23 – Nichts ist so wie es scheint(Deutschland 1998)
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Hans-Christian Schmid, Michael Gutman
Die 80er Jahre: Anti-Atomkraft-Demos in Brokdorf und die ersten Heimcomputer im eigenen Zimmer. Der Hannoveraner Karl Koch ist ein Computernerd und Hacker. Nach der Lektüre der „Illuminatus!“-Bücher von Robert Shea und Robert Anton Wilson (Grandios komische Romane. Keine Sachbücher!) sieht er überall Zeichen für Verschwörungen. Als er in den Fokus der östlichen und westlichen Geheimdienste gerät, steigert sich seine Paranoia weiter.
Spannender, auf einer wahren Geschichte basierender Blick in die achtziger Jahre. Damals, also in den Achtzigern und Neunzigern, ware Verschwörungstheorien noch eine Art Gemeinwissen und nach Schmids beeindruckendem Film sah man überall die Zeichen der Verschwörung.
mit August Diehl, Fabian Busch, Dieter Landuris, Jan-Gregor Kremp, Stephan Kampwirth, Peter Fitz, Hanns Zischler, Burghart Klaußner
Melodrama über eine polnische Einwanderin, die 1921 in New York, mangels Alternativen, als Prostituierte ihr Geld verdienen muss und von zwei Männern, ihrem Zuhälter und einem Magier, geliebt wird.
„In Sepiatönen gedrehtes Einwanderer-Melodram, das in der Leidensgeschichte seiner fantastisch gespielten Hauptfigur an die Stummfilmzeit anknüpft. Stilbewusst hält der Film die Waage zwischen Realismus und bewusst eingesetzter Emotionalität“ schreibt das Lexikon des internationalen Films zutreffend über James Grays Film, der, wieder einmal, glänzend besetzt ist, wieder einmal von der Kritik abgefeiert wurde und wie sein vorheriger Film „Two Lovers“ bei uns nicht im Kino lief. Seine nächsten Filme liefen bzw. laufen („Zeiten des Umbruchs“ ist ja erst angelaufen) im Kino.
mit Marion Cotillard, Joaquin Phoenix, Jeremy Renner, Dagmar Dominczyk, Jicky Schnee
Als Stuart Shepard das Telefon in der Telefonzelle abnimmt, wird sein Tag zum Alptraum. Denn es meldet sich ein Erpresser, der sagt, er werde ihn erschießen, wenn er die Telefonzelle verlässt.
Spannender Thriller, dessen erste Idee („ein Film, der in einer Telefonzelle spielt“) Larry Cohen („Die Wiege des Bösen“ [It’s alive], Maniac Cop“, „Final Call“) bereits in den Sechzigern Alfred Hitchcock erzählte. Aber sie wussten nicht, wie sie den Protagonisten in der Telefonzelle festhalten sollten. Michael Bay, dem die Idee auch einmal erzählt wurde, wollte nur wissen, wie man den Protagonisten aus der Telefonzelle bringt. Joel Schumacher („Falling Down“, „Batman forever“) ließ den Protagonisten in der Telefonzelle und inszenierte einen straffen kleinen, herrlich gemeinen Thriller.
mit Colin Farrell, Forest Whitaker, Katie Holmes, Radha Mitchell, Kiefer Sutherland (Stimme des Erpressers im Original)
Avalonia ist ein von unglaublich hohen Bergen umgebenes Fantasieland, das es so nur in alten Hollywood- und Disney-Filmen gibt. Der allgemeine Wohlstand basiert auf einer Entdeckung, die Searcher Clade vor 25 Jahren bei einer Expedition durch den Berg machte.
Damals leitete sein Vater Jaeger Clade, ein wilder Haudegen, ein bärtiger, fröhlicher, trinkfreudiger Entdecker der alten Schule, eine Expedition durch den Berg. Sie wollten wissen, was auf der anderen Seite des Gebirges ist und sie wollten etwas entdecken, das Avalonia Wohlstand verschaffen würde. Searcher entdeckte bei dieser Expedition eine im Eis blühende Pflanze.
Diese Pflanzen, Pando genannt, wurden für das Land eine niemals versiegende Energiequelle, die ihm einen entscheidenden Entwicklungsschub verpasste. Während sie vorher im Mittelalter lebten, leben sie jetzt in einer friedlichen Zukunft, die die Natur nicht ausbeutet.
Aber jetzt verfaulen die Pandos in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Wenn sie den Grund dafür nicht herausfinden, hat Avalonia in wenigen Wochen keine Energie mehr und fällt wieder zurück ins Mittelalter. Um das zu verhindern, wird eine Expedition losgeschickt. Angeführt wird sie von Callisto Mal, der Präsidentin von Avalonia. Dabei ist Searcher, der im Gegensatz zu seinem Vater kein die Welt bereisender Entdecker, sondern ein biederer Familienvater, Farmer und Forscher ist. Aber er hat damals die Quelle des Wohlstands für das Land gefunden und etwas ähnliches könnte ihm jetzt wieder gelingen.
Als blinde Passagiere haben sich sein Sohn, der sechzehnjährige Ethan, seine Frau Meridian, eine begnadete Pilotin, und ihr dreibeiniger Haushund Legend in das Luftschiff eingeschlichen.
Gemeinsam fliegen sie in den Berg und in ein in Richtung Erdmitte führendes Loch, das sie zu dem Ursprung des Pando führen soll.
In dem Loch entdecken sie eine ebenso wunderbare wie gefährliche Welt. Und sie treffen auf Jaeger Clade.
„Strange World“ ist ein Disney-Trickfilm, der an klassische Abenteuergeschichten, wie Sir Arthur Conan Doyles „Die vergessene Welt“ (The Lost World), später entstandene Pulp-Abenteuergeschichten, Hollywood-Abenteuerfilme und Serials, die davon inspirierten Indiana-Jones-Geschichten und, zuletzt, die beiden „Jumanji“-Filme, anknüpft. Auch Don Hall und Qui Nguyen schicken eine Gruppe Menschen auf eine gefährliche Reise. Sie erzählen ihre Geschichte vor allem für ein kindliches Publikum. Für die Eltern, die ihre Kinder begleiten müssen, gibt es auch einiges zu entdecken. Das liegt an der Aufsplittung der Geschichte auf mehrere Hauptpersonen. Denn jedes Mitglied der Familie Clade hat viel Screentime, in der es seine eigenen Abenteuer erlebt. Es wird auch ausführlich auf ihre Problemen und ihren Beziehungen zueinander eingegangen.
Die zentrale Rolle hat Searcher Clade. Er ist nicht nur der Held wider Willen, sondern er muss sich auch um seine Beziehung zu seinem Sohn und zu seinem wieder aufgetauchtem Vater kümmern.
Sein Sohn Ethan fragt sich noch, welchen Lebensweg er gehen soll, also ob er sich eher an seinem Vater oder seinem Großvater orientieren soll, und wie er seiner großen Liebe seine Gefühle gestehen soll.
Und dann kommen noch Jaeger Clade, der die Beziehung zu seinem Sohn überdenken muss, und Meridian hinzu.
Insgesamt ist der Film äußerst divers besetzt und Ethan ist in einen anderen Jungen verliebt. So bietet der Film für jede Gruppe mindestens eine Identifikationsfigur an. Das befriedigt dann die Ansprüche von verschiedenen Gruppen auf eine Repräsentation. Als Film funktoniert dieses Prinzip hier nur eingeschränkt. Denn die Macher schicken jetzt nicht mehr eine Person auf eine abenteuerliche Reise, sondern ein ganzes Ensemble, das gleichzeitig an verschiedenen Orten Abenteuer erlebt. Das führt dazu, dass jede Figur immer wieder lange aus der Geschichte verschwindet und dass es unklar ist, wer die Hauptperson des Films ist.
Ein großes Problem ist die unvermittelte und nicht überzeugende Überraschung im dritten Akt, die, nun, soviel kann gesagt werden, etwas mit Pandos Krankheit zu tun hat. In diesem Moment zeigt sich wieder, dass „Strange World“ kein Pixar-, sondern ein Disney-Film ist, der viel von seinem Potential zugunsten einer episodischen Abenteuergeschichte verschenkt.
Als Kind hätte mich das wahrscheinlich nicht gestört. Schließlich erleben die sympathischen Clades viele gefährliche Abenteuer, es gibt kindgerechten Humor, seltsame Pflanzen und Tiere und eine insgesamt seltsame Welt. Die Familienprobleme und Searcher Clades Selbstzweifel hätte ich dann als Pausen zwischen den Abenteuern ertragen.
Strange World (Strange World, USA 2022)
Regie: Don Hall, Qui Nguyen
Drehbuch: Qui Nguyen
mit (im Original den Stimmen von) Jake Gyllenhaal, Dennis Quaid, Jaboukie Young-White, Gabrielle Union, Lucy Liu, Alan Tudyk
Vor elf Jahren verschwand die achtjährige Sina. Obwohl ihre Leiche nie gefunden wird, ist ihr Mörder, ein geistig behinderter junger Mann, schnell gefunden. Als Tanner bei aktuellen Ermittlungen über diesen alten Fall stolpert, zweifelt er immer mehr, ob damals wirklich der richtige Mann verurteilt wurde.
Gewohnt guter Krimi von Dominik Graf, nach einem Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung. Sie recherchierte für eine Doku über die 2001 spurlos in Oberfranken verschwundene Peggy Knobloch. Diese Recherchen bildeten die Grundlage für „Das unsichtbare Mädchen“.
mit Elmar Wepper, Ulrich Noethen, Ronald Zehrfeld, Silke Bodenstein, Tim Bergmann
Über hunderttausend verkaufte Tickets sind für einen neuen Marvel- oder „Krieg der Sterne“-Film nicht viel. Aber für eine Reihe, die allseits bekannte Filme, die regelmäßig im Fernsehen laufen, wahrscheinlich auf allen gängigen Streamingplattformen erhältlich sind und auf DVD und Blu-ray in den vergangenen Jahren oft mehrmals veröffentlicht wurden, ist das eine sehr erfreuliche Zahl. Sie zeigt auch, dass es ein Interesse daran gibt, altbekannte Filme wieder im Kino zu sehen. Studiocanal sieht das genauso. Deshalb setzten sie die im November 2021 mit Francis Ford Coppolas „The Outsider“ gestartete Reihe mit weiteren Klassikern aus ihrem Programm fort.
Im ersten Halbjahr 2023 werden am ersten Dienstag im Monat folgende Filme gezeigt:
6. Juni: Im Rausch der Tiefe (im Gegensatz zu den anderen Filmen ist er bislang nicht in einer 4K-Restaurierung angeküindigt)
Einige Filme, wie „Terminator 2“ (in einer von James Cameron beaufsichtigten 3D-Fassung) und „Apocalyspe Now – Final Cut“ waren erst vor kurzem als Wiederaufführung in den Kinos. Luc Bessons „Im Rausch der Tiefe“ dürfte dagegen für einige Jüngere eine echte Entdeckung sein.
Ein ganz normaler Sommertag in Clichy-Montfermeil, einem sozialen Brennpunkt östlich von Paris: Polizisten, darunter ein Neuling bei seinem ersten Arbeitstag, und Kleingangster kennen und bekriegen sich.
Rundum überzeugendes Ghettodrama. Einer meiner Kino!filme des Jahres 2020.
Die ersten Bildern des Thrillers zeigen einen Mann, der vor einer malerischen Berglandschaft Fahrrad fährt. Schon bevor die Kamera zurückfährt und zeigt, dass der Mann auf einem Hometrainer sitzt, dachte ich, dass „Shattered – Gefährliche Affäre“ ein ganz schlechter Film ist.
Die folgenden knapp neunzig Minuten bestätigten in beeindruckender Konsequenz diesen ersten Eindruck.
Der Radfahrer ist Chris Decker. Der Tech-Millionär lebt in Montana, abgeschottet von der Welt, in einem auf einem Hügel liegendem Hightech-Haus. Seine Tage als Privatier verbringt er allein mit seinem Computer.
Als er spätnachts im nahe gelegenem Dorf in einem Supermarkt (yeah, keine hundert Einwohner im Umkreis von hundert Kilometern aber ein 24/7-Supermarkt) eine Kleinigkeit einkauft, trifft er auf Sky. Sie plaudern miteinander. Er verliebt sich in die Schönheit. Nachdem ihm ein Bein gebrochen wurde, bietet sie ihm an, zu ihm zu ziehen und ihm die nächsten Wochen im Haushalt zu helfen.
Das ist selbstverständlich keine gute Idee. Denn Sky will ihn ausrauben und umbringen.
„Shattered – Gefährliche Affäre“ ist ein durch und durch vorhersehbarer, formelhafter 08/15-Thriller mit einer kleinen Sexbeigabe, die zu gering ist, um ihn ernsthaft als Erotik-Thriller zu bezeichnen. Erotik-Thriller waren – Ältere erinnern sich mit Schrecken daran – eine in den Neunzigern sehr beliebte Thrillervariante, die nach wenigen gelungenen Werken nur noch dazu diente, Schrottfilme mit etwas nackter Haut und Blut zu verkaufen. Später entstande Filme, die dann direkt auf DVD oder im Fernsehen ausgewertet wurden, waren noch schlechter und belangloser.
Regisseur Luis Prieto verrichtet in seinem neusten Spielfilm Dienst nach Vorschrift. Dabei inszenierte er vorher ein ansehnliches Remake von Nicolas Winding Refn „Pusher“ und den den flotten Thriller „Kidnap“ (mit Halle Berry). Beide Filme sind keine Meisterwerke, aber einen Blick wert und sie machten mich neugierig auf seine weiteren Arbeiten. In den vergangenen Jahren arbeitete Prieto fast ausschließlich für das Fernsehen.
„Shattered – Gefährliche Affäre“ markiert nur auf dem Papier seine Rückkehr ins Kino. Denn letztendlich ist der Thriller ein TV-Film, den man irgendwann guckt, wenn man zu faul ist, um die unter einem Kissen liegende Fernbedienung zu suchen.
mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, David Dencik, Simon McBurney, Kathy Burke, Stephen Graham, Svetlana Khodchenkova, John le Carré (Komparse bei der MI6-Silvesterfeier; also genau aufpassen)
Der Gott des Gemetzels(Carnage, Frankreich/Deutschland/Polen/Spanien 2011)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Yasmina Reza (nach ihrem Theaterstück)
Der Sohn von Nancy und Alan Cowan hat dem Sohn von Penelope und Michael Longstreet zwei Zähne ausgeschlagen. Die kultivierten Eltern treffen sich, um, ganz zivilisiert, eine Versöhnung zwischen ihnen und ihren elfjährigen Kindern auszuhandeln. Der gute Wille ist vorhanden, aber nachdem Kaffee und Kuchen gereicht werden, eskaliert der Streit. Immer wieder unterbrochen vom ständigen Klingeln des Telefons.
Großartiges Schauspielerkino (wobei Kate Winslet für meinen Geschmack etwas blass bleibt), das vier Menschen in ein New-Yorker-Apartment einsperrt. Wunderschön pointiert, schwarzhumorig und bissig geschrieben und von Roman Polanski in einer weiterer seiner Theaterverfilmungen auf den Punkt inszeniert. Atempausen gibt es nach dem Film.
„‚Der Gott des Gemetzels‘ ist ein böser, vergnüglicher, kaum subtiler und durch und durch bürgerlicher Spaß.“ (Birgit Glombitza, epd Film 11/2011)
mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly
Drei Tage und ein Leben(Trois jours et une vie, Frankreich 2019)
Regie: Nicolas Boukhrief
Drehbuch: Pierre Lemaitre, Perrine Margaine
LV: Pierre Lemaitre: Trois jours et une vie, 2016 (Drei Tage und ein Leben)
Kurz vor Weihnachten verschwindet in den belgischen Ardennen ein Kind. Die Suche verläuft ergebnislos. Auch weil der zwölfjährige Antoine, der weiß, was passiert ist, schweigt. Fünfzehn Jahre später kehrt er in das Dorf zurück.
Ruhiger Thriller, der an Claude Chabrols schwarzhumorige Abrechnungen mit dem französischen Bürgertum erinnert. Auch wenn die Geschichte in Belgien spielt.
Buch zum Film: Sam Hedrin: Network, 1976 (Network)
Wegen sinkender Quoten soll eine Nachrichtensendung eingestellt werden. Ihr Sprecher Howard Beale kündigt, weil ihm damit seine Daseinsberechtigung genommen wird, in einer der folgenden Sendungen seinen Selbstmord an. Die Quoten steigen und Beale bekommt seine eigene Sendung. Dass damit eine für alle Beteiligten verhängnisvolle Spirale in Gang gesetzt wird, ahnen sie in diesem Moment nicht.
Bitterböse Mediensatire, die heute immer noch so aktuell (in gewissen Aspekten realistischer, in anderen nicht) wie damals ist.
Der Film war für zahlreiche Preise nominiert, erhielt vier Oscars (männliche und weibliche Hauptrolle, weibliche Nebenrolle und Drehbuch) und den Preis der Writers Guild of America (WGA).
mit Peter Finch, Faye Dunaway, William Holden, Robert Duvall, Wesley Addy, Ned Beatty, Ken Kercheval, Lance Henriksen (Miniauftritt als Anwalt), Tim Robbins (ungeannter Kurzauftritt als Mörder; sein Filmdebüt)
Ein informatives Making of. Den insgesamt sehenswerten Kriegsfilm habe ich hier besprochen.
Im Westen nichts Neues (Deutschland 2022)
Regie: Edward Berger
Drehbuch: Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell
LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929
mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanovic, Adrian Grünewald, Thibault De Montalembert, Devid Striesow, Daniel Brühl
Länge: 148 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Seit dem 28. Oktoger 2022 auf Netflix – und hoffentlich immer noch im Kino.
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Die Vorlage (in der Fassung der Erstausgabe und mit einem umfangreichem Anhang)
Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues
(herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider)
Schon die ersten Bilder von Alejandro G. Iñárritus „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ – der Schatten eines Mannes läuft durch die Wüste, springt in die Luft, schwebt, fliegt, landet, läuft weiter, springt wieder in die Luft, schwebt und fliegt länger, landet wieder, läuft, immer noch ohne einen Schnitt, weiter, springt wieder undsoweiter – sind pures Kino mit einer schwerelosen Kamera und surrealen Bildern, die so eigentlich nicht möglich sind.
Nach diesem die Sinne betörendem Anfang, dem noch viele weitere visuell überwältigende Szenen folgen, schält sich langsam so etwas wie eine Minimalgeschichte heraus. Sie dient vor allem als rudimentäre, aber weitgehend vernachlässigbare Klammer in diesem nicht-narrativem Film. Silverio Gama (Daniel Giménez Cacho) lebt seit Ewigkeiten in Los Angeles. Seine alte Heimat kennt er nur noch aus dem Fernsehen und aus Erinnerungen. Der Mexikaner ist ein bekannter Journalist und Dokumentarfilmer. Inzwischen ist er in dem Alter, in dem er Preise erhält und vor Publikum über seine Filme reden soll. Jetzt soll er in seiner alten Heimat Mexiko-Stadt einen Preis für sein Lebenswerk erhalten.
Dort trifft er auf alte Bekannte, recherchiert für sein neues Projekt, erinnert sich an seine Vergangenheit und dabei verschwimmen, in der Tradition des magischen Realismus, die Grenzen zwischen Erinnerungen, Fantasien darüber und über die Gegenwart und reinen Imaginationen. Es geht auch um die Geschichte Mexikos. Iñárritu inszeniert das in Plansequenzen, langen, kaum geschnittenen Szenen, surrealistischen Bildern und immer wieder zwischen Realität und Fantasie wechselnd. Die Bilder sind, wie bei seinen vorherigen Filmen, beeindruckend und immer für die große Leinwand komponiert.
Wie schon der Titel „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ sagt, erzählt Alejandro G. Iñárritu in seinem ersten Spielfilm nach „The Revenant“ (2015) keine stringente, konventionellen erzählerischen Regeln folgende Geschichte. Im tibetischen Buddhismus ist Bardo das Wort für ein Zwischenstadium zwischen Tod und Wiedergeburt. Daher kann der Film als Meditation darüber angesehen werden. Iñárritu zeigt mehr oder weniger nicht zusammenhängende Ereignisse, die sich immer um die Selbstzweifel eines Regisseurs drehen und die immer aus seiner Perspektive geschildert werden. Dabei ist Silverio Gamas surrealistische Geschichte so abstrakt geraten, dass wahrscheinlich nur ausgewiesene Iñárritu-Experten die erfundenen von den wirklich autobiographischen Teile unterscheiden können. Alle anderen können sich ohne zu Zögern vom Strom der Bilder wegtragen lassen und den Film wie einen psychedelischen Trip genießen.
Seine Premiere hatte „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ am 1. September 2022 in Venedig bei den dortigen Internationalen Filmfestspielen. Dort präsentierte Iñárritu eine gut dreistündige Fassung des Films. Danach kürzte er ihn um ungefähr eine viertel Stunde. Wahrscheinlich entfernte er ein, zwei vollständige Szenen. Schließlich spielt jede Szene mit der Länge, die normalerweise, wie der gesamte Film, überbordend lang und überwältigend ist. Außerdem würde gerade bei den langen, ungeschnittenen oder kaum geschnittenen Szenen jede Kürzung die Stimmung und den Erzählfluss zerstören. Das gilt, um nur zwei Plansequenzen zu nennen, für einen Spaziergang Gamas durch Mexiko-Stadt oder eine siebenminütige Szene, die teilweise in Gamas Kopf spielt, in einer vollen Disco mit David Bowies „Let’s Dance“ als Soundtrack.
„Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ ist ein in jeder Beziehung exzessives, surreales, ohne einen klare Fokus vor sich hin mäanderndes Panoptikum zwischen Vergangenheit, Erinnerung, Fantasie und Tod. Das ist, wie gesagt, faszinierend, auch unterhaltsam und immer wieder witzig, aber mit gut drei Stunden auch ein zu lang geratener Griff in den Zettelkasten des Künstlers, der in dieser Nabelschau einfach ungeordnet präsentiert, was ihm beim Durchsehen seiner Notizen gefallen hat.
Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten (Bardo, falsa crónica de unas cuantas verdades, Mexiko 2022)
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch: Alejandro G. Iñárritu, Nicolás Giacobone
mit Daniel Giménez Cacho, Griselda Siciliani, Ximena Lamadrid, Iker Solano, Luz Jiménez, Luis Couturier, Andrés Almeida, Clementina Guadarrama, Jay O. Sanders, Francisco Rubio, Fabiola Guajardo, Noé Hernández, Ivan Massagué
LV: Elmore Leonard: Hombre, 1961 (Man nannte ihn Hombre)
Arizona, 1880: John Russell (Paul Newman) ist ein Weißer, der als Kind von Apachen entführt wurde und seitdem freiwillig bei ihnen lebt. Aufgrund einer Erbschaft benutzt er mit einigen Weißen die letzte Postkutsche von Sweetmary. Als die Postkutsche von Banditen überfallen wird, muss er sich entscheiden, ob er seinen Mitreisenden helfen will.
Selten gezeigter, von der Kritik gelobter und vom Publikum geliebter Klasse-Western, nach einem Frühwerk von Elmore Leonard. Die Western Writers of America nahmen „Hombre“ in ihre Liste der 25 besten Western auf.
„Ein Markstein wie John Fords ‚Stagecoach‘, nach dessen Rezept er aufgebaut ist und von dem ihn ein Vierteljahrhundert Western-Geschichte trennen. Wieder fährt die Postkutsche durch Arizona, aber diesmal sitzt der Indianer drinnen und die Schurken, von denen es drinnen und draußen wimmelt, sind Weiße.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
mit Paul Newman, Frederic March, Richard Boone, Diane Cilento, Cameron Mitchell, Barbara Rush, Martin Balsam
Die Karte sieht überaus prächtig aus. Die Zutaten und die gereichten Gerichte ebenso. Aber die Ausführung, vor allem das Finale, enttäuscht dann doch etwas.
Angerichtet wird das Menü von Sternekoch Slowik. Mit seinen Angestellten lebt er auf einer Insel. In dem auf der Insel liegendem Edelrestaurant bewirtet er nur wenige Gäste, die dafür einen auch nach Sterne-Niveau astronomisch hohen Preis zahlen.
Für diesen Abend hat Slowik sich ein besonderes Menü ausgedacht. Die an den sechs Tischen sitzenden zwölf Gäste sind sorgfältig ausgewählt. Die einzelnen Gänge des Menüs sind für jeden Gast speziell angerichtet. Sie berücksichtigen seinen Geschmack und sein Leben.
Zu den Gästen gehören ein älteres Ehepaar, das schon mehrmals Slowiks Essen genossen hat, drei unangenehm auffallende Executives einer High-Tech-Firma, ein snobistischer Schauspieler, der nach seiner Schauspielkarriere eine Reise-Food-Sendung moderiert, mit seiner an eine Kündigung denkenden Assistentin, eine aufgedonnerte Restaurantkritikerin mit ihrem Redakteur und ein junger Mann, der ein fanatischer Fan von Slowik und seinem Essen ist. Dieser Foodie, der stundenlang über Essen reden kann, sorgt schon beim Empfang für die erste Irritation im sorgfältig geplanten Ablauf. Er hat nicht seine namentlich angekündigte Freundin, sondern eine Escort-Dame mitgebracht. Für sie ist Essen keine hohe Kunst, sondern schnöde Nahrungsaufnahme. Aber wenn ihr Kunde sie mitnehmen und ihr ihr Essen bezahlen will, dann begleitet sie ihn.
Vor dem Essen zeigt ihnen Slowiks Assistentin die Gärten und die Schlafbaracken des Personals. Den allseits bewunderten und verehrten Slowik sehen sie zum ersten Mal im Restaurant. Dort tritt er als Küchenmeister auf, der gerne laut in die Hände klatscht und ihnen befiehlt, das Essen zu genießen. Das Fotografieren des Essens verbietet er ihnen.
Der Foodie tut es trotzdem (Hey, warum haben Slowiks Leute am Eingang nicht die Handys eingesammelt?). Slowik äußerst sein Mißfallen so nachdrücklich, dass der Essensfotograf eingeschüchtert auf weitere Bilder verzichtet.
Das ist allerdings nur der erste Gang von einem Essen, das mit jedem Gang weiter eskaliert. Der diabolische Küchenmeister hat jedes einzelne Gericht für eine bestimmten Gast komponiert hat. Er kennt die Geheimnisse seiner Gäste, wie Betrug und Ehebruch. Und er verewigt sie in seinen Gerichten.
Außerdem soll der heutige Abend ein besonderer, ein einmaliger, für alle unvergesslicher Abend werden.
Natürlich ist „The Menu“, geschrieben von Seth Reiss und Will Tracy, inszeniert von Mark Mylod, kein realistischer Film, der auch nur im entferntesten ein auch nur halbwegs reales Abendessen nacherzählt. Spätestens nachdem einem Gast ein Finger abgetrennt wird, ist das offensichtlich. „The Menu“ ist eine surrealistische Satire. Das Menü ist nur der Anlass, um etwas über die Gesellschaft zu sagen.
Trotzdem, oder gerade deswegen, fällt spätestens beim Hauptgang auf, dass bei diesem letzten Menü eine wichtige Zutat fehlt.
Denn alle Figuren bleiben leere Schablonen, über die wir kaum etwas erfahren und das, was wir erfahren, erklärt nicht, warum Slowik gerade sie für diesen Abend auserwählte. Sie sind keine Agatha-Christie-Rätselkrimi-Gesellschaft, in der jeder einen guten Grund hat, den Mord zu begehen, sondern eindimensionale Platzhalter für Gäste, die an jedem Abend in jedem Restaurant auftauchen. Natürlich ist ein fanatischer Fan nervig. Aber hat er deshalb den Tod verdient? Das gleiche gilt für einen vermögenden Gast, der nur deshalb in diesem Restaurant isst, weil er es sich leisten kann. Entsprechend rätselhaft und grotesk ist das Missverhältnis von der Bedeutungslosigkeit der Gäste und Slowiks Wunsch, sich an ihnen zu rächen.
Auch Slowik ist nur ein Platzhalter, der gut in die Hände klatschen und fies grinsen kann. Ralph Fiennes freut sich erkennbar, diesen kalten, perfektionistischen Koch zu spielen.
Am Ende ist „The Menu“ eine Übung in Stil über Substanz. Oder, kulinarisch gesagt: sieht gut aus, macht nicht satt.
The Menu (The Menu, USA 2022)
Regie: Mark Mylod
Drehbuch: Seth Reiss, Will Tracy
mit Ralph Fiennes, Anya Taylor-Joy, Nicholas Hoult, Hong Chau, Janet McTeer, Reed Birney, Judith Light, Paul Adelstein, Aimee Carrero, Arturo Castro, Rob Yang, Mark St. Cyr, John Leguizamo
Quasi-dokumentarischer Spielfilm über den jungen Rodeoreiter Brady Blackburn (Brady Jandreau), der nach einem Unfall nicht mehr Rodeo reiten darf und seinen Versuchen, sich damit zu arrangieren.
Chloé Zhao erzählt mit Laiendarstellern, die sich letztendlich selbst spielen, vom deprimierend trostlosen Leben im US-amerikanischen Hinterland. Da ist, bis auf die leinwandfüllenden Sonnenuntergänge, alles deprimierend trostlos. Vom Mythos des Rodeoreiters, den Sam Peckinpah schon in „Junior Bonner“ entmystifizierte und dem Brady und seine Freunde wie einer Religion anhängen, bleibt nichts mehr übrig.
Dank der Schauspieler, den leinwandfüllenden Bildern, Zhaos geduldigem Einlassen auf die Laiendarsteller und ihr Leben und ihrem sie, ihr Leben und ihre Ansichten nie verurteilendem Blick ist der Neo-Western „The Rider“ ein aufbauender, zutiefst humanistischer Film.
Für ihren nächsten Film „Nomadland“ erhielt Zhao 2021 unter anderem den Oscar in den Kategorien bester Spiefilm und beste Regie.
mit Brady Jandreau, Lilly Jandreau, Tim Jandreau, Lane Scott, Cat Clifford, Terri Dawn Pourier