TV-Tipp für den 16. November: FIFA – Das Monster

November 15, 2022

3sat, 20.15

FIFA – Das Monster (Schweiz 2022)

Regie: Hansjürg Zumstein

TV-Premiere der spielfilmlangen Doku von Hansjürg Zumstein (SRF), Maria Roselli (RSI) und Ludovic Rocchi (RTS), die hinter die Kulissen des Weltfußballverbands blicken.

Hinweis

3sat über die Doku


Cover der Woche

November 15, 2022

Mehr über das Werk


TV-Tipp für den 15. November: Carol

November 14, 2022

HR, 00.10

Carol (Carol, USA/Großbritannien/Frankreich 2015)

Regie: Todd Haynes

Drehbuch: Phyllis Nagy

LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)

New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.

Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Carrie Brownstein, Kyle Chandler, Jake Lacy, Cory Michael Smith

Hinweise

Moviepilot über „Carol“

Metacritic über „Carol“

Rotten Tomatoes über „Carol“

Wikipedia über „Carol“ (deutsch, englisch) und über Patricia Highsmith (deutsch, englisch)

Times: The 50 Greatest Crime Writers No 1: Patricia Highsmith

Kaliber .38 über Patricia Highsmith (Bibliographie)

Krimi-Couch über Patricia Highsmith

Wired for Books: Don Swain redet mit Patricia Highsmith (1987)

Gerald Peary redet mit Patricia Highsmith (Sight and Sound – Frühling 1988)

Meine Besprechung von Hossein Aminis Patricia-Highsmith-Verfilmung “Die zwei Gesichter des Januars” (The two Faces of January, Großbritannien/USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Todd Haynes‘ Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“ (Carol, USA/Großbritannien/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Todd Haynes „Vergiftete Wahrheit“ (Dark Waters, USA 2019) und der DVD

Kriminalakte über Patricia Highsmith


„Making of“: Cinema präsentiert weitere Hollywood-Filmklassiker

November 14, 2022

Jetzt ist er draußen. Der zweite von Cinema herausgegebene „Making of“-Band, in dem es Hintergrundinformationen zu einigen bekannten Filmen gibt. Auf dem Cover steht „Von ‚Pulp Fiction‘ bis ‚Avatar‘: so entstanden 30 geniale Hollywood-Hits“ und neben den auf dem Cover erwähnten Filmen von Quentin Tarantino und James Cameron werden

Braveheart

Der Zauberer von Oz

Der Soldat James Ryan

The Big Lebowski

Bullitt

Die Klapperschlange (John Carpenter zum Ersten)

Der weiße Hai

Das fünfte Element (Hey, der ist nicht Hollywood, sondern Frankreich und Besson!)

Zurück in die Zukunft

Gladiator

French Connection – Brennpunkt Brooklyn

Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes (der dritte Film von Steven Spielberg in diesem Buch)

Karate Kid (Ein Klassiker?)

Spartacus

The Untouchables – Die Unbestechlichen

Terminator 2 – Tag der Abrechnung (noch ein Film von „Avatar“-Cameron)

Tote schlafen fest

Vom Winde verweht

Halloween – Die Nacht des Grauens (John Carpenter zum Zweiten)

Der mit dem Wolf tanzt

Lethal Weapon – Zwei stahlharte Profis

Jurassic Park (und noch ein Film von Steven Spielberg)

Star Trek II: Der Zorn des Khan (Ein klassiker?)

Heat

Die sieben Samurai (kein Hollywood-Film, aber ein Klassiker der Filmgeschichte. Es gibt auch einige Hollywood-Remakes)

Mulholland Drive

Der Herr der Ringe: Die Gefährten

Fight Club

vorgestellt. Es sind, wie beim ersten Band, vor allem sehenswerte Mainstream-Film, die Filmfans sicher fast alle gesehen haben und gerne wiedersehen. Für alle anderen ist es eine gute Liste sehenswerter Filme.

Am Konzept des ersten „Making of“-Bandes wurde nichts geändert: Jeder Film wird auf sechs bis zehn Seiten kurz vorgestellt. Es gibt einen informativen Text, Filmbilder und Bilder von den Dreharbeiten. Dank des großen Bildband-Formats sind die meist bekannten Bilder groß. Das Layout ist unauffällig. Insgesamt lädt es zum Blättern und Schwelgen in Erinnerungen ein.

Making of – Band 2“ ist überzeugt und ist eine gelungene Ergänzung zum ersten Band und den dort vorgestellten 25 Filmen.

Auch wenn das Filmmagazin Cinema irgendwann einen dritten „Making of“-Band herausgibt – genug sehenswerte Hollywood-Filme dafür gibt es -, könnte ein anderer Verlag einen ähnliches Buch herausgeben, das sich mehr auf Arthaus- oder Nicht-Hollywood-Filme konzentriert.

Cinema (Hrsg.): Making of – Hinter den Kulissen der größten Klassiker aller Zeiten: Band 2

Panini, 2022

224 Seiten

30 Euro

Hinweise

Homepage von Cinema

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg) „Making of – Hinter den Kulissen der größten Filmklassiker aller Zeiten“ (2019)

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg.) „Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte“ (2021)


TV-Tipp für den 14. November: Bringing out the Dead – Nächte der Erinnerung

November 13, 2022

Arte, 20.15

Bringing out the dead – Nächte der Erinnerung (Bringing out the Dead, USA 1999)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Paul Schrader

LV: Joe Connelly: Bringing out the dead, 1998 (Bringing out the dead – Nächte der Erinnerung)

Verfilmung des biographischen Romans von Joe Connelly über einen Notarztwagenfahrer, der in Hell’s Kitchen zu Beginn der neunziger Jahre zunehmend an seiner Arbeit und dem Sinn des Lebens zweifelt. Da werden, nicht nur weil das Team Martin Scorsese/Paul Schrader wieder zusammen ist, Erinnerungen an „Taxi Driver“ wach.

Eine feine, etwas unterschätzte Tour de force

mit Nicolas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Ving Rhames, Tom Sizemore, Marc Anthony, Nestor Serrano

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Bringing out the dead“ 

Wikipedia über „Bringing out the dead“ (deutsch, englisch)

Drehbuch “Bringing out the dead” von Paul Schrader

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013) und ein Infodump dazu

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Der Aussie-Western „The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson“

November 13, 2022

Das ist ein Film für die Western-Fans, die ja nur alle Jubeljahre ins Kino gehen dürfen, weil einfach nicht mehr Western ins Kino kommen. Im Mittelpunkt von Leah Purcells „The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson“ steht die titelgebende Molly Johnson. 1893 lebt sie in den Snowy Mountains. Das ist zwar in Australien, aber die Landschaft, die Menschen, ihr Verhalten und die Faustrecht-Regeln passen gut in jeden Western. Ihr Mann ist seit Monaten weg. Er arbeitet, wieder einmal, als Viehtreiber im Hochland und er sollte eigentlich schon wieder zurück sein. Sie hat mehrere Kinder. Ein weiteres ist unterwegs. Und sie verteidigt ihr Stück Land. Deshalb empfängt sie alle Besucher mit einem abweisendem Blick und einem schussbereiten Gewehr in der Hand.

Sobald sie ihnen vertraut, ist sie dann gastfreundlich. Beispielsweise zu dem neuen Polizeichef, der jung und naiv ist. Entsprechend naiv stolpert er kurz nach seiner Ankunft an seinem neuen Arbeitsplatz, einem in der Einsamkeit liegendem Dorf, das wir so aus zahlreichen Western kennen, in eine Mordfall. Ein Aborigine soll in Everton eine sechsköpfige Familie ermordet haben.

Auf seiner Flucht gelangt er in Mollys Haus.

The Drover’s Wife“ ist Leah Purcells feministische Neuinterpretation von Henry Lawsons gleichnamiger Kurzgeschichte; wobei sie genaugenommen die Geschichte, in der es um die Jagd nach einer sich im Haus versteckenden Schlange geht, als Inspiration genommen und um weitere Geschichten und Figuren erweitert hat. Gleichzeitig wirft sie einen Blick auf den damaligen Rassismus.

Purcell, die auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle spielt, erzählt Molly Johnsons Geschichte mit fotogenen Landschaftsaufnahmen, die auf einer großen Leinwand gut wirken, und etwas verschachtelt. Denn nur langsam enthüllt sie die Hintergründe für bestimmte Ereignisse und Handlungen. Das tut sie überaus gekonnt.

Allerdings vertraut sie der Intelligenz, Urteilskraft und dem moralischen Bewusstsein des Publikums nicht genug. So hat sie die Figur der Frau des neuen britischen Polizeichefs erfunden. Sie ist jung und überaus feministisch engagiert. In der von ihr herausgegebenen Zeitung schreibt sie wortgewaltig gegen die Unterdrückung der Frau an. Das ist ihre einzige Funktion in der Geschichte: uns zu erklären, was wir sowieso sehen und begreifen.

Noch schlimmer wird es am Filmende. Im Rahmen einer Gerichtsverhandlung gegen Molly Johnson erklärt Purcell wortreich das Unrecht des Urteils gegen Johnson. Dabei genügt schon das Urteil, um zu verstehen, dass dieses Urteil vielleicht den Buchstaben des Gesetzes entspricht, aber trotzdem Unrecht ist.

The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson (The Drover’s Wife: The Legend of Molly Johnson, Australien 2021)

Regie: Leah Purcell

Drehbuch: Leah Purcell

LV: Henry Lawson: The Drover’s Wife, 1892 (Kurzgeschichte)

mit Leah Purcell, Rob Collins Sam Reid, Jessica de Gouw, Benedict Hardie, Malachi Dower-Roberts

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson“

Metacritic über „The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson“

Rotten Tomatoes über „The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson“

Wikipedia über „The Drover’s Wife – Die Legende von Molly Johnson“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. November: Silence

November 12, 2022

Arte, 20.15

Silence (Silence, USA 2016)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

LV: Shusaku Endo: Chinmoku, 1966 (Schweigen)

1648: Zwei Jesuitenpater reisen in das gottlose Japan. Dort soll ihr Mentor Gott abgeschworen haben.

Alle paar Jahre dreht Martin Scorsese einen seiner religiösen Filme. „Silence“ ist, trotz beeindruckender Bilder, sein schwächster dieser Filme. Das Drama ist ein religiöses Erbauungstraktat, das mit gut drei Stunden Laufzeit auch die Geduld des langmütigsten Zuschauer über Gebühr strapaziert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yosuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin’ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryo Kase

Wiederholung: Samstag, 19. November, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Silence“

Metacritic über „Silence“

Rotten Tomatoes über „Silence“

Wikipedia über „Silence“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013) und ein Infodump dazu

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Shusaku Endos „Schweigen“ (Chinmoku, 1966)


Neu im Kino/Filmkritik: Klare Ansage nach dem Terroranschlag: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

November 12, 2022

Vor drei Wochen lief „November“ in unseren Kinos an. Der Thriller zeigt die Arbeit der Polizei nach den Terroranschlägen in Paris am 13. November 2015. Bei den Anschlägen wurden 130 Menschen getötet und über 600 verletzt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ergänzt „November“ indem er eine andere Seite der damaligen Ereignisse zeigt.

An dem Abend geht Hélène Leiris mit einem Freund ins Bataclan. Dort wollen sie sich das Konzert der Eagles of Death Metal ansehen. Ihr Mann Antoine bleibt mit ihrem siebzehn Monate altem Sohn Melvil zu Hause.

Einige Stunden später ist Hélène tot. Erschossen von islamistischen Terroristen. Antoine ist Witwer mit einem Kleinkind.

Kurz darauf schreibt der Journalist einen Text für seine Facebook-Seite. Es ist sein Versuch, ihren Tod zu verarbeiten und eine Absage an die Logik des Hasses: „Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“

Bei seinen Lesern trifft sein Text einen Nerv. Weltweit teilen sie ihn. Die Tageszeitung „Le Monde“ druckt ihn auf ihrer Titelseite nach. Fortan ist Antoine die Stimme der trauernden Hinterbliebenen. Er wird in Talkshows eingeladen, um seine Meinung zu sagen. Gleichzeitig muss er mit dem Verlust klarkommen und sich um seinen Sohn kümmern.

Killian Riedhof („Gladbeck“, „Der Fall Barschel“) konzentriert sich in seinem Film „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, der die wahre Geschichte von Antoine Leiris erzählt, auf Antoine Leiris, seine Trauer und seine Beziehung zu seinem Sohn. Die Terroristen, ihre Motive und die Jagd nach ihnen spielen keine Rolle.

Diese Entscheidung führt dazu, dass die Stimmung in Paris nach den Anschlägen und die Frage, wie mit den Tätern, dem Islamismus und dem Islam umgegangen werden soll, egal sind. Außer dem Sonntagsspruch, dass Hass nicht mit Hass, sondern mit Liebe beantwortet werden soll, bleibt da nichts.

Gleichzeitig wird der Grund für Hélènes Tod zu einem austauschbarem Unglück. Sie hätte genausogut durch einen Autounfall oder einen Herzanfall sterben können. Für Antoine hätte sich an seiner Trauer und seinem vor allem auf sich sebst bezogenem Verhalten nichts geändert. Er hätte nur niemals die große mediale Bühne bekommen, um darüber zu reden. Diese Talkshow-Auftritte sind, auch wenn er es in dem Moment nicht wahrhaben will, ein Teil des Trauerprozesses. Sie sind gleichzeitig sein Versuch, mit dem plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen umzugehen, und seine Flucht vor der Verantwortung. Denn er ist jetzt die einzige Bezugsperson für ihren Sohn und er sollte sich um die Beerdigung kümmern.

Diesen Prozess der Trauer, des Umgangs mit einem Verlust und der größeren Verantwortung für ein Kind zeigt Killian Riedhof überzeugend und auch feinfühlig.

Als Film über die Terroranschläge enttäuscht er aufgrund seiner ausschließlichen Konzentration auf ein privates Schicksal.

Meinen Hass bekommt ihr nicht (Vous n’aurez pas ma haine, Deutschland/Frankreich/Belgien 2022)

Regie: Kilian Riedhof

Drehbuch: Jan Braren, Marc Blöbaum, Kilian Riedhof, Stéphanie Kalfon

LV: Antoine Leiris: Vous n’aurez pas ma haine, 2016 (Meinen Hass bekommt ihr nicht)

mit Pierre Deladonchamps, Zoé Iorio, Camélia Jordana, Thomas Mustin, Christelle Cornil, Anne Azoulay, Farda Rahouadj, Yannuk Choirat

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

Moviepilot über „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

AlloCiné über „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

Wikipedia über „Meinen Hass bekommt ihr nicht“


TV-Tipp für den 12. November: Casino

November 11, 2022

RBB, 23.50

Casino (Casino, USA 1995)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Martin Scorsese, Nicholas Pileggi

LV: Nicholas Pileggi: Casino: Love and Honor in Las Vegas, 1995 (Casino)

Biopic über die Mafia in Las Vegas in den Siebzigern

Kurz gesagt: ein Meisterwerk und Pflichttermin für Krimifans.

„Die einander ergänzenden Elemente von ‚Casino’, die genaue, materialistische Dokumentation, das Shakespeare-Drama von Macht und Fall, der Genrefilm und die Strindbergsche Seelenpein von Mann und Frau, zwischen denen eine unsichtbare Mauer steht, laufen alle auf die Feststellung hinaus, die Robert De Niro schon am Anfang getroffen hat: dass niemand gegen die Bank gewinnen kann. Das ist nicht nur konkrete Beschreibung einer ökonomisch-kriminellen Situation und soziale Metapher auf das Wesen des Kapitalismus, sondern auch ein philosophisches Gleichnis.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)

Am 17. November feiert Martin Scorsese seinen achtzigsten Geburtstag. Deshalb zeigt Arte am Sonntagabend um 20.15 Uhr „Silence“ und am Montagabend, ebenfalls um 20.15 Uhr, „Bringing out the Dead – Nächte der Erinnerung“.

Sein neuer Film „Killers of the Flower Moon“ soll 2023 in Cannes gezeigt werden.

Mit Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Kevin Pollak, L. Q. Jones

Hinweise

Metacritic über “Casino”

Rotten Tomatoes über “Casino”

Wikipedia über “Casino” (deutsch, englisch) und Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Drehbuch “Casino” von Nicholas Pileggi

Charlie Rose interviewt Nicholas Pileggi (2. November 1995 zu “Casino”)

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: David Cronenberg erzählt „Crimes of the Future“

November 11, 2022

Crimes of the Future“ heißt einer von David Cronenbergs ersten und sein letzter Film. Dabei ist sein neuester Film kein Remake und auch keine Forterzählung von seinem früheren Film, einem 1970 entstandenem Low-Budget-Film, der in einer Welt spielt, in der es keine Frauen mehr gibt, sondern ein vollkommen eigenständiges Werk. Cronenberg gefällt einfach der Titel.

Den Filmtitel entdeckte er in dem dänischen Film „Sult“ (Hunger, Dänemark 1966, Regie: Henning Carlsen). Dort schreibt auf einer Brücke ein Dichter den Titel „Crimes of the Future“ in sein Notizbuch. Cronenberg dachte sich, dass er das Gedicht gerne lesen würde. Als er dann einen Low-Budget-Film drehte, der nach zwei Kurzfilmen sein zweiter längerer Film war, dachte er sich, dass „Crimes of the Future“ ein neugierig machender Filmtitel sei. Jedenfalls er würde sich gerne einen Film mit diesem Titel ansehen.

Über fünfzig Jahre später hat er wieder einen Film mit dem Titel gedreht. Er sei, so Cronenberg, eine Meditation über die menschliche Evolution. Es gehe um Verbrechen, die der menschliche Körper gegen sich selbst begehe. Es gehe um Fragen, wie ob der menschliche Körper sich so weiterentwickeln könne, dass er Probleme löse, die die Menschheit geschaffen habe.

In der von Cronenberg nur schemenhaft geschilderten Zukunft haben immer mehr Menschen in ihrem Körper mutierte Organe mit bislang unbekannten Fähigkeiten. Einige davon sind gefährlich. Andere nicht. Einige scheinen sogar vollkommen nutzlos zu sein.

Saul Tenser (Viggo Mortensen) ist ein Avantgarde-Performance-Künstler, in dessen Körper es ständig neue mutierte und neue Organe gibt. Bei seinen öffentlichten Auftritten lässt der Subkultur-Star sie sich von seiner Partnerin Caprice (Léa Seydoux) herausoperieren.

Gleichzeitig gibt es Menschen, die ihren Körper mit transplantierten Organen verändern.

Weil diese Veränderungen im menschlichen Körper nicht von allen begrüßt werden, gibt es das National Organ Registry. Diese Behörde erfasst alle Organe. Vertreten wird sie von Wipper (Don McKellar) und Timlin (Kristen Stewart), die sich etwas seltsam verhalten. Timlin ist von Tenser fasziniert.

Und eine Untergrundorganisation, deren Motive niemals richtig klar werden, verfolgt Tenser.

So weit, so unklar. Denn David Cronenberg geht es in seinem neuesten Film nicht um eine nachvollziehbare Geschichte, sondern um eine zugleich beunruhigende und beruhigende Atmosphäre. Die Dystopie ist eine Aneinanderreihung von teils traumhaften, teils beunruhigenden, teils verstörenden, oft alptraumhaften Szenen, in denen Körper und Körperteile eine seltsame Symbiose eingehen und Stühle wie lebendige Skelette aussehen. „Crimes of the Future“ ist purer Body-Horror, den er mit den Begrenzungen inszeniert, mit denen er in den siebziger und achtziger Jahren seine Filme inszenierte. Letztendlich wirkt der Film, als sei er, bis auf wenige Bilder, in einem alten Lagerhaus entstanden. Gedreht wurde der Film in Griechenland, wo es noch diese Lagerhäuser gibt, die wir aus in den Siebzigern in New York gedrehten Low-Budget-Filmen kennen.

Cronenberg erzählt seine mehr erahn- als nacherzählbare Geschichte sehr langsam, in dunklen Bildern, die „Crimes of the Future“ fast zu einem braunschwarzem Film machen und ihm ein Noir-Feeling verleihen. Auch die Ausstattung, wie das Büro der Organregistrierungsbehörde, erinnert öfter an die klassischen Noir-Filme aus den Vierzigern. Die technischen Geräte, die Körper umgeben und in sie eindringen, sind handgefertigte Geräte, die wie die düsteren Entwürfe für einen Science-Fiction-Film aus den siebziger Jahren wirken.

Acht Jahre nach seinem letzten Film „Maps to the Stars“ kehrt Cronenberg zurück zu seinen Anfängen. Dabei ist die Grundlage für „Crimes of the Future“ kein neues Drehbuch, in dem der Regisseur im Rahmen eines Alterswerkes einfach noch einmal seine altbekannten Obsessionen als mehr oder weniger gelungenes Best-of präsentiert, sondern ein über zwanzig Jahre altes Werk. Cronenberg schrieb das Drehbuch 1998/99 im Umfeld von „Crash“ (1996) und „eXistenZ“ (1999). Gerade zu dem Virtual-Reality-Thriller „eXistenZ“ gibt es unübersehbare visuelle Verbindungen. Und damit auch zu „Videodrome“ (1983). Wobei es in „Crimes of the Future“ um Körper und Körper geht.

Aus verschiedenen Gründen zerschlugen sich dann alle Versuche, die Geschichte zu verfilmen. Cronenberg legte das Drehbuch zur Seite, bis sein Produzent Robert Lantos ihn darauf ansprach und meinte, die Geschichte sei heute aktueller und wichtiger als damals.

Das stimmt insofern, dass heute Eingriffe und Veränderungen am eigenen Körper alltäglicher als vor 25 Jahren sind. Das gilt auch für die Umweltverschmutzung und den Anteil von Mikroplastik, den jeder in seinem Körper hat. Cronenberg fragt sich, was das mit unserem Körper macht oder machen könnte.

Crimes of the Future“ präsentiert, und damit ähnelt er dem 1970er „Crimes of the Future“, beunruhigende, dystopische Bilder ohne eine erkennbare Geschichte. Über die gezeigte Welt und die Botschaft kann kaum gesprochen werden. Zu diffus ist sie. Cronenbergs neuer Film ist wie ein Orakel, das einige tief verstören, andere langweilen und die Fans des Body-Horror-Cronenbergs begeistern wird. Denn dieses Mal zeigt er ausführlich wieder richtigen Body Horror.

Crimes of the Future (Crimes of the Future, Kanada/Frankreich/Griechenland/Großbritannien 2022)

Regie: David Cronenberg

Drehbuch: David Cronenberg

mit Viggo Mortensen, Léa Seydoux, Kristen Stewart, Scott Speedman, Welket Bungue, Don McKellar, Tanaya Beatty, Nadia Litz, Lihi Kornowski, Denise Capezza

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Crimes of the Future“

Metacritic über „Crimes of the Future“

Rotten Tomatoes über „Crimes of the Future“

Wikipedia über „Crimes of the Future“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Meine Besprechung von David Cronenbergs „Cosmopolis“ (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Meine Besprechung von David Cronenbergs “Maps to the Stars” (Maps to the Stars, Kanada/USA/Deutschland/Frankreich 2014) (und die DVD-Kritik)

David Cronenberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 11. November: Zeugin der Anklage

November 10, 2022

3sat, 22..25

Zeugin der Anklage (Witness for the Prosecution, USA 1957)

Regie: Billy Wilder

Drehbuch: Larry Marcus, Billy Wilder, Harry Kurnitz

LV: Agatha Christie: The Witness for the Prosecution, 1925 (Kurzgeschichte, erschien ursprünglich als „Traitor’s Hands“ in Flynn’s, 31. Januar 1925, später unter dem heute bekannten Titel in der Kurzgeschichtensammlung „The Hound of Death and Other Stories, 1933; deutscher Titel: Zeugin der Anklage)

Hat Leonard Vole eine reiche Witwe erschlagen? Für Staranwalt Sir Wilfried hängt alles von der Aussage von Voles Frau Christine ab.

Prototyp aller Gerichtsfilme und immer noch weitaus spannender als die jüngeren Gerichtsthriller (obwohl die Pointe bekannt sein dürfte), mit – in glänzender Spiellaune – Marlene Dietrich, Charles Laughton, Tyrone Power

Das Drehbuch war für einen Edgar nominiert. „Die zwölf Geschworenen“ gewann ihn. Agatha Christie gefiel die Verfilmung sehr gut.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zeugin der Anklage“

Wikipedia über „Zeugin der Anklage“ (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von John Guillermins Agatha-Christie-Verfilmung “Tod auf dem Nil” (Death on the Nile, Großbritannien 1978)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christei-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022) (und Buchbesprechung)


Neu im Kino/Filmkritik: Taschentücher raus! „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

November 10, 2022

1957 putzt Ada Harris in London die Wohnungen mehrerer vermögender Familien. Sie ist schon etwas älter und wird von ihren Kunden als zuverlässige, sich im Hintergrund haltende Putzfrau geschätzt. Als sie bei einem ihrer Kunden ein Kleid sieht, gefällt es ihr. Sie hat keine Ahnung, dass es von Christian Dior ist und sie ist schockiert, als sie den Preis erfährt. Er ist für sie unbezahlbar hoch.

Trotzdem, oder gerade deswegen, will sie sich ein Kleid von Dior kaufen. Sie ist eine Frau aus der Arbeiterklasse, deren Mann als im Krieg verschollen gilt. Bis jetzt bestand ihr Leben nur aus Arbeit. Sie hat sich nie etwas gegönnt. Also stellt sie einen Sparplan auf. Nachdem sie mit einigen hilfreichen Händen und etwas Glück, das nötige Geld hat, fliegt sie nach Paris.

Dort gestaltet sich der Kauf als schwieriger als geplant. Sie hatte geplant, von London nach Paris zu fliegen, ein Dior-Kleid zu kaufen und sofort zurückzufliegen. Aber weil Dior alles nach Maß schneidert, muss sie warten, bis ihr Kleid fertig ist. Bis es so weit ist, begegnet sie der Direktorin des Hauses Dior, einigen Angestellten und einem Marquis. Mit ihrer herzensguten, praktischen und vernünftigen Art beginnt sie deren Leben zu verändern.

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ basiert auf dem mehrfach verfilmtem Roman „Ein Kleid von Dior“ von Paul Gallico. Eine Verfilmung ist von 1982 mit Inge Meysel, die damals die Mutter der Nation war. Der Film kam gut an und sie spielte in fünf weiteren Filmen Ada Harris.

Jetzt verfilmte Anthony Fabian Gallicos Buch als starbesetztes kitschiges Märchen. Lesley Manville spielt Mrs. Harris. Isabelle Huppert, Jason Isaacs und Lambert Wilson sind ebenfalls dabei. Paris und das Haus Dior werden schön in Szene gesetzt. Die Geschichte folgt den bekannten Regeln. Der Humor ist von der harmlosen Art. Allerdings ist das Feelgood-Märchen mit zwei Stunden zu lang geraten. Hier hätte eigentlich jede Szene gekürzt werden können.

Insgesamt ist „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ einer dieser die Wirklichkeit durch ein Fantasiegebilde verklärenden Filme. Früher waren das in Deutschland die Heimatfilme, heute können wir „Das Traumschiff“ oder irgendeinen Sonntagabend-ZDF-“Herzkino“-Film nehmen. Und genau für diese „Herzkino“-Fans ist Fabians Märchen gemacht.

Damit könnte ich die Sache bewenden lassen, wenn mir im Film nicht etwas aufgefallen wäre, das hoffentlich keinen Trend markiert. Wie gesagt zeichnen diese Feelgood-Filme kein Bild der Realität und das erwartet auch niemand. Unangenehme Themen, wie Rassismus, Gewalt gegen Frauen, Ausländerhass und Armut werden konsequent ignoriert. Es geht um Wunscherfüllung und jeder, der sich so einen Film ansieht, weiß das.

Allerdings wurden in den letzten Jahren etliche, teils auf historischen Begebenheiten basierende Filmen gedreht, die ein anderes Bild der Vergangenheit zeigten. Sie zeigen, im Rahmen von beispielsweise konventionellen Liebesfilmen, dass es in der Vergangenheit unglückliche Ehen (z. B. „Am Strand“), Armut und Ausgrenzung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften (evangelisch/katholisch) und Staaten, teils sogar Stadtviertel, gab (z. B. „Brooklyn“). Diese Filme erweiterten und korrigierten unseren Blick auf die Vergangenheit. Salopp gesagt, sagten sie uns, dass es beispielsweise Rassismus, Homosexualität und Abtreibungen schon immer gab. Sie vermittelten uns ein neues, reichhaltigeres und differenzierteres Bild unserer Vergangenheit.

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ geht einen anderen Weg. Der Film sagt uns, dass es das alles nicht gab. Er verkündet dagegen, dass wir, in diesem Fall weiße Engländer, schon immer tolerant und aufgeschlossen waren und niemanden diskriminierten. So ist Mrs. Harris‘ beste Freundin eine afrikanisch-karibische Frau. Im Pub haben sie freundschaftlichen Umgang mit einem Iren. Dort läuft Chuck Berrys „Johnny B. Goode“ (das zum Zeitpunkt der Filmgeschichte noch nicht veröffentlicht war). Ein toller Song, aber dass damals in einem Pub Rock’n’Roll lief, erscheint arg unglaubwürdig. Denn damals und auch noch viele Jahre später wurde diese Jugendmusik von den Eltern, dem typischen Pub-Publikum, gehasst und vehement abgelehnt. Falls damals in einem Pub überhaupt Musik lief, liefen dort wahrscheinlich von Doris Day, Connie Francis und Frank Sinatra gesungene Schlager. In Paris besucht Ada Harris eine Modenschau, in der zwei der vier Models PoC (People of Color) sind. Und ein Marquis lädt sie zum Abendessen ein. Während des Essens in einem noblen Restaurant gibt es eine Tanzshow, die eine Mischung aus Moulin-Rouge- und Chippendales-Show ist. Die auf den ersten Blick altjüngferliche Ada Harris ist entzückt. Durchgehend werden Dinge in den Film aufgenommen, die in den damals entstandenen Schmonzetten ignoriert wurden.

In „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ werden sie so in den Film aufgenommen, dass der Eindruck entsteht, dass es schon immer so war. London und Paris werden als Städte gezeigt, in der es keinen Rassismus und keine Ausgrenzung, sondern nur eine große tolerante multikulturelle Gemeinschaft gibt.

Dabei waren in Großbritannien bis weit in die sechziger Jahre (und wahrscheinlich später immer noch) Schilder à la „No Irish, no blacks, no dogs“ weit verbreitet.

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior (Mrs. Harris goes to Paris, Frankreich/Großbritannien/Ungarn 2022)

Regie: Anthony Fabian

Drehbuch: Carroll Cartwright, Anthony Fabian, Keith Thompson, Olivia Hetreed

LV: Paul Gallico: Flowers for Mrs Harris, 1957 (US-Titel: Mrs Harris goes to Paris, 1958; auch Mrs. ‚Arris Goes to Paris) (Ein Kleid von Dior)

mit Lesley Manville, Isabelle Huppert, Jason Isaacs, Lambert Wilson, Alba Baptista, Lucas Bravo, Ellen Thomas

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

Metacritic über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

Rotten Tomatoes über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“

Wikipedia über „Mrs. Harris und ein Kleid von Dior“ (deutsch, englisch)


Jürgen Kehrer erzählt von „Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall“

November 10, 2022

In einem Kaufhaus gerät Wilsberg in eine Geiselnahme. Die Geiselnehmer fordern die Freilassung von Frank Knieriem. Er gründete er auf einem Bauernhof einen eigenen Staat, zahlte keine Steuern, hortete Schusswaffen und verletzte bei einer Razzia einen Polizisten schwer.

Georg Wilsberg kennt ihn von früher, Im Oktober 1989 übernahm er als junger Anwalt seine Pflichtverteidigung. Knieriem war angeklagt, seine Freundin erschlagen zu haben. Nachdem er zunächst die Tat gestand, behauptet er jetzt, unschuldig zu sein. Er will, dass Wilsberg einen Freispruch erreicht. Allerdings sind die Beweise für seine Schuld überwältigend.

In seinem neuen Wilsberg-Krimi „Sein erster und sein letzter Fall“ erzählt Jürgen Kehrer parallel von den damaligen und heutigen Ereignissen. Und wie der Buchtitel verrät, soll der 21. Wilsberg-Krimi auch der letzte Wilsberg-Roman sein.

Dabei ist der Titel etwas irreführend. Denn genaugenommen arbeitet Wilsberg bei der Verteidigung von Knieriem als Anwalt. Erst danach wird er Privatdetektiv, Briefmarken- und Münzhändler. Seinen ersten literarischen Auftritt hat er 1990 in „Und die Toten läßt man ruhen“. In schneller Folge schreibt Jürgen Kehrer bis 2007 weitere Romane mit dem sympathischen Privatdetektiv, die alle bei seinen zahlreichen Lesern gut ankommen. Seitdem erschienen nur drei weitere Wilsberg-Romane. Insgesamt hat Kehrer in 32 Jahren 21 Wilsberg-Romane (zwei zusammen mit Petra Würth) und einen Sammelband mit Wilsberg-Kurzgeschichten veröffentlicht.

1995 wird der erste Wilsberg-Roman vom ZDF mit Joachim Król als Wilsberg verfilmt. Drei Jahre später entsteht, ebenfalls für das ZDF, der zweite Wilsberg-TV-Film. Leonard Lansink spielt jetzt den Privatdetektiv. Es ist sein erster von bislang insgesamt 75 im Fernsehen ausgestrahlten Auftritten als Wilsberg. Denn die nächsten TV-Krimis sind schon in Arbeit und ein Ende ist nicht abzusehen. Einige dieser Wilsberg-TV-Krimis basieren auf Wilsberg-Romanen; für einige schrieb Jürgen Kehrer das Drehbuch. Doch insgesamt haben die erfolgreichen TV-Krimis sich von der literarischen Vorlage gelöst. Genau wie die verschiedenen James-Bond-Romane, abgesehen von den wenigen Filmromanen, schon seit Ewigkeiten nichts mehr mit den James-Bond-Filmen zu tun haben.

Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall“ ist ein von Jürgen Kehrer gewohnt flott und unterhaltsam geschriebener Krimi, der uns dieses Mal mit einer ordentlichen Portion End-Achtziger-Zeitkolorit und einem Ausflug nach Westberlin erfreut. Denn Wilsberg muss sich als Anwalt auch um seine anderen Mandanten kümmern. Dies sind Tierschützer, die Hunde aus Forschungslaboren befreien, Punks, die Polizisten mit Mehl bewerfen und beleidigen, und ein Konzertclubbetreiber, der ein Stadtmagazin wegen eines Artikels verklagen möchte. Und dann ist da noch die nette, überaus gut aussehende Studentin, die Wilsberg bei der Suche nach einer Zeugin hilft, die Knieriems Unschuld beweisen könnte.

Das war jetzt vielleicht wirklich Wilsbergs letzter Fall. Aber Jürgen Kehrer kann ja immer noch über all die Fälle schreiben, die Wilsberg in Münster zwischen seinem ersten und seinem letzten Fall lösen musste.

Jürgen Kehrer: Wilsberg – Sein erster und sein letzter Fall

grafit, 2022

240 Seiten

13 Euro

Hinweise

Homepage von Jürgen Kehrer

Wikipedia über Jürgen Kehrer

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Fürchte dich nicht“ (2009)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsbergs Welt“ (2012)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg – Ein bisschen Mord muss sein“ (2015)

Meine Besprechung von Jürgen Kehrers „Wilsberg – Sag niemals Nein“ (2020)

Jürgen Kehrer in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 10. November: Michael Clayton

November 9, 2022

Servus TV, 20.15

Michael Clayton (Michael Clayton, USA 2007)

Regie: Tony Gilroy

Drehbuch: Tony Gilroy

Michael Clayton ist der Troubleshooter für eine große New Yorker Kanzlei. Als einer ihrer Anwälte ausrastet und damit der Prozess gegen das multinationale Chemieunternehmen U/North gefährdet, ist Clayton gefordert. Doch dieser steckt gerade selbst in einer Midlife-Crises.

Tony Gilroy, der als Autor der actionhaltigen Jason-Bourne-Trilogie bekannt wurde, hat mit seinem Regiedebüt einen Paranoia-Thriller inszeniert, bei dem die Bedrohung nicht mehr vom Staat sondern von der Wirtschaft ausgeht. Trotzdem haben Action-Fans bei „Michael Clayton“ schlechte Karten. Fans des guten, im positiven Sinn altmodischen Schauspielerkinos haben dagegen gute Karten.

Tony Gilroy war als bester Autor und Regisseur für einen Oscar nominiert, George Clooney als bester Darsteller, Tom Wilkinson als bester Nebendarsteller und Tilda Swinton erhielt einen Oscar einen BAFTA-Awards als beste Nebendarstellerin.

Gilroys Buch erhielt auch den Edgar-Allan-Poe-Preis.

Mit George Clooney, Tom Wilkinson, Tilda Swinton, Sydney Pollack, Michael O’Keefe

Wiederholung: Freitag, 11. November, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Michael Clayton“

Wikipedia über „Michael Clayton“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tony Gilroys “Das Bourne-Vermächtnis” (The Bourne Legacy, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: “Black Panther: Wakanda forever” and ever

November 9, 2022

„Black Panther: Wakanda forever“ beginnt mit der episch zelebrierten Trauerfeier für T’Challa mit bunten Bildern aus Wakanda, Trommeln, Tänzen und Slow-Motion. Den Abschluss bildet das ihm zu Ehren geändertem Marvel-Logo.

Der Grund dafür ist der Tod von T’Challa-Darsteller Chadwick Boseman. Er starb am 28. August 2020. 2018 spielte er den schwarzen Helden in dem bei der Kritik und dem Publikum sehr erfolgreichem Superheldenfilm „Black Panther“. Danach war Boseman Black Panther. Nach seinem Tod entschlossen die Macher sich, die Rolle nicht einfach kommentarlos mit einem anderem Schauspieler neu zu besetzen (Remember „Hulk“?), sondern die Geschichte weiter zu erzählen und dieses Mal T’Challas jüngere Schwester Shuri in den Mittelpunkt zu stellen.

Dummerweise hat Letitia Wright nie die Präsenz von Chadwick Boseman. Schmerzhaft deutlich wird das am Ende des Films, wenn Regisseur Ryan Coogler wieder einige Bilder von Boseman als T’Challa zeigt. In diesen nur sekundenlangen Ausschnitten überzeugt er als charismatischer Held. Shuri wirkt dagegen, auch wenn sie in den vorherigen zweieinhalb Stunden etliche Abenteuer überstanden hat, wie der Ersatzmann, der die Position nicht ausfüllen kann.

Das kann teilweise an ihr liegen. Zu einem größeren Teil liegt das an ihrer Figur und am Drehbuch. Sie ist die kleine Schwester von T’Challa. Sie ist ein Wissenschafts-Nerd, der sich gerne im Labor vergräbt und von ihrer Kleidung und ihrem Gehabe immer noch in der Pubertät steckt. Sie mag vielleicht das Mädchen sein, mit dem man Pferde stiehlt, aber sie ist nicht die Herrscherin über ein Volk und sie ist keine Kriegerin. Ersteres wird von ihrer Mutter, Königin Ramonda (Angela Bassett), letzteres von Okoye (Danai Gurira), der Anführerin der Elite-Kriegerinnen Dora Milaje, überzeugend erledigt.

Das Drehbuch ist eine beliebige Ansammlung von Szenen. Während des gut dreistündigen Films fragte ich mich öfters, um was zur Hölle es denn jetzt eigentlich geht, was die Motive der Bösewichter sind, sofern sie überhaupt die Bösewichter sind, und was ich von der präsentierten Gesellschaft halten soll.

Wakanda ist, für alle, die „Black Panther“ nicht gesehen oder wieder vergessen haben, ein in Afrika liegendes Königreich, das sich Ewigkeiten von der Welt abschirmte. Niemand wusste von seiner Existenz. Inzwischen ist es als Staat anerkannt.

In Wakanda wird eine merkwürdige Mischung aus Tradition und Moderne gepflegt. Die Tradition ist viel afrikanische Folklore und ein im Mittelalter stecken gebliebenes Gesellschaftssystem von Königen, Kriegern und Fußvolk. Es ist auch das Gesellschaftssystem, das wir aus unzähligen Fantasy- und schlechten Science-Fiction-Filmen kennen. Gleichzeitig hat diese Erbmonarchie, die sich Jahrhunderte mit einem Schutzschild vor dem Rest der Welt verborgen hielt, Waffen und Fortbewegungsmittel, die wir sonst nur aus Science-Fiction-Filmen kennen. Außerdem verfügt Wakanda über das Metall Vibranium, das für viele friedliche und kriegerische Zwecke eingesetzt werden kann.

Ein Jahr nach dem Tod von T’Challa, streiten Wakanda und die anderen Staaten sich darüber, wer Vibranium besitzen darf und wie der Besitz und die Verwendung kontrolliert werden können. Die anderen Staaten hätten gerne ein Kontrollregime. Wakanda hält von dieser grundvernünftigen Forderung nichts und behauptet, ganz in der Tradition größenwahnsinniger Diktatoren, dass nur in ihren Händen Vibranium sicher sei und die Menschheit ihnen vertrauen solle.

Bevor dieser durchaus interessante Konflikt zwischen Wakanda und dem Rest der Welt vertieft werden kann, versucht eine zunächst unbekannte, aber gut ausgestattete Gruppe (es ist, wie wir später erfahren, die CIA) unter Wasser an dort liegendes Vibranium zu kommen. Sie werden von Namor (Tenoch Huerta Mejia), dem König des Unterwasserreiches Talokan, und seinen Männern umgebracht.

Talokan ist die Marvel-Variante des aus „Aquaman“ bekannten DC-Unterwasserreiches Atlantis. Nur dass hier alles eine Spur dunkler ausfällt. Die Talokaner haben normalerweise eine blaue Hautfarbe, die sofort an die aus „Avatar“ bekannten Na’vi erinnert.

Nachdem Namor verhindern konnte, dass das Vibranium in die falschen Hände fällt, schlägt er Königin Ramonda, die bislang nichts von Talokan wusste, eine Zusammenarbeit gegen den unbekannte Feind vor.

Kurz nach dem positiven Start ihrer Zusammenarbeit zerstreiten sie sich über die neunzehnjährige geniale Erfinderin Riri Williams (Dominique Thorne). Shuri und Okoye retteten sie vor einer Hundertschaft schießwütiger Polizisten und FBI-Agenten. Diese Actionszene findet, wie die meisten Actionszenen in „Black Panther: Wakanda forever“, weitgehend im Dunkeln statt. Sie unterscheidet sich kaum von den aus anderen Superheldenfilmen.

Nachdem sie die Neunzehnjährige retten konnten, möchte Shuri mit Riri in Wakanda in ihrem High-Tech-Labor forschen. Namor will Riri töten. Er hält sie für eine Bedrohung.

Fortan steht, unterbrochen von familiären Anwandlungen und der anderen Bedrohung, der eskalierende Krieg zwischen Wakanda und Talokan im Mittelpunkt des Films.

Unentschlossen und ohne jemals einen klaren Fokus zu finden, pendelt „Black Panther: Wakanda forever“ zwischen den einzelnen Plotideen hin und her. Garniert wird das mit einer Best-of-Africa-Klischeeparade, austauschbaren Actionszenen und ärgerlich fehlgeleiteten Vorstellungen von Herrschaft und Politik.

Insgesamt reiht „Black Panther: Wakanda forever“ sich nahtlos in die aktuelle, enttäuschende Phase des Marvel-Cinematic-Universe-Phase ein. Wenn der Film an der Kinokasse nicht so erfolgreich wie andere MCU-Filme ist, ist zu befürchten, dass danach wieder behauptet wird, Frauen könnten keine Superheldenfilme stemmen. Dabei liegt es nicht am Geschlecht und der Hautfarbe der Hauptfigur, sondern an dem schlechten Drehbuch und der schlechten Ausführung.

Wie es besser geht, zeigte vor wenigen Wochen Gina Prince-Bythewood in „The Woman King“.

Black Panther: Wakanda forever (Black Panther: Wakanda forever, USA 2022)

Regie: Ryan Coogler

Drehbuch: Ryan Coogler, Joe Robert Cole

LV: Charakter von Stan Lee und Jack Kirby

mit Letitia Wright, Lupita Nyong’o, Danai Gurira, Winston Duke, Florence Kasumba, Dominique Thorne, Michaela Coel, Mabel Cadena, Alex Livinalli, Tenoch Huerta, Martin Freeman, Angela Bassett, Tenoch Huerta Mejia, Alex Livinalli, Mabel Cadena, Dominique Thorne

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite von Marvel

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Black Panther: Wakanda forever“

Metacritic über „Black Panther: Wakanda forever“

Rotten Tomatoes über „Black Panther: Wakanda forever“

Wikipedia über „Black Panther: Wakanda forever“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ryan Cooglers „Creed“ (Creed, USA 2015)

Meine Besprechung von Ryan Cooglers „Black Panther“ (Black Panther, USA 2018)


TV-Tipp für den 9. November: The A-Team – Der Film

November 8, 2022

Nitro, 20.15

Das A-Team – Der Film (The A-Team, USA 2010)

Regie: Joe Carnahan

Drehbuch: Joe Carnahan, Skip Wood, Brian Bloom

Eine Gruppe von unschuldig verurteilten Elite-Soldaten, das A-Team, will seine Unschuld beweisen und verursacht dabei beträchtliche Kollateralschäden.

Die kurzweilige Kinoversion der gleichnamigen 80er-Jahre-Serie „Das A-Team“ ist natürlich in jeder Beziehung einige Nummern größer als das Original und passt sich den zeitgenössischen Sehgewohnheiten an.

Joe Carnahan, der zuvor den düsteren Cop-Thriller „Narc“ und das krachige Jungskino „Smokin’ Aces“ inszenierte, nahm den Job an, weil er mit seinen beiden anderen Projekten, dem Pablo-Escobar-Biopic „Killing Pablo“ und der James-Ellroy-Verfilmung „White Jazz“, nicht weiterkam. Über Pablo Escobar entstanden inzwischen einige Filme und Serien. Der Ellroy-Roman ist immer noch nicht verfilmt. „Das A-Team“ richtet sich, wenig überraschend, vor allem an die „Smokin’ Aces“-Fans.

Ebenfalls wenig überraschend ist, dass „Das A-Team“ jahrelang in Hollywood entwickelt wurde und wahrscheinlich jeder bekannte Regisseur und Schauspieler irgendwann im Gespräch war.

mit Liam Neeson, Bradley Cooper, Jessica Biel, Quinton ‘Rampage’ Jackson, Sharlto Copley, Patrick Wilson, Gerald McRaney

Wiederholung: Donnerstag, 10. November, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das A-Team“

Wikipedia über „Das A-Team“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Joe Carnahans “The Grey – Unter Wölfen” (The Grey, USA 2012)


Cover der Woche

November 8, 2022

Der erste Fall für Privatdetektiv Dave Brandstetter, im Original 1970 erschienen und erst über zehn Jahre später erstmals ins Deutsche übersetzt. Der in Los Angeles und Umgebung ermittelnde Versicherungsdetektiv Brandstetter war zwar nicht der erste offen schwule Detektiv, aber Hansen machte ein breiteres Publikum mit ihm vertraut. Er schrieb verdammt gut in der Hardboiled-Tradition (Hammett undsoweiter) und schuf mit seinem Ermittler ein erfolgreiches Subgenre. Hansen schrieb zwölf Brandstetter-Hardboiled-Krimis.

Thrilling Detective sagt: „DAVE BRANDSTETTER makes for a particularly notable read because when he made his debut, in 1970’s Fadeout, he was one of the few convincing (male) gay characters in crime writing. And he’s still one of the most realistic and grounded.“


TV-Tipp für den 8. November: Terror in Paris: Chronik einer Fahndung

November 7, 2022

Arte, 21.50

Terror in Paris: Chronik einer Fahndung (Frankreich 2022)

Regie: Christophe Cotteret

TV-Premiere. Spielfilmlange Doku über die Fahndung nach den Attentätern der Anschläge vom 13. November 2015 in Paris, unter anderem auf das Bataclan. Cotteret konzentriert sich dabei auf die internationale Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden.

Sicher eine gute Ergänzung zu „November“ und „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ (läuft am Donnerstag an).

Hinweise

Arte über die Doku (bis 6. Mai 2023 online)

Wikipedia über die Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris


TV-Tipp für den 7. November: Robin Hood, König der Vagabunden

November 6, 2022

Arte, 20.15

Robin Hood, König der Vagabunden (The Adventures of Robin Hood, USA 1938)

Regie: Michael Curtiz, William Keighley

Drehbuch: Norman Reilly Raine, Seton I. Miller

Klassiker, der farbenprächtig und mitreißend die Geschichte von Robin Hood erzählt – und immer noch als beste Version des Stoffes gilt.

mit Errol Flynn, Olivia de Havilland, Basil Rathbone, Claude Rains, Patric Knowles

Wiederholung: Donnerstag, 10. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Robin Hood, König der Vagabunden“

Wikipedia über „Robin Hood, König der Vagabunden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Otto Bathursts „Robin Hood“ (Robin Hood, USA 2018)


Impressionen aus Berlin: Chris Carter in Berlin

November 6, 2022

Das war am Freitagabend im Kriminaltheater keine Werbeveranstaltung für Chris Carters neuen Roman. Denn als die Moderatorin fragte, wer die Bücher mit Chris Carters Serienkillerjäger Robert Hunter gelesen habe, gingen fast alle Hände hoch. Als sie fragte, wer „Blutige Stufen“, den neuesten Hunter-Thriller, gelesen habe, gingen wieder fast alle Hände hoch. Die größtenteils weiblichen Fans mussten nicht mehr überzeugt werden von Carters blutigen Thrillern. Sie sind so blutig, dass sie deswegen, so Carter, in den USA nicht verlegt würden. Dabei spielen sie in Los Angeles.

Seinen ersten Auftritt hatte Robert Hunter 2009 in „Der Kruzifix-Killer“. Seinen zwölften Auftritt (wenn wir eine längere Kurzgeschichte ignorieren) hat er in „Blutige Stufen“.

Robert Hunter ist Detective in der Ultra Violent Crimes Unit des Los Angeles Police Department (LAPD). Er ist, knapp gesagt, ein Genie. Mehrere Abschlüsse in Stanford, eine Dissertation, die zur Pflichtlektüre beim FBI wurde, eine steile Karriere im LAPD, eine grandiose Aufklärungsquote, eine überragende Beobachtungs- und Kombinationsgabe, belesen, an Schlaflosigkeit leidend und alleinstehend. Sein Partner ist Carlos Garcia. Sie ermitteln nur in Fällen von Serienmördern und bei besonders perversen Taten. Eine normale Gangschießerei, eine Abrechnung unter Drogenhändlern oder ein Mord im Affekt fallen nicht in ihren Arbeitsbereich.

In dem neuesten Hunter-Thriller „Blutige Stufen“ will der Mörder seine Opfer als Teil einer blutigen Lektion ängstigen und quälen. Sein erste Opfer hängte er an einem Angelhaken, den er durch ihren Unterkiefer führte, auf. Sie erstickte und ertrank an ihrem eigenen Blut. Bei der Obduktion entdecken die Ermittler in ihrer Vagina eine Plastikbeutel. In ihm ist ein Papierstück mit dem Satz „In diesen Augen wird nie ein Mensch so schön sein wie Du.“.

Im Gespräch erzählte Chris Carter, dass er bis jetzt wohl so fünfzig, sechzig Menschen ermordet habe. Aber als er in „Blutrausch – Er muss töten“ eine Katze in einem Gefrierschrank erfrieren ließ, gab es viele empörte Briefe. Seitdem beschränkt er sich auf Gewalttaten gegen Menschen. Vor allem die Tatorte und die Obduktionen beschreibt er detailliert.

Der 1965 in Brasilien geborene Carter kennt das von seiner Arbeit als Kriminalpsychologe. Als er Mitte der achtziger Jahre bei der Polizei anfing, besuchten sie auch die Tatorte. Diese Eindrücke verarbeitet er in seinen Romanen. Dabei gibt es zwischen der Realität und seinen Geschichten einen großen Unterschied. Während in der Realität die Täter manchmal nicht wüssten, warum sie mordeten oder abstruse Gründe angaben, muss ein Mörder in einem Roman immer einen gut nachvollziehbaren Grund für seine Taten haben.

Mit Mitte Zwanzig versuchte Carter seinen Traum als Rockmusiker zu verwirklichen. In Los Angeles arbeitete der Gitarrist als Sessionmusiker für, unter anderem, Björk, Ricky Martin, Shania Twain und Tom Jones. Mit einigen ging er auch auf Tournee.

2009 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Es ist gleichzeitig der erste Roman mit Robert Hunter und Carlos Garcia, die seitdem höchst erfolgreich Serienkiller jagen und die Konventionen des Genres bedienen. Es sind Schmöker, die flott gelesen werden können. Auch weil jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet.

Dabei, und das betonte Carter auch während der Lesung, können seine Romane unabhängig voneinder gelesen werden. Es gebe keine Subplots, die sich über mehrere Bücher entwickeln. Eine Freundin, die Hunter hatte, verschwand nach zwei Büchern wieder aus seinem Leben. Hunter und Garcia haben kein nennenswertes Privatleben. Sie jagen Mörder. Daher sei es egal, mit welchem Roman man beginne.

Während der Lesung kündigte er den nächsten Hunter-Thriller für 2024 an. Er wird keine Fortsetzung von „Blutige Stufen“. Der Fall ist für Hunter und Garcia erledigt.

Nach der Lesung signierte er seine Bücher. Das kann dann schon einmal zwei Stunden oder länger dauern.

Chris Carter: Blutige Stufen

(übersetzt von Sybille Uplegger)

Ullstein, 2022

496 Seiten

11,99 Euro

Originalausgabe

Genesis

Simon & Schuster, 2022

Die Robert-Hunter-Thriller

The Crucifix Killer, 2009 (Der Kruzifix-Killer)

The Executioner, 2010 (Der Vollstrecker)

The Night Stalker, 2011 (Der Knochenbrecher)

The Death Sculptor, 2012 (Totenkünstler)

One by One, 2013 (Der Totschläger)

An evil Mind, 2014 (Die stille Bestie)

I am Death, 2015 (I am Death – Der Totmacher)

The Caller, 2017 (Death Call – Er bringt den Tod)

Gallery of the Dead, 2018 (Blutrausch – Er muss töten)

Hunting Evil, 2019 (Jagd auf die Bestie)

Written in Blood, 2020 (Bluthölle)

Genesis, 2022 (Blutige Stufen)

Hinweise

Englische Homepage von Chris Carter

Facebook-Seite von Chris Carter

Deutsche Homepage von Chris Carter

Wikipedia über Chris Carter