Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Kenneth Branagh ist wieder Hercule Poirot in Agatha Christies „Tod auf dem Nil“

Februar 10, 2022

Als Hercule Poirot in Ägypten vor einer Pyramide meditiert, wird er von einem alten Bekannten gestört. Der bringt den belgischen Privatdetektiv mit der sehr reichen, sehr schönen und überaus jungen Erbin Linnet Ridgeway zusammen. Sie ist, mit ihrer Entourage, unzähligen Koffern und einer Tanzband gerade auf ihrer mondänen Hochzeitsreise. Alles könnte perfekt sein, wenn sie und ihr Mann Simon Doyle nicht von Jacqueline De Bellefort, der vorherigen Freundin ihres Ehemannes, verfolgt würden. De Bellefort machte sie miteinander bekannt. Jetzt ist sie eine vom Hass auf das glückliche Paar zerfressene Stalkerin.

Linnet Ridgeway (bzw. nach der Heirat Doyle) lädt den berühmten Detektiv Poirot ein, sie und ihre Hochzeitsgesellschaft auf den von ihr gemieteten Luxus-Schaufelraddampfer S. S. Karnak zu begleiten. Die Millionenerbin hofft, dass sie so De Bellefort entkommen kann.

Aber kurz darauf ist De Bellefort trotzdem auf dem Dampfer. Etwas später liegt Linnet Ridgeway erschossen in ihrer Kabine im Bett.

Hercule Poirot beginnt den Täter zu suchen. Denn er ist noch auf dem Schiff und er mordet munter weiter; – was natürlich auch eine Methode ist, um die Zahl der Tatverdächtigen zu verkleinern. Denn jeder Schiffspassagier hat ein gutes Mordmotiv.

Angekündigt wurde diese Nilfahrt bereits 2017 am Ende von „Mord im Orientexpress“, dem ersten Auftritt von Kenneth Branagh als Hercule Poirot. Sein zweiter Auftritt sollte bereits im Oktober 2020 im Kino starten. Ein dritter Film ist bereits geplant. Seit dem ursprünglich geplantem Kinostart sorgte die Coronavirus-Pandemie und andere Probleme für mehrere Verschiebungen des Starttermins. Doch jetzt ist es soweit.

Michael Green schrieb wieder das Drehbuch. Kenneth Branagh übernahm wieder die Regie und er spielt wieder Hercule Poirot. Dieses Mal allerdings mit einem deutlich gestutztem Oberlippenbart. In einem vollkommen überflüssigem Prolog wird erzählt, wie er zu seinem Bart kam. Danach soll der Oberlippenbart eine hässliche Kriegsverletzung auf seiner rechten Gesichtshälfte verdecken. Das würde mit diesem Bart allerdings nicht gehen. Und bis jetzt hat wohl kein Poirot-Fan darüber gerätselt, warum Poirot einen Bart hat. Denn der belgische Ermittler hat einfach einen Oberlippenbart. Er hat, wie es damals üblich war, auch keine nennenswerte Vergangenheit, keine ausformulierte Biographie und damit auch kein eindeutig bestimmbares Alter. So hielt Agatha Christie ihn bei seinem ersten Auftritt 1920 schon für eine älteren Mann. 1975 erschien ihre letzte Poirot-Geschichte. Insgesamt ließ sie ihn in 33 Romanen, über fünfzig Kurzgeschichten und zwei Theatestücken ermitteln. Seit 2014 schrieb Sophie Hannah, im Auftrag der Erben von Agatha Christie, vier Poirot-Romane. Für seinen dritten Poirot-Film könnte Branagh also mühelos eine Geschichte verfilmen, die, im Gegensatz zu seinen ersten beiden Poirot-Filmen, noch nicht für das Kino verfilmt wurden.

Das Opfer und die Verdächtigen werden, wie schon in „Mord im Orientexpress“, von bekannten Schauspielern gespielt. Gal Gadot spielt Linnet Ridgeway (bzw. in dem Moment, wegen der Heirat, Doyle), Armie Hammer spielt ihren Mann Simon Doyle und Emma Mackey spielt Jacqueline De Bellefort als Doyles frühere Freundin. Außerdem spielen, in keiner bestimmten Ordnung, Annette Beining, Tom Bateman, Russell Brand, Ali Fazal, Rose Leslie, Jennifr Saunders, Dawn French, Sophie Okonedo und Letitia Wright mit.

Die Pyramiden, das Schiff und die Kostüme sind überaus fotogen. Wobei die meisten Aufnahmen von den Pyramiden, dem Hotel, dem Dampfer und somit Ägypten im Studio entstanden.

Das folgt dem Rezept der bekannten Agatha-Christie-Kinoverfilmungen, in denen viele bekannte Schauspieler an einem fotogenem Ort versammelt werden und jeder Schauspieler irgendwann seinen großen Auftritt als Verdächtiger hat. Das Erzähltempo ist betulich und alles ist beruhigend altmodisch.

In diesem Fall ist auch die Geschichte bekannt. Agatha Christie veröffentlichte den Poirot-Roman „Der Tod auf dem Nil“ 1937. Er wurde seitdem mehrmals verfilmt. Die bekannteste Verfilmung ist John Guillermins Verfilmung von 1978 mit Peter Ustinov als Hercule Poirot. Sie läuft regelmäßig im Fernsehen und sie wurde vor wenigen Tagen wieder im Kino gezeigt.

Genau wie Guillermins Verfilmung ist Branaghs Verfilmung kulinarisches Kino, verschwenderisch in seiner Pracht, schön anzusehen und in Nostalgie badend. Wie der Roman und wie eigentlich alle Rätselkrimis spielt die Geschichte in einer Parallelwelt, in der der Mord als intellektuelles Puzzle betrachtet wird und in dem aktuelle politische Probleme ignoriert werden. So ist in dem Roman nichts vom heraufziehenden Zweiten Weltkrieg zu spüren. Der Kolonialismus ist auch kein Problem. Ägypten ist einfach nur die austauschbare Kulisse. Eine Fototapete eben, vor der weiße, vermögende Engländer sich gegenseitig umbringen. Die Einheimischen kommen höchstens als namenlose Kofferträger vor. Die Tanzband ist im Film eine großzügig gezeigte Jazzband mit zwei schwarzen Sängerinnen. Aber ob der Film 1937 oder dreißig Jahre früher oder später spielt, ist egal.

Somit ist alles angerichtet für einen traditionellen Rätselkrimi.

Allerdings haben Drehbuchautor Michael Green und Branagh erstaunliche Probleme, die Geschichte zu erzählen. „Tod auf dem Nil“ ist, wie gesagt, ein Rätselkrimi mit den entsprechenden Konventionen. So geschieht der Mord ungefähr in der Filmmitte. Bis dahin macht sich jeder der Passagiere hinreichend verdächtig. Und De Bellefort ist von Anfang an schon so verdächtig, dass sie als Mörderin ausscheidet; – wenn das nicht eine von ihr gelegte falsche Spur ist. Nach dem Mord beginnt Poirot mit seinen Ermittlungen, in denen jedes Mitglied der Reisegruppe noch verdächtiger wird. Sie haben selbstverständlich bombenfeste Alibis, die sich wenige Minuten später als Lügengebilde herausstellen. Und am Ende, das normalerweise ungefähr das letzte Viertel bis Drittel der Geschichte einnimmt, versammelt der Detektiv alle in einem Raum und erklärt ihnen nacheinander, welches Motiv jeder von ihnen gehabt hätte, wie er den Mord hätte begehen können und warum er doch nicht der Täter ist. Es werden also mehrere mögliche Tatabläufe präsentiert, ehe am Ende der Täter enttarnt wird.

Diesem Plot folgt Branagh auch. Aber es gelingt ihm nie, Poirots Ermittlungen nachvollziehbar zu gestalten. Dafür bleiben alle Tatverdächtigen und ihre Motive viel zu diffus. Keiner von ihnen wird zu einer erinnerungswürdigen Figur. Die meisten haben noch nicht einmal erinnerungswürdige Auftritte.

Das Finale, die groß angelegte Enttarnung des Bösewichts, ist eine hastig hingeschluderte Enttarnung, die kaum im Gedächtnis bleibt. Dabei sollte sie der mit vielen Wendungen und Einzeilern gestaltete Höhepunkt des Rätselkrimis sein.

So ist „Tod auf dem Nil“, auch in den engen Konventionen des Rätselkrimis betrachtet, ein enttäuschendes und oft langweiliges Werk. Darüber kann der ins Leere laufende Bombast der Inszenierung nicht hinwegtäuschen.

Tod auf dem Nil (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Death on the Nile, 1937 (Der Tod auf dem Nil)

mit Kenneth Branagh, Gal Gadot, Armie Hammer, Rose Leslie, Emma Mackey, Letitia Wright, Annette Bening, Russell Brand, Tom Bateman, Jennifer Saunders, Dawn French, Ali Fazal, Sophie Okonedo

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (zum Kinostart mit neuem Cover – in der Übersetzung von Pieke Biermann liest sich die Geschichte überaus flott mit einem angenehm humorvollem Unterton. So hatte ich den „Tod auf dem Nil“ nicht in Erinnerung.)

Agatha Christíe: Der Tod auf dem Nil – Ein Fall für Poirot

(übersetzt von Pieke Biermann)

Atlantik Verlag, 2022

320 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Death on the Nile

HarperCollins, London 1937

Zahlreiche frühere Übersetzungen und Ausgaben.

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tod auf dem Nil“ (2022)

Metacritic über „Tod auf dem Nil“ (2022)

Rotten Tomatoes über „Tod auf dem Nil“ (2022)

Wikipedia über „Tod auf dem Nil“ (2022) (deutsch, engllisch)

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von John Guillermins Agatha-Christie-Verfilmung “Tod auf dem Nil” (Death on the Nile, Großbritannien 1978)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)


Buch- und Filmkritik: Über Lee Childs „Reacher“, die Serie, die Vorlage „Größenwahn“ und Jack Reachers neuestes Abenteuer „Der Spezialist“

Februar 4, 2022

Ich wurde in Eno’s Diner verhaftet. Um zwölf Uhr. Ich aß gerade Rühreier und trank Kaffee. Kein Mittagessen, ein spätes Frühstück. Ich war durchnässt und müde nach einem langen Marsch im strömenden Regen. Die ganze Strecke vom Highway bis zum Stadtrand.“

So beginnt Lee Childs erster Jack-Reacher-Roman „Größenwahn“. Es war auch sein Romandebüt und, obwohl er von Anfang an auf den Bestsellererfolg hoffte, hätte er sich diesen Erfolg nicht vorstellen können. Seit 1997 veröffentlichte er jedes Jahr einen Jack-Reacher-Roman. 2010 sogar zwei. Bei uns erschien zuletzt „Der Spezialist“, sein 23. Reacher-Roman (dazu später mehr). In England erschien bereits „Blue Moon“, der letzte von ihm allein geschriebene Reacher-Roman.

Seitdem schreibt er zusammen mit seinem Bruder Andrew Grant, der ebenfalls Thriller schreibt, unter dem Pseudonym Andrew Child weitere Reacher-Romane. Langfristig soll Andrew Grant die Serie allein weiterschreiben. – Ach ja: Lee Child ist ein Pseudonym von James Dover Grant.

Größenwahn“ wurde jetzt eine Amazon-Prime-Serie (auch dazu später mehr). Der Blanvalet-Verlag, in dem die Reacher-Romane erscheinen, spendierte dem Roman deswegen ein neues Cover.

In „Größenwahn“ besucht Jack Reacher in Georgia die Kleinstadt Margrave. Dort starb vor Ewigkeiten der von ihm bewunderte Blues-Musiker Blind Blake und Reacher will sich jetzt den Ort einmal ansehen.

Jack Reacher ist ein ehemaliger Militärpolizist. Er ist 1,96 Meter groß, muskulös, superschlau, T-Shirt-Träger und Kaffee-Trinker. Sein ganzes bisheriges Leben verbrachte er im Militär. Geboren wurde er 1960 in Westberlin. Danach wurden seine Eltern von Stützpunkt zu Stützpunkt versetzt. Er wurde Soldat, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und ist jetzt, mit 36 Jahren, zum ersten Mal ohne Verpflichtungen. Seit einem halben Jahr erkundet er das Land, das er im Ausland verteidigte und das er noch nicht kennt.

In Margrave wird ihm vorgeworfen, einen Mann ermordet zu haben. Allerdings hat er ein überzeugendes Alibi. Kurz darauf gesteht der Banker Paul Hubble den Mord. Der ist zwar auch nicht der Täter, aber das interessiert Reacher nicht weiter. Er will, sobald die Polizei sein Alibi überprüft hat, weiterziehen.

Aber dann wird der erste Tote identifiziert und für Reacher wird die Angelegenheit persönlich. Es ist sein zwei Jahre älterer Bruder Joe. Reacher hat ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Inzwischen arbeitet Joe im Finanzministerium. Dort beschäftigt er sich mit der Verfolgung von Geldfälschern.

Reacher will jetzt die Mörder seines Bruders finden und töten. Zusammen mit den örtlichen Polizisten Finlay, dem Chef des Ermittlungsbüros, und Elizabeth Roscoe, ermittelt er in Margrave, schlägt währenddessen einige Männer zusammen und bringt etliche Männer um.

Trotzdem ist dieses Rachemotiv für die Geschichte unerheblich. Es ist letztendlich nur der aus einem Schreibratgeber übernommene Grund, Reacher daran zu hindern, Margrave zu verlassen. Denn im Gegensatz zu den späteren Reacher-Romanen zögert Reacher hier viel länger, bis er sich einmischt und die Bösewichter verfolgt.

Von diesem kleinen Punkt abgesehen steckt Lee Child in „Größenwahn“ bereits den Rahmen ab, in dem die Figur Reacher und die Geschichten sich seitdem bewegen. Es sind Western-Topoi, die in die Gegenwart übertragen werden. Jack Reacher ist der archetypische mythologische Held. Er ist die moderne Ausgabe von ‚mein großer Freund Shane‘. Die Plots folgen, vor allem wenn sie im Hinterland spielen, Western-Geschichten. So gibt es in „Größenwahn“, der immer wieder an einen klassischen Western erinnert, einen bösen Landbesitzer, der die Stadt beherrscht, und einen Durchreisenden, der für Recht und Ordnung sorgt – und anschließend weiterzieht. Je nach den Erfordernissen der Geschichte erzählt Child sie mal in der ersten, mal in der dritten Person. In einigen Reacher-Romanen taucht er in die Militärvergangenheit seines Helden ein und manchmal lässt er ihn in einer Großstadt in Schwierigkeiten geraten.

Außerdem sind alle Reacher-Romane Einzelabenteuer, die unabhängig voneinander gelesen werden können. Er besucht immer wieder verschiedene Orte und es gibt keine von Roman zu Roman wachsende Schar von Freunden und Gehilfen. Auch seine Familie spielt keine Rolle in Reachers Leben. In „Der Spezialist“ erwähnt er im Gespräch zwar seinen Bruder, aber er sagt nie, dass er vor über zwanzig Jahren ermordet wurde oder dass er tot ist. Reacher ist einfach der Wanderer, der für Gerechtigkeit sorgt, keine Bindungen hat, keine Bindungen eingehen will und mit seinem rastlosen Leben rundum zufrieden ist.

In „Der Spezialist“ besucht Reacher in New Hampshire Laconia. Es ist der Ort, den sein Vater Stan Reacher mit siebzehn Jahren verließ und den er seitdem nie wieder besuchte. Das führte auch dazu, dass Reacher seine Großeltern oder andere Verwandte nicht kennt. In Laconia stößt er dann gleich auf ein Problem. Ein Stan Reacher oder eine Familie Reacher wohnte niemals in dem Ort. Erst als Reacher den Suchradius auf die umlegenden Orte, wobei Häuser mit Postanschrift treffender ist, erweitert, entdeckt er den Ort, in dem die Reachers damals lebten.

In dem Moment hat Reacher schon eine Frau gegen einen Vergewaltiger verteidigt und, gleichzeitig, eine in Laconia einflussreiche Unternehmerfamilie verärgert. Der Patriarch will sich dafür an Reacher rächen. Mit der Aufgabe beauftragt er einige Schläger.

In dem Moment weiß Reacher noch nicht, dass ein Mark Reacher (anderer Zweig der Familie) im Wald ein Motel betreibt. Dort gastiert ein junges Pärchen, das aus Kanada kommend auf der Durchreise ist und Probleme mit ihrem Auto hat. Während die beiden Mittzwanziger noch auf den Mechaniker warten, ahnen wir bereits, dass sie das Motel niemals wieder verlassen werden. Immmerhin erinnert das Motel sofort an das „Psycho“-Motel und „Der Spezialist“ ist ein Thriller. Was Mark und seine Freunde mit Patty Sundstrom und Shorty Fleck vorhaben, verrät Lee Child erst ziemlich spät; genaugenommen am Ende des dritten Viertel des Romans. Trotzdem können wir uns denken, welches Spiel mit ihnen gespielt werden soll und wie Reacher als nicht eingeladener Teilnehmer den geplanten Spielablauf durcheinanderbringt.

Der Spezialist“ ist ein durchwachsener Thriller. Einerseits entwickelt die Geschichte sich ziemlich überraschungsfrei und sie ist so kontruiert, dass Reacher im letzten Viertel des Romans zufällig in Marks Spiel stolpert. Bis dahin hat er keine Ahnung davon. Andererseits wechselt Child spannungssteigernd zwischen den beiden Erzählsträngen, auf jeder Seite passiert etwas und die Lesezeit vergeht flott. Letztendlich ist „Der Spezialist“ ein guter Thriller, aber er gehört nicht zu den besten Reacher-Thrillern, – von denen bereits zwei zu Spielfilmen wurden.

2012 und 2016 spielte Tom Cruise in „Jack Reacher“ und „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ sehr überzeugend Jack Reacher. Die Fans der Romane meckerten allerdings von Anfang an über Cruises Körpergröße. Cruise ist 1,7 Meter. Reacher ist in den Büchern 1,96 Meter und damit ein Riese. Aus Sicht der Fans kann Reacher daher auch nur von einem Riesen gespielt werden; was natürlich Unfug ist. Trotzdem wurde der immer wieder lautstark vorgetragene Wunsch der Fans erhört. Für die Amazon-Prime-Serie „Reacher“, die seit dem 4. Februar 2022 online ist, wurde Alan Ritchson engagiert. Er ist 1,88 Meter groß und er hat viele, also wirklich viele Muskeln. Viel mehr spricht nicht für ihn als Jack Reacher.

Das war meine Meinung vor dem Ansehen der Serie und ist meine Meinung nach dem Ansehen der Serie.

Ironischerweise versuchen die Regisseure in der Streamingserie immer wieder, Reacher kleiner erscheinen zu lassen. Selten überragt Ritchson die anderen Schauspieler um ein, zwei Köpfe. Seine Gegner in den zahlreichen Faustkämpfen sind alle groß und muskulös. Das macht die Kämpfe auf den ersten Blick etwas weniger ungleich. Trotzdem werden hier immer wieder renitente Kleinstadtjugendliche oder Häftlinge von einem Mann zusammengeschlagen, der so groß ist, dass allein schon seine Körpergröße jede Schlägerei verhindern sollte.

Die erste, aus acht, jeweils um die fünfzig Minuten langen Episoden bestehende Staffel basiert auf dem ersten Reacher-Roman „Größenwahn“. Für die Streamingserie wurde die Handlung aus den Neunzigern in die Gegenwart verlegt. Es wird mit Smartphones telefoniert. Und Reacher, der eigentlich ein begnadeter Schweiger und Denker ist, muss viel reden.

Ansonsten folgt Showrunner Nick Santora mit wechselnden Episodenautoren und Regisseuren sehr genau, fast schon sklavisch dem Roman. Zu den größeren Änderungen gehören, dass in der Serie, im Gegensatz zum Roman, der eine Ich-Erzählung ist, auch Ereignisse gezeigt werden, bei denen Reacher nicht dabei ist. Im Buch erfährt er später davon. Es gibt mehrere Rückblenden in Reachers Vergangenheit und Jugend, die es so im Roman nicht gibt. Und Frances Neagley, die im Buch überhaupt nicht auftaucht, hat eine wichtige Rolle. Sie arbeitete mit Reacher während seiner Militärzeit zusammen und hilft ihm jetzt wieder. Wahrscheinlich wird sie in künftigen Staffeln als wiederkehrende Figur immer wieder dabei sein.

Die gut vierhundert Minuten der absolut okayen, niemals irgendwie außergewöhnlichen Streamingserie vergehen flott. Schließlich gibt es in jeder Folge einige neue Ermittlungserfolge, Schlägereien und Tote. Teils verüben die Bösewichter die Morde. Teils verübt Reacher sie. Ebenfalls ohne erkennbare Skrupel. Und das explosive Finale ist mit seinen zahlreichen Kampfszenen ziemlich lang geraten. Gleichzeitig ist immer deutlich, dass die Serie als in sich abgeschlossene Geschichte für den kleinen Bildschirm geschrieben und inszeniert wurde.

Reacher blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Dann marschierte er in diesselbe Richtung los. Die Sonne schien ihm in die Augen. Er erreichte die von Norden nach Süden führende Nebenstraße, suchte sich eine gute Stelle auf dem Bankett und reckte einen Daumen in die Höhe.“

(die letzten Zeilen von „Der Spezialist“)

Lee Child: Der Spezialist

(übersetzt von Wulf Bergner)

Blanvalet, 2021

448 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Past Tense (Reacher 23)

Bantam Press, London 2018

Lee Child: Größenwahn

(übersetzt von Marie Rahn)

Blanvalet, 2022 (Filmausgabe)

544 Seiten

11,00 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 1998

anschließend bei Blanvalet mehrere Ausgaben

Originalausgabe

Killing Floor

Bantam Press, London 1997

Amazon-Prime-Video-Serie

 

Reacher (Reacher, USA 2022)

Regie: Norberto Barba, M.J. Bassett, Sam Hill, Omar Madha, Christine Moore, Lin Oeding, Stephen Surjik, Thomas Vincent

Drehbuch: Cait Duffy, Aadrita Mukerji, Scott Sullivan, Nick Santora

LV: Lee Child: Killing Floor, 1997 (Größenwahn)

mit Alan Ritchson, Malcolm Goodwin, Willa Fitzgerald, Hugh Thompson, Chris Webster, Bruce McGill, Maxwell Jenkins, Gavin White, Maria Sten, Kristin Kreuk, Marc Bendavid, Patrick Garrow, Lee Child (Cameo)

Länge: ~ 390 Minuten (8 Episoden)

FSK: ab 16 Jahre (Amazon-Freigabe ist ab 18 Jahre; in jedem Fall gibt es nackte Haut, Sex und Gewalt; wie in den Romanen)

Hinweise

Amazon über „Reacher“

Moviepilot über „Reacher“

Metacritic über „Reacher“

Rotten Tomatoes über „Reacher“

Wikipedia über „Reacher“ (Amazon-Prime-Serie), Jack Reacher (deutsch, englisch) und Lee Child (deutsch, englisch)

Homepage von Lee Child

Meine Besprechung von Lee Childs „Tödliche Absicht“ (Without fail, 2002)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Abschussliste“ (The Enemy, 2004)

Meine Besprechung von Lee Childs „Sniper“ (One Shot, 2005)

Meine Besprechung von Lee Childs “Outlaw” (Nothing to Loose, 2008)

Meine Besprechung von Lee Childs „Die Gejagten“ (Never go back, 2013)

Meine Besprechung von Lee Childs „Der Ermittler – Ein Jack-Reacher-Roman“ (Night School (21 Reacher), 2016)

Meine Besprechung von Lee Childs „Der Held“ (The Hero, 2019)

Meine Besprechung von Lee Childs (Herausgeber) „Killer Year – Stories to die for…from the hottest new crime writers“ (2008)

Meine Besprechung von Christopher McQuarries „Jack Reacher“ (Jack Reacher, USA 2012)

Meine Besprechung von Edward Zwicks „Jack Reacher: Kein Weg zurück“ (Jack Reacher: Never go back, USA 2016)

Kriminalakte über Lee Child und „Jack Reacher“


„Unerschrocken“ porträtiert Pénélope Bagieu außergewöhnliche Frauen

Januar 31, 2022

Zuerst erschienen Pénélope Bagieus Frauenporträts in zwei Einzelbänden. Jetzt in der über dreihundert Seiten dicken Gesamtausgabe haben die dreißig Porträts schon etwas lexikalisches. Bagieu verdichtet die Leben der von ihr porträtierten Frauen äußerst gelungen in knappen Texten und betont einfachen Zeichnungen. Sie stellt, immer auf wenigen Seiten, Frauen vor, die für ihre Ziele kämpften. Mal kleinere, mal größere. Mal sind sie bekannter, mal unbekannter und, wenn sie bekannt waren, oft vergessen.

In „Unerschrocken“ erzählt Bagieu vom Leben, den Taten und dem Wirken von Clémentine Delait (Dame mit Bart), Nzinga (Königin von Ndongo und Matamba), Margaret Hamilton (Schauspielerin zum Fürchten), Las Mariposas (Rebellische Schwestern), Josephina van Gorkum (Verliebter Sturkopf), Lozen (Kriegerin und Schamanin), Annette Kellerman (Meerjungfrau), Delia Akeley (Entdeckerin), Josephine Baker (Tänzerin, Widerstandskämpferin, Mutter), Tove Jansson (Malerin und Herrin der Trolle), Agnodike (Gynäkologin), Leymah Gbowee (Sozialarbeiterin), Giorgina Reid (Leuchtturmretterin), Christine Jorgensen (Transsexuelle Berühmtheit), Wu Zetian (Kaiserin), Temple Grandin (Tierdolmetscherin), Sonita Alizadeh (Rapperin), Cheryl Bridges (Langstreckenläuferin), Thérèse Clerc (Realistische Utopistin), Betty Davis (Sängerin und Songwriterin), Nellie Bly (Journalistin), Phoolan Devi (Banditenkönigin), The Shaggs (Rockstars), Katia Krafft (Vulkanologin), Jesselyn Radack (Anwältin), Hedy Lamarr (Schaupielerin und Erfinderin), Naziq al-Abid (Aktivistin aus gutem Hause), Frances Glessner Lee (Puppenstubenforensikerin), Mae Jemison (Astronautin) und Peggy Guggenheim (Kunstsammlerin).

Nach der Lektüre der dreißig äußerst dichten Porträts von bekannten und unbekannteren Frauen ist offensichtlich, dass Frauen alles können, außer kochen.

Alle diese Frauen, die auf verschiedenen Kontintenten und zu verschiedenen Zeiten leben, verwirklichen ihre Träume. Sie wollen so leben, wie sie es sich vorstellen. Für dieses eigenständige Leben, ihre Ideen, Wünsche und Ziele verstoßen sie gegen Konventionen, überwinden Grenzen und Rollenzuschreibungen. Sie kämpfen gegen die von Männern für Männer aufgestellten Regeln, die der Erfüllung ihrer Ziele im Weg stehen. Und so erzählt Bagieu auch von den Regeln der Gesellschaften, in denen ihre unerschrockenen Frauen leben und wie in ihnen die Unterdrückung von Frauen gerechtfertigt und legitimiert wird.

Bagieu erzählt pointiert und mit viel Witz von ihren erfolgreichen Kämpfen und ihrem Leben. So können sie anderen Frauen und Mädchen als Vorbild dienen und Mut machen. Sie sind das Zielpublikum von Bagieus Porträts.

Pénélope Bagieu: Unerschrocken – Dreißig Porträts außergewöhnlicher Frauen

(übersetzt von Claudia Sandberg und Heike Drescher)

Reprodukt, 2021

312 Seiten

39 Euro

Originalausgabe

Culottées 1 + 2

Gallimard, 2020

Hinweise

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „California dreamin‘“ (California dreamin‘, 2019)

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „Hexen hexen“ (Sacrées sorcières, 2020)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: William Lindsay Gresham und Guillermo del Toro schicken uns in die „Nightmare Alley“

Januar 21, 2022

Nur ein Narr wird bei dem Titel „Nightmare Alley“ ein Disney-Märchen erwarten. William Lindsay Greshams 1946 erschienener Roman ist ein Noir, der jetzt von Guillermo del Toro verfilmt wurde. Es ist die zweite Verfilmung. Die erste, mit Tyrone Power in der Hauptrolle, ist von 1947. Regie führte Edmund Goulding, Jules Furthman („Geächtet“, „Haben und Nichthaben“. „Tote schlafen fest“ und „Rio Bravo“) schrieb das Drehbuch und der deutsche Titel ist „Der Scharlatan“.

Dabei hat Stanton Carlisle, der titelgebende Scharlatan, der in der neuesten Version von Bradley Cooper gespielt wird, durchaus Talente. Er entdeckt sie bei einem kleinen Wanderzirkus. Dort trifft er auf Zeena (Toni Collette) und Pete Krumbein (David Strathairn), die eine Wahrsage-Show haben. Sie ist eine Mischung aus Betrug und praktisch angewandter Menschenkenntnis. Denn die Wünsche und Ängste der verschiedenen Menschen unterscheiden sich kaum. Nach Petes Tod wird Stanton Zeenas Partner.

Später verlässt Stanton mit der Zirkusartistin Molly Cahill (Rooney Mara) den Zirkus. Zum Abschied legt Zeena ihm die Tarotkarten. Er ist der Gehängte – und das ist keine gute Karte.

Jahre später hat er als „Der große Stanton“ in noblen Establishments eine Wahrsage-Show als umjubelter Mentalist. Bei einem seiner Auftritte trift er auf Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett). Sie wird die dritte wichtige Frau in seinem Leben und sie ist die erste Frau, die ebenso zielgerichtet wie er Menschen manipuliert. Die Psychoanalytikerin schlägt ihm eine Zusammenarbeit vor. Ihre Kundschaft ist vermögend. Sie können also Informationen, die sie während ihrer Analysesitzungen aus deren Leben erfährt, gewinnbringend in Stantons Gedankenleser-Shows einbauen. Zuerst erzählt er seinen nichtsahnenden Kunden Details aus deren Leben, die er unmöglich wissen kann. Danach zieht er ihnen das Geld aus den gut gefüllten Taschen.

Ihr erstes Opfer soll Ezra Grindle (Richard Jenkins) sein. Der stinkreiche und überaus misstrauische Industriemagnat fühlt sich immer noch schuldig für den schon Jahrzehnte zurückliegenden Tod seiner großen Liebe.

Die Geschichte von Stanton Carlisle wird gemeinhin als düstere Versionen vom amerikanischen Traum beschrieben. Es geht um das Streben nach Geld und Ruhm und wie real dieses „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Versprechen ist. Damit dürfte klar sein, wo Stans Geschichte endet; auch wenn einige über das deprimierend bittere Ende erstaunt sein werden. Der Roman und die erste Verfilmung sind kleinere Noir-Klassiker, die bei uns fast unbekannt sind. „Der Scharlatan“ hatte 1954 seinen deutschen Kinostart. Die erste deutsche Überetzung des Romans erschien 2019.

In der aktuellen Heyne-Hardcore-Ausgabe hat der Roman über fünfhundert Seiten. Damit ist er deutlich umfangreicher als ein normaler Noir- oder Pulp-Roman, der oft keine zweihundert Seiten benötigt, um seine Geschichte zu erzählen. Dafür gibt Gresham vor allem im ersten Drittel des Romans einen fundierten, für die Hauptgeschichte eher nebensächlichen, aber höchst kurzweiligen Einblick in das Leben eines Wanderzirkusses und mit welchen Tricks den ahnungslosen Kunden das Geld aus der Tasche gezogen wird.

Es ist allerdings auch ein sich über viele Jahre, die zu Jahrzehnten werden, erstreckender Roman, der teilweise mit großen Zeitsprüngen erzählt wird. Das führt zu einer episodischen Struktur, die auf Erklärungen und klare Ursache-Wirkungs-Mechanismen verzichtet. Stantons Auf- und Abstieg erscheint dabei, trotz einiger Hinweise, die in den verschiedenen Versionen leicht unterschiedlich gewichtet und so auch deutlicher herausgearbeitet werden, weniger in seiner Person angelegt, als dem Willen des Autors zu gehorchen.

Schließlich steht Stantons Ende von Anfang an fest. Er ist, wie Zeena ihm aus den Tarotkarten liest, der Gehängte. Er ist am Ende wieder am Anfang. Stanton ist am Ende sogar in einer schlechteren Lage als am Anfang der Geschichte. Sein schlimmster Alptraum wird wahr. Insofern ist der letzte Satz von del Toros Version grandios. Es ist ein Satz, auf den Gresham verzichtete.

Guillermo del Toro übernimmt, bis auf einige kleine Änderungen, Greshams Geschichte. Es sind hier und da Kürzungen. So tritt Stanton im Roman auch als Geistlicher und Oberhaupt der von ihm gegründeten Kirche der Himmlischen Botschaft auf. Einige Handlungsorte wurden verändert. Dadurch wird die Geschichte filmischer und es gibt in den Momenten auch Anspielungen auf andere Filme.

Über hundertfünfzig Minuten benötigt del Toro dann, um Stantons Geschichte zu erzählen. Er erzählt sie extrem langsam und mit großem pathetischem Ernst; als habe er einen bedeutungsschweren Roman der Hochkultur verfilmt.

Dabei hätte „Nightmare Alley“ von einer kürzeren Laufzeit von unter zwei Stunden, einem eindeutigerem thematischen Fokus und einer damit verbundenen Zuspitzung profitiert, gerne mit mehr Pulp-Gestus und Schwarzem Humor.

Auch die Hauptfiguren Stanton, Lilith Ritter und Molly bleiben blass. Zu sehr müssen sie den Vorgaben der Geschichte gehorchen.

Vor allem Stanton bleibt erstaunlich blass als Scharlatan, der mit seiner Menschenkenntnis und seinen Tricks die Menschen begeistern kann. Ihm fehlt die Faszination des Bösen. Entsprechend unbeteiligt verfolgen wir seine Taten. Seinen Aufstieg vom Wanderzirkus zum Wahrsager und die Probleme, die er dabei hatte, sehen wir nicht. So fehlen – in jeder Version der Geschichte – die Jahre zwischen seinem Abschied aus dem Zirkus und seinem Auftritt im mondänen Nachtclub „Club Copacabana“. Gleichzeitig, wenn später der ihm von Zeena in den Tarotkarten prophezeite und überaus rasante Abstieg beginnt, bedauert man ihn nicht. Auch hier fehlen wieder wichtige Zwischenstationen. Stattdessen ist er in einem Moment „top of the world“ und im nächsten ein in der Gosse liegender Obdachloser. Unklar bleibt, wie es dazu kommt. Als Zuschauer können wir einige Vermutungen anstellen. Gelungen ist in dieser Beziehung Gouldings Version, die von Anfang an auf die verheerende Wirkung des Alkohols hinweist und Stantons Abstieg mit seiner Trunksucht erklärt.

Guillermo del Toro hat viel zu viel Respekt vor der Vorlage, die er nur edel bebildert. Seine „Nightmare Alley“ ist zu sehr von ihrer eigenen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit überzeugt, um wirklich zu begeistern.

Nightmare Alley (Nightmare Alley, USA 2021)

Regie: Guillermo del Toro

Drehbuch: Guillermo del Toro, Kim Morgan

LV: William Lindsay Gresham: Nightmare Alley, 1946 (Nightmare Alley)

mit Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Richard Jenkins, Rooney Mara, Ron Perlman, Mary Steenburgen, David Strathairn, Jim Beaver, Tim Blake Nelson

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Willliam Lindsay Gresham: Nightmare Alley

(übersetzt von Christian Veit Eschenfelder und Anja Heidböhmer)

Heyne, 2021

512 Seiten

12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Festa Verlag, 2019

Originalausgabe

Nightmare Alley

Rinehart & Company, New York, 1946

Hinweise

Moviepilot über „Nightmare Alley“

Metacritic über „Nightmare Alley“

Rotten Tomatoes über „Nightmare Alley“

Wikipedia über „Nightmare Alley“ (deutsch, englisch) und die Vorlage

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Crimson Peak“ (Crimson Peak, USA 2015)

Meine Besprechung von Guillermo del Toros „The Shape of Water – Das Flüstern des Waters“ (The Shape of Water, USA 2017)

Meine Besprechung von Guillermo del Toro/Daniel Kraus‘ „The Shape of Water“ (The Shape of Water, 2018) (Roman zum Film)

Meine Besprechung von Guilermo del Toro/Chuck Hogans „Die Schatten – Die Blackwood-Aufzeichnungen 1“ (The Hollow Ones, 2020)


Über Eric Reds Thriller „White Knuckle – Blutiger Highway“

Januar 20, 2022

Sharon Ormsby ist eine junge FBI-Agentin, die sich im Einsatz bei einem großen Fall beweisen möchte. Am Ende ihrer Ausbildung ist sie zuerst einmal einer kleinen Einheit zugeteilt worden, die sich mit Highway-Serienkillern beschäftigt. Diese Killer bewegen sich ständig über Staatsgrenzen hinweg, bringen in verschiedenen Staaten Menschen um und laden ihre Opfer in andere Staaten ab. Bislang werden sie nicht verfolgt, weil die lokalen Behörden diese Fälle und Daten in keine Datenbank eintragen, die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Fällen finden könnte.

Bei ihrer Arbeit stößt Ormsby auf mehrere ähnliche Taten. Letztendlich glaubt sie, dass entlang der Highways ein Täter seit den achtziger Jahren Frauen ermordet. Nach ihreren Recherchen hat er mindestens fünfzig Frauen getötet und er wird weiter morden.

Um an dieses Phantom ranzukommen, begibt Ormsby sich auf einen Undercover-Einsatz als Beifahrerin des Truckers Rudy Dykstra.

White Knuckle – Blutiger Highway“ ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Eric Red. Bekannt ist er für seine Drehbücher zu „Hitcher, der Highway Killer“, „Near Dark“ und „Blue Steel“. Vier seiner Drehbücher – „Hitman – In der Gewalt der Entführer“ (Cohen and Tate), „Body Parts“, „Bad Moon“ und „100 Feet“ – verfilmte er selbst für das Kino.

Seine nächste Regiearbeit wird „White Knuckle“ sein. Gina Carano übernimmt die Hauptrolle und die Dreharbeiten sollen demnächst beginnen.

Bis dahin – und bis der Film zu uns kommt – ist noch genug Zeit, um die spannende Vorlage zu lesen, die sich immer so liest, als hätte Red diese Verfilmung seines Actionthriller von Anfang an geplant. Spannungssteigernd wechselt er zwischen verschiedenen Erzählsträngen und er verleiht den einzelnen Figuren gerade genug Tiefe, um sie glaubwürdig erscheinen zu lassen, ohne dass sie der Geschichte im Weg stehen. Schließlich geht es hier um die Jagd nach einem Mörder. Diese erzählt Red zügig bis zur finalen Konfrontation zwischen Ormsby, Dykstra und White Knuckle (so sein CB-Rufname) in den Bergen von Wyoming.

Natürlich ist die Prämisse ziemlich unglaubwürdig. Denn die Chance, dass Ormsby bei ihren Fahrten durch die USA zufällig über den unbekannten Mörder stolpert, ist noch nicht einmal verschwindend gering. Ähnlich unwahrscheinlich ist es, dass ein Trucker ihr etwas über ihren Serienmörder verrät. Denn niemand weiß von ihm.

Außerdem müssen wir akzeptieren, dass 2015 eines von White Knuckles Opfern sich mit ihrem Handy aus seinem Truck melden kann, die Polizei aber keine GPS-Ortung durchzuführen kann. Warum das so ist, erklärt Red nicht. Aber wenn diese Ortung möglich gewesen wäre, hätte Red diesen Roman nicht schreiben können.

Eric Red: White Knuckle – Blutiger Highway

(übersetzt von Michael Krug)

Savage Types, 2020

304 Seiten

17,77 Euro

Originalausgabe

White Knuckle

Samhain Publishing, 2015

Hinweise

Savage Types über den Roman

Homepage von Eric Red

Wikipedia über Eric Red (deutsch, englisch)

The Big Thrill stellt Eric Red einige Fragen zum Roman


„Domino auf Abwegen“ in einem „Marvel: Heldinnen“-Roman von Tristan Palmgren

Januar 17, 2022

Sie gehörte zur X-Force und trat in den vergangenen dreißig Jahren in einigen Marvel-Comics auf, aber wirklich bekannt wurde ‚Domino‘ Neena Thurman durch ihren Auftritt in dem Film „Deadpool 2“. Dort stritt sie sich mit Deadpool, ob Glück eine Superheldenkraft sei. Mit dieser Fähigkeit kann sie potentiell tödliche Situationen unverletzt überleben.

Und davon gibt es einige in „Domino auf Abwegen“. Rebecca Munoz bittet die als Söldnerin arbeitende Domino, ihre beiden erwachsenen Kinder Rose und Joseph aus den Händen einer Sekte zu befreien. Sie hat Angst, dass sie andere Menschen verletzten werden. Und diese Angst ist berechtigt. Der psychopathische und paranoide Sektenführer Dallas Bader Pearson, der eine eigene erfolgreiche Radiosendung hatte, einflussreicher Stadtrat war und jetzt das unumstrittene Oberhaupt einer größeren religiösen Gemeinschaft ist, plant einen Weltuntergang, bei dem es auch einige Opfer geben wird. Seine Zentrale ist ein gut gesichertes Anwesen in Chicago. Dort lebt er mit seinen Jüngern.

Zusammen mit einigen Freundinnen, von denen Black Widow die bekannteste ist, startet Domino eine Befreiungsaktion, die schnell aus dem Ruder läuft. Denn sie haben nicht damit gerechnet, wie skrupellos Pearson ist.

Tristan Palmgren konzentriert sich in seinem Roman allerdings nicht auf diese Befreiungsaktion. Er erzählt auch ausführlich von Dominos Vergangenheit als Teenager bei Pater Boschelli in Chicago in der Sacred-Heart-Kirche. An ihre Jahre davor kann sie sich während ihrer Zeit in der Kirche nicht erinnern.

Einige Jahre später fährt sie mit Jonathan Shepherd nach Florida. Auf dem Weg zu einer geheimen militärischen Einrichtung in den Everglades wird Shepherd ermordet. Sie kann nur dank eines glücklichen Zufalls entkommen und die Anlage, in der geheime Experimente stattfanden, finden. In dem riesigen unterirdisch liegendem Labyrinth von Gängen trifft sie auf ihre Vergangenheit, ihren Bruder und ihre Mutter.

Der Roman liest sich flott. Allerdings führt die Konstruktion dazu, dass der in der Gegenwart spielende Plot und die Beziehungen der Figuren untereinander arg kurz geraten. Über Dominos aus anderen Marvel-Geschichten bekannten Freundinnen erfahren wir fast nichts und die Befreiung der Zwillinge ist eine Rein-Raus-Aktion, bei der die gesamte Action auf Pearsns Anwesen stattfindet. Es ist eine Menge Action mit einigen überraschenden Wendungen, aber es fehlt andererseits eine sich über mehrere Konfrontationen entwickelnde Steigerung.

Domino auf Abwegen“ gehört zu den ersten Romanen, die Marvel zusammen mit Aconyte Books seit Herbst 2020 herausgibt. In ihnen werden neue Geschichten mit bekannten Marvel-Figuren erzählt. Die Kooperation startete mit vier Serien: „Legenden von Asgard“ (Legends of Asgard), „Heldinnen“ (Marvel Heroines), „Xaviers Institut“ (Xavier’s Institute) und „Marvel Untold“. In Deutschland erscheinen die Romane bei Cross-Cult.

Inzwischen hat Palmgren, allerdings mit anderen Hauptfiguren, weitere Romane für diese Reihe geschrieben. Dabei könnte Domino durchaus noch einige weitere gefährliche Abenteuer erleben. Das Potential hat sie.

Tristan Palmgren: Domino auf Abwegen (Marvel: Heldinnen)

(übersetzt von Stephanie Pannen)

Cross Cult, 2021

336 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Domino: Strays

Aconyte Books, 2020

Hinweise

Homepage von Tristan Palmgren

Marvel über Domino

Wikipedia über Domino


Frank Göhre schreibt über Hamburg, „Die Stadt, das Geld und der Tod“

Januar 12, 2022

Das hat jetzt länger gedauert, als ursprünglich geplant. Und zwar weil ich Frank Göhres neuen Roman „Die Stadt, das Geld und der Tod“ in einem Rutsch lesen wollte. Immerhin ist es mit hundertsechzig Seiten kein sonderlich dickes Buch und da sollte die Lektüre doch an einem ruhigen Tag mühelos gelingen. Also verschob ich die Lektüre von einem meiner Lieblingsautoren immer wieder. Mal las ich gerade ein anderes Buch, mal musste ich etwas erledigen, mal hätte ich es nur in kleinen Abschnitten (zehn Seiten beim Frühstück, drei Seiten in der U-Bahn, umsteigen, vier Seiten in der S-Bahn,…) lesen können.

Aber jetzt habe ich endlich die nötige ungestörte Lesezeit gefunden. Und, um jetzt die offensichtliche Frage gleich zu beantworten: ja, das Warten hat sich gelohnt. Es ist ein guter Noir.

Die Geschichte beginnt mit dem Tod des sechzehnjährigen David Wójcik und der Entlassung von seinem neununddreißigjährigem Vater Ivo Jasari. Der gebürtige Rumäne saß wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge im Zusammenhang mit dem Schmuggel von Luxusartikeln über fünf Jahre in Haft. Ivo kehrt schnell in sein altes Leben als Partner von Nicolai Radu zurück. Sie verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Nicolai und er eroberten in den Neunzigern, mehr oder weniger legal, den Kiez. Nicolai kaufte Immobilien, ging eine Beziehung mit der Tochter eines angesehenen Kaffeeimporteurs ein und wurde so ein ehrenwerter Geschäftsmann, dem man nie etwas Illegales nachweisen konnte. Aber es gab immer Gerüchte, der Radu-Clan bilde den Kopf der Organisierten Kriminalität in Hamburg.

Ivo will zwar auch wissen, warum sein Sohn David an einer größeren Dosis Amphetaminen starb und wer dafür verantwortlich ist, aber allzu engagiert hört er sich nicht um.

Auch Frank Göhre interessiert sich kaum für diese potentielle Rachegeschichte. Er interessiert sich viel mehr dafür, wie zu Beginn dieses Jahrhunderts das Organisierte Verbrechen in Hamburg agierte. Es ist nicht mehr das Organisierte Verbrechen der alten Kiezkönige, die er ab den Achtzigern in seinen Kiez-Romanen beschrieb.

Jetzt sind es Auswanderer aus Rumänien. In den achtziger und neunziger Jahren waren sie Kleinkriminelle. Sie betrieben Diskotheken und Clubs, kauften Immobilien. Einige Jahre später, in den Nullerjahren, sind sie mittelalte Männer, die immer noch mit dem kriminellen Milieu und ihrer vermutlich kriminellen Vergangenheit (es gab Gerüchte, aber keine Gerichtsurteile) assoziiert werden, aber legalen Geschäften nachgehen. Mehr oder weniger.

Göhre beschäftigt sich in „Die Stadt, das Geld und der Tod“, dem neuesten Teil seiner Hamburger Sittengeschichte, wieder einmal, mit den Verbindungen zwischen Verbrechen, Wirtschaft und Politik und den damit verbundenen fließenden Grenzen zwischen legalen, halblegalen und schlichtweg illegalen Geschäften.

Der von Göhre gewählte Titel „Die Stadt, das Geld und der Tod“ ist selbstverständlich eine Anspielung auf Rainer Werner Fassbinders sehr umstrittenes Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“.

Frank Göhre: Die Stadt, das Geld und der Tod

Culturbooks, 2021

168 Seiten

15 Euro

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Frank Göhre

Wikipedia über Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Die Kiez-Trilogie” (2011)

Meine Besprechung von Frank Göhres „I and I – Stories und Reportagen“ (2012)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Geile Meile” (2013)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Gut leben – früh sterben: Stories von unterwegs“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Du fährst nach Hamburg, ich schwör’s dir – Ein Heimatfilm“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Die Härte, der Reichtum und die Weite – Ein Heimatfilm, Teil II“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhre/Alf Mayers „King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“ (2019)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Verdammte Liebe Amsterdam“ (2020) (ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2020 und dem Stuttgarter Krimipreis 2021)

Frank Göhre in der Kriminalakte

 


In der Box: die vier Berlin-Krimis von Pieke Biermann

Januar 3, 2022

Das ist ein Schatz der deutschen Krimi-Geschichte, den der Argument-Verlag hier gehoben hat. Denn so etwas wie kontinuierliche Klassikerpflege gibt es in der notorisch geschichtsvergessenen deutschen Krimi-Geschichte nicht. Wer kennt heute noch Hansjörg Martin, Friedhelm Werremeier und seine Trimmel-Romane (ja, „Taxi nach Leipzig“), den Sozio- und den Frauenkrimi?

Da ist Pieke Biermann mit ihren vier Berlin-Krimis eine wichtige Stimme. Wobei sie, wenn ich mir aktuell tätige Krimiautorinnen ansehe, letztendlich mehr Solitär und weniger Vorbild und Vorreiterin für andere Autorinnen ist.

Sie ist auch die einzige Frau, die Thomas Wörtche 2006 in seiner im Bücher Spezial veröffentlichten Liste der „10 deutschsprachige Classics von Glauser bis Steinfest“ aufgenommen hat. Er schreibt über Pieke Biermann: Sie „führte die Realität der Polizeiarbeit u. a. vermittels des Personals ihres Kommissariats in die deutschsprachige Kriminalliteratur ein und die exakten sozialen Realitäten von Berlin, einschließlich Huren als stolze Hauptfiguren. Sie mobilisierte virtuos sämtliche Verfahren der Moderne: Polyphonie, Rollenprosa, Montage, radikale Komisierung etc., Verzicht auf ‚Erklärungen‘ und epische Breite, öffnete damit die Feuilletons für deutsche Kriminalliteratur, machte sie international sichtbar und erreichte gleichzeitig ein breites Publikum.“

Uff, was kann gegen so viel überschwängliches Lob gesagt werden?

Vielleicht einige nüchterne Fakten.

Potsdamer Ableben“, „Violetta“, „Herzrasen“ und „Vier, fünf, sechs“ erschienen zwischen 1987 und 1997 im Rotbuch und, der vierte Roman, im Goldmann Verlag. Sie zeigen Berlin unmittelbar vor und nach dem Mauerfall. Es sind die Jahre, bevor Berlin wieder zum Regierungssitz wurde.

Damit sind die vier Krimis dann auch die Chronik eines heute vergangenen Westberlins, der damaligen Szenen, Befindlichkeiten und Klüngel.

Pieke Biermann war damals, also vor der Veröffentlichung von „Potsdamer Ableben“ als Aktivistin der Frauenbewegung und ‚Frontfrau‘ der Hurenbewegung bekannt. Heute ist sie auch als Journalistin und Übersetzerin bekannt. Sie übersetzte unter anderem Werke von Agatha Christie, Liza Cody, Dorothy Parker und Walter Mosley.

In ihrem Krimidebüt „Potsdamer Ableben“ stirbt bei der Präsentation der Band „Richard Röhm und die Kerle“ (das war noch vor Rammstein und der Neuen Deutschen Härte, aber die Krupps und Laibach traten schon auf) die großmäulige Radiomoderation Beatrice Bitterlich am Buffet. Kriminalhauptkommissarin Karin Lietze beginnt mit ihrem Team zu ermitteln. Oder besser gesagt ’stochert herum‘.

In „Violetta“ müssen Lietze und ihr Team im Sommer 1989 (und damit vor dem Fall der Mauer) in zwei Mordserien ermitteln. In der einen werden Prostituierte ermordet. Der Täter schreibt ihnen in Sütterlin den Anfangsbuchstaben ihrer Nationalität auf die Stirn. In der anderen werden junge Männer nach dem Geschlechtsverkehr getötet.

In „Herzrasen“ ist die Mauer gefallen und Berlin eine wiedervereinigte Stadt, die nach ihrer Identität sucht, während die Kommisare nach dem Mörder eines Kindes suchen.

In „Vier, fünf, sechs“, dem vierten und letzten Krimi mit Kommissarin Karin Lietze, geht es um die bombige Ermordung eines hochrangigen Polizisten im Flughafen Tempelhof während einer Anti-Terror-Übung.

Allerdings interessieren Pieke Biermann diese Fälle und die sich daraus ergebenden Ermittlungen nicht sonderlich. Sie sind Nebensache gegenüber einem wilden Ritt durch das Leben der irgendwie von den Taten betroffenen Menschen. Sie sind eine Polyphonie von Geräuschen, die durch den Fall einen Anfang und ein Ende bekommen.

Deshalb sind ihre Bücher für Fans traditioneller Kriminalromane ein Graus.

So ist in „Potsdamer Ableben“ bis kurz vor Schluss vollkommen unklar, woran die Radiojournalistin auf Seite 24 gestorben ist. Stattdessen stürzt Biermann sich in eine Abfolge von Szenen, die ein Porträt der Stadt und ihrer subkulturellen Milieus, Kämpfe und Aktionen ergeben.

Damit ähnelt sie -ky (aka Horst Bosetzky). Er beschreibt in seinen seit den frühen Siebzigern entstandenen, oft in Berlin spielenden Krimis ähnlich genau Milieus, Szenen und Lebenslagen. Seine Geschichten sind allerdings wesentlich traditioneller aufgebaut.

Wer also etwas über das Berlin vor einigen Jahrzehnten erfahren möchte, es literarisch avancierter mag, als Krimifan auch mal auf einen Krimiplot verzichten kann, der/die/das sollte zugreifen.

P. S.: Schöne Covers!

Pieke Biermann: Das Berlin-Quartett – Schuber mit 4 Bänden

Ariadne, 2021

1104 Seiten

50 Euro

Die Einzelromane

Pieke Biermann: Potsdamer Ableben

Ariadne, 2021

192 Seiten

15 Euro

Pieke Biermann: Violetta

Ariadne, 2021

304 Seiten

15 Euro

Pieke Biermann: Herzrasen

Ariadne, 2021

320 Seiten

15 Euro

Pieke Biermann: Vier, fünf, sechs

Ariadne, 2021

288 Seiten

15 Euro

Die Karin-Lietze-Krimis

Potsdamer Ableben, 1987

Violetta, 1990 (Deutscher Krimipreis Platz 1)

Herzrasen, 1993 (Deutscher Krimipreis Platz 1)

Vier, fünf, sechs, 1997 (Deutscher Krimipreis Platz 2)

Hinweise

Ariadne über Pieke Biermann

Krimi-Couch über Pieke Biermann

Lexikon deutscher Krimi-Autoren über Pieke Biermann

Wikipedia über Pieke Biermann

Meine Besprechung von Pieke Biermanns „„Wir sind Frauen wie andere auch!“ – Prostituierte und ihre Kämpfe“ (2014 deutlich erweiterte Neuauflage, Erstausgabe 1980)


Hit-Girl trifft „Kick-Ass: Frauenpower“

Januar 3, 2022

Kurz bevor der neue, mehrmals verschobene „Kingman“-Film endlich im Kino anläuft, lohnt es sich einen Blick auf eine andere von Mark Millar erfundene, hm, Welt zu werfen. Während „Kingsman“ beginnend mit dem Comic „The Secret Service“ zu einer erfolgreichen Kinoserie wurde, die mit zwei rotzfrechen James-Bond-Varianten (dem klassischen Bond, nicht dem Craig-Bond) begann und die mit dem neuen Film „The King’s Man: The Beginning“ die Anfänge dieses nicht-staatlichen geheimen Geheimdienstes erkundet, lebt „Kick-Ass“ nach zwei Kinofilmen und mehreren von Mark Millar geschriebenen Comics, im Moment nur als Comic fort. Auch wenn Matthew Vaughn, der Regisseur des ersten „Kick-Ass“-Films und der „Kingsman“-Filme, kürzlich sagte, dass an einem Reboot gearbeitet werde.

In der „Hit-Girl“-Comciserie lassen bekannte Autoren wie Jeff Lemire, Kevin Smith und Daniel Way und Zeichner wie Eduardo Risso, Rafael Albuquerque und Goran Parlov Hit-Girl um die Welt reisen und Verbrecher töten. Das sind immer kurze, mit kulturellen und popkulturellen Details zum Reiseziel gespickte Einzelstücke.

Für „Kick-Ass: Frauenpower“ hat Steve Niles („30 Days of Night“) zusammen mit Zeichner Marcelo Frusin („Hellblazer“, „Loveless“) einen anderen Ansatz gewählt. Bei ihm wurde aus dem ursprünglichen Kick-Ass, dem weichlichen Schüler Dave Lizewski, der erst durch die liebevolle Anleitung von dem jüngeren Mädchen Mindy McCready zu einem halbwegs anständigem Kämpfer wurde, die Ex-Soldatin Patience Lee. Sie versucht in Albuquerque, New Mexico, als alleinerziehende Mutter zu überleben. Sie besorgt sich ein „Kick-Ass“-Kostüm und geht auf Verbrecherjagd. Zuerst um ihre spärliche Soldatenpension und ihr Minigehalt in einem Diner aufzubessern. Schnell bemerkt sie, dass sie als Kick-Ass auch die Einwohner von Albuquerque vor Verbrechern schützen und die Stadt sicherer machen kann. Sie übernimmt die Führung der verschiedenen Verbrecherbanden, strukturiert sie um und legt sich mit der Russenmafia und mexikanischen Drogenkartellen an. Diese schließen sich gegen Kick-Ass zusammen.

Außerdem hat ihr krimineller Schwager herausbekommen, dass Patience Kick-Ass ist. Als er aus dem Koma erwacht, macht er ihr am Anfang des dritten „Kick-Ass: Frauenpower“-Sammelbandes ein Angebot, das sie am liebsten ablehnen würde.

Am Ende des dritten Bandes berichten Reporter in den TV-Nachrichten über Patiences Aktionen als Kick-Ass. Hit-Girl Mindy sieht das. Sofort macht sie sich auf den Weg nach Albuquerque, um den falschen Kick-Ass zu töten.

Auf den ersten Seiten des vierten „Kick-Ass: Frauenpower“-Bandes köpft und erschießt sie auf dem Highway auf dem Weg nach Albuquerque eine verbrecherische Biker-Gang. Danach wird munter weitergemordet.

Der jetzt erschienene vierte „Kick-Ass: Frauenpower“-Sammelband enthält den Abschluss von Steve Niles‘ „Kick-Ass“-Geschichte und es ist ein feuriges und tödliches Abenteuer. Schließlich haben Hit-Girl, Kick-Ass und die Verbrecherbanden nichts gegen exzessive Gewalt. Auch wenn die Geschichte unabhängig von den vorherigen drei Bänden gelesen werden kann – dann hat man immerhin noch ein weiteres gelungenes „Hit-Girl“-Abenteuer -, sollte doch die gesamte Geschichte von Patience Lee gelesen werden. Niles‘ Geschichte ist, ausgehend von Mark Millars im ersten „Kick-Ass: Frauenpower“-Sammelband formulierten Prämisse, eine überaus interessante und gelungene Neuinterpretation von Kick-Ass, die aus einem Comic-Nerd eine erwachsene, mit alltäglichen Problemen kämpfende Frau macht.

P. S.: Die Besprechung von „The King’s Man: the Beginning“ gibt es zum Kinostart. Der ist, nach etlichen Verschiebungen, am Donnerstag.

Steve Niles/Marcello Frusin: Kick-Ass: Frauenpower (Band 4)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2021

132 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Kick-Ass vs Hit-Girl # 1 – 5

November 2020 – März 2021

Steve Niles/Marcello Frusin: Kick-Ass: Frauenpower (Band 3)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2020

148 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Kick-Ass (2018) # 13 – 18

April 2019 – Oktober 2019

Hinweise

Homepage von Steve Niles

Meine Besprechung von Steve Niles/Ben Templesmiths „30 Days of Night – Die Barrow-Trilogie“ (30 Days of Night, 2002; 30 Days of Night: Dark Days, 2004; 30 Days of Night: Return to Barrow, 2004)

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunketts „Genosse Superman (Mark Millar Collection 4)“ (Superman: Red Son # 1 – 3, 2003)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerque/Dave McCaigs „Huck – Held wider Willen“ (Huck # 1 – 6, November 2015 – April 2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Stuart Immonens „Empress“ (Empress # 1 – 7, Juni 2016 – Januar 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Greg Capullos „Reborn“ (Reborn # 1 – 6, Oktober 2016 – Juni 2017)

Meine Besprechung von Mark Millar/Olivier Coipels „The Magic Order“ (The Magic Order # 1 – 6, 2018/2019)

Mein Besprechung von Mark Millar/Wilfredo Torres‘ „Jupiter’s Circle“ (Jupiter’s Circle # 1 – 6, 2015; Jupiter’s Circle 2 # 1 – 6, 2015/2016)

Meine Besprechung von Mark Millar/Ricardo Lopez Ortiz‘ „Hit-Girl in Kolumbien“ (Hit-Girl (2018) # 1 – 4, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita Jr. „Kick-Ass: Frauenpower“ (Kick-Ass (2018) # 1 – 6, 2018)

Meine Besprechung von Mark Millar/Rafael Albuquerques „Prodigy: Die böse Erde“ (Prodigy: The evil earth # 1 – 6, 2019)

Meine Besprechung von Mark Millar/Simone Bianchis „Sharkey the Bounty Hunter – Krawall im All“ (Sharkey the Bounty Hunter # 1 – 6, 2020)

Verfilmungen

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „Kingsman: The Golden Circle“ (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Andere Autoren in Millarworld

Meine Besprechung von Jeff Lemire/Eduardo Rissos „Hit-Girl in Kanada“ (Hit-Girl (2018) # 5 – 8, 2018)

Meine Besprechung von Rafael Scavone/Rafael Albuquerques „Hit-Girl in Rom“ (Hit-Girl (2018) # 9 – 12, 2018/2019)

Meine Besprechung von Rafael Scavone/Rafael Albuquerques „Hit-Girl in Hollywood“ (Hit-Girl (2018) Season Two #1 – 4, Februar 2019 – Mai 2019)

Meine Besprechung von Steve Niles/Marcelo Frusins „Kick-Ass – Frauenpower (Band 2)“ (Kick-Ass (2018) # 7 – 12, September 2018 – Februar 2019)

Meine Besprechung von Rob Williams/Simon Frasers „Kingsman: Jagd auf Red Diamond“ (Kingsman: The Red Diamond # 1 – 6, September 2017 – Februar 2018)


Baru schickt uns auf die „Autoroute du soleil“

Dezember 30, 2021

Der 17-jährige Alexandre Barbieri bewundert Karim Kemal grenzenlos. Im Arbeiterviertel, in dem sie leben, hat der fünf Jahre ältere Karim allerdings einen schlechten Ruf. Er soll mit Kartenspielen Geld verdienen, illegale Drogen verkaufen und sich von reichen Frauen für Sex bezahlen lassen. In jedem Fall ist er ein Frauenliebling.

Seine neueste Eroberung sorgt allerdings für Ärger. Sie ist die Frau von Doktor Raoul Faurissier, dem Spitzenkandidaten der rechtsextremen Elan National. Kurz bevor Karim von Faurissiers Bodyguards entdeckt und zusammengeschlagen wird, kann er entkommen.

Zusammen mit Alexandre flüchtet er quer durch Frankreich. Denn Faurissiers Schläger sind ihnen auf den Fersen.

Baru ist das Pseudonym des 1947 in Lothringen geborenen Hervé Barulea. Zu seinen früheren, nur teilweise ins Deutsche übersetzten Werken gehören „Bleierne Hitze“ (nach einem Roman von Jean Vautrin), „Wut im Bauch“, „Wieder unterwegs“ und „Die Sputnik-Jahre“. 2010 erhielt er den „Grand Prix de la Ville d’Anglulême“. Seit 2013 ist er Ritter des „Ordre des Arts et des Lettres“.

Für „Autoroute du soleil“ erhielt er den Alph’art. Der über vierhundertseitige SW-Comic ist ein rasantes, oft absurd witziges Roadmovie, das mehr „Easy Rider“ als Thriller ist. Sicher, Alexandre und Karim werden gejagt und schweben fast ständig in Lebensgefahr. Schließlich gehen ihre Verfolger fast so brachial wie der „Terminator“ vor. Aber die Dynamik zwischen den beiden Jungs und ihre Begegnungen mit anderen Menschen stehen eindeutig im Zentrum dieser Noir-Geschichte. Für Alexandre ist sie auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Außerdem entsteht bei ihrer Flucht ein Bild von Frankreich in den frühen neunziger Jahre abseits von Paris.

Baru: Autoroute du soleil

(übersetzt von David Basler)

Reprodukt, 2021

432 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

L’autoroute du soleil

Casterman 1995

Deutsche Erstausgabe

Carlsen, 2007

Hinweise

Reprodukt über Baru

Wikipedia über Baru (deutsch, französisch)


Unsortierte Gedanken zur Neuübersetzung von Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichte „Die Lady im See“

Dezember 29, 2021

Aus mir unbekannten Gründen habe ich Hellmuth Karaseks alte Diogenes-Übersetzung jetzt nicht zur Hand. Dabei habe ich Raymond Chandlers vierten Philip-Marlowe-Krimi „The Lady in the Lake“ vor Ewigkeiten in seiner Übersetzung gelesen. Aber ohne das Buch in Griffnähe zu haben, kann ich die Übersetzungen nicht miteinander vergleichen.

Das gesagt, liest sich Robin Detjes neue Übersetzung sehr gut. Und zwar so gut, dass aus den wenigen Seiten, die ich Lesen wollte, um die Qualität der Übersetzung zu prüfen, eine erneute Lektüre des gesamten Romans wurde; – nun, es gibt schlechtere Methoden, um seine Zeit zu verbringen.

In „Die Lady im See“ soll Philip Marlowe im Auftrag von dem Unternehmer Derace Kingsley dessen seit einem Monat spurlos verschwundene Frau suchen. Zuletzt wurde Crystal Kingsley in dem kleinen Haus, das die Kingleys in den Bergen am Little Fawn Lake haben, gesehen.

Marlowe fährt dorthin und trifft Bill Chess, der dort als Hausmeister seine Invalidenrente aufbessert. Chess erzählt Marlowe, dass er Streit mit seiner Frau hatte. Das war vor einem Monat. Danach verschwanden die beiden Frauen gleichzeitig.

Als die beiden Männer zum See gehen, entdecken sie im See die titelgebende Frau im See. Chess hält die Wasserleiche für seine Frau.

Marlowe beginnt nun auch den Mörder der Wasserleiche zu suchen. Dabei stochert er in der Vergangenheit der beiden Frauen herum und stolpert über die Leiche von Crystal Kingsleys Liebhaber. Er wurde erschossen.

Bei der wiederholten Lektüre fällt auf, wie zeitlos und schnörkellos elegant Raymond Chandlers Sprache ist. Die Story selbst bewegt sich zügig voran und sie wirkt ebenfalls nicht veraltet. Sicher, heute müsste Marlowe keine Münzfernsprecher mit Geld füttern. Er würde mit einem Handy telefonieren. Aber immer noch müsste er mit vielen Verdächtigen, Zeugen und potentiellen Zeugen reden. Immer noch hätte er Ärger mit der Polizei. Er würde zusammengeschlagen werden und er würde auf gutaussehende Frauen treffen, die ihn mit einer Waffe in der Hand begrüßen.

Angenehm ist auch, dass sich der gesamte Roman auf Marlowes Auftrag und seine Jagd nach dem Mörder konzentriert. Über Marlowe selbst und sein Privatleben erfahren wir nichts. Und das ist gut so.

Schlecht ist allerdings die Lösung des Falles. Die zaubert Chandler ziemlich aus dem Hut in einer Mischung aus nicht mit dem Leser geteiltem Wissen und wilden Vermutungen. Echte Beweise hat Marlowe erst durch das anschließende Geständnis des Täters.

The Lady in the Lake“ ist Raymond Chandlers vierter Philip-Marlowe-Roman. Davor schrieb er „The big Sleep“ (1939, Der tiefe Schlaf/Der große Schlaf), „Farewell, my Lovely“ (1940, Betrogen und gesühnt/Lebwohl, mein Liebling) und „The high Window“ (1942, Das hohe Fenster). Danach „The little Sister“ (1949, Die kleine Schwester), „The long Good-Bye“ (1953, Der lange Abschied) und „Playback“ (1958, Spiel im Dunkel/Playback). Bis auf „Playback“ sind alle seine Marlowe-Romane Klassiker.

The Lady in the Lake“ wurde mehrmals ins Deutsche übersetzt und als „Einer weiß mehr“, „Die Tote im See“ und jetzt „Die Lady im See“ veröffentlicht.

Neben Dashiell Hammett definierte Raymond Chander das Privatdetektiv-Genre.

Ohne Chandler gäbe es Spenser nicht. 1989 durfte Spenser-Erfinder Robert B. Parker mit „Poodle Springs“ ein von Chandler geschriebenes Fragment fertig schreiben.

Chandlers Roman wurde 1947 von Robert Montgomery als „Die Dame im See“ (Lady in the Lake) verfilmt. Mit etlichen Freiheiten. So wurde die Handlung in die Vorweihnachtszeit verlegt und es gibt eine Rahmengeschichte, in der Marlowe Autor von Pulp-Romanen werden will. Gedreht wurde hauptsächlich in Innenräumen. Es wurde auch weitgehend auf Action verzichtet. Das lag nicht an der Unlust, vor Ort zu drehen, sondern an den technischen Herausforderungen des Films. Denn Montgomery erzählte die Geschichte als Ich-Erzählung. In einem Roman, vor allem in einem Privatdetektiv-Roman, der normalerweise immer in der ersten Person Singular geschrieben ist, funktioniert das problemlos. In einem Film nicht. So erfahren wir nicht, wie der Erzähler auf etwas reagiert. Immer wenn Marlowe sich bewegte, musste die damals noch sehr unhandliche Kamera bewegt werden. Es musste auch geguckt werden, wie man Marlowes Arme richtig im Bild positioniert. Und es gibt, neben den üblichen Gefahren, denen das Gesicht eines Privatdetektivs (hier die Kamera) bei seinen Abenteuern ausgesetzt ist, wie Schläge und Küsse, eine ziemlich spektakulär gefilmte Autoverfolgungsjagd. Denn als Marlowe auf einer einsamen Landstraße von einem anderen Auto verfolgt wird, muss er sich immer wieder umdrehen, damit wir genug mitbekommen, um die Verfolgungsjagd gespannt mitverfolgen zu können.

Insofern ist die Bewältigung der technischen Herausforderungen in „Die Dame im See“ beeindruckend. Ein guter Film ist so allerdings nicht entstanden.

Chandlers Hardboiled-Roman „Die Lady im See“ ist dagegen ein Klassiker, der jetzt in einer neuen Übersetzung wieder entdeckt werden kann.

Raymond Chandler: Die Lady im See

(mit einem Nachwort von Rainer Moritz)

(übersetzt von Robin Detje)

Diogenes, 2021

336 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

The Lady in the Lake

A. A. Knopf, 1943

Frühere deutsche Übersetzungen

Einer weiß mehr

(übersetzt von Mary Brand)

Nest 1949

Die Tote im See

(übersetzt von Hellmuth Karasek)

Diogenes, 1976

Die Verfilmung

Die Dame im See (Lady in the Lake, USA 1947)

Regie: Robert Montgomery

Drehbuch: Steve Fisher

mit Robert Montgomery, Lloyd Nolan, Audrey Totter, Tom Tully, Leon Ames, Jayne Meadows

Hinweise

Thrilling Detective über Philip Marlowe

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Rotten Tomatoes über „Die Dame im See“

Wikipedia über „Die Lady im See“ (Roman), „Die Dame im See“ (Film) (deutsch, englisch), Philip Marlowe (deutsch, englisch) und Raymond Chandler (deutsch, englisch)


Über Frank Schmolkes Comic-Adaption von Sebastian Fitzeks „Der Augensammler“

Dezember 13, 2021

In Berlin ermordet in der Vorweihnachtszeit ein Unbekannter Mütter, entführt ihre Kinder und gibt dem Vater 45 Stunden und 7 Minuten, sein Kind zu retten. Bis jetzt wurden alle entführten Kinder tot aufgefunden. Immer fehlte das linke Auge. Die Presse nennt ihn deshalb in schönster Boulevard-Manier den „Augensammler“.

Alexander Zorbach ist ein Ex-Polizist, Sensationsreporter und eher abwesender Vater. Sein Sohn ist meistens bei seiner Mutter. Er berichtet über den Fall, stört seine ehemaligen Kollegen (die ihn wie die Pest hassen) bei den Ermittlungen und gerät jetzt in Verdacht, der Serienmörder zu sein. Denn seine Brieftasche wurde am Tatort gefunden. Um seine Unschuld zu beweisen, tut er sich mit der blinden Physiotherapeutin Alina Gregoriev, die ihn auf seinem Hausboot erwartet, zusammen. Sie behauptet, sie habe bei einem ihrer Patienten eine Vision gehabt, die sie zu dem Mörder führen könne. Zorbach hält das zwar für ausgemachten Unfug, aber eine bessere Spur hat er nicht.

In seiner Comicadaption von Sebastian Fitzeks Bestseller „Der Augensammler“ begeht Frank Schmolke einen Fehler nicht, den bei den Verfilmungen der Bücher von Fitzek Drehbuchautoren und Regisseure gemacht haben. Sie nahmen einfach das Buch, einen Pageturner mit vielen Wendungen, Dialogen und kurzen Kapiteln, und übertrugen die Geschichte 1-zu-1 in den Film. Aber Dinge, die in einem Roman prächtig funktionieren, funktionieren in einem Film nicht unbedingt. In den späteren Verfilmungen änderte sich das und die Filme wurden besser.

Frank Schmolke versucht erst gar nicht, den gut vierhunderfünfzigseitigen Roman mit seinen ganzen Wendungen 1-zu-1 in ein anderes Medium zu übertragen. Er nimmt die Geschichte und adaptiert sie für ein anderes Medium. Und das heißt halt auch, notwendige Veränderungen vorzunehmen. Schließlich sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte und in einem zweihundertseitigen Comic muss halt einiges verändert werden.

Er taucht Berlin und die Thrillergeschichte in ein düsteres Noir-Licht, das durch die wenigen Farbtupern noch verstärkt wird. Es ist ein verschneites, kaltes Berlin, dessen Atmosphäre an Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ erinnert. Zur Noir-Atmosphäre trägt außerdem bei, dass der unschuldig gejagte Zorbach mit seinem Hut und seinem Mantel in einem Film der Schwarzen Serie zwischen Humphrey Bogart und Robert Mitchum nicht negativ auffallen würde. Und natürlich erlebt Zorbach eine fast schon archetypische Noir-Geschichte.

Schmolkes erschuf eine überaus gelungene und sehr eigenständige Adaption von Fitzeks Thriller.

Das sieht auch Sebastian Fitzek so. Im Vorwort des Comics schreibt er: „die fiktive Realität [von Schmolke, A.d.V.) entsprach sogar in vielen Punkten meiner inneren Gedankenwelt. Manchmal aber war ich erstaunt darüber, wie Frank meine Geschichte gesehen hatte. Und – das gestehe ich ganz offen – hin und wieder gefiel mir seine Sichtweise sogar besser als meine eigene. Dieses Werk stellt in meinen Augen keine herkömmliche Adaption dar, sondern ist ein komplexes, eigenständiges Werk, das nicht nur den Leserinnen und Lesern gefallen wird, denen ‚Fitzek‘ ein Begriff ist.“

Frank Schmolke (Textadaption, Zeichnungen, Farbe): Der Augensammler (nach dem Roman vo Sebastian Fitzek)

Splitter, 2021

200 Seiten

35 Euro

Die Vorlage

Sebastian Fitzek: Der Augensammler

Droemer, 2010 (gebundene Ausgabe)

464 Seiten

10,99 Euro (Taschenbuch)

Hinweise

Homepage von Frank Schmolke

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos‘ „Abgeschnitten“ (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Joshua-Profil“ (2015)

Meine Besprechung von Max Rhodes (Pseudonym von Sebastian Fitzek) „Die Blutschule“ (2015)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Passagier 23“ (2014) und Alexander Dierbachs Verfilmung „Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See“ (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Zsolt Bács‘ Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Christian Alvarts Sebastian-Fitzek-Michael-Tsokos-Verfilmung „Abgeschnitten“ (Deutschland 2018)

 


Buchbesprechung: John le Carrés letzter Roman: „Silverview“

Dezember 11, 2021

Das ist er also: der neue Roman von John le Carré. Gleichzeitig – er starb vor einem Jahr am 12. Dezember 2020 – ist es sein letzter Roman und natürlich beeinflusst dieses Wissen die Lektüre und die Rezeption. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich mich den allgemeinen Jubelarien zu seinen vorherigen Büchern nicht so richtig anschließen konnte. Zu oft hatte ich den Eindruck, dass es in den Besprechungen weniger um sein aktuelles Buch und mehr um seinen Ruf als ‚größter Spionageschriftsteller aller Zeiten‘ ging. Auch „Silverview“ wird allgemein abgefeiert. Und wieder finde ich den Roman nicht so gut. Dabei ist auf den ersten Blick alles drin, was einen le Carré ausmacht. Aber die Story funktioniert nicht. Eigentlich ist es keine Story sondern mehr eine Skizze, bei der fast bis zur letzten Seite unklar ist, was uns le Carré erzählen will.

Im Mittelpunkt stehen drei Männer: Stewart Proctor ist der Chef der Inlandssicherheit. Der Geheimdienstler erhält einen Brief und beschäftigt sich daraufhin mit der Vergangenheit von Edward Avon. Edward war, als er vor Ewigkeiten angeworben wurde und im damals noch bestehendem Ostblock spionierte, ein von seiner Mission überzeugter Geheimagent. Das änderte sich während des Bosnienkrieges. Jetzt lebt er zusammen mit seiner ebenfalls pensionierten Frau Deborah in Silverview, einem Anwesen am Ortsrand eines Küstenstädtchens in East Anglia. Sie war die beste Nahost-Analystin des Geheimdienstes. Sie hat Krebs im Endstadium.

Edward trifft sich öfter mit dem Buchhändler Julian Lawndsley. Der 33-jährige Julian war in London ein erfolgreicher Börsenmakler. Diese Arbeit gab er aus bis nach dem Buchende unbekannten Gründen auf zugunsten des Lebens als schlecht verdienender Buchhändler, der von Büchern keine Ahnung hat. Edward schlägt ihm vor, im Keller seiner Buchhandlung ein besonderes Buchangebot einzurichten. Außerdem ist er, so sagt er, ein Schulfreund von Julians verstorbenem Vater.

Selbstverständlich sind diese beiden Plots – der eine ist Proctors Recherchen in Edward Avons Vergangenheit, der andere ist die beginnende Freundschaft zwischen Edward und Julian – miteinander verknüpft. Aber bis zum Ende laufen sie unverbunden nebeneinander her. Das Ende hinterlässt dann auch einige Fragen.

Le Carré schrieb die Geschichte zwischen 2013 und 2015, war allerdings nicht mit ihr zufrieden und legte sie zur Seite. Sein Sohn Nicholas Cornwell (der unter den Pseudonymen Nick Harkaway und Aidan Truhen Romane veröffentlicht) hat das Manuskript nach dem Tod seines Vaters aus der Schublade geholt und vor der Veröffentlichung um einige wenige Sätze und Absätze ergänzt.

Nach der Lektüre verstehe ich, warum le Carré mit der Geschichte unzufrieden war und sie, so mein Eindruck, nicht fertig schrieb. Der jetzt veröffentlichte Roman wirkt wie ein Fragment, das so wohl niemals für eine Veröffentlchung gedacht war.

Denn die Geschichte funktioniert nicht. Das liegt an ihrer Konstruktion, die lange Zeit beide Handlungsstränge vollkommen unverbunden nebeneinander her laufen lässt. Das liegt an den vielen Lücken, die in einer späteren Fassung geschlossen würden. Dann wüssten wir auch mehr über die Motive der verschiedenen Figuren. In der vorliegenden Fassung sind sie höchstens erahnbar.

Außerdem spielt die Geschichte inzwischen in einer seltsam unbestimmbaren Zeit. Es gibt nämlich keinerlei Hinweise auf das Handlungsjahr. Damit könnte sie, wie le Carrés andere Romane zum Zeitpunkt der Veröffentlichung spielen. Andererseits wirkt vieles so, als würde es in der nahen Vergangenheit spielen. Das betrifft die skizzenhaften Biographien der Figuren und den Umgang mit Computern, der eher zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit verweist. Und auch damals wäre unklar gewesen, welches für England gefährliche Wissen Edward und seine Frau hätten ausplaudern können.

In „Silverview“ wird Edwards Biographie, die an andere le-Carré-Figuren erinnert, auf wenigen Seiten abgehandelt. Dabei hätte sein Leben durchaus die Basis für einen Roman sein können. Der in der Gegenwart spielende Teil, also Edwards Plan, ist nicht mehr als eine hastig auf einen Zettel geschriebene Notiz. Ausformuliert hätte auch das ein guter Spionageroman werden können. Beides hat le Carré in der Vergangenheit schon mehrmals gelungener erzählt. Und so ist le Carrés letzter Roman immer ein Roman, der an seine früheren und besseren Romane erinnert.

John le Carré: Silverview

(übersetzt von Peter Torberg)

Ullstein, 2021

256 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Silverview

Viking, PRH, London, 2021

Hinweise

Bookmarks über „Silverview“

Perlentaucher über „Silverview“

Wikipedia über „Silverview“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung von John le Carrés „Das Vermächtnis der Spione“ (A Legacy of Spies, 2017)

Meine Besprechung von John le Carrés „Federball“ (Agent running in the Field, 2019)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

Mein Nachruf auf John le Carré

John le Carré in der Kriminalakte

 


Hari Kunzru nimmt am Wannsee die „Red Pill“

Dezember 8, 2021

Der wenig verdienende US-Schriftsteller kann sein Glück kaum fassen. Das Deuter-Zentrum gewährt ihm ein dreimonatiges Stipendium. Er hat zwar von dieser Stiftung noch nichts gehört, aber die Bedingungen sind gut: es gibt Geld, er hat Zeit für seine Arbeit und er hat einen Arbeitsplatz in deren Villa in Berlin am Wannsee. Die notwendigen Arrangements mit seiner Frau Rei sind schnell erledigt. Sie arbeitet als Anwältin in einer Organisation für Einwanderung und bürgerliche Freiheiten und sie verdient in der Familie das meiste Geld. Gemeinsam hat das in Brooklyn lebende Paar eine dreijährige Tochter. Mit dem Geld, das er als Stipendiat erhält, kann auch in New York ein Babysitter, der seine Aufgaben übernimmt, bezahlt werden. Das Thema für seine Arbeit ist auch schnell gefunden. Es geht um die Konstruktion des Ich in der Lyrik.

Als er am Wannsee eintrifft, ist er von der großen Residenz des Deuter-Zentrums beeindruckt. Aber für ihn gibt es bei den vom Zentrum vorgeschriebenen Arbeitsbedingungen einige Probleme. Er ist daran gewohnt, allein in seinem stillen Kämmerlein zu arbeiten. Hier muss er in einem großen Raum zusammen mit den anderen Stipendiaten arbeiten. Wir können uns das wie die Arbeit in einer Universtitätsbibliothek vorstellen. Und er soll am Gesellschaftsprogramm, also den gemeinsamen Mahlzeiten und Gesprächen, teilnehmen. Auch das gefällt ihm nicht. Er zieht sich in sein Schlafzimmer zurück, sieht die brutale TV-Polizeiserie „Blue Lives“, verfällt ihr immer mehr, entdeckt ungeahnte Metaebenen in ihr und lernt, auf der Berlinale, den Erfinder der Serie, Gary ‚Anton‘ Bridgeman, kennen. Er verfällt dem Charme dieses geheimnisvollen Mannes.

Und was dann zu einer Zauberlehrlingsgeschichte oder einer Erkundung rechter, faschistoider Umtriebe werden könnte, zersplittert in vier weitgehend unabhängige Kapitel, die letztendlich die Geschichte eines Nervenzusammenbruchs erzählen. Das individualisiert und trivialisiert die real existierende Bedrohung von Rechts zum Wahngebilde eines psychisch kranken Mannes.

Diese Entwicklung, die ja durchaus eine spannende Lektüre ergeben könnte, erfolgt immer wieder in großen Sprüngen. Im ersten Kapitel ist der Literat fast nur im Deuter-Zentrum. Das zweite Kapitel besteht aus Monikas Geschichte. Sie ist Zimmermädchen im Deuter-Zentrum und schon etwas älter. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit als Punk-Musikerin in der DDR und wie sie von der Stasi beobachtet wurden. Mit der restlichen Geschichte hat dieser Rückblick in die DDR nichts zu tun. Im dritten Kapitel lernt der Schriftsteller Gary Bridgeman kennen und verfolgt ihn, weil er ihn ihm den Heiland sieht, durch halb Europa. Im abschließenden vierten Kapitel ist er wieder zurück im Kreis seiner Familie und es wird erklärt, wie er von Europa wieder zurück nach Brooklyn gekommen ist.

Das hat durchaus seine morbiden und faszinierenden Momente, aber insgesamt ist „Red Pill“ ein enttäuschendes Werk.

P. S.: Natürlich ist der Titel „Red Pill“ eine Anspielungen auf den Film „Matrix“. Aber so eine offensichtiche Anspielung muss ja nicht mehr erklärt werden.

Hari Kunzru: Red Pill

(übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)

Liebeskind, 2021

352 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Red Pill

Alfred A. Knopf, New York, 2020

Simon & Schuster, London, 2020

Hinweise

Homepage von Hari Kunzru

Wikipedia über Hari Kunzru (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Red Pill“

Bookmarks über „Red Pill“


„Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte“ kommen vor allem aus Hollywood

Dezember 8, 2021

Im Vorwort schreibt Cinema-Chefredakteur Philipp Schulze, dass Filmfans einige Namen, wie Tom Hanks, vermissen werden und er kündigt, durch die Blume, schon einen zweiten Band an. Konzentrieren wir uns also nicht darauf, wer fehlt, sondern wer in „Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte“ vorgestellt wird.

Es sind die Hollywood-Stars James Dean, Elizabeth Taylor, James Stewart, Charlie Chaplin, Grace Kelly, Marlon Brando, Clark Gable, Jack Nicholson, Steve McQueen, Humphrey Bogart, Audrey Hepburn, Burt Lancaster, Cary Grant, Clint Eastwood, Robert Redford, Marilyn Monroe, Paul Newman, Katharine Hepburn, Kirk Douglas, Rock Hudson, Sidney Poitier, Orson Welles, Ava Gardner, Richard Burton (aus Wales nach Hollywood), Ingrid Bergman und Marlene Dietrich (beide aus Europa kommend in Hollywood erfolgreich) und Sean Connery, der als erster James-Bond-Darsteller eine Sonderstellung hat. Nur Romy Schneider, Brigitte Bardot und Catherine Deneuve sind rein europäische Filmstars, die um Hollywood immer einen großen Bogen gemacht haben.

Letztendlich werden hier vor allem altbekannte Hollywood-Stars porträtiert. Sie sind oft verstorben, teils seit längerem nicht mehr oder kaum noch tätig. Aber sie sind alle bei einem breiten Publikum immer noch bekannt und beliebt. Vorgestellt werden sie in kurzen, kundigen Texten. Dazu gibt es eine gelunge Auswahl an Fotos und schöne Zitate der Stars.

Wie die vorherigen, vom Filmmagazin Cinema im Panini Verlag herausgegebenen Bücher „Making of: Hinter den Kulissen der größten Filmklassker aller Zeiten“ und „Regisseure: Die 25 besten und einflussreichtsten Filmemacher aller Zeiten“ richtet sich der Band vor allem an Mainstream-orientierte Filmzuschauer, die etwas mehr wissen wollen.

Als Weihnachtsgeschenk ist der Band sehr geeignet.

Cinema (Hrsg.): Filmstars: Die 30 größten Ikonen der Kinogeschichte

Panini, 2021

224 Seiten

30 Euro

Hinweise

Homepage von Cinema

Meine Besprechung von Cinema (Hrsg) „Making of – Hinter den Kulissen der größten Filmklassiker aller Zeiten“ (2019)


„Motoren, Magie und Märchen!“ in „Die Flüsse von London“

November 29, 2021

An der niederländischen Küste wird ein Mitsubishi Eclipse angespült. Mit einem toten Mann an Bord. Jack Polesti heißt er. Und weil er öfters Spritztouren mit geklauten Autos unternahm, ist er polizeibekannt. Eigentlich sollte er in England sein. Es gibt nämlich keine Spur und keinen Hinweis, wie er die Insel auf natürlichem Weg verlassen haben könnte. Einen übernatürlichen Weg gäbe es und da kommt Peter Grant, Mitglied der Einheit für Spezielle Fälle der Polizei von London, ins Spiel. Diese speziellen Fälle haben nämlich immer irgendetwas mit Magie zu tun.

Die ermittelnden Beamten glauben, dass Polesti an illegalen Straßenrennen teilnahm, die von Emmanuel Gross, einem legendärem Schmuggler, organisiert werden. Sie glauben, dass Gewinne bei den Straßenrennen die Eintrittskarte zu ganz anderen Autorennen in einer anderen Welt sind.

Um dorthin, also das Land der Fae und das Schloss der Gefahren, zu gelangen, muss Grant an illegalen Autorennen teilnehmen.

Motoren, Magie und Märchen!“, wieder geschrieben von Andrew Cartmel, ist das „Fast & Furious“-Abenteuer von Peter Grant. Angesichts des letzten „Fast & Furious“- Films wirkt die von Cartmel geschriebene, außerhalb unserer Zeit und Raum spielende Geschichte höchst realistisch. Sie ist auch glaubwürdiger.

Einen großen Teil der Geschichte nehmen die Autorennen ein. Da bleibt dann wenig Zeit für magische Verwicklungen. So ist das achte Comicabenteuer von Peter Grant eine durchaus unterhaltsame, aber auch etwas beliebige Kurzgeschichte. Damit richtet sie sich eher an die Fans der Serie. Neueinsteiger dürften sich fragen, was das Besondere an den magischen Abenteuern von Peter Grant ist.

In der „Die Flüsse von London“-Chronologie spielt die Geschichte vor Ben Aaronovitchs Roman „Die Glocke von Whitechapel“.

Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Mariano Laclaustra: Die Flüsse von London: Motoren, Magie und Märchen! (Band 8)

(übersetzt von Kerstin Fricke)

Panini Comics, 2021

132 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Rivers of London: The Fey and The Furious

Titan Comics, London, 2020

Hinweise

Homepage von Ben Aaronovitch

dtv über Ben Aaronovitch

Blog von Andrew Cartmel

Wikipedia über Ben Aaronovitch (deutsch, englisch) und Andrew Cartmel

Meine Besprechung von Ben Aaronovitchs „Schwarzer Mond über Soho“ (Moon over Soho, 2011)

Mein Besprechung von Ben Aaronivitchs „Geister auf der Metropolitan Line“ (The furthest station, 2017)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerreros „Die Flüsse von London: Autowahn“ (Rivers of London: Body Work, 2016)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero: Die Flüsse von London – Die Nachthexe (Rivers of London: Night Witch, 2016)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Lee Sullivan/Luis Guerrero/Paulina Vassilevas „Die Flüsse von London: Wassergras (Band 6)“ (Rivers of London: Water Weed, 2018)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Brian Williamson/Stefani Rennes „Die Flüsse von London: Mit Abstand! (Band 7)“ (Rivers of London: Action at Distance, 2020)

Meine Besprechung von Ben Aaronovitch/Andrew Cartmel/Christoper Jones/Marco Leskos „Doctor Who – Der siebte Doctor: Tanz auf dem Vulkan“ (Doctor Who – The Seventh Doctor: Operation Volcano, 2018)

 


Über Maurizio de Giovannis neuen Roman „Zwölf Rosen in Neapel“

November 26, 2021

Bevor er zuschlägt, schickt der Mörder jeden Tag eine Rose zu seinem nächsten Opfer. Nach der zwölften Rose kommt er vorbei und tötet sein Opfer mit einem gezielten Schuss aus einer Luger P08 ins Genick. Der ermittelnde Staatsanwalt De Carolis steht vor einem Rätsel. Was ist die Verbindung zwischen den Opfern und was bedeuten die zwölf Rosen? fragt er sich.

Zur gleichen Zeit lebt die geschiedene 42-jährige Mina Settembre wieder bei ihrer im Rollstuhl sitzenden und munter keifenden Mutter. Sie kommt aus wohlhabenden Verhältnissen und arbeitet jetzt als schlecht bezahlte Sozialarbeiterin in einer Beratungsstelle im Spanischen Viertel, dem Armenviertel der Stadt. Sie hat, wie uns alle paar Seiten wortreich erklärt wird, unglaublich große, wundervoll geformte Brüste.

Heimlich verliebt ist sie in Domenico ‚Mimmo‘ Gammardella. Der im Nebenbüro praktizierende, gutaussehende, etwas schüchterne Frauenarzt erinnert sie an ihren Lieblingsschauspieler Robert Redford; – auch das wird uns alle paar Seiten mit Hinweisen auf Redford-Filme gesagt. Er hat allerdings keine Augen für sie, ihre Na, Sie wissen schon, oder die zahlreichen in ihn schulmädchenhaft verliebten Patientinnen und die ebenso in ihn verknallten männlichen Patienten, die sich als Frauen ausgeben.

Näher kommen Mina und Domenico sich über Ofelia Ramirez und ihre elfjährige Tochter Flor. Das Mädchen glaubt, dass ihr Vater Alfonso Caputo ihre Mutter umbringen will. Mina will das verhindern. Domenico soll ihr dabei helfen.

Dieser Plot – also die Rettung der beiden Frauen aus den Klauen des gewalttätigen Mannes, der auch ein Verbrecher mit guten Verbindungen ist – nimmt den größten Teil des dünnen Romans ein. Erst am Ende treffen Mina und der Serienmörder aufeinander. Bis dahin hat Mina keine Ahnung, dass sie in Lebensgefahr schwebt.

Weil Maurizio de Giovanni einen angenehmen Schreibstil hat, liest man die leicht humoristisch gefärbte, rundum harmlose Geschichte flott weg.

Maurizio de Giovanni: Zwölf Rosen in Neapel – Der erste Fall für Mina Settembre

(übersetzt von Susanne Van Volxem und Olaf Matthias Roth)

Kampa, 2021

288 Seiten

17,90 Euro

Originalausgabe

Dodici rose a Settembre

Sellerio Editore, Palermo, 2019

Hinweise

Wikipedia über Maurizo de Giovanni (deutsch, englisch, italienisch)


Über Sir Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden“ für den Krimifan

November 10, 2021

Im November 1887 erschien im Magazin Beeton’s Christmas Annual als Titelgeschichte „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot). Das war der erste literarische Auftritt von Sherlock Holmes und hätte sein Erfinder, Sir Arthur Conan Doyle, damals geahnt, was diese Geschichte auslösen würde, hätte er es vielleicht bleiben gelassen. Denn sie war der Anfang einer weltweiten Holmes-Manie. Doyle schrieb in den kommenden Jahren weitere Geschichten, die meistens im Strand Magazine erschienen. Andere Autoren schrieben schnell Holmes-Pastichen. Die Leser verlangten nach mehr. Und Doyle hatte irgendwann keine Lust mehr weitere Sherlock-Holmes-Geschichten zu erfinden. Er wollte auch andere Geschichten schreiben. Also ließ er Sherlock Holmes 1893 in „The Final Problem“ (Das letzte Problem) in die Reichenbachfälle stürzen und sterben. Fall gelöst, dachte er sich wahrscheinlich.

Die Fans sahen das anders. Sie waren empört, protestierten und forderten weitere Sherlock-Holmes-Geschichten. Doyle weigerte sich. Die Fans forderten weiter weitere Sherlock-Holmes-Geschichten.

1901 gab Doyle sich geschlagen. In dem Roman „The Hound of the Baskervilles“ (Der Hund der Baskervilles) kehrte Holmes zurück. 1903 wird in „The empty House“ (Das leere Haus) verkündet, dass Holmes den tödlichen Sturz doch überlebt hatte. Danach schrieb Doyle weitere Holmes-Geschichten. Die letzte, „The Adventure of Shoscombe Old Place“ (Shoscombe Old Place) erschien am 5. März 1927 im Magazin Liberty.

Der am 22. Mai 1859 in Edinburgh geborene Sir Arthr Conan Doyle starb am 7. Juli 1930 in Crowborough, Sussex.

Das war aber nicht das Ende von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Nach Doyles Tod gab es, bis jetzt, zahlreiche weitere Geschichten mit den beiden Ermittlern im Kino, im Fernsehen, im Radio, in Büchern und in Comics.

In diesem Jahrhundert wurde Sherlock Holmes dann – sehr erfolgreich – einem ganz neuem Publikum vorgestellt. Zuerst mit den beiden von Guy Ritchie inszenierten Sherlock-Holmes-Spielfilmen mit Robert Downey Jr. als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. Watson. Dann mit der von den Sherlock-Holmes-Fans Steven Moffat und Mark Gattis erfundenen BBC-TV-Serie „Sherlock“, die den Detektiv einfach zu einer zeitgenössischen Figur machte. Die atemberaubend schnell erzählten Fälle basieren auf Holmes-Geschichte von Doyle und in jedem Film gibt es zahlreiche Verweise auf verschiedene seiner Holmes-Geschichten. Benedict Cumberbatch spielt(e) Sherlock Holmes. Martin Freeman seinen Freund Dr. John Watson, der bei Doyle und bei Moffat/Gatiss ein Afghanistan-Veteran ist. Cumberbatch und Freeman wurden durch die Serie zu gut beschäftigen Stars mit so engen Terminkalendern, dass daran eine Fortführung der Serie scheitern könnte. Falls Moffat/Gatiss überhaupt die Zeit haben, neben ihren anderen Arbeiten, neue „Sherlock“-Geschichten zu erfinden.

 

Über die Sherlock-Holmes-Geschichten

 

Doyle schrieb 56 Kurzgeschichten und vier Romane mit Sherlock Holmes. Das Ermittlerpaar Holmes/Watson war dabei die Blaupause für unzählige weitere Ermittlerduos. Sherlock Holmes ist ein begnadeter Ermittler und ein geistiger Überflieger. Jedenfalls auf allen Gebieten, die irgendetwas mit Verbrechen zu tun haben. Die Lösung kennt er meistens, wenn der aufgewühlte Klient ihm gesagt hat, warum er in die Baker Street 221B gekommen ist oder er einen Tatort besichtigt. Sein Begleiter Dr. John Watson erzählt die Fälle von seinem Freund Sherlock Holmes. Bei der Tätersuche stellt er immer wieder eigene Vermutungen auf, die sich regelmäßig als falsch erweisen. Er ist, im Gegensatz zu Holmes, fehlbar und somit menschlich.

Die Fälle von denen er erzählt, behandeln alle möglichen Verbrechen und Rätsel. Auch Mord, aber aus heutiger Perspektive äußerst selten. Meistens geht es um andere Verbrechen. Aber Watson fand jeden dieser Fälle berichtenswert.

Vor einigen Monaten habe ich, anstatt klagend vor geschlossenen Kinos und Lokalen stehend, erstmals alle Holmes-Geschichten im Original gelesen. Nachdem ich sie, teilweise mehrmals, in verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen, auf Deutsch gelesen habe. Dabei haben mir bei dieser neuerlichen Gesamtlektüre die Kurzgeschichten wesentlich besser als die Romane gefallen. Diese sind vom Fall her oft nur aufgeblasene Kurzgeschichten. Dafür erzählt Doyle dann über viele Seiten von Ereignissen, die durchaus interessant, aber für den Fall in dieser Länge unwichtig sind. So zerfällt der erste Holmes-Roman „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot) in zwei Teile: in der ersten Hälfte ermittelt Holmes, während Watson ihn staunend begleitet; in der zweiten Hälfte wird in einem Rückblick die in den USA spielende Vorgeschichte erzählt. Das ist letztendlich eine eigenständige Geschichte, die nichts mit der Aufklärung des Falles zu tun hat. „The Valley of Fear“ (Das Tal des Grauens) ist ähnlich aufgebaut.

Über die Länge eines Romans fällt dann auch auf, wie haarsträubend Holmes Schlüsse sind und wie unmöglich es ist, selbst den Täter herauszufinden. Dafür werden einem einfach viel zu viele Spuren und wichtige Fakten vorenthalten. In einer Kurzgeschichte, die weitgehend aus der Präsentation des Falls, einigen darauf aufbauenden Ermittlungen und, wenige Seiten später, der überraschenden Lösung besteht, fällt das nicht auf. Diese Überraschung ist sogar ein Teil des Lesevergnügens.

Auch Doyles schnörkellose und damit weitgehend zeitlose Sprache und die vielen, die Handlung vorantreibenden Dialoge tragen zu diesem Lesevergnügen bei.

 

Zur aktuellen Ausgabe

 

Die jetzt erschienene Anaconda-Ausgabe enthält alle von Arthur Conan Doyle geschriebenen Sherlock-Holmes-Romane und -Kurzgeschichten in drei Bänden – einer mit den vier Romanen, zwei mit den 56 Kurzgeschichten – in einem Schuber. Das sieht im Regal gut aus. Die Bücher sind minimal größer als andere Hardcover-Bücher und liegen gut in der Hand. Auch das Layout, mit den Bildern der Erstausgaben, ist gelungen und lesefreundlich.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Holmes-Geschichten unzählige Male übersetzt. Für diese Ausgabe wurden frühe, oft sogar die ersten Übersetzungen der Geschichten genommen. Diese Übersetzungen wurden an die aktuellen Rechtschreiberegeln angepasst. Achtzehn Erzählungen wurden, warum auch immer, neu übersetzt. Diese Erzählungen befinden sich in den letzten beiden Sherlock-Holmes-Kurzgeschichtensammlungen.

Die Übersetzungen sind – soweit mein Eindruck von einigen Überprüfungen zwischen dem Original und der Übersetzung – gelungen. Auch wenn manchmal ungebräuchliche Begriffe, z. B. „verabredetermaßen“ (Die Erzählungen I, Seite 330), verwendet werden.

Nicht erklären kann ich allerdings, warum bei „A Scandal in Bohemia“ (Eine Skandalgeschichte im Fürstentum O. [ich folge jetzt dem Titel der Anaconda-Ausgabe]) der erste Absatz fehlt.

Das sind aber letztendlich Details. Insgesamt kann, wer die Holmes-Geschichten noch nicht hat und sie auch nicht im Original lesen möchte, bedenkenlos zugreifen. Der Preis stimmt. Der Schuber sieht mit seinem Retro-Touch im Regal gut aus.

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes – Sämtliche Werke in 3 Bänden (Die Erzählungen I, Die Erzählungen II, Die Romane) (3 Bände im Schuber)

(aus dem Englischen von Heinrich Darnoc, H. O. Herzog, Margarete Jacobi, Adolf Gleiner, Marion Herbert, Heike Holtsch, Christel Kröning, Rudolf Lautenbach, Felix Mayer, Louis Ottmann)

Anaconda Verlag, 2021

2160 Seiten

29,95 Euro

enthält in

Die Romane

Eine Studie in Scharlachrot (A Study in Scarlet, 1887)

Das Zeichen der Vier (The Sign of the Four, 1890)

Der Hund der Baskervilles (The Hound of the Baskervilles, 1902)

Das Tal des Grauens (The Valley of Fear, 1915)

Die Erzählungen I

Die Abenteuer von Sherlock Holmes (Adventures of Sherlock Holmes,1892)

Die Memoiren des Sherlock Holmes (Memoirs of Sherlock Holmes, 1894)

Die Erzählungen II

Die Rückkehr des Sherlock Holmes (The Return of Sherlock Holmes, 1905)

Seine Abschiedsvorstellung (His last Bow, 1917)

Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle (The Case-Book of Sherlock Holmes, 1927)

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

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Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ (His last Bow, 1917)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“ (The Case-Book of Sherlock Holmes, 1927)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


Französisch morden: Nestor „Burma“, erfunden von Léo Malet, gezeichnet von Jacques Tardi

November 9, 2021

Nestor Burma ist ein Privatdetektiv, der offensichtlich von Raymond Chandlers Philip Marlowe inspiriert ist. Allerdings ermittelt Burma nicht in irgendeiner US-amerikanischen Großstadt, sondern in Europa. Bevorzugt in Paris und sein Erfinder Léo Malet hatte die geniale Idee, Burma durch die Pariser Arrondissements ermitteln zu lassen. Pfeife rauchend, immer wieder gut aussehenden Frauen und fiesen Schlägern begegnend und dabei vertrackte Mordfälle aufklärend. Die Romane erschienen zwischen 1943 und 1983; wobei der Großteil in den Vierzigern und, vor allem, den Fünfzigern erschien. Sie spielen daher vor allem in den Fünfzigern; also dem Paris vieler großartiger SW-Kriminalfilme. Ins Deutsche wurden sie teilweise erst Jahrzehnte später, manchmal mehrmals, übersetzt. Aktuell sind im die Distel Literaturverlag erschienenen Neuübersetzungen regulär erhältlich. Ältere Übersetzungen und Ausgaben – am bekanntesten dürften die Rowohlt-Taschenbuchausgaben sein – sind nur noch antiquarisch erhältlich. Da dürften sie allerdings einfach zu finden sein.

Sie wurden auch mehrmals verfilmt. Am erfolgreichsten war die zwischen 1991 und 2003 ausgestrahlte, auf 39 Episoden kommende TV-Serie „Nestor Burmas Abenteuer in Paris“ (Nestor Burma). Guy Marchand spielte den Privatermittler. In Deutschland wurden nur einige wenige der jeweils spielfilmlangen Folgen gezeigt. Léo Malet war an mehreren Drehbüchern beteiligt.

Malet (1909 – 1996) begeisterte sich in jungen Jahren für surrealistisch-anarchistisch-trotzkistische Gruppen, wurde 1930 Mitglied der „Groupe Surréaliste“, begann in den 1940er Jahren mit dem Schreiben von Kriminalromanen und veröffentlichte 1943 mit „120, Rue de la Gare“ seinen ersten Nestor-Burma-Roman, der auch als erster französischer „Roman Noir“ bezeichnet wird.

Und es gibt mehrere Comicversionen der Nestor-Burma-Romane. Die erste war 1982 von Jacques Tardi. Tardi arbeitet immer wieder mit Krimiautoren, unter anderem Didier Daeninckx, Jean-Patrick Manchette, Daniel Pennac, Pierre Siniac und Jean Vautrin, zusammen. Manchmal erstellte er von deren Romanen Comics, manchmal erfanden sie gemeinsam Geschichten. Seinen endgültigen Durchburch hatte er in den Siebzigern mit der, auch von Luc Besson verfilmte, Reihe „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehört, über seinen Vater, „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“.

Tardi veröffentlichte vier Nestor-Burma-Romanadaptionen und einen Comic, der der Welt von Nestor Burma nachempfunden war.

Diese vier Romanadaptionen – „120, Rue de la Gare“, „Wie steht mir Tod?“, „Die Brücke im Nebel“ und „Kein Ticket für den Tod“ hat die Edition Moderne jetzt in einem Sammelband veröffentlicht. Das Buch enthält neben den Comics keine Informationen über die Autoren, die früheren Ausgaben, die Originaltitel und die Bedeutung dieser Comics. Damit wirkt „Burma“ wie eine dieser lieblosen Zusammenstellungen, die einfach noch einmal bekannte Texte in einer billigeren Ausgabe zusammenfügt.

120, Rue de la Gare“ erschien als Roman 1943 und er ist eindeutig ein Zeitdokument. Nestor Burma ist am Anfang der Geschichte in einem Kriegsgefangenenlager. Einer seiner Mitgefangenen hat sein Gedächtnis verloren. Vor seinem Tod sagt er zu Burma „120, Rue de la Gare“. Kurz darauf, Burma wurde inzwischen aus dem Stalag befreit, trifft er in Lyon auf dem Bahnhof einen früheren Angestellten seiner Detektei „Fiat Lux“. Dieser ruft ihm, bevor er hinterrücks erschossen wird, die gleiche Adresse zu. Die mögliche Täterin ist – wir sind in einem Kriminalroman aus den Vierzigern! – eine gutaussehende Frau. Burma will hinter das Geheimnis der Adresse kommen und den Mörder seines Kollegen finden. Die Spur führt nach Paris und in die Vergangenheit.

Die nächsten drei Burma-Geschichten spielen in Paris in den Fünfzigern.

In „Wie steht mir Tod?“ bittet ein halbseidener, älterer Künstler Nestor Burmas Sekretärin um Geld. Kurz darauf ist er spurlos verschwunden.

In „Die Brücke im Nebel“ wird ein Freund aus Burmas lange zurückliegenden Anarchistentagen, den er seit damals nicht mehr gesehen hat, ermordet.

In „Kein Ticket für den Tod“ wird während einer Achterbahnfahrt ein Mordanschlag auf Burma verübt. Burma wehrt sich. Der Angreifer überlebt den Kampf nicht und Burma fragt sich, wer ihn warum umbringen möchte.

120, Rue de la Gare“ ist mit gut zweihundert Seiten der längste Fall des Sammelbandes. Er liest sich, auch weil die Burma-Romane so um die zweihundert Seiten haben, wie eine illustrierte Version des Romans. In den anderen drei Comics, die immer um die siebzig Seiten haben, gelingt die Übertragen von dem einen in das andere Medium besser. Sie lesen sich nicht, wie ein illustrierter Roman, sondern wie eigenständige Geschichten.

Die Fälle sind, aus heutiger Sicht, ein nostalgischer Blick zurück. Tardi und Malet zeigen nicht nur ein Paris, das es nicht mehr gibt, sondern sie erzählen auch ihre Geschichten so, wie sie heute nicht mehr erzählt werden. Schließlich gehört der Hardboiled-Detektiv der fünfziger Jahre, der in diesem Fall sehr gut in Europa funktioniert, der Vergangenheit an. Und gerade das trägt zum Lesevergnügen bei.

Jetzt, nach den vier Nestor-Burma-Comics, habe ich Lust, einen Nestor-Burma-Roman zu lesen.

Léo Malet/Jacques Tardi: Burma

(übersetzt von Martin Budde, Kai Wilksen und Wolfgang Bortlik)

Edition Moderne, 2021

408 Seiten

39 Euro

enthält

120, Rue de la Gare (120, rue de la Gare, 1988)

Wie steht mir Tod? (M’as-tu vu en cadavre?, 2000)

Die Brücke im Nebel (Brouillard au pont de Tolbiac, 1982)

Kein Ticket für den Tod (Casse-pipe à la Nation, 1996)

Hinweise

Edition Moderne über „Burma“

Wikipedia über Léo Malet (deutsch, englisch, französisch), Jacques Tardi (deutsch, englisch, französisch) und Nestor Burma (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Leo Malets „Das Leben ist zum Kotzen“ (La vie est dégueulasse, 1948)

Meine Besprechung von Léo Malets „Die Sonne scheint nicht für uns“ (Le soleil n’est pas pour nous, 1949)


Französisch morden: Philippe Djian: Die Ruchlosen

November 2, 2021

Meistens; – oder anders gesagt: in den Romanen, die ich von Philippe Djian kenne, geht es um Sex, Drogen, Verbrechen, oft Mord, und eigentlich immer um überbordende Gefühle. Sein dritter Roman „Betty Blue“ ist, auch dank der grandiosen Verfilmung von Jean-Jacques Beineix, sein bekanntester Roman. „Oh…“, bzw. Paul Verhoevens Verfilmung „Elle“, dürfte das bekannteste neuere Werk des Schriftstellers sein.

Mit seinem neuen Roman „Die Ruchlosen“, eigentlich eher eine Novelle, kreist er wieder um seine bekannten Themen. Der 32-jährige Marc lebt bei seiner fast zwanzig Jahre älteren Schwägerin Diana. Sie ist Zahnärztin, Witwe, hat eher milde psychische Probleme und sieht, so denkt Marc, für ihr Alter immer noch verdammt gut aus. Er findet sie auch sexuell attraktiv. Allein dieses Zusammenleben mit absehbaren emotionalen und sexuellen Verwicklungen könnte in dem Küstenort schon für Probleme sorgen.

Aber es kommt schlimmer. Denn eines Tages findet Marc am Strand drei Päckchen Koks, die er gewinnbringend anlegen möchte. Das sorgt zwischen Marc, Diana, ihren leicht psychotischen Freunden und einigen Gangstern, denen das Koks gehört, für Ärger. Kurz darauf steht Marc vor der ersten Leiche.

Die Ruchlosen“ oder, im Original, „Die Ungerechten“, nennt Philippe Djian die Gruppe Freunde, die verschieden alt sind, sich in der Kleinstadt gefunden haben und jetzt, mangels gesellschaftlicher Alternativen, miteinander auskommen müssen. Sie alle haben psychischen Probleme und oft auch körperlichen Gebrechen. Sie alle sind auch höchst unsympathisch.

Das wäre kein Problem, wenn Djian es schaffen würde, dass ich mich für sie, ihre Probleme, Wünsche und Ziele interessieren würde. Aber daran scheint er in seinem oft sehr kryptisch geschriebenem Roman kein Interesse zu haben. Auch der Plot ist mehr erahn- als erkennbar.

Insgesamt gehört „Die Ruchlosen“ zu den Romanen von Djian, die mich absolut nicht ansprechen und wenn er nicht so kurz geraten wäre, hätte ich ihn nicht zu Ende gelesen.

Philippe Djian: Die Ruchlosen

(übersetzt von Norma Cassau)

Diogenes, 2021

208 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Les inéquitables

Editions Gallimard, 2019

Hinweise

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens Philippe-Djian-Verfilmung „Elle“ (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016) und der DVD