Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.
Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.
Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young
Am Dienstag, den 14. Juni, startet die diesjährige Ausgabe des Jüdischen Filmfestival Berlin/Brandenburg (JFBB). Es findet zum 28. Mal statt und es eines der Filmfestivals, die mich jedes Mal Filme sehen lässt, die ich sonst nicht sehen würde. Das tun andere Filmfestival natürlich auch, aber das Besondere bei diesem Filmfestival ist, dass alle Filme irgendetwas mit dem Judentum und dem jüdischen Leben in der Gegenwart und Vergangenheit zu tun haben.
Dieses Jahr werden bis zum Sonntag, den 19. Juni, 43 Dokumentar- und Spielfilme, die teilweise auch später im Kino laufen, und zwei Serien gezeigt. In Potsdam im Fimmuseum Potsdam, im Haus der Brandburgisch-Preußischen Geschichte und im Thalia-Progammkino; in Berlin im Delphi Lux, im Passage Kino, auf dem Jüdischen Theaterschiff MS Goldberg und, Open Air, im Sommerkino Kulturforum.
Thematisch beschäftigen sich viele Filme mit dem Holocaust und seinen Folgen. Und es gibt eine neun Filme umfassende Hommage an Jeanine Meerapfel. Sie wurde 1943 in Argentinien als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten geboren. Aktuell ist sie die Präsidentin der Akademie der Künste Berlin. Seit ihrem Spielfilmdebüt „Malou“ beschäftigt sie sich immer wieder mit ihrer Familiengeschichte, dem Antisemitismus und den Folgen von Emigration. Ihr, jedenfalls vom Titel bekanntester Film, dürfte „Die Kümmeltürkin geht“ sein. Ihr neuester Film „Eine Frau“, über ihre Mutter, wird am Dienstagabend im Hans-Otto-Theater (Potsdam) als Eröffnungsfilm des Festivals gezeigt.
Die anderen Filme des Festivals werden in den Reihen „Wettbewerb Spielfilm“, „Wettbewerb Dokumentarfilm“ und Kino Fermished“ gezeigt.
Zum Beispiel Natalia Sinelnikovas beeindruckende Dystopie „Wir könnten genauso gut tot sein“ über eine Gated Community, deren Bewohner nach dem Verschwinden eines Hundes zunehmend paranoid werden. Das Spielfilmdebüt der Absolventin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf lief auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“.
Oder Aurélie Saadas Porträt der 78-jährigen „Rose“, die sich nach dem Tod ihres Ehemannes und einer Phase der Trauer ins Leben stürzt. Zum Entsetzen ihrer Kinder.
Oder Gabriel Matias Lichtmanns Mockumentary „The Red Star“ über Laila Salama, eine Agentin, die 1960 auch an der Entführung von Adolf Eichmann in Buenos Aires beteiligt war.
Ebenfalls auf der Berlinale lief Maggie Perens „Der Passfälscher“ über den jungen Juden Cioma Schönhaus, der sich 1942 in Berlin ins Leben stürzt, nach dem Motto „wenn mich alle sehen, kann ich kein von den Nazis verfolgter Jude sein“ und der gleichzeitig zahlreiche Pässe fälschte. Wer nicht bis zum regulären Kinostart am 13. Oktober warten will, kann sich den Film schon jetzt ansehen.
Ebenfalls im Zweiten Weltkrieg spielt Roman Shumunovs „Berenshtein“. In der Deutschlandpremiere geht es um den ukrainisch-jüdischen Partisan Leonid Berenshtein, der 1944 in Polen das Versteck der Nazis für die V2-Raketen entdeckte. Der Film, der auch Dokumentaraufnahmen enthält, soll Anfang November als „Der letzte Partisan – Die wahre Geschichte des Leonid Berenshtein“ auf DVD erscheinen.
Eine Weltpremiere ist Jan Tenhavens „Adam & Ida – Almost a Fairytale“ über Zwillinge, die sich über fünfzig Jahre nachdem sie 1942 getrennt wurden, wieder sehen und im Film ihre Lebensgeschichte erzählen.
In „We wept without tears“ erzählen im Sommer 1993 sechs der damals letzten jüdischen Überlebenden des „Sonderkommandos“ des KZ Auschwitz-Birkenau über ihre Erlebnisse. Gigeon Greif und Itai Lev montierten aus diesen Zeitzeugenaussagen jetzt diesen Film.
In seinem neuen Film „Babi Yar. Context“ montiert Sergei Loznitsa, wie man es aus seinen anderen Filmen kennt, ohne einen Sprecherkommentar, der die Bilder einsortieren könnte, historische Aufnahmen zusammen. Es geht um das Leben in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, den Mord von 33.771 Juden und Jüdinnen in der bei Kiew gelegenen Schlucht von Babi Yar und der juristischen Behandlung nach dem Zweiten Weltkrieg.
In „Apples and Oranges“ gibt Yoav Brill einen kurzweiligen Einblick in die Geschichte der Kibbuz-Bewegung. Vor allem in den Siebzigern verbrachten Jugendliche ihren Sommerurlaub in Israel in einem Kibbuz. Neben der Arbeit auf dem Bauernhof wollten sie auch, ohne den strengen Blick ihrer Eltern, Sex, Drugs & Rock’n’Roll ausprobieren. Die Einheimischen waren zunehmend weniger begeistert.
Trish Adlesic schildert in seinem Dokumentarfilm „A Tree of Life“, und damit sind wir fast in der Gegenwart, das am 27. Oktober 2018 von einem Rechtsextremisten verübte Attentat auf die Synagoge Tree of Life Or L’Simcha in Pittsburgh. Er erschoss elf Menschen und verletzte sechs weitere. Es ist der bislang schwerste in den USA verübte antisemitischen Anschlag.
Eine Besonderheit für Stummfilm-Fans ist Deutschland-Premiere der restaurierten Fassung von Charles E. Davenports 1919 entstandenem und lange als verschollen geglaubtem Stummfilm „Broken Barriers“. Es handelt sich um die erste US-amerikanische Adaption der „Tewje, der Milchmann“-Geschichte. Beide Aufführungen des Stummfilms werden von Daniel Kahn, einem Folk-Klezmer-Punk-Singer-Songwriter, musikalisch begleitet.
Buch zum Film (Drehbuch): Quentin Tarantino: Reservoir Dogs – Das Buch zum Film/Zweisprachige Ausgabe (rororo 1997)
Einige Gangster überfallen einen Juwelier. Der Überfall geht schief. Sie flüchten in eine Garage. Mr. Orange (sie kennen sich nur unter Farb-Pseudonymen) liegt schwerverletzt auf dem Boden und kämpft um sein Leben. Die anderen Gangster versuchen währenddessen die 100.000-Dollar-Frage „Wer hat uns verraten?“ zu klären.
Der Einfluss von Quentin Tarantinos Kinodebüt auf das Kino der Neunziger Jahre kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich sage nur nicht-chronologisches Erzählen (Bis dahin galt die eiserne Regel: Keine Rückblenden!), lustvoll zelebrierte Gewalt, coole Dialoge und oft ebenso coole Monologe.
Mit Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Edward Bunker, Quentin Tarantino
Der vierzigjährige, neurotische Komiker Alvy Singer erzählt von seinem Leben und seiner Beziehung zu Annie Hall.
Woody Allens bekanntester Film. Hier ist für uns Zuschauer kein Unterschied zwischen Woody Allen und dem von ihm erfundenen Alvy Singer zu spüren – und dabei ist letztendlich doch alles erfunden. Jedenfalls irgendwie.
„Annie Hall“ erhielt die Oscars für den besten Film, Regie, Drehbuch und Hauptdarstellerin (Diane Keaton) und zahlreiche weitere Preise.
Mit Woody Allen, Diane Keaton, Tony Roberts, Carol Kane, Paul Simon, Janet Margolin, Shelley Duvall, Christopher Walken, Marshall McLuhan (als er selbst), Jeff Goldblum (Partygast), Walter Bernstein (Annies Date vor dem Theater), Sigourney Weaver (Alvys Date vor dem Theater), Truman Capote (Capote Look-Alike)
„‚Die Schöne und das Biest‘ für die Generation TikTok“ lautet der Werbespruch für „Belle“. Das klingt jetzt zuerst einmal abschreckend. Allerdings ist „Belle“ ein Animationsfilm, der vom japanischen Animationsstudio Chizu produziert wurde, das einen ausgezeichneten Ruf hat. Sozusagen, im Werbesprech, das japanische Pixar.
Die von „Belle“-Regisseur Mamoru Hosoda („Miral – Das Mädchen aus der Zukunft“, „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“) erfundene Geschichte interpretiert die bekannte Geschichte von der Schönen und dem Biest neu.
Die Schöne ist die schüchterne siebzehnjährige Suzu. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Vater in einem kleinen Dorf. Seit dem Tod ihrer Mutter vermeidet sie, so gut es geht, jeden Kontakt zu anderen Menschen. Und sie kann nicht mehr singen.
Als sie sich auf „U“ anmeldet, ändert sich ihr Leben. „U“ ist eine virtuelle Welt mit fünf Milliarden Nutzern (bei aktuell acht Millliarden Menschen weltweit ist das eine beachtliche Nutzerzahl). Die Avatare werden in dieser Welt nicht von den Benutzern ausgewählt, sondern aufgrund der biometrischen Daten und der wahren Persönlichkeit der Anmeldenden errechnet. In U wird das Mauerblümchen zu Belle. Als sie beginnt zu singen, begeistert sie sofort die anderen User. In U wird sie immer bekannter. Alle lieben sie.
Da taucht das Biest auf. Es ist ein böser Avatar, der alles zerstört und für Chaos sorgt. Trotzdem sieht Suzu in ihm eine ähnlich verletzte Seele. Sie will ihm helfen. In U und, mit ihren Freunden, in der realen Welt.
Diese beiden Welten sind in „Belle“ auch optisch getrennt. Die reale Welt besteht aus handgemalten japanischen Landschaften. Die virtuelle Welt ist computeranimiert. Sie ist kälter, technischer und hat andere Farben. Diese Welt erinnert an virtuelle Welten, wie wir sie aus Cyberpunkt-Filmen, wie den „Matrix“-Filmen, und Science-Fiction-Animes, wie „Ghost in the Shell“ kennen. Wobei Hosoda die positiven Möglichkeiten des Cyberspace betont. Daher sind seine Bilder von U sehr bunt und freundlich.Das Erzähltempo und die Schnittgeschwindigkeit sind, im Gegensatz zu dem TikTok-Werbespruch, gemächlich und mit zwei Stunden ist der Film ziemlich lang geraten.
Die Story selbst folgt gelungen den Konventionen eines Liebesfilms und Popmärchens, ohne dies bis zum letzten Detail zu kopieren. Das wird besonders deutlich am Filmende, wenn es darum geht, die Identität vom Biest zu enthüllen.
Vor allem pubertierende Mädchen dürften begeistert sein.
Belle (Ryū to Sobakasu no Hime, Japan 2021)
Regie: Mamoru Hosoda
Drehbuch: Mamoru Hosoda
mit (im Original den Stimmen von) Kaho Nakamura, Ryō Narita, Shōta Sometani, Tina Tamashiro, Lilas Ikuta, Ryōko Moriyama
mit (in der deutschen Fassung den Stimmen von) Lara „Loft“ Trautmann, nico Sablik, Tim Schwarzmaier, Laura Oettel, Lea Kalbhenn, Patrick Baehr, Julia Biedermann
A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
Als der militante Tschetschene und Islamist Issa Karpov in Hamburg auftaucht, ist Geheimagent Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) alarmiert. Mit seinem Team und anderen Geheimdiensten heftet er sich an Karpovs Fersen. Der behauptet, nur ein Flüchtling zu sein.
Sehr gelungene, top besetzte John-le-Carré-Verfilmung und einer der letzten Leinwandauftritte des viel zu früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman.
Eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke
Neil Bennett (Tim Roth) und seine Familie hängen entspannt in einem noblen Hotel in Acapulco ab. Sie sind im Urlaub, trinken viel Alkohol, lassen sich manchmal ins Wasser gleiten, aber insgesamt achten sie darauf, sich möglichst wenig zu bewegen. Es ist ein Bild des Stillstands, das Regisseur Michel Franco (zuletzt „New Order – Die neue Weltordnung“) in den ersten Minuten seines neuen Films „Sundown – Geheimnisse in Acapulco“ zeichnet. Und im Gegensatz zum Titel, der zu einem generischen Thriller passt, ist Francos Film kein Krimi, sondern eine Stillstandsbeschreibung und ein psychologisches Drama.
Unterbrochen wird der Urlaub durch die Nachricht, dass seine Mutter gestorben ist. Seine Schwester Alice (Charlotte Gainsbourg) organisiert sofort die Rückreise und die Beerdigung. Am Flughafen sagt Neil, er habe seinen Pass im Hotel vergessen. Er werde mit dem nächsten Flug nachkommen.
Das tut er aber nicht. Stattdessen wirft er seinen Pass in die nächste Mülltonne, mietet sich in einem billigem Hotel ein und duselt, betäubt von Unmengen Bier, am Strand vor sich hin. Er will nur seine Ruhe haben, sich möglichst wenig bewegen und mit niemandem reden. Später lernt er eine jüngere Kioskverkäuferin kennen. Sie reißt ihn ein wenig aus seiner Lethargie.
Und wir fragen uns, warum er nicht zur Beerdigung fahren will, warum er sich nicht um sein Millionenerbe kümmern will und was die verschiedenen Verbrechen und Morde mit ihm und seiner Familie zu tun haben.
Am Ende, das hier nicht verraten wird, wird Neils Verhalten erklärt. Dadurch wird sein Verhalten nachvollziehbar und, hätten wir das von Anfang an gewusst, hätten wir eine sehr interessante Fallstudie gesehen. Andererseits wird der Film dadurch gleichzeitig schwächer. Denn jetzt gibt es eine Erklärung, die alle anderen Interpretationen ausschließt.
Dabei ist genau dieses Anbieten von vielen möglichen, teils widersprüchlichen Interpretationen die Stärke von „Sundown“; wenn man sich auf solche Filme einlassen möchte. Denn, wie bei einem abstraktem Gemälde, kann bis zur letzten Minute jeder irgendetwas in das Drama hineinintrepretieren oder sich einfach von der Atmosphäre gefangen nehmen lassen.
Gleichzeitig zeigt Franco die dunklen Seiten des Urlaubsparadieses, das seit Jahren im Verbrechen versinkt. Das heutige Acapulco hat nichts mehr mit der Stadt zu tun, in der 1979 geborene Franco als Kind seine Ferien verbrachte, und noch weniger mit dem Urlaubsparadies der sechziger Jahre für US-Amerikaner.
Tim Roth als passiver Protagonist ist fantastisch. Er redet fast nichts und er bewegt sich kaum. Es gibt auch kein erklärendes Voice-over. Und trotzdem verstehen wir, wie Neil sich fühlt.
Michel Franco schrieb das Drehbuch für ihn. Es handelt sich dabei, nach den Filmen „Chronic“ und „600 Miles“ (den er nur produzierte), um die dritte Zusammenarbeit zwischen ihnen.
Sundown – Geheimnisse in Acapulco (Sundown, Mexiko/Frankreich/Schweden 2021)
Regie: Michel Franco
Drehbuch: Michel Franco
mit Tim Roth, Charlotte Gainsbourg, Iazua Larios, Henry Goodman, Albertine Kotting McMillan, Samuel Bottomley
Taxifahrer Travis Bickle nimmt das Gesetz in die eigene Hand.
Das bekannteste Werk des Teams Scorsese/Schrader, einer von De Niros bekanntesten Filmen und die letzte Arbeit von Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann. „Taxi Driver“ ist die eindrucksvolle Studie eines soziopathischen Einzelgängers und eine Liebeserklärung an New York. Ein unumstrittener Klassiker
mit Robert De Niro, Jodie Foster, Cybill Shepherd, Peter Boyle, Harvey Keitel, Leonard Harris, Albert Brooks, Martin Scorsese (Mann im Taxi am Filmende)
France de Meurs (Léa Seydoux) hat bei einem Privatsender eine erfolgreiche TV-Talksendung. Gleichzeitig macht sie in Kriegsgebieten Vor-Ort-Reportagen. Sie ist der Liebling der Nation. Für Autogramme und Selfies warten ihre Fans stundenlang devot vor dem Gebäude des Senders. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn. Beide sind für sie Statussymbole.
Bruno Dumont zeichnet France de Meurs Leben in der Medienblase in kurzen, mehr komödiantisch als satirisch überspitzten Szenen. Denn für eine Satire bräuchte es ein eindeutiges Ziel, eine Haltung und eine intellektuelle Durchdringung des Themas. Eine Geschichte wäre auch hilfreich. In „France“ entsteht der Humor aus einem vollkommen pubertärem Verhalten von France de Meurs und ihrer Produzentin während einer Pressekonferenz von Präsident Emmanuel Macron. Oder aus ihrem Verhalten während ihrer zahlreichen Reportagen. Als sie Flüchtlinge über das Mittelmeer begleitet, verbringt sie nur wenige Minuten im Boot der Flüchtlinge. Als sie durch Kriegsgebiete stolpert, hat sie keine Ahnung von dem Geschehen. Die Reportagen macht sie auch nicht, weil sie sich für die Konflikte im Kriegsgebiet interessiert, sondern weil sie eine gute Quote bringen. In ihrer Heimat ist sie dann die vom Leben abgehobene Society-Dame, die vor allem auf ihr perfektes Make-up achtet.
Dumont erzählt das in einer Abfolge unverbundener Szenen, in denen keine Entwicklung erkennbar ist. So hat keine ihrer Kriegsreportagen eine Auswirkung auf ihr Leben und Denken. Als während einer Sendung ihre Mikrophone durch einen dummen Zufall eingeschaltet bleiben und alle ihre defätistischen Kommentare hören, ist das schon zwei Minuten später vergessen. Als ihr Mann und ihr Sohn bei einem Autounfall sterben, hat auch das keine Auswirkung auf ihr Leben. Sie waren vorher unwichtig und sind danach nicht wichtiger.
Schnell begreift man, dass „France“ keine Mediensatire, sondern das Porträt einer quotenversessene Celebrity-Reporterin ist, die innerlich leer ist, sich fremd in ihrem Leben fühlt, keinerlei Interessen hat und höchstens über das Gefühl des Selbstmitleids verfügt; falls sie überhaupt intelligent genug ist, um Gefühle zu haben. Das hat man allerdings schon nach wenigen Minuten verstanden. Die dann folgenden gut zwei Stunden wird einem diese Erkenntnis immer wieder ohne nennenswerte Variation präsentiert. Entsprechend länglich fühlt sich diese Zustandsbeschreibung einer dummen, eitlen, zu keiner Selbstreflektion fähigen und damit schichtweg uninteressanten Person an. Sie ist einfach nur ein großes egozentrisches Nichts.
France (France, Frankreich/Deutschland/Italien/Belgien, 2021)
Regie: Bruno Dumont
Drehbuch: Bruno Dumont
mit Léa Seydoux, Juliane Köhler, Benjamin Biolay, Blanche Gardin
Für Heavy-Metal-, Thrash-Metal- und auch Rockmusikfans ist „Total Thrash – The Teutonic Story“ selbstverständlich ein Pflichtfilm, der einige Lücken im Musikwissen füllen oder wohlige Erinnerungen wecken kann.
Trotzdem hat Daniel Hofmanns Musikdoku unübersehbare Schwächen. Er zeichnet die Geschichte des deutschen Thrash Metals von seinen Anfängen, die vor allem im Ruhrgebiet in Essen lagen, bis in die Gegenwart nach. Und das ist schon ein Problem des Films. Er presst vierzig Jahre in zwei Stunden. Mit einem kurzen Ausflug in die DDR (das wäre ein Thema für eine eigene Doku), einigen Statements zu den Neunzigern (als die Fans unzufrieden mit den musikalischen Weiterentwicklungen der Bands waren und sowieso mit Grunge und Alternative nichts anfangen konnten), einigen Splittern zum aktuellen Thrash Metal und wenig erkenntnisreichen Frage-Spielen (so in Richtung „Welche Kleider hat ein Thrash-Metal-Fan an?“, „Was tut er?“ und „Was ist Thrash Metal?“). Hier wäre eine Konzentration auf einen Aspekt besser gewesen.
Gerade die bislang filmisch nicht erkundeten Anfänge des deutschen Thrash Metals mit Bands wie Tyrant (später Kreator), Sodom, Vortex, Knight of Demon, Kreator, Tankard und Destruction sind hochinteressant. Unter anderem Jürgen „Ventor“ Reil (Kreator), Thomas „Angelripper“ Such (Sodom), Peppi Dominik (Sodom), Andreas „Gerre“ Geremia (Tankard), Schmier (Destruction), Sabina Classen (Holy Moses, eine der wenigen für den Film interviewten Frauen), Andreas „Stoney“ Stein (Manager, u. a. von Kreator), Bogdan Kopec (Drakkar Entertainment), Holger Stratmann (Journalist und Mitgründer des Rock Hard Magazin) und Tamara Frankenberger und Willy Overbeck, die zu den Initiatoren der für die Bands wichtigen Zeche Carl in Essen gehören, – um nur einige wenige der vielen für den Film Interviewten zu nennen -, geben einen Einblick in die damalige Zeit, als Bands noch Musikkassetten verschickten, Plakate in Handarbeit hergestellt wurden und Auftritte am Telefon der Eltern verabredet wurden. Sowieso waren die Musiker noch sehr jung, teilweise noch nicht einmal volljährig.
Dieses erste Jahrzehnt des deutschen Thrash Metals wird in der ersten Hälfte der Dokumentation behandelt. Trotzdem hätte Hofmann noch mehr in die Tiefe gehen können. Seine Interviewpartner, teils Musiker, teils anderweitig in der Metal-Szene aktive Macher, teils Fans, wären dazu sicher bereit gewesen.
Historisch bedingt ist die weitgehende Abwesenheit von Fotos, Film- und Tonaufnahmen. Trotzdem hat Hofmann einige Bilder gefunden. Das änderte sich langsam in den Neunzigern und inzwischen dürfte es auch von der letzten Amateurband unzählige Aufnahmen geben. Auch in „Total Thrash“ sind die längeren Konzertaufnahmen neueren Datums.
Gut wäre eine stärkere Gewichtung gewesen. So wird in knapp zwei Stunden über zu viele Bands gesprochen, die teilweise nur in den Fankreisen bekannt sind. Es ist daher auch weitgehend unklar, wie wichtig sie waren und welchen Einfluss sie hatten.
Es wird auch zu vieles angesprochen, aber nie besteht die Zeit, es zu vertiefen. So geht es, immer nur wenige Minuten, auch um die Herkunft der Musiker, die politische Meinung der Bands und das Musikgeschäft. Wobei verschiedene Aspekte des Musikbusiness‘ im ersten Teil gut und auch differenziert dargestellt werden. Erst in der zweiten Hälfte kommt es zu verzichtbaren Allgemeinplätzen. Der kurze Abschnitt zu den politischen Ansichten der Bands fühlt sich wie ein Fremdkörper an. Immerhin wird hier auch auf die Plattencover verwiesen, die zuverlässig in ihrer Mischung aus hoffnungslos übertriebener Gewalt, Sex und Mittelaltermystik Eltern und Sittenwächter schockierten, und gesagt, dass es mehr um Provokation als um politische Statements ging.
Daniel Hofmann hätte sich bei den Ausschnitten aus den Interviews, die fast nur mit inzwischen schon älteren Männern geführt wurden, mehr Zeit lassen können. Gerade am Anfang gibt es eine Abfolge von Kürzeststatements, die vorbei sind, ehe man den Namen des Sprechenden und seine ‚Funktion‘ lesen kann. Das wird später besser, aber es bleibt durchgehend, wie man es aus zahlreichen US-Dokus kennt, bei kurzen Zitatschnipseln.
Trotzdem ist „Total Thrash“ ein spannender Blick in die bundesdeutsche Vergangenheit (vor allem wenn man ein gewisses Alter hat und bestimmte Orte besucht hat) und ein Stück Oral-Music-History.
Total Thrash – The Teutonic Story(Deutschland 2022)
Regie: Daniel Hofmann
Drehbuch: Daniel Hofmann
mit Jürgen „Ventor“ Reil, Thomas „Angelripper“ Such, Andreas „Gerre“ Geremia, Schmier, Andreas „Stoney“ Stein, Bogdan Kopec, Holger Stratmann, Sabina Classen, Tamara Frankenberger, Willy Overbeck
Fr. 10.06.22 | Schleswig | Capitol | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night in der Rockpalette mit Filmemacher Daniel Hofmann & Rezet
Sa. 11.06.22 | Schwerin | Filmpalast Capitol inklusive Thrash Metal Night bei The Scotsman Pub mit Filmemacher Daniel Hofmann
So. 12.06.22 | Greifswald | CineStar | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Klex mit Filmemacher Daniel Hofmann
Mo. 13.06.22 | Berlin | Intimes | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Brutz & Brakel mit Filmemacher Daniel Hofmann, Reactory, Exa, Spacechaser, Postmortem u.v.m.
Di. 14.06.22 | Cottbus | Obenkino | 18:30 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Muggefug mit Filmemacher Daniel Hofmann & Tormentor
Mi. 15.06.22 | Dresden | Programmkino Ost | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Skullcrusher Vereinsheim mit Filmemacher Daniel Hofmann
Do. 16.06.22 | Leipzig | Passage Kinos | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Hellraiser mit Filmemacher Daniel Hofmann & M.A.D.
Fr. 17.06.22 | Kassel | Filmladen | 18:30 Uhr inklusive Thrash Metal Night in der Goldgrube mit Filmemacher Daniel Hofmann & Mortal Terror
Sa. 18.06.22 | Ludwigsburg | Scala inklusive Thrash Metal Night im Sounds Rock Café mit DJ
So. 19.06.22 | Erfurt | Cinestar | 19 Uhr inklusive Thrash Party im From Hell mit Filmemacher Daniel Hofmann und Macbeth
Mo. 20.06.22 | Schweinfurt | KuK-Filmtheater | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Party im Stattbahnhof mit Filmemacher Daniel Hofmann, Vendetta & Spellbound
Di. 21.06.22 | Bamberg | Lichtspiel | 18:30 Uhr inklusive Thrash Metal Night in Fässla Stub’n mit Filmemacher Daniel Hofmann & Band Wulfpäck
Mi. 22.06.22 | Nürnberg | Cinecitta | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Party im Brown Sugar mit Filmemacher Daniel Hofmann & Mechanix
Do. 23.06.22 | München | Arena | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Flex mit Filmemacher Daniel Hofmann, Antipeewee, Hateful Agony u.v.m.
Fr. 24.06.22 | Neu-Ulm | Dietrich-Theater | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Hexenhaus Ulm mit Filmemacher Daniel Hofmann
Sa. 25.06.22 | Freiburg | Friedrichsbau Lichtspiele | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night mit Filmemacher Daniel Hofmann im Crash
So. 26.06.22 | Saarbrücken | Filmhaus | 18:30 Uhr mit Filmemacher Daniel Hofmann & Thrash Metal Night im kleiner Club Garage
Mo. 27.06.22 | Frankfurt am Main | Mal Sehn Kino | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Speak Easy mit Filmemacher Daniel Hofmann, Tankard & Odium
Di. 28.06.22 | Mannheim | Atlantis | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im 7er Club mit Filmemacher Daniel Hofmann
Mi. 29.06.22 | Koblenz | Apollo | 18 Uhr Apollo/Odeon inklusive Thrash Metal Night im Florinsmarkt mit Filmemacher Daniel Hofmann & Fabulous Desaster
Do. 30.06.22 | Aachen | Apollo Kino | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Schlüsselloch mit Filmemacher Daniel Hofmann & Holy Moses
Fr. 01.07.22 | Köln | Filmpalast | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Redrum mit dem Filmteam & Pripjat im Rahmen der 14. Kölner Kino Nächte
Sa. 02.07.22 | Siegen | Cinestar | 18 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Vortex mit dem Filmteam & Accuser
So. 03.07.22 | Brilon | Cineplex | 19 Uhr inklusive Thrash Metal Night im Kump mit dem Filmteam & Eradicator
Mo. 04.07.22 | Marburg | Cineplex | 19:30 Uhr Sondervorstellung in Anwesenheit von Regisseur Daniel Hofmann
Di. 19.07.22 | Bochum | Metropolis | 20:30 Uhr Sondervorstellung in Anwesenheit von Regisseur Daniel Hofmann
Mi. 20.07.22 | Gelsenkirchen | Schauburg | 20:30 Uhr Sondervorstellung in Anwesenheit von Regisseur Daniel Hofmann
Fr. 29.07.22 | Luzern (CH) | Bourbaki Kino inklusive Sonderveranstaltung im Rahmen 25 Jahre Thrasher Production/ Thrash Metal Night mit Filmemacher Daniel Hofmann, Gartenplausch und mehr
Es gibt viele Dinosaurier; also wirklich sehr viele. Nämlich insgesamt 27 verschiedene Dinosaurierarten. Zehn davon sind neu. Das dürfte die eingefleischten Dinosaurier-Fans des „Jurassic Park“-Franchises begeistern. Alle anderen fragen sich natürlich, ob es außer Dinosaurier noch andere Gründe für einen Kinobesuch gibt.
„Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ ist angekündigt als der Abschluss der aktuellen „Jurassic World“-Trilogie und, indem er die „Jurassic World“-Trilogie eindeutig mit der vorherigen „Jurassic Park“-Trilogie verbindet, ist dieser Dinosaurierfilm auch der Abschluss der „Jurassic Park/Jurassic World“-Filmreihe. So wurde der Film jedenfalls in den vergangenen Monaten angekündigt.
Abgesehen von den Dinosauriern vereinigt Colin Trevorrow in seinem neuesten „Jurassic World“-Film ungefähr alles, was aktuell an Blockbuster-Filmen so nervig und schlecht ist.
Beginnen wir mit der Story, in der eigentlich alle bekannten Hauptfiguren und wichtige Nebenfiguren aus den vorherigen fünf „Jurassic Park“/“Jurassic World“-Filmen wieder auftauchen.
Inzwischen sind die Dinosaurier überall und nirgends. Es gibt auch einen florierenden Schwarzmarkt mit Dinosauriern und irgendwie können sie sich fortpflanzen und doch nicht. Das Verhältnis zwischen Dinosauriern und Menschen ist unklar.
Owen Grady (Chris Pratt) und Claire Dearing (Bryce Dallas Howard), die Hauptdarsteller der „Jurassic World“-Filme, leben inzwischen seit Jahren mit der inzwischen pubertierenden Maisie Lockwood (Isabella Sermon) abseits der Zivilisation in den amerikanischen Wäldern. Lockwood ist, wie wir in „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ erfahren haben, ein genetischer Klon von Sir Benjamin Lockwoods Tochter. Sie wird von Männern des Biotech-Konzerns Biosyn gesucht – und gefunden. Sie entführen das Mädchen und flüchten, über Umwege, in die Dolomiten.
Grady und Dearing verfolgen die Entführer.
Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort in den USA entdeckt Paläobotanikerin Dr. Ellie Sattler (Laura Dern), dass Dinosaurier-Heuschrecken an diesem Ort die gesamte Ernte gefressen haben. Also einerseits nur die Ernte, die nicht mit einem bestimmten Saatgut behandelt wurde, andererseits würden diese Heuschrecken innerhalb kürzester Zeit alle Ernten vernichten (Hatte ich schon gesagt, dass Logik nicht die große Stärke des Films ist? Anyway…).
Sattler trifft den Paläontologen Dr. Alan Grant (Sam Neill) an seiner aktuellen Dinosaurier-Ausgrabungsstätte. Gemeinsam machen die beiden alten Bekannten sich auf den Weg in die Dolomiten. Dort hat der Biotech-Konzern Biosyn in einem Tal ein neues Dinosaurier-Forschungszentrum mit universitärem Lehrbetrieb eingerichtet. Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) arbeitet dort (Keine Ahnung warum; wahrscheinlich weil es so im Drehbuch steht.). Er ist der firmeninterne Philosoph und er hat seine alten Freunde Sattler und Grant eingeladen. Denn – Überraschung! – in dem Forschunglabor wird mit Dinosaurier-DNA experimentiert. Biosyn, verkörpert von ihrem CEO Lewis Dodgson (Campbell Scott als Bösewicht des Films), und ihre Top-Forscher, unter anderem der ebenfalls aus den vorherigen Filme bekannte Dr. Henry Wu (BD Wong), benötigen für ihre Experimente Lockwood.
Kurz nach der entführten Lockwood treffen auch Grady und Dearing in den Dolomiten ein. Bruchlandend in einem eisbedecktem Staudamm des Firmengeländes. Die Temperaturen in dem restlichen Gelände scheinen dagegen eher tropisch zu sein. Geflogen wurden die Schrottmaschine, und damit ist die Combo unserer furchtlosen Helden endlich komplett, von der Cargopilotin Kayle Watts (DeWanda Wise).
Ab diesem Moment müssen sie in dem Gelände gegen frei herumlaufende Dinosaurier und Biosyn-Wachleute kämpfen und sie müssen herausfinden, was Biosyn plant.
Die Story wirkt wie die Visualisierung eines Brainstormings. Da werden alle Figuren, die einem einfallen, aufgeschrieben. Sattler, Grant, Malcolm und Wu aus dem ersten „Jurassic-Park“-Film. Malcolm hatte bereits in „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ ein Cameo, das beim Publikum gut ankam. Wu ist auch in den beiden vorherigen „Jurassic World“-Filmen dabei. Selbstverständlich werden die aus den aktuellen „Jurassic World“-Filmen bekannten Figuren genannt. Also sind auch Dearing und Grady dabei; um nur die wichtigsten Figuren zu nennen.
Einer erinnert sich an Lewis Dodgson. Der wollte in „Jurassic Park“ Dino-Embryonen aus dem noch nicht eröffnetem Vergnügungspark schmuggeln. Jetzt ist er der CEO von Biosyn und damit der Bösewicht des Films. Weil der Originaldarsteller Cameron Thor eine mehrjährige Haftstrafe wegen sexueller Übergriffe bei einer Dreizehnjährigen verbüßt, übernahm Campbell Scott die Rolle. In allen anderen Fällen übernahmen die Schauspieler wieder die Rollen, die sie bereits in früheren Filmen des Franchises gespielt hatten. Und ihr werdet überrascht sein, wer von den Hauptpersonen alles nicht stirbt.
Über die Altersdifferenz zwischen ‚Indiana Jones‘ Grant und Sattler, die sich jetzt ihre Liebe gestehen, schweigen wir; wie der Film.
Dann werden einige Plot-Points aufgeschrieben. Und Handlungsorte. Die Orte, die schon einmal gezeigt wurde, werden dann wieder entfernt. Also keine Dinos auf einer Insel und auch keine Dinos, die eine Großstadt verwüsten. Das geschah schon in „Vergessene Welt: Jurassic Park“ mit San Diego. Aber Dinos in der Prärie und den Bergen gab es noch nicht. Irgendjemand im Meeting liebt die Dolomiten. Also spielt der gesamte dritte und auch der größte Teil des zweiten Aktes dort. Im ersten Akt werden die Figuren vorgestellt, die irgendwo in Amerika sind. Die Zahl der Orte erinnert an die Produktionsorte eines deutschen Films, der von mehreren Bundesländern Gelder erhielt und jetzt deshalb dort Geld ausgeben muss. Die Vorstellung der Figuren und ihre Charakterisierungen geraten arg dünn. Die Macher gehen einfach davon aus, dass wir die vorherigen Filme noch kennen, aber sie nicht gut genug kennen, um über Veränderungen in ihrem Charakter kundig reden zu können. Bei neuen Figuren muss dann eine knappe Beschreibung, wie eiskalte Killerin, taffe Pilotin und böser Firmenchef, alles erklären.
Sowieso wird die Motivation der Figuren von der Bruchpilotin Watts, nachdem sie Grady und Dearing vor einer Trupp Killer und mordgieriger Dinosaurier rettete, treffend mit einem ‚fragen Sie nicht‘ auf den Punkt gebracht.
Das gilt auch für die gesamte Filmgeschichte. Die Story, soweit sie überhaupt erkennbar ist, setzt vor allem den ersten „Jurassic Park“-Film fort und ergänzt sie um einige Handlungselemente und Figuren aus den späteren Filmen. „Jurassic World“ wird dabei weitgehend bis vollständig ignoriert. Das ist der beste Film der aktuellen Trilogie und eigentlich ein Reboot des ersten „Jurassic Park“-Films, nur dass der Dinosaurier-Vergnügungspark inzwischen eröffnet ist und die Dinosaurier dann durchdrehen.
Absolut störend, vor allem nach dem Realismus von „Top Gun: Maverick“, ist, dass in „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ mal wieder so gut wie alles vor Green Screens in Studiohallen gedreht wurden. Da gibt es keine Verbindung zwischen den CGI-Dinosauriern, den Menschen und ihrer Umwelt. So laufen sie durch den Schnee, aber wir sehen niemals ihren Atem und frieren tun sie auch nicht. Sie reiten ohne wehende Haare. Sie rasen auf einem Motorrad durch enge Gassen und drehen sich ständig nach ihren Verfolgern um. Sie können, immer wieder, schneller als ein Dinosaurier laufen. Und ihn, müheloser als ein wildes Pferd, mit einem handelsüblichem Lasso und etwas gutem Willen fangen. Das hat dann noch nicht einmal den Realismus einer alten Hollywood-Studioproduktion.
Was für ein Desaster; oder, anders gesagt: „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ ist die konsequente Fortsetzung des ebenfalls misslungenen zweiten Teils „Jurassic World: Das gefallene Königreich“.
Ach ja: Das dürfte niemanden überraschen: inzwischen reden die Macher schon über weitere mögliche „Jurassic Park“-Filme.
Jurassic World: Ein neues Zeitalter (Jurassic World: Dominion, USA 2022)
Regie: Colin Trevorrow
Drehbuch: Emily Carmichael, Colin Trevorrow (nach einer Geschichte von Derek Connolly und Colin Trevorrow, basierend auf Charakteren von Michael Crichton)
mit Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Laura Dern, Jeff Goldblum, Sam Neill, DeWanda Wise, Mamoudou Athie, BD Wong, Omar Sy, Isabella Sermon, Campbell Scott, Justice Smith, Scott Haze, Dichen Lachman, Daniella Pineda
mit Margit Carstensen, Irm Hermann, Juliane Lorenz, Hanna Schygulla, Harry Baer, Hark Bohm, Hubert Gilli, Wolf Gremm, Günter Rohrbach, Fritz Müller-Scherz, Volker Schlöndorff, Thomas Schühly, Rainer Werner Fassbinder (Archivaufnahmen)
Zum vierzigsten Todestag von Rainer Werner Fassbinder – er starb am 10. Juni 1982 mit 37 Jahren – präsentiert LaCinetek zehn seiner Filme. Das Besondere bei dieser Auswahl ist, dass die Filme von anderen Regisseuren ausgewählt wurden. Es sind:
Händler der vier Jahreszeiten, 1971 (u. a. empfohlen von Martin Scorsese, Jutta Brückner, Wim Wenders)
Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1972 (u. a. empfohlen von Ira Sachs, Lodge Kerrigan, Abel Ferrara)
Martha, 1973 (empfohlen von Catherine Corsini)
Angst essen Seele auf, 1974 (u. a. empfohlen von Nadav Lapid, François Ozon, Robert Guédiguian)
Faustrecht der Freiheit, 1974 (empfohlen von Patricia Mazuy, Alain Guiraudie, Robert Guédiguian)
Die Ehe der Maria Braun, 1978 (empfohlen von Agnès Varda, Marjane Satrapi, Elia Suleiman)
In einem Jahr mit 13 Monden, 1978 (u. a. empfohlen von Thomas Arslan, Chantal Akerman, Atom Egoyan)
Berlin Alexanderplatz, 1979 (empfohlen von Martin Scorsese, Leos Carax)
Lola, 1981 (empfohlen von Todd Haynes)
Die Sehnsucht der Veronika Voss, 1982 (empfohlen von Bertrand Bonello, Ira Sachs)
Eine schöne Liste, auch wenn sie vor allem aus den allseits bekannten Klassikern besteht und aufgrund der Beschränkung auf zehn Filme (inclusive einer Serie) natürlich einige Filme fehlen.
Die Polizisten Crockett und Tubbs jagen einen mächtigen Drogenhändler.
Optisch überzeugendes, inhaltlich schwaches Remake der erfolgreichen von Michael Mann und Anthony Yerkovich erfundenen bahnbrechenden TV-Serie. Denn in dem Spielfilm zeigt Mann nichts, was er nicht schon besser in der Serie gezeigt hat. Der Film ist nur ein optisch (also Mode, Musik und Technik) auf den aktuellen Stand gebrachtes Best-of der ersten Staffel von „Miami Vice“.
Mit Colin Farrell, Jamie Foxx, Gong Li, Naomie Harris, Ciarán Hinds, Justin Theroux
Fredo Schulz, der titelgebende ‚gute Bulle‘, ist Alkoholiker und nach einem Angriff auf eine mutmaßlichen Kindermörder suspendiert. Da verschwindet ein weiteres Kind und es könnte sein, dass der Täter auch für die vorherigen Taten verantwortlich ist. Fredo will den Täter unbedingt überführen.
Fulimanter Auftakt von Lars Beckers zweiter (bzw. wenn man die „Unter Feinden“-Filme ebenfalls als Krimireihe begreift dritten) Krimireihe. Im Gegensatz zu seinen erfolgreichen „Nachtschicht“-Filmen spielen die „Guter Buller“-Filme in Berlin und sind etwas ernster. Armin Rohde spielt in beiden Serien die Hauptrolle.
mit Armin Rohde, Edin Hasanovic, Nele Kiper, Axel Prahl, Melika Foroutan, Max Simonischek Gaby Dohm, Thomas Heinze, Mark Keller, Johann von Bülow
Watchmen – Die Wächter (Watchmen, USA/Großbritannien/Kanada 2009)
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: David Hayter, Alex Tse
LV: Alan Moore/Dave Gibbons: Watchmen, 1986/1987 (Watchmen)
Der „Comedian“, ein Superheld, wird ermordet. Rorschach, ein anderer Superheld, glaubt an eine Verschwörung, die mit dem Tod von allen Superhelden, die sich „Watchmen“ nennen, enden soll. Er alarmiert die restlichen „Watchmen“ und sie müssen wieder gemeinsam in den Kampf ziehen.
Sehr werkgetreue Verfilmung des als unverfilmbar geltenden Comics; – und damit auch eine wegen zu großer Werktreue gescheiterte Verfilmung. Denn beim Sehen hakt man, wenn man den Comic kennt, zunehmend lustlos, die einzelnen Szenen der Reihe nach ab, freut sich über die sehr bildgenaue Umsetzung, rätselt über die wenigen Änderungen und bedauert im ‘Och, das hätte ich gerne auch noch gesehen’-Modus, die fehlenden Szenen. Aber ein eigenständiger Zugriff auf die Geschichte geht anders. Trotzdem ist „Watchmen“ als Übung in Fantum sehenswert.
Mit Jeffrey Dean Morgan, Malin Akerman, Patrick Wilson, Billy Crudup, Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Carla Gugino, Matt Frewer, Stephen McHattie
Subjektiv mag Julie (Renate Reinsve) sich für den titelgebenden „schlimmsten Mensch der Welt“ halten. Objektiv ist das Quatsch. Auch wenn wir Julie nicht mit Bösewichtern wie Adolf Hitler und Josef Stalin, sondern mit Menschen vergleichen, die für ihre Freunde und Verwandten das Leben zur Hölle machen. Julie ist da nur eine normal verunsicherte junge Frau um die Dreißig, die noch nicht weiß, was sie mit ihrem Leben machen soll. Entsprechend oft hat sie ihr Studienfach und ihre Liebhaber gewechselt. Für die große Karriere interessiert sie sich nicht. Bei Männern ist sie etwas unentschlossen. Jedenfalls nachdem sie auf einer Party Eivind (Herbert Nordrum) begegnet und beginnt, an ihrer Beziehung zu dem deutlich über zehn Jahre älterem Comiczeichner Aksel (Anders Danielsen Lie) zu zweifeln.
Aktuell wird Joachim Triers neuer Film „Der schlimmste Mensch der Welt“ überall verdient abgefeiert. Schließlich ist die in jeder Beziehung privilegierte Julie ziemlich liebenswert und die Entscheidung ihre Geschichte als romantische Komödie zu inszenieren, hilft. Wobei Joachim Trier („Louder than Bombs“, „Oslo, 31. August“) seine RomCom skandinavisch unterkühlt und damit ohne den verlogenen Hollywood-RomCom-Zuckerguß erzählt.
Der schlimmste Mensch der Welt (Verdens verste menneske, Norwegen/Frankreich/Schweden/Dänemark 2021)
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Eskil Vogt, Joachim Trier
mit Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum, Hans Olav Brenner, Helene Bjørneby, Harald Vidar Sandem, Maria Grazia de Meo, Lasse Gretland, Karen Røise Kielland
Eine Leiche zum Dessert (Murder by Death, USA 1976)
Regie: Robert Moore
Drehbuch: Neil Simon
Ein Millionär lädt die berühmtesten Detektive der Welt ein. Er behauptet, sie könnten einen Mord nicht aufklären, der um Mitternacht stattfinden wird. Die Detektive sehen das anders.
Neil Simon zieht in seiner Krimikomödie die Images der bekanntesten, literarischen Detektive der Welt (hier: Miss Marple, Hercule Poirot, Sam Spade, Nick Charles aka Der dünne Mann mit Gattin Nora, Charlie Chan) und die Prinzipien des Whodunits durch den Kakao. Ein köstlicher Spaß – nicht nur für Genre-Fans.
Verkörpert werden die Meisterdetektive und Tatverdächtige u. a. von Truman Capote, Peter Falk, Alec Guiness, David Niven, Peter Sellers, Maggie Smith, Eileen Brennan, James Cromwell
In Japan ist die Geschichte von Onoda Hiroo allgemein bekannt. Bei uns dürfte er unlängst durch Werner Herzogs Roman „Das Dämmern der Welt“ eine gewisse, eingeschränkte Bekanntheit erreicht haben. Denn Onoda ist eine archetypische Werner-Herzog-Figur.
Ende Dezember 1944 erhält der 1922 geborene Nachrichtenoffizier Onoda, zusammen mit anderen Soldaten, den Befehl auf der philippinischen Insel Lubang die Stellung gegen die angreifenden US-Truppen zu halten. Wie wir wissen, kapitulierte Japan am 15. August 1945. Das wäre auch der Moment gewesen, an dem Onoda und seine Truppe ihre Waffen hätten übergeben müssen. Aber sie halten die Meldungen dazu für Propaganda des Feindes. Sie ziehen sich in den Dschungel zurück. Mit der Zeit verlassen immer mehr Soldaten diese Einheit. Teils sterben sie, teils ergeben sie sich. Am Ende hält nur noch Onoda die Stellung. Erst 1974 konnte der junge Rucksacktouristen Suzuki Norio ihn überzeugen, dass der Krieg seit bereits fast dreißig Jahren zu Ende ist.
Arthur Harari („Dark Inclusion“) nahm sich jetzt ebenfalls die Geschichte von Onoda Hiroo vor. In seinem gut dreistündigem Film „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“ konzentriert er sich in langen, ruhigen Einstellungen auf Onoda und wie er im Dschungel überlebte. Onoda wird mit der Zeit zu einem wahren Naturburschen, der mit seiner Umwelt verschmilzt und sich nur von dem ernährt, was er im Dschungel vorfindet.
Mit der Zeit stellt sich allerdings auch zunehmend die Frage, weshalb Onoda an seiner Mission festhält. Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen Befehlshabern. Die Versuche, ihn zur Kapitulation zu bewegen, hält er für Propaganda des Feindes. Er hat auch keine Begegnung mit dem Feind, der doch eigentlich in Kompaniestärke die Insel besetzen sollte. Die Begegnungen mit den Einheimischen werden im Film nur am Rand gestreift. Trotzdem glaubt Onoda, dass es in Kürze zu dem entscheidenden Angriff der US-Truppen kommen wird und dass er diesen Angriff abwehren kann. Daran hält er über Jahre und Jahrzehnte fest.
Harari deutet als Erklärungen für dieses, zugegeben, nicht wirklich erklärbare Handeln, Onodas Persönlichkeit, seine militärische Ausbildung und die japanische Kultur an. So gab es während des Zweiten Weltkriegs nur in Japan Kamikaze-Missionen, bei denen Piloten sich in das Feuer von US-Kriegsschiffen in den sicheren Tod stürzten.
Absolut kein Interesse hat Harari an Onodas problematischen Seiten. So werden die Morde, die Onoda und seine Männer auf Lubang verübten nicht thematisiert; es sieht sogar so aus, als ob die Aggression vollkommen grundlos von den Einheimischen ausgeht und sie sie aus dem Hinterhalt ermorden. Harari interessiert sich auch nicht für die mediale Aufmerksamkeit, die Onoda nach seiner Rückkehr erhielt und wie sein Handeln ideologisch interpretiert wurde. Als Onoda 2014 stirbt und seitdem ist er „eher ein Symbol, das von nationalistischen Konservativen und von der japanischen Nation bewundert wird, die ihre koloniale und kriegerische Vergangenheit nicht bereuen“ (Naoko Seriu, Dozentin für Neuere Geschichte, Tokio Universität für Auslandsstudien).
Das sind Fragen, die sich beim Betrachten des Films stellen. Die Antworten würden selbstverständlich zu einem Filmen führen, den Harari nicht drehen wollte. Er wandelt hier eher in den Pfaden von Werner Herzog; wenn er Slow Cinema machen würde. Im Mittelpunkt seines Films steht Onoda und wie er im Dschungel überlebt.
„Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“ erhielt einen César für das beste Drehbuch und war auch als bester Film nominiert.
Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel (Onoda, 10 000 nuits dans la jungle, Frankreich/Japan/Deutschland/Belgien/Italien/Kambodscha 2021)
Regie: Arthur Harari
Drehbuch: Arthur Harari, Vincent Poymiro, Bernard Cendron (in Zusammenarbeit mit)
Als Vorbereitung für „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“gibt es heute die ersten drei „Jurassic Park“-Filme. „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ startet am Donnerstag. Dann gibt es meine Besprechung des Finales der aktuellen Trilogie, die auch an die erste Trilogie anknüpft und einige aus dem ersten „Jurassic Park“-Film bekannte Figuren mitspielen lässt.
Der heutige Dino-Abend beginnt mit
ZDFneo, 20.15
Jurassic Park (Jurassic Park, USA 1993)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Michael Crichton, David Koepp
LV: Michael Crichton: Jurassic Park, 1990 (DinoPark, Jurassic Park)
Milliardär John Hammond will einigen Wissenschaftlern vor der großen Eröffnung seinen neuen Vergnügungspark präsentieren. Auf einer Tropeninsel hat er ein Disneyworld mit echten Dinosauriern erschaffen. Dummerweise geht bei der Präsentation etwas schief und die Dinos beginnen die Menschen über die Insel zu jagen.
Unglaublich erfolgreiche Bestsellerverfilmung mit mehreren direkten Fortsetzungen. Sensationell waren damals die am Computer entstandenen Dinosaurier; wobei Spielberg sich auch auf bewährtes Trickhandwerk verließ.
Um 22.10 Uhr zeigt ZDFneo „Vergessene Welt: Jurassic Park“ (USA 1997) und um 00.05 Uhr „Jurassic Park 3“ (USA 2001).
mit Sam Neill, Laura Dern, Jeff Goldblum, Richard Attenborough, Bob Peck, Martin Ferrero, B. D. Wong, Samuel L. Jackson