Georg Seidler will aus Europa nach Mexiko flüchten. In Marseille wartet er auf das rettende Transitvisum und trifft auf die Frau des Mannes, dessen Identität er angenommen hat.
Christian Petzold verlegt Anna Seghers während des Zweiten Weltkriegs spielenden Roman in die Gegenwart. Mit einem sehr überzeugendem Ergebnis.
mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara Auer, Matthias Brandt, Sebastian Hülk, Antoine Oppenheim, Ronald Kukulies, Justus von Dohnányi, Alex Brendemühl, Trystan Pütter
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Die lesenswerte Vorlage
ist in verschiedenen Ausgaben erhältlich, u. a.
Anna Seghers: Transit
Aufbau Taschenbuch, 2018
416 Seiten
12 Euro
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Der Roman erschien zuerst 1944 in den USA auf englisch, anschließend in Mexiko auf spanisch und 1947 auf deutsch als Fortsetzungsroman in der Berliner Zeitung.
Spätere deutsche Veröffentlichungen bearbeiteten den Text.
Erst 2001 erschien im Rahmen der Werkausgabe die erste authentische deutsche Buchausgabe.
Drehbuch: Eric Pearson, Max Borenstein (nach einer Geschichte von Terry Rossio, Michael Dougherty und Zach Shields)
Die Story: naja, die Riesenechse Godzilla und der Riesenaffe Kong kloppen sich und zerlegen dabei einige Hochhäuser.
Viel mehr passiert nicht in diesem dummen Sommer-Blockbusterfilm. Aber „Godzilla vs. Kong“ war nach den wirklich fetten Pandemie-Einschränkungen der erste Film, den ich im größten Saal des Zoo Palastes in der Pressevorführung, aufgrund der damals gültigen Vorschriften, mit sehr wenigen anderen Zuschauern und ohne Maske sehen durfte. Rechnerisch gesehen kamen, so ungefähr, auf jede anwesende Person deutlich über hundert Sitzplätze. Ich saß da wie ein kleines Kind und starrte mit großen Augen auf die Leinwand, während es um mich herum aus allen Boxen krachte und schepperte und dachte nur: „Kino. Das ist Kino. Endlich wieder Kino.“
Das Publikum sah es wenige Tage später ähnlich. Mit 134000 Zuschauern war die Monsterklopperei der erfolgreichste neu gestartete Titel. Für die deutschen Kinos galten damals noch unterschiedliche Hygienevorschriften und Sitzplatzbegrenzungen.
Frau Novak (Mia Wasikowska) ist die neue Lehrerin an einem Nobelinternat. Sie soll einen Kurs in gesunder Ernährung geben. Die Schüler spekulieren zunächst auf einen einfachen Kurs, der sich mit minimalem Aufwand positiv auf ihren künftigen Bildungsweg auswirken wird.Schnell geraten sie in den Bannkreis dieser unscheinbaren Frau. Der Kurs wird ihr Lebensinhalt. Und das bedeutet: zuerst bewusster essen, dann immer weniger essen, bis man überhaupt nichts mehr isst.
Während jeder vernünftige Mensch weiß, dass das in dieser Radikalität ungesund ist, schauen die Eltern nur passiv zu. Sicher, sie finden es etwas schwierig, wenn ihre Kinder beim Familienessen nichts mehr essen, aber sie haken es als Phase ab. Nur eine Mutter, die auch gleichzeitig die einzige Mutter ist, die kein Geld hat, versucht etwas dagegen zu unternehmen.
Jessica Hausners neuer Film „Club Zero“ fasziniert am Anfang mit seinen streng komponierten Bildern, den Kostümen und seiner Ausstattung. Das ist eine künstliche, irgendwie europäische Retro-Welt, die an die siebziger Jahre erinnert. Die betont langsame Inszenierung und das betont zurückgenommen-künstliche Spiel der Schauspieler und einige gut platzierte Pointen tragen zu der leicht irrealen Stimmung bei. Allerdings ist unklar, was genau karikiert wird. Gleichzeitig verlässt die Satire, je länger und intensiver die Kinder hungern, immer mehr den Boden der Realität.
Am Ende ist Hausner Arthaus-Horrorfilm eine unfokussierte, teils enervierend langsam erzählte Satire, die einen ratlos und deprimiert zurücklässt. Damit teilt das Publikum, aus anderen Gründen, die Rat- und Sprachlosigkeit der Eltern der Kinder, die in den Bannkreis von Frau Novak geraten.
Club Zero (Österreich/Großbritannien/Deutschland/Frankreich/Dänemark/Katar 2023)
Regie: Jessica Hausner
Drehbuch: Jessica Hausner, Geraldine Bajard
mit Mia Wasikowska, Sidse Babett Knudsen, Amir El-Masry, Elsa Zylberstein, Mathieu Demy, Ksenia Devriendt, Luke Barker, Florence Baker, Samuel D Anderson, Gwen Currant
LV: Nicholas Pileggi: Casino: Love and Honor in Las Vegas, 1995 (Casino)
Biopic über die Mafia in Las Vegas in den Siebzigern.
Kurz gesagt: ein Meisterwerk und Pflichttermin für Krimifans.
„Die einander ergänzenden Elemente von ‚Casino’, die genaue, materialistische Dokumentation, das Shakespeare-Drama von Macht und Fall, der Genrefilm und die Strindbergsche Seelenpein von Mann und Frau, zwischen denen eine unsichtbare Mauer steht, laufen alle auf die Feststellung hinaus, die Robert De Niro schon am Anfang getroffen hat: dass niemand gegen die Bank gewinnen kann. Das ist nicht nur konkrete Beschreibung einer ökonomisch-kriminellen Situation und soziale Metapher auf das Wesen des Kapitalismus, sondern auch ein philosophisches Gleichnis.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)
Mit Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Kevin Pollak, L. Q. Jones
LV: Jessica Bruder: Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century, 2017 (Nomaden der Arbeit, Sachbuch)
Intensives, überwiegend mit Laien besetztes Roadmovie über eine moderne Nomadin, die in ihrem Wohnwagen durch die USA von schlecht bezahlter Arbeit zu mies bezahlter Arbeit fährt und, trotz allem, kein anderes Leben möchte.
TV-Premiere. – Diese Uhrzeit für die TV-Premiere eines unter anderem mit drei Oscars (Bester Film, Regie und Hauptdarstellerin) ausgezeichneten Film ist die Unverschämtheit des Monats und des nächsten Monats.
Natürlich erinnert die Geschichte auf den ersten Blick an „Schindlers Liste“. Ein Mann hilft während der Nazi-Diktatur Juden bei ihrer Flucht aus Deutschland. Er rettet viele Leben. Nach dem Krieg kennt ihn niemand, auch weil der Retter über seine Taten schweigt. Fast zeitgleich, ungefähr vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erfuhr die große Öffentlichkeit von ihnen und ihren selbstlosen Taten.
Bei dem 1974 verstorbenen Oskar Schindler war es 1982 die Publikation von Thomas Keneallys halbdokumentarischem Roman „Schindlers Liste“. Er wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet und später von Steven Spielberg verfilmt.
Bei Sir Nicholas ‚Nicky‘ Winton (1909 – 2015) war es 1988 die BBC-Sendung „That’s Life“. In ihr wurde über seine Taten berichtet. Er war Gast in der Sendung und ein Millionpublikum erfuhr von seinen Taten.
Natürlich hat Sir Anthony Hopkins, dessen Name an erster Stelle auf dem Plakat steht und dessen Kopf das halbe Plakat einnimmt, nur eine durchaus wichtige Nebenrolle in der Verfilmung von Wintons Leben. Er spielt Sir Nicholas Winton, den britischen Oskar Schindler, als alten Mann. Im Zentrum stehen aber nicht die Ereignisse aus den achtziger Jahren, als er sich fragt, was aus den Kindern wurde, die er gerettet hat und er sich schuldig fühlt, weil er nicht mehr Kinder retten konnte, sondern die Ereignisse aus seinen jungen Jahren, als er in den späten dreißiger Jahren, vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, jüdischen Kindern half. Als er in Prag in den Flüchtlingslagern die vor sich vegetierenden Kinder sieht, ist der humanitär bewegte Börsenmakler schockiert. Er will ihnen helfen und das ginge, indem er sie nach Großbritannien bringt. Das tut er zusammen mit dem „British Commitee for Refugees in Czechoslovakia“, einer nur aus wenigen Mitgliedern bestehenden, finanziell klammen Organisation, und seiner energischen Mutter, die in London alles für die Ankunft der Kinder organisiert.
Dabei merkt Winton schnell, dass niemand diese Kinder will. Trotzdem gibt er nicht auf. Er erstellt Mappen, in denen er alles wichtige über sie notiert. Mit Hilfe dieser Mappen sucht seine Mutter in England Pflegefamilien, die für die Kosten selbst aufkommen werden. Das ist, nachdem der englische Staat alle anderen Optionen ablehnt, die einzige Möglichkeit, die Kinder vor dem sicheren Tod zu retten. Die Kinder, die für eine unbekannte Zeitdauer Adotivfamilien gefunden haben, sollen in Zügen von Prag quer durch Europa nach England gebracht werden. Falls der Zug sein Ziel erreicht.
Der für den 1. September 1939 geplante Transport mit 250 Kindern verließ nie den Bahnhof von Prag. Der am gleichen Tag erfolgte Überfall von Adolf Hitler auf Polen und der damit zusammenhängende Beginn des Zweiten Weltkriegs verhindern weitere Transporte.
Innerhalb eines knappen Jahres retteten Winton und seine Helfer 669 Kinder vor dem ziemlich sicheren Tod.
In seinem sich auf seine Schauspieler verlassendem Drama „One Life“ erzählt James Hawes diese Geschichte. Er erzählt Wintons Geschichte, beide Male chronologisch, auf zwei Zeitebenen. Dabei ist der in den späten achtziger Jahren spielende Teil ausführlicher als nötig und kann nur durch den Wunsch der Macher gerechtfertigt werden, mit Hopkins‘ Namen für den Film zu werben. Im Zentrum stehen Wintons Erlebnisse 1938/1939 in Prag. Der junge Winton wird von Johnny Flynn gespielt.
Insgesamt inszeniert Hawes Wintons Geschichte bewusst etwas spröde. Er vermeidet so weitgehend die potentiellen Kitschfallen. Die große Ausnahmen ist Wintons zweimalige Teilnahme an der leichtgewichtigen BBC-Verbraucherberatungssendung „That’s Life“. Beide Male steuert die Geschichte dann eindeutig auf den erwartbaren Taschentuchmoment hin.
Angesichts aktueller Debatten über Fluchthilfe ist das sehenswerte Drama erschreckend aktuell.
„One Life“ ist das Spielfilmdebüt von James Hawes. Trotzdem ist er ein alter Profi. Seit 1990 inszenierte er TV-Filme und Episoden für TV-Serien wie „Doctor Who“, „Inspector Banks“, „Penny Dreadful“, „Snowpiercer“ und „Slow Horses“.
One Life – Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt(One Life, Großbritannien 2023)
Regie: James Hawes
Drehbuch: Lucinda Coxon, Nick Drake
LV: Barbara Winton: It it’s not impossible…: The Life of Sir Nicholas Winton, 2014
mit Anthony Hopkins, Johnny Flynn, Helena Bonham Carter, Lena Olin, Romola Garai, Alex Sharp, Marthe Keller, Jonathan Pryce
Es ist schon der 19. Brief voller Profanitäten, Vulgaritäten und Beleidigungen, den die gottesfürchtige Edith Swan (Olivia Colman) erhält. Sie lebt in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der kleinen südostenglischen Küstenstadt Littlehampton bei ihren strengen Eltern. Die Polizei hat keine Ahnung, von wem die Briefe sind.
Edith verdächtigt ihre aus Irland kommende Nachbarin Rose Gooding (Jessie Buckley). Sie ist das Gegenteil von Edith und wenn sie, garniert mit einigen Schimpfworten, behauptet, dass sie keine Briefe mit Schimpfworten schreibe, sondern es ihr direkt ins Gesicht sagen würde, dann hört sich das sehr glaubwürdig an.
Während die Feindschaft zwischen den beiden Nachbarinnen immer größer wird, beginnt die junge Polizistin Glady Moss (Anjana Vasan) zu ermitteln. Sie tut das vor allem in ihrer Freizeit und ohne die Erlaubnis ihrer Vorgesetzten. Denn als erste Polizeibeamtin in der Polizeistation und in Sussex wird sie von ihren Kollegin ständig als Kuriosität geduldet, die höchstens Hilfstätigkeiten ausüben kann. Entsprechend verächtlich reagieren sie auf Gladys Hinweis, dass die Handschriften des unbekannten Briefschreibers und von Rose verschieden sind.
Genervt von der Ignoranz ihrer Kollegen und Vorgesetzten verbündet Gladys sich mit einigen Frauen aus dem Dorf, die ebenfalls nicht an die Schuld von Rose glauben. Gemeinsam suchen sie den Briefschreiber. Und wer den in puncto Story arg irreführenden Trailer nicht gesehen hat, dürfte mit seinem Verdacht richtig liegen.
Denn für den anfangs angedeuteten Rätselplot interessieren sich Drehbuchautor Jonny Sweet und Regisseurin Thea Sharrock kaum. Ihr Film „Kleine schmutzige Briefe“ ist eine auf einer wahren Geschichte basierende britische Komödie, die von ihrem spielfreudigem Ensemble und dem Witz lebt, dass scheinbar ehrbare und gottesfürchtige Frauen obszöne Worte sagen und sich diebisch darüber freuen.
Davon abgesehen plätschert die Geschichte teils arg vorhersehbar und durchgehend erstaunlich harmlos vor sich hin zwischen leicht klamaukiger Komödie, Sittengemälde, luschtigem Krimi und Gerichtsposse. Aufgrund der Hauptdarstellerinnen und der damit verbundenen Geschichte, in der Männer Nebenfiguren sind, läuft das altbekannte Komödienprogramm dieses Mal feministisch konnotiert ab. Das ist nie furchtbar schlecht – eine Olivia Colman, die schmutzige Briefe vorliest, ist schon die halbe Miete -, aber auch nie so gut, wie es hätte sein können.
Kleine schmutzige Briefe (Wicked little Letters, Großbritannien 2023)
Regie: Andy Muschietti (eigentlich Andres Muschietti)
Drehbuch: Chase Palmer, Cary Fukunaga, Gary Dauberman
LV: Stephen King: It, 1986 (Es)
Alle 27 Jahre taucht in der Kleinstadt Derry, Maine, der Mörderclown Pennywise aus der Kanalisation auf und schnappt sich einige Kinder. Sieben Kinder, die sich der Club der Loser nennen, wollen nicht zu Pennywises Opfern werden.
Sehr gelungene und an der Kinokasse sehr erfolgreiche Verfilmung von Stephen Kings sehr dickem Horrorroman.
mit Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis, Finn Wolfhard, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff, Bill Skarsgård, Nicholas Hamilton, Jake Sim, Logan Thompson, Owen Teague, Jackson Robert Scott, Stephen Bogaert, Stuart Hughes
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Die Vorlage (hier mit dem Filmcover)
Stephen King: Es
(übersetzt von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber, bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann)
Heyne, 2017 (Movie Tie-In)
1536 Seiten
18 Euro (aktueller Preis)
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Erstausgabe der ungekürzten Übersetzung: 2011
Ältere Ausgaben enthalten eine gekürzte Übersetzung.
Dass „Der Baader Meinhof Komplex“ am Dienstag, den 2. April, im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe im Kino gezeigt wird, hatte Studiocanal lange geplant. Dass wenige Wochen vor der eintägigen Kino-Wiederaufführung Daniela Klette, ein seit über dreißig Jahren untergetauchtes Mitglied der dritten Generation der RAF (Rote Armee Fraktion), verhaftet wurde, war nicht geplant, dürfte aber die Neugierde für eine erneute (?) Sichtung des starbesetzten Terrorgruppen-Biopics erhöhen.
Uli Edel erzählt nach einem Drehbuch von Bernd Eichinger und ausgehend von Stefan Austs Sachbuch-Bestseller die Geschichte der RAF von 2. Juni 1967, beginnend mit dem Schah-Besuch und der Ermordung von Benno Ohnesorg, bis zum 18. Oktober 1977, als sich in Stuttgart im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe umbrachten. Irmgard Möller überlebte. Ulrike Meinhof tötete sich in ihrer Zelle bereits am 9. Mai 1976.
Edel erzählt die Geschichte der ersten und, jedenfalls bis zum 18. Oktober 1977, auch der zweiten Generation der RAF. Ihre Namen waren allgemein bekannt. Sie waren Popstars und, nicht nur in Deutschland, war der Kampf gegen das abgelehnte kapitalistische Unterdrückersystem mit Bomben und Kugeln ein für Jugendliche faszinierender Way of Life. Die Bekennerschreiben der RAF wurden breit diskutiert.
Die Namen der Mitglieder der nachfolgenden RAF-Generationen waren deutlich unbekannter. Immer perfekter gelang das Versteckspiel vor dem Staat. Auch heute, dreißig, vierzig Jahre später wissen die Ermittler und die Öffentlichkeit wenig bis nichts über sie. Die Bekennerschreiben wurden immer formelhafter. 1998 erklärte die RAF ihre Selbstauflösung.
Danach entstanden über diesen Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine Schwemme von Dokumentar- und Spielfilme, die teils sehr genau den Fakten folgten. Zu den wichtigsten Werken gehören „Die innere Sicherheit“ (D 2000, Regie: Christian Petzold), „Die Stille nach dem Schuss“ (D 2000, Regie: Volker Schlöndorff), „Black Box BRD“ (D 2001, Regie: Andres Veiel), „Baader“ (D 2002, Regie: Christopher Roth), „Starbuck Holger Meins“ (D 2003, Regie: Gerd Conradt), „Die RAF“ (D 2007, Regie: Stefan Aust und Helmar Büchel), „Mogadischu“ (D 2008, Regie: Roland Suso Richter), „Die Geschichte der RAF“ (D 2014, sechsteiliger Dokumentarfilm von Bernd Reufels und Anne Kauth) und eben Uli Edels 2008 beim Kinostart wegen seiner Länge, seinem Cast und seiner Ausstattung als monumental empfundener „Der Baader Meinhof Komplex“. Von den genannten Filmen hat er als bis in kleinste Nebenrollen prominent besetztes Epos voller Action und stimmigem Zeitkolorit am eindeutigsten das große Publikum im Visier.
Angesichts neuer Kinoerfolge – „Oppenheimer“ ist drei Stunden, „Avatar: The Way of Water“ ist länger und „Killers of the Flower Moon“ ist noch länger – erscheinen die hundertfünfzig Minuten, die die Kinofassung von „Der Baader Meinhof Komplex“ dauert, (es gibt eine um wenige Minuten längere TV-Fassung) gar nicht mehr so lang. Trotzdem ist Uli Edels Film von der Länge her eine epische, vom Tempo her hektische Verfilmung der Geschichte der RAF von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende. Da stimmt die Ausstattung und die mitreißend inszenierte Action, aber für die Vertiefung der einzelnen Charaktere oder für das Erklären der politischen Hintergünde, abseits einiger Schlagworte und Soundbytes, bleibt zu wenig Zeit. Edel muss einfach zu viele Personen und Ereignisse in einer zu kurzen Zeit abarbeiten.
Als schnelle Auffrischung historischen Wissens, inzwischen sogar mit einem kräftigen doppelten Nostalgiebonus, taugt Edels Terrorgruppen-Biopic Film trotzdem. Auch als ebenso schnelle, aber oft auch arg kryptische Einführung in die Geschichte der RAF taugt der Film.
LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985 (danach mehrere überarbeitete Neuausgaben)
Buch zum Film: Katja Eichinger: Der Baader Meinhof Komplex – Das Buch zum Film, 2008
Mit Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Simon Licht, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Niels-Bruno Schmidt, Stipe Erceg, Daniel Lommatzsch, Volker Bruch, Bernd Stegemann, Tom Schilling, Katharina Wackernagel, Anna Thalbach, Jasmin Tabatabai, Hans-Werner Meyer, Michael Gwisdek, Thomas Winter, Sebastian Blomberg, Vinzenz Kiefer, Sunnyi Melles, Hans Peter Hallwachs, Alexander Held, Hubert Mulzer
The Blair Witch Project(The Blair Witch Project, USA 1998)
Regie: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez
Drehbuch: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez
1994 machen sich die Filmstudenten Heather Donahue, Michael C. Williams und Joshua Leonard auf den Weg nach Burkittsville, Maryland. In den Black Hills suchen sie, bewaffnet mit jugendlichem Enthusiasmus und ihren immer alles aufzeichnenden Videokameras, nach Spuren der legendären Hexe von Blair. Sie verschwinden spurlos im Wald. Ein Jahr später werden die von ihnen gemachten Aufnahmen gefunden. Der Film „The Blair Witch Project“ zeigt diese Aufnahmen.
Der für weniger als ein Taschengeld gedrehte Horrofilm war an der Kinokasse unglaublich erfolgreich und startete das meistens nur nervige „Found Footage“-Horrorsubgenre, in dem alle technischen und erzählerischen Unzulänglichkeiten mit dem Hinweis, dass es sich um gefunde Amateuraufnahmen handele, erklärt wurden.
Der Kinostart wurde von einer gelungenen Werbekampagne begleitet, in der betont wurde, dass das alles wahr sei. Ist es natürlich nicht.
mit Heather Donahue, Michael Williams, Joshua Leonard
Wiederholung: Freitag, 29. März, 00.00 Uhr (Mitternachtsgenau! – Und der Mond schien helle im dunklen Wald.)
Eine kleine Geschichte erzählt Colm Bairéad, nach mehreren Kurz-, Dokumentar- und TV-Filmen, in seinem Spielfilmdebüt „The Quiet Girl“. Es basiert auf Claire Keegans hochgelobter Kurzgeschichte „Foster“, die ursprünglich im Magazin „The New Yorker“ erschien und von Keegan für die spätere Buchveröffentlichung etwas erweitert wurde.
In der in Irland spielenden Geschichte geht es um die schweigsame neunjährige Cáit. Im Sommer 1981 wird sie von ihren Eltern zu einer Cousine ihrer hochschwangeren, von allem überforderten Mutter geschickt. Cáit soll dort über den Sommer bei den Cinnsealachs auf deren Farm bleiben. Vielleicht auch länger. Eibhlin hat Cáit zuletzt als Baby gesehen.
Eibhlín ist freundlich zu der schüchternen Cáit. Ihr Mann Seán schweigt währenddessen vor sich hin. Langsam fassen sie Vertrauen zueinander und Cáit blüht etwas auf. Am Ende des stillen Dramas des Sommers wird sie von Seán und Eibhlin zu ihren Eltern zurückgebracht. Aber Cáit ist jetzt ein anderer Mensch. Sie hat ein anderes Leben und andere Erwachsene kennen gelernt.
Viel passiert nicht in „The Quiet Girl“. Und doch passiert viel. Denn Bairéad erzählt, betont undramatisch, wie sich drei Menschen langsam näherkommen. Er erzählt, wie ein Kind endlich Geborgenheit findet. Und er zeigt, ebenfalls ohne alle Hintergründe zu verraten, wie Eltern mit dem Verlust eines Kindes umgehen. Dabei wird wenig geredet. Und trotzdem ist es ein sehr beredsames Schweigen, das sich im Lauf des Films verändert und den drei Hauptfiguren ihre Geheimnisse lässt. Das liegt auch an Bairéads distanziert-beobachtender, bis auf einige sehr wenige Szenen, betont undramatischer Regie.
„The Quiet Girl“ gewann 2022 auf der Berlinale in der Sektion „Generationen“ den Hauptpreis. Bairéads Film war, als erster irischer Film, 2023 für den Oscar als bester internationaler Film nominiert. Er gewann, unter anderem von der Irish Film & Television Academy, etliche irische Filmpreise. Und er war in Irland ein Publikumshit.
Das Bonusmaterial der DVD besteht aus einem knapp elfminütigem, informativem Interview mit dem Regisseur und Drehbuchautor Colm Bairéad.
Sherlock: Die sechs Thatchers (The Six Thatchers, Großbritannien 2017)
Regie: Rachel Talalay
Drehbuch: Mark Gatiss
Erfinder: Steven Moffat, Mark Gatiss
LV: Charakter von Sir Arthur Conan Doyle
Ein Ministersohn wird ermordet. Auf einem Beistelltisch mit Margaret-Thatcher-Devotionalien fehlt eine Thatcher-Gipsbüste. Sherlock Holmes fragt sich, warum die Thatcher-Büste verschwunden ist – und was das Geheimnis der Thatcher-Büsten ist.
Die Inspiration für „Die sechs Thatchers“ ist die Sherlock-Holmes-Geschichte „Die sechs Napoleons“.
Ziemlich furioser Auftakt der vierten „Sherlock“-Staffel, die wieder aus drei spielfilmlangen Episoden besteht. Nachdem bei der dritten Staffel die Fälle so nebensächlich wurden, dass man sie schon während des Sehens vergaß, sind die Fälle jetzt wieder gelungener. Allerdings sind sie wieder kaum nacherzählbar und zunehmend durchgeknallter und immer mehr miteinander und mit den Biographien von Sherlock Holmes und Dr. John Watson verknüpft und sie gehen immer mehr in Richtung einer großen, großen Verschwörung. Das ist nicht uninteressant und flott erzählt, aber auch der Stoff, der sich (schlechter) in ungefähr jeder zweiten Serie findet.
Denn auch Sherlock Holmes‘ brave Haushälterin Mrs. Hudson hat eine Vergangenheit, die wir bis jetzt nicht kannten.
Mit Benedict Cumberbatch, Martin Freeman, Amanda Abbington, Una Stubbs, Louise Brealey, Rupert Graves, Mark Gatiss, Lindsay Duncan, Simon Kunz, Sacha Dhawan
Beverly Hills Cop – Ich lös’ den Fall auf jeden Fall (Beverly Hills Cop, USA 1984)
Regie: Martin Brest
Drehbuch: Daniel Petrie jr. (nach einer Geschichte von Danilo Bach und Daniel Petrie jr.)
Als ein alter Freund von Detroit-Cop Axel Foley ermordet wird, nimmt Foley Urlaub und beginnt im noblen Beverly Hills den Mörder zu jagen. Dort fällt er nicht nur wegen seiner Hautfarbe, seinen Klamotten, seinem Mundwerk, sondern auch wegen seinen Methoden (die jede geschriebene und ungeschriebene Dienstvorschrift ignorieren) auf.
Die Action-Comedy war damals ein Kassenschlager und zog zwei schwächere Fortsetzungen nach sich. Einen vierten Film mit Axel Foley (Eddie Murphy) wird, nachdem er Ewigkeiten im Gespräch war, im Sommer bei Netflix veröffentlicht.
„Meisterwerk des Kommerzes“ (Fischer Film Almanach 1986)
„pures Entertainment“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm)
Tja, das Team Simpson/Bruckheimer wusste schon damals, wie sie an unser Geld kommen. Ihr nächster Film war „Top Gun“.
Das Drehbuch war für einen Oscar und den Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert.
mit Eddie Murphy, Judge Reinhold, John Ashton, Lisa Eilbacher, Steven Berkoff, James Russo, Jonathan Banks, Stephen Elliott
Wiederholung: Montag, 1. April, 13.45 Uhr (davor zeigt Kabel 1 um 9.55 Uhr „Beverly Hills Cop III“ und um 11.50 Uhr „Beverly Hills Cop II“)
Nächstes Jahr sollte ich auf der Leipziger Buchmesse endlich die vielen Cosplayer*innen aus dieser und allen anderen Welten fotografieren. Die scheinen das Posieren zu genießen. Deadpool – auch ihn habe ich auf der Messe gesehen – wohl auch.
Dieses Jahr habe ich Interviews mit Christine Lehmann (über „Alles nicht echt“), Stefán Máni (über „Abgrund“) und Anthony J. Quinn (über „Frau ohne Ausweg“) geführt. Ich muss sie die Tage noch etwas bearbeiten.
Bis dahin gibt es einige Schnappschüsse von gutgelaunten Krimiautor*innen mit ihren neuesten Kriminalromanen. In alphabetischer Reihenfolge:
Frauke Buchholz ist mit „Skalpjagd“ (Pendragon) am Ende einer Trilogie um den kanadischen Profiler Ted Garner, die vielleicht doch eine aus vier (oder mehr) Romanen bestehende ‚Trilogie‘ wird. Sie meinte, es gebe noch offene Fragen.
Jürgen Heimbach entführt uns in seinem neuen Krimi „Waldeck“ (Unionsverlag) in die sechziger Jahre zum ersten Burg-Waldeck-Festival. Während dort noch heute bekannte Musiker klampfen, sucht Journalist Ferdinand Broich einen untergetauchten SS-Arzt.
Chrstine Lehman lässt in ihrem 13. Lisa-Nerz-Krimi „Alles nicht echt“ (Ariadne) ihre Heldin in der Nachrichtenredaktion eines ÖRR-Senders ermitteln. Sie soll herausfinden, wer einige Daten aus dem Sender geklaut hat. Kurz darauf sucht sie einen Mörder.
Stefán Máni führt in Island seinen jungen Helden an den „Abgrund“ (Polar). Der Naivling glaubt, irgendetwas mit dem Verschwinden einer jungen Videothek-Mitarbeiterin zu tun zu haben. „Abgrund“ ist auch der erste Roman mit Kriminalpolizist Hörður Grímsson.
Anthony J. Quinn ist mit einer untergetauchten, aus Osteuropa kommenden „Frau ohne Ausweg“ (Polar) und seinem Ermittler Celcius Daly im irisch/nordirischen Grenzgebiet unterwegs. Daly sucht den Mörder ihres Zuhälters. Troubles garantiert
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Das sind jetzt mindestens fünf leichengesättigte Lesetipps für den qualitätsbewussten Krimifan.
Als ihr Sohn Minato mal verstört, mal schmutzig, mal nur mit einem Schuh und auch mal verletzt aus der Schule kommt, ist seine ihn liebende Mutter Saori Mugino zunehmend irritiert und auch entsetzt. Sie will wissen, was vorgefallen ist. Aber Minato schweigt. An der Schule wird die alleinerziehende Witwe von den Lehrern höflich-abweisend behandelt. Die Entschuldigung von Minatos Lehrer Michitoshi Hori ist so gekünstelt, dass sie nicht mehr als eine für alle peinliche und steife Übung in japanischer Höflichkeit ist. Danach hat Saori noch mehr Fragen als vorher.
Diese Antworten gibt Hirokazu Kore-Eda im Lauf seines neuen Films „Die Unschuld“. Erstmals seit seinem Debüt „Maboroshi – Das Licht der Illusion“ (Maboroshi no Hikari, 1995) verfilmte er wieder ein von einem anderen Autor geschriebenes Drehbuch. Es ist von Yûji Sakamoto. Sakamoto ist in Japan vor allem als TV-Autor bekannt. Kore-Eda sagt über ihn und warum sie für diesen Film zusammen arbeiteten: „Sakamoto ist der Drehbuchautor, den ich von den heute noch aktiven Autoren am allermeisten schätze. Unsere Geschichten haben ähnliche Inhalte und Themen, obwohl wir sie an verschiedenen Zeitpunkten verhandeln und eine jeweils ganz eigenen Herangehensweise und Sichtweise haben. Es ist, als würden wir dieselbe Luft einatmen, aber auf unterschiedliche Weise ausatmen.“
Das Rätsel über Minatos seltsames Verhalten lösen Kore-Eda und Sakamoto, indem sie sich ihm aus drei unterschiedlichen Perspektiven nähern. Sie erzählen sie nacheinander, quasi wie thematisch zusammenhängende, sich zeitlich teilweise überlappende Kurzgeschichten. Aus einem Spielfilm, der die Geschichte einer Person erzählt, machen sie drei Kurzfilme, in denen einige Ereignisse und das Verhalten einiger Personen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird.
Nachdem in „Die Unschuld“ zuerst die Sicht der besorgten Mutter Saori erzählt wird, wird das Geschehen anschließend aus der Sicht des jungen, allgemein beliebten und um seine Schüler bemühten Lehrers Hori erzählt. Auf den ersten Blick ist undenkbar, dass er irgendetwas Schlimmes getan haben könnte. Die dritte Annäherung erfolgt aus Minatos Sicht. Mit jeder neuen Perspektive erfahren wir mehr über die beschwiegenen Ereignisse, die Motive der mehr oder weniger daran beteiligten Menschen, wie sie sich fühlen, wie sie sie wahrnahmen und warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Dabei lässt Kore-Eda auch immer einiges in der Schwebe. Er lässt jeder Figur ihre Sicht auf die Geschehnisse. Er will, wie auch in seinen anderen Filmen, nicht verurteilen, sondern verstehen.
Ein Problem bei diesem gleichberechtigten Erzählen aus verschiedenen Perspektiven in in sich abgeschlossenen Erzählblöcken ist, dass in jeder Geschichte vieles, das bereits aus einer anderen Geschichte bekannt ist, mit kleinen Akzentverschiebungen, noch einmal erzählt wird. Das Geheimnis um das von allen beschwiegene Ereignis ist ziemlich schnell offensichtlich. „Die Unschuld“ ist halt kein Rätselkrimi, in dem ein Mörder überführt werden soll, wie in Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“, sondern eine Geschichte von Schule und Kindheit. Mit zwei Jungen, die im Wald gemeinsam viel Zeit verbringen.
Das erzählt Kore-Eda gewohnt feinfühlig und seinen Figuren zugewandt. Trotzdem hatte ich während des Films immer das Gefühl, dass der Gimmick mit den drei Perspektiven überflüssig ist und mehr stört als hilft.
LV: Robert L. Pike (Pseudonym von Robert L. Fish): The mute witness, 1963 (später “Bulitt”)
Lieutenant Bullitt soll einen Mafia-Kronzeugen bewachen. Als dieser umgebracht wird, beginnt Bullitt die Täter zu suchen.
In die Filmgeschichte ging Bullitt wegen seiner arschlangen Autoverfolgungsjagd durch San Francisco ein. An der Kinokasse war der Film besonders wegen der Besetzung erfolgreich: Steve McQueen und Jacqueline Bisset. – Inzwischen hat „Bullitt“ mächtig Patina angesetzt: die Story ist wirklich simpelst, die Kamera von einer unerträglichen Glätte und, seitdem eine Autoverfolgungsjagd zum Inventar eines Polizeifilms (und selbstverständlich eines Action-Films) gehört, ist die „Bullitt“-Verfolgung auch nicht mehr so sensationell.
Das Drehbuch von Alan Trustman und Harry Kleiner erhielt einen Edgar als bestes Spielfilmdrehbuch.
Mit Steve McQueen, Robert Vaughn, Jacqueline Bisset, Don Gordon, Robert Duvall, Simon Oakland
Paul Matthews (Nicolas Cage) ist ein ganz gewöhnlicher, unauffälliger, biederer, glücklich verheirateter Familienvater, studierter Naturwissenschaftler und Collegeprofessor an einer absolut okayen Schule. Nichts an ihm ist außergewöhnlich. Alles ist durchschnittlicher Durchschnitt. Bis eine frühere Freundin in einen Artikel über sein Auftauchen in ihren Träumen schreibt. Danach sagen immer mehr Menschen, die ihn vorher noch nie gesehen haben, dass er seit einiger Zeit auch in ihren Träumen auftaucht. Egal was in den Träumen passiert, er steht einfach nur so da und beobachtet alles teilnahmslos. Das entfaltet bei Katastrophen und ungewöhnlichen, nur in der Fantasie möglichen Ereignissen natürlich eine absurde Komik, die Regisseur Kristoffer Borgli („Sick of Myself“) weidlich ausnutzt. Gleichzeitig schildert er, ebenfalls mit einem Gespür für die komischen und absurden Sollburchstellen, wie sich Pauls Leben verändert. Plötzlich ist er ein weltweites Phänomen. Alle wollen mit ihm reden, ein Selfie machen und Ratschläge erhalten. Eine Agentur möchte ihn gewinnbringend vermarkten.
Alles ist perfekt, bis er beginnt, sich in den Träumen der Menschen anders zu verhalten. Als erstes erzählt ihm die junge Assistentin der Agentur davon. Sie kennt ihn aus ihren Träumen als Sexmonster. In anderen Träumen mordet er. Seine Schüler haben, weil er in ihren Träumen schlimme Dinge tat, plötzlich Angst vor ihm. Sie wollen seine Kurse nicht mehr besuchen. Die Schulleitung möchte die Sorgen und Ängste ihrer Schüler berücksichtigen. Und Paul, der nichts getan hat, ist plötzlich das Opfer in einem kafkaeskem Cancel-Culture-Alptraum.
„Dream Scenario“ ist eine köstliche, wundervoll reduziert und unaufgeregt inszenierte Schwarze Komödie über einen Mann, der berühmt wird, weil er plötzlich in jedem Traum auftaucht. Was am Anfang wie ein absurder Gag wirkt, entwickelt sich zu einem globalen Alptraum. Mit einigen Seitenhieben gegen die Cancel Culture, etwas Mediensatire und einem etwas unbefriedigendem Ende.
Das unbestrittene Highlight in Borglis deprimierend unterhaltsamer Komödie ist Nicolas Cage. Er spielt diesen biederen, absolut durchschnittlichen Collegeprofessor, der plötzlich berühmt wird, sehr überzeugend und sehr reduziert als einen von der Situation überforderten Jedermann, an den sich niemand erinnert und der in einer Menschenmasse nicht auffällt.
Dream Scenario(Dream Scenarion, USA 2023)
Regie: Kristoffer Borgli
Drehbuch: Kristoffer Borgli
mit Nicolas Cage, Julianne Nicholson, Michael Cera, Tim Meadows, Dylan Baker, Dylan Gelula
Vor einigen Monaten zeigte Wim Wenders in „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ die Bibliothek von Anselm Kiefer. Der Künstler hat sie eher minderprächtig in einer riesigen alten Lagerhalle untergebracht.
Jetzt zeigt Davide Ferrario in „Umberto Eco: Eine Bibliothek der Welt“ die Bibliothek von Umberto Eco, die es so nicht mehr gibt. Einerseits weil der am 5. Januar 1932 geborene Umberto Eco am 19. Februar 2016 verstorben ist, andererseits weil seine Familie Anfang 2021 mit dem Kulturministerium eine Vereinbarung unterzeichnete, nach der die über 30.000 zeitgenössischen Werke aus Ecos Bibliothek der Universität von Bologna und die 1.500 antiken und seltenen Bücher nach Mailand an die Biblioteca Braidense übergeben werden sollen. Ecos Bibliothek soll dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Und das geht in einem verwinkelten Mailänder Privathaus nicht.
Umberto Eco war Semiotiker, Medienwissenschaftler, Philosoph, Essayist, in Italien ein bekannter, respektierter, humorvoller Intellektueller und Romanautor. Sein bekanntestes Buch ist „Im Namen der Rose“. Wobei seine nächsten Romane viel besser seien, sagt er in einem Interview, das Ferrario in „Umberto Eco: Eine Bibliothek der Welt“ zeigt. Ferrarios essaystischer Dokumentarfilm beginnt mit einem Blick in Umberto Ecos riesige Bibliothek. Ein Jahr vor seinem Tod bat Ferrario Eco durch die Bibliothek zu gehen und dabei den umständlichsten Weg zu dem entlegensten Buch zu wählen. Eco tat ihm, begleitet von einem Kameramann, den Gefallen.
Ausgehend von dem Gang durch die Bibliothek spannt Ferrario einen Bogen zu Umberto Ecos Schaffen und Denken. In drei Kapiteln und einem Epilog nähert er sich essaystisch und sehr verspielt dem Denker. Immer ist eine Tür für eine andere Interpretation offen oder es handelt sich um gleichzeitig kluge und witzige Beobachtungen. So lehnt Eco E-Books ab, weil er im Text nichts unterstreichen und sich am Textrand keine Notizen machen kann (das Problem sollte inzwischen technisch gelöst sein) und er keine Marmeladenflecken im Buch hinterlassen kann. Den Wert eines Mobiltelefons – er besitzt eines, hat es aber immer ausgeschaltet – sieht er als Notizbuch. Das Internet sieht er, mit gut nachvollziehbaren Argumenten, kritisch. Ergänzt werden Ecos Interviews und öffentliche Auftritte von Schauspielern, die Texte von Eco in einer theaterhaften Performance vortragen. Diese Auftritte inszenierte Ferrario in verschiedenen anderen Bibliotheken. Familienmitglieder erzählen über ihr Leben mit Umberto Eco. Und selbstverstänlich zeigt Ferrario auch die Bücher, die in Ecos Bibliothek stehen. Es sind, wenig überraschend für alle, die Ecos Werk (und seine Romane) kennen, vergessene und obskure Werke,
Das ergibt eine spielerische und kurzweilige Annäherung an Umberto Eco, sein Denken und Werk, in der die eine Ansicht die andere Ansicht nicht ausschließt.
Umberto Eco: Eine Bibliothek der Welt ( Umberto Eco: La biblioteca del mondo, Italien 2022)
Regie: Davide Ferrario
Drehbuch: Davide Ferrario
mit Umberto Eco, Giuseppe Cederna, Niccolò Ferrero, Paolo Giangrasso, Walter Leonardi, Zoe Tavarelli, Mariella Valentini, Bücher