Die Magnetischen (Les magnétiques, Frankreich/Deutschland 2021)
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona, Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon, Catherine Paillé
Frankreich, 1981: die ungleichen Brüder Jerôme und Philippe betreiben in der Provinz einen Piratensender. Als sich beide in Marianne verlieben und Philippe als Soldat nach West-Berlin muss, verändert sich auch ihr Verhältnis zueinander.
Wunderschöne, erstaunlich unpolitische Charakterstudie, die am besten als gelungenes Mixtape genossen wird. Bei Älteren wird sie wohlige Erinnerungen heraufbeschwören. Jüngeren gibt sie einen Einblick in eine noch gar nicht so lange zurück liegende, aber ganz andere Zeit.
Indiekino über „Die Magnetischen“ (Zeitzeuge Tom Dorow über den Film und wie politisch es damals zwischen Hausbesetzung, Straßenprotest und Clubbesuch in Berlin war)
Als er Corrina die Tür öffnet, ahnt er schon, dass das nicht die schlaueste Entscheidung ist. Sie wohnt ihm gegenüber in Los Angeles in dem Apartmentkomplex, der mich von der Beschreibung mehr an den abgeranzten Apartmentkomplex in „Die drei ??? und der Karpatenhund“ als an den doch sehr noblen Komplex in David Lynchs „Mulholland Drive“ erinnert. Er kennt sie als die Frau, die schreit.
Die gutaussehende Mittdreißigerin eröffnet ihm, dass sie vielleicht ihre Schwiegermutter Sylvia Glenn umbringen werde. Sylvia ficht nämlich das Testament ihres an einem Herzinfarkt verstorbenen Vaters an mit dem Ziel sie zu enterben.
Der namenlose Erzähler der Geschichte, ein ungefähr vierzigjähriger, getrennt lebender Mann ohne Arbeit und mit dem Alkoholkonsum eines Hardboiled-Ermittlers der alten Schule, erklärt sich bereit ihr zu helfen und mit Sylvia zu reden. Sylvia wohnt in ienem noblen Haus im Benedict Canyon und sie verdreht ihm sofort den Kopf.
Nach den Noir-Spielregeln droht ihm jetzt von zwei Seiten das Verhängnis. Aber David L. Ulin, ein früherer Buchkritiker der Los Angeles Times, Stipendiant der Guggenheim Foundation und Professor für Englisch an der University of Southern California, unterläuft diese Spielregeln geschickt. Zwar begeht der Erzähler eine Mord und begeht eine Brandstiftung (was in Kalifornien nie eine gute Idee ist), aber gleichzeitig begibt Ulin sich immer weiter in den Kopf des Ich-Erzählers und die Geschichte begibt sich, sozusagen zwischen „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“, immer weiter in David-Lynch-Territorium, wo Traum und Realität ununterscheidbar miteinander verknüpft sind. Der Erzähler erinnert sich an seine frühere Frau und ihre Beziehung. Er hört am liebsten alte Blues-Songs. Er trinkt schon vor dem Frühstück. Und er ist kein Ermittler, sondern nur ein Trottel, der von Corrina und Sylvia für Botengänge benutzt wird.
Das Ergebnis ist ein vorzüglicher düsterer Noir, aber kein Kriminalroman im engeren Sinn.
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David L. Ulin: Die Frau, die schrie
(übersetzt von Kathrin Bielfeldt, mit einem Nachwort von Chris Harding Thornton)
Der Teufel in Blau (Devil in a blue dress, USA 1995)
Regie: Carl Franklin
Drehbuch: Carl Franklin
LV: Walter Mosley: Devil in a blue dress, 1990 (Teufel in Blau)
Los Angeles, 1948: Amateurdetektiv Easy Rawlins soll Daphne finden. Aber Daphne hat es faustdick hinter den Ohren.
Franklins gelungene Verfilmung von Mosley Debütroman. „Teufel in Blau“ ist ein Film Noir, der seine Vorbilder aus der Schwarzen Serie immer deutlich zitiert und damit immer zum gut gemachten, aber auch langweiligem Ausstattungskino tendiert.
Mit Denzel Washington, Tom Sizemore, Jennifer Beals, Don Cheadle
Zwei Zehnjährige klauen einen einsam in der Landschaft stehenden Streifenwagen. Sheriff Kretzer (Kevin Bacon), dem der Wagen gehört, nimmt die Verfolgung auf. Denn im Kofferraum ist etwas, das nicht für fremde Augen bestimmt ist.
Herrlich fieser kleiner Thriller.
Danach durfte Jon Watts drei Spider-Man-Filme inszenieren.
Mit Kevin Bacon, James Freedson-Jackson, Hays Wellford, Camryn Manheim, Shea Whigham, Sean Hartley
Hat der angeklagte Puertoricaner seinen Vater ermordet? Die Geschworenen beraten.
Lumets erster Spielfilm ist ein Klassiker des Gerichtsfilms: ein Raum, zwölf Personen, die eine Entscheidung fällen müssen: unerträgliche Spannung. Ausgangspunkt für den Spielfilm war ein einstündiges Fernsehspiel von Reginald Rose, der dafür von eigenen Erfahrungen als Geschworener inspiriert wurde. Beim Start wurde der Film von der Kritik gelobt, für zahlreiche Preise nominiert und floppte – trotz des niedrigen Budgets – an der Kasse. „Sidney Lumets Erstlingsfilm verleiht dem Geschehen durch die Begrenzung des Ortes und der Personen eine große Dichte und Spannung. Die Wahrheitsfindung entsteht aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Menschentypen, Ideologien und Interessen – ein Modellfall ´demokratischer´ Aufklärungsarbeit. Hervorragend besetzt, gespielt und fotografiert (Preis der OCIC in Berlin)“ (Lexikon des Internationalen Films)
Mit Henry Fonda, L. J. Cobb, Ed Begley, E. G. Marshall, Jack Warden, Martin Balsam, Jack Klugman, Joseph Sweeney
Anatomie eines Mordes (Anatomy of a Murder, USA 1959)
Regie: Otto Preminger
Drehbuch: Wendell Mayes
LV: Robert Traver: Anatomy of a Murder, 1958 (Anatomie eines Mordes)
Provinzanwalt Paul Biegler verteidigt einen Soldaten, der einen Barbesitzer erschossen haben soll.
Der gut dreistündige Film (die deutsche Version wurde um elf Minuten gekürzt) basiert auf dem dicken Roman des ehemaligen Richters John D. Voelker (1903 – 1991), der in dem Justizkrimi einen seiner Fälle fiktionalisiert. Beide Werke schöpfen ihre Spannung aus dem minutiösen Verfolgen der Vorbereitung und dem anschließenden Gerichtsverfahren. Im Buch umfasst die Verhandlung fast zwei Drittel der Geschichte. Der Film war damals wegen seiner Sprache und dem Thema (Vergewaltigung) kontrovers. Die Schauspielerleistungen des Gerichtsdramas wurden einhellig gelobt. James-Stewart-Biograph Howard Thompson nennt es seine beste Leistung. Der Filmrichter wurde von Richter Joseph N. Welch (er verteidigte 1954 die US Army gegen Senator Joseph McCarthy und trug zum Sturz des Senators bei) gespielt. Gedreht wurde vor Ort. Duke Ellington schrieb die Musik.
Ein Klassiker
Mit James Stewart, Lee Remick, Ben Gazzara, Arthur O’Connell, Eve Arden, Kathryn Grant, George C. Scott, Duke Ellington
Godards letztes spielfilmlanges Filmessay, das 2019 sogar in einigen deutschen Kinos gezeigt wurde. Stilistisch unterscheidet sich die wilde, scheinbar (?) frei assoziierende Collage von Filmausschnitten und philosophischen Gedanken nicht von seinen vorherigen Filmen. Das Publikum bleibt überschaubar.
„Jean-Luc Godard setzt mit seinem neuesten Film sein sich alle Freiheiten nehmendes Spätwerk fort. Ein rauschhafter Gedankenfluss, eine assoziative Collage in fünf Kapiteln. Die Sehnsucht nach Freiheit. Die Abgründe der Menschheit. Die Schönheit des Kinos. Zeit und Geschichte, gedehnt und verdichtet.
Mit ‚Bildbuch‘ setzt der inzwischen 88-jährige Jean-Luc Godard die essayistische Arbeit der letzten 20 Jahre fort und macht da weiter, wo ‚Histoire(s) de cinema‘ und ‚Film Socialisme‘ begonnen haben. Es geht um Gewalt und wie sie in Bildern dargestellt wird, um das Verhältnis Europas zur südlichen Hemisphäre, um die Verantwortung der Kunst und des Kinos. Poetisch, melancholisch, universell gültig und gleichzeitig sehr persönlich, ist ‚Bildbuch‘ ein hypnotischer Strom von Bildern, Gedanken und Zitaten.“ (Presseheft)
Lieutenant Diamond will den Gangsterboss Mr. Brown unschädlich machen. Der Krieg zwischen beiden eskaliert immer weiter.
Dieses späte Noir-Juwel ist vom ersten bis zum letzten Moment mit sexueller Spannung aufgeladen. „Nahezu unverhüllt thematisierte B-Film-Regisseur Joseph H. Lewis den engen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, sexueller Frustration und exzessiver Gewalt. (…) Es ist eine Welt sexueller Perversion und fatalistischer Abhängigkeit.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)
Mit Cornel Wilde, Richard Conte, Lee Van Cleef, Brian Donlevy, Jean Wallace, Robert Middleton, Earl Holliman
Es war einmal ein Apfelschnaps-Händler, der zum Biberjäger wurde, nachdem seine Farm explodierte. Aber diese Tiere sind schlau, gemein, fröhlich und anscheinend immun gegen Schmerzen. Er dagegen ist stoisch, naiv und trinkfreudig.
Er verliebt sich in die Tochter eines Pelzhändlers. Er möchte sie heiraten. Ihr Vater verlangt von Jean Kayak, dass er ihm dafür hunderte Biberfelle Biberfelle bringt. Das war damals im Mittleren Westen der USA im 19. Jahrhundert ein Vermögen. Trotzdem beginnt er unverdrossen mit der Biberjagd. Diese wehren sich gegen den Massen-Bibermord. Außerdem gibt es noch eine ganz andere Sache im Wald.
„Hundreds of Beavers“ ist ein von den Schulfreunden Mike Cheslik (Regie, Drehbuch) und Ryland Brickson Cole Tews (Drehbuch, Hauptrolle) gemachter Slapstick-SW-Stummfilm. Den Mangel an Geld glichen sie mit viel Enthusiasmus, Humor und Einfallsreichtum aus. So werden die Biber von Menschen in Tierkostümen gespielt. Die Bilder wurden am Computer mit Adobe After Effects bearbeitet. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Real- und Animationsfilm, garniert mit filmischen Spielereien und Comic-Elementen. Die Story ist vernachlässigbar. Letztendlich ist sie eine Abfolge von meist kurzen Gags, in denen Mensch und Biber sich wie Tom und Jerry bekämpfen. Mit einer Portion Charlie Chaplin und Buster Keaton.
Mit 108 Minuten ist „Hundreds of Beavers“ allerdings auch zu lang. Als Kurzfilm oder als kurzer Spielfilm von so um die siebzig Minuten wären diese Anekdoten und Impressionen aus dem Leben von Mensch und Tier im verschneiten Wald gelungener. Denn nicht jeder Gag ist gut. Viele Gags ähneln sich. Bis zum überbordenden Finale gibt es dann doch etwas Leerlauf und gerade im Finale gibt es Szenen, die nicht in eine für Kinder gut geeignete Slapstick-Komödie passen. Es sind Bilder, die man eher in einem brutalen Horrorfilm vermutet.
Hundreds of Beavers(Hundreds of Beavers, USA 2022)
Regie: Mike Cheslik
Drehbuch: Mike Cheslik, Ryland Brickson Cole Tews
mit Ryland Brickson Cole Tews, Olivia Graves, Wes Tank, Doug Mancheski, Luis Rico
Das Leben geht weiter. Auch für die aus „Wunderschön“ bekannten Figuren. Die hatten 2022 ihren ersten Kinoauftritt. Mit fast 1,7 Millionen Besuchern war Karoline Herfurths Mainstream-Episodenfilm für Frauen ein Kassenerfolg. Ein solcher Erfolg weckt dann den Wunsch nach einem zweiten Teil, der jetzt als „Wunderschöner“ anläuft. Wieder erzählt Herfurth, wieder nach ihrem Drehbuch, Geschichten aus dem Leben von fünf miteinander verwandten und mehr oder weniger gut miteinander befreundeten Frauen, deren Leben mehr oder weniger eng miteinander verflochten ist.
Sonja (Karoline Herfurth) und ihr Mann Milan (Friedrich Mücke) leben inzwischen in getrennten Wohnungen. Die Besuche bei der Therapeutin sind die üblichen Scheidungsschlachten. Um die gemeinsamen Kinder wird sich irgendwie gekümmert. Als sie erfährt, dass er Kontakt zu einer anderen Frau hat, ist sie verärgert, schockiert, eifersüchtig und sie trifft sich anschließend mit einem anderen Mann.
Julie (Emilia Schüle) fängt als Aufnahmeleiterin in einer Boulevardsendung bei einem Mini-Hauptstadtsender (ah, ja, „Wunderschöner“ spielt in Berlin) an. Als der junge hippe, sich sanft und verständnisvoll gebende Redaktionsleiter sie gegen ihren Willen küsst, ist sie verstört und fragt sich, was sie tun soll.
Im Rahmen einer Projektwoche an der Schule versucht Sonjas Freundin Vicky (Nora Tschirner) bei ihren Schülerinnen ein Bewusstsein für die Benachteiligungen und Leistungen von Frauen zu wecken. Gleichzeitig fragt sie sich, wie sie mit Sabbatical unbekannter Dauer ihres Freundes umgehen soll. Sein einziges Lebenszeichen sind Fotos von Bergen.
Lilly (Emilia Packard), eine ihrer Schülerinnen muss sich im Rahmen einer Projektwoche mit Vickys Lieblingsthema beschäftigen. Dabei würde sie sich lieber mit ihrem Freund Enno beschäftigen.
Lilly Mutter, die Politikergattin Nadine (Anneke Kim Sarnau), erfährt, dass ihr Mann Phillipp (Godehard Giese), der Finanzsenator des Bundeslandes, sich mit einer Prostituierten vergnügte. Sie ist schockiert und trifft sich mit der Edel-Prostituierten Nadja (Bianca Radoslav). Als sie bemerkt, wie schlecht es Nadja geht, hilft sie ihr. Sie will sie aus der Prostitution retten.
Mit ihren doch eher banalen Geschichten, die man schnell vergisst, buchstabiert Karoline Herfurth in vielen Facetten die Liebe und damit zusammenhängende Liebesprobleme im Leben von gutsituierten Mittelschicht-Deutschen ohne erkennbaren Migrationshintergrund durch. Dabei unterscheidet „Wunderschöner“ sich kaum von „Wunderschön“. Alles, was mir an „Wunderschön“ gefiel, gefällt mir jetzt wieder und alles was mich an „Wunderschön“ störte, stört mich jetzt wieder.
Die sensible Inszenierung und das natürliche Spiel der Schauspieler gefallen. Es gibt etliche sehr gelungen Szenen, Beobachtungen und Momente, die im Gedächtnis bleiben. Der stete Wechsel zwischen den Geschichten lässt die Zeit schnell vergehen. Es gibt aber auch etliche Szenen, in denen die pädagogische Absicht überdeutlich ist. Das Drängen aller Figuren hin zu einer heteronormalen Beziehung, zum Traummann und einer lebenslangen Ehe, ist gerade im heutigen Berlin, dem Handlungsort des Films, vollkommen aus der Zeit gefallen. In einer filmisch weniger erschlossenen Provinzhauptstadt wie Mainz, Saarbrücken oder Stuttgart wäre das glaubwürdiger. Trotzdem ändert das nichts daran, dass „Wunderschöner“ in der Welt von „Derrick“ und dem Nachkriegsheimatfilm spielt. Diese heile Welt war schon damals eine Lüge.
Wunderschöner(Deutschland 2025)
Regie: Karoline Herfurth
Drehbuch: Karoline Herfurth
mit Karoline Herfurth, Anneke Kim Sarnau, Emilia Schüle, Nora Tschirner, Emilia Packard, Friedrich Mücke, Godehard Giese, Malick Bauer, Anja Kling, Samuel Schneider, Maximilian Brückner, Levy Rico Arcos, Albert Lichtenstern, Dilara Aylin Ziem, Jasmin Shakeri, Barbara Schnitzler, Bianca Radoslav, Rúrik Gíslason
Normalerweise heißt es bei den Superheldenfilmen von Marvel und DC, man solle bitte nichts spoilern, um den Fans nicht die Überraschung zu verderben. Die offiziellen Synopsen sind oft nebulös. Die Trailer zeigen nur einige beeeindruckende Bilder. Sie transportieren eine Stimmung und sollen primär Erwartungen wecken. Aber auch wer vor dem Filmstart alle Trailer gesehen und jeden Krümmel Information ausführlich analysiert hat, weiß wenig bis nichts über den Film.
Nicht so im Fall von „Captain America: Brave New World“. Die offizielle Synopse ist gewohnt nebulös: „Nach einem Treffen mit dem neu gewählten US-Präsidenten Thaddeus Ross, gespielt von Harrison Ford, der in diesem Film sein MCU-Debüt gibt, findet sich Sam Wilson plötzlich inmitten eines internationalen Konflikts wieder. Er muss die Hintergründe eines skrupellosen, globalen Komplotts aufdecken, bevor der wahre Strippenzieher die gesamte Welt ins Chaos stürzen kann. Ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt… „
Der Trailer verrät dann schon, dass Thaddeus Ross Red Hulk ist. Eigentlich verrät er auch die gesamte Handlung. Jedenfalls den wichtigsten Handlungsstrang. Dazu kommen noch weitere Subplots und Bösewichter und Helfer von Sam Wilson, aka Captain America, die im Trailer kurz gezeigt werden. Gespielt wird Captain America von Anthony Mackie, der Wilson bereits in sechs Kinofilmen und der TV-Serie „The Falcon and the Winter Soldier“ (2021) spielte.
Der Film selbst ist der 35. Spielfilm im Marvel Cinematic Universe (MCU), der fünfte Film der sogenannten fünften Phase und Teil der hemmungslos verkorksten Multiverse Saga. Die fünfte Phase endet am 2. Mai mit dem Kinostart von „Thunderbolts“ und, entgegen der ursprünglichen Idee, mehrere aufeinander folgende Spielfilme in Phasen und Sagas miteinander zu verknüpfen, ist dieser Zusammenhang in der Mulitverse Saga nie ersichtlich. Neben den Spielfilmen gibt es inzwischen auch eine unüberschaubare Zahl von TV-Serien, die man sich ansehen sollte, um alles, was in den Filmen gezeigt wird, zu verstehen.
Damit wird jeder Film, mehr oder weniger, nur noch zu einem winzig kleinen Puzzlestück innerhalb eines an allen Ecken und Enden ausfransenden Universums, das inzwischen sogar ein Multiversum ist. Trotzdem könnten innerhalb dieses Universums immer noch gelungen Filme entstehen, die wie die früheren MCU-Filme, gleichzeitig für sich selbst stehen und eine größere Geschichte weiter erzählen.
„Captain America: Brave New World“ ist – wieder einmal – nicht dieser Film. Er ist bestenfalls eine mittelmäßíge Episode einer mediokren TV-Serie.
Die fast immer zu dunklen Bilder passen sich schon im Kino den späteren Streaming-Erfordernissen an. Die Spezialeffekte sind okay. Wenn Captain America gegen Düsenjets kämpft ist das eine CGI-Schlacht. Wenn er gegen Red Hulk kämpft ebenso und niemand kann das Weiße Haus besser zerstören als Roland Emmerich. Über das Spiel der Schauspieler legen wir besser den Mantel des Schweigens. Die Bösewichter sind, wenn sie böse Dinge sagen und tun, etwas überzeugender als die Guten. Trotzdem herrscht immer das Gefühl, dass sie ihre Szenen ohne die Anwesenheit ihrer Mitschauspieler spielten, sie vor Green Screens agierten und im Nachdreh irgendetwas verändert wurde, ohne dass alle Schauspieler die Szene noch einmal gemeinsam spielten.
Das Drehbuch wirkt, als habe man aus einem halben Dutzend schlechter Drehbücher die (hoffentlich) besten Szenen ausgeschnitten, in eine halbwegs chronologische Reihenfolge gelegt und dann alles, ohne weitere Änderungen zusammengefügt. Etwaige Lücken wurden schnell mit weiteren Erklärdialogen zugekleistert.
Schon am Anfang wird schnell erklärt, in welcher Welt dieser Film spielt und wer Thaddeus ‚Thunderbolt‘ Ross, der neue Präsident der USA, ist. Obwohl er bereits in vier MCU-Filmen auftrat, in denen er von dem verstorbenen William Hurt gespietl wurde, ist er im MCU-Kosmos eine Nebenfigur. Dieses Mal wird er von Harrison Ford, wenig überzeugend, gespielt. Seinen ersten Auftritt hatte Ross 2008 in „Der unglaubliche Hulk“ (The Incredible Hulk, mit Edward Norton als Hulk) und dieser Film ist, auch wenn er zu den vergessenen MCU-Filmen gehört, wichtig für „Captain America: Brave New World“. Denn auch ‚The Leader‘ Samuel Stern ist wieder dabei. Tim Blake Nelson spielt ihn wieder, allerdings wurde seine Figur für ihren zweiten Filmauftritt stark verändert. Das kann als Hinweis auf das Multiverse mit seiner Anythin-goes-Attitüde verstanden werden.
Nach dieser Einführung geht es in einer Mischung aus Action, im Nichts versandenden Plots und Erklärdialogen weiter. Anstatt zu zeigen, wie die Figuren etwas erfahren, wird uns gesagt, wie sie es erfahren haben. So findet ungefähr gegen Ende des ersten Drittels des Films in einem hoch gesichertem Innenraum ein Attentat von gleichzeitig fünf Attentätern auf den US-Präsidenten statt. Das Attentat geht schief. Weil ein Freund von Sam Wilson zu den Tätern gehört, will er jetzt die Hintermänner finden. Aber anstatt jetzt akribisch verschiedene Spuren zu verfolgen, uns mehr über die Täter zu verraten und langsam das Komplott gegen den Präsidenten zu enthüllen, gibt es Action, immer wieder Szenen, in denen schnell alles erklärt wird, was wir nicht sehen durften, und mehr oder weniger mit dem Attentat zusammenhängende Subplots. So soll Sam Wilson die Avengers wieder zusammenbringen oder neu gründen. Aber das wird erst in einem künftigem Film geschehen. Hier wird nur darüber gesprochen. Es gibt Verbindungen zu früheren Filmen, die so minimal sind, dass sie nur für Fans sofort erkennbar sind. Und ob diese Verbindungen wichtig sind oder nur die Funktion eines mehr oder weniger großen Product Placement haben, ist unklar. Die so entstehende Filmgeschichte ist gleichzeitig elliptisch, kryptisch und diffus. Wahrscheinlich können noch nicht einmal die Macher die Filmgeschichte nacherzählen.
Unterhaltsam oder kurzweilig, wie die älteren MCU-Filme, ist diese Chose auch nicht. Dabei dauert „Captain America: Brave New World“ keine zwei Stunden.
Es gibt dieses Mal im Abspann keine Szene. Nach dem Abspann gibt es eine Szene, die nur als Bewerbungsvideo für die schlechteste Post-Credit-Szene aller Zeiten eine Berechtigung hat.
P. S.: Mit dem gleichnamigen Roman von Aldous Huxley hat dieser Film nichts zu tun. Wer allerdings den Science-Fiction-Klassiker noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt tun. Jetzt. Sofort.
Captain America: Brave New World (Captain America: Brave New World, USA 2015)
Regie: Julius Onah
Drehbuch: Rob Edwards, Malcolm Spellman, Dalan Musson, Julius Onah, Peter Glanz (nach einer Geschichte von Rob Edwards, Malcolm Spellman und Dalan Musson, basierend auf der von Joe Simon und Jack Kirby erfundenen Figur Captain America)
mit Anthony Mackie, Harrison Ford, Danny Ramirez, Shira Haas, Carl Lumbly, Tim Blake Nelson, Giancarlo Esposito, Xosha Roquemore, Jóhannes Haukur Jóhannesson, William Mark McCullough, Takehiro Hira, Harsh Nayyar, Liv Tyler (und, wenn ich nichts übersehen habe, ein Überraschungscameo)
3sat zeigt die Eröffnung der 75. Berlinale, davor und danach einen Berlin-Film (um 20.15 Uhr als TV-Premiere, „Black Box“ und um 22.55 Uhr „Rammbock“) und begibt sich um 23.55 Uhr für eine halbe Stunde ins Berlinale-Studio.
RBB steigt um 20.15 Uhr mit dem Berlinale-Studio ein, zeigt um 20.30 Uhr die 45-minütige Doku „Im Reich der Filme – Die Berlinale und ihre Geschichte“, begibt sich dann wieder ins Berlinale-Studio, um 22.00 Uhr läuft Tom Tykwers „Lola rennt“ (und kurz darauf im Kino sein neuer Spielfilm „Das Licht“) und um 23.15 Uhr wird über die Berlinale-Eröffnungsgala berichtet.
In meinem Leben als Landesgeschäftsführung der Humanistischen Union Berlin-Brandenburg habe ich mich mit Tom Jennissen von der Digitalen Gesellschaft über die Innen- und Netzpolitik unterhalten:
Tom Jennissen ist Jurist. Er ist aktiv beim Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein (RAV), Mitglied im Vorstand des Komitees für Grundrechte und Demokratie sowie Redakteur der Zeitschrift CILIP/Bürgerrechte und Polizei. Er hat zu verschiedenen bürgerrechtlichen Themen veröffentlicht und leitet seit November 2020 gemeinsam mit Sebastian Marg die Digitale Gesellschaft.
Die Digitale Gesellschaft e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich seit seiner Gründung im Jahr 2010 für Grundrechte und Verbraucherschutz im digitalen Raum einsetzt. Zum Erhalt und zur Fortentwicklung einer offenen digitalen Gesellschaft engagiert sich der Verein gegen den Rückbau von Freiheitsrechten im Netz, gegen alle Formen von Überwachung und für die Realisierung digitaler Potentiale bei Wissenszugang, Transparenz, Partizipation und kreativer Entfaltung. Die Digitale Gesellschaft e.V. ist ein Verein mit zwei hauptamtlichen Mitarbeitern, die unterstützt werden vom Engagement der Mitglieder.
Jeden Monat veranstalten sie in der c-base (Rungestraße 20, 10179 Berlin) einen Netzpolitischen Abend, der auch gestreamt und aufgezeichnet wird. Der nächste Netzpolitische Abend ist am Dienstag, den 4. März.
Mit Tom sprechen wir über die Innen- und Netzpolitik der Bundesregierung, die Vorschläge der Parteien dazu für die nächste Legislaturperiode, wie die künftige Innen- und Netzpolitik aussehen könnte und aus bürgerrechtlicher Sicht aussehen soll. Es geht auch um die immer wieder von konservativen Innenpolitiker:innen geforderte Vorratsdatenspeicherung und die besseren Alternativen dazu. Wir unterhalten uns auch darüber, wer im Parlament die Bürgerrechte schützen und ausbauen möchte – und welche Rolle die Zivilgesellschaft hat.
Das Gespräch fand am 10. Februar 2025 statt.
Im Bild oben: ich; im Bild unten: Tom Jennissen (Digitale Gesellschaft)
Im realen Leben sind Familienfeste ja meist ziemlich dröge Veranstaltungen. Im Film nicht. Und auch bei Lars Kraumes Familienfest dürfen die Stars groß aufspielen, wenn die Familie sich zum siebzigsten Geburtstag des Patriarchen, einem gefeiertem Konzertpianisten, der nur auf der Bühne feinfühlig ist, versammelt.
Anschließend, um 21.45 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere den Dokumentarfilm „Lars Eidinger – Sein oder nicht sein“ (Deutschland 2023).
mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus
mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, David Dencik, Simon McBurney, Kathy Burke, Stephen Graham, Svetlana Khodchenkova, John le Carré (Komparse bei der MI6-Silvesterfeier; also genau aufpassen)
An die Abbott-Besprechung muss ich mich endlich mal setzen. Den Roman habe ich schon vor einigen Wochen gelesen und, nun, er hat mich nicht so wahnsinnig begeistert.
Deutlich begeisterter bin ich von David L. Ulins „Die Frau, die schrie“. Die ersten Seiten sind so sehr gut abgehangener Noir, dass ich schon jetzt Lust darauf bekomme, wieder etwas von James M. Cain, Cornell Woolrich oder einem anderen Noir-Autor zu lesen.
A beautiful Day (You were never really here, Großbritannien 2017)
Regie Lynne Ramsay
Drehbuch: Lynne Ramsay
LV: Jonathan Ames: You were never really here, 2013
Brachial-Problemlöser Joe (Joaquin Phoenix) soll in New York die minderjährige Tochter eines US-Senators aus einem Bordell befreien.
TV-Premiere. Lynne Ramsay erzählt ihre sattsam bekannte, arg minimalistische Geschichte als einen assoziativen Albtraum in dem die Erklärungen nur aus den bekannten Genretopoi bestehen, die in Halbsätzen und Bildfetzen als Interpretationshilfen angeboten werden. Ob sie wirklich zusammenpassen ist egal. Das Ergebnis ist ein extrem düsterer, pessimistischer, todernst erzählter, brutaler Noir, der von der Kritik abgefeiert wurde und in Cannes zwei Preise (Drehbuch, Schauspiel) erhielt.
Der Krieg des Charlie Wilson (Charlie Wilson’s War, USA 2007)
Regie: Michael Nichols
Drehbuch: Aaron Sorkin
LV: George Crile: Charlie Wilson’s War: The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, 2003 (Der Krieg des Charlie Wilson)
Auf Tatsachen basierende, von der Kritik abgefeierte und für viele Preise nominierte Polit-Komödie über den liberal-demokratischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der in den Achtzigern half den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets finanziell und mit Waffen zu unterstützten.
Die Folgen – nun, heute kennen wir die weitere Geschichte von Afghanistan, den Taliban und von Al-Qaida.
Mit Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffmann, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Michael Spellman