sich nie in einer idyllisch-heilen Scheinwelt verliert, sondern beiläufig und unaufdringlich an die Gefährdung des Dschungels und seiner Bewohner durch Technik und Zivilisation gemahnt.“ (Fischer Film Almanach 1986)
mit Powers Boothe, Meg Foster, Charley Boorman, William Rodriguez, Yara Vaneau, Estee Chandler, Dira Paes, Rui Polonah, Maria Helena Velasco, Tetchie Agbayani, Claudio Moreno
LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985 (danach mehrere überarbeitete Neuausgaben)
Buch zum Film: Katja Eichinger: Der Baader Meinhof Komplex – Das Buch zum Film, 2008
Von der Länge her epische, vom Tempo her hektische Verfilmung der Geschichte der RAF von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende. Da stimmt die Ausstattung, aber für die Vertiefung der einzelnen Charaktere bleibt wenig Zeit.
Mit Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Simon Licht, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Niels-Bruno Schmidt, Stipe Erceg, Daniel Lommatzsch, Volker Bruch, Bernd Stegemann, Tom Schilling, Katharina Wackernagel, Anna Thalbach, Jasmin Tabatabai, Hans Werner Meyer
Der Abend und der Besuch auf der Party verliefen so desaströs, dass Lisa Swallows panikartig die Flucht ergreift, in der Nacht über den verlassenen Bachelor’s-Grove-Friedhof läuft, sich kurz an einem Grab, das sie tagsüber öfter besucht, ausheult und anschließend erschöpft in ihr Bett fällt.
Am nächsten Tag und nach einem Gewitter, erschrickt die Highschool-Schülerin über einen Eindringling, der wie das Monster aus dem Sumpf aussieht und sie anscheinend vergewaltigen will. Als er von der Garten-Springleranlage abgesprüht wird, hält sie ihn plötzlich für ganz sympathisch und als sie die Ähnlichkeit zwischen dem unbekannten Eindringling und dem von ihr verehrten im 19. Jahrhundert gestorbenem Künstler bemerkt, glaubt sie zu Recht, dass der Tote wieder auferstanden ist. Sie kleidet die sich zunächst nur unbeholfen bewegende Kreatur (so ihr Rollenname) ein und beginnt mit ihm durch die Gegend zu streifen.
Die Idee hat was. Drehbuchautorin Diablo Cody, die die Geschichte von „Lisa Frankenstein“ erfunden hat, hat einen guten Namen. Gleich ihr erstes Drehbuch, „Juno“ wurde erfolgreich verfilmt und mit dem Drehbuchoscar ausgezeichnet. „Young Adult“, „Ricki – Wie Familie so ist“ und „Tully“ folgten. Auch wenn die humorvoll-herzig-liebenswerten Dramen am Ende immer etwas harmloser und harmonieseliger waren als sie es hätten sein können, sind es sehenswerte Filme mit guten Rollen für die Hauptdarstellerinnen Charlize Theron (zweimal) und Meryl Streep. Die Horrorkomödie „Jennifer’s Body“ mit Megan Fox als männermordendem Vamp war bestenfalls so halb gelungen. Und auch Codys neue Horrorkomödie „Lisa Frankenstein“ ist nicht gelungen. Sie ist sogar schlechter als „Jennifer’s Body“. Daran ändern die wenigen garantierten Lacher und Slapstick-Momente nichts. Wenn Lisa und die Kreatur, der nach seiner Wiedergeburt einige Körperteile fehlen, sich einige von ihm dringend benötigte Körperteile besorgen, indem sie sie einfach bei einer anderen Person (die noch lebendig ist) abhacken, lacht der Horrorfan über so viel kaltschnäuzig präsentieren Pragmatismus. Die anderen Gags werden von Regisseurin Zelda Williams in ihrem Spielfilmdebüt fast ohne eine einzige Ausnahme gnadenlos versemmelt. Das ist Fremdschäm-Comedy auf dem Niveau einer unlustigen TV-Sketch-Show. Die Story wirkt wie eine erste Gedankensammlung. Untote. Highschool. Erste Liebe. 80er Jahre. Alles drin. Es gibt, beginnend mit „L. I. S. A. – Der helle Wahnsinn“ (Weird Science, USA 1985, einer damals an der Kinokasse erfolgreichen Teeniekomödie, in der zwei Computer-Nerds ihre Traumfrau zusammenbasteln), genug Anspielungen, um das Herz des Cineasten zu erfreuen. Der darf danach mit seinem Filmwissen angeben und ständig klugscheißerisch betonen, dass die zitierten Vorbilder viel besser sind.
Die 80er Jahre beschränken sich in der 1989 spielenden Highschool-Horrorkomödie hauptsächlich auf Lisas Outfit, Frisur und Sonnenbrille. Der Rest ist dann beliebig aus dem Highschool- und Horrorfilmfundus zusammengestellt. Friedhöfe, wie der im Film gezeigte, gehören zur Hollywood-Standard-Dekoration für alte Friedhöfe, auf denen gar schreckliche Dinge geschehen. Die Schule sieht so aus, wie US-amerikanische Schulen immer aussehen. Und Lisas Zimmer mit den Plakaten von B-Horrorfilmen aus den fünfziger Jahren sieht aus wie ein nerdiges Teenagerschlafzimmer.
Die Story funktioniert nicht als Liebesgeschichte (dafür geht es einfach zu schnell) und auch nicht als Horrorgeschichte. Denn es gibt einfach zu viele Episoden, die keinerlei Auswirkung auf die weitere Geschichte haben. So witzig es ist, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn Lisa und die Kreatur bei anderen Menschen Körperteile abhacken, so unglaubwürdig ist es, dass das ohne nennenswerte Folgen für die weitere Geschichte geschieht. Da war Doktor Victor Frankenstein schon weiter. Er baute seine Kreatur aus Leichenteilen zusammen.
Wie eine Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern, von denen der eine ein Zombie ist, funktionieren kann, zeigt Jonathan Levine in seiner Zombie-Horrorkomödie „Warm Bodies“. Das ist der eindeutig bessere Filme.
Lisa Frankenstein (Lisa Frankenstein, USA 2024)
Regie: Zelda Williams
Drehbuch: Diablo Cody
mit Kathryn Newton, Cole Sprouse, Liza Soberano, Henry Eikenberry, Joe Chrest, Carla Gugino
Christian hat sie vorgewarnt. Trotzdem ist Sigrid schockiert, als sie seinen Hund sieht. Denn Frank ist kein Hund, sondern ein Mann in einem Hundekostüm, der sich wie ein Hund benimmt und auch so behandelt werden möchte. Schockiert verlässt sie den gut aussehenden, charmanten Christian. Aber als ihre Studienfreundin ihr sagt, dass Christian Iversen ein Millionenerbe ist, überdenkt sie ihre Entscheidung. Denn ihr Studium verläuft eher mittelprächtig im Nichts. Besondere Ambitionen hat sie keine. Und auch keinen anderen Freund. Also gibt sie Christian, der in jeder Beziehung ihr Gegenteil ist, eine zweite Chance.
Zu Dritt brechen sie zu einem verlängertem Wochenende in seinem Ferienhaus auf. Dort bittet Christian sie als erstes, ihm ihr Handy zu geben. Dann könnten sie ungestört und ohne Ablenkungen mehr Zeit miteinander verbringen.
„Good Boy“ von Viljar Bøe hat eine vielversprechende Prämisse und ein Drehbuch, das die Motive seiner Protagonisten lange in der Schwebe lässt. Ist Christian wirklich ein psychopathischer Kontrollfreak und Perfektionist? Ihr erstes Treffen in einem noblen Lokal hätte fast nicht stattgefunden, weil sie sich grundlos verspätete und ihn auch nicht anrief. Warum beginnt er eine Beziehung mit einer Frau, die so offensichtlich das nicht zu ihm passende Gegenteil ist? Will Sigrid wirklich eine echte Beziehung mit ihm beginnen oder will sie nur sein Geld? Und wer ist Frank? Oder anders gefragt: warum will ein Mann 24/7 der Hund von einem anderen Mann sein? Das sind genug Fragen für eine spannende Geschichte, die nur einen kleinen Schritt von einer ätzenden Gesellschafts- und Beziehungssatire entfernt ist.
Nach einem gelungenem Set-Up führt Bøe sein Drei-Personen-Stück mit zu wenigen überraschenden Wendungen zu Ende. In den entscheidenden Momenten ist „Good Boy“ einfach viel zu brav und geht zu wenig in die Tiefe, um wirklich zu überzeugen.
Das macht „Good Boy“ trotz seiner Kürze von siebzig Minuten (wenn wir den Abspann weglassen) zu einer zu lang geratenen mediokren „Twilight Zone“-Episode, ohne deren schwarzen Humor.