Nach zwei Kriminalromanen hat Sven Heuchert jetzt seinen dritten Roman veröffentlicht und es ist, egal was man unter Kriminalliteratur versteht, kein Kriminalroman, sondern ein Roman. Der Verlag nennt ihn einen kraftvollen Roman über Trauer und Neuanfang.
In „Das Gewicht des Ganzen“ geht es um die Freundschaft zwischen dem schön älteren Antiquitätenhändler Russ Graham und der jüngeren Milla Hellstein. Die Deutsche hat nach einem Schicksalsschlag ihre Spedition verkauft und anschließend ihre Heimat verlassen. In der kanadischen Einsamkeit hat sie jetzt ein Haus bezogen. Trotz ihres Altersunterschieds verbringen Milla und Russ, nie viel redend, Zeit miteinander.
Sven Heucherts erster Roman, der Noir „Dunkels Gesetz“, schaffte es zweimal auf die Krimibestenliste und es gab viel Lob für ihn. Auch mir gefiel er mit Einschränkungen und ich war auf seinen nächsten Roman gespannt. Sein zweiter Noir „Alte Erde“ ist deutlich schwächer. Zu nebensächlich ist der Krimiplot, zu episodisch und nebulös die Erzählung. In seinem dritten Roman verzichtet er dann vollständig auf den Krimiteil und eine Story. Es geht nur noch um zwei Menschen, die miteinander die entlaufenen Hühner eines Nachbarn fangen, eine demente Nachbarin suchen, angeln und jagen gehen. Dabei reden sie wenig miteinander und erinnern sich noch weniger an ihre Vergangenheit.
Heuchert schildert das auf knapp zweihundert Seiten sehr sparsam und ohne eine konkreten Plot. Fast immer fehlen konkrete Zeit- und Ortsangaben. So spielt die Geschichte zwar in den frühen neunziger Jahren in Kanada in der Wildnis, aber sie könnte auch in irgendeinem anderen Jahrzehnt oder an irgendeinem anderen Ort spielen, solange es sich um ein ländliches Gebiet mit Ackerbau- und Viehzucht handelt.
Die beiden Hauptfiguren bleiben nebulös. Ihre Erinnerungen gehen nie tiefer als eine sentimentale Erinnerung an einen Schnappschuss. Die Geschichte ist eine Abfolge von unverbundenen Ereignissen und Erinnerungen, die auch in einer anderen Reihenfolge erzählt werden könnten. Vieles ist nur skizziert oder zwischen den Zeilen angedeutet. Nichts davon ist interessant oder bleibt länger im Gedächtnis. „Das Gewicht des Ganzen“ ist ein Buch, das schon beim Lesen dagegen kämpft, vergessen zu werden.
Die am härtesten arbeitende Privatdetektivin ist zurück. Im Gegensatz zu Mike Hammer, der gerne nach einem Kneipenbesuch im nächtlichen New York in dunklen Gassen über seine Fälle stolpert, oder Spenser, der sich schlagend, blödelnd und philosophierend durch seine Fälle kämpft, hetzt Vic Warshawski durch Chicago von einem Kunden zum nächsten und sitzt um Büro, um Berichte und Rechnungen zu schreiben. Daneben hat sie noch Zeit, sich, wie Hammer und Spenser, um richtig spannende und gefährliche Fälle zu kümmern.
In „Schiebung“, dem neuesten auf Deutsch erschienenem Warshawski-Krimi, kümmert sie sich um zwei Fälle aus ihrem privaten Umfeld. So ist ihre Nichte Reno Seale spurlos verschwunden. Sie arbeitete bei der Kreditfirma „Rundum sorglos“, die legal arme Schuldner in den Ruin treibt. Kurz vor ihrem Verschwinden war Reno von ihren Chefs zu einer großen Firmenfeier nach St. Matthieu eingeladen worden. Dort geschah etwas, das sie nachhaltig verstörte.
In Vics zweitem Fall wird bei einer in der Nähe von Chicago in einem Wald gefundenen, unbekannten Leiche die Handy-Nummer von Felix Herschel gefunden. Er ist ein Verwandter von Vics Freundin Lotty Herschel. Der junge Kanadier studiert am Illinois Institute of Technology Ingenieurwissenschaft und ist seit kurzem Mitglied der aktivistischen Gruppe „Ingenieure für eine freie Welt“, die bereits Ärger mit der Einwanderungs- und Zollbehörde hatte. Als Felix von der Polizei zur Leiche geführt wird, erkennt er den Toten nicht.
Vic beginnt sich in beiden Fällen umzuhören und dabei möglichst viele Leute, unter anderem ihren Ex-Mann, einen gut verdienenden Anwalt mit entsprechend zweifelhaften Geschäftspartnern und Mandanten, zu nerven. Sie wird, wie es sich für einen guten literarischen Privatdetektiv gehört, mehrmals zusammen geschlagen, wehrt sich, muss sich mit der Polizei herumärgern und sie trifft den überaus netten Archäologen und Institutsleiter Peter Sansen. Er beschäftigte, wie Vic vor der Polizei herausfindet, in seinem Institut Leroy Fausson, den unbekannten Toten aus dem Wald. Er war Doktorand und vor Jahren bei Ausgrabungen in Syrien dabei.
Wer vor oder während der Lektüre einen Blick ins Glossar wirft, hat auch eine gute Ahnung von der Lösung. Es geht um den Raub von Artefakten (mehr), Blackwater (weniger), halb- und illegale Finanzgeschäfte und die aktuelle US-Politik gegenüber Immigranten, die den der dafür zuständigen Behörde ICE gnaden- und auch maßlos durchgesetzt wird.
Wie üblich verpackt Sara Paretsky diese aktuellen Themen gekonnt in eine spannende Geschichte.
Sara Paretsky: Schiebung
(übersetzt von Else Laudan)
Ariadne/Argument Verlag, 2022
512 Seiten
25 Euro
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Originalausgabe
Shell Game
William Morrow/HarperCollins, 2018
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Bonushinweis
Jetzt als Taschenbuch erhältlich: ein etwas älterer, ebenfalls lesenswerter Fall von Vic Warshawski:
Weil am Sonntag der Todestag von Raymond Chandler (23. Juli 1888 in Chicago, Illinois – 26. März 1959 in La Jolla, Kalifornien) ist.
Weil Diogenes seine Bücher in einer vorzüglichen Neuediton in neuen Übersetzung wieder herausbringt. Der bislang letzte Band dieser Neuausgabe ist „Das hohe Fenster“ (The High Window, 1942). In dem Privatdetektivkrimi beauftragt Mrs. Murdock Philip Marlowe mit der Suche nach ihrer Schwiegertochter, einer früheren Nachtclub-Sängerin, und einer wertvollen Goldmünze.
Weil diese Übersetzung von Ulrich Blumenbach ist.
Weil es einen neuen Marlowe-Spielfilm gibt. Der Film „Marlowe“ basiert basiert auf Benjamin Blacks Roman „Die Blonde mit den schwarzen Augen – Ein Philip-Marlowe-Roman“ (The Black-Eyed Blonde, 2014), William Monahan schrieb das Drehbuch, Co-Autor Neil Jordan inszenierte, Liam Neeson spielt den Detektiv, der Trailer ist ernüchternd und die bisherigen Kritiken sind verheerend. Ein deutscher Starttermin ist noch nicht bekannt.
Weil ich so die TV-Sender auffordern kann, endlich mal wieder einige Chandler-Verfilmungen zu zeigen. So lief „Tote schlafen fest“ mit Humphrey Bogart als Marlowe schon seit Jahren nicht mehr im Fernsehen. Das muss sich ändern! Gerne im Rahmen einer Best-of-Noir-Reihe. Arte, übernehmen Sie!
(Ach, die wahnwitzigen Fieberträume des kleinen Noir-Fans.)
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Raymond Chandler: Das hohe Fenster
(übersetzt von Ulrich Blumenbach, mit einem Nachwort von Margaret Atwood)
Dass „Moon Lake“ auf dem achten Platz der Februar-Krimibestenliste stand, war sehr schön. Es ist auch sehr schön, dass Joe R. Lansdale wieder einen Roman geschrieben hat, der auf Deutsch veröffentlicht wurde. Aber sein bestes Werk ist „Moon Lake“ nicht.
Der Krimi ist, wie die meisten Romane des sehr produktiven Erfinders von Hap Collins und Leonard Pine, ein Einzelroman und er spielt, wie eigentlich alle seine Romane, in Osttexas.
Die Geschichte beginnt im Oktober 1968 als der vierzehnjährige Daniel Russell seinen Vater verliert. Sein Vater fährt, in einem Versuch sie beide zu töten, seinen Buick über ein Brückengeländer in den titelgebenden Moon Lake.
Daniel wird von der ungefähr gleichaltrigen Ronnie Candles gerettet. Weil Daniels Mutter spurlos verschwunden ist und seine Tante auf einer längeren Weltreise ist, nehmen die Candles ihn auf. Es ist eine schwarze Familie. Als seine Tante Monate später wieder in den USA ist, nimmt sie ihn auf und er verbringt die nächsten Jahre bei ihr.
Zehn Jahre später wird, als der See während einer Dürreperiode sehr niedriges Wasser hat, das Auto und die Leiche seines Vaters gefunden. Im Kofferraum entdeckt die Polizei eine Frauenleiche. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Daniels Mutter.
Daniel, der auch als Reporter arbeitet, besucht nach zehn Jahren wieder New Long Lincoln. Wenig scheint sich in dem Ort geändert zu haben. Er trifft Ronnie Candles wieder. Sie arbeitet dort inzwischen als Polizistin. Als sie im See nach weiteren Spuren suchen, entdecken sie in den Kofferräumen von weiteren, ebenfalls im See versunkenen und jetzt aufgetauchten Autos, weitere Leichen.
Daniel beginnt sich umzuhören. Er will, zusammen mit Ronnie, die Wahrheit herausfinden.
Dieses Mal packte mich Lansdales Prosa nicht wie gewohnt. Der aus seinen anderen Geschichten bekannte schwarze Humor blitzt hier nur in sehr wenigen Momenten auf. Sein Ich-Erzähler Daniel Russell ist, das ist auf jeder Seite offensichtlich, einfach kein Hap Collins. Auch wenn er sich am Ende mit einem Schwarzen zusammentut, der in bestimmten Momenten wie ein geistiger Bruder von Leonard Pine wirkt. Gemeinsam ziehen sie in den Kampf gegen die Bösewichter. Ohne die herzerfrischend respektlosen Sprüche von Hap und Leonard, die auf die Intelligenz des Publikums vertrauen. In „Moon Lake“ wird dann mehr als nötig erklärt.
Gleichzeitig störten mich etliche zeitliche Inkonsistenzen, die für die Geschichte nicht entscheidend sind, sich aber durchgehend falsch anfühlten (auch wenn mir jetzt irgendjemand schreibt, dass das damals in Texas so war). So wird, ohne irgendeine Diskussion, 1978 eine DNA-Untersuchung bei der Leiche von Daniels Mutter beauftragt. Dabei wurde die Technik des DNA-Profiling erst 1984 entdeckt. In Deutschland wurde der Genetische Fingerabdruck als Beweis in einem Strafprozess erstmals 1988 anerkannt. Die Provinzpolizei von New Long Lincoln und die örtliche Bibliothek benutzen Computer und niemand wundert sich darüber. Damals, vor der Erfindung des Heimcomputers, des C64, waren Computer noch keine allgegenwärtigen Alltagsgegenstände. In normalen Büros waren sie sehr, sehr selten.
Die Story selbst ist ein Best-of-Lansdale. So ist der Erzähler ein Weißer, seine Freundin eine Schwarze und die Stadt wird von einigen mächtigen Männern beherrscht. Aber in dem East Texas Gothic Noir „Moon Lake“ wirkt das alles wie lieblos und beliebig zusammengesetzt und lustlos vor sich hin erzählt. Für den Serienkillerplot, den Lansdale nach ungefähr einem Drittel des Romans, mit der Entdeckung der Leichen in den Autowracks beginnt, interessiert er sich nicht weiter. Gleiches gilt für Daniels später beginnenden Kampf gegen die erstaunlich gesichtslos und blass bleibenden Stadtoberhäupter, die seit Jahrzehnten unangefochten über die Stadt herrschen und sich skrupellos bereichern. Und über Daniels Vater und die Familie Russell erfahren wir kaum etwas.
„Moon Lake“ ist, wie gesagt, ein erstaunlich schwacher Lansdale.
Und nun zum Positiven: Der Festa Verlag will weitere Bücher von Joe R. Lansdale veröffentlichen.
In den USA erschien „Sea Dogs – Blutige Wellen“ ursprünglich in den US-Heftausgaben von anderen Geschichten der „Hill House Comcis“-Reihe. Meist wurden in einem Heft nur zwei Seiten der von Joe Hill geschriebenen und Dan McDaid gezeichneten Geschichte veröffentlicht.
Die Geschichte spielt während des US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775 – 1783). Die Kolonisten, die um ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone kämpfen, scheinen den Kampf zu verlieren. Denn die britischen Kriegsschiffe verhindern die Lieferung des für den Sieg dringend benötigten Nachschubs.
Da hat Benjamin Tallmadge, ein Geheimdienstoffizier der Kolonisten, eine brillante Idee. Er schleust unter falscher Identität drei Werwölfe auf die HMS Havoc. Das Kriegsschiff ist wegen seiner vielen Kanonen und seinem Kapitän allseits gefürchtet. Ein Schlag gegen die HMS Havoc wäre daher ein entscheidender Schritt zum Sieg.
Kurz nachdem das Kriegsschiff den Hafen verlassen hat, beginnen die Werwölfe in den Nächten die anderen Besatzungsmitglieder zu töten. Tagsüber sehen sie wie normale Männer aus.
Deshalb hat die Suche nach ihnen auch etwas von einem Whodunit.
Die von Joe Hill erfundene Geschichte leidet etwas unter ihrem Format, das ihn und Zeichner McDaid dazu zwingt, alle zwei, drei Seiten einen Cliffhanger zu produzieren. Entsprechend kurz sind die einzelnen Szenen. Umgekehrt passiert ständig etwas und es gibt keine Atempause bei der Suche nach den Werwölfen, die währenddessen munter die Besatzung töten.
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Und jetzt kommen wir zu einigen anderen Hill House Comics, die in den vergangenen Jahren in der von Joe Hill herausgegebenen Reihe erschienen sind und die hier noch nicht abgefeiert wurden. Nämlich Laura Marks‘ „Daphne Byrne – Besessen“, Joe Hills „Schiff der lebenden Toten“ und Rio Youers‘ „Ein Kühlschrank voller Köpfe“.
„Daphne Byrne – Besessen“ ist der schwächste der hier besprochenen Comics. Die im Original in sechs Heften erschienene, von Theater- und Drehbuchautorin Laura Marks geschriebene, von Kelley Jones gezeichnete Geschichte spielt 1886 in New York.
Die Schülerin Daphne Byrne glaubt, dass ihre Mutter von einem Medium, das behauptet, mit den Geistern der Verstorbenen reden zu können, ein Betrüger ist und sie finanziell ruinieren möchte. Dabei können sie nach dem Tod ihres Vaters jeden Cent gut gebrauchen. Deshalb versucht Daphne ihre Mutter zu überzeugen, dass sie an eine Betrüger geraten ist.
Zur gleichen Zeit trifft Daphne auf dem Friedhof am Grab ihres Vaters einen charismatischen jungen Mann, der behauptet so etwas wie ihr Bruder zu sein. Er entführt sie in eine fremde Welt in der es vielleicht doch Geister und Dämonen gibt. Falls sie nicht an Wahnvorstellungen leidet. Denn dieser für andere unsichtbare Mann könnte durchaus nur eine Fantasiefigur sein.
Das ist der Auftakt für eine durchaus spannende Geistergeschichte, in der auch sehr diesseitige Betrüger mitspielen und es teilweise wirklich gruselig wird. Wer also solche Geschichten mag, sollte hier zuschlagen.
Über hundert Jahre später spielt „Schiff der lebenden Toten“, das schon vom Titel an andere Geschichten mit lebenden Toten erinnert. Die Macher, Autor Joe Hill und Zeichner Stuart Immonen, nennen ihre Horrorgeschichte eine Hommage an H. P. Lovecraft und John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“. Und genau wie Carpenters Horrorfilm spielt Hills Horrorgeschichte in einer eisigen Umgebung.
Im April 1983 verschwindet die Derleth, ein Vermessungsschiff einer Ölbohrgesellschaft, spurlos in der Arktis. Vierzig Jahre später wird auf einem Marinestützpunkt das automatische Notsignal der Derleth empfangen.
Die Besitzer des Schiffes beauftragen Kapitän Gage Carpenter mit der Bergung des Schiffes, das in einem Atoll liegt, das die USA und Russland für sich beanspruchen. Carpenter fährt mit einer kleinen Besatzung los.
In einem Atoll entdecken sie das Schiff und, entgegen aller Wahrscheinlichkeit und gegen den gesunden Menschenverstand, die Besatzung der Derleth, die in den vergangenen vierzig Jahren nicht alterte.
Und mehr soll über diesen spannenden Horrorthriller nicht verraten werden.
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Aus der Gegenwart geht es wieder zurück in die Vergangenheit. „Ein Kühlschrank voller Köpfe“ spielt 1984, ein Jahr nach den Ereignissen von „Ein Korb voller Köpfe“, wieder auf Brody Island, Maine. Arlene und Calvin, ein junges Pärchen, mieten sich auf der Insel ein. Sie suchen Artefakte aus der Wikinger-Zeit. Vor allem eine sagenumwobene Axt. Wenn man mit dieser Axt einen Menschen enthauptet, bleibt der Kopf am Leben.
Dummerweise sind sie nicht die einzigen, die diese Axt suchen. Und schnell, sehr schnell füllt sich der titelgebende Kühlschrank mit sprechenden Köpfen, die über ihr körperloses Dasein wenig erfreut sind und entsprechend lautstark darüber meckern..
Die von Autor Rio Youers und Zeichner Tom Fowler erzählte Geschichte „Ein Kühlschrank voller Köpfe“ kann ebenfalls als John-Carpenter-Horrorfilm oder präziser als Grindhouse-Film in der Tradition von „Planet Terror“ und „Machete“ bezeichnet werden. Denn die Geschichte ist äußerst blutig, sehr schwarzhumorig und überaus witzig. Jedenfalls wenn man sprechende Köpfe, die über ihr Schicksal jammern, fluchen und immer noch frech und vulgär sind, witzig findet.
Wie es sich für eine Anthologieserie gehört,kann jede Geschchte ohne die Kenntnis der anderen Geschichten genossen werden und ein Zusammenfügen der einzelnen Geschichten in einem gemeinsamen Universum ist auh nicht geplant. Zum Glück. Es sind einfach nur spannende Horrorgeschichten.
Von mir aus könnte das ewig so weitergehen. Auch wenn aktuell auf der dazugehörigen DC-Seite keine weiteren Hill House Comics angekündigt sind.
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Joe Hill/Dan McDaid: See Dogs – Blutige Wellen
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2023
100 Seiten
13 Euro
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Originalausgabe/ursprünglich publiziert in
Basketfull of Heads # 1 -7, 2019/2020
The Dollhouse Family # 1 – 6, 2020
The low, low Woods # 1 – 6, 2020
Daphne Byrne # 1 – 6, 2020
Plunge # 1- 5, 2020
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Laura Marks/Kelley Jones/Michelle Madsen: Daphne Byrne – Besessen
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2021
164 Seiten
19 Euro
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Originalausgabe/enthält
Daphne Byrne # 1 – 6
DC Black Label/Hill House Comics, März 2020 – September 2020
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Joe Hill/Stuart Immonen/Dave Stewart: Schiff der lebenden Toten
(übersetzt von Gerlinde Althoff)
Panini, 2021
172 Seiten
19 Euro
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Originalausgabe/enthält
Plunge # 1 – 6
DC Black Label/Hill House Comics, April – Oktober 2020
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Rio Youers/Tom Fowler: Ein Kühlschrank voller Köpfe
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2022
164 Seiten
19 Euro
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Originalausgabe/enthält
Refrigerator Full of Heads # 1 – 6
DC Black Label/Hill House Comics, Oktober 2021 – Juni 2022
Shutter Island, 1954: U. S. Marshall Teddy Daniels und sein neuer Partner Chuck Aule sollen auf Shutter Island herausfinden, wie die Mehrfachmörderin und Patientin Rachel Solando aus dem streng abgesicherten Hospital entkommen konnte. Schnell ist Daniels einer größeren Verschwörung auf der Spur. Aber kann er seinen Sinnen noch trauen?
Und was kann bei dem Team Scorsese/DiCaprio schon schief gehen? Vor allem wenn sie als Spielmaterial einen spannenden Thriller von Dennis Lehane haben.
Nun, entgegen der allgemeinen Euphorie fand ich „Shutter Island“ todsterbenslangweilig und ungefähr so subtil wie Scorseses John-D.-MacDonald-Verfilmung „Kap der Angst“ (Cape Fear, USA 1991). Lehanes Roman ist dagegen grandios.
Mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas
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Lesetipps
natürlich die Vorlage
Dennis Lehane: Shutter Island
(übersetzt von Steffen Jacobs)
Diogenes, 2015
432 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
Shutter Island
William Morrow, 2003
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Außerdem will ich die Gelegenheit wahrnehmen, um auf die Neuübersetzung von Dennis Lehanes Kenzie-&-Gennaro-Krimi „Kalt wie dein Herz“ hinzuweisen. Dieses Mal fragt Privatdetektiv Patrick Kenzie sich, ob er den Suizid von Karen Nichols hätte verhindern können. Einige Monate vor ihrem Tod war sie bei ihm, weil ein Stalker sie belästigte. Er übernahm lustlos den Auftrag.
„Kalt wie dein Herz“ ist Lehanes fünfter Krimi mit den Privatdetektiven Patrick Kenzie und Angela Gennaro.
Ihr sechster und bislang letzter Fall „Moonlight Mile“ erschien erst elf Jahre später.
In den USA ist, nach einer sechsjährigen Pause, für Ende April sein neuer, im Sommer 1974 in Boston spielender Kriminalroman „Small Mercies“ angekündigt. Wir freuen uns schon jetzt auf die Übersetzung.
Die Geschichte von Anne Frank, ihrem Leben und Tod, dürfte allgemein bekannt sein. Nur Kitty, die beste Freundin von Anne Frank, kennt sie nicht vollständig. Denn Kitty ist eine Fantasiefigur. Erfunden wurde sie von Anne, weil sie ihre Tagebucheinträge nicht an sich selbst, sondern an eine andere Person richten wollte.
Als in Amsterdam im Anne-Frank-Haus „Heute in einem Jahr…“ ein Blitz einschlägt, erwacht Kitty zum Leben. Sie kennt das Haus, aber jetzt sind in ihm nicht mehr Anne, ihre Familie, die Familie van Daan und der später hinzugekommene Albert Dussel, sondern viele fremde Menschen. Kitty will ihre beste und einzige Freundin finden.
Dafür verlässt sie das Haus und stellt dabei fest, dass sie im Haus unsichtbar ist. Vor dem Haus ist sie, wenn sie das originale Tagebuch von Anne Frank dabei hat, sichtbar und sie kann sich mit Menschen unterhalten. Also nimmt sie es mit. Dummerweise wird die rothaarige Kitty jetzt als die Diebin des wertvollen Tagebuchs gesucht.
Das ist der zugegeben fantastische Auftakt von Ari Folmans Animationsfilm „Wo ist Anne Frank“ (ohne Fragezeichen). Folman ist vor allem bekannt für „Waltz with Bashir“. Vor inzwischen zehn Jahren wurd er vom Anne Frank Fonds gefragt, ob er einen Film über Anne Frank machen möchte. Daraus entstand dann zunächst, zusammen mit seinem „Waltz with Bashir“-Partner David Polonsky, eine Graphic Novel des Tagebuchs. Dieser Comic bleibt sehr nah am Text des Tagebuchs. Sie übernahmen sogar längere Tagebucheinträge direkt.
In „Wo ist Anne Frank“ versucht Folman einem heutigen, jüngerem Publikum die Geschichte von Anne Frank nahe zu bringen. Gleichzeitig will er erzählen, was nach Anne Franks letztem Eintrag in ihr Tagebuch geschah. Das gelingt ihm, indem er Kitty zur Protagonistin macht.
Während Kitty versucht herauszufinden, was mit Anne nach ihrem letzen Tagebucheintrag geschah, fügt Folman animierte Ausschnitte aus Anne Franks Tagebuch in den Film ein, Kitty sieht überall in Amsterdam die Spuren von Anne Frank (Letztendlich wurde jedes zweite Gebäude nach ihr benannt) und sie verliebt sich in den jugendlichen Taschendieb Peter. Über ihn lernt sie aus nordafrikanischen Ländern geflüchtete Menschen, wie das Mädchen Awa, kennen. Sie leben in Amsterdam teilweise ohne Papiere in einer geheimen Unterkunft. Folman verbindet hier zunächst unaufdringlich und rein assoziativ das Schicksal von Anne Frank mit dem Schicksal von heute aus ihren Heimatländern Geflüchteten.
„Wo ist Anne Frank“ ist ein überaus ambitioniertes Werk, das sich etwas unglücklich zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm setzt. Für die einen zu anspruchsvoll, für die anderen, wenigstens in Teilen, zu naiv. Wobei die Macher ihn für Kinder ab 12 Jahren und auch die Bildungsarbeit empfehlen. Denn der Anne Frank Fonds, der diesen Film initiierte, ist eine von Anne Franks Vater Otto Frank gegründete Stiftung, die sich in zahlreichen Projekten für einen würdigen Umgang mit Anne Franks Werk, dem Gedenken an den Holocaust und der Verwirklichung von Kinderrechten einsetzt. Zwölfjährige dürften mit der komplexen Struktur des Films zurechtkommen. Jüngere eher nicht. Erwachsene dürften sich eher über das überaus naive Finale des Films an der Flüchtlingsunterkunft ärgern, das sogar die Geduld des gutmütigsten Zuschauers strapaziert. Und Kitty muss sich bei ihrer Suche nach Anne manchmal wirklich dumm verhalten.
Doch das ist jammern auf hohem Niveau. Denn, wie die Pixar-Filme, spricht Folman in „Wo ist Anne Frank“ schwierige Themen an, behandelt sie vielschichtig und wird nur selten zu didaktisch. Deshalb ändert meine Kritik nichts daran, dass dieser Animationsfilm viel, viel besser ist als andere Animationsfilme, die sich ausschließlich an Kinder unter zehn Jahren richten.
Parallel zum Film erschien im S. Fischer Verlag die Graphic Novel „Wo ist Anne Frank“. Dabei handelt es sich um die gelungene gezeichnete Version des Films.
Wo ist Anne Frank (Where is Anne Frank, Belgien/Frankreich/Niederlande/Luxemburg/Israel/Deutschland/USA 2021 )
Regie: Ari Folman
Drehbuch: Ari Folman
mit (in der deutschen Fassung den Stimmen von) Sarah Tkotsch, Anni C. Salander, Jaron Müller, Oliver Szerkus, Bernhard Völger, Jessica Walther-Gabory, Laura Oettel, Iris Berben
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Lesenswerter Lesestoff zum Film
Während Ari Folman an „Wo ist Anne Frank“ arbeitete, schrieb er eine gelungene Comic-Version des Tagebuchs von Anne Frank. Sie verkaufte sich gut und half so auch bei der schwierigen Finanzierung von „Wo ist Anne Frank“. Der Spielfilm wurde ebenfalls zu einem Comic verarbeitet. Der Comic unterscheidet sich kaum vom Film.
Ari Folman/Lena Guberman: Wo ist Anne Frank – Eine Graphic Novel
(übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel)
S. Fischer, 2022
160 Seiten
22 Euro
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Ari Folman/David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank
(übersetzt von Mirjam Pressler, Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
S. Fischer, 2017
160 Seiten
20 Euro
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Außerdem gibt es natürlich immer noch den Originaltext
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich die Ausgabe ihres Tagebuchs.
In seinem dritten James-Bond-Roman springt Anthony Horowitz wieder zu einem anderen Abschnitt im Leben von James Bond, wie es von Bond-Erfinder Ian Fleming aufgeschrieben wurde. In „Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ (Trigger Mortis, 2015) erzählte Horowitz ein Abenteuer aus Bonds Agenten-Hochphase. Genaugenommen spielt der Roman 1957 nach dem Bond-Roman „Goldfinger“. In „Ewig und ein Tag“ (Forever and a Day, 2018) erzählte er James Bonds erstes Abenteuer als Geheimagent. Deshalb spielt die Geschichte vor Ian Flemings erstem Bond-Roman „Casino Royale“. Jetzt erzählt Horowitz quasi Bonds letztes Abenteuer. „Mit der Absicht zu töten“ spielt nach Ian Flemings letztem Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ (The Man with the golden Gun, 1965). Bond überlebte den Kampf gegen den Profikiller Scaramanga nur schwer verletzt.
Nach seiner Genesung wird Bond auf eine neue gefährliche Mission geschickt. Allerdings fragt der Weltkrieg-II-Veteran sich, ob er nach fünfzehn Jahren als Geheimagent überhaupt noch die Arbeit machen will und kann. Denn inzwischen ist er, so seine Einschätzung, langsam zu alt und zu langsam für die gefährliche Mission an vorderster Front. Sonst hätte er Scaramanga leichter besiegt. Und er weiß nicht, nachdem er in sowjetischer Gefangenschaft war und dort von Oberst Boris einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, ob er seinem Gedächtnis und seinem Willen vertrauen kann. Denn diese Gehirnwäsche führte dazu, dass er einen Mordanschlag auf seinen Vorgesetzten M verübte,
Dieses Mal soll James Bond in Moskau eine geheime, neu gegründete Gruppe infiltrieren. Stalnaja Ruka ist ein Zusammenschluss von SMERSCH, KGB, GRU und Stasi, deren Beziehung zum Kreml unklar ist. Die Gruppe, zu der auch Oberst Boris gehört, plant etwas, das das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Ost und West vollständig zerstören soll. Mehr weiß M nicht.
Melancholischer, an sich selbst zweifelnd und auch müde von den physisischen und psychischen Herausforderungen und Verletzungen seiner vorherigen Einsätze dürfte James Bond bislang in keinem anderen Abenteuer gewesen sein. Anthony Horowitz präsentiert in „Mit der Absicht zu töten“ einen reiferen James Bond.
Seit seinem ersten Agentenabenteuer „Ewig und ein Tag“, in das er sich erlebnishungrig und neugierig stürzte, sammelte er Erfahrungen und veränderte sich. Das zeigt sich auch an seinem Verhältnis zu den Frauen, die ihm in „Mit der Absicht zu töten“ begegnen. Außerdem veränderte sich von den frühen fünfziger Jahren bis Mitte der sechziger Jahre die Gesellschaft und gesellschaftliche Ansichten.
Das reflektiert Horowitz in seinem dritten und, leider, finalen Bond-Roman, der zur Hochzeit des Kalten Krieges spielt. Es gibt böse, sehr, sehr mächtige Russen, Intrigen, Geheimpläne, Verschwörungen, Gedankenexperimente wie in „Der Manchurian Kandidat“ und viel Kalter-Kriegs-Atmosphäre bis hin zum Finale in Ost-Berlin und an der Mauer.
„Mit der Absicht zu töten“ ist ein spannender und würdiger Abschluss von Anthony Horowitz‘ James-Bond-Trilogie. Gleichzeitig sind seine drei Bond-Romane eine gelungene Erweiterung der von Ian Fleming geschriebenen James-Bond-Geschichten.
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Für die Fans des Kino-James-Bond gibt es mit „Inside James Bond“ ein vom Filmmagazin cinema herausgegebenes Buch über James Bond. Es ist, wie die anderen von cinema zuletzt herausgegebenen Filmbücher eine gelungene, kurzweilige und informative Mischung aus kurzen Texten und vielen Bildern.
In den Texten geht es einmal durch die Geschichte von James Bond. Es beginnt mit einem Kapitel zu Bond-Erfinder Ian Fleming. Weiter geht es mit Kapiteln über die Produzenten und die Bond-Darsteller Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig. In diesen Kapiteln stehen ihre James-Bond-Filme eindeutig im Mittelpunkt. Sie werden hier auch schon kritisch eingeordnet. Weiter geht es mit kurzen Kapiteln über die Bond-Girls, die Bösewichter, die Titelsongs, Drehorte und Sets, die gerne am Filmende zerstört werden. Es gibt teils brandneue Interviews mit den Bond-Darstellern und anderen an den Bond-Filmen beteiligten Personen, wie den Bond-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson.
Abschließend werden alle Bond-Filme, auch „Casino Royale“ (1967) und „Sag niemals nie“ (1983, das „Feuerball“-Remake mit Sean Connery), noch einmal kritisch gewürdigt.
Über die dabei vorgenommene Punktebewertung sollte allerdings noch einmal gesprochen werden. So kommt die kommerziell sehr einträgliche Craig-Ära zu gut weg. Für mich sind nur zwei seiner fünf Filme gelungen und vier von fünf möglichen Patronen für „Ein Quantum Trost“ sind mindestens zwei zu viel. Fünf Bewertungskugeln für „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Goldfinger“ sind natürlich in Ordnung.
Insgesamt ist „Inside James Bond“ ein gelungenes Buch, das auch Bond-Fans, die bereits einige Bücher über den Geheimagenten ihrer Majestät im Regal stehen haben, noch ein, zwei neue Erkenntnisse vermittelt.
An ihrem 50. Geburtstag klingelt noch vor dem Frühstück der Tod bei Dr. Olivia Bentele. Er ist ein überaus apart aussehender Grieche. Allerdings hat er sich in der Tür geirrt.
Kurz darauf trifft die Psychologin ihn wieder. Zino Angelopoulos, wie er sich in dieser Welt nennt, bittet Olivia um Therapiesitzungen. Einerseits, weil er sie sympathisch findet, andererseits befindet er sich in einer Sinnkrise. Er hat nach Jahrhunderten und ohne die Aussicht auf eine Verrentung einfach keine Lust mehr.
So beginnt Hans Raths neuer Roman „Jetzt ist Sense“. Und der Tod erscheint bei seinem ersten Auftritt als eine tiefenentspannte Figur, die, wie wir seit Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ wissen, immer Zeit für ein Schachspiel hat.
Doch dann vertieft Rath sich nicht in philosophische, theologische oder therapeutische Fragen oder forciert die Beziehung zwischen Olivia und Zino, der ein lebenslustiger Geist und notorischer Lügner ist. Auch die Frage, ob Zino wirklich der Tod oder nur einer der zahlreichen in der Hauptstadt lebenden Spinner ist, interessiert Rath nicht. Stattdessen lässt er die Geschichte ziellos vor sich hin plätschern. Spannender oder interessanter wird es auch nicht, als der Tod Olivia sagt, er habe sich nicht in der Tür geirrt. Der Tod mache keine Fehler und der Zeitpunkt ihres baldigen Ablebens stehe fest.
Es gibt einige Nebengeschichte, die sich um einen wertlosen Hof im benachbarten Brandenburg und Liebes- und Beziehungsprobleme zwischen Männern und Frauen und Eltern und Kindern drehen.
Rath erzählt das mit vielen knappen Beschreibungen der Handlungsorte und den Rest der Seiten ausfüllenden Dialogen. Diese sind eher funktional als witzig; wobei, das muss der Ehrlichkeit halber gesagt werden, „Jetzt ist Sense“ wird als „Roman“ beworben und nirgends steht, dass die Begegnung mit dem Sensemann zum Lachen ist.
„Jetzt ist Sense“ liest sich wie der „Roman zum Film“ des „TV-Films der Woche“ zu. Mit einer niemals auch nur im Ansatz die Möglichkeiten seiner Geschichte auslotend und mit einem minimalem Schmunzelfaktor. Denn selbstverständlich gibt es, wenn die Welten aufeinanderprallen und in seiner Nähe fast immer Menschen sterben, etwas Humor. Und wenn es nur der Witz ist, der dadurch entsteht, dass der Tod im Bildvordergrund mit Olivia plaudert, während im Hintergrund wieder eine Leiche abtransportiert wird.
Im Moment steht Johannes Groschupfs neuer Kriminalroman „Die Stunde der Hyänen“ auf dem zweiten Platz der monatlichen Krimibestenliste. Auf der Jahresbestenliste 2022 stand der Thriller ebenfalls und er erhielt vor wenigen Wochen mit dem Deutschen Krimipreis.
In dem ausgezeichneten Krimi geht es um einen Autobrandstifter und zwei Frauen, die ihn jagen. Die eine ist Romina Winter, eine junge Polizistin, die sich im Dezernat für Branddelikte ihren Ruf erarbeiten will. Vor allem weil die älteren Kollegen sie mit langweiligen Hilfsarbeiten abspeisen. Also beginnt sie in nächtlichen Streifzügen den Täter auf eigene Faust zu suchen. Die andere ist die Journalistin Jette Geppert. Sie schreibt eine Reportage über Radek Malarczyk und soll danach weitere Reportagen über die Jagd nach dem Brandstifter in ihrem Kiez schreiben.
Als der Alkoholiker Radek am 10. Februar in seinem Bulli schläft, wird der Wagen von einem Brandstifter angezündet. Radek entkommt den Flammen in letzter Sekunde, sieht den Täter in einer gegenüberliegenden Toreinfahrt stehen und zieht, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, als durch den Brand in seinem Bulli zu Gott bekehrter, alle lautstark bekehren wollender selbsternannter Heiliger durch Kreuzberg.
Ebenfalls durch Kreuzberg zieht der Brandstifter. Es ist der zwanzigjährige Maurice Jaenisch. Der Postbote ist Mitglied der Gemeinde der Jünger Jahwes und seit Jahren verliebt in die zwei Jahre jüngere Britta. Sie gehört ebenfalls zur Gemeinde.
Johannes Groschupf lässt sie durch das meist nächtliche, winterlich kalte Kreuzberg irren. Ihre Wege kreuzen sich in schönster „Short Cuts“-Manier immer wieder und schnell erscheint die Großstadt wie ein Dorf.
„Die Stunde der Hyänen“ unterscheidet sich, wie Groschupfs vorherige Thriller, wohltuend vom formatierten Einerlei vieler deutscher Krimis. Seine Figuren haben keine nervigen Marotten. Sie sind individuell und lebensnah gezeichnet. Die Beschreibungen der nächtlichen Großstadt sind dicht. Die Geschichte bewegt sich auf deutlich unter dreihunder Seiten flott voran.
Er spricht, während Jette und Romina den Täter suchen, alle gesellschaftlich relevanten Themen und Schlagzeilen an. Oft nur in wenigen, prägnanten Sätzen und Szenen. Dazu gehören die durch Kreuzberg ziehende proto-faschistische Bürgerwehr, die Beziehung von Jette zu ihrem Freund und, in vielen Schattierungen, sexuelle Gewalt und religiösen Wahn
Er behandelt diese Themen nicht sozialpädagogisch-sozialdemokratisch (wie einst im Soziokrimi) oder nett-humoristisch, sondern im illusionslosen Hardboiled-Stil. Und das ist gut so.
Die Geschichte von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie von 6. Juli 1942 bis 4. August 1944 in Amsterdam in einem Hinterhaus vor den Nazis versteckte. Bis zu ihrer Entdeckung schrieb sie ein Tagebuch, das, neben weiteren Schriftstücken aus dem Archiv des Anne Frank Fonds, die Grundlage für das berührende Drama bildete.
Nach ihrer Entdeckung werden sie nach Auschwitz gebracht. Bis auf Anne Franks Vater Otto sterben sie in verschiedenen KZs. Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der erste deutsche Kinofilm, der die Geschichte von Anne Frank erzählt. Es ist ein sehr sehenswerter Film.
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
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Die Vorlage
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
– Hinweise
Erstens: Kirill Serebrennikovs neuer Film beginnt mit dem Hinweis, in dem Film seinen Szenen, in denen geraucht und Alkohol getrunken werde. Nun, ob diese zutreffende Warnung für Sechzehnjährige (der Film ist hier „frei ab 16 Jahre“) wirklich nötig ist, bezweifle ich ernsthaft. Außerdem, wenn es schon gut gemeinte Warnungen gibt, hätten die Macher auch gleich auf die teils sehr graphisch gezeigte Gewalt, längere Nacktszenen, vulgäre Sprache und die konstante Reizüberflutung hinweisen können. Und da sind wir noch lange nicht beim Inhalt angelangt. Vor dem könnte auch noch gewarnt werden. Denn dieser ist ziemlich verstörend. Jedenfalls für alle, die glauben, Russland sei ein Paradies, in dem jeder gerne leben möchte.
Aber wahrscheinlich ist die Warnung nur ein Witz über idiotische Triggerwarnungen – oder bei russischen Filmen eine Auflage, die erfüllt werden muss, um den Film dort im Kino zeigen zu dürfen.
Zweitens: Kirill Serebrennikov ist Russe und einer der wichtigsten zeitgenössischen russischen Regisseure.
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor einem knappen Jahr wird ja darüber diskutiert, ob deswegen auch russische Künstler und Kunst boykottiert werden sollten. Wer dies etwas differenzierter tut, muss zur Kenntnis nehmen, dass Serebrennikov kein Putin-Freund, sondern schon seit Jahren ein wortstarker Putin-Kritiker ist. Mit offensichtlich fingierten Beschuldigungen wurde er angeklagt und verurteilt. Er stand jahrelang unter Hausarrest und er durfte das Land nicht verlassen. Seine Arbeiten wurden, wenig überraschend, von der Regierung als systemkritisch eingestuft.
Selbstverständlich kritisiert Serebrennikov den völkerrechswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Seit April 2022 lebt er in Berlin.
In dem Moment hatte er seinen neuen Film bereits abgedreht. In Cannes wurde „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“ bereits 2021 im Wettbewerb gezeigt.
Im Mittelpunkt der schwarzhumorigen Satire steht, naja eher taumelt und schneuzt Petrow sich in den ruhigen Tagen zwischen Weihnachten und Silvester durch Jekaterinburg. Er fährt Bus. Er trifft seinen alten Freund Igor und gemeinsam begeben sie sich in einem Leichenwagen, in dem gerade in einem Sarg eine Leiche befördert wird, auf eine ausgedehnte Sauftour.
Währenddessen schlägt sich Petrows Frau, eine Bibliothekarin, mit einem Lesekreis herum, kocht und verletzt ihren Sohn. Auch sie erkrankt und fantasiert.
Ihrem Sohn ergeht es nicht besser. Aber er will unbedingt ins Theater zum Jolkafest, dem sowjetischen und jetzt russischen Äquivalent zu einer hiesigen Weihnatsshow.
„Petrov’s Flu“ ist wie ein Fiebertraum, in dem die Figuren sich immer wieder an vergangene Ereignisse erinnern, fantasieren und durch die Stadt stolpern. Im Film und in Alexei Salnikows Roman „Petrow hat Fieber“, den Serebrennikov verfilmte, bewegen Petrow und Petrowa sich zwar ständig durch die Stadt, aber eine konventionelle Geschichte ergibt sich daraus nicht. Ihre Bewegungen sind eher ziellos und immer wieder verändern Zufälle ihren ursprünglich geplanten Weg. Es wird munter vor sich hin assoziiert. Einige Figuren und Themen tauchen öfter auf. Einige Ereignisse werden zu einem späteren Zeitpunkt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
Dabei folgt Serebrennikov Salnikows Roman ziemlich präzise. Auch wenn er einiges weglässt und einige Episoden verschiebt. Der größte Unterschied ergibt sich aus seiner Erzählweise. Der sehr russische Roman ist doch etwas langsam und fast schon langweilig realistisch erzählt. Obwohl die Geschichte in der Gegenwart spielt und es zahlreiche Anspielungen auf die US-Popkultur gibt (so werden „Matrix“ und „Fight Club“ erwähnt), könnte sie genausogut vor vierzig, fünfzig oder sogar hundert Jahren spielen. Der trinkfreudige Petrow und seine ebenso trinkfreudigen Freunde verkörpern genau das Bild, das wir von Russland haben. Die unhöfliche, die Fahrgäste beleidigende Schaffnerin und die abgeranzten Wohnungen strahlen genau den autoritätshörigen Mief aus, den wir mir der untergegangenen Sowjetunion und ihrer konstanten Mangelwirtschaft verbinden.
Im Film wird daraus eine Dystopie, die ein Land lange nach seinem Zerfall in einem Zustand hysterischer Ohnmacht zeigt. Serebrennikov zeigt diesen rasenden Stillstand in oft extrem langen Takes als eine konstante Reizüberflutung. Das gilt sogar für die wenigen ruhigen Szenen.
Das ist ein ziemlich furioser und die Sinne überwältigender Trip. Auch ohne Alkohol und Rauschwaren. Mit zweieinhalb Stunden ist diese kaum verhüllte Zustandsbeschreibung eines im Chaos vor sich hin taumelnden Reiches aber deutlich zu lang geraten. Eine halbe Stunde weniger wäre mehr gewesen.
Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber(Petrovy v grippe, Russland/Frankreich/Deutschland/Schweiz 2021)
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov
LV: Alexei Salnikow: Petrovy v grippe i vokrug nego, 2016 (Petrow hat Fieber)
mit Semyon Serzin, Chulpan Khamatova, Yulia Peresild, Yuri Kolokolnikov, Yuriy Borisov, Ivan Dorn, Aleksandr Ilyin, Sergey Dreyden, Olga Voronina, Timofey Tribuntsev, Semyon Steinberg, Georgiy Kudrenko
Ungefähr überall werden die Jackson-Lamb- oder Slough-House-Romane von Mick Herron abgefeiert und mit wichtigen Preisen, wie dem Gold Dagger und dem Steel Dagger, ausgezeichnet. Acht Romane und fünf kürzere Geschichten, die zuletzt in dem Sammelband „Standing by the Wall“ veröffentlicht wurden, hat Herron seit 2010 geschrieben. Seit April 2022 gibt es die auf den Romanen basierende Streaming-Serie „Slow Horses“ mit Gary Oldman als Jackson Lamb. Die zweite Staffel wurde vor wenigen Wochen veröffentlicht. Und die nächsten beiden Staffeln sind bereits bestellt.
Auf Deutsch erschien zuletzt „London Rules“, der fünfte Roman der Serie. Er erhielt den Capital Crime Best Thriller Award und stand auf den Nominierungslisten für den CWA Gold Dagger for Best Crime Novel, den Ian Fleming Steel Dagger Award, den Last Laugh Award, den Barry Award und den Theakston’s Old Peculier Crime Novel of the Year Award.
Herrons Held Jackson Lamb ist ein abgehalfteter MI-5-Agent, der in London im Slough House residiert. Das ist die Endstation für Geheimagenten, die irgendwann wirklich Mist gebaut haben. Sie sind alle etwas dumm und ambitioniert. Eben deswegen mischen sie sich ungefragt in Angelegenheiten ein, die dann zu Ereignissen führen, die schnell hoffnungslos aus dem Ruder laufen. So führt in „London Rules“ eine simple Überwachung zum Tod eines Politikers. Eine Terrorgruppe wird verdächtigt – und diese fragt sich, wer den Politiker so hinterhältig ermordete, während sie nur mit ihm reden wollten.
Angefangen hat die Sache mit unzusammenhängenden Anschlägen auf ein Dorf in Derbyshire und einen Zoo in London. Während die richtigen Ermittler eifrig nach den Tätern suchen, muss Lambs Team Däumchen drehen. Nur so können sie die Ermittlungen nicht gefährden.
Da erinnert J. K. Coe, einer von Lambs Untergebenen, sich an einen alten Plan zur Destabilisierung von Dritte-Welt-Staaten. Er hatte ihn, als er in einer anderen Abteilung des Geheimdienstes arbeitete, gelesen. Jetzt glaubt er, dass dieser uralte Plan möglicherweise in die falschen Hände geraten ist und von Terroristen umgesetzt wird. Roderick Ho, Lambs IT-Mann, könnte den Bösewichtern dabei unwissentlich geholfen haben. Und schon versuchen Lamb und seine Mannschaft den möglichen Schaden zu begrenzen. Für sich und für Großbritannien.
Herron wechselt, wie in einer Mini-TV-Serie, ständig und gekonnt zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und den in das Geschehen involvierten Figuren. Es handelt sich dabei um Lamb, seine Untergebenen, seine Vorgesetzten, verschiedene Gruppen von Bösewichtern und von den Bösewichtern bedrohten Figuren. Das sind eine Menge Figuren und Handlungsstränge, die dann dazu führen, dass aus einem potentiellem flotten Zweihundert-Seiten-Krimi schnell ein doch etwas bräsiger Fünfhundert-Seiten-Roman wird. Denn die in jeder Szene immer zwischen mindestens zwei Perspektiven wechselnde Geschichte entwickelt sich arg langsam, um nicht zu sagen zäh.
Der vielbeschworene Humor der Romane – „humorvollster englischsprachiger Autor von Spionage-Thrillern, vielleicht sogar von Kriminalliteratur überhaupt“ (The Times) – erschließt sich mir nicht. Sicher, die Verwicklungen und die teils chaotischen Situationen, die sich in unvorhersehbare Richtungen entwickeln, sind witzig in ihrem fatalen „was schiefgehen kann, wird schiefgehen“-Tenor. Es gibt auch einige Wortwitze. Aber allzu oft musste ich nicht lachen. Die Tiraden von Jackson Lamb sind sicher witzig gemeint, aber letztendlich sind sie nur eine Suada unflätiger, pubertärer Beleidigungen, wie: „Hat einer von euch Witzbolden ein Furzkissen auf meinen Stuhl gelegt? Nein? Na, wenn das so ist, habe ich wohl gerade gefurzt.“
Bei den Beschreibungen der Hauptfiguren geht Herron davon aus, dass seine vorherigen Spionageromane bekannt sind. Das erschwert Neueinsteigern etwas die Orientierung. Aber auch ohne längliche Hintergrundinformationen über die einzelnen Figuren sind sie plastisch und gut unterscheidbar. Das gelingt nicht jedem Autor.
Letztendlich findet Herrons neueste Agentenkomödie irgendwo zwischen „ganz okay“ und „nett“ seinen Platz. Und lässt mich rätseln, woher die überschwängliche Begeisterung für „London Rules“ und die Serie kommt.
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Mick Herron: London Rules – Ein Fall für Jackson Lamb
(übersetzt von Stefanie Schäfer)
Diogenes, 2022
496 Seiten
18 Euro
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Originalausgabe
London Rules
John Murray Publishers Ltd./Hachette UK Company, 2018
P. S.: In seinem schwarzhumorigem Thriller „Der Tag der Katze“ (Metzger’s Dog, 1983) bedient Thomas Perry sich einer ähnlichen Prämisse. In seinem Thriller wird aus einer universitären Forschungseinrichtung eine CIA-Studie zur psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika geklaut. Die Studie darf nicht in die falschen Hände fallen. Und schon beginnt eine grandios-groteske Jagd.
Die deutsche Ausgabe des Thrillers ist nur noch antiquarisch erhältlich.
„Hier spricht Captain Michelle ‚Shell‘ Campion vom Raumschiff Ragtime. Ich habe hier einen Code 4717, wiederhole: 4717. Kontamination an Bord, mögliche Ansteckung. Passagiere befinden sich noch im Ragtime-Traumzustand. Schicken Sie keine Fähren für die Passagiere, bevor sie von mir hören. Campion Ende.“ Das ist der erste Funkspruch, den Shell nach einem zehnjährigem Tiefschlaf losschickt. In der Zeit wurde die Ragtime auf ihrem Weg von der Erde zu dem Kolonieplaneten Bloodroot von einer Künstlichen Intelligenz gelenkt. An Bord befinden sich, im Tiefschlaf, tausend Siedler.
4717 ist der Code für mehrere vorzeitige Todesfälle. Insgesamt sind 31 Passagiere tot. Shell hat sie zerstückelt in der Entsorgungsanlage des Schiffes gefunden. Die Künstliche Intelligenz, die das Schiff fliegt und die aufpassen sollte, dass nichts passiert, ist ausgefallen. Informationen über das, was während Shells Tiefschlaf geschah, sind nicht verfügbar. Obwohl alles, was auf dem Schiff geschieht, aufgezeichnet wird.
Um herauszufinden, wie es zu diesen Todesfällen kommen konnte, wird der Ermittler Rasheed Fin von Bloodroot zur Ragtime geschickt.
Er beginnt seine Ermittlungen mit dem Zusammensetzen der Leichenteile. Dabei entdeckt er, dass ungefähr zweieinhalb Menschen fehlen.
Kurz darauf taucht, entgegen aller Wahrscheinlichkeit und ohne dass die das Schiff überwachende KI sie davor warnte, ein Wolf auf dem Raumschiff auf.
Das ist nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal, dass die KI Fins Arbeit behindert und sie möglicherweise umbringen will.
Bekannt wurde Tade Thompson bei Science-Fiction-Fan mit seiner Wormwood-Trilogie (manchmal auch „Rosewater“-Trilogie genannt). Mit „Fern vom Licht des Himmels“ legt er einen Einzelroman vor. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen, die auf der Erde spielen, spielt diese Geschichte im Weltraum in einem Raumschiff, das sich in der Nähe eines weit, weit entfernten Planeten befindet. Während der Ermittlungen von Fin zeichnet Thompson eine reichhaltige Welt, über die hier nicht mehr verraten werden soll. Das würde nämlich auch allzu deutliche Hinweise auf die Lösung des Falles geben.
Zum klassischen Ermitteln kommt Fin und sein nicht-menschlicher Partner Salvo, ein Lamber, kaum. Denn immer wieder durchkreuzen lebensbedrohende Gefahren seine Ermittlungen. Sie sind auch für Shell, den später hinzu gekommenen Lawrence Biz, der früher mit Shells Vater den Weltraum erkundete, und ihre nicht-humanoiden Begleiter lebensbedrohlich.
Insofern ist „Fern vom Licht des Himmels“ formal zwar ein Locked-Room-Mystery im Weltraum, aber kein Rätselkrimi, in dem der Ermittler geduldig die Verdächtigen befragt und am Ende den Mörder präsentiert. Diese Verdächtigen gibt es auf dem Schiff nicht. Aber irgendjemand hat die Master-KI manipuliert. Wie und warum ist unklar. Ebenso ob dieses Wesen (es könnte ja auch ein Alien oder eine KI sein) noch an Bord ist.
Als Thriller mit überraschenden Wendungen und einer wunderschön skizzierten fremden Welt unterhält „Fern vom Licht des Himmels“ prächtig.
Mit Autoren wie Tade Thompson habe ich keine Angst um die Zukunft des Science-Fiction-Genres.
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Tade Thompson: Fern vom Licht des Himmels
(übersetzt von Jakob Schmidt)
Golkonda, 2022
384 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Far from the Light of Heaven
Orbit/Little, Brown Book Group, London, 2021
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Mehr von Tade Thompson
Ebenfalls bei Golkonda sind bereits die ersten beiden Bände von Tade Thompsons hochgelobter und, unter anderem, mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichneter Wormwood-Trilogie erschienen. In den in Nigeria in der Stadt Rosewater spielenden Science-Fiction-Romanen „Rosewater“ und „Rosewater: Der Aufstand“ geht es um die Begegnung der Menschheit mit Außerirdischen, die für die Menschheit immer bedrohlicher wird.
Der abschließende dritte Band „Rosewater: Die Erlösung“ soll im Herbst, wahrscheinlich im Oktober, erscheinen.
Ein typisches Weihnachtsfest in der englischen Provinz: die Familie kommt zusammen, ein Mord geschieht und schon beginnt die Mördersuche. Am Ende, nachdem viel durch den Schnee gestampft wurde (es schneit immer), sich am Kaminfeuer gewärmt und viel gegessen wurde, überführt der geniale Ermittler den Mörder. Davor erklärt er ausführlich den in einem Raum versammelten Verdächtigen wer die Tat begangen haben könnte, warum er es nicht tat und warum und wie der Mörder es tat.
Das Rezept ist bewährt und kommt bei Krimifans immer noch gut an. Vor allem wenn sie Rätselkrimis oder Cozys mögen. Für die ist, auf den ersten Blick, Gladys Mitchells „Geheimnis am Weihnachtsabend“ geschrieben.
Gladys Maude Winifred Mitchell, so ihr vollständiger Name, den wir gleich wieder vergessen können, wurde 1901 in Oxfordshire geboren. Nach einem Geschichtsstudium in London arbeitete sie als Lehrerin. Abgesehen von einer dreijährigen Unterbrechung unterrichtete sie bis zu ihrer Pensionierung an verschiedenen Schulen. Und schrieb gleichzeitig Kriminalromane. Ihr Debüt erschien 1929. Es ist gleichzeitig der erste Auftritt von Beatrice Adela Lestrange Bradley. Die Ermittlerin, die normalerweise nur Mrs. Bradley genannt wird, ist eine ältere, kleine, dünne, hexenhafte Dame. Sie arbeitet in einer geschlossenen Anstalt als Pschoanalytikerin. Ihre Arbeit und ihr damit verbundenes Wissen ist, jedenfalls in „Geheimis am Weihnachtsabend“, für die Ermittlungen und die Enttarnung des Täters erstaunlich unwichtig.
In insgesamt 66 Romanen suchte die Amateurdetektivin Mörder. Der letzte Fall mit Mrs. Bradley als Ermittlerin erschien 1984, kurz nach Mitchells Tod. Neben den Mrs.-Bradley-Romane schrieb sie unter verschiedenen Pseudonymen weitere Kriminal- und Abenteuerromane.
Nach ihrem Tod verschwanden ihre Bücher, im Gegensatz zu den Büchern von Agatha Christie und Dorothy L. Sayers, vom englischen Buchmarkt. In einschlägigen Lexika wird sie normalerweise nicht erwähnt. In Deutschland ist sie unbekannt. Das liegt daran, dass laut dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek nur zwei ihrer Romane auf Deutsch erschienen. Und das war 1953 im Drei-Raben-Verlag.
Nach der Lektüre ihres 1936 im Original erschienenen Krimis, der inzwischen etwas irreführend als Weihnachtskrimi etikettiert wird, scheinen wir nichts verpasst zu haben.
Zu Weihnachten fährt Mrs. Bradley nach Oxfordshire. Ihr Neffe hat sie und einige Freunde über die Feiertage auf seinen Hof eingeladen.
Das beschauliche weihnachtliche Treiben wird schnell gestört. Am Weihnachtsabend wird die Leiche von Fossder, dem für alle rechtliche Geschäfte kompetenten Dorfanwalt, entdeckt. Mrs. Bradley vermutet sofort, dass er ermordet wurde. Trotzdem scheint sein Tod ein natürlicher Tod oder bestenfalls ein dummer Unfall gewesen zu sein. Denn Fossder hatte eine Herzschwäche und er war vermutlich draußen, um eine Mutprobe zu bestehen. Denn nach einer alten Gruselgeschichte sollte in dieser Nacht ein Geist auftauchen.
Der zweite Tote – es handelt sich um Simith –, wird kurz darauf gefunden. Er wurde zweifelsfrei ermordet. Auch wenn ein Eber die Tat ausführte. Simith ist der Besitzer einer Schweinefarm. Er ist ein Choleriker und streitet sich immer wieder handgreiflich mit Tombley, der eine andere Auffassung von der Zukunft des Hofes hat.
Mrs. Bradley beginnt sich umzuhören. Es gibt nur eine überschaubare Zahl von Verdächtigen und einen Hauptverdächtigen, den sie für unschuldig hält.
Wenn Rätselkrimifans jetzt auf eine spannende Mörderjagd mit vielen falschen Spuren hoffen, sollten sie lieber (wieder) einen Agatha-Christie-Krimi lesen. Die sind in jeder Beziehung besser als dieser langweilige Pseudokrimi.
In Mitchells siebtem Mrs.-Bradley-Krimi plätschert die Story vor sich hin. Von Ermittlungen kann kaum gesprochen werden. Stattdessen wird munter vor sich hin palavert und vermutet, aber es werden keine Spuren verfolgt oder Verdächtige verhört. Die wenigen Verdächtigen bleiben blass. Sie haben nicht mehr Persönlichkeit als eine Spielkarte.
Der Fall selbst wird, nachdem die Story schon in der Mitte des Buches (und wenige Seiten nachdem der zweite Mord verübt wurde) einen Zeitsprung in die ersten Januarwochen macht, erst an Pfingsten geklärt. Indem dem Täter eine Falle gestellt wird und die Amateurdetektivin den Täter enttarnen kann. Diese Selbstenttarnung ist das Gegenteil der in Rätselkrimis üblichen Auflösung. Dort enttarnt nach der am Buchende üblichen Versammlung der Verdächtigen der geniale Detektiv den Mörder.
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Gladys Mitchell: Geheimnis am Weihnachtsabend
(übersetzt von Dorothee Merkel)
Klett-Cotta, 2022
432 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Dead Men’s Morris
Michael Joseph Ltd, London, 1936
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später auch (und inzwischen bekannter) als „Death Comes at Christmas“ veröffentlicht
„Verlorene Illusionen“ ist ein guter, nämlich ein Erwartungen weckender Titel. Honoré de Balzac nannte so seine in den frühen zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts spielende Chronik des Lebens in der Provinz und in der Hauptstadt Paris.
Der Roman ist ein Klassiker, der trotz seiner filmtauglichen Handlung, bisher nur zweimal verfilmt wurde. Einmal 1966 als TV-Miniserie. Und jetzt als Spielfilm. Regisseur und Drehbuchautor Xavier Giannoli veränderte für seine Verfilmung selbstverständlich einiges an der Vorlage, die in der aktuellen Ausgabe deutlich über achthundert engbedruckte Seiten umfasst. Die größten Unterschiede sind, dass Giannoli von den drei Büchern des Romans das letzte Buch, „Die Leiden des Erfinders“, nicht verfilmte und das erste, „Die zwei Dichter“, in der ersten viertel Stunde seines Films, stark gekürzt, erzählt. Das führt dazu, dass aus der Geschichte von Lucien Chardon bzw. Lucien de Rubempré und seinem Schwager David Séchard die Geschichte von Lucien de Rubempré wird und sich der Film auf sein Leben in Paris konzentriert. Dort ist er, wie das zweite Buch ironisch betitelt ist, „Ein großer Mann vom Land in Paris“.
Es gibt durch diese Kürzung einige teils notwendige, teils die Filmgeschichte runder machende Änderungen. Und Nathan d’Anastazio erzählt Luciens Geschichte. Nathan ist ein Schriftsteller, der Luciens Auf- und Abstieg in Paris beobachtet.
In der Provinzstadt Angoulême arbeitet Lucien in der kleinen Druckerei von David. In seiner Freizeit dichtet er. Seine Gedichte trägt er bei Empfängen von Louise de Bargeton vor. Dabei verliebt der junge Schöngeist sich in die Hausherrin. Beide leiden sie an der provinziellen Enge. Sie flüchten nach Paris, der Stadt in der alles viel besser sein soll. Kurz nach ihrer Ankunft trennen sie sich. Die Standes- und Altersunterschiede zwischen dem jungen, bürgerlichem Dichter und der älteren Adligen Louise de Bargeton sind zu groß.
Danach stürzt Lucien sich in das Pariser Leben. Als sein ursprünglicher Plan, seine Gedichte zu veröffentlichten und der neue Star der Literatur zu werden, scheitert, wird er zum Kulturkritiker. Der Journalist Étienne Lousteau weist ihn in das Handwerk ein. Lucien lernt Bücher und Aufführunge hoch- und niederzuschreiben; je nachdem, wie es gerade gefordert ist. Er verdient viel Geld. Er wird gefeiert. Er verliebt sich in die gleichaltrige Schauspielerin Coralie.
Dass dieses Glück nicht lange halten wird und Lucien wieder absteigen wird, verrät schon der Titel „Verlorene Illusionen“.
Honoré de Balzac schrieb „Verlorene Illusionen“ zwischen 1837 und 1843 und veröffentlichte den Roman ursprünglich in drei voneinander getrennten Büchern, die auch getrennt gelesen werden können. Zusammen mit de Balzacs anderen Romanen ergeben sie in seinem Großwerk „Die menschliche Komödie“ ein breites Sittengemälde des damaligen Frankreichs. In „Verlorene Illusionen“ beschäftigt er sich, wenn David und die von ihm betriebene Druckerei im Mittelpunkt stehen, das ist vor allem in „Die Leiden des Erfinders“ der Fall, intensiv mit dem Druckereigewerbe und dem Handel mit Schuldscheinen, an denen Anwälte und Banken prächtig verdienen. Im zweiten Band „Ein großer Mann vom Land in Paris“ steht dann das damalige Zeitungsgewerbe im Vordergrund. Beides kannte de Balzac aus eigener Erfahrung und beide Male rechnet er gnadenlos mit den damaligen Gepflogenheiten ab. Der Roman selbst ist im damaligen, heute nur noch schwer lesbarem Stil geschrieben. Die Handlung selbst wird immer wieder von teils seitenlangen Beschreibungen unterbrochen, in denen de Balzac sich über den damaligen Journalismus, das Druckerhandwerk und den Handel mit Schuldscheinen auslässt. Das ist dann ziemlich länglich. Deutlich interessanter sind die Beschreibungen der Sitten und liebevoll gepflegten Standesunterschieden in der Provinz und der Hauptstadt. Sie erklären auch, warum Lucien unbedingt den adligen Namen seiner Mutter annehmen möchte.
Xavier Giannoli kann vieles von de Balzacs ausführlichen Beschreibungen schnell in Bilder übersetzen. Anstatt langer Beschreibungen verschiedener Zimmer und was welche Kleidung über einen aussagt, zeigt er es einfach. Da verrät ein skeptischer Blick alles notwenige. Anderes lässt er, wie gesagt, weg. Die Darstellung des damaligen Journalismus und wie Zeitungen und Bücher gemacht wurden, die im zweiten Buch der „Verlorenen Illusionen“ einen großen Teil der Lesezeit einnimmt, nimmt auch einen großen Teil der Filmzeit ein. Das damalige Gebaren der Zeitungsmacher, die skrupellos Meinungen und Stimmungen manipulierten, und alles als Geschäft betrachteten, ist erschreckend aktuell.
Der Film selbst überzeugt als Mediensatire und prächtig ausgestattetes Sittengemälde.
Erzählerisch wird das arg konventionell und brav präsentiert.
In Venedig hatte das satirische Drama 2021 seine Premiere. Danach hatte es in Frankreich eine knappe Million Kinozuschauer und erhielt sieben Césars. Unter anderem als Bester Film, für das beste Drehbuch, die beste Kamera, die besten Köstüme und Lucien-Darsteller Benjamin Voisin wurde als vielsprechendster Schauspieler ausgezeichnet. Nominiert war das Werk in acht weiteren Kategorien, unter anderem für die Regie.
Verlorene Illusionen(Illusions perdues, Frankreich 2021)
Regie: Xavier Giannoli
Drehbuch: Xavier Giannoli, Jacques Fieschi
LV: Honoré de Balzac: Illusions perdues, 1843 (Verlorene Illusionen)
mit Benjamin Voisin, Cécile de France, Vincent Lacoste, Xavier Dolan, Salomé Dewaels, Jeanne Balibar, Gérard Depardieu, André Marcon, Louis-Do Lencquesaing, Jean-Francois Stévenin
Länge: 150 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (in der Neuübersetzung)
Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen – Roman aus der Provinz
Als die „New York Times“-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey im Mai 2017 begannen, über von Harvey Weinstein begangene sexuelle Übergriffe zu recherchieren, ahnten sie nicht, welche Wirkung ihre Arbeit entfalten sollte. Oft folgte auf entsprechende Enthüllungen nichts. Immer können die Betroffenen gegen die Geschichte klagen.
Vor der Veröffentlichung einer solchen Enthüllungsgeschichte müssen deshalb stichhaltige und überzeugende Beweise gesammelt werden. Und das war in diesem Fall schwierig. In ihrem Buch „She said“ erzählen die beiden Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey ausführlich von diesen Schwierigkeiten. Maria Schrader erzählt in ihrer Verfilmung des Buches noch ausführlicher davon.
Mit seinem Bruder gründete Harvey Weinstein Miramax. 2005 verließen sie die in dem Moment zu Disney gehörende Firma und gründeten The Weinstein Company. Vor allem in den Neunzigern krempelten sie den US-Independent-Filmmarkt vollkommen um. Ihre Filme waren Kassenhits. Sie machten Stars und erhielten alle wichtigen Filmpreise. Zu den von den Weinsteins teils produzierten, teils verliehenen Filmen gehören die Filme von Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“, „Jackie Brown“ undsoweiter), „Sex, Lügen und Video“, „Das Piano“, „Clerks“, „Der englische Patient“, „Good Will Hunting“, „Shakespeare in Love“, „„Gangs of New York“ und auch „Scream“.
Um ihre Filme ans Publikum zu bringen waren sie nicht zimperlich. Harvey Weinstein war, wenn man ältere Berichte durchliest, wohl schon immer ein Choleriker, den man lieber zum Freund als zum Feind hatte. Gerüchte über sexuelle Übergriffe gab es schon lange. Aber das waren letztendlich nur Gerüchte.
Die beiden Reporterinnen mussten also betroffene Frauen finden, sie zum Reden bringen und Beweise finden. Viele Frauen schwiegen. Sie hatten Geld erhalten und exorbitant weitreichende Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben. Andere wollten nicht darüber reden oder nicht namentlich genannt werden. Und es war schwierig, Beweise, wie Geldzahlungen, Verträge, Anzeigen oder DNA-Spuren, zu finden, die Harvey Weinstein eindeutig belasteten.
Deshalb wussten Kantor und Twohey auch nach einer wochenlangen intensiven Recherche immer noch nicht, ob sie überhaupt eine Story hatten, die sie veröffentlichen konnten. Das änderte sich mit der Zeit.
Am 5. Oktober 2017 veröffentlichten sie einen 3300 Worte langen Artikel über ihre Recherche.
In ihrem Film erzählt Maria Schrader, nach einem Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz („Ida“), diesen Weg vom Beginn ihrer Recherche bis hin zur Veröffentlichung einer Reportage, die einen Dammbruch-Effekt hatte. Danach sprachen immer mehr Frauen über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz. #MeToo wurde zu einer weltweiten Bewegung. Und Harvey Weinstein wurde angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt.
Welche Beweise die beiden Journalistinnen hatten, erzählen Kantor und Twohey in ihrem Sachbuch „She said“. Sie schreiben auch ausführlich über Auswirkungen ihrer ersten Reportage über Harvey Weinstein. Sie erzählen, was Weinstein tat, wie er und sein Umfeld ihn schützten und seine Verfehlungen über Jahrzehnte vertuschten. Ihr glänzend geschriebenes und auch bedrückendes Sachbuch ist ein auf jeder Seite überzeugendes journalistisches Werk. Sie präsentieren die Ergebnisse ihrer Recherche, die sie in einen größeren Kontext einfügen, immer nachvollziehbar, gut strukturiert und gut geschrieben.
(Ronan Farrow, der damals ebenfalls zur gleichen Zeit über Weinstein recherchierte und anschließend sein Buch „Durchbruch – Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ veröffentlichte, ist dagegen nur ein vernachlässigbares, oft nervig ich-bezogenes Werk.)
Maria Schraders Film ist das Making-of zum Buch. Sie zeigt die zähe Arbeit und den Ethos investigativer Journalisten. Ihr Filmdrama „She said“ steht unübersehbar in der Tradition von Reporter-Filmen wie „Die Unbestechlichen“ und „Spotlight“. Die Qualität dieser Meisterwerke erreicht ihr Film allerdings nie. Das liegt an einer Inszenierung, die einfach zu klein für die Kinoleinwand ist. Immer sehen die sprechenden Köpfe nach Fernsehen aus.
Schrader folgt der Recherche von Kantor und Twohey. Aber während die Journalistinnen sich im Buch nur dann namentlich erwähnen, wenn es unbedingt nötig ist, sind sie im Film jederzeit im Bild. Durch die Entscheidung, auch das Privatleben von Kantor und Twohey zu zeigen, verschiebt sich der Fokus des Films noch stärker von den Opfern hin zu den beiden Journalistinnen. Sie sind Mütter von kleinen Mädchen, verheiratet und sie werden viel zu oft in ihrer Freizeit von ihren Quellen angerufen. Das wirkt schnell so, als sei die Recherche größtenteils in ihrer Freizeit erfolgt. Oder als ob sie nicht zwischen Beruf- und Privatleben trennen könnten.
In „Spotlight“ erfuhren wir nichts das Privatleben der „Boston Globe“-Journalisten, die über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die ebenso lange Vertuschung durch die Erzdiözese berichten wollten. Und das war gut so.
Die Entscheidung, Weinsteins Taten nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Auch wenn in den Momenten im Film immer ein Hauch von „er sagte, sie sagte“ bleibt und es nur Hörensagen ist, ist das verschmerzbar. Die Berichte, vor allem die Berichte in Kantor/Twoheys Buch, sind allein für sich genommen überzeugend und in ihrer Menge erdrückend. Sie brauchen keine weiteren Dramatisierungen.
Auch die Entscheidung, Harvey Weinstein nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Ihm soll im Film kein Podium gegeben werden. In der Originalfassung ist einmal seine Stimme zu hören. Am Ende, wenn er das Gebäude der New York Times betritt, wird er schemenhaft von hinten gezeigt.
Weil die Macher gleichzeitig darauf verzichten, weitere Informationen über Weinstein zu geben, wird nie deutlich, wie mächtig und einflussreich er war. Er war nicht irgendein Hollywood-Produzent, sondern ein sehr mächtiger, einflussreicher und auch abseits der Traumfabrik gut vernetzter Hollywood-Produzent. Cineasten muss das nicht erklärt werden, aber welcher normale Kinobesucher interessiert sich für Produktionsfirmen und Produzenten? Die meisten interessieren sich noch nicht einmal für die Namen der Regisseure.
Maria Schraders Film ist eine seriöse, filmisch biedere Aufarbeitung der Recherche. Ein Making-of eben.
Das Buch von Jodi Kantor und Megan Twohey erzählt die Geschichte des seit den frühen neunziger Jahren bestehenden Systems Weinstein. Sie schreiben auch über die Auswirkungen ihrer Zeitungsartikel. Ihre Reportagen (und die zeitgleich von Ronan Farrow erschienenen Reportagen) waren der Beginn einer weltweiten Diskussion über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und an anderen Orten und der Beginn der weltweiten #MeToo-Bewegung. Ihr Buch sollte unbedingt gelesen werden. Der Film ist dann das optionale Bonusmaterial.
She said(She said, USA 2022)
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz (basierend auf der „New York Times“-Recherche von Jodi Kantor, Megan Twohey und Rebecca Corbett und dem Buch „She Said“ von Jodi Kantor und Megan Twohey)
LV: Jodi Kantor/Megan Twohey: She said, 2019 (#MeToo; zum Filmstart als „She said“ veröffentlicht)
mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Andre Braugher, Jennifer Ehle, Samantha Morton, Angela Yeoh, Ashley Judd, Sean Cullen
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (jetzt als Taschenbuch mit dem Filmcover)
Jodi Kantor/Megan Twohey: She said – Wie das Schweigen gebrochen wurde und eie ‚MeToo-Bewegung begann
(übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlass)
Tropen, 2022
448 Seiten
12 Euro
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Deutsche Erstausgabe
#Me Too – Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung
Tropen, 2020
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Originalausgabe
She said. Breaking the Sexual Harassment Story that helped ignite a Movement
Als der Film vor über vierzig Jahren in die Kinos kam, spielte er in der Zukunft. Heute spielt er in einer Vergangenheit, die so niemals Realität wurde.
In dem Film-1997 ist Manhattan ein Gefängnis, in dem die Verbrecher herrschen. Die Polizei bewacht die Ausgänge. Als das Flugzeug des US-Präsidenten über der Insel abstürzt, muss eine Rettungsmission losgeschickt werden. Diese besteht aus einem Mann: dem rauhbeinigen Häftling und hochdekoriertem Ex-Soldaten Snake Plissken. Wenn er den US-Präsidenten und eine für den Weltfrieden wichtige Tonbandkassette aus Manhattan herausholt, wird ihm seine restliche Strafe erlassen. Damit Plissken den Selbstmordauftrag erledigt, werden ihm zwei Sprengkapseln in seine Halsschlagader implantiert.
Regisseur John Carpenter schrieb die Geschichte in den siebziger Jahren während der Watergate-Affäre. Verfilmen konnte er sein Drehbuch erst einige Jahre später. In dem Moment hatte er sich mit den Kinofilmen „Assault – Anschlag bei Nacht“, „Halloween – Die Nacht des Grauens“ und „The Fog – Nebel des Grauens“ einen glänzenden Ruf bei Genrefans und auch dem breiteren Publikum erarbeitet.
Der düstere Science-Fiction-Thriller „Die Klapperschlange“ war bei der Kritik und dem Publikum ein Erfolg. Schnell wurde er zu einem immer wieder gern gesehenem Kultfilm, der 1996 die überflüssige Fortsetzung „Escape from L. A.“ erhielt. In den vergangenen Jahren gab es selbstverständlich einige Analysen und Texte zum Film. Aber im Vergleich zu Ridley Scotts ein Jahr später im Kino angelaufenem „Blade Runner“ erstaunlich wenige.
Insofern füllt John Walshs „Die Klapperschlange – Escape from New York: Die Entstehungsgeschichte des Kultfilms“ zwei Lücken und formuliert einen Auftrag an einen unbekannten Schreiber. Nämlich ein dickes Buch über die Dreharbeiten und Auswirkungen des Films auf das Genre und eine tiefgründige Analyse des Films zu schreiben. Walsh hat mit seinen Werk eine erste ziemlich umfassende Darstellung des Films geschrieben und ein wunderschönes Bilderbuch zusammengestellt. Genaugenommen handelt es sich um ein Bilderbuch mit ergänzenden, informativen Texten. In den Texten stellt Walsh die Macher und Schauspieler und die Drehorte kurz vor und er geht auf die Herstellung der visuellen Effekte ein. Dafür sprach er mit einigen Menschen, die damals in die Entstehung des Films involviert waren. Das Herzstück des Buches und damit auch die Begründung für das große Format von 26×33 cm sind die vielen, teils doppelseitigen Bilder. Es sind vor allem von der Setfotografin Kim Gottlieb-Walker gemachte Standfotos und Aufnahmen von den Dreharbeiten. Außerdem gibt es eine Galerie von in verschiedenen Ländern verwendeten und nicht verwendeten Filmplakaten. Das Originalplakat von Barry E. Jackson, das auch auf dem Buchcover zu sehen ist, ist das gelungenste und auch zeitloseste Plakat.
Für Fans des Films, des Regisseurs und des Science-Fiction-Films ist Walshs Buch ein gutes Weihnachtsgeschenk.
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John Walsh: Die Klapperschlange – Escape from New York: Die Entstehungsgeschichte des Kultfilms
(übersetzt von Thorsten Walch)
Cross Cult, 2022
160 Seiten
40 Euro
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Originalausgabe
Escape From New York: The Official Story of the Film
Titan Books, 2021
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Der Film
Die Klapperschlange (Escape from New York, USA 1981)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Nick Castle
mit Kurt Russell, Lee Van Cleef, Ernest Borgnine, Donald Pleasence, Isaac Hayes, Harry Dean Stanton, Adrienne Barbeau, Tom Atkins
Jetzt ist er draußen. Der zweite von Cinema herausgegebene „Making of“-Band, in dem es Hintergrundinformationen zu einigen bekannten Filmen gibt. Auf dem Cover steht „Von ‚Pulp Fiction‘ bis ‚Avatar‘: so entstanden 30 geniale Hollywood-Hits“ und neben den auf dem Cover erwähnten Filmen von Quentin Tarantino und James Cameron werden
Braveheart
Der Zauberer von Oz
Der Soldat James Ryan
The Big Lebowski
Bullitt
Die Klapperschlange (John Carpenter zum Ersten)
Der weiße Hai
Das fünfte Element (Hey, der ist nicht Hollywood, sondern Frankreich und Besson!)
Zurück in die Zukunft
Gladiator
French Connection – Brennpunkt Brooklyn
Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes (der dritte Film von Steven Spielberg in diesem Buch)
Karate Kid (Ein Klassiker?)
Spartacus
The Untouchables – Die Unbestechlichen
Terminator 2 – Tag der Abrechnung (noch ein Film von „Avatar“-Cameron)
Tote schlafen fest
Vom Winde verweht
Halloween – Die Nacht des Grauens (John Carpenter zum Zweiten)
Der mit dem Wolf tanzt
Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis
Jurassic Park (und noch ein Film von Steven Spielberg)
Star Trek II: Der Zorn des Khan (Ein klassiker?)
Heat
Die sieben Samurai (kein Hollywood-Film, aber ein Klassiker der Filmgeschichte. Es gibt auch einige Hollywood-Remakes)
Mulholland Drive
Der Herr der Ringe: Die Gefährten
Fight Club
vorgestellt. Es sind, wie beim ersten Band, vor allem sehenswerte Mainstream-Film, die Filmfans sicher fast alle gesehen haben und gerne wiedersehen. Für alle anderen ist es eine gute Liste sehenswerter Filme.
Am Konzept des ersten „Making of“-Bandes wurde nichts geändert: Jeder Film wird auf sechs bis zehn Seiten kurz vorgestellt. Es gibt einen informativen Text, Filmbilder und Bilder von den Dreharbeiten. Dank des großen Bildband-Formats sind die meist bekannten Bilder groß. Das Layout ist unauffällig. Insgesamt lädt es zum Blättern und Schwelgen in Erinnerungen ein.
„Making of – Band 2“ ist überzeugt und ist eine gelungene Ergänzung zum ersten Band und den dort vorgestellten 25 Filmen.
Auch wenn das Filmmagazin Cinema irgendwann einen dritten „Making of“-Band herausgibt – genug sehenswerte Hollywood-Filme dafür gibt es -, könnte ein anderer Verlag einen ähnliches Buch herausgeben, das sich mehr auf Arthaus- oder Nicht-Hollywood-Filme konzentriert.
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Cinema (Hrsg.): Making of – Hinter den Kulissen der größten Klassiker aller Zeiten: Band 2
In einem Kaufhaus gerät Wilsberg in eine Geiselnahme. Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von Frank Knieriem. Er gründete er auf einem Bauernhof einen eigenen Staat, zahlte keine Steuern, hortete Schusswaffen und verletzte bei einer Razzia einen Polizisten schwer.
Georg Wilsberg kennt ihn von früher, Im Oktober 1989 übernahm er als junger Anwalt seine Pflichtverteidigung. Knieriem war angeklagt, seine Freundin erschlagen zu haben. Nachdem er zunächst die Tat gestand, behauptet er jetzt, unschuldig zu sein. Er will, dass Wilsberg einen Freispruch erreicht. Allerdings sind die Beweise für seine Schuld überwältigend.
In seinem neuen Wilsberg-Krimi „Sein erster und sein letzter Fall“ erzählt Jürgen Kehrer parallel von den damaligen und heutigen Ereignissen. Und wie der Buchtitel verrät, soll der 21. Wilsberg-Krimi auch der letzte Wilsberg-Roman sein.
Dabei ist der Titel etwas irreführend. Denn genaugenommen arbeitet Wilsberg bei der Verteidigung von Knieriem als Anwalt. Erst danach wird er Privatdetektiv, Briefmarken- und Münzhändler. Seinen ersten literarischen Auftritt hat er 1990 in „Und die Toten läßt man ruhen“. In schneller Folge schreibt Jürgen Kehrer bis 2007 weitere Romane mit dem sympathischen Privatdetektiv, die alle bei seinen zahlreichen Lesern gut ankommen. Seitdem erschienen nur drei weitere Wilsberg-Romane. Insgesamt hat Kehrer in 32 Jahren 21 Wilsberg-Romane (zwei zusammen mit Petra Würth) und einen Sammelband mit Wilsberg-Kurzgeschichten veröffentlicht.
1995 wird der erste Wilsberg-Roman vom ZDF mit Joachim Król als Wilsberg verfilmt. Drei Jahre später entsteht, ebenfalls für das ZDF, der zweite Wilsberg-TV-Film. Leonard Lansink spielt jetzt den Privatdetektiv. Es ist sein erster von bislang insgesamt 75 im Fernsehen ausgestrahlten Auftritten als Wilsberg. Denn die nächsten TV-Krimis sind schon in Arbeit und ein Ende ist nicht abzusehen. Einige dieser Wilsberg-TV-Krimis basieren auf Wilsberg-Romanen; für einige schrieb Jürgen Kehrer das Drehbuch. Doch insgesamt haben die erfolgreichen TV-Krimis sich von der literarischen Vorlage gelöst. Genau wie die verschiedenen James-Bond-Romane, abgesehen von den wenigen Filmromanen, schon seit Ewigkeiten nichts mehr mit den James-Bond-Filmen zu tun haben.
„Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall“ ist ein von Jürgen Kehrer gewohnt flott und unterhaltsam geschriebener Krimi, der uns dieses Mal mit einer ordentlichen Portion End-Achtziger-Zeitkolorit und einem Ausflug nach Westberlin erfreut. Denn Wilsberg muss sich als Anwalt auch um seine anderen Mandanten kümmern. Dies sind Tierschützer, die Hunde aus Forschungslaboren befreien, Punks, die Polizisten mit Mehl bewerfen und beleidigen, und ein Konzertclubbetreiber, der ein Stadtmagazin wegen eines Artikels verklagen möchte. Und dann ist da noch die nette, überaus gut aussehende Studentin, die Wilsberg bei der Suche nach einer Zeugin hilft, die Knieriems Unschuld beweisen könnte.
Das war jetzt vielleicht wirklich Wilsbergs letzter Fall. Aber Jürgen Kehrer kann ja immer noch über all die Fälle schreiben, die Wilsberg in Münster zwischen seinem ersten und seinem letzten Fall lösen musste.
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Jürgen Kehrer: Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall