Drehbuch: Friedrich Dürrenmatt, Hans Jacoby, Ladislao Vajda
LV: Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman, 1957
Kommissar Matthäi sucht den Mörder eines neunjährigen Mädchens.
Allseits bekannter Krimiklassiker mit Heinz Rühmann, Gert Fröbe und Siegfried Lowitz. Auch das Ausland war von dem Film begeistert: „Unter der hervorragenden Regie von Ladislao Vajda wird die Handlung pausenlos in einem unbarmherzigen und beklemmenden Tempo gesteigert und ist getragen von einem Dialog, der vor Gescheitheit blitzt und nur gelegentlich durch die, dem Dichter eigene, Melancholie gebremst wird.“ (Aufbau, New York, 1960)
Dürrenmatt war mit dem Ende des Filmes unzufrieden. Sein „Buch zum Film“ hat daher ein pessimistisches Ende
In der südkoreanischen Hafenstadt Busan verunglückt ein Hobby-Bergsteiger tödlich bei einer Klettertour. Jang Hae-joon (Park Hae-il), der ermittelnde Kommissar, vermutet schnell einen Mord. Und er vermutet, dass die jüngere Frau des Toten, die Chinesin Song Seo-rae (Tang Wei), die Täterin ist. Allerdings hat sie ein ausgezeichnetes Alibi: zur Tatzeit pflegte sie als Krankenschwester eine ältere bettlägerige Frau und sie beantwortete einen Kontrollanruf auf dem Telefon der Patientin.
Schon bei ihrer ersten Begegnung herrscht zwischen ihnen diese seltsame Anziehungskraft, die bei Noir-Fans alle Warnglocken ertönen lässt. Trotzdem verliebt Jang sich in die geheimnisvolle Femme Fatale. Der an Schlaflosigkeit leidende Ermittler beginnt sie zu beobachten und durch die nächtliche Stadt zu verfolgen.
Seit seiner Premiere in Cannes, wo „Die Frau im Nebel“ den Preis für die beste Regie erhielt, wird Park Chan-wooks Neo-Noir überall abgefeiert. Er stand auf Jahresbestenlisten, wurde für wichtige Filmpreise nominiert, erhielt bislang auch einige Preise und er dürfte noch weitere Auszeichnungen erhalten.
Trotzdem kann ich die große Begeisterung nur teilweise nachvollziehen. Denn gerade für den Noir-Fan hat das langsam erzählte Krimidrama einige unübersehbare Schwächen. Die weitgehend – Park Chan-wook variiert natürlich ein wenig – bekannte Story ist es nicht. Es sind andere Dinge.
Doch beginnen wir mit dem Positiven. Park Chan-wook inszenierte seinen melancholischen Noir überaus elegant und atmosphärisch. Auch der verschachtelte Wechsel zwischen Zeitebenen, Realität und Fantasie gefällt am Anfang. In der zweiten Hälfte des Films wird dieser ständige Wechsel zunehmend verwirrend und weniger überzeugend verwandt. Sowieso ist diese Hälfte deutlich schlechter. Sie spielt ein Jahr nach dem ersten Mord. In dem Moment, also nach ungefähr achtzig Filmminuten, ist der Mord an dem Bergsteiger aufgeklärt. Jang weiß, dass Song die Mörderin ist und er könnte sie verhaften. Er tut es nicht, aber sie klären ihr Verhältnis zueinander – und der Film könnte zu Ende sein. Aber es geht weiter. Fast eine Stunde lang gibt es eine ermüdende Abfolge zufällger Ereignisse, wie einer zufälligen Begegnung auf einem Markt in Ipo, einem weiteren Mord, in den Song wieder verwickelt ist und in dem Jang wieder der Ermittler ist, arkane Ermittlungen mit einer neuen Partnerin und einem doch etwas umständlichem, ziemlich düsterem Ende. Auch für einen Noir.
Doch das Schicksal von dem obsessiv verliebtem Kommissar und der geheimnisvollen Mordverdächtigen berührt kaum. Ihre Gefühle und Motive bleiben eher verborgen. Das von Park Chan-wook entworfene Beziehungsgeflecht zwischen ihnen ist komplex, aber vor allem ein intellektuelles Spiel. Die elegant und auch gelungene Inszenierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass einen diese Noir-Geschichte und die Leiden der Figuren emotional kalt lassen. Eben darum ist „Die Frau im Nebel“ definitiv nicht Park Chan-wooks bester Film.
Mit gut zweieinhalb Stunden ist „Die Frau im Nebel“ außerdem eindeutig zu lang. Früher hätte ein Hollywood-Regisseur diese Noir-Geschichte über einen ehrlichen Polizisten, der sich in die falsche Frau verliebt, und einer Femme Fatale, die an ihren Taten leidet, locker in neunzig Minuten erzählt.
Zu Park Chan-wooks früheren Filmen gehören „Joint Security Areas“, „Oldboy“, „Lady Vengeance“, „I’m a Cyborg, but that’s OK“, „Stoker“, „Die Taschendiebin“ und die John-le-Carré-Miniserie „Die Libelle“.
Die Frau im Nebel (Heojil Kyolshim, Decision to leave [internationaler Titel], Südkorea 2022)
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Park Chan-wook
mit Tang Wei, Park Hae-il, Lee Jung-hyun, Go Kyung-pyo, Park Yong-woo, Jung Yi-seo
LV: David Barstow, David Rohde, Stephanie Saul: Deepwater Horizon’s Final Hours (The New York Times, 26. Dezember 2010)
Grandioses Drama über die von BP grob fahrlässig verursachte und extrem kostspielige Katastrophe auf der Olbohrplattform „Deepwater Horizon“, die am 20. April 2010 im Golf von Mexiko in Flammen aufging. Elf Arbeiter verloren ihr Leben. Die darauf folgende Umweltkatastrophe wird im Abspann erwähnt.
LV: Nancy Buirski: The Loving Story, 2011 (Dokumentarfilm)
Mildred Jeter und Richard Loving lieben sich. Sie heiraten – und weil sie unterschiedliche Hautfarben haben, ist das in Virginia, wo gemischtrassige Heiraten verboten sind, ein Verbrechen, das mit Haft und Verbannung geahndet wird.
Jeff Nichols erzählt die Geschichte, die am 12. Juni 1967 zu dem einstimmigen Urteil des Obersten Gerichtshofs führt, das ein Verbot von Eheschließungen aufgrund von Rassenmerkmalen für verfassungswidrig erklärt. Seitdem wird in den USA, teils als Feiertag, der Loving Day gefeiert.
Schon vor dem Start hat Pilot Brodie Torrances (Gerard Butler) ein mulmiges Gefühl. Nicht wegen der überraschenden Mitnahme von Louis Gaspare (Mike Colter). Gaspare ist ein Mörder, der jetzt von einem Gefängnis in ein anderes Gefängnis gebracht werden soll. Der hat Handschellen an und wird von einem FBI-Agenten bewacht. Der sollte ihm während des Flugs keine Probleme bereiten. Brodie ist beunruhigt wegen eines heraufziehenden Sturms. Durch ihn muss er fliegen, weil die Fluggesellschaft das Benzin für einen Umweg sparen will.
Dieser Sparplan geht schief. Der Sturm zerstört die Elektronik des Passagierflugzeugs. Die Triebwerke fallen aus. Die Maschine stürzt ab.
Zum Glück entdecken Brodie und sein Co-Pilot eine Insel, auf der sie eine Notlandung versuchen. Diese gelingt.
Dummerweise ist das notgelandete Flugzeug fluguntauglich und die Funkanlage funktioniert nicht mehr. Niemand weiß, wo sie sind.
Brodie – ein Mann mit besonderen Fähigkeiten – und Louis – ein Mann mit ‚a very particular set of skills‘, wie Brodie nach einem Blick in Louis‘ Handgepäck weiß – machen sich gemeinsam auf den Weg, um Hilfe zu holen. Dabei erfahren sie, dass sie auf Jolo notgelandet sind. Diese Insel wird von Piraten/Terroristen beherrscht, die so schlimm sind, dass das philippinische Militär sich nicht auf die Insel wagt. Sie sind skrupellose Verbrecher, die mit Geiselnahmen ihr Geld verdienen. Als sie von dem abgestürztem Flugzeug erfahren sind sie angesicht des erwartbaren Lösegeldes begeistert.
Weil „Plane“ einer dieser Filme ist, in denen ein, zwei mutige Einzelkämpfer locker ganze Armeen besiegen können, wissen Genrefans, wie die Begegnung für die Piraten enden wird. Insofern erfüllt dieses Gerard-Butler-Vehikel genau die Erwartungen seiner Fans. „Plane“ ist ein 80er-Jahre-Action-Thriller mit handgemachter Action und zweckdienlichen Tricks. Aber wegen der Spezialeffekte sieht sich wirklich niemand einen Film mit Gerard Butler an.
Ein Blick auf den Stab macht dann doch neugierig. Zwei Namen stechen hervor: Jean-François Richet und Charles Cumming.
Richet ist als Genreregisseur bekannt, dessen Filme immer etwas besser als die Masse der Actionfilme ist. Er drehte das durchaus gelungene John-Carpenter-Remake „Das Ende – Assault on Precinct 13“ (2005), das auf zwei Kinofilme angelegte Gangster-Biopic „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ (Mesrine: L’instinct de mort, 2008) und „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“ (Mesrine: L’Ennemi public n°1, 2008) und das Mel-Gibson-Actionvehikel „Blood Father“ (2016). „Plane“ nennt er zutreffend eine „klassische Actiongeschichte mit leicht zuordenbaren Charakteren“.
Cumming ist bekannt als Autor von Spionagethrillern, die in Kritiken selbstverständlich mit den Werken von James-Bond-Erfinder Ian Fleming und George-Smiley-Erfinder John le Carré verglichen werden. Fleming und le Carré sind halt die üblichen Verdächtigen, die in so einem Fall immer genannt werden. Dessen ungeachtet sind Cummings Agentengeschichten gelungene Thriller. Vor einigen Jahren erschienen einige seiner Werke bei Goldmann in deutschen Übersetzungen. Unter anderem erschien „Die Tunis Affäre“, sein erster Roman mit dem Geheimagenten Thomas Kell, auf Deutsch. Der Roman erhielt den CWA Ian Fleming Steel Dagger und wurde zum Scottish Crime Book of the Year gewählt. Sein Drehhbuch für „Plane“ verkaufte er bereits 2015 an DiBonaventura Pictures.
Das sind Namen, die mehr als einen 08/15-Actionthriller versprechen. Und so ist es auch.„Plane“ ist ein gut gemachter B-Actionthriller (bis auf die Tricks), der kurzweilig und ohne große Überraschungen knapp zwei Stunden unterhält.
Plane(Plane, USA/Großbritannien 2023)
Regie: Jean-François Richet
Drehbuch: Charles Cumming, J. P. Davis (nach einer Geschichte von Charles Cumming)
mit Gerard Butler, Mike Colter, Yoson An, Daniella Pineda, Paul Ben-Victor, Remi Adeleke, Joey Slotnick, Tony Goldwyn, Lilly Krug
Wer ein gutes Gedächtnis hat, wird schon beim Plakat gedacht haben: Das Bild und den Titel kenne ich. Und er hätte recht. Der Tom-Hanks-Film „Ein Mann namens Otto“ ist das US-Remake des schwedischen Films „Ein Mann namens Ove“. Der war vor sieben Jahren ein Hit und war, neben einigen anderen Preisen, die in diesem Zusammenhang unwichtig sind, für drei Oscars, unter anderm den Oscar als bester fremdsprachiger Film, nominiert. Spätestens in dem Moment wurde Hollywood auf ihn aufmerksam.
In dem Feelgood-Film geht es um den titelgebenden Ove/Otto, einen sechzigjährigen Witwer, der überaus pedantisch und notorisch schlecht gelaunt dafür sorgt, dass in seiner Wohneinheit alles in Ordnung ist. Da liegt kein Blatt Laub auf dem Boden. Herumstehende Fahrräder werden weggesperrt. Der Müll ist ordentlich sortiert – und wer sich nicht an die Regeln hält, wird darauf hingewiesen. Autos, die, obwohl das verboten ist, durch die Wohneinheit fahren, sind schlecht gelitten. Außerdem hält Ove/Otto fast alle anderen Menschen für Idioten.
Nach dem Tod seiner von ihm über alles geliebten Frau will er sich umbringen. Das ist leichter geplant als durchgeführt. Denn immer wenn Ove/Otto sich umbringen will, kommt etwas dazwischen. Als er sich in seiner Wohnung erhängen will, zieht gegenüber lärmend eine Familie ein. Weil Tommy nicht einparken kann, erledigt Ove/Otto dies schlecht gelaunt in wenigen Sekunden.
Danach will Tommys Frau Marisol sich bei ihm bedanken. Und Ove/Otto hat keine ruhige Minute mehr. Die hochschwangere Mexikanerin dringt – im US-Remake rücksichtsloser als im Original – in Ove/Ottos Leben ein. Ihr Mann ist Informatiker. Jede handwerkliche Tätigkeit überfordert ihn. Beim Versuch, ein Fenster zu öffnen, stürzt er von der von Ove/Otto geliehenen Leiter und landet im Krankenhaus. Einen Geschirrspüler kann er nicht anschließen. Marisol hat außerdem zwei überaus herzige Töchter, auf die Ove/Otto ab und zu aufpassen muss. Die finden den Griesgram durchaus sympathisch.
Ihr merkt schon: die Unterschiede zwischen dem Original und dem zehn Minuten längerem Remake sind minimal. Mal ist die eine Fassung, mal die andere Fassung besser. Mal ist es wirklich Geschmacksache, welche Version einem besser gefällt.
Marc Forster verlegt die Geschichte, mit einigen notwendigen Anpassungen, in die USA. Tom Hanks übernimmt die Hauptrolle. Rolf Lassgård spielte Ove im Original und er ist als schlecht gelaunter Miesepeter überzeugender. Das liegt nicht daran, dass Tom Hanks schlecht spielt. Das liegt vor allem an seinem Image als nettester Mann von Hollywood. Er ist eine allseits wohlgelittene moralische Instanz. Er ist immer freundlich und er scheint alle Menschen zu lieben.
Genau deshalb nehme ich ihm den pedantischen Stinkstiefel, den er hier spielt, nicht ab. Immer wirkt es, als müsse er sich dazu zwingen, missmutig in die Welt zu blicken. Immer wirkt es, als ob er viel lieber alle anlächeln und herzen möchte. Genau deshalb wäre ungefähr jeder andere Schauspieler geeigneter gewesen, diesen Otto zu spielen.
(Nebenbemerkung: Tom Hanks als netten Serienkiller oder Psychopathen würde ich gerne einmal sehen.)
Das gesagt ist „Ein Mann namens Otto“ ein herziges, gut gemachtes Feelgood-Movie, das auch den Fans von „Ein Mann namens Ove“ gefallen sollte.
Ein Mann namens Otto (A man called Otto, USA 2022)
Regie: Marc Forster
Drehbuch: David Magee (basierend auf dem Drehbuch „En man som heter Ove“ von Hannes Holm und dem Roman von Fredrik Backman)
LV: Fredrik Backman: En man som heter Ove, 2012 (Ein Mann namens Ove)
mit Tom Hanks, Mariana Treviño, Rachel Keller, Manuel Garcia-Rulfo, Truman Hanks
Der letzte der harten Männer (The last hard men, USA 1976)
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: Guerdon Trueblood
LV: Brian Garfield: Gun Down, 1971 (später auch “Last hard men”)
Arizona, 1909: Halbblut Zach Provo flieht aus dem Gefängnis. Er will den Tod seiner Frau durch den pensionierten Sheriff Sam Burgade rächen. Er entführt dessen Tochter und flieht in das Navajo-Reservat. Burgade verfolgt ihn.
Im Original heißt der Spätwestern „The last hard men“. Damit ist klar, dass Provo und Burgade Geistesverwandte und, als Westerner im zwanzigsten Jahrhundert, eine aussterbende Gattung. Sam Peckinpah hat über diesen Menschenschlag einige grandiose Filme gedreht. „McLaglen gelingt es nur, die Ermattung seiner Helden auf die Zuschauer zu übertragen.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Brian Garfield ist vor allem für seinen Roman „Ein Mann sieht rot“ (Death Wish, 1972) bekannt. Er schrieb, teils unter verschiedenen Pseudonymen, aber auch zahlreiche weitere Western und Thriller. Weil ihm, besonders nach der Verfilmung, die Perzeption von „Ein Mann sieht rot“ und die Aussage, dass gegen Gewalt nur Gewalt hilft, nicht zufrieden war, schrieb er eine Fortsetzung von „Ein Mann sieht rot“ und mehrere Romane, in denen die Helden sich mit nicht gewalttätigen Mitteln gegen Gewalt wehren.
Mit Charlton Heston, James Coburn, Barbara Hershey, Christopher Mitchum, Michael Parks
Wiederholung: Sonntag, 5. Februar, 01.05 Uhr (Taggenau! – Nach „Spiel mir das Lied vom Tod“ um 20.15 Uhr und „Mein großer Freund Shane“ um 23.10 Uhr.)
Man on Fire (Man on Fire, Italien/Frankreich 1986)
Regie: Elie Chouraqui
Drehbuch: Elie Chouraqui, Sergio Donati
LV: A. J. Quinnell: Man on Fire, 1980 (Der Söldner, Mann unter Feuer)
Ex-CIA-Agent Christian Creasy arbeitet inzwischen als Bodyguard. Sein neuester Auftrag: in Mailand soll er Samantha, die zwölfjährige Tochter einer reichen Industriellenfamilie beschützen. Als Samantha entführt wird, sucht Creasy die Entführer.
Dieses Mal läuft im TV nicht „Mann unter Feuer“ (Man on Fire, USA 2004), Tony Scotts bekannte Verfilmung von Quinnells Roman, sondern die erste, fast unbekannte Verfilmung des Romans. Sie ist sicher kein Meisterwerk, aber einen Blick wert.
Elie Chouraquis Thriller war ein Kassenflop. Den Grund sah der Fischer Film Almanach 1989 darin, „dass er Gesetze des Actiongenres unterläuft und mit gänzlich unamerikanischen Inhalten füllt. (…) Chouraquis Thema ist eine bürgerliche Welt, die durchsetzt ist von Brutalität und Gewalt, die sich stets scharf am Abgrund des Krieges bewegt. Dennoch stehen nicht Action und Selbstjustiz im Vordergrund der Geschichte, sondern ein Vater-Kind-Verhältnis.“
Mit Scott Glenn, Jade Male, Joe Pesci, Danny Aiello, Brooke Adams, Jonathan Pryce, Franco Trevisi, Laura Morante, Lou Castel
Drehbuch: Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas
LV: Wolf Haas: Der Knochenmann, 1997
Brenner fährt auf’s Land. Eigentlich soll er ein geleastes Auto zurückholen. Aber dann gefällt’s ihm im Wirtshaus von Löschenkohl zu gut, er verliebt sich in die Schwiegertochter des Wirts und stolpert in eine veritable Mordgeschichte. Denn der Löschenkohl wird erpresst, beseitigt seine Erpresser und muss auch auf seinen blöden, aber ambitionierten Sohn aufpassen.
Die dritte Auflage der Ösi-Variante eines Action-Films, eines Whodunit und einer Krimikomödie hat weniger bekannte Namen und weniger Lacher als „Komm, süßer Tod“ und „Silentium“. Dafür ist „Der Knochenmann“ noch desillusioniert-gemeiner in seinem Blick auf die Menschen und Josef Hader hat im Privatdetektiv Brenner die Rolle seines Lebens gefunden. Grandios!
Mit Josef Hader, Josef Bierbichler, Simon Schwarz, Birgit Minichmayr, Stipe Erceg, Christoph Luser, Dorka Gryllus
In seinem neuen Film spielt Hugh Jackman den erfolgreichen New Yorker Anwalt Peter Miller. Er lebt mit Beth (Vanessa Kirby) zusammen. Sie haben ein gemeinsames Baby. Beruflich könnte er vor neuen Herausforderungen stehen.
Als bittet Peters Ex-Frau Kate (Laura Dern) ihn, ihren gemeinsamen Sohn Nicholas (Zen McGrath) bei sich aufzunehmen. Der Siebzehnjährige schwänzt die Schule, ist antriebslos, will nicht mehr bei seiner Mutter leben und er hat Stimmungsschwankungen. Jetzt will er bei Peter leben.
Peter und Beth nehmen ihn bei sich auf. Aber an Nicholas erratischem Verhalten ändert sich nichts.
„The Son ist nach seinem Debüt „The Father“ Florian Zellers zweiter Spielfilm. Wieder entstand der Film nach einem seiner Theaterstücke, wieder schrieb er das Drehbuch mit Christopher Hampton und wieder spielt Anthony Hopkins (der dieses in einer Nebenrolle einen ganz anderen Vater spielt) mit. Trotzdem enttäuscht „The Son“.
In „The Father“ erzählt Zeller die Geschichte des zunehmend dementen Anthony (Anthony Hopkins). Er inszenierte den Film aus Anthonys Perspektive und wir begreifen schnell, wie ein Mensch, der langsam sein Gedächtnis verliert, die Realität sieht und versucht sie zu begreifen, während ihm seine Vergangenheit und die Gegenwart zunehmend entgleiten.
„The Son“ ist dagegen nur ein konventionell erzähltes Vater-Sohn-Drama, in dem ein Vater seinem Sohn helfen will, ohne die Krankheit seines Sohnes zu verstehen. Das ist gut gespielt und auch gut inszeniert, aber meilenweit von der Qualität seines Debüts entfernt. Zellers neues Drama unterscheidet sich letztendlich kaum von einem banalen Herzkino-Film.
The Son(The Son, USA/Frankreich 2022)
Regie: Florian Zeller
Drehbuch: Florian Zeller, Christopher Hampton
LV: Florian Zeller: Le Fils, 2018 (Theaterstück)
mit Hugh Jackman, Laura Dern, Vanessa Kirby, Zen McGrath, Anthony Hopkins
Auch Lukas Dhont überzeugte mit seinem Debüt „Girl“. In ihm ging es um ein fünfzehnjähriges Transmädchen, das in einer bekannten Ballettschule ausgebildet werden möchte, während sie sich gleichzeitig auf ihre geschlechtsangleichende Operation vorbereitet.
In seinem zweiten Film „Close“, der aktuell für den Auslandsoscar nominiert ist, geht es um zwei Jungen, die auf dem Land jede Minute miteinander verbringen. Als die beiden Dreizehnjährigen auf eine neue Schule kommen und eine Klassenkameradin bemerkt, dass sie offensichtlich mehr als nur Freunde seien, verändert sich ihre Beziehung.
In der ersten Filmhälfte zeichnet Dhont diese Freundschaft und wie sie sich verändert äußerst sensibel und mit wenigen Worten. Léo und Rémi stehen am Beginn ihrer Pubertät auch vor der Frage, wie sie sich künftig sexuell orientieren wollen. Bislang war ihnen das egal.
In der Filmmitte gibt es dann ein überraschendes Ereignis, das die Handlung der zweiten Hälfte entscheidend beeinflusst. Gleichzeitig ist danach, auch ohne eine Antwort, die Frage der Klassenkameradin final beantwortet und der Film steht vor der Frage, was er in der zweiten Hälfte erzählen will.
Über dieses Ereignis wird im folgenden kaum gesprochen. Stattdessen gibt es eine Abfolge weitgehend unzusammenhängender Szenen, in denen die Geschichte sich keinen Millimeter vorwärts bewegt. Nach der konzentrierten ersten Hälfte plätschert das Drama jetzt nur noch langatmig in Richtung Abspann.
Close (Close, Belgien/Frankreich/Niederlande 2022)
Regie: Lukas Dhont
Drehbuch: Lukas Dhont, Angelo Tijssens
mit Eden Dambrine, Gustav de Waele, Èmilie Dequenne, Léa Drucker, Keven Janssens, Marc Weiss
Als Fünfundzwanzigjährige kehrt Freddie 2013 für einige Tage nach Seoul zurück. Als Baby wurde sie von einem französischen Ehepaar adoptiert. Jetzt will sie ihre Eltern, über die sie nichts weiß und an die sie bislang offensichtlich niemals dachte, kennen lernen. Über eine Adoptionsagentur kann sie ihre Eltern kontaktieren. Diese sind inzwischen geschieden. Ihre Mutter will sie nicht sehen. Ihr Vater schon.
Über letztendlich ein Jahrzehnt erzählt Davy Chou in „Return to Seoul“ Freddies Geschichte und wie sich ihre Suche und ihre Beziehung zu ihren biologischen Eltern entwickelt. Und eben dieser lange Zeitraum erweist sich als ein Problem. Freddie erster Besuch in Seoul, der den größten Teil des Films einnimmt, überzeugt. Es wird eine junge Frau auf der Suche gezeigt. Gleichzeitig sind für sie die Tage an Seoul eine Gelegenheit all das zu tun, was Studentinnen in fremden Städten tun. Mit Zufallsbekanntschaften stürzt sie sich lebenslustig in das pulsierende Nachtleben und verbreitet eine wohltuende Portion Unruhe.
Danach wird es episodischer und zunehmend unklarer, wohin sich die Geschichte entwickeln soll. 2015 führt sie ein langes Gespräch mit einem Waffenhändler, bei den zunächst unklar ist, warum sie sich mit ihm unterhält, warum sie wieder (?) in Seoul ist und was sie in Seoul tut oder tun will. Sie trifft wieder ihren Vater und seine Familie. Sie hat einen Freund, der sie nach Seoul begleitet. Sie wird älter und irgendwann ist der Film vorbei.
„Return to Seoul“ ist, wie „Close“, strikt chronologisch erzählt und nach einer starken ersten Hälfte plätschert der Film, wie „Close“, unentschlossen vor sich hin. Im Gegensatz zu „Close“, dessen Geschichte sich innnerhalb weniger Monate abspielt, überspringt Day Chou in seinem Drama immer wieder mehrere Jahre und Freddie wird von einer Mittzwanzigerin zu einer Mittdreißigerin.
Return to Seoul (Return to Seoul/Retour à Séoul, Belgien/Deutschland/Frankreich 2022)
Regie: Davy Chou
Drehbuch: Davy Chou
mit Park Ji-Min, Oh Kwang-Rok, Guka Han, Yoann Zimmer, Hur Ouk-Sook, Kim Sun-Young, Louis-Do de Lencquesaing, Emeline Briffaud
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Der Film ist mehrsprachig. Für die deutsche Kinofassung wurde Französisch synchronisiert. Die anderen Sprachen sind untertitelt.
TV-Premiere: Spielfilmlange informative Doku über den allseits benutzten Plastikstuhl. Anfangs mehr Design- und Industriegeschichte, später vor allem ein Blick auf die Verwendung des Stuhls.
Ach, da werden Kindheitserinnerungen wach. Denn „Die drei ???“-Krimis (mit den Bemerkungen von Alfred Hitchcock) begleiteten mich zuverlässig durch einige Lesejahre. Die ab 1979 produzierten Hörspiele ließ ich links liegen. Einerseits interessierten mich Hörspiele niemals sonderlich, andererseits gab es in der Stadtbücherei nur die Bücher. Irgendwann hörte ich auf, die neuen Fälle der drei jungen Detektive, die sich „Die drei ???“ nennen, zu lesen. Ich wurde älter. Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews nicht. Die verlebten einfach, ohne älter zu werden, noch einen Feriensommer in Rocky Beach, Kalifornien, und lösten einen weiteren Kriminalfall.
In den USA erschienen ab 1987 keine neuen Romane mit den drei ???. In Deutschland, wo die drei jugendlichen Ermittler schon damals überaus beliebt waren, erschienen weitere Abenteuer. Geschrieben von deutschen Autoren.
2007 und 2009 gab es mit „Die drei ??? – Das Geheimnis der Geisterinsel“ und „Die drei ??? – Das verfluchte Schloss“ auch zwei Kinofilme mit Justus, Peter und Bob. Beides sind deutsche Produktionen.
Und jetzt gibt es einen neuen Spielfilm mit den drei ???, der selbstverständlich in Rocky Beach beginnt. Ebenso selbstverständlich haben die drei Jungs wegen der Schulferien gerade viel Zeit.
Bevor sie einen Fall übernehmen können, geht es nach Europa. In Transsilvanien auf dem Schloss der Gräfin Codrina wird der Horrrofilm „Dracula Rises“ gedreht. Justus, Peter und Bob dürfen mitreisen. Sie sollen Peters Vater, der eine Spezialeffektefirma hat, im Hintergrund bei den Dreharbeiten helfen und unter keinen Umständen in irgendeinem Fall ermitteln.
Dummerweise beobachten sie schon in der ersten Nacht seltsame Dinge. Ihre Neugierde ist geweckt. Gesteigert wird sie, als sie von einer Legende erfahren, nach der es in der Burg einen Schatz geben soll und sie Geschichten von dem vor fünfzig Jahren spurlos verschwundenen Bruder der Gräfin, einer Bruderschaft und, selbstverständlich, Untoten hören.
Diese Schatzsuche, garniert mit etwas Geschichtsunterricht über Graf Dracula, seine reale Inspiration und Hintergrundinformationen zur Entstehung eines Films, gestaltet sich für Kinder durchaus unterhaltsam. Erwachsene werden dagegen monieren, dass alles doch etwas einfach geraten ist und, mit etwas mehr Mühe, viel besser hätte sein können. Denn bis der Krimiplot wirklich erkennbar ist, vergeht viel Zeit mit Nebenschauplätzen. Entsprechend schnell werden dann die Täter überführt und ihre Motive enthüllt. Die Informationen über Graf Dracula hören sich wie erlesenes Wikipedia-Wissen an. Über die Herstellung eines Films hätte es durchaus fundiertere Informationen geben können.
Am meisten hat mit aber immer wieder gestört, dass die drei ??? in Tim Dünschedes Kinderkrimi öfters nicht wie beste Freunde, sondern wie beste Schulfeinde wirken, die zu dem Europatrip zwangsverpflichtet wurden. Das ist nicht das Bild, das ich von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, drei unzertrennlichen Freunden, habe.
Die drei ??? – Erbe des Drachen (Deutschland 2023)
Regie: Tim Dünschede
Drehbuch: Tim Dünschede, Anil Kizilbuga (nach einer Erzähleung von André Marx)
mit Julius Weckauf, Nevio Wendt, Levi Brandl, Mark Waschke, Natalia Belitski, Valentin Popescu, Fabra Dieng, Gudrun Landgrebe, Gedeon Burkhard, Florian Lukas, Jördis Triebel
Im August 1955 verlässt der vierzehnjährige Emmett Till Chicago. Er fährt zu Verwandten nach Money, Mississippi. Vor der Abfahrt schärft Emmetts Mutter, die 33-jährige Mamie Till Mobley, ihrem Sohn noch ein, wie er sich zu verhalten habe. Kurz gesagt: die Augen auf den Boden richten und Weißen immer Recht geben. Vor allem wenn sie im Unrecht sind oder ihn beleidigen. Das geht schief, als er in einem kleinen Lebensmittelgeschäft mit der Verkäuferin Carolyn Bryant etwas flirtet. Sie behauptet später, er habe sie sexuell belästigt.
Wenige Stunden später ist Emmett tot. Gelyncht.
Seine Mutter beginnt für Gerechtigkeit zu kämpfen und sie geht an die Öffentlichkeit. Ein Fotograf vom Jet Magazin darf seine Leiche fotografieren. Eines seiner Fotos kommt auf die Titelseite. Die Bilder von seinem Gesicht schockierten die Öffentlichkeit. Bei der Trauerfeier in Chicago ist sein Sarg offen. Jeder kann und soll sehen, wie er vor seinem Tod bis zur Unkenntlichkeit brutal zusammengeschlagen wurde. Über Fünfzigtausend kommen und sind schockiert.
Das waren die ersten Schritte in Mamie Till Mobleys Kampf um Gerechtigkeit. Eine Gerichtsverhandlung und jahrzehntelange Arbeit als Bürgerrechts-Aktivistin folgen. Mamie Till Mobley stirbt am 6. Januar 2003.
„Till – Kampf um die Wahrheit“ endet mit einem ihrer ersten Auftritte als Bürgerrechtskämpferin.
Emmetts Mörder wurden – wir befinden uns hier im Feld historischer Tatsachen und, auch wer sie nicht kennt, dürfte darüber nicht verwundert sein – freigesprochen. Sie wurden für ihre Taten niemals verurteilt.
Jahrzehnte nach dem Lynchmord sagte Carolyn Bryant in einem Interview, dass Emmett Till sie nicht belästigt habe. Das sei eine Lüge gewesen.
Das ist eine wichtige Geschichte, die es in jeder denkbaren Beziehung verdient erzählt zu werden. Und natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, dies in einer Art und Weise zu tun, die ein großes Publikum erreichen kann. Das wollen die Macherinnen – unter anderem die Regisseurin Chinonye Chukwu, die Drehbuchautoren Michael Reilly und Keith Beauchamp, dem Regisseur der 2005 die Doku „The untold Story of Emmett Louis Till“, und die Produzentinnen Whoopi Goldberg (die auch eine kleine Rolle übernommen hat) und Barbara Broccoli. Sie produziert normalerweise die James-Bond-Filme. Trotzdem war die Finanzierung schwierig und das Budget für den Film überschaubar.
Der jetzt entstandene Film wirkt, auch weil das Drama fast ausschließlich in Studiokulissen gedreht wurde und alles überaus hell ausgeleuchtet ist, wie ein in den Fünfzigern entstandener Douglas-Sirk-Film.
Insgesamt ist „Till“ ein honoriges Drama, das sich an die historisch verbürgten Tatsachen hält. Es soll an zwei wichtige Figuren des Civil Right Movements, nämlich Emmett Till und Mamie Till-Mobley, und die Anfänge dieser wichtigen Bewegung erinnern. Es ist eine aufbauend inszenierte Geschichtsstunde.
Gleichzeitig sollen Gegner des Anliegens überzeugt werde. Es wird alles in ein harmonisches Fünfziger-Jahre-Licht getaucht, das an eine vergangene, längst abgeschlossene Zeit erinnert. Es gibt keine offensichtlich verstörenden Bilder; – wobei die Gerichtsverhandlung gegen Emmetts Mörder durchaus verstörend ist. Die Geschworenen sind weiße Männer. Die Weißen feiern ein Picknick, während die Schwarzen auf Bänken zusammengequetscht werden. Auch Mamie Till-Mobley wird ausgesprochen herablassend behandelt und es wird angezweifelt, ob der unkenntliche Tote überhaupt ihr Sohn ist. In den Minuten werden auch die Strukturen erkennbar, die den Mord an Emmett ermöglichten. Doch meistens erscheint der Mord und der Rassismus der Täter als eine individuelle Tat.
Gerade dies und die überaus zurückhaltende Inszenierung führen dazu, dass das Drama deutlich weniger empört, als es empören sollte. Angesichts der aktuellen Lage in den USA ist das ein nachvollziehbarer erzählerischer Ansatz. Angesichts des enttäuschenden US-Einspielergebnisses von „Till“ ging diese Rechnung nicht auf. Wobei, auch erwähnt werden muss, dass mehrere zeitgleich mit „Till“ in den US-Kinos gestartete anspruchsvolle Filme, wie „She said“, „Tár“ und „Triangle of Sadness“, ebenfalls enttäuschende Einspielergebnisse hatten.
Till – Kampf um die Wahrheit(Till, USA 2022)
Regie: Chinonye Chukwu
Drehbuch: Michael Reilly, Keith Beauchamp, Chinonye Chukwu
mit Danielle Deadwyler, Jalyn Hall, John Douglas Thompson, Sean Patrick Thomas, Frankie Faison, Kevin Carroll, Tosin Cole, Whoopi Goldberg
Ghost Dog – Der Weg des Samurai (Ghost Dog, USA 1999)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Poetisch-meditativer, mit Hip-Hop-Klängen unterlegter Gangsterfilm über einen nach dem Kodex der Samurai lebendem Killer, der auf die Abschussliste seiner Auftraggeber gerät. Jarmusch ist dabei gänzlich desinteressiert an der Story, aber sehr interessiert an dem Spiel mit Stimmungen, Symbolen, Zeichen und Motiven.
„Durch ‘Ghost Dog’ hindurch blicken wir wie durch ein Vergrößerungsglas in die Filmgeschichte. (…) Mit ‘Ghost Dog’ variiert Jarmusch einmal mehr sein Lieblingsthema, die Differenz der Kulturen und die wunderbaren, auch komischen Momente, die durch den Zusammenstoß verschiedener Mentalitäten entstehen können. Besonders bizarr sieht seine filmische Synthese von HipHop und italienischer Vorstadt-Mafia aus.“ (Nils Meyer in Rolf Aurich/Stefan Reinecke, Hrsg.: Jim Jarmusch, 2001 – ein empfehlenswertes Buch)
mit Forest Whitaker, John Tormey, Cliff Gorman, Henry Silva, Isaach de Bankolé, Gary Farmer, The RZA (Cameo; er schrieb auch die Musik)
LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)
Revolverheld Books will seine letzten vom Krebs gekennzeichneten Tage in Ruhe verbringen. Aber so einfach ist das nicht.
Einer der besten Spätwestern – und John Waynes letzter Film.
„Don Siegel unterzog in ‚The Shootist – Der Scharfschütze’ den Mythos einer distanzierten Würdigung, die noch einmal dem Western zurückgab, was ihm in den letzten Jahren abhanden gekommen war: Ruhe. Und vielleicht exakt diese Botschaft ist es, die endgültig dem Genre ein friedvolles Ende bescheren hätte können: nämlich, die, dass der Western tot, die Grenze erschlossen, die Gesellschaft korrupt ist und dass man sich darüber nicht besonders aufregen muss.“ (Georg Seesslen: Western)
Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.
Mit John Wayne, Lauren Bacall, James Stewart, Ron Howard, Richard Boone, John Carradine
Berlin 1933 – Tagebuch einer Großstadt (Deutschland 2023)
Regie: Volker Heise
Drehbuch: Volker Heise
Volker Heise erzählt anhand von Briefen, Bildern und „Wochenschau“-Berichten in drei Stunden die Chronik eines Jahres, das das Bild der Hauptstadt veränderte.
Hinter der Bühne hat seine langjährige Freundin gerade mit ihm Schluss gemacht und der erste Witz bei seinem Stand-up-Programm – es ist sein erster Auftritt bei einem Open-Mic-Abend – wird mit peinlichem Schweigen quittiert. Also beginnt Bobby Müller (Moritz Bleibtreu) aus seinem Leben und über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu philosophieren. Diese Beichte kommt besser an.
Und zwar so gut, dass das Ein-Personen-Stück „Caveman“, auf dem Laura Lackmanns gleichnamige Verfilmung basiert, in Deutschland seit über zwanzig Jahren ständig aufgeführt wird. Seit seiner Premiere im Jahr 2000 wurden gut fünf Millionen Tickets verkauft. Es handelt sich um die deutsche Adaption von Rob Beckers Stück „Defending the Caveman“. Esther Schweins, die im Film einen Cameo-Auftritt hat, inszenierte die deutsche Fassung.
Becker schrieb das Stück. Zwischen 1988 und 1991 probierte er bei seinen Auftritten Teile aus. Seine Premiere hatte es 1991 in San Francisco. Anschließend trat Becker jahrelang mit dem Stück auf. Am Broadway wird es seit 1995 aufgeführt. Inzwischen wird seine Rolle von zahlreichen anderen Schauspielern gespielt. Es wurde in 25 Sprachen übersetzt, in über 55 Ländern aufgeführt und von über vierzehn Millionen Menschen gesehen. Irgendetwas hat Becker also richtig gemacht.
Was genau erschließt sich nicht wirklich aus der Verfilmung.
Sie ist nie besonders witzig, aber auch nie besonders peinlich, vulgär oder ärgerlich. Bobby erzählt sich durch sein Leben. Er erklärt den Unterschied zwischen Jägern und Sammlern und so, wie sich Männer von Frauen unterscheiden. Bobby glaubt, dass Männer Jäger und Frauen Sammler sind. Das war schon in der Steinzeit so – und ist heute immer noch so. Deshalb sammeln Frauen Tonnen von Kleidern und anderem Zeug, während Männer für den Kauf von einem neuen Hemd nur einige Sekunden benötigen und es dann ewig tragen. Die gewonnene Zeit verbringen sie mit ihrem besten Freund auf der Couch: schweigend, biertrinkend und irgendein Computerspiel spielend oder einen Film ansehend. Welcher echte Mann braucht da noch ein Hobby?
Einzelne Szenen kommentiert Bobby bereits im Bild. Andere sind, eher witzig gemeint als wirklich witzig, etwas übertrieben inszeniert. Und wieder andere, das gilt vor allem für Bobbys Begegnungen mit seinem imaginärem Steinzeit-Freund Caveman, könnten direkt aus einer längst vergessenen Sketch-Show stammen. Besonders witzig ist das nicht. Dafür sind die Witze insgesamt zu altbacken und zu harmlos. Alle hätten gut in eine dieser unzähligen Sketch-Shows wie „RTL Samstag Nacht“ gepasst. Die füllten bei den Privatsendern, beginnend in den neunziger Jahren, einige Jahre lang ganze Fernsehabende und ich fragte mich immer, wer so etwas witzig findet.
Für die Verfilmung wurde das Ein-Personen-Stück zum Ensemblestück ausgebaut, ohne an der Grundidee etwas zu ändern. Das ist, über dreißig Jahre nach seiner Premiere, immer noch die heile Welt, in der es Liebesärger nur zwischen Männer und Frauen gibt und gendern eine Option ist, auf die ein gestandener, in einem anonymen Reihenhaus lebender Jäger wie Bobby locker verzichten kann. Wahrscheinlich wüsste er noch nicht einmal, was das ist.
Dieser „Caveman“ ist eine dem gesellschaftlichem Diskurs mindestens zwanzig Jahre hinterherhinkende Comedy für den idealtypischen CDU-Wähler.
Im Theater – und das ist der entscheidende Unterschied zum Film – werden alle Rollen von einem Mann gespielt. Er kann spontan auf das Publikum reagieren, improvisieren und die einzelnen Beobachtungen müssen keine kohärente Filmhandlung ergeben. Sie funktionieren auch gut als reine Sammlung von zugespitzten Beobachtungen über das Verhalten von Männern und Frauen.
Caveman(Deutschland 2023)
Regie: Laura Lackmann
Drehbuch: Laura Lackmann (nach dem Solo-Theaterstück von Rob Becker)
mit Moritz Bleibtreu, Laura Tonke, Wotan Wilke Möhring, Martina Hill, Leni Riedel, Liane Forestieri, Jürgen Vogel, Thomas Hermanns, Esther Schweins, Alexandra Neldel
Die Geschichte von Anne Frank, die sich mit ihrer Familie von 6. Juli 1942 bis 4. August 1944 in Amsterdam in einem Hinterhaus vor den Nazis versteckte. Bis zu ihrer Entdeckung schrieb sie ein Tagebuch, das, neben weiteren Schriftstücken aus dem Archiv des Anne Frank Fonds, die Grundlage für das berührende Drama bildete.
Nach ihrer Entdeckung werden sie nach Auschwitz gebracht. Bis auf Anne Franks Vater Otto sterben sie in verschiedenen KZs. Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, der erste deutsche Kinofilm, der die Geschichte von Anne Frank erzählt. Es ist ein sehr sehenswerter Film.
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
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Die Vorlage
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
– Hinweise
Erstens: Kirill Serebrennikovs neuer Film beginnt mit dem Hinweis, in dem Film seinen Szenen, in denen geraucht und Alkohol getrunken werde. Nun, ob diese zutreffende Warnung für Sechzehnjährige (der Film ist hier „frei ab 16 Jahre“) wirklich nötig ist, bezweifle ich ernsthaft. Außerdem, wenn es schon gut gemeinte Warnungen gibt, hätten die Macher auch gleich auf die teils sehr graphisch gezeigte Gewalt, längere Nacktszenen, vulgäre Sprache und die konstante Reizüberflutung hinweisen können. Und da sind wir noch lange nicht beim Inhalt angelangt. Vor dem könnte auch noch gewarnt werden. Denn dieser ist ziemlich verstörend. Jedenfalls für alle, die glauben, Russland sei ein Paradies, in dem jeder gerne leben möchte.
Aber wahrscheinlich ist die Warnung nur ein Witz über idiotische Triggerwarnungen – oder bei russischen Filmen eine Auflage, die erfüllt werden muss, um den Film dort im Kino zeigen zu dürfen.
Zweitens: Kirill Serebrennikov ist Russe und einer der wichtigsten zeitgenössischen russischen Regisseure.
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor einem knappen Jahr wird ja darüber diskutiert, ob deswegen auch russische Künstler und Kunst boykottiert werden sollten. Wer dies etwas differenzierter tut, muss zur Kenntnis nehmen, dass Serebrennikov kein Putin-Freund, sondern schon seit Jahren ein wortstarker Putin-Kritiker ist. Mit offensichtlich fingierten Beschuldigungen wurde er angeklagt und verurteilt. Er stand jahrelang unter Hausarrest und er durfte das Land nicht verlassen. Seine Arbeiten wurden, wenig überraschend, von der Regierung als systemkritisch eingestuft.
Selbstverständlich kritisiert Serebrennikov den völkerrechswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Seit April 2022 lebt er in Berlin.
In dem Moment hatte er seinen neuen Film bereits abgedreht. In Cannes wurde „Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber“ bereits 2021 im Wettbewerb gezeigt.
Im Mittelpunkt der schwarzhumorigen Satire steht, naja eher taumelt und schneuzt Petrow sich in den ruhigen Tagen zwischen Weihnachten und Silvester durch Jekaterinburg. Er fährt Bus. Er trifft seinen alten Freund Igor und gemeinsam begeben sie sich in einem Leichenwagen, in dem gerade in einem Sarg eine Leiche befördert wird, auf eine ausgedehnte Sauftour.
Währenddessen schlägt sich Petrows Frau, eine Bibliothekarin, mit einem Lesekreis herum, kocht und verletzt ihren Sohn. Auch sie erkrankt und fantasiert.
Ihrem Sohn ergeht es nicht besser. Aber er will unbedingt ins Theater zum Jolkafest, dem sowjetischen und jetzt russischen Äquivalent zu einer hiesigen Weihnatsshow.
„Petrov’s Flu“ ist wie ein Fiebertraum, in dem die Figuren sich immer wieder an vergangene Ereignisse erinnern, fantasieren und durch die Stadt stolpern. Im Film und in Alexei Salnikows Roman „Petrow hat Fieber“, den Serebrennikov verfilmte, bewegen Petrow und Petrowa sich zwar ständig durch die Stadt, aber eine konventionelle Geschichte ergibt sich daraus nicht. Ihre Bewegungen sind eher ziellos und immer wieder verändern Zufälle ihren ursprünglich geplanten Weg. Es wird munter vor sich hin assoziiert. Einige Figuren und Themen tauchen öfter auf. Einige Ereignisse werden zu einem späteren Zeitpunkt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
Dabei folgt Serebrennikov Salnikows Roman ziemlich präzise. Auch wenn er einiges weglässt und einige Episoden verschiebt. Der größte Unterschied ergibt sich aus seiner Erzählweise. Der sehr russische Roman ist doch etwas langsam und fast schon langweilig realistisch erzählt. Obwohl die Geschichte in der Gegenwart spielt und es zahlreiche Anspielungen auf die US-Popkultur gibt (so werden „Matrix“ und „Fight Club“ erwähnt), könnte sie genausogut vor vierzig, fünfzig oder sogar hundert Jahren spielen. Der trinkfreudige Petrow und seine ebenso trinkfreudigen Freunde verkörpern genau das Bild, das wir von Russland haben. Die unhöfliche, die Fahrgäste beleidigende Schaffnerin und die abgeranzten Wohnungen strahlen genau den autoritätshörigen Mief aus, den wir mir der untergegangenen Sowjetunion und ihrer konstanten Mangelwirtschaft verbinden.
Im Film wird daraus eine Dystopie, die ein Land lange nach seinem Zerfall in einem Zustand hysterischer Ohnmacht zeigt. Serebrennikov zeigt diesen rasenden Stillstand in oft extrem langen Takes als eine konstante Reizüberflutung. Das gilt sogar für die wenigen ruhigen Szenen.
Das ist ein ziemlich furioser und die Sinne überwältigender Trip. Auch ohne Alkohol und Rauschwaren. Mit zweieinhalb Stunden ist diese kaum verhüllte Zustandsbeschreibung eines im Chaos vor sich hin taumelnden Reiches aber deutlich zu lang geraten. Eine halbe Stunde weniger wäre mehr gewesen.
Petrov’s Flu – Petrow hat Fieber(Petrovy v grippe, Russland/Frankreich/Deutschland/Schweiz 2021)
Regie: Kirill Serebrennikov
Drehbuch: Kirill Serebrennikov
LV: Alexei Salnikow: Petrovy v grippe i vokrug nego, 2016 (Petrow hat Fieber)
mit Semyon Serzin, Chulpan Khamatova, Yulia Peresild, Yuri Kolokolnikov, Yuriy Borisov, Ivan Dorn, Aleksandr Ilyin, Sergey Dreyden, Olga Voronina, Timofey Tribuntsev, Semyon Steinberg, Georgiy Kudrenko
Rufmord – Jenseits der Moral (The Contender, USA/Großbritannien/Deutschland 2000)
Regie: Rod Lurie
Drehbuch: Rod Lurie
Als der US-Präsident eine Frau (damals praktisch undenkbar, heute Realität) zu seiner Stellvertreterin ernennt, beginnt ein Republikaner eine Schmutzkampagne.
Gut, das Zieren der designierten Stellvertreterin, nichts aus ihrem Privatleben der Öffentlichkeit zu verraten, weil es nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat, ist in der Politik (vor allem der US-Politik) so weltfremd, dass es den gesamten Film schwächt. Davon abgesehen bietet „Rufmord“ tolles Schauspielerkino, das auch einen guten Blick hinter die Kulissen der Macht gibt.
Inspiriert wurde „Rufmord“ von der zunehmend unappetitlichen Kampagne der Republikaner gegen Präsident Bill Clinton.
mit Gary Oldman, Joan Allen, Jeff Bridges, Christian Slater, Sam Elliott, William Petersen, Saul Rubinek, Philip Baker Hall