Neu im Kino/Filmkritik: „Flow“, ausgezeichnet mit dem Oscar als bester Animationsfilm

März 9, 2025

Eine gigantische Flutwelle vertreibt eine kleine schwarze Katze aus ihrer Heimat in eine unbekannte Welt. Sie kann sich auf ein Segelboot retten. Dort trifft sie auf einen diebischen Affen, eine gutmütigen Labrador, ein schläfriges Wasserschwein und einen stolzen Sekretärvogel. Sie lernen sich kennen, vertrauen und helfen einander. In ihrer Arche Noah begeben sie sich auf dem Fluss auf eine angenehm vor sich hin mäandernde Reise durch eine menschenleere Gegend mit unbekanntem Ziel

Nach der Premiere in Cannes begann der Siegeszug von Gints Zilbalodis‘ neuem Film „Flow“. Es ist ein Animationsfilm, der ohne Worte auskommt, auch wenn die Tiere manchmal vermenschlicht wirken. „Flow“ erhielt in den vergangenen Monaten den Europäischen Filmpreis und den Golden Globe. Letzte Woche erhielt der lettische Film den Oscar als bester Animationsfilm. Eine gute Wahl.

Zilbalodis lässt die Geschichte, die offen für verschiedene Interpretationen ist, in einer Fantasiewelt spielen, in der die Ruinen, durch die die Tiere fahren, von vergangenen zeitlich und räumlich nicht genau definierten Kulturen zeugen. Der Zeichenstil bewegt sich gelungen zwischen detailfreudigem Ghibli-Realismus und Pixar-Abstraktheit.

Flow (Straume, Lettland/Frankreich/Belgien 2024)

Regie: Gints Zilbalodis

Drehbuch: Gints Zilbalodis, Matīss Kaža

mit Katzen, Hunden, Vögeln und ganz viel Wasser

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Flow“

Metacritic über „Flow“

Rotten Tomatoes über „Flow“

Wikipedia über „Flow“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. März: Thelma & Louise

März 8, 2025

Arte, 20.15

Thelma & Louise (Thelma & Louise, USA 1991)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Callie Khouri

Hausfrau Thelma und ihre Freundin, die Kellnerin Louise, brechen zu einem Wochenende ohne Männer auf. In einer Bar wird ein Mann zudringlich. In Notwehr erschießt Louise ihn. Weil ihnen das aber niemand glaubt, fliehen Thelma und Louise nach Mexiko. Verfolgt von der Polizei.

Ein feministisches Roadmovie, ein Kassen- und Kritikererfolg und inzwischen ein Klassiker.

Callie Khouri erhielt für ihr Drehbuch unter anderem den Oscar, einen Golden Globe und den Preis der Writers Guild of America. In ihren späteren Werken konnte sie an diesen Erfolg nicht anknüpfen.

Anschließend, um 22.20 zeigt Arte die brandneue fünfzigminütige Doku „Thelma & Louise: Ein feministischer Western“ (Frankreich 2024).

mit Susan Sarandon, Geena Davis, Harvey Keitel, Michael Madsen, Brad Pitt, Stephen Tobolowsky

Wiederholung: Mittwoch, 12. März, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Thelma & Louise“

Wikipedia über „Thelma & Louise“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Thelma & Louise“ (Final shooting script, 5. Juni 1990) von Callie Khouri

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Thelma & Louise“ (Thelma & Louise, USA 1991)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Exodus – Götter und Könige (Exodus – Gods and Kings, USA 2014)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (The Martian, USA 2015)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ (All the Money in the World, USA 2017)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „The Last Duel“ (The Last Duel, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „House of Gucci“ (House of Gucci, USA 2021)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Napoleon“ (Napoleon, USA 2023)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Gladiator II“ (Gladiator II, USA 2024)


TV-Tipp für den 8. März: She said

März 7, 2025

Sat.1, 20.15

She said (She said, USA 2022)

Regie: Maria Schrader

Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz (basierend auf der „New York Times“-Recherche von Jodi Kantor, Megan Twohey und Rebecca Corbett und dem Buch „She Said“ von Jodi Kantor und Megan Twohey)

LV: Jodi Kantor/Megan Twohey: She said, 2019 (#MeToo; zum Filmstart als „She said“ veröffentlicht)

TV-Premiere. Spielfilmversion der Recherche der „New York Times“-Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey gegen den Filmogul Harvey Weinstein wegen jahrzehntelanger sexueller Belästigung. Sehenswert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 22.55 Uhr, zeigt Sat.1 die 70-minütige (mit Werbepausen) Doku „Verurteilt: Harvey Weinstein“ (Großbritannien 2020).

mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Andre Braugher, Jennifer Ehle, Samantha Morton, Angela Yeoh, Ashley Judd, Sean Cullen

Wiederholung: Sonntag, 9. März, 00.05 Uhr

Die unbedingt lesenswerte Vorlage

Jodi Kantor/Megan Twohey: She said – Wie das Schweigen gebrochen wurde und eie ‚MeToo-Bewegung begann

(übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlass)

Tropen, 2022

448 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

#Me Too – Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung

Tropen, 2020

Originalausgabe

She said. Breaking the Sexual Harassment Story that helped ignite a Movement

Penguin Press, New York, 2019

Hinweise

Moviepilot über „She said“

Metacritic über „She said“

Rotten Tomatoes über „She said“

Wikipedia über „She said“ (deutsch, englisch), die Buchvorlage und den Weinstein-Skandal (deutsch, englisch)

Perlentaucher über Jodi Kantor/Megan Twoheys „She said“

Bookmarks über Jodi Kantor/Megan Twoheys „She said“

Meine Besprechung von Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ (Deutschland 2021)

Meine Besprechung von Maria Schraders „She said“ (She said, USA 2022)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Bong Joon Hos Edward-Ashton-Verfilmung „Mickey 17“

März 7, 2025

2022 veröffentlichte Edward Ashton „Mickey 7“. In ihm erzählt er die Geschichte von Mickey Barnes, der als Expendable auf der Kolonie Niflheim, einem Eisplaneten, lebt. Er führt gefährliche Missionen aus und wird als Versuchskaninchen eingesetzt. Wenn er dabei stirbt – und das ist eine beabsichtigte Nebenwirkung seiner Einsätze – wird wenige Minuten später eine neue Version von ihm ausgedruckt.

Schon vor der Veröffentlichung des Romans erhielt Bong Joon Ho eine frühere Fassung des Romans. Er fand die Prämisse interessant und schrieb „Mickey 17“. Die Änderung der Nummer von 7 auf 17 erklärt Joon Ho so: er wollte zeigen, was Mickey durchleidet und dafür müsse er öfter als im Roman sterben. Und so wurde aus dem siebten Klon der siebzehnte Klon. Gedreht wurde an 87 Tagen von August bis Dezember 2022 in London und vor Ort. Ihre Premiere hatte die SF-Satire auf der Berlinale und jetzt kommt sie in die Kinos.

Weil Mickey Barnes (Robert Pattinson) auf seinem Heimatplaneten Ärger hat, ergreift er die einzige Chance zur Flucht, die er hat: er verpflichtet sich als Expendable. Dieser Job ist auf Expeditionen und Kolonisierungen unbekannter Planeten wichtig, weil es bestimmte Dinge gibt, die nur Menschen tun können und sein wiederholter Tod wertvolle Erkenntnisse über den Planeten bringen kann. Mickey bekommt den Job, den niemand machen will, und er darf mit nach Niflheim fliegen.

Auf der Reise verliebt er sich in Nasha Barridge (Naomi Ackie). Auf dem Planeten trifft er im Eis auf die Creepers. Das sind wurmähnliche Wesen unterschiedlicher Größe. Ob sie den Menschen gegenüber feindlich gesinnt sind, ist unklar. Aber Kenneth Marshall (Mark Ruffalo), der missionarisch beseelte, rechtskonservative Leiter der Expedition, und seine im Hintergrund intrigierende Frau Ylfa (Toni Collette) gehen davon aus.

Als Mickey 17 in ein Eisloch stürzt, erklärt ihm sein Freund Timo (Steven Yeun), dass er ihn leider nicht retten könne. Aber in einigen Stunden werde eh ein neuer Klon von ihm aus dem Menschendrucker gedruckt werden. Mickey 17 beschließt allerdings, nicht auf dem Felsvorsprung zu sterben. Er geht in ein verzweigtes unterirdisches Höhlensystem, trifft auf die Creepers und wird von ihnen bis kurz vor die Station der Kolonisatoren gebracht.

Dummerweise hat Timo ihn bereits als verstorben gemeldet. In seinem Bett trifft Mickey 17 auf Mickey 18. Sie sind Multiple. Und Multiple sind in diesem Universum noch unbeliebter als Expendables. Wenn Marshall das erfährt, wird er mindestens einen von ihnen töten.

Während Mickey 17 und Mickey 18 versuchen, mit der Situation zurecht zu kommen, versammeln sich die Creepers vor der Station.

Bong Joon Ho übernahm in seinem von ihm verfilmten Drehbuch die Grundidee des Romans und auch weitgehend die Geschichte. Aber er veränderte etliche Details, die die Geschichte durchaus verbessern und er veränderte den Humor. Edward Ashton erzählt in seinem Roman Mickeys Geschichte aus Mickeys Sicht mehr witzig sarkastisch mit vielen Rückblenden zu Mickeys vorherigen Leben, einigen Überlegungen zum Klonen von Wegwerfmenschen und, immerhin ist der Buch-Mickey ein Historiker, Informationen zu anderen, meist fehlgeschlagenen Kolonisierungsprojekten. Das Ende ist bei ihm weniger bombig als im Film.

Bong erzählt Mickeys Geschichte mit viel Schwarzem Humor, viel kapitalismuskritischer und eindeutig satirisch. Vor allem das Politikerpaar Marshall, grandios übertrieben gespielt von Mark Ruffalo und Toni Collette, sorgen in ihrer allumfassenden Doppelzüngigkeit und Gemeinheit für etliche Lacher. Im Roman ist der Expeditionsleiter Commander Marshall letztendlich nur ein gewöhnlicher Arschloch-Vorgesetzter.

Mit deutlich über zwei Stunden – „Mickey 17“ dauert insgesamt 137 Minuten – ist der Science-Fiction-Film für eine Satire auch arg lang geraten. Er ist tonal uneinheitlich, zerfasert immer wieder und ist immer wieder zu lang. Das macht „Mickey 17“ noch nicht zu einem schlechten Film, – wahrscheinlich werde ich ihn mir sogar noch einmal ansehen -, aber zu einem enttäuschenden Werk. Dass Bong nicht an die Qualität von seinem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetem und überall abgefeierten vorherigem Film „Parasite“ herankommt, war zu erwarten. Meisterwerke fallen nicht von Himmel. „Mickey 17“ erreicht allerdings auch nicht die Qualität von „Snowpiercer“ und „Okja“. Beide Satiren erzählen ihre Geschichte deutlich fokussierter.

Mickey 17 (Mickey 17, USA 2025)

Regie: Bong Joon Ho

Drehbuch: Bong Joon Ho

LV: Edward Ashton: Mickey 7, 2022 (Mickey 7 – Der letzte Klon)

mit Robert Pattinson, Naomi Ackie, Toni Collette, Mark Ruffalo, Steven Yeun, Holliday Grainger, Anamaria Vartolomei, Cameron Britton

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Edward Ashton: Mickey 7 – Der letzte Klon

(übersetzt von Felix Mayer)

Heyne, 2022

368 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Mickey 7

St. Martin’s Press, 2022

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mickey 17“

Metacritic über „Mickey 17“

Rotten Tomatoes über „Mickey 17“

Wikipedia über „Mickey 17“ (Roman, Film: deutsch, englisch)

Berlinale über „Mickey 17“

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Snowpiercer (Snowpiercer, Südkorea/USA/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Okja“ (Okja, USA/Südkorea 2017)

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Parasite“ (Gisaengchung, Südkorea 2019)

Homepage von Edward Ashton

Heyne über Edward Ashton

Meine Besprechung von Edward Ashtons „Mal goes to War“ (Mal goes to War, 2024)


TV-Tipp für den 7. März: Sisi & Ich

März 6, 2025

Arte, 20.15

Sisi & Ich (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)

Regie: Frauke Finsterwalder

Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht

TV-Premiere. Irma Gräfin von Sztáray (Sandra Hüller) wird Hofdame von Kaiserin Elisabeth von Österreich, bekannter als Sisi (Susanne Wolff) – und Frauke Finsterwalder erzählt die Geschichte der beiden Frauen beherzt faktenfrei und mit einem rein weiblichen Soundtrack. Schade, dass die zweite Hälfte des Dramas nicht die Qualität der ersten Hälfte hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Anschließend, um 22.15 Uhr, zeigt Arte die 55-minütige brandneue Doku „Sandra Hüllers Geheimnis“ (Deutschland 2024).

mit Sandra Hüller, Susanne Wolff, Stefan Kurt, Georg Friedrich, Sophie Hutter, Maresi Riegner, Johanna Wokalek, Sibylle Canonica, Angela Winkler, Markus Schleinzer, Anne Müller, Anthony Calf, Tom Rhys Harries, Annette Badland

Hinweise

Filmportal über „Sisi & Ich“

Moviepilot über „Sisi & Ich“

Rotten Tomatoes über „Sisi & Ich“

Wikipedia über „Sisi & Ich“ (deutsch, englisch)

Berlinale über das Werk

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Sisi & Ich“ (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Michel Hazanavicius‘ Jean-Claude-Grumberg-Verfilmung „Das kostbarste aller Güter“

März 6, 2025

Es lebten einmal in einem großen Wald eine arme Holzfällersfrau und ein armer Holzfäller.

Nein, nein, nein, ganz gewiss handelt es sich hier nicht um den Däumling. (…) Wo oder wann hat es denn schon so etwas gegeben, dass Eltern ihre Kinder ausgesetzt haben, weil sie sie nicht ernähren konnten?“

Mit diesem Worten beginnt Jean-Claude Grumbachs „Das kostbarste aller Güter“, ein schmales Buch von 136 Seiten, das als Märchen, als Fabel und als Jugendbuch bezeichnet wird und das sich kunstvoll zwischen alle Stühle setzt. Jetzt wurde die Geschichte von „The Artist“-Regisseur Michel Hazanavicius, nach einem zusammen von ihm und Grumberg geschriebenem Drehbuch, als Animationsfilm verfilmt. In der Originalfassung ist Jean-Louis Trintignant, in der deutschen Fassung Jürgen Prochnow der Erzähler der Geschichte von dem Holzfällerpaar.

Diese spielt Anfang 1943 in Polen, wenige Kilometer vom Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Im Buch wird das auf den ersten Seiten verraten. Im Film wird erst im letzten Drittel wirklich deutlich, wann und wo die Geschichte spielt. Bei den Zuggleisen findet die arme alte Holzfällerfrau im Schnee ein Baby. Es wurde von seinem Vater aus dem Zug geworfen. Sie nimmt es mit nach Hause und beginnt es, gegen den anfänglichen Widerstand ihres Mannes, zu pflegen.

Während sie von Anfang an in dem Mädchen ein Geschenk Gottes sieht und es ohne Vorbehalte akzeptiert, lehnt er es anfangs ab. Er hält es für ein Wesen ohne Herz, das zu dem Stamm gehört, der Gott getötet hat. Aber er überprüft seine Vorurteile und verteidigt die Herzlosen vor seinen Arbeitskollegen.

Jean-Claude Grumberg, der 1939 in Paris geborene Autor der Buchvorlage, ist ein bekannter Theater- und Drehbuchautor. Immer wieder beschäftigt er sich mit seiner traumatischen Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, der Nazi-Diktatur und dem Antisemitismus. Sein Vater, ein rumänischer Jude, wurde in Auschwitz ermordet. Zu Grumbergs Drehbüchern gehören „Die letzte Metro“ (Le Dernier Métro, 1980), „Die kleine Apokalypse“ (La petite apocalypse, 1992; seine erste Zusammenarbeit mit Costa-Gavras), „Der Stellvertreter“ (Amen, 2002) und „Die Axt“ (Le couperet, 2005).

Für die Verfilmung seines Märchens „Das kostbarste aller Güter“ veränderte er in dem zusammen mit Hazanavicius geschriebenem Drehbuch einige Details. Dummerweise sind die ursprünglich gewählten Lösungen besser. So ist im Film bis zum letzten Drittel unklar, wann und wo genau die Geschichte spielt. Mit den ersten Worten „Es lebten einmal in einem großen Wald eine arme Holzfällersfrau und ein armer Holzfäller.“ wird die Geschichte in das Reich der Märchen und Fabeln verwiesen. Alles verbleibt in einer zeitlich und örtlich nicht genau definierten Welt, die auch eine Fantasiewelt sein kann. Im Buch wird nach dem ersten Satz sehr schnell mehr über den Handlungsort und die -zeit gesagt. Es ist klar, dass die Züge zu einem Konzentrationslager fahren.

Auch das Ende ist im Buch dank seiner Kürze gelungener. Im Film verliert die Fabel mit dem Kriegsende ihren dramatischen Fokus. Das hindert Hazanavicius nicht daran, noch mehrere Minuten weiter zu erzählen, was in den Tagen und Jahren nach der Befreiung geschieht. Dabei dauert der Film ohne Abspann keine achtzig Minuten. Mit den drastischen Bilder aus und vor dem Konzentrationslager wird „Das kostbarste aller Güter“ in dem Moment zu einem Film, der eher ein erwachsenes Publikum anspricht.

Überzeugend ist im Buch und im Film die Darstellung des Lebens des Holzfällerpaares, wie sie sich um das von den ‚Göttern des Zuges‘ erhaltene Geschenk kümmert und wie er seine Haltung zu dem Baby verändert.

Das kostbarste aller Güter (La plus précieuse des marchandises, Frankreich 2024)

Regie: Michel Hazanavicius

Drehbuch: Jean-Claude Grumberg, Michel Hazanavicius

LV: Jean-Claude Grumberg: La plus précieuse des marchandises, 2019 (Das kostbarste aller Güter)

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

(nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 in der Kategorie „Nominierungen der Jugendjury“)

Jean-Claude Grumberg: Das kostbarste aller Güter – Ein Märchen

(übersetzt von Edmund Jacoby, mit Zeichnungen von Ulrike Möltgen)

Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2020

136 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

La plus précieuse des marchandises. Un conte

Éditions du Seuil/Librairie du XXle siècle, Paris 2019

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Das kostbarste aller Güter“

AlloCiné über „Das kostbarste aller Güter“

Metacritic über „Das kostbarste aller Güter“

Rotten Tomatoes über „Das kostbarste aller Güter“

Wikipedia über „Das kostbarste aller Güter“ (Buch: deutsch, englisch, französisch, Film: deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Michel Hazanavicius‘ „The Artist“ (The Artist, Frankreich 2011)

Meine Besprechung von Michel Hazanavicius‘ „Final Cut of the Dead“ (Coupez!, Frankreich 2022) (ein gänzlich anderes Werk)

Jacoby & Stuart über das Buch


Neu im Kino/Filmkritik: Herr Anderson schickt Frau Jovovich „In the Lost Lands“

März 6, 2025

In einer postapokalyptischen „Mad Max“-Welt (für Jüngere: „Borderlands“), in der die Zivilisation, wie wir sie kennen, zusammengebrochen ist, es wieder Hexen, Zauberei und alles was dazu gehört, gibt und Herrschaft wieder über irgendwelche monarchistischen Thronfolgen und Intrigen geregelt wird, erfüllt die Hexe Gray Alys (Milla Jovovich) Wünsche. Allerdings werde das Ergebnis, warnt sie die Bittsteller immer, nicht unbedingt so sein, wie der Wünschende es sich wünscht. In den gefährlichen Lost Lands kann sie Dinge und Wesen finden, die sonst niemand finden kann.

Jetzt soll die Hexe Gray Alys für eine liebestrunkene Königin einen Werwolf. Er soll sich in den Lost Lands am Skull River aufhalten soll. Bei der Suche hilft ihr der immer einen Cowboyhut tragende Jäger Boyce (Dave Bautist). Er ist auch so etwas wie der Erzähler des Films.

Zu zweit machen sie sich auf den Weg – und schnell fliegen Pixelwolken, die Blut symbolisieren sollen, über die Leinwand.

Geschrieben und inszeniert wurde „In the Lost Lands“ von Paul. W. S. Anderson. Basieren tut der Fantasyfilm auf drei von George R. R. Martin in den siebziger und frühen achtziger Jahren geschriebenen Kurzgeschichten. Ab 1996 veröffentlichte Martin die Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ (A Song of Ice and Fire), die als „Game of Thrones“ verfilmt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bei den beteiligten Personen, u. a. Paul W. S. Anderson und Milla Jovovich (um nur die bekanntesten Namen zu nennen), erwartet niemand ein zum Nachdenken anregendes Arthauswerk. Man erwartet ein trashiges B-Movie-Spektakel im Stil von „Resident Evil“. In der an der Kinokasse erfolgreichen SF-Actionreihe inszenierte Anderson seine Frau Milla Jovovich als schlagkräftige Actionheldin. Das tut er hier wieder. Die Welt ist eine dieser Ramschladen-“Mad Max“-Welten, in der überall Schrott herumliegt, exzessiv mit Farbfiltern gearbeitet wird und die raren Actionszenen in einem Chaos von Schnitte enden. Zum Western wird „In the Lost Lands“ wegen des Sandes, den Pferden und einigen Waffen, die es schon im Wilden Westen gab. Oder die aussehen, als hätte es sie damals gegeben. Die Story bemüht am Ende mit einigen Twist dem vorher gezeigten eine neue Bedeutung zu geben. Aber wen interssiert das in dem Moment noch?

Sogar mit der reduzierten Erwartung, eine „Resident Evil“-Variante mit Western-Touch zu erleben, langweilt „In the Lost Lands“ auf ganzer Linie.

In the Lost Lands (In the Lost Lands, Deutschland/Kanada/USA 2025)

Regie: Paul W. S. Anderson

Drehbuch: Constantin Werner (nach einer Geschichte von Paul W. S. Anderson und Constantin Werner)

LV: George R. R. Martin: The Lonely Songs of Laren Dorr (1976), Bitterblooms (in Cosmos Science Fiction and Fantasy Magazine, November 1977), In the Lost Lands (in Amazons II, DAW Collectors #485, 1982)

mit Milla Jovovich, Dave Bautista, Arly Jover, Amara Okereke, Fraser James

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „In the Lost Lands“

Moviepilot über „In the Lost Lands“

Metacritic über „In the Lost Lands“

Rotten Tomatoes über „In the Lost Lands“

Wikipedia über „In the Lost Lands“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul W. S. Andersons „Resident Evil: The Final Chapter“ (Resident Evil: The Final Chapter, USA 2016)

Meine Besprechung von Paul W. S. Andersons „Monster Hunter“ (Monster Hunter, Deutschland/Kanada/China/Japan 2020)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Unerwünschten – Les Indésirables“ sollen raus aus ihrem Viertel

März 6, 2025

Für seinen zweiten Spielfilm bleibt Ladj Ly in der Pariser Banlieue – und erzählt eine gänzlich andere Geschichte. Am besten betrachtet man „Die Unerwünchten – Les Indésirables“ als gelungene Ergänzung zu seinem Debüt „Die Wütenden – Les Misérables“, das 2020 bei uns im Kino lief.

In ihm erzählt er die Geschichte von drei Zivilpolizisten und, nachdem ein Löwenjunge aus einem Zirkus gestohlen wird, einer etwas aus dem Ruder laufenden Schicht, Dabei entsteht das gelungene Porträt von einem Stadtviertel in Paris, in dem sich die sozialen Probleme ballen und die Stimmung ständig kurz vor dem Siedepunkt ist.

In „Die Unerwünschten – Les Indésirables“ konzentriert er sich auf die städtische Angestellte Haby Keita (Anta Diaw) und den Arzt Pierre Forges (Alexis Manenti). Er wird, nachdem der Amtsinhaber überraschend stirbt, von seiner Partei zum Bürgermeister befördert.

Beide leben in verschiedenen Welten. Sie lebt in Les Grands Bosquets, kennt die Bewohner seit ihrer Kindheit und hilft ihnen. Sie ist eine von ihnen.

Er lebt in seiner noblen Vorstadtvilla und kennt den sozialen Brennpunkit Les Grands Bosquets letztendlich nur aus den Schlagzeilen der Tageszeitung. Politik ist, auch wenn sie hier noch auf lokaler Ebene praktiziert wird und Pierre keine Ahnung von der Politik hat, ein Teil des Lebensstils des etablierten Bürgertums. Es ist keine Notwendigkeit, sondern ein Hobby, bei dem man sein soziales Engagement beweisen kann. Wie dieses Engagement dann mit eigenen Interessen verknüpft ist, zeigt Ladj Ly in „Die Unerwünschten“.

Zwischen den Geschichten von Haby und Pierre herrscht ein Ungleichgewicht, das sich durch den ganzen Film zieht. Sie ergänzen sich nicht, sondern stehen sich im Weg. Ihre Geschichte ist formal ein klassisches Sozialdrama und eine dichte Milieustudie im Ken-Loach-Stil. Seine Geschichte ist dagegen ein Politdrama, die Geschichte eines Mannes, der von der Macht verführt wird. Das ist formal aufklärerisches und die Herrschenden anklagendes Polit-Kino, wie man es aus den siebziger Jahren und von Regisseuren wie Constantin Costa-Gavras kennt.

Dabei ist Pierres Geschichte die eindrucksvollere. Ladj Ly zeigt, wie aus einem politisch unbedarften Arzt ein Menschen verachtendes Monster wird. Von seinen Parteifreunden wird er in den Job gestoßen, um die Zeit bis zur Wahl zu überbrücken. Er ist ein Übergangs- und Verlegenheitskandidat, von dem nur erwartet wird, dass er keine großen Fehler macht. Aber dann will er das Werk seines Vorgängers fortsetzen und das Leben der Menschen in dem Viertel verbessern. Darunter versteht er reaktionäre und ausländerfeindliche Aktionen, die immer noch gerade so legal sind. So lässt er das schon seit Ewigkeiten baufällige Banlieue-Mietshaus in dem arme Einwanderer leben, an Weihnachten räumen, weil der Bau angeblich akut einsturzgefährdet sei. Das ist Quatsch, aber so kann er seine unnötig gemeine Aktion mit Wohltätigkeit und Besorgnis um die Menschen tarnen. Was nach der rücksichtslos durchgeführten Räumung mit den auf der Straße sitzenden Mietern passiert, ist ihm egal. Außerdem ist so der Weg frei für ein schon lange geplantes Bauprojekt. Bislang konnte es nicht verwirklicht werden, weil die Mieter nicht ausziehen wollten.

In Pierres Geschichte zeigt Ladj Ly, wie Politik funktioniert, wie aus einem halbwegs anständigem Mann ein eiskalter Rechtspopulist wird. Seine Untaten ummäntelt er mit Wohltätigkeit. Dabei entwickelt er ein auch seine Parteikollegen überraschendes politisches Talent und Bosheit beim Durchsetzen seiner Ziele.

Bei einer ihrer Begegnungen entschließt Haby sich spontan, gegen ihn zu kandidieren. Ihre Familie wanderte aus Mali ein. Sie ist in dem Viertel verwurzelt, weil sie dort lebt und arbeitet und alle kennt. Sie ist, auch ohne es zu ahnen, die gute Seele des Viertels. In dem Moment ist es nur eine in ohnmächtiger Wut getanene Ankündigung auf die zunächst keine Taten folgen. Auch später wird ihr Wahlkampf mehr mitgeschleppt als konsequent erzählt. Offensichtlich interessiert Ladj Ly sich nicht für diese eigentlich interessante Geschichte. So bleibt Habys Geschichte vor allem eine nah an den Menschen erzählte Milieustudie.

Beide Geschichten bieten Stoff für einen guten Film. Beide Geschichten könnten auch in einem Film gut erzählt werden, wenn die richtigen Momente ausgewählt würden und die richtige Balance zwischen Haupt- und Nebengeschichte gefunden würde. In „Die Unerwünschten“ stehen sie sich im Weg. Zu vieles wird angerissen und dann nicht richtig weiter erzählt. Das macht „Die Unerwünschten“ nicht zu einem schlechten Film, sondern zu einem Film, der besser hätte sein können. Sehenswert ist er trotzdem und eine gelungene Ergänzung zu seinem Debüt „Die Wütenden“.

Das war jetzt die Empfehlung für ein Double Feature.

Die Unerwünschten – Les Indésirables (Les Indésirables/Bâtiment 5, Frankreich 2023)

Regie: Ladj Ly

Buch: Giordano Gederlioni, Ladj Ly, Dominique Baumard

mit Anta Diaw, Alexis Manenti, Aristote Luyindula, Steve Tientcheu, Aurélia Petit, Jeanne Balibar, Judy Al Rashi

Länge: 105 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Unerwünschten – Les Indésirables“

AlloCiné über „Die Unerwünschten – Les Indésirables“

Metacritic über „Die Unerwünschten – Les Indésirables“

Rotten Tomatoes über „Die Unerwünschten – Les Indésirables“

Wikipedia über „Die Unerwünschten – Les Indésirables“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Ladj Lys „Die Wütenden – Les Misérables“ (Les Misérables, Frankreich 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Jonathan Eusebios Actionkomödie „Love hurts – Liebe tut weh“

März 6, 2025

In „Love hurts – Liebe tut weh“, dem Debütfilm von Jonathan Eusebio, gibt es reichlich gewalttätige Action. Die schwer malträtierten Männer tauchen nach jedem Kampf, egal wie sehr sie in ihm verletzt wurden und wie oft sie eigentlich tot oder im Krankenhaus sein müssten, in der nächsten Szene wieder auf. Etwas lädiert vielleicht, aber ungebrochen in ihrer Lust auf die nächste Verletzung ihres Körpers. Sie sind Cartoon-Figuren in menschlicher Gestalt.

Das verwundert wenig. Denn „Love hurts – Liebe tut weh“ ist der neue Film der Produzenten von „Nobody“, „Violent Night“ und „The Fall Guy“. Wobei „Nobody“ der passende Referenzfilm ist. „Nobody“ ist auch der bessere Film.

Protagonist von „Love hurts – Liebe tut weh“ ist Marvin Gable, ein überaus dienstbeflissener Immobilienmakler in Milwaukee. Er ist höflich, nett, harmlos. Und ein ehemaliger Auftragskiller. Seinen letzten Auftrag führte er nicht aus. Er ließ das Opfer Rose Carlisle entkommen und begann sein neues, gänzlich andere Leben.

Jetzt kehrt Rose zurück und plötzlich muss Marvin sich mit ihr, seinem verbrecherischen Bruder und ener Bande überaus mordgieriger Killer herumschlagen.

Ke Huy Quan, der vor vierzig Jahren in „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ als kleiner Junge und Begleiter des Helden bekannt wurde, später ungefähr zwanzig Jahre als Schauspieler pausierte (er arbeitete hinter und abseits der Kamera weiter im Filmgeschäft) und für seine Rolle in der allseits beliebten SF/Fantasykomödie „Everything Everywhere all at Once“ den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt, übernahm die Hauptrolle. Er spielt Marvin als brutales Update von Jackie Chan.

Die Story selbst ist ziemlich einfach. Aber sie wird denkbar chaotisch präsentiert. Die Action ist selbstverständlich handgemacht und gelungen. Eigentlich ist „Love hurts“ eine Bewerbungsmappe des bereits bekannten und bewährten Stuntteams für ihren nächsten Film, garniert mit plakativem Humor und einigen einfallsreichen Bildern bei den Kämpfen, in denen alle möglichen Geräte und Gegenstände, die sich in einem Haushalt befinden oder gerade in Griffnähe sind, gegen Menschen eingesetzt werden.

Das Ergebnis ist ein kurzweiliger, durchaus derber Spaß irgendwo zwischen Jackie Chan und Hongkong-Actionkino mit, wie der Titel andeutet, etwas Liebe. Und keine Minute zu lang.

Jonathan Eusebio war als Stuntman und Second-Unit-Regisseur unter anderem in „Violent Night“, „The Fall Guy“, die „John Wick“-Filme, etliche Superheldenfilme wie „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“, „Deadpool 2“, „Black Panther“, „Doctor Strange“ und „The Avengers“ und Actionfilme wie „Fast & Furious 8“, „Matrix Resurrections“ und „Haywire“ involviert.

Love hurts – Liebe tut weh (Love Hurts, USA 2025)

Regie: Jonathan Eusebio

Drehbuch: Matthew Murray, Josh Stoddard, Luke Passmore

mit Ke Huy Quan, Ariana DeBose, Daniel Wu, Mustafa Shakir, Lio Tipton, Cam Gigandet, Marshawn „Beastmode“ Lynch, Sean Astin

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

ursprünglicher US-Titel: With love

Hinweise

Moviepilot über „Love hurts“

Metacritic über „Love hurts“

Rotten Tomatoes über „Love hurts“

Wikipedia über „Love hurts“


TV-Tipp für den 6. März: Der Glanz der Unsichtbaren

März 5, 2025

WDR, 23.40

Der Glanz der Unsichtbaren (Les Invisibles, Frankreich 2018)

Regie: Louis-Julien Petit

Drehbuch: Louis-Julien Petit, Marion Doussot, Claire Lajeunie

LV: Claire Lajeunie: Sur la route des invisibles, femmes dans la rue

Eine Tagesstätte für obdachlose Frauen soll geschlossen werden. Leiterin Manu (Corinne Masiero) und ihr Team erhalten von der Stadtverwaltung eine letzte Frist, die sie mit dem Mut der Verzweifelten nutzen.

Wunderschöne Feelgood-Komödie mit Ken-Loach-Touch und vielen Laienschauspielerinnen, die sich selbst spielen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky, Déborah Lukumuena, Adolpha van Meerhaeghe, Patricia Mouchon, Khoukha Boukherbache, Assia Menmadala, Marianne Garcia, Laetitia Grigy

Hinweise

Moviepilot über „Der Glanz der Unsichtbaren“

AlloCiné über „Der Glanz der Unsichtbaren“

Rotten Tomatoes über „Der Glanz der Unsichtbaren“

Wikipedia über „Der Glanz der Unsichtbaren“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Louis-Julien Petits „Der Glanz der Unsichtbaren“ (Les Invisibles, Frankreich 2018)

Meine Besprechung von Louis-Julien Petits „Die Küchenbrigade“ (La brigade, Frankreich 2022)


TV-Tipp für den 5. März: Das Ereignis

März 4, 2025

Arte, 20.15

Das Ereignis (L’événement, Frankreich 2021)

Regie: Audrey Diwan

Drehbuch: Audrey Diwan, Marcia Romano, Anne Berest

LV: Annie Ernaux: L’événement, 2000 (Das Ereignis)

Frankreich, 1963: die kurz vor dem Abschluss ihres Studiums stehende Anne wird ungewollt schwanger. Zu dem Zeitpunkt sind Schwangerschaftsabbrüche strafbar und alle, mit denen sie über einen möglichen Abbruch spricht oder die ihr auch nur irgendwie dabei helfen (oder nicht die Polizei informieren) machen sich ebenfalls strafbar. Eine heimlich durchgeführte Abtreibung ist auch gefährlich.

TV-Premiere. Das intensive Drama erhielt 2021 in Venedig den Goldenen Löwen als Bester Film.

Weil in den USA mit einer Gerichtsentscheidung das Recht auf Abtreibung abgeschafft wurde, gibt es jetzt in immer mehr US-Bundesstaaten mehr oder weniger drakonische Verbotsregeln. Was diese Verbote anrichten, zeigt Audrey Diwan in ihrem auf einer wahren Geschichte beruhendem Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein, Luàna Bajrami, Louise Orry-Diquéro, Louise Chevillotte, Pio Marmaï, Sandrine Bonnaire

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Das Ereignis“

Moviepilot über „Das Ereignis“

Metacritic über „Das Ereignis“

Rotten Tomatoes über „Das Ereignis“

Wikipedia über „Das Ereignis“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Audrey Diwans „Das Ereignis“ (L’événement, Frankreich 2021)


TV-Tipp für den 4. März: Super 8

März 3, 2025

ZDFneo, 21.45

Super 8 (Super 8, USA 2011)

Regie: J. J. Abrams

Drehbuch: J. J. Abrams

Ohio, 1979: Als eine filmverrückte Gruppe Jugendlicher nachts auf einer Bahnstation eine Filmszene für ihren Zombiefilm drehen wollen, beobachten sie ein Zugunglück. Am nächsten Tag besetzt das Militär die Stadt.

Spannender Science-Fiction-Film, der durchaus als zeitgemäßes Update von „E. T.“ gesehen werden kann.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kyle Chandler, Elle Fanning, Joel Courtney, Gabriel Basso, Noah Emmerich, Ron Eldard, Riley Griffiths, Ryan Lee, Zach Mills

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Super 8“

Wikipedia über „Super 8“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. J. Abrams’ “Super 8” (Super 8, USA 2011)

Meine Besprechung von J. J. Abrams‘ „Star Trek into Darkness“ (Star Trek into Darkness, USA 2013)

Meine Besprechung von J. J. Abrams „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ (Star Wars: The Force awakens, USA 2015)

Meine Besprechung von J. J. Abrams „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ (Star Wars: The Rise of Skywalker, USA 2019)


TV-Tipp für den 3. März: Grifters

März 2, 2025

Arte, 20.15

Grifters (The Grifters, USA 1990)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Donald Westlake

LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)

Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; – besonders an dem Geld.

Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Jim Thompson. Donald Westlake (aka u. a. Richard Stark) schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)

Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley, Stephen Tobolowsky, Jeremy Piven

Wiederholung: Donnerstag, 6. März, 14.00 Uhr

P. S.: Der Film ist FSK-16, aber Arte darf das.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Grifters“

Wikipedia über „The Grifters“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Grifters“ von Donald E. Westlake (Second Draft, März 1989)

zu Stephen Frears

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Frears‘ „Victoria & Abdul“ (Victoria & Abdul, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Stephen Frears‘ „The Lost King“ (The Lost King, Großbritannien 2022)

zu Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung „Parker“ (Parker, USA 2013)

zu Jim Thompson

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Meine Besprechung von Jim Thompsons „Jetzt und auf Erden“ (Now and on Earth, 1942)

Meine Besprechung von Michael Winterbottoms Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ (The Killer inside me, USA 2010)


TV-Tipp für den 2. März: Halbblut

März 1, 2025

Arte, 20..15

Halbblut (Thunderheart, USA 1992)

Regie: Michael Apted

Drehbuch: John Fusco

FBI-Agent Ray Levoi soll einen mysteriösen Mord im Sioux-Indianerreservat aufklären. Das Halbblut Levoi muss sich während der Ermittlungen auch seinen verleugneten indianischen Wurzeln stellen – und er entdeckt, dass die Morde mit Bohrungen nach Uran zusammenhängen.

„Halbblut“ ist ein spannender Thriller mit einem politischen Anliegen. Denn die Filmgeschichte beruht auf wahren Ereignissen aus dem Pine-Ridge-Reservat in South Dakota in den 70er Jahren. Michael Apted drehte vor dem Spielfilm die Dokumentation „Zwischenfall in Oglala“ (Incident at Oglala, USA 1992) darüber.

Anschließend, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die fast zweistündige Doku „Val Kilmer – Ein Leben zwischen ‚Top Gun‘ und ‚The Doors'“ (USA 2021).

mit Val Kilmer, Sam Shepard, Graham Greene, Fred Ward, Fred Dalton Thompson, John Trudell, Rex Linn

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Halbblut“

Wikipedia über „Halbblut“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Curtis Hanson/Michael Apteds „Mavericks – Lebe deinen Traum“ (Chasing Mavericks, USA 2012)

Meine Besprechung von Michael Apteds „Unlocked“ (Unlocked, USA 2017)


TV-Tipp für den 1. März: Der Pate

Februar 28, 2025

BR, 22.55

Der Pate (The Godfather, USA 1972)

Regie: Francis Ford Coppola

Drehbuch: Mario Puzo, Francis Ford Coppola

LV: Mario Puzo: The Godfather, 1969 (Der Pate)

Die Mafia als gepflegter Familienbetrieb. Ein immer wieder gern gesehener Klassiker.

Mit Marlon Brando, Al Pacino, James Caan, John Cazale, Robert Duvall, Diane Keaton, Sterling Hayden, Al Lettieri, Talia Shire

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Pate“

Wikipedia über „Der Pate“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Norbert Grob/Bern Kiefer/Ivo Ritzer (Herausgeber) „Mythos ‘Der Pate’ – Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm (Deep Focus 10)“ (2011)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” (Apocalypse Now, USA 1979 – die “Full Disclosure”-Blu-ray)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now: The Final Cut“ (USA 1979/2019) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „The Outsiders: The complete Novel“ (The Outsiders, USA 1983/2005) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Rumble Fish“ (Rumble Fish, USA 1983)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Twixt – Virginias Geheimnis“ (Twixt, USA 2011)

Meine Besprechung von Franics Ford Coppolas „Megalopolis“ (Megalopolis, USA 2024)

Francis Ford Coppola in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Roy Thomas/Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ (Bram Stoker’s Dracula 1-4, 1993) (der Comic-Version von Coppolas Film)

Meine Besprechung von Mario Puzos „Sechs Gräber bis München“ (Six Graves to Munich, 1967)


TV-Tipp für den 28. Februar: Alien – Meisterwerk aus dem Weltraum

Februar 27, 2025

Arte, 22.40

Alien – Meisterwerk aus dem Weltraum (Frankreich 2024)

Regie: Anne Cutaia, Sophie Peyrard

Brandneue 52-minütige Doku über „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“.

Hinweise

Arte über die Doku (in der Mediathek bis zum 29. März 2025)

Rotten Tomatoes über „Alien“

Wikipedia über „Alien“ (deutsch, englisch) und das Alien-Franchise (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Alien – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Alien, 2019)

Meine Besprechung von J. W. Rinzlers „Aliens – Die Entstehungsgeschichte“ (The Making of Aliens, 2020)

Meine Besprechung von Dan O’Bannon/Christiano Seixas/Guilherme Balbis „Alien – Die Urfassung“ (Alien: The Original Screenplay # 1 – 5, 2020)

Meine Besprechung von Ridley Scotts “Prometheus” (Prometheus, USA 2012)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, USA 2017)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Alien: Covenant“ (Alien: Covenant, 2017) (Filmroman)

Meine Besprechung von Fede Alvaraz‘ „Alien: Romulus (Alien: Romulus, USA 2024)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Blutlinien (Band 1)“ (Alien (2021) # 1 – 6, Mai – Oktober 2021)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Salvador Larrocas „Alien: Erweckung (Band 2)“ (Alien (2021) # 7 – 12, September 2021 – Juni 2022; Alien Annual (2022) 1, September 2022)

Meine Besprechung von Phillip Kennedy Johnson/Julius Ohta: Alien: Icarus (Band 3) (Alien (2022) # 1 – 6, November 2022 – April 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardos „Alien: Tauwetter (Band 1)“ (Alien (2023) # 1 – 5, April 2023 – August 2023)

Meine Besprechung von Declan Shalvey/Andrea Broccardo/Danny Earls‘ „Alien: Descendant (Band 2)“ (Alien Annual (2023) 1, Dezember 2023; Alien (2023 B) # 1 – 4, Januar – April 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: Über James Mangolds Bob-Dylan-Biopic „Like a Complete Unknown“

Februar 27, 2025

Als Bob Dylan (Timothée Chalamet) im Januar 1961 in New York ankommt, wartet niemand auf ihn. Er ist nur ein weiterer junger Mann mit einer Gitarre und dem Wunsch als Folk-Musiker Geld zu verdienen.

Wahnsinnig schnell steigt er, mit ein wenig väterlicher Hilfe von Pete Seeger (Edward Norton), den er am Krankenbett von seinem Idol Woody Guthrie trifft, zum Star und zur Stimme einer Generation auf.

Fünf Jahre später wagt er den Bruch mit der Folk-Szene. Er stöpselt seine Gitarre ein – und der Rest ist Rockgeschichte.

James Mangold der Regisseur des Johnny-Cash-Biopics „Walk the Line“, beschäftigt sich in seinem neuesten Film „Like a Complete Unknown“ mit diesen fünf entscheidenden Jahren in Bob Dylans Karriere. In diesen Jahren legte er das Fundament. Er schrieb viele Songs, die heute immer noch fest im kollektiven Gedächtnis verhaftet sind. Er elektrifizierte, mit einigen begnadeten Begleitmusikern, die Folkmusik zum Folkrock. Es ist auch eine Zeit, die musikhistorisch gut aufgearbeitet ist. Genannt seien hier, neben zahlreichen Büchern und Reportagen, Martin Scorseses vorzüglicher Dokumentarfilm „No Direction Home“, der sich ebenfalls mit diesen Jahren in Bob Dylans Leben beschäftigt, und die vielen CDs in Dylans „The Bootleg Series“, die sich intensiv mit diesen Jahren beschäftigen und bei Fans immer wieder für Erstaunen sorgen. Denn gerade wenn man glaubt, auch wirklich den allerletzten Alternate Take eines Songs gehört zu haben, veröffentlicht Dylan einen weiteren Alternate Take.

Über Dylans Privatleben ist weniger bekannt, was auch daran liegt, dass in Musikzeitschriften, LP-Kritiken und Dokumentarfilmen sich auf das Werk und damit zusammenhängende Äußerungen des Künstlers konzentriert wird. In einem Spielfilm ist das dann anders. Entsprechend großen Raum nehmen Dylans Beziehung zur Folk-Ikone Joan Baez (Monica Barbaro) und zu Suze Rotolo ein. Im Film heißt die politische Aktivistin und Friedenskämpferin Sylvie Russo (Elle Fanning). Beide animierten Dylan zu mehr politischen Liedern. Ein klassischer Polit-Sänger wurde er nie und er benimmt sich ihnen gegenüber immer wieder, wie Mangold in seinem Biopic zeigt, wie ein Arschloch. Seine erste Ehefrau, Sara Lownds, die er 1965 heiratete, wird im Film nicht erwähnt.

James Mangold stellt diese Zeit detailgetrau nach. Bei den Fakten nimmt er sich Freiheiten, die Dylan-Fans teilweise die Wände hochlaufen lassen. Salopp gesagt: die Gitarre stimmt, die Frisur stimmt, die Kleider stimmen, wahrscheinlich stimmt sogar Dylans Unterhose, die Lampe im Hintergrund sowieso, aber dann singt Dylan sein großes Liebeslied vor der falschen Frau oder zum falschen Zeitpunkt. „Like a complete unknown“ ist wahrlich kein verfilmter Wikipedia-Artikel, sondern ein Dylan-Biopic, das ein Gefühl von Dylans Aura vermitteln will und ihn als jungen, von Erfolg zu Erfolg eilenden Künstler zeigt, während Timothée Chalamet die unkaputtbaren Songs von Bob Dylan spielt.

Like a complete unknown“ kann daher gut als Startpunkt für weitere Dylan-Studien verwendet werden. Außerdem hat Bob Dylan, geboren 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth, Minnesota, schon am Beginn seiner Karriere einer guten Geschichte immer den Vorzug gegenüber der historischen Wahrheit gegeben.

Der Film selbst wirkt dabei immer wie der Besuch in einem Museum. Es ist informativ und kurzweilig in seiner Mischung aus Information und Musik. Vieles wird angesprochen, aber nie aus einer bestimmten Perspektive, sondern nüchtern-objektiv wie ein Text in einer Ausstellung, in dem dann steht, dass Dylan 1965 in Newport nicht mit der im Folk akzeptierten Akustikgitarre, sondern mit einer E-Gitarre auftrat und er von einer Rockband begleitet wurde. Teile des Publikums buhten über diesen Verrat an der Folkmusik. Dieser Auftritt bildet den Höhepunkt und das krachende Finale des Biopics. Die Songs funktionieren, das um den Auftritt ausbrechende Chaos verfolgt man eher ungerührt, weil einerseits an der Mythenbildung weitergearbeitet wird und andererseits nicht wirklich erfahrbar gemacht wird, wie groß der Bruch mit damaligen Folk-Szene war.

Like a complete unkown“ bleibt in diesem Moment, wie während des gesamten Films, an der glänzenden Oberfläche, die nichts von den Leiden und Selbstzweifeln eines Künstlers verrät. Dylan tut, was Dylan tun muss. Die Folk-Szene und seine Beziehungen bleiben der folkloristische Hintergrund für ikonische Bilder. Das ist nie wirklich schlecht und immer gut gemacht, aber auch nie wirklich befriedigend.

Wer mehr über die damalige Folk-Szene und deren Innenleben erfahren möchte, sollte sich „Inside Llewlyn Davis“ ansehen. Der Film der Coen-Brüder endet mit der Ankunft von Dylan in Greenwich Village. Trotzdem ist es der bessere Film über Bob Dylan, die damalige Folk-Szene und die inneren und äußeren Kämpfe eines Musikers. Und dann gibt es noch Martin Scorseses bereits erwähnten Dokumentarfilm „No Direction Home“ über diese erste Schaffensphase in dem an Irrungen, Wirrungen, Ab- und Umwegen reichen Werk von Bob Dylan und seinen Erforschungen der amerikanischen Seele.

Like a complete unknown (A complete unknown, USA 2024)

Regie: James Mangold

Drehbuch: James Mangold, Jay Cocks

LV: Elijah Wald: Dylan Goes Electric!, 2015

mit Timothée Chalamet, Edward Norton, Elle Fanning, Monica Barbaro, Boyd Holbrook, Dan Fogler, Norbert Leo Butz, Scott McNairy

Länge: 142 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Like a complete unknown“

Metacritic über „Like a complete unknown“

Rotten Tomatoes über „Like a complete unknown“

Wikipedia über „Like a complete unknown“ (deutsch, englisch) und Bob Dylan (deutsch, englisch)

AllMusic über Bob Dylan

Homepage von Bob Dylan

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)

Meine Besprechung von James Mangolds „Logan – The Wolverine“ (Logan, USA 2017)

Meine Besprechung von James Mangolds „Le Mans 66: Gegen jede Chance“ (Ford v Ferrari, USA 2019)

Meine Besprechung von James Mangolds „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ (Indiana Jones and the Dial of Destiny, USA 2023)


TV-Tipp für den 27. Februar: Green Book – Eine besondere Freundschaft

Februar 26, 2025

RBB, 20.15

Green Book – Eine besondere Freundschaft (Green Book, USA 2018)

Regie: Peter Farrelly

Drehbuch: Peter Farrelly, Nick Vallelonga, Brian Currie

Gut gemachtes, auf einer wahren Geschichte basierendes Feelgood-Movie über die sich während einer Konzerttour durch die Südstaaten in den frühen sechziger Jahren entwickelnde Freundschaft zwischen dem Konzertpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) und seinem für diese Tournee engagiertem Fahrer und Rausschmeißer Tony ‚The Lip‘ Vallelonga (Viggo Mortensen).

Der allgemeine Jubel über den Film, die zahlreichen Preise, unter anderem der Oscar als bester Film des Jahres (Spike Lee hatte mit seinem Wutausbruch, dass jeder andere nominierte Film den Oscar mehr verdient hätte als „Green Book“, vollkommen recht), können nicht über die doch ziemlich altbackene Ideologe des Films (der weiße Mann als Retter des Schwarzen und mit etwas gutem Willen kann der Rassissmus besiegt werden) hinwegtäuschen. „Green Book“ ist halt perfektes Hollywood-Wohlfühlkino.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Sebastian Maniscalco, Dimiter D. Marinov, P. J. Byrne

Wiederholung: Freitag, 28. Februar, 22.00 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Green Book“

Metacritic über „Green Book“

Rotten Tomatoes über „Green Book“

Wikipedia über „Green Book“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood sieht sich diese Männerfreundschaft an

Meine Besprechung von Peter Farrellys „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ (Green Book, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Heldin“, Chronik einer Schicht im Leben einer Krankenschwester

Februar 26, 2025

Petra Volpes neuer Film beginnt mit dem Beginn der Spätschicht in einem Schweizer Krankenhaus. Und er endet ungefähr acht Stunden später mit dem Ende der Schicht. Dazwischen erzählt Volpe („Die göttliche Ordnung“), strikt chronologisch, mit minimalen Verdichtungen und Dramatisierungen, was in dieser einen Schicht passiert.

Im Mittelpunkt steht die von Leonie Benesch famos gespielte Pflegefachkraft Floria. Nach der Krankmeldung einer Kollegin ist sie mit einer zweiten Fachkraft und einer Erstsemester-Studentin für 26 Patienten verantwortlich. Diese bilden das gesamte Patientenspektrum ab von leicht bis schwer, teils im Sterben liegenden Pflegebedürftigen. Einige sind freundlich, einige fordernd. Einige haben Allergien, andere nicht. Floria muss immer darauf aufpassen, dass sie ihnen die richtigen Medikamente gibt und, egal wie stressig es gerade ist, freundlich und geduldig sein.

Es ist eine ganz normale Schicht ohne besondere Vorkommnisse.

Diese Konzentration auf eine Schicht ist der Vor- und Nachteil des Dramas. So kann Petra Volpe in die Tiefe gehen und einen guten Eindruck von der Arbeit vermitteln. Das macht sie letztendlich mit den Mitteln des Direct Cinema. Die Kamera verfolgt Floria durch die hellen Gänge des Krankenhauses. Sie beobachtet in oft in langen Szenen das Geschehen. Sie verzichtet weitgehend auf Dramatisierungen. Es gibt kein Voice-Over und keine Erklärdialoge. Es gibt nur die Dokumentation der Arbeit. Und diese fängt sie präzise ein. Einige Rollen wurden von Laien und Pflegefachkräften übernommen. Die Macher und die Schauspieler informierten sich vor dem Dreh über die Arbeit auf einer Krankenstation. Hauptdarstellerin Leonie Benesch absolvierte ein Praktikum im Kantonsspital Liestal. Diese Vorbereitung und die Anwesenheit von Fachpersonen beim Dreh führen dazu, dass die Abläufe, die Bewegungen und auch der Tonfall bei Patientengesprächen stimmen.

Fehlen tut allerdings der für Außenstehende nonchalante und verstörende Umgang mit intimen Details und der im Pflegeteam und mit den Patienten vorhandene Humor, ohne den die Arbeit nicht leistbar wäre.

Der Nachteil der von Volpe gewählten Herangehensweise ist, wenn man es denn überhaupt als Nachteil sieht, dass „Heldin“ keine Analyse des Gesundheitssystems, seiner Probleme und möglicher Lösungen ist. Volpe erzählt auch keine Geschichte im klassischen Sinn. Dafür bleibt alles zu sehr im Episodischen einer Schicht. Sie zeigt auch nichts, was nicht auch im Rahmen eines Dokumentarfilms gezeigt werden könnte.

P. S.: Ich habe den sehenswerten Film in der hochdeutschen Synchronisation gesehen. Bei dieser Fassung störte mich der durchgehend klinisch reine Ton und das lehrbuchhafte Hochdeutsch, das immer etwas abgekoppelt von den Geschnissen auf der Leinwand ist. Die Originalfassung scheint – so mein Eindruck vom Trailer – in dieser Hinsicht, obwohl auch hier viel Hochdeutsch gesprochen wird, stimmiger und natürlicher zu sein. Wer also zwischen beiden Fassungen wählen kann, sollte sich unbedingt die Originalfassung ansehen.

Heldin (Schweiz/Deutschland 2025)

Regie: Petra Volpe

Drehbuch: Petra Volpe

mit Leonie Benesch, Sonja Riesen, Alireza Bayram, Selma Aldin, Urs Bihler, Margherita Schoch, Albana Agaj, Ridvan Murati, Urbain Guiguemdé

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Heldin“

Moviepilot über „Heldin“

Rotten Tomatoes über „Heldin“

Wikipedia über „Heldin“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Heldin“

Meine Besprechung von Petra Volpes „Die göttliche Ordnung“ (Schweiz 2017)


TV-Tipp für den 26. Februar: Ein Prophet

Februar 25, 2025

ZDFneo, 23.15

Ein Prophet (Un Prophète, Frankreich/Italien 2009)

Regie: Jacques Audiard

Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain

Ein Bildungsroman der anderen Art: der 19-jährige Malik kommt in den Knast und lernt dort alles, was er für das Leben braucht. Dummerweise macht ihn nichts davon zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft.

In Cannes erhielt „Ein Prophet“ den Großen Preis der Jury, bei den Cesars und den Étoiles d’Or (dem Preis der französischen Filmjournalisten) räumte er ab, er war den Oscar und Golden Globe als bester ausländischer Film nominiert, die Kritiker feiern den Film ab, Knackis (von denen etliche bei der Produktion beteiligt waren) loben die Authentizität des Films, es wurde über den Zustand und die Lebensbedingungen in den Knästen diskutiert und über 1,5 Millionen Franzosen lösten ein Kinoticket. In Deutschland war das Knastdrama nicht so erfolgreich.

mit Tahra Rahim, Nils Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb

Hinweise

Moviepilot über „Ein Prophet“

Metacritic über „Ein Prophet“

Rotten Tomatoes über „Ein Prophet“

Wikipedia über „Ein Prophet“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jacques Audiards „The Sisters Brothers“ (The Sisters Brothers, Frankreich/Spanien/Rumänien/USA/Belgien 2018)

Meine Besprechung von Jacques Audiards „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ (Les Olympiades, Frankreich 2021)

Meine Besprechung von Jacques Audiards „Emilia Pérez“ (Emilia Pérez, Frankreich 2024)