Hollywood, fünfziger Jahre: Eddie Mannix ist für Capitol Pictures der Problemlöser. Wenn ein Starlet für verfängliche Fotos posierte oder der Star eines sündhaft teuren Bibelepos spurlos verschwindet, wird er gerufen.
TV-Premiere zu einer Uhrzeit, die der Film nicht verdient hat. „Hail, Caesar!“ ist eine Aneinanderreihung von Episoden, Anekdoten, Liebeserklärungen an Stars, Filme und Genres und eine einzige große Hommage an das Hollywood-Kino der fünfziger Jahre. Für jede Szene, jede Figur, jedes Bild kann mindestens eine filmische oder reale Referenz genannt werden. Was allerdings fehlt, ist eine Geschichte, die dieser hochkarätig besetzten Nummernrevue irgendeine Tiefe oder Bedeutung verleihen könnte.
mit Josh Brolin, Alden Ehrenreich, George Clooney, Max Baker, Ralph Fiennes, Heather Goldenhersh, Ian Blackman, Veronica Osorio, Tom Musgrave, David Krumholtz, Tilda Swinton, Fisher Stevens, Patrick Fischler, Fred Melamed, Channing Tatum, Jonah Hill, Frances McDormand, Michael Gambon (Erzähler im Original; in der deutschen Fassung ist Christian Rode der mit pathetischem Ernst die Anekdoten einordnende Erzähler)
Three Billboards outside Ebbing, Missouri(Three Billboards outside Ebbing, Missouri, USA 2017)
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
Mildred Hayes (Frances McDormand, die für ihre Rolle ihren zweiten Oscar erhielt) ist stinkig. Ihre Tochter wurde vergewaltigt und ermordet. Aber die Polizei findet den Täter nicht. Also macht sie auf drei angemieteten Werbetafeln ihrem Ärger Luft – und setzt damit im Dorf einiges in Gang.
Mit Musik geht bei ‚Baby‘ nicht alles besser. Bei geht alles nur mit Musik. Zum Beispiel wenn der Fluchtwagenfahrer einigen Gangstern bei der Flucht vor der Polizei hilft. Als er sich verliebt, will er aus dem Verbrecherleben aussteigen. Davor soll er noch bei dem berühmten letzten großen Überfall mitmachen.
TV-Premiere. Harter Gangsterthriller mit einer Portion Humor und so viel gut ausgewählter Musik, dass er sich mühelos zum Gangster-Musical qualifiziert. Und ich meine das lobend!
mit Ansel Elgort, Kevin Spacey, Lily James, Jon Hamm, Jamie Foxx, Eiza González, Jon Bernthal, Micah Howard, Morse Diggs, CJ Jones, Sky Ferreira, Lance Palmer, Flea, Lanny Joon, Big Boi, Killer Mike, Paul Williams, Jon Spencer, Walter Hill
Lucky ist schon neunzig Jahre und überzeugter Junggeselle, mit einem festen Tagesablauf. Trotzdem gibt es Veränderungen. Zum Beispiel dass er bei seinem morgendlichen Eiskaffee einfach so umfällt.
Wundervolle Abschiedsvorstellung von Harry Dean Stanton in einer seiner wenigen Hauptrollen. Er bevorzugte die Nebenrollen.
Die gebürtige Mongolin Wessi lebt seit Ewigkeiten in Deutschland. Ihre frühere Heimat ist ihr inzwischen so fern, dass ihr dominanter Mann Franz sogar glaubt, dass Wessis Gerede von ihrer Schwester nur Gerede sei. Aber eines Tages hat Wessi genug von Franz. Sie packt ihre Tasche und fliegt in die Mongolei zu ihrer Schwester Ossi.
Ossi lebt noch das traditionelle, harte Mongolenleben mitten in der menschenleeren Steppe, in der es deutlich mehr Tiere als Menschen gibt.
Es ist ein Leben, zu dem Wessi keine Verbindung mehr hat. Auch ihre Schwester kennt sie eigentlich nur aus Erinnerungen.
Das Selbstfindungsdrama „Schwarze Milch“ wird vom Verleih „semibiographisch“ genannt. Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Uisenma Borchu (sie spielt Wessi) kam als Kind aus der Mongolei in die damals noch existierende DDR. „Ich bin mongolisch und bin in den Jahren auch deutsch geworden. Damit beginnt für mich eine wahnsinnig interessante Kollision zweier Kulturen. Ob ich es wollte oder nicht, diese Kollision hat bisher mein Leben bestimmt“, sagt Borchu.
Gut dreißig Tage drehte sie in der Mongolei in der Wüste Gobi und einige Tage in der Hauptstadt Ulaanbaatar mit vielen Laiendarstellern, die sie teilweise schon länger kennt.
Es gibt viele semidokumentarische Aufnahmen vom harten Leben der Mongolen, inclusive einer Schlachtung (Keine Panik. Es war eine professionelle Schlachtung.). Es gibt etwas Sex in der Jurte. Es gibt Bilder, die auch in einem Softporno nicht weiter auffielen. Es gibt, selbstverständlich, etwas Streit zwischen den beiden Schwestern, die sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Und Wessi verstößt, unwissentlich, gegen hehre Traditionen.
Nur fehlt die leitende, die Szenen und Ereignisse zusammenhaltende Frage und die damit verbundene emotionale Reise. Die Szenen reihen sich aneinander, ohne dass erkennbar ist, warum sie in dieser und nicht in irgendeiner anderen Abfolge gezeigt werden und wie sie Wessis in irgendeiner Weise näher an ihr Ziel bringen. Auch weil unklar ist, was sie sich genau von ihrer Reise zu ihrer Schwester erhofft.
Es ist halt einfach unklar, worum es in diesem weiblichen Selbstfindungsdrama gehen soll.
Aber vielleicht fehlt mir im Moment einfach die Sensibilität für weibliche Selbstfindungsdramen und ich bin mit harmlos-herzigen Komödien wie „Master Cheng in Pohjanjoki“ (läuft nächsten Donnerstag an) besser bedient.
Schwarze Milch (Khar Suu, Deutschland 2020)
Regie: Uisenma Borchu
Drehbuch: Uisenma Borchu
mit Uisenma Borchu, Gunsmaa Tsogzol, Terbish Demberel, Franz Rogowski, Borchu Bawaa, Bud-Ochir Tegshee, Bayarsaikhan Renchinjugder
LV: Lauran Paine: The Open Range Man, 1990 (später auch „Open Range“)
Als der tyrannische Rancher Baxter die Herde der beiden seit Ewigkeiten zusammen reitenden Cowboys Spearman und Waite stehlen will, hat er sich mit den falschen angelegt.
Schöner Western, der angenehm altmodisch auf jeglichen modernen Schnickschnack verzichtet und ruhig seine Geschichte erzählt.
mit Robert Duvall, Kevin Costner, Annette Bening, Michael Gambon, Michael Jeter, Diego Luna, James Russo, Kim Coates
Ein Woody-Allen-Film ohne New York? Geht das? Wie sein erster im Ausland gedrehter Film “Match Point” zeigt, geht das sehr gut. Für Allen scheint es sogar eine Frischzellenkur gewesen zu sein. Denn er drehte seine nächsten Filme, weitgehend ohne die gewohnten Allen-Wortkaskaden, in Europa.
Die Geschichte von „Match Point“ ist die alte Geschichte vom Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, der für seine Ziele über Leichen geht. Denn seine große Liebe ist nicht seine Ehefrau und er denkt nicht an eine Scheidung, die ihn selbstverständlich seine gerade mühsam erreichte gesellschaftliche Stellung kosten würde.
„Match Point“ wurde von den Kritikern abgefeiert, erhielt Preise und wurde für wichtige Preise, unter anderem den Oscar und den Edgar Allan Poe Award als bestes Drehbuch, nominiert. Der Film ist ein schön gemeines Thrillerdrama mit einer bitterbösen Schlusspointe.
Mit Scarlett Johansson, Jonathan Rhys Meyer, Emily Mortimer, Emily Mortimer, Matthew Goode, Mark Gatiss, Brian Cox, Ewen Bremner, James Nesbitt
Wiederholung: Freitag, 24. Juli (Notiz: Weihnachtsgeschenke kaufen! Heiligabend ist nur noch wenige Monate entfernt.), 01.35 Uhr (Taggenau!)
Vertigo – Aus dem Reich der Toten (Vertigo, USA 1958)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Alex Coppel, Samuel Taylor
LV: Pierre Boileau/Thomas Narcejac: D´entre les morts, 1954 (Aus dem Reich der Toten, Vertigo)
Scottie verfolgt im Auftrag eines Freundes dessen von einer Toten besessene, selbstmordgefährdete Frau Madelaine. Nach ihrem Tod trifft Scottie auf Judy. Er will sie zu Madelaines Ebenbild formen.
Beim Filmstart erhielt “Vertigo” gemischte Kritiken. Heute wird der Rang von “Vertigo” als eines von Hitchcocks Meisterwerken von niemandem mehr ernsthaft bestritten.
Mit James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Henry Jones, Tom Helmore, Raymond Bailey
Zweiter Fall für Kommissar Finke: Auf Sylt werden die Honoratioren des Ortes mit kompromittierenden Fotos erpresst. Finke soll den Erpresser finden. Doch zuerst muss er in zwei Mordfällen ermitteln.
Frühwerk von Wolfgang Petersen und ein „Tatort“-Klassiker; – wie alle Fälle von Kommissar Finke. Der bekannteste Finke-“Tatort“ ist „Reifezeugnis“.
mit Klaus Schwarzkopf, Wolf Roth, Wolfgang Kieling, Ingeborg Schöner, Dieter Kirchlechner, Rolf-Dieter Zacher, Ulrich Matschoss, Karl-Heinz von Hassel, Klaus Höhne
Ich stelle mir vor, dass Trey Edward Shults sein Material in einer frühen Fassung Trent Reznor und Atticus Ross mit dem Kommentar „macht was draus“ gegeben hat. Die beiden Musiker schufen eine Bild- und Toncollage die an Reznors Arbeit für „Natural Born Killers“ anknüpft.
Die intensive Zusammenarbeit zwischen „Nine Inch Nails“ Trent Reznor und Atticus Ross begann erst später. Ihre bekanntesten Filmarbeiten sind für die David-Fincher-Filme „The Social Network“ (Oscar-prämiert), „The Girl with the Dragon Tattoo“ und „Gone Girl“.
In Wirklichkeit hat Shults Reznor und Ross natürlich nicht einen Haufen belichtetes Zelluloid gegeben und dann den Sonnenuntergang genossen. Die Songs werden schon in seinem Drehbuch genannt. Die Struktur des Films stand schon fest. Nur die Länge noch nicht. Reznor und Ross begannen ihre Arbeit ausgehend von einzelnen Szenen und später einem vierstündigem Rohschnitt und der Aufgabe, eine Score zu entwerfen, der beide Filmhälften miteinander verbindet.
Denn „Waves“ zerfällt in zwei weitgehend unverbundene Teile, die auch einen anderen Ton anschlagen. Es ist, als habe man zwei Filme zu einem Double-Feature zusammengeklebt. Der erste Film ist ein fiebriges Drama, eine Kriminalgeschichte über einen drogensüchtigen und straffälligen Jugendlichen. Der zweite Film ist ein zuckriger Liebesfilm über das berühmte erste Mal. Zufällig wurden beide Filme mit den gleichen Schauspielern im gleichen Haus gedreht. Es ist das durchaus noble Anwesen der in Südflorida lebenden afroamerikanischen Familie Williams. Sie gehört zum oberen Mittelstand und hat keine drängenden finanziellen Probleme. Das Familienoberhaupt ist ein Unternehmer, der ein gutes Verhältnis zu seinen Kindern hat, sie aber auch fordert. Die Kinder, der siebzehnjährige Tyler und seine jüngere Schwester Emily, gehen in die gleiche Schule.
Im ersten Teil steht Tyler im Mittelpunkt. Er ist Ringer, Star der Schulmannschaft, nimmt nach einem Sportunfall Schmerzmittel gegen die Schmerzen, hat eine Freundin und ist cholerisch und eifersüchtig.
Im zweiten Teil steht seine Schwester Emily im Mittelpunkt. Und während sie in der ersten Stunde keine Rolle spielte, spielt er in der zweiten Stunde keine Rolle. Sie verliebt sich in Luke, der mit ihrem Bruder im Ringerteam war.
Mehr muss man nicht über die Filmgeschichte wissen. Sie bleibt rudimentär und Shults verweigert die üblichen Ursache-Wirkung-Erklärungen. Tylers Schmerzmittelkonsum wird zwar einmal gezeigt, aber ein Statement zur Opioid-Krise entwickelt sich daraus nicht. Es geht auch nicht um die Wirkung von Drogen. Eine wichtige Gerichtsverhandlung wird einfach ausgelassen. Irgendwann wird uns mitgeteilt, wie das Verfahren für Tyler ausging.
Aber in dem Moment ist schon lange offensichtlich, dass Shults kein konventionelles Drama über eine afroamerikanische, vom Leid geprüfte Familie drehen wollte.
Er wollte einen Trip drehen, der durch Ton und Bild zusammengehalten wird. Und wer „Waves“ als musikalischen Trip genießt, wird begeistert sein.
Waves (Waves, USA 2019)
Regie: Trey Edward Shults
Drehbuch: Trey Edward Shults
mit Sterling K. Brown, Taylor Russel, Kelvin HarrisonJr., Alexa Demie, Lucas Hedges
Laut einer BBC-Umfrage von 2018 ist Marie Curie die einflussreichste Frau in der Geschichte der Menschheit. Rosa Parks folgt auf dem zweiten Platz.
Aber wer war Marie Curie, 1867 als Maria Sklodowska in Warschau geboren, und was hat sie gemacht, um so wichtig zu sein? Die zwei Nobelpreise, einer in Physik, einer in Chemie können es nicht sein. Wobei sie es doch irgendwie sind. Marie Curie entdeckte mit ihrem Mann Pierre Curie mehrere Elemente, die die damaligen Theorien in Frage stellten. Es begann mit ihrer Entdeckung, dass Atome nicht die kleinste Einheit sind, sondern in noch kleinere Einheiten geteilt werden können. Sie nannten das Phänomen Radioaktivität. Später entdecken sie die chemischen Elemente Polonium und Radium. 1903 erhielten sie, zusammen mit Professor Henri Becquerel, den Nobelpreis für Physik für die Entdeckung der Radioaktivität.
Marie und Pierre Curie lernten sich 1894 an der Sorbonne kennen. Sie suchte einen Forschungsplatz in einem Labor. Er hatte ein Labor. Er war ihre große Liebe. 1906 starb er bei einem Verkehrsunfall. Er geriet unter die Räder eines Lastfuhrwerks. Sie waren beide brillante Wissenschaftler, die sich über die Arbeit kennen lernten und als erstes den Intellekt der anderen Person bewunderten. Nach dem Tod von Pierre Curie erhielt Marie Curie 1908 an der Pariser Universität als erste Frau überhaupt eine ordentliche Professur.
1911 erhielt sie den Nobelpreis für Chemie, unter anderem für die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium.
Während dieser Zeit begann sie eine Affäre mit Paul Langevin, einem verheirateten Arbeitskollegen.
Marie Curies Entdeckungen führten zum Röntgenapparat, der friedlichen Nutzung der Kernenergie (und damit auch Tschernobyl) und der Atombombe.
Marjane Satrapi („Persepolis“, „Huhn mit Pflaumen“) erzählt in ihrem neuesten Film „Marie Curie – Elemente eines Lebens“ das Leben der Wissenschaftlerin, indem sie elegant zwischen den Zeiten hin- und herspringt und immer wieder zeigt, wozu Curies Entdeckungen führten. Eben diese Bilder zeigen, dass Curie nicht für irgendeine wissenschaftlich interessante, aber ansonsten weltfremde Entdeckung geehrt wurde, sondern dass ihre Entdeckungen im Leben von jedem ihre Spuren hinterlassen haben.
Das mild assoziative Biopic zeigt so, wozu Grundlagenforschung – und das machten Marie Curie und ihr Mann Piere um die Jahrhundertwende – dienen kann.
Gleichzeitig, und das ist ein konstantes Thema des Films, zeigt Satrapi die Widerstände und gesellschaftlichen Konventionen gegen die Marie Curie kämpfen musste, wozu auch die öffentliche Anerkennung für ihre Leistung zählt. Marie Curie wird, fabelhaft gespielt von Rosamund Pike, so als Wissenschaftlerin, Frau und Mutter, als Mensch mit Ecken und Kanten, begreifbar.
Formal ist das sehenswertes Biopic konventionell erzählt. Es verlässt sich weitgehend auf die etablierten Biopic-Pfade, die Schauspieler, die Ausstattung und das Drehbuch. Böswillig gesagt ist „Marie Curie – Elemente eines Lebens“ Bildungsfernsehen. Und etwas Bildung hat noch niemand geschadet.
Marie Curie – Elemente eines Lebens(Radioactive, Großbritannien/Frankreich 2019)
Regie: Marjane Satrapi
Drehbuch: Jack Thorne
LV: Lauren Redniss: Radioactive: Marie & Pierre Curie, A Tale of Love and Fallout (2010)
mit Rosamund Pike, Sam Riley, Aneurin Barnard, Anya Taylor-Joy, Simon Russell Beale, Katherine Parkinson, Sian Brooke
Ein Gespräch zum Film mit Prof. Jutta Allmendinger (Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB)), Maike Röttger (Vorsitzende der Geschäftsführung, Plan International Deutschland e.V.) und Prof. Kathrin Valerius (Karlsruher Institut für Technologie (KIT), KIT-Centrum Elementarteilchen- und Astroteilchenphysik (KCETA)), moderiert von Barbara Streidl (Vorstand von Frauenstudien München e.V.) (aufgenommen am 16. 7. 2020)
Vor einigen Tagen lief Wolfgang Staudtes letzter Film, der Tatort „Freiwild“, im Fernsehen. Heute läuft einer seiner besten Filme im Fernsehen:
Arte, 20.15
Die Mörder sind unter uns (Deutschland 1946)
Regie: Wolfgang Staudte
Drehbuch: Wolfgang Staudte
„Die Mörder sind unter uns“ war nach dem Zweiten Weltkrieg der erste deutsche Film, der hergestellt wurde, und weil die anderen Besatzungsmächte Wolfgang Staudtes Drehbuch nicht akzeptierten (vor allem wegen des ursprünglich geplanten Selbstjustiz-Endes), war es auch der erste Defa-Film. Er ist auch ein Klassiker des deutschen Films und eine quälende, von Verunsicherung geprägte Bestandsaufnahme.
Im zerstörten Berlin leidet der Arzt Hans Mertens (Ernst Wilhelm Borchert) an seinen Kriegserlebnissen, die er versucht mit Alkohol und Barbesuchen zu betäuben. Er wohnt bei Susanne Wallner (Hildegard Knef), die in einem KZ war. Als sie in seinen Sachen den Abschiedsbrief von seinem Kompaniechef Brückner entdeckt, erfährt Mertens von ihr, dass Brückner (Arno Paulsen) noch lebt. Mertens möchte ihn für seine Kriegsverbrechen büßen lassen.
Staudte inszenierte diese Geschichte mit Bildern aus dem zerstörten Berlin in typischen Noir-Bildern und zahlreichen Nahaufnahmen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie die Deutschen mit ihrer Schuld und wie sie mit den Tätern umgehen sollen. Es ist ein in hohem Maß selbstreflexiver, von Verunsicherung, auch über das eigene Tun, geprägter Film, der gerade daraus auch heute noch seine erzählerische Wucht gewinnt.
Ein historisches Dokument ist er sowieso.
„Dieser erste Trümmerfilm war ein hoffnungsvoller Ansatz, die deutsche Vergangenheit zu bewältigen.“ (Christa Bandmann/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Tonfilms, 1980)
Mit Ernst Wilhelm Borchert, Hildegard Knef, Erna Sellmer, Arno Paulsen, Michael Günther, Robert Forsch
Eine längere Analyse des Films von Eckhard Pabst gibt es in dem von Martin Nies herausgegebenem Sammelband „Deutsche Selbstbilder in den Medien – Film 1945 bis zur Gegenwart“.
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Martin Nies (Herausgeber): Deutsche Selbstbilder in den Medien (Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik Band 4)
Mulholland Drive – Straße der Finsternis (Mulholland Dr., USA/Frankreich 2001)
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
Die Handlung kann, wie beim Vorgänger “Lost Highway”, kaum wiedergegeben werden. Denn dafür springt sie zu sehr zwischen Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit, hin und her. Der Film beginnt mit einem Autounfall. Eine junge Schönheit verliert ihr Gedächtnis, findet bei der jungen Schauspielerin Betty Unterschlupf und nennt sich, nach einem Filmplakat, Rita. Gemeinsam versuchen sie hinter Ritas Geheimnis zu kommen.
Zahlreiche Preise und noch mehr Nominierungen sagen einiges über die Qualität von “Mulholland Drive” aus. So erhielt er den César als bester ausländischer Film und Lynch 2001 beim Filmfestival in Cannes den Preis für die beste Regie. Aber für uns Krimifans ist natürlich nur eine Nominierung wichtig. Nämlich der Edgar. „Mulholland Drive“ wurde als bester Kriminalfilm des Jahres nominiert.
Ansonsten schließe ich mich dem „Großen Filmlexikon“ von TV Spielfilm an: „Dabei erinnert Lynch an sein Werk Lost Highway, ist aber so kompromisslos irreal und scheinbar unlogisch, so wild entschlossen, dem Zuschauer die Auflösung seines Thrillers zu überlassen, dass der inszenatorisch überwältigende Mulholland Drive zu Recht als sein bis dato vollendetstes Werk gilt.“
Sein nächster und bislang letzter Kinofilm „Inland Empire“ ist für mich einfach nur ein dreistündiger, quälend-langatmischer, pseudo-intellektueller Murks. Oder wie im Kino der Mann hinter sagte: „Oh Mann, ist das immer noch nicht zu Ende?“
Mit Naomi Watts, Laura Elena Harring, Justin Theroux, Ann Miller, Robert Foster, Dan Hedaya, Lee Grant, Billy Ray Cyrus, Chad Everett
Hochgelobte Verfilmung von Savianos auf Tatsachen basierendem gleichnamigem Roman. Garrone zeichnet in fünf unabhängigen Handlungssträngen ein unglamouröses Bild der Camorro in Neapel.
Der Film erhielt in Cannes den Großen Preis der Jury.
Mit Salvatore Abruzzese, Maria Nazionale, Toni Servillo
Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ ist ein Literaturklassiker. Die Verfilmung von 1931 mit Heinrich George als Franz Biberkopf ist inzwischen ziemlich vergessen, soll aber gut sein. Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie ist ein wuchtiger Klassiker. Beide Verfilmungen spielen, wie Döblins Roman, in den Zwanziger Jahren und sie sind Milieustudien des Lumpenproletariats, wie man damals die ganz armen, von der Gesellschaft nicht beachteten Menschen nannte.
Burhan Qurbani verlegte jetzt Döblins Roman in die Gegenwart und machte aus Döblins Franz Biberkopf, der wegen Totschlags vier Jahre im Gefängnis saß, einen aus Afrika kommenden Flüchtling.
Dieser Francis (Welket Bungué), der später Franz genannt wird, kommt bei seiner Flucht aus Guinea-Bissau über das Mittelmeer mit letzter Kraft in Europa an. Am Ufer schwört er, ab jetzt ein guter und anständiger Mensch zu sein.
In Berlin lebt er in einem Flüchtlingsheim und arbeitet auf einer Baustelle als Schwarzarbeiter. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verliert er diese Arbeit. Er lernt den kleinen Drogenhändler Reinhold (Albrecht Schuch), der ihn ins kriminelle Milieu einführt, und später die Prostituierte Mieze (Jella Haase) kennen. Zwischen Francis und Mieze entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die Reinhold nicht tolerieren will.
Der Film feierte auf der Berlinale seine Premiere, die meisten deutschsprachigen Kritiken sind überschwänglich, bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises erhielt „Berlin Alexanderplatz“ fünf Lolas (Bester Spielfilm, Beste männliche Nebenrolle, Beste Kamera, Beste Musik, Bestes Szenenbild) – und ich frage mich immer noch wieso.
Qurbani erzählt Francis‘ Leidensgeschichte über drei Stunden in einer schlichten, chronologischen Und-dann-Struktur, die nichts von der Experimentierlust der Buchvorlage – einem Klassiker der Moderne – spüren lässt.
Die gewählte Neo-Noir-Optik sieht zwar schick aus, ist aber schon seit Jahrzehnten ein etabliertes Stilmittel. Das im Film gezeigte Berlin (bzw. die Orte Berlin, Stuttgart und Köln, an denen Außenaufnahmen entstanden) und die Innenräume wirken so betont künstlich. In „Berlin Alexanderplatz“ wird nicht das heutige Berlin und auch kein wiedererkennbares Berlin gezeigt. Es ist eine neonbunte Fantasiestadt mit dann doch recht eindimensionalen Figuren. Sie sind mehr Chiffren als ausformulierte Charaktere.
Bei einem Film, der sich „Berlin Alexanderplatz“ nennt, auf einem Romanklassiker, der eine Milieustudie ist, basiert und mit der Wahl seines Protagonisten eindeutig ein Kommentar zur Gegenwart sein will, wirkt das schon etwas befremdlich. Über die Gegenwart und damit das Leben von Flüchtlingen, mit und ohne legalem Aufenthaltsstatus, in Berlin, erfahren wir fast nichts.
Mein größtes Problem bei „Berlin Alexanderplatz“ liegt daher in der Story und in der Diskrepanz zwischen behaupteter und echter Botschaft. In Döblins Roman geht es um einen Ex-Sträfling, der ehrlich bleiben will und von den Umständen auf die Probe gestellt wird: „Der Mann hat vor, anständig zu sein, da stellt ihm das Leben hinterlistig ein Bein.“ (Klappentext der Erstausgabe von „Berlin Alexanderplatz).
In Qurbanis Film soll es auch um diese These, nämlich dass die Gesellschaft den Protagonisten zum Verbrechertum zwingt, gehen. Oder in den Worten des Films: „Anständig wollte Franz sein, doch dem Leben gefiel das nicht.“
Die Geschichte von Francis erzählt in fünf Teilen und einem Epilog das Gegenteil. Denn Francis schlägt mehr oder weniger deutlich alle Angebote für ein ehrliches Leben aus. Er schlägt ehrliche Angebote zur Hilfe aus. Er hält sich nicht an Regeln. Er nimmt freiwillig immer wieder illegale Jobs an. Als Schwarzarbeiter auf dem Bau. Als Drogendealer in der Hasenheide. Niemand zwingt ihn dazu. Es ist immer seine freie Entscheidung. Der Film erzählt, dass Franz anständig sein wollte, doch ihm gefiel das nicht.
Das wird, angemessen bedeutungsschwanger, als „ein Passionsspiel vom Opfer und der Erlösung“ (Qurbani) erzählt.
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Berlin Alexanderplatz“ ist kein wirklich schlechter Film, aber es ist ein überbewerteter, mit drei Stunden zu lang geratener Film.
Berlin Alexanderplatz(Deutschland 2020)
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani, Martin Behnke
LV: Alexander Döblin: Berlin Alexanderplatz, 1929
mit Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch, Joachim Król, Annabelle Mandeng, Nils Verkooijen
Whitney – Can I be me (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)
Regie: Nick Broomfield, Rudi Dolezal
Drehbuch: Nick Broomfield
TV-Premiere. Sehenswerte Doku über Whitney Houston, wie sie zu einem Star für das Mainstream-Publikum aufgebaut wurde und ihre Versuche ‚ich‘ zu sein.
All das erzählen Nick Broomfield und Rudi Dolezal (von ihm stammen die bislang unveröffentlichten, bei den deutschen Konzerten aufgenommenen Backstage- und Konzert-Aufnahmen von Houstons 1999er Welttournee) chronologisch und kurzweilig in der aus zahlreichen Dokumentarfilmen über Musiker und Bands vertrauten Mischung aus Archivaufnahmen, teils von Auftritten und Interviews, teils aus verschiedenen privaten Archiven, und aktuellen Interviews.
mit Whitney Houston, Robyn Crawford, Bobby Brown, Cissy Houston, John Russell Houston jr., Bobby Kristina Brown, David Roberts (teilweise Archivmaterial)
Los Angeles, 1928: Ein Kind verschwindet. Als die Polizei es unverletzt nach fünf Monaten findet, behauptet die Mutter, dass das nicht ihr Sohn sei. Ist sie, wie die Polizei über die Nervensäge behauptet, verrückt oder versucht die Polizei etwas zu vertuschen?
Nach gut 140 Minuten ist diese Frage beantwortet.
Just another Period-Picture mit Stars, stilechter Ausstattung, Überlänge (oder Blockbuster-Länge) und, natürlich, basierend auf einem wahren Fall. Insgesamt okaye Unterhaltung.
Anschließend, um 22.25 Uhr, läuft Michael Manns „Public Enemies“ (USA 2009) über den Gangster John Dillinger.
Mit Angelina Jolie, Gattlin Griffith, John Malkovich, Jeffrey Donovan, Amy Ryan, Colm Feore
Doktor Konrad Ansbach (Armin Mueller-Stahl) testet illegal ein Serum gegen Leberzirrhose an Berliner Obdachlosen. Als mehrere Obdachlose sterben, beginnt Kommissar Walther (Volker Brandt) zu ermitteln.
Wolfgang Staudtes letzter Film. Kein Meisterwerk, aber sein letzter Film.
Armin Mueller-Stahl zählt „Freiwild“ zu seinen wichtigsten Fernseharbeiten: „bei dem Wolfgang Staudte – ich lernte ihn leider zu spät kennen – noch einmal an seine alte Form anknüpfte.“
Wolfgang Staudte inszenierte „Die Mörder sind unter uns“ (1946), „Der Untertan“ (1951), „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) und „Kirmes“ (1960).
mit Volker Brandt, Helmut Gauss, Stefan Gossler, Armin Mueller-Stahl, Hans-Peter Hallwachs, Witta Pohl, Tilly Lauenstein