Face/Off – Im Körper des Feindes (Face/Off, USA 1997)
Regie: John Woo
Drehbuch: Mike Werb, Mike Colleary
FBI-Cop Sean Archer kann den Terroristen Castor Troy verhaften. Naja, fast. Denn Castor liegt jetzt im Koma und niemand weiß, wo in Los Angeles die von Castor deponierte Atombombe ist. Also lässt Archer sich auf eine gefährliche und geheime Operation ein: er nimmt das Gesicht von Troy an und schleicht sich in dessen Bande ein. Dummerweise erwacht Castor aus dem Koma und er beginnt Archer zu verfolgen. Mit der gesamten Polizei als willige Helfer. Denn für sie ist der böse Terrorist jetzt der tapfere Kollege Archer.
Grandioser Actionfilm von John Woo auf dem Höhepunkt seiner Hollywood-Karriere. Und das Spiel von John Travolta und Nicolas Cage als Feinde, die ihre Identität wechseln, ist ein großer Spaß.
„Eine faszinierende, atemberaubende Symphonie – virtuos von John Woo komponiert und dirigiert. (…) Hervorragend.“ (Fischer Film Almanach 1998)
mit John Travolta, Nicolas Cage, Alessandro Nivola, Gina Gershon, Dominique Swann, Nick Cassavetes, Colm Feore, CCH Pounder
Für Damien Chazelle war früher vielleicht nicht alles besser, aber in jedem Fall war es aufregender und, nun, in Ermangelung eines besseren Wortes, besser. Das gilt für seine Verklärungen älterer Jazzstile in „Whiplash“ und „La La Land“.
Das gilt jetzt für seine Verklärung der frühen Jahre Hollywoods, als einige Glücksritter aus der Brachlandschaft um Los Angeles Hollywood erschufen. Sein Film beginnt 1926 mit einer riesigen Party, auf der die meisten der für die nächsten drei Stunden wichtigsten Figuren vorgestellt werden. Es sind Manny Torres (Diego Calva), ein junger Mexikaner, der irgendetwas im Filmgeschäft machen will. Staunend sieht er das enthemmte Treiben der oberen Zehntausend auf dieser Party in dem einsam gelegenem Anwesen. Dort lernt Manny die lebhafte Nellie LaRoy (Margot Robbie) kennen. Noch ist sie ein No-Name. Aber das ändert sich schnell. Mit ihrer exaltierten Art und ihrem Stofffetzen von Kleid lenkt sie die Blicke und die Aufmerksamkeit auf sich. Bis sie ein Angebot für eine Rolle in einem Stummfilm erhält. Und er begegnet Jack Conrad (Brad Pitt). Conrad ist ein großer Stummfilmstar mit noch größerem Alkoholkonsum. Frauen tanzen, spärlich bekleidet, orgiastisch zur treibenden Musik der selbstverständlich nur aus schwarzen Musikern bestehenden Jazzband. Zur Band gehört der Trompeter Sidney Palmer (Jovan Adepo), der später beim Film Geld verdient und bei den Dreharbeiten für einen Song ein sehr demütigendes Erlebnis hat. Die große Sensation der Party, die im Film eine gute halbe Stunde dauert, ist ein Elefant, den Manny zu der Party transportierte. Der Vierbeiner hat seinen großen Auftritt, als er in den Saal getrieben wird und alle Blicke auf sich lenkt, während am anderen Ende des Saales die Leiche eines Starlets aus dem Haus getragen wird.
Nach der Party fährt Manny den stockbesoffenen Conrad nach Hause. Dieser verschafft ihm anschließend einen Job und schon sind wir bei dem nächsten großen Set-Piece von Damien Chazelles „Babylon – Rausch der Ekstase“: dem Studiogelände von Kinoscope Pictures. Auf einem riesigen Feld finden parallel die Dreharbeiten für mehrere, vollkommen unterschiedliche Filme statt. Es ist ein einziges organisiertes Chaos. Lärm und Umgebungsgeräusche sind – es werden ja Stummfilme gedreht – kein Problem. Jedes Set hat seine eigene Band. Die größte Band, ein dreißigköpfiges Orchester, spielt für einen Monumentalfilm, bei dem die Statisten eine Schlacht nachstellen. Ein Statist wird dabei von einem Speer durchbohrt. Unfälle passieren halt.
Und so geht es weiter. Chazelle zeigt die Stummfilmjahre als einen einzigen Exzess, in dem ohne Folgen zu befürchten, alles erlaubt und getan wurde. So ist der Tod des Starlets bei der Eröffnungsparty, für die weitere Filmgeschichte unerheblich. Gleiches gilt für den Statisten bei dem Monumentalfilm. Oder all den anderen bizarren Geschichten von Partys und Dreharbeiten. Es geht um einen in einer Toilette fest steckenden Kopf, betrunkene Mutproben mit Schlangen in der Wüste und den für alle enervierenden Dreharbeiten für den Tonfilm. Denn während sie im Stummfilm munter vor sich hin improvisieren und lärmen konnten, müssen sie jetzt alle mucksmäuschenstill sein und Nellie muss ihren Text an präzise festgelegten Punkten in einer bestimmten Lautstärke aufsagen. Da ist das Stöhnen des Kameramanns über die tropische Hitze und den Sauerstoffmangel in seiner Kabine vernachlässigbar.
„Babylon“ ist eine eine gute Stunde zu lang geratene Abfolge von zwischen 1926 und 1932 spielenden Anekdoten, die lose zusammengehalten werden durch das wiederholte Auftauchen bekannter Gesichter. Diese Figuren sind, und das fällt spätestens mit dem Beginn des Tonfilms auf, reine Platzhalter.
So berührt der Abstieg von Jake Conrad nicht weiter. Das gleiche gilt letztendlich für das Schicksal von Nellie und Manny. Er besucht 1952 im Epilog, zwanzig Jahre nach den Ereignissen von „Babylon“, wieder Hollywood.
Es gibt, nachdem während der Stummfilmzeit das Organisierte Verbrechen keine Rolle spielte, eine in den frühen Dreißigern spielende Episode um Spielschulden und den Besuch in der Kanalisation von Los Angeles in einer sich über mehrere Etagen erstreckenden Untergrund-Sex-Höhle. Die gesamte Episode wirkt wie ein Outtake aus einem Exploitation-Horrorfilm. Immerhin hat Tobey Maguire hier einen wahrhaft bizarren Auftritt als Gangster und Casinochef.
Der Film selbst ist wie das Blättern in Skandalblättern oder Skandalchroniken, wie Kenneth Angers höchst unterhaltsamer, nicht besonders faktensicherer „Hollywood Babylon“. Sie war 1959 das erste Werk dieser Art und die Blaupause für alle weiteren Skandalchroniken: etwas Klatsch über bekannte Schauspieler, warnende Geschichten über gefallene Starlets, Drogen, Sex, mehr oder weniger rätselhafte Todesfälle (zwischen dummen Zufällen und möglicherweise eiskalt geplanten Morden) und Fotos von Unfällen, verwüsteten Hotelzimmern und nackten Schönheiten.
Mehr ist Chazelles „Babylon“ auch nicht. Außer dass er behauptet, dass die Stummfilmzeit in jeder Beziehung viel besser als alles war, was danach kam.
Dabei wissen wir doch dank James Ellroy, dass es in den Vierzigern und Fünfzigern nicht besser war. Ich sage nur „L. A. Confidential“. Dank Peter Biskind und seinen seitenstarken Büchern über das Hollywoodkino der siebziger, achtziger und neunziger Jahre wissen wir, dass es später nicht schlechter wurde. Mit seinem 1969 spielendem „Once upon a Time in Hollywood“ (ebenfalls mit Margot Robbie und Brad Pitt) quetsche Quentin Tarantino sich dazwischen. Und die Coen-Brüder erzählen in ihrer Komödie „Hail, Caesar!“ von schwierigen Dreharbeiten in den Fünfzigern. Das mag, für alle, die sich nach Chazelles „Babylon“, weiter in mehr oder weniger erfundenen Hollywood-Skandalen suhlen wollen, an Tipps genügen.
Babylon – Rausch der Ekstase (Babylon, USA 2022)
Regie: Damien Chazelle
Drehbuch: Damien Chazelle
mit Brad Pitt, Margot Robbie, Diego Calva, Jean Smart, Jovan Adepo, Li Jun Li, P. J. Byrne, Lukas Haas, Olivia Hamilton, Tobey Maguire, Max Minghella, Rory Scovel, Katherine Waterston, Flea, Jeff Garlin, Eric Roberts, Ethan Suplee, Samara Weaving, Olivia Wilde, Joe Dallesandro, Marc Platt, Spike Jonze
Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
Drehbuch: Xavier Giannoli, Jacques Fieschi (Co-Autor), Marcia Romano (Co-Autor)
Eine 18-jährige Novizin behauptet, sie habe die Jungfrau Maria gesehen. Schnell wird das französische Dorf, in dem sie die Erscheinung hatte, zu einem Wallfahrtsort. Der Vatikan setzt eine Kommission ein, die prüfen soll, ob es die Marien-Erscheinung wirklich gab. Zu ihr gehört der renommierte Kriegsjournalist Jacques Mayano (Vincent Lindon).
TV-Premiere. Spannende, mit deutlich über zwei Stunden aber auch etwas lang geratene Wahrheitssuche.
Harold ist 19 Jahr alt und hat keine Lust zu leben. Da trifft er bei einer Beerdigung die 79-jährige Maude, die immer noch ein fröhlich Regeln missachtendes Energiebündel ist. Harold verliebt sich in Maude.
Immer wieder gern gesehener Kultfilm!
Mit der Musik von Cat Stevens.
Mit Bud Cort, Ruth Gordon, Vivian Pickles, Cyril Cusack, Charles Tyner, Ellen Geer
Einen großen Plan vom Rest seines Lebens hat niemand von Wolfgang Beckers jungen und überaus sympathischen Protagonisten. Denn das Leben ist eine Baustelle und immer passiert irgendetwas. Zum Beispiel Jans folgenreiche Begegnung mit der Demonstrantin Vera, die gerade vor zwei Zivilpolizisten wegrennt. Danach ist er seinen Job los und schwer verliebt in Vera, die er später zufällig wieder trifft
Wunderschöne Tragikomödie, der Berlin zum unperfekten Sehnsuchtsort machte (Es muss ja nicht immer Seattle, New York, London oder Paris sein.), zum Kultfilm wurde und zuletzt 2014 im Fernsehen lief.
Wolfgang Becker sagte danach „Good bye, Lenin!“ (Uh, wann lief der zuletzt?), Tom Tykwer ließ Lola durch Berlin rennen und X Filme Creative Pool wurde schnell zu der angesagten deutschen Produktionsgesellschaft.
mit Jürgen Vogel, Christiane Paul, Ricky Tomlinson, Christiana Papamichou, Rebecca Hessing, Armin Rohde, Martina Gedeck, Meret Becker, Andrea Sawatzki
Pietro und Bruno lernen sich 1984 kennen. Damals war Pietro ein elfjähriger Stadtjunge, der mit seinen Eltern den Sommer in den italienischen Alpen im Aostatal in einem kleinen Dorf verbrachte. Das war damals eine von der Welt vergessenene Gegend, in der noch weitgehend wie vor Jahrhunderten gelebt und gearbeitet wurde. In den vergangenen Jahren verließen die meisten Dorfbewohner das Dorf. Bruno ist ein wenige Monate älterer einheimischer Junge, der sich über den neuen Spielkameraden freut. Denn sie sind in der Gegend die beiden einzigen Kinder.
„The Broken Circle“-Regisseur Felix van Groeningen und seine Lebensgefährtin Charlotte Vandermeersch, die mit ihm das Drehbuch schrieb und erstmals Regie führte, inszenierten ihr im unüblichen 4:3-Format gedrehtes Alpendrama „Acht Berge“ nach dem Roman von Paolo Cognetti. Van Groeningen und Vandermeersch veränderten die Struktur des Romans – Cognetti springt zwischen den Zeiten, van Groeningen und Vandermeersch erzählen chronologisch – und schildern die sich über Jahrzehnte bis fast in die Gegenwart erstreckende Freundschaft zwischen Pietro und Bruno. Aus Kindern werden junge Männer und dann Erwachsene. Sie treffen sich immer wieder und sehen sich auch immer wieder über mehrere Jahre nicht. Bruno bleibt in den Bergen. Pietro erkundet die Welt und arbeitet auch im Himalaya.
Das folgt keiner klassischen Drehbuchdramaturgie, sondern dem langen, ruhigen Fluss des Lebens. Van Groeningen und Vandermeersch erzählen die Geschichte der Freundschaft zwischen den beiden Jungs strikt chronologisch. Sie erzählen episodisch und elliptisch. Auf Erklärungen und dramatische Zuspitzungen verzichten sie. Daher wird der immerhin gut zweieinhalbstündige Film mit zunehmender Laufzeit auch etwas länglich. Das Ende düfte, angesichts von Felix van Groeningens bisherigem Werk niemand überraschen.
So ist „Acht Berge“ durchaus gelungen in der Zeichnung seiner Figuren, der Schilderung verschiedener Lebensentwürfe und einer Freundschaft, die anscheinend durch nichts, jedenfalls nichts profan-weltliches, zerstört werden kann. Aber, wie viele andere aktuelle Filme, die einfach nur chronologisch und mit Zeitsprüngen ihre Geschichte erzählen, will sich letztendlich keine überbordende Beigesterung einstellen. Die Zutaten sind vorhanden, aber die Anordnung ist zu beliebig.
Acht Berge (Le otto montagne, Italien/Belgien/Frankreich 2022)
Regie: Felix van Groeningen, Charlotte Vandermeersch
Drehbuch: Felix van Groeningen, Charlotte Vandermeersch
LV: Paolo Cognetti: Le otto montagne, 2016 (Acht Berge)
mit Luca Marinelli, Alessandro Borghi, Filippo Timi, Elena Lietti, Cristiano Sassella, Lupo Barbiero, Andrea Palma, Francesco Palombelli, Elisabetta Mazzullo
Nah an der damaligen Realität entlang inszeniertes TV-Dokudrama über eine Inversionswetterlage, die im Ruhrgebiet zu dem titelgebendem Smog führt. Wolfgang Petersen und Wolfgang Menge schildern eindrucksvoll die Auswirkungen des Smogs auf die dort lebenden Menschen und was die Regierung dagegen tut. Damals war der Film ein veritabler Skandal und Tagesgespräch. Heute ist er immer noch sehenswert.
„‚Smog‘ ist sicher eine der besten Produktionen der deutschen Fernsehgeschichte.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films, 1983)
mit Wolfgang Grönebaum, Marie-Luise Marjan, Heinz Schacht, Hans Schulze, Doris Gallart
LV: Scott B. Smith: A simple plan, 1993 (Ein ganz einfacher Plan, Ein einfacher Plan)
Im verschneiten Minnesota finden drei Freunde in einem abgestürzten Flugzeug einen Koffer mit vier Millionen Dollar. Sie wollen das Geld behalten, aber Eifersucht, Paranoia und Dummheit führen zu einem anderen Ergebnis.
Temporeiche, schwarze Komödie, die natürlich an „Fargo“ erinnert, aber über eigene Qualitäten verfügt und von Raimi erstaunlich unblutig und psychologisch glaubwürdig inszeniert wurde. Denn damals war Raimi in erster Linie als der „Tanz der Teufel“-Macher bekannt, heute ist er selbstverständlich der Mann, der Spiderman inszenierte.
Mit Bill Paxton, Bridget Fonda, Billy Bob Thornton, Jack Walsh
Dominik Moll („Lemming“, „Die Verschwundene“) beginnt seinen neuen Film mit einer Warnung, die ich noch verschärfen möchte. Moll sagt, er schildere in „In der Nacht des 12.“ einen Mordfall, den die Polizei nicht aufklärt. Er verschweigt allerdings, was mich nicht besonders störte, dass auch wir Zuschauer am Ende den Täter nicht kennen. Damit ähnelt sein Kriminalfilm David Finchers „Zodiac“. Fincher erzählt die wahre und vor allem in den USA allgemein bekannte Geschichte der Jagd nach dem Zodiac-Killer, die nie zu einer Verhaftung führte.
Molls Film beginnt am 12. Oktober 2016. In der Nacht wird in Saint-Jean-de-Maurienne eine junge Frau auf dem Heimweg von einer Feier mit Benzin übergossen und angesteckt. Yohan und sein Team werden von Grenoble in den Ort in den französischen Alpen geschickt. Sie sollen den Fall lösen.
Moll schildert in seinem spannendem Polizeifilm peinlich genau die Ermittlungen ablaufen. Die Befragungen der Eltern, Freundinnen und der vielen Männern, mit denen die Ermordete befreundet war (und Sex hatte), die daraus entstehenden Verdachtsmomente, die Gespräche der Ermittler untereinander über den Fall und, immer wieder, das Erstellen der Protokolle stehen im Mittelpunkt des Films. Es ist unglamouröse Routine. Dazu gehört auch der tägliche Kampf mit Budgetbeschränkungen und streikenden Kopierern. Einige, wenige Einblicke in das Privatleben der Polizisten und wie sie mit dem Fall versuchen umzugehen, runden das Bild ab. Aber weitgehend bleibt Moll bei der nüchternen Schilderung der Ermittlungen – und wir Zuschauer fragen uns selbstverständlich von der ersten Minute an, wer der Täter sein könnte und, noch mehr, wo die Polizei Fehler machte, die eine Aufklärung verhindern.
„In der Nacht des 12.“ ist ein gerade wegen seiner Herangehensweise spannender und ungewöhnlicher Krimi. Die Spannung entsteht aus dem präzisen und nüchternen Einblick in die alltägliche Polizeiarbeit.
In der Nacht des 12.(La nuit du 12, Frankreich/Belgien 2022)
Regie: Dominik Moll
Drehbuch Gilles Marchand, Dominik Moll
LV: Pauline Guéna: 18.3: Une année à la PJ, 2021 (Sachbuch; eigentlich keine Verfilmung, sondern eher „lose inspiriert von einem in der Reportage geschildertem Mord“)
mit Bastien Bouillon, Bouli Lanners, Pauline Serieys, Théo Cholbi, Johann Dionnet, Thibaut Evrard, Anouk Grinberg
Bei einem Autounfall sterben die Eltern der zehnjährigen Cady. Danach wird Gemma Cadys Vormund. Gemma hat wenig bis keine Ahnung von Kindern. Sie ist Single und hat auch kein Interesse an einem Partner. Viel lieber versinkt sie in ihrer Arbeit. Bei dem Spielzeugkonzern Funki’s Purrpetual Pet’s arbeitet sie als Robotik-Expertin. Entsprechend wenig Zeit und Nerven hat sie für ihre Nichte, die sie nur aus Pflichtgefühl bei sich aufnimmt. Schließlich starb ihre Schwester bei dem Unfall und jetzt ist sie Cadys nächste Verwandte.
Um ihren Erziehungspflichten nachzukommen und weil die ersten gemeinsam verbrachten Tage katastrophal verliefen, programmiert Gemma einen Hightech-Roboter, der wie eine Puppe aussieht, als beste Freundin von Cady. M3GAN, so ihr Produktname, wird auch schnell die beste Freundin von Cady. Und, entsprechend ihrer Programmierung, beschützt sie Cady gegen Bedrohungen. Das kann in der Vorstadtsiedlung, in der sie wohnen, die biestige Nachbarin und ihr kläffender Hund sein. Das kann bei einer Freizeit mit gleichaltriger Rüpel sein.
Die Idee für „M3GAN“ entstand, als James Wan, dem wir auch die „Insidious“- und „Conjuring“-Filme verdanken, sich mit einigen Kollegen unterhielt und sie bemerkten, dass es mehr Filme mit Killerpuppen geben sollte. So seien die Puppen in Wans bisherigen Filmen immer von Dämonen bessessen gewesen und hätten nicht aus eigenem Antrieb getötet. Dieses Gespräch führte letztendlich zu einer Story-Idee von James Wan und Akela Cooper und einem Drehbuch von Akela Cooper. Zu ihren Arbeiten gehören „Malignant“ (von Wan inszeniert) und „The Nun 2“ (von Wan produziert; soll im September 2023 anlaufen). Gerard Johnstone („Housebound“) wurde als Regisseur für diesen gradlinigen SF-Horrorthriller engagiert.
Die Story ist gut konstruiert, aber auch vorhersehbar. Denn dass M3GAN zur tödlichen Bedrohung für ihr Umfeld wird, überrascht niemand. Auch wenn es ziemlich lang dauert, bis die Killerpuppe zum ersten Mal eine Bedrohung für Cady eliminiert. Das geschieht eher unblutig. Der Grund dafür ist nicht die alte Filmweisheit, dass kein Regisseur die Vorstellungskraft seines Publikums unterschätzen sollte, sondern das in den USA angestrebte und erhaltene PG-13-Rating.
Als schwarzhumoriger Shocker mit zu vorhersehbarem Ende und milden satirischen Spitzen gegen multinationale Konzerne ist „M3GAN“ gelungen. Dafür ist Komiker Ronny Chieng („The Daily Show“), der den Firmenchef von Funkis spielt, zuständig. Auch M3GAN, gespielt von Amie Donald und im Original gesprochen von Jenna Davis, verbreitet als sich teils ungelenk, teils der Schwerkraft trotzend bewegt und mit unbewegtem Gesicht teils altklug, teils bedrohlich spricht, sorgt für etwas Komik. Schließlich ist sie eine unberechenbare Mischung aus Kinderpuppe, bester Freundin, Gouvernante und Killermaschine.
Allerdings machen Gerard Johnstone und Akela Cooper erstaunlich wenig aus der Geschichte.
Denn „M3GAN“ hätte mühelos auch eine Satire auf das US-Vorstadtleben und eine Abhandlung über die Gefahren von Künstliche Intelligenz werden können. Die Macher begnügen sich mit einem gradlinigem Horrorfilm, in dem eine KI ihre Programmierung zu umfassend interpretiert.
In den USA, wo „M3GAN“ vor einer Woche startete, spielte der Film über 30 Millionen US-Dollar ein, eroberte den zweiten Platz der Kinocharts (hinter diesem Film von James Cameron) und die Herzen der Horrorfilmfans, die sich selbstverständlich auf mindestens eine Fortsetzung freuen können.
M3GAN (M3GAN, USA 2022)
Regie: Gerard Johnstone
Drehbuch: Akela Cooper (nach einer Geschichte von Akela Cooper und James Wan)
mit Allison Williams, Violet McGraw, Amie Donald, Ronny Chieng
Regie: Quentin Tarantino [Regie „Nation’s Pride“: Eli Roth]
Drehbuch: Quentin Tarantino (deutsche Dialoge: Tom Tykwer; französische Dialoge: Nicholas Richard)
Frankreich, 1944: Aldo Raine und seine Spezialeinheit sind zum Nazi-Skalpieren nach Europa gekommen. Die Jüdin Shosanna will den SS-Mann Hans Landa (Oscar für Christoph Waltz), der ihre Familie umbrachte, töten. In Paris, in einem Kino, treffen sie sich.
Ein feiner Kriegsfilm, den man unbedingt in der Originalfassung, in der meisterlich zwischen den verschiedenen Sprachen gewechselt wird, ansehen sollte. Außerdem wird auch im Original die meiste Zeit deutsch gesprochen.
Wahrscheinlich wird die deutsche Synchronisation gezeigt.
mit Brad Pitt, Mélanie Laurent, Eli Roth, Christoph Waltz, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Jacky Ido, B. J. Novak, Omar Doom, August Diehl, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Mike Myers, Julie Dreyfus, Mike Myers, Rod Taylor, Sönke Möhring, Ken Duken, Christian Berkel, Ludger Pistor, Jana Pallaske, Bo Svenson, Enzo G. Castellari (als er selbst), Samuel L. Jackson (Erzähler in der Originalversion)
Liebe und Intrigen (Crime d’amour, Frankreich 2010)
Regie: Alain Corneau
Drehbuch: Alain Corneau, Nathalie Carter
Christine (Kristin Scott Thomas) ist die Managerin der französischen Abteilung eines US-Konzerns, die kurz vor einer Beförderung in die USA steht und die ihre Untergebenen schamlos manipuliert. Auch die sie bewundernde Isabelle (Ludivine Sagnier), die irgendwann auch anerkannt werden möchte. Es beginnt ein tödlicher Zickenkrieg voller Wendungen und Überraschungen.
„Love Crime“ ist ein edler französischer Noir. Ein elegant inszenierter Kriminalfilm, der fest in der Tradition des französischen Kriminalfilms steht und seine Vorbilder in den Filmen der sechziger und siebziger Jahre hat, in denen man niemals sicher sein konnte, welche Gerechtigkeit, falls überhaupt, am Ende siegt.
Das Sahnehäubchen ist die Musik von Pharoah Sanders.
mit Ludivine Sagnier, Kristin Scott Thomas, Patrick Mille, Guillaume Marquet, Gérald Laroche, Julien Rochefort, Olivier Rabourdin
Sturm auf das Kapitol – Der Angriff auf die US-Demokratie (Four Hours at the Capitol, Großbritannien/USA/Deutschland 2021)
Regie: Jamie Roberts
Drehbuch: Jamie Roberts
Neunzigminütige, auf kommentierende Einordnungen verzichtende Doku mit teils unveröffentlichtem Material über den Sturm von Trump-Anhängern auf das Kapitol, um dort die Verlesung und Bestätigung des Wahlergebnis zu verhindern.
Es war, und neuere Dokumente belegen das immer eindeutiger, ein versuchter Staatsstreich von Oben. Bis jetzt gibt es keine ernstzunehmende Distanzierung oder Auseinandersetzung der Republikaner damit. Stattdessen arbeiten sie weiter an der Aushöhlung der US-Demokratie mit Wahlrechtsänderungen (die ihnen als Minderheit die Mehrheit sichern sollen) und Lügen.
Jamie Roberts: „Mein Fazit, nachdem ich die vielen unterschiedlichen Filmaufnahmen gesehen und meine Interviews geführt hatte, ist die Erkenntnis, wie zerbrechlich die Demokratie doch ist. Der Film zeigt, wie an diesem Tag die Demokratie beinahe gekippt wurde. Dieser Tag hat gezeigt, dass die Demokratie geschützt werden muss. Es gibt auch unabhängig vom Sturm auf das Kapitol bei Donald Trump und in bestimmten Teilen der Republikanischen Partei Strategien, die antidemokratisch sind. Das ist wirklich besorgniserregend für jeden, der wirklich an die Demokratie glaubt und sie schätzt.“
Ulla Berlitt bittet Schimanski, ihr bei der Suche nach ihrem verschwundenem Freund zu helfen. Sie hoffen, in einem einsam im Wald gelegenem Haus hilfreiche Hinweise zu finden. Als sie das Haus verlassen wollen, wird auf sie geschossen.
Elfter Schimanski-Tatort; aus meiner Erinnerung eine spannende Angelegenheit, die vor allem in dem titelgebendem Haus im Wald spielt.
mit Götz George, Eberhard Feik, Werner Schwuchow, Christiane Lemm, Dominic Raacke, Rolf Zacher, Andras Fricsay
Als Harry und Eve ein Kind adoptieren wollen, kommt heraus, dass Harry bereits verheiratet ist. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung.
TV-Premiere. Lange Zeit vergessener, in Rückblenden erzählter Noir, der seit der Entdeckung von Ida Lupino als Regisseurin wieder entdeckt und als Meisterwerk abgefeiert wird.
Damals urteilte das Lexikon des internationalen Films harsch: „Wenig überzeugendes Melodram.“ Und der Film war „frei ab 18 Jahre“. Inzwischen ist er „frei ab 12 Jahre“.
Arte zeigt ihn als Original mit Untertiteln.
mit Joan Fontaine, Edmond O’Brien, Ida Lupino, Edmund Gwenn, Jane Darwell
LV: John Grisham: The pelican brief, 1992 (Die Akte)
Politthriller über eine Jurastudentin (Julia Roberts), die einen Umweltskandal, der auch den Präsidenten belastet, aufdeckt.
Der starbesetzte Film war eine der ersten Grisham-Verfilmungen: handwerklich perfekt, grandiose Besetzung vor und hinter der Kamera, unpersönlich, mit Justiz-Grundierung und überlang. Pakula, dem wir immerhin die Klassiker „Klute“, „Zeuge einer Verschwörung“ und „Die Unbestechlichen“ verdanken, meinte, das Buch sei so aufregend wie eine Achterbahnfahrt. Das kann man von dem Film nicht behaupten.
Danach, um 22.30 Uhr, zeigt Arte das neue, gut einstündige Porträt „Denzel Washington – Spiegelbilder Amerikas“ (Frankreich 2021).
Mit Julia Roberts, Denzel Washington, Sam Shepard, Robert Culp, John Lithgow, Stanley Tucci
mit Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones, Shirley Henderson, Hayley Carmichachel, Stacy Martin, Bebe Cave, Christian Lees, Jonah Lees, Alba Rohrwacher, Massimo Ceccherini, Guillaume Delaunay
Auf dem Festland tobt der irische Bürgerkrieg. Auf der vor Irland liegenden Insel Inisherin tobt im März/April 1923 ein ganz anderer Krieg. Denn aus heiterem Himmel will Colm Doherty (Brendan Gleeson) sich nicht mehr mit Padraic Súilleabháin (Colin Farrell) unterhalten. Dabei sind sie seit Ewigkeiten Freunde. Jeden Tag trinken sie im örtlichen Pub Bier und reden miteinander. Aber jetzt bricht Colm, ohne irgendeine Erklärung, den Kontakt zu Padraic ab. Padraic will das nicht akzeptieren. Er will wissen, warum.
Im normalen Leben könnte diese Situation mit einem Gespräch, etwas Einsicht und gutem Willen einvernehmlich beendet werden. Aber Martin McDonagh lässt in seinem neuen Film „The Banshees of Inisherin“ den Konflikt zwischen Colm und Padraic schonungslos eskalieren. Denn je mehr Padraic wissen möchte, warum sein bester Freund nicht mehr mit ihm reden will, umso rigoroser verweigert Colm eine Antwort. Er droht sogar, sich einen Finger abzuschneiden, wenn Padraic ihn wieder anspricht. Als dieser es dennoch tut, schneidet Colm sich seinen ersten Finger ab.
Dieser Kampf zwischen den beiden ehemaligen Freunden wird beobachtet von den weitgehend stumm bleibenden Inselbewohnern. Ernsthaft versucht nur Colms Schwester zu vermitteln. Der Dorfpfarrer und der Dorfpolizist, der seinen Sohn missbraucht und schlägt, schauen zu. Und eine alte Frau mit seherischen Fähigkeiten macht rätselhafte Andeutungen über die Zukunft. So prophezeit sie kurz vor dem Filmende zwei Tote.
Wie schon in seiner vorherigen, etwas besseren Schwarzen Komödie „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ brauchen die Dorfbewohner keine Auswärtigen, um sich das Leben zur Hölle zu machen. Aber während Mildred Hayes einen guten Grund für das Aufstellen der titelgebenden Billboards, in denen sie die lokale Polizei auffordert, den Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter zu suchen, hat Colm keinen ähnlich nachvollziehbaren Grund für sein Verhalten.
Weil McDonagh die Geschichte nicht irgendwann in der Vergangenheit, sondern vor hundert Jahren, ist die Geschichte von Colm und Padraic auch ein Kommentar zum irischen Bürgerkrieg und dem Nordirlandkonflikt. Es geht ihm dabei nicht um Schuldzuweisungen oder Erklärungen eines in seiner Radikalität und Dauer nicht wirklich zu erklärenden Konflikts. Ihm geht es darum, eine Dynamik zu erklären und damit auch zu erklären, warum dieser Konflikt über Jahrzehnte andauerte und, dank des Brexits, jederzeit wieder ausbrechen kann.
McDonaghs bitterböse, schwarzhumorige Parabel wird von den Kritikern geliebt. Sie ist im Moment für zahlreiche Preise nominiert und hat schon etliche gewonnen. Zu Recht.
The Banshees of Inisherin (The Banshees of Inisherin, USA 2022)
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Kerry Condon, Barry Keoghan, Gary Lydon
Buch zum Film: Lee Hays: Once Upon a Time in America, 1984 (Es war einmal in Amerika)
Kamera: Tonino Delli Colli
Musik: Ennio Morricone
Ein grandioses Gangsterdrama: die Geschichte von Freundschaft und Verrat – erzählt in wunderschönen Bildern und in einer komplexen Struktur, die lose auf dem autobiographischen Buch von Harry Grey basiert. Leone meinte, im Drehbuch seien nur zehn bis zwanzig Prozent des Buches enthalten.
Mit Robert de Niro, James Woods, Joe Pesci, Treat Williams, Burt Young, Elizabeth McGovern
Antiquarischer Buchtipp: Zum Filmstart erschien im Bastei-Lübbe-Verlag das Buch zum Film mit Hays’ Roman, vielen Filmbildern (SW und Farbe), einem Sergio-Leone-Porträt von Andreas Kern und einem Text von Leone über den Film. So machen „Bücher zum Film“ Spaß.