
weil ich gerade die Verfilmung bespreche

Hannelore Cayre hat ihre sehr sympathische Nische gefunden: Frauen als Hauptperson (aufgrund ihres moralischen Kostüms sind sie nicht wirklich traditionelle ‚Heldinnen‘), schnoddriger Tonfall, eine heilsame Respektlosigkeit vor Recht und Gesetz; vor allem wenn es die Wohlhabenden schützt – und damit eine dezidiert linke, kapitalismuskritische Sicht. Oh, und einen illusionslosen, eigentlich schon verzweifelt komischen Blick auf die französische Gesellschaft, ihre Strukturen und ihre Probleme. Als Vehikel benutzt sie dafür die Kriminalliteratur.
In „Reichtum verpflichtet“ verzichtet sie auf das Krimi-Sicherheitsnetz. Ihr neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen: der Gegenwart und den Jahren 1870/1871.
1870 bekriegten Frankreich und Deutschland sich. In Frankreich werden junge Männer nach einem Zufallsprinzip eingezogen. Das ist eine egalitäre Auswahl. Schließlich unterscheidet das Los nicht zwischen Arm und Reich. Allerdings können reiche Männer danach einen Einstandsmann kaufen. Der übernimmt dann den neunjährigen Militärdienst für den vom Los gezogenen kampfunwilligen Unglücksraben.
Auguste de Rigny, der in Paris ziellos vor sich hin studiert und sich in revolutionären Kreisen aufhält, wird vom Los gezogen. Allerdings möchte er den Militärdienst nicht ableisten. Das Geld und die Beziehungen seiner Eltern sollen ihn freikaufen. Dummerweise gestaltet sich die Suche nach dem Einstandsmann schwieriger als gedacht.
In der Gegenwart beginnt die nach einem Autounfall gehbehinderte Blanche de Rigny in der Familiengeschichte herumzustöbern. Sie möchte erfahren, wie sie mit der vermögenden Familie de Rigny verwandt ist.
Währenddessen arbeitet sie als Gerichtsreprografin. Sie scannt alle Akten, die in die Zuständigkeit der Pariser Gerichtsbarkeit fallen. Manchmal liest sie sie. Manchmal gibt sie Kopien an Journalisten weiter. Manchmal verkauft sie Adressen von Drogenkonsumenten an Dealer weiter.
Das ist durchaus vergnüglich zu lesen und vor allem Augustes Geschichte ist ziemlich spannend. Dagegen ist bei Blanches Geschichte unklar, worauf sie hinausläuft. Es ist, und das ist auch das große Problem des Romans, eine Geschichte, die erst und nur durch ihre ziemlich grandiose Pointe einen Sinn ergibt.
Für mich ist „Reichtum verpflichtet“ Hannelore Cayres bislang schwächster Roman. Das gesagt, freue ich mich selbstverständlich auf ihren nächsten Roman.
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Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet
(übersetzt von Iris Konopik)
Ariadne/Argument Verlag, 2021
256 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Richesse oblige
Éditions Métailié, Paris, 2020
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Hinweise
Wikipedia über Hannerlore Cayre
Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)
Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)
Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Die Alte“ (La daronne, 2017)
Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés Hannelore-Cayre-Verfilmung „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (La daronne, Frankreich 2020) und der DVD
WDR, 22.15
Tatort: Der Fall Schimanski (Deutschland 1991)
Regie: Hajo Gies
Drehbuch: Axel Götz, Thomas Wesskamp
Schimanski soll bestechlich sein. Er wird suspendiert und ermittelt auf eigene Faust.
Letzter Schimanski-Tatort mit einem legendärem Ende. Einige Jahre nach „der brillanten Schimanski-Persiflage“ (Eike Wenzel: Der Star, sein Körper und die Nation. Die Schimanski-TATORTe, in Wenzel, Hrsg.: Ermittlungen in Sachen TATORT, 2000) ging es mit der insgesamt durchwachsenen TV-Reihe „Schimanski“ weiter.
mit Götz George, Eberhard Feik, Chiem van Houweninge, Ulrich Matschoss, Ludger Pistor, Armin Rohde, Maja Maranow, Brigitte Janner, Jochen Senf (als Gastkommissar Palu)
Hinweise

Jetzt hat die Lektüre doch länger gedauert als geplant. Frage nicht. Schließlich ist der Brenner zurück. Weil die Geschichte nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit spielt, beginnt Wolf Haas‘ neuer Brenner-Roman nicht mit dem bekannt-lakonischen Eingangssatz „Jetzt ist schon wieder was passiert“, sondern, nach einem Prolog, so: „Jetzt, wo es verjährt ist, muss man wenigstens keine Angst mehr haben, dass man was Falsches sagt.“
Es beginnt mit dem Fund einer zerstückelten Leiche auf dem städtische Müllplatz, der in Wien inzwischen ein Recyclinghof mit einem ausdifferenziertem System von Sammelwannen ist. Bis die Polizei auftaucht, haben die Müllmänner die einzelnen Leichenteile aus den verschiedenen Wannen herausgesucht und fein säuberlich zusammengelegt. Es ist alles vorhanden, bis auf das Herz des Verstorbenen. Das wird später bei seiner Geliebten Roswitha im Tiefkühlschrank gefunden. Ein Einbrecher hat es dorthin gelegt. In dem Moment ist der Brenner schon knietief in den Fall, in dem es um illegalen Organhandel gehen soll, verwickelt. Einerseits weil er inzwischen bei der Müllabfuhr arbeitet (Frage nicht. Der Wolf Haas erklärt auch nicht genauer, wie Brenner zu dem besten Job, den er jemals hatte, gekommen ist), andererseits weil Brenner früher Polizist und dann Privatdetektiv war. Kopf und Savic, die Ermittler in diesem Fall, kennt er noch von früher.
Und jetzt ist ein kleiner Einschub für die Jüngeren angesagt. 1996 veröffentlichte Wolf Haas, damals noch in der rororo-Krimireihe, seinen ersten Brenner-Roman „Auferstehung der Toten“. Der Roman war wegen seiner Sprache (sie ist so markant, dass sie zur Nachahmung und Parodie einlädt) und seinem Humor ein sofortiger Erfolg. Der Fall war auch nicht schlecht. Haas schrieb weitere erfolgreiche Brenner-Romane. Bis 2003 folgten schnell hintereinander fünf weitere Romane, 2009 „Der Brenner und der Liebe Gott“, 2014 „Brennerova“ und jetzt – endlich! – „Müll“.
2000 verfilmte Wolfgang Murnberger den dritten Brenner-Roman „Komm, süßer Tod“. Josef Hader spielte Brenner. Der Film war ein Hit. Drei weitere erfolgreiche Brenner-Verfilmungen folgten. Sie übertrugen den eigentlich unverfilmbaren Stil der Brenner-Romane kongenial auf die Leinwand.
Entsprechend groß ist natürlich die Freude, dass Wolf Haas jetzt wieder einen Brenner-Roman geschrieben hat und mit 288 Seiten ist er sogar der bislang längste Brenner-Roman. Wobei 288 Seiten nach heutigem Standard nicht besonders lang sind.
Nach der Lektüre kann ich beruhigt schreiben, dass sie sich lohnt. Der Kriminalfall entwickelt sich eher bedächtig. Das liegt auch daran, dass Haas erst einmal viele Personen vorstellen muss. Sie alle sind irgendwie in den Fall (über den hier nichts verraten wird) verwickelt. Es gibt den gewohnt lakonischen Haas-Humor. Außerdem erfahren wir einiges über Brenners aktuelle, ähm, Schlafgewohnheiten, die Philosophie des Mülltrennens und des Paketzustellens und warum der Praktikant auf dem Müllplatz Praktikant heißt. Das alles macht „Müll“ zu einem gelungenem weiteren Brenner-Roman.
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Wolf Haas: Müll
Hoffmann und Campe, 2022
288 Seiten
24 Euro
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Hinweise
Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas
Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)
Meine Besprechung von Wolf Haas‘ „Brennerova“ (2014)
Meine Besprechung von Wolfgang Murnberges Wolf-Haas-Verfilmung „Das ewige Leben“ (Österreich 2015)
RTL II, 23.40
Vollblüter (Thoroughbreds, USA 2017)
Regie: Cory Finley
Drehbuch: Cory Finley
Die wohlbehütet aufwachsenden Teenager Lily und Amanda wollen Lilys Stiefvater umbringen. Helfen soll ihnen ein kleiner Drogenhändler, der natürlich nichts von dem wahren Plan der beiden Schönheiten ahnt.
TV-Premiere. Schöner, kleiner, fieser Noir-Thriller – und der letzte Film von Anton Yelchin.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung
mit Olivia Cooke, Anna Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift, Kailie Vernoff
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Vollblüter“
Wikipedia über „Vollblüter“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Cory Finleys „Vollblüter“ (Thoroughbreds, USA 2017)
ZDFneo, 00.10
Red Rock West (Red Rock West, USA 1992)
Regie: John Dahl
Drehbuch: John Dahl, Rick Dahl
Vollkommen abgebrannt landet Michael Williams in dem Kaff Red Rock. Dort wird er für einen Profikiller gehalten und erhält auch gleich das Honorar für den Mordauftrag. Dummerweise trifft kurz darauf der wirkliche Killer ein.
„‚Red Rock West‘ ist ein Film noir mit allen Qualitäten eines modernen Western, wie sie in den Romanen und Figuren von Jim Thompson zu finden sind. Es geht um Liebe, Mord und Verrat – schnörkellos, direkt und lakonisch inszeniert.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.
„Red Rock West“ ist ein Film aus einer Zeit, als man sich noch auf den nächsten Nicolas-Cage-Film freute.
mit Nicolas Cage, Dennis Hopper, Lara Flynn Boyle, J. T. Walsh
Hinweise
Samuel O’Shea ist Leonard-Cohen-Fan. Das macht ihn schon einmal grundsympathisch. Allerdings ist der Literaturprofessor auch ein alter Sack, Schürzenjäger und Trinker. Das macht ihn schon deutlich unsympathischer.
In letzter Zeit hat O’Shea zunehmend Wahnvorstellungen. Seine Ärztin diagnostiziert einen riesigen Tumor in seinem Gehirn. Bevor er sich darum kümmert, macht er sich von Montreal auf den Weg nach Irland zu einer einsam am Meer gelegenen Hütte und Matt Bissonettes Film beginnt zunehmend zu zerfasern. Das Spiel zwischen Realität und Halluzinationen wird immer chaotischer und willkürlicher. Die Geschichte immer beliebiger und auch egaler. O’Shea führt lange Gespräche mit seinem schon lange totem Vater. Er verliebt sich in eine jüngere Frau. Er wird, selbstverständlich wegen dieser Frau, zu einem Mörder. Oder auch nicht.
Der anfängliche Spaß über einen Lehrer, der mit der Wirklichkeit und seinem Leben hadert, weicht zunehmend dem Gefühl eines gelangweilten anything goes. Garniert und grundiert wird das mit sieben Songs von Leonard Cohen. Unter anderem „Heart with no Companion“, „Did I ever love you“, „Bird on the Wire“ und, selbstverständlich „Hallelujah“. Diese ausführlich ausgespielten Songs sind ein Pluspunkt des Films. Der andere ist Gabriel Byrne, der Samuel O’Shea spielt.
Aber auch er kann nichts daran ändern, dass am Ende die Enttäuschung überwiegt.

Death of a Ladies‘ Man (Death of a Ladies‘ Man, Kanada/Irland 2020)
Regie: Matt Bissonnette
Drehbuch: Matt Bissonnette
mit Gabriel Byrne, Jessica Paré, Brian Gleeson, Suzanne Clément, Antoine Olivier Pilon
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Moviepilot über „Death of a Ladies‘ Man“
Metacritic über „Death of a Ladies‘ Man“
Rotten Tomatoes über „Death of a Ladies‘ Man“
Wikipedia über „Death of a Ladies‘ Man“
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Erheblich näher an der Realität ist Philippe Girards Comic „Leonard Cohen: Like a Bird on a Wire“. Er rast auf nicht einmal hundertzehn Seiten durch Leonard Cohens Leben. Alle paar Seiten wird in ein neues Jahr gesprungen. Bekannte Musiker haben Kurzauftritte. Cohens Frauen ebenso. Aber ein roter Faden ist nicht erkennbar. Am Ende bleibt nur eine Abfolge von Episoden, die ohne ein Wissen über Cohens Leben und das Rockmusikbusiness fast unverständlich sind.
Eine verpasste Chance.
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Philippe Girard: Leonard Cohen: Like a Bird on a Wire
(übersetzt von Anne Bergen)
Cross Cult, 2021
120 Seiten
25 Euro
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Originalausgabe
Leonard Cohen – Sur un fil
Casterman, 2021
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Hinweise
Wikipedia über Philippe Girard und über Leonard Cohen (deutsch, englisch)
3sat, 20.15
Elser (Deutschland 2015)
Regie: Oliver Hirschbiegel
Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer
Packendes Drama über Georg Elser, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Bombenanschlag auf Adolf Hitler verübte.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
Wenn die Anfangszeiten im TV-Programm stimmen, wird eine rabiat auf 90 Minuten gekürzte Fassung des 114-minütigen Films gezeigt. Keine Ahnung warum. Denn die Kinofassung ist perfekt.
mit Christian Friedel, Katharina Schüttler, Burghart Klaußner, Johann von Bülow, Felix Eitner, David Zimmerschmied, Rüdiger Klink, Cornelia Köndgen, Martin Maria Abram, Udo Schenk
Hinweise
Wikipedia über „Elser“ und Georg Elser
Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)
Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015) (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)
Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“ (Deutschland 2017)
Nein, das ist nicht das 13. Arrondissement, das wir aus Léo Malets Nestor-Burma-Roman „Die Brücke im Nebel“ kennen. Der Roman spielt in den Fünfzigern und Nestor muss den Mord an einem alten Freund, den er während seiner Zeit als Anarchist kennen lernte, aufklären. In Jacques Audiards, fast siebzig Jahre später, ebenfalls in diesem Pariser Viertel spielendem Film „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ geht es um die Liebe und die Gefühle von Thirty-Somethings auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.
Émilie hat die Elite-Schule Sciences Po erfolgreich abgeschlossen. Aber anstatt jetzt ihre berufliche Karriere zu beginnen, treibt sie von einem Gelegenheitsjob zum nächsten.
Sie wohnt im 13. Arrondissement in einer Wohnung, die sie sich leisten kann, weil sie ihrer im Heim liegenden Großmutter gehört. Um die Kosten weiter zu senken, nimmt sie regelmäßig Untermieter bei sich auf.
Ihr neuester Untermieter ist Camille. Der von seiner Arbeit frustrierte Literaturlehrer wird ihr Liebhaber. An einer längerfristigen Beziehung haben beide zunächst kein Interesse.
Da lernt er, inzwischen als heillos überforderter Immobilienmakler arbeitend, Nora kennen. Sie hat ihre Arbeit als Immobilienmaklerin in der Provinz aufgegeben. Sie will ihr Studium fortsetzen. Aber als Anfang-Dreißigjährige fremdelt sie mit dem Studienbetrieb und ihren jüngeren Mitstudierenden.
Als sie für eine Party eine Perücke aufzieht, wird sie von ihren Kommilitonen für das Cam-Girl Amber Sweet gehalten. Verstört verläßt sie die Party und nimmt später, via Webcam, Kontakt zur echten Amber Sweet auf.
Jacques Audiards neuer Film ist das Gegenteil von seinem Western „The Sisters Brothers“. „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ ist nämlich ein kleiner SW-Film im Nouvelle-Vague-Stil. Audiard erzählt seinen lockeren Reigen von Liebe, Verlassenwerden, Enttäuschungen, Erwartungen und Verunsicherungen als einen lyrischen Ensemblefilm, in dem sich die Wege der vier jungen Menschen immer wieder kreuzen. Sie sind alle immer noch nicht Erwachsen, sondern zutiefst verunsichert über sich und ihre Lebenspläne. Sie stolpern von einer kurzen Beziehung zur nächsten. Sie wechseln ziellos zwischen Jobs und Studium. Nur Amber Sweet scheint ihren Platz gefunden zu haben. Deshalb ist das mit viel Humor gewürzte Drama auch ein Film über das Erwachsenwerden im 21. Jahrhundert. In der Großstadt.

Wo in Paris die Sonne aufgeht (Les Olympiades, Frankreich 2021)
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Céline Sciamma, Léa Mysius, Jacques Audiard
LV: Adrian Tomine: Amber Sweet, Killing and Dying, Hawaiian Getaway (3 Comics)
mit Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth, Camille Léon-Fucien, Océane Cairaty, Anaïde Rozam, Pol White, Geneviève Doan
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
AlloCiné über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“
Moviepilot über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“
Metacritic über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“
Rotten Tomatoes über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“
Wikipedia über „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ (deutsch, englisch, französisch)
Arte, 20.15
Die Paten von St. Pauli (Deutschland 2021)
Regie: Oliver Schwabe
Drehbuch: Oliver Schwabe
TV-Premiere. Aus drei 45-minütigen Teilen bestehende Doku, die Arte heute an einem Stück zeigt und die uns ein Bild von St. Pauli vermittelt, als St. Pauli die sündige Meile war. Für seine Doku wühlte Schwabe sich durch Archive und befragte Zeitzeugen; – seltsamerweise scheint allerdings St.-Pauli-Chronist Frank Göhre nicht dabei zu sein.
Hinweis




Zuerst gab es „Watchmen“, diese in der Buchausgabe backsteingroße Superheldengeschichte, die zwischen September 1986 und Oktober 1987 erschien, mehrere Eisner Awards erhielt, mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde, vom Time Magazine in die Liste der hundert besten englischsprachigen Romane seit 1923 aufgenommen wurde und immer noch, wenn der Comic irgendwo besprochen oder in einer Bestenliste erwähnt wird, abgefeiert wird. Außerdem wurde die ungewöhnliche Superheldengeschichte von Zack Snyder bildgetreu verfilmt. Den Fans gefiel der Film. Alan Moore, dem Autor von „Watchmen“, nicht. Aber ihm gefällt keine Verfilmung seiner Werke und er will nichts mit ihnen zu tun haben. Dave Gibbons, der Zeichner, sieht das entspannter.
Später wurde die Geschichte in einer kurzlebigen HBO-TV-Serie weitererzählt. Und, angesichts der normalerweise prächtig funktionierenden Verwertungsmaschinerie von DC und Marvel, die ihre Comichelden in unzählige Comicabenteuer schicken, extrem wenigen Comics, die im „Watchmen“-Universum spielen oder mit ihm spielen. Es gab die durchgehend gelungenen, unter anderem von Brian Azzarello und Darwyn Cooke geschriebenen „Before Watchmen“-Comics und jetzt eine „Rorschach“-Geschichte. Tom King erzählt sie für das DC Black Label in zwölf Heften (bei uns gesammelt in vier Bänden). Sie kann unabhängig von „Watchmen“ gelesen werden.
Auch Kings Geschichte spielt Jahre nach den Ereignissen von „Watchmen“. 35 Jahre nach dem Tod von Rorschach, dem an einen Hardboiled-Detektiv erinnernden Verbrecherjäger im Trenchcoat, Hut und mit einer sich ständig verändernden Maske, taucht ein neuer Rorschach auf. Er und seine Komplizin ‚The Kid‘ sterben bei einem Anschlag auf den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Turley. Er ist der Herausforderer des seit Ewigkeiten regiererenden, unglaublich beliebten, liberalen Präsidenten Robert Redford. Er tut als Präsident genau das, was wir von ihm nach seinen Filmen und Interviews erwarten würden.
Ein namenloser Detektiv soll herausfinden, ob Rorschach und The Kid auf eigene Faust handelten oder Teil einer Verschwörung sind, in die sogar Redford involviert sein könnte. Bei seinen Ermittlungen stößt er auf die Comic-Zeichner Willliam Myerson, den Erfinder des Piraten-Comics Pontius Pirate, Otto Binder (u. a. die Comics Supergirl, Superman und Shazam) und Frank Miller, den ich wohl nicht vorstellen muss.
„Rorschach“ ist eine spannende und, ganz in der Tradition von Moore/Gibbons stehende, komplexe Geschichte, die munter mit der Realität, Comics (für viele Anspielungen) und Verschwörungstheorien spielt. Das liest sich wie ein guter Siebziger-Jahre-Verschwörungsthriller und sieht auch so aus.
Aktuell ist „Rorschach“ in vier Einzelbänden erhältlich. Weil Autor Tom King, Zeichner Jorge Fornés und Kolorist Dave Stewart eine zusammenhängende Geschichte erzählen, bietet sich eine spätere Veröffentlichung in einem Band natürlich an.
–
Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 1 (DC Black Label)
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2021
76 Seiten
15 Euro
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enthält
Rorschach # 1 – 3
DC Black Label, 2020
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Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 2 (DC Black Label)
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2021
76 Seiten
15 Euro
–
enthält
Rorschach # 4 – 6
DC Black Label, 2021
–
Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 3 (DC Black Label)
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2021
76 Seiten
15 Euro
–
enthält
Rorschach # 7 – 9
DC Black Label, 2021
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Tom King/Jorge Fornés: Rorschach – Band 4 (DC Black Label)
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2022
76 Seiten
15 Euro
–
enthält
Rorschach # 10 – 12
DC Black Label, 2021
–
Hinweise
Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)
One, 22.45
Rififi (Du rififi chez les hommes, Frankreich 1954)
Regie: Jules Dassin
Drehbuch: René Wheeler, Jules Dassin, Auguste le Breton
LV: Auguste le Breton: Du rififi chez les hommes, 1953
Kaum draußen aus dem Gefängnis plant Toni zusammen mit seinen Freunden Jo und Mario den Einbruch in ein Juweliergeschäft. Der Einbruch gelingt. Dann kommt ihnen eine rivalisierende Bande auf die Spur.
Mit „Rififi“ begründete Dassin das Caper-Movie: ein Film, bei dem die Planung und Durchführung eines Einbruches mit Mittelpunkt steht. „Dassins Film wirkt ein wenig wie die Synthese aus seinen eigenen realistischen Kriminalfilmen aus Hollywood, das er der antikommunistischten Hexenjagden McCarthys wegen hatte verlassen müssen, und den französischen Filmen aus der Tradition des Poetischen Realismus. Dabei potenziert sich der Pessimismus so sehr wie die Stilisierung: In einer halbstündigen Sequenz, in der der technische Vorgang des Einbruchs gezeigt wird, gibt es weder Dialoge noch Musikuntermalung. Die technische Präzision, die fast ein wenig feierlich zelebriert wird und in der die Männer ganz offensichtlich ihre persönliche Erfüllung finden, mehr als in der Freude über die Beute, steht dabei im Gegensatz zu ihrem fast ein wenig melancholischen Wesen.“ (Georg Seeßlen)
Mit Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Perlo Vita (Pseudonym von Dassin)
Hinweise
Wikipedia über „Rififi“ (deutsch, englisch)
Noir of the Week über „Rififi“
Criterion Confessions (James S. Rich) über Jules Dassin und „Rififi“
ZDF, 22.15
Unhinged – Außer Kontrolle (Unhinged, USA 2020)
Regie: Derrick Borte
Drehbuch: Carl Ellsworth
TV-Premiere. Herrlich fieser kleiner B-Thriller, bei dem einige Autos geschrottet werden und Russell Crowe als Bösewicht groß aufspielt. Er ist Tom Cooper und er hat einen wirklich schlechten Tag. Das bekommt auch Rachel zu spüren, die ihn an einer Ampel ungeduldig anhupt und sich danach nicht für ihre Unhöflichkeit entschuldigen will.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Russell Crowe, Caren Pistorius, Gabriel Bateman, Anne Leighton, Jimmi Simpson
Wiederholung: Mittwoch, 6. April, 00.30 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Rotten Tomatoes über „Unhinged“
Wikipedia über „Unhinged“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Derrick Bortes „Unhinged – Außer Kontrolle“ (Unhinged, USA 2020)
Auf der von Deutschlandfunk Kultur präsentierten monatlichen Krimibestenliste stehen für den April folgende Bücher, die sicher auch als Ostergeschenk taugen:
1 (-) Riku Onda: Die Aosawa-Morde
(Aus dem Japanischen von Nora Bartels)
Atrium, 368 Seiten, 22 Euro
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2 (–) Dror Mishani: Vertrauen
(Aus dem Hebräischen von Markus Lemke)
Diogenes, 351 Seiten, 22 Euro
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3 (–) Jan Costin Wagner: Am roten Strand
Galiani Berlin
303 Seiten, 22 Euro
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4 (4) Greg Buchanan: Sechzehn Pferde
(Aus dem Englischen von Henning Ahrens)
S. Fischer, 443 Seiten, 22 Euro
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5 (–) Åsa Larsson: Wer ohne Sünde ist
(Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger, Holger Wolandt)
C. Bertelsmann, 590 Seiten, 22 Euro-
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6 (–) Wolf Haas: Müll
Hoffmann und Campe
288 Seiten, 24 Euro
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7 (7) Mathijs Deen: Der Holländer
(Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke)
Mareverlag, 263 Seiten, 20 Euro
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8 (–) Kotaro Isaka: Bullet Train
(Aus dem Japanischen von Katja Busson)
Hoffmann und Campe
380 Seiten, 22 Euro
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9 (–) Samira Sedira: Wenn unsere Welt zerspringt
(Aus dem Französischen von Alexandra)
Baisch. Piper, 176 Seiten, 20 Euro
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10 (–) Steph Post: Lightwood
(Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt)
Polar, 439 Seiten, 16 Euro
–
In ( ) steht die Platzierung vom Vormonat.
Arte, 20.15
Mystic River (Mystic River, USA 2003)
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Brian Helgeland
LV: Dennis Lehane: Mystic River, 2001 (Spur der Wölfe, Mystic River)
Jimmy Markum, Dave Boyle und Sean Devine waren Jugendfreunde. Jahrzehnte später treffen sie sich wieder. Jimmys Tochter wurde ermordet. Sean soll als Polizist den Fall aufklären und Dave gerät in Verdacht, der Mörder zu sein.
Clint Eastwoods Dennis-Lehane-Verfilmung „Mystic River“ ist ein ruhiges, im positiven Sinn altmodisch erzähltes, düsteres Drama ohne einfache Lösungen über Schuld, Sühne und der Frage nach Gerechtigkeit.
Mit seinen exzellenten Schauspielern, dem guten Drehbuch, der ruhigen Kameraarbeit (Tom Stern, seit „Honkytonk Man“ [1982] bei fast jedem Eastwood-Film dabei) und der stimmigen Musik (Clint Eastwood himself) ist der Film sogar dem etwas ausufernden Roman überlegen.
Neben zahlreichen Nominierungen und Preisen wurde Helgelands Buch auch für den Edgar Allan Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert.
Mit Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Laurence Fishburne, Marcia Gay Harden, Laura Linney
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Mystic River“
Wikipedia über „Mystic River“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „American Sniper“ (American Sniper, USA 2014)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „The Mule“ (The Mule, USA 2018)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Der Fall Richard Jewell“ (Richard Jewell, USA 2019)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Cry Macho“ (Cry Macho, USA 2021)
Meine Besprechung von Kai Blieseners „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“ (2020)
Clint Eastwood in der Kriminalakte
Meine Besprechung von Brian Helgelands „42 – Die wahre Geschichte einer Sportlegende“ (42, USA 2013)
Meine Besprechung von Brian Helgelands „Legend“ (Legend, Großbritannien/Frankreich 2015)
Brian Helgeland in der Kriminalakte
Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)
Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)
Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)
Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)
Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)
Dennis Lehane in der Kriminalakte
SWR, 20.15
Der Marshal (True Grit, USA 1969)
Regie: Henry Hathaway
Drehbuch: Marguerite Roberts
LV: Charles Portis: True Grit, 1968 (Die mutige Matti, Der Marshal und die mutige Mattie, True Grit)
Arkansas, 1880: Die 14-jährige Mattie will den Mörder ihres Vaters zur Strecke bringen. Weil sie das allein nicht schafft, überzeugt sie den einäugigen, dem Alkohol verfallenen Marshal Rooster Cogburn dazu, ihr zu helfen.
Der Western-Klassiker mit einem humoristischen Einschlag ist eine gelungene Abhandlung zum Thema Tapferkeit.
Ansonsten hat Joe Hembus alles gesagt: „Das glorreiche Denkmal von Hollywoods Western-Tradition, ein enorm junges, frisches, allumfassendes Werk von drei fetten alten Männern, dem Produzenten Hal B. Wallis, im Western-Geschäft seit 1922, dem Regisseur Henry Hathaway, der seine Karriere 1933 mit Zane-Grey-Verfilmungen begann, und Star John Wayne, der 1930 in The Big Trail debütierte. Die Summe dieser Erfahrungen wird mit einem Elan mobilisiert, den man sonst nur bei Debütfilmen sieht, zugleich mit dem gelassenen Humor, der weiß, dass man nur noch gewinnen kann.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
John Wayne erhielt für diese Rolle seinen einzigen Oscar, einen Golden Globe und einen Laurel Award.
2010 verfilmten die Coen-Brüder den Roman. Ihre Version von „True Grit“ ist ebenfalls sehenswert.
mit John Wayne, Kim Darby, Glen Campbell, Robert Duvall, Jeff Corey, Dennis Hopper, Strother Martin
Wiederholung: Sonntag, 3. April, 03.00 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Der Marshal“
Wikipedia über Charles Portis, den Roman und die Verfilmung
Meine Besprechung von Charles Portis‘ „True Grit“ (True Grit, 1968)