Cover der Woche

April 6, 2021


TV-Tipp für den 6. April: The Big Lebowski

April 5, 2021

Nitro, 00.55

The Big Lebowski (The Big Lebowski, USA 1998)

Regie: Joel Coen

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Rotten Tomatoes über „The Big Lebowski“

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Jesus rolls – Niemand verarscht Jesus“, aber der Dude ist ganz weit weg

April 5, 2021

Jesus Quintana kennen wir als den durchgeknallten Bowler aus „The Big Lebowski“. Jetzt hat er, ungefähr zwanzig Jahre nach seinem ersten und bislang einzigem Auftritt, seinen eigenen Film bekommen. John Turturro, der die Rolle schon seit Ewigkeiten wieder spielen wollte und ungefähr so lange diesen Film (nicht unbedingt mit dieser Story) plante, spielt ihn wieder. Er schrieb auch das Drehbuch und übernahm die Regie.

Diese Dreierbelastung kann jetzt die Vorlage für einen äußerst gelungenen Film – siehe fast das gesamte Werk von Woody Allen – oder ein Desaster sein. In diesem Fall ist es letzteres. Das mag auch daran liegen, dass Jesus ein echter Großkotz ist und er hier ein Umfeld bekommt, um noch großkotziger zu werden. Denn wer soll ihn kontrollieren? Der Regisseur, der ein Drehbuch möglichst wortgetreu verfilmen will? Wohl kaum.

Die Komödie beginnt mit der Entlassung von Jesus Quintana aus dem Gefängnis. Der Direktor (Christopher Walken) gibt ihm einige gute Ratschläge mit auf seinen künftigen Weg.

Vor dem Gefängnis wird er von von seinem Kumpel Petey (Bobby Cannavale) erwartet und sie beginnen ungefähr da, wo sie vor Jesus‘ Knastaufenthalt aufhörten. Sie klauen jedes Auto, das sie sehen, baggern jede Frau an, die sie treffen und zeigen durchgehend einen erschreckenden Mangel an Respekt vor Recht und Gesetz und den Regeln des guten Antstands.

Das alles erzählt Turtorro als eine episodischen Reigen mit vielen kurzen Auftritten bekannter Schauspieler. Dabei sind Audrey Tautou, die zu ihrer Begleiterin wird und damit die dritte Hauptrolle hat, Jon Hamm, Susan Sarandon, Pete Davidson, Sonia Braga, J. B. Smoove, Tim Blake Nelson und Gloria Reuben.

Schnell drängt sich der Verdacht auf, dass sie beim Dreh viel Spaß hatten. Der überträgt sich allerdings nicht auf den heimischen Bildschirm. Keine Pointe zündet. Keine Entwicklung ist sichtbar, während sich eine austauschbare Episode an die nächste reiht.

Dabei sind die Dialoge recht freizügig und die Schauspieler noch freizügiger. Für einen US-Film ist eine erstaunliche Menge nackter Haut zu sehen. Das und die offenherzige Libertinage des Trios Turturro/Cannavale/Tautou erinnert an europäische Filme. Vor allem aus den siebziger Jahren, als in Betten und der freien Natur im Zuge der sexuellen Befreiung (und Provokation des konservativen Bürgertums) viel nackte Haut gezeigt wurde.

Und wirklich: die Vorlage für „Jesus rolls“ ist Bertrand Bliers Hit „Die Ausgebufften“ (Les Valseuses, Frankreich 1974) mit Gérard Depardieu, Patrick Dewaere und Miou-Miou als freizügiges Trio. Ein Klassiker des französischen Kinos und ein Film, der mir vor Jahren gut gefallen hat.

Den sollte ich mir jetzt mal wieder ansehen.

Von „Jesus rolls“ kann das nicht gesagt werden. Nach knapp achtzig Minuten (ohne Abspann) bleibt die Erkenntnis, dass Jesus weiterhin besser eine Comicfigur auf der Bowlingbahn in „The Big Lebowski“ geblieben wäre. Mehr wollten wir eigentlich nie über ihn wissen. Die Coen-Brüder wussten das. Ihre Mitwirkung an „Jesus rolls“ beschränkte sich darauf, Turturro die Benutzung der von ihnen erfundenen Figur zu erlauben.

Jesus rolls – Niemand verarscht Jesus (The Jesus Rolls, USA 2019)

Regie: John Turturro

Drehbuch: John Turturro (nach dem Film „Les Valseuses“ von Bertrand Blier)

mit John Turturro, Bobby Cannavale, Audrey Tautou, Pete Davidson, Jon Hamm, Susan Sarandon, Sonia Braga, Christopher Walken, J. B. Smoove, Tim Blake Nelson, Gloria Reuben, Michael Badalucco, Nicolas Reyes, Tonino Baliardo

DVD (erscheint am 8. April)

EuroVideo

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 82 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Blu-ray identisch. Digital ab 25. März verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „Jesus rolls“

Metacritic über „Jesus rolls“

Rotten Tomatoes über „Jesus rolls“

Wikipedia über „Jesus rolls

Meine Besprechung von John Turturros „Plötzlich Gigolo“ (Fading Gigolo, USA 2013)


Die Krimibestenliste April 2021

April 5, 2021

Die einen suchen Ostereier, die anderen studieren die aktuelle, vom Deutschlandfunk Kultur präsentierte Krimibestenliste:

1 (1) Merle Kröger: Die Experten

Suhrkamp, Berlin 2021

688 Seiten, 20 Euro

2 (-) S.A. Cosby: Blacktop Wasteland

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Ars Vivendi, Cadolzburg 2021

320 Seiten, 22 Euro

3 (-) Matthias Wittekindt: Vor Gericht

Kampa, Zürich 2021

318 Seiten, 19,90 Euro

4 (-) Tom Hillenbrand: Montecrypto

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021

448 Seiten, 16 Euro

5 (2) Stephen Greenall: Winter Traffic

Aus dem Englischen von Conny Lösch

Suhrkamp, Berlin 2021

494 Seiten, 16,95 Euro

6 (3) Patrícia Melo: Gestapelte Frauen

Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita

Unionsverlag, Zürich 2021

252 Seiten, 22 Euro

7 (8) Orkun Ertener: Was bisher geschah – und niemals geschehen darf

Fischer Scherz, Frankfurt am Main 2021

334 Seiten, 20 Euro

8 (-) Simone Buchholz: River Clyde

Suhrkamp, Berlin 2021

230 Seiten, 15,95 Euro

9 (-) Chan Ho-kei: Die zweite Schwester

Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld

Atrium, Zürich 2021

592 Seiten, 25 Euro

10 (-) James McBride: Der heilige King Kong

Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence

btb, München 2021

448 Seiten, 22 Euro

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Und ich lese im Bereich der Schönen Literatur unter anderem Marvin H. Alberts „Der Schnüffler“ (ein Krimi, aber schon 1984 auf Deutsch erschienen), Stephen Kings „Später“ (im Original bei Hard Case Crime erschienen, aber doch eher eine Horrorgeschichte; Besprechung folgt) und Jon Bassoffs „Factory Town“ (bei Polar erschienen und obwohl auf dem Cover „Kriminalroman“ steht auch eine Horrorgeschichte; Besprechung folgt)


TV-Tipp für den 5. April (+ Buchkritik): Der Schnüffler

April 4, 2021

Arte, 21.40

Der Schnüffler (Tony Rome, USA 1967)

Regie. Gordon Douglas

Drehbuch: Richard Breen

LV: Marvin H. Albert: Miami Mayhem, 1960 (später wegen der Verfilmung „Tony Rome“, Der Schnüffler)

Der auf einem Boot in Florida lebende Privatdetektiv Tony Rome (Frank Sinatra) soll eine wertvolle Diamantbrosche finden, die Diana Pines auf einer nächtlichen Sauftour verloren hat. Sie ist die Tochter des vermögenden Bauunternehmers Kosterman. Der hat ihn mit der Suche beauftragt. Bei seinen Ermittlungen, hey, wir sind in einem PI-Krimi!, findet Rome einiges über die Kostermans heraus, die Leichen stapeln sich, er wird mehrmals zusammengeschlagen (der unerfreuliche Teil der PI-Arbeit) und er erhält reihenweise eindeutige Angebote von gutaussehenden Frauen (der erfreuliche Teil der PI-Arbeit).

Seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigter durchwachsener Privatdetektiv-Krimi; kein Klassiker, aber ein Film, der irgendwie immer da ist und erfolgreich genug für eine Fortsetzung (Die Lady im Zement, USA 1968, Regie: Gordon Douglas) war. Aus heutiger Sicht gibt es wohl wohlige Erinnerungen an die Sixties und Bilder von Miami, bevor „Miami Vice“ Verbrecher jagte.

mit Frank Sinatra, Jill St. John, Richard Conte, Gena Rowlands, Simon Oakland, Jeffrey Lynn, Sue Lyon

auch bekannt als „Tony Rome – Der Schnüffler“

Die Vorlage

Wer schon alle Abenteuer von Sam Spade, Philip Marlowe, Lew Archer und Travis McGee kennt, sie jetzt nicht noch einmal lesen will und auf Entzug ist, für den ist „Der Schnüffler“ geschrieben. Marvin H. Albert erfand 1960 mit Tony Rome einen typischen Hardboiled-PI, schlecht verdienend, illusionslos, spielsüchtig, auf einem Boot lebend (Hey, wir sind in Florida!) und der Schwarm aller Frauen (die natürlich alle verdammt gut aussehend sind). Das ist in jeder Beziehung typisch für die damalige Zeit, flott geschrieben und ein nostalgisches Lesevergnügen. Wenn ihr den Roman also in irgendeiner Ramschkiste entdeckt und diese Art von Krimis mögt, solltet ihr unbedingt zuschlagen.

Albert schrieb drei Tony-Rome-Krimis.

Marvin H. Albert: Der Schnüffler

(übersetzt von Wolfgang Crass)

Heyne, 1984

224 Seiten

5,80 DM

(nur noch antiquarisch erhältlich – und, ja, nach dem Cover ist das die Deutsche Erstausgabe)

Originalausgabe

Miami Mayhem

Fawcett Gold Medal, 1960

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Schnüffler“

Wikipedia über „Der Schnüffler“ (deutsch, englisch)

Thrilling Detectives über Tony Rome

Meine Besprechung von Gordon Douglas‘ „Derek Flint – Hart wie Feuerstein“ (In like Flint, USA 1966)


TV-Tipp für den 4. April: Die Frau in Gold

April 3, 2021

Arte, 20.15

Die Frau in Gold (Woman in Gold, GB/USA 2015)

Regie: Simon Curtis

Drehbuch: Alexi Kaye Campbell

Die im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohene Jüdin Maria Altmann hätte gerne wieder das titelgebende Klimt-Gemälde von ihre Tante Adele. Dummerweise ist das Jugendstilgemälde inzwischen zu einer Ikone der österreichischen Identität geworden und Österreich denkt gar nicht daran, Altmann das Gemälde zurückzugeben.

Gutes, gefällig inszeniertes, auf einem wahren Fall basierendes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu

Wiederholung: Dienstag, 6. April, 13.50 Uhr

Hinweise
Moviepilot über „Die Frau in Gold“
Metacritic über „Die Frau in Gold“
Rotten Tomatoes über „Die Frau in Gold“
Wikipedia über „Die Frau in Gold“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Die Frau in Gold“
Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „My Week with Marilyn“ (My Week with Marilyn, GB 2011)

Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „Die Frau in Gold“ (Woman in Gold, GB/USA 2015)


TV-Tipp für den 3. April: Brexit – Chronik eines Abschieds

April 2, 2021

One, 20.15

Brexit – Chronik eines Abschieds (Brexit: The uncivil war, Großbritannien 2019)

Regie: Toby Haynes

Drehbuch: James Graham

TV-Premiere. Packendes satirisches, äußerst dicht und flott erzähltes Drama über die Kampagne, die dazu führte, dass die Briten am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten. Im Mittelpunkt des Films steht der skrupellose Spindoktor Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch, grandios!), der die manipulaitve und vor Lügen strotzende „Vote Leave“-Kampagne zum Erfolg führte. 

mit Benedict Cumberbatch, John Heffernan, Rory Kinnear, Simon Paisley Day, Lee Boardman

Wiederholung: Freitag, 9. April, 21.00 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Brexit – Chronik eines Abschieds“

Wikipedia über „Brexit – Chronik eines Abschieds“


DVD-Kritik: Ich sah „Über die Unendlichkeit“

April 2, 2021

Soll das der Sinn des Lebens sein? Eine Abfolge trivialer Momente, in denen eine Verkäuferin auf dem Bürgersteig eine Blume bestäubt oder ein weinender Mann in einem voll besetzten Bus sitzt? Oder ein Pfarrer seinen Glauben verloren hat? Oder einige Mädchen auf der Straße vor einem ländlichen Café zu einem banalen Lied tanzen? Oder ein auf einer Bank sitzendes Paar, das auf die Stadt blickt? Oder eine Oma, die Bilder von einem Baby macht, das von seinem Vater in die Luft gehalten wird? Oder ein eskalierender Ehestreit in einer Markthalle an einem Fischstand? Oder ein Mann, der seiner Tochter im strömenden Regen die Schuhe bindet?

In seinem neuesten Film „Über die Unendlichkeit“ reiht Roy Andersson solche und ähnliche, zwischen Absurdität und Trivialität changierende Szenen aneinander. Die Kamera ist statisch. Der Bildausschnitt ist genau gewählt. Im Bild bewegt sich meistens nichts. Sie wirken damit eher wie vertonte Fotografien, die mit ihren ausgebleichten Farben und dem kargen Mobiliar an die Filme von Aki Kaurismäki erinnert. Auch der lakonische Tonfall erinnert an die Werke des finnischen Regisseurs.

Nur dass Andersson in seinem neuesten Film vollkommen auf eine Geschichte verzichtet. Er verzichtet sogar, bis auf ein, zwei Ausnahmen darauf, dass bestimmte Figuren mehrmals auftauchen. Das war in seinem vorherigen Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ anders. In „Über die Unendlichkeit“ gibt es nur eine Abfolge von minimalistischen Szenen, die wie zufällige Alltagsbeobachtungen wirken. Aber es sind hochgradig künstliche Verdichtungen dieser Alltagsbeobachtungen. Ablenkende Gesten, Geräusche, Gegenstände, Worte und, bei den Schauspielern, Emotionen wurden entfernt. Es ist nur noch der Kern vorhanden. Der ist dann mal düster, mal heiter, mal witzig, mal absurd und zutiefst menschlich. Die kurzen Vignetten ergeben ein deprimierend-witziges Panoptikum der Menschlichkeit zwischen Krieg und Frieden. Auf eine eindeutige Botschaft verzichtet Andersson dabei.

So entfalten die bewegunslosen Bilder und die meist ruhig und bedächtig gesprochenen Sätze schnell eine fast schon meditative Wirkung.

Der 1943 im schwedischen Gothenburg geborene Andersson drehte 1970 und 1975 die den mit vier Preisen auf der Berlinale ausgezeichnten Spielfilm „Eine schwedische Liebesgeschichte“ und den verrissenen „Giliap“. Danach arbeitete er sehr erfolgreich als Werbefilmer. Ingmar Bergman hielt ihn den „besten Werbefilm-Regisseur der Welt“. 1981 gründete Andersson in Stockholm das Studio 24, das ihm künstlerische Freiheit und Kontrolle gewährte. Zur Jahrtausendwende wandte er sich wieder dem Spielfilm zu. Die Kritiken für „Songs from the Second Floor“, „Das jüngste Gewitter“, „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ und jetzt „Über die Unendlichkeit“ waren euphorisch. „Über die Unendlichkeit“ hatte seine Premiere 2019 in Venedig. Dort erhielt er den Preis für die beste Regie.

Die DVD (und Blu-ray) enthält ein interessantes Interview mit Roy Andersson und ein „Behind the Scenes“-Featurette, das in diesem Fall sehr sehenswert ist. Es zeigt nämlich, dass die Szenen des Films nicht vor Ort, sondern ausschließlich im Studio gedreht wurden und sehr genau Bildausschnitte, Hintergründe und Schauspieler ausgewählt wurden. Sie zeigen den Künstler Andersson bei der Arbeit.

P. S.: In der aktuellen Ausgabe des „Lexikons des internationalen Films“ (Besprechung folgt) steht „Über die Unendlichkeit“ in der Liste der zwanzig besten Kinofilme des Jahres 2020.

Über die Unendlichkeit (Om det oändliga, Schweden/Deutschland/Norwegen/Frankreich 2019)

Regie: Roy Andersson

Drehbuch: Roy Andersson

mit Bengt Bergius, Anja Broms, Tatiana Delaunay, Jan-Eje Ferling, Thore Flygel, Lotta Forsberg, Martin Serner

DVD

good!movies/Neue Visionen Medien

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interview mit Roy Andersson, Behind the Scenes, Audiodeskription, Untertitel für Hörgeschädigte

Länge: 73 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Auch als Blu-ray und VoD erhältlich.

Hinweise

Filmportal über „Über die Unendlichkeit“

Moviepilot über „Über die Unendlichkeit“

Metacritic über „Über die Unendlichkeit“

Rotten Tomatoes über „Über die Unendlichkeit“

Wikipedia über „Über die Unendlichkeit“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 2. April: All is lost – Überleben ist alles

April 1, 2021

3sat, 23.35

All is lost – Überleben ist alles (All is lost, USA 2013)

Regie: J. C. Chandor

Drehbuch: J. C. Chandor

Großartiger Quasi-Stummfilm mit Robert Redford als Segler, dessen Schiff im Ozean von einem Container gerammt wird und unerbittlich sinkt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit vielen Videoclips).

mit Robert Redford

Hinweise

Moviepilot über „All is lost“

Metacritic über „All is lost“

Rotten Tomatoes über „All is lost“

Wikipedia über „All is lost“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „A most violent Year“ (A most violent Year, USA 2014)


TV-Tipp für den 1. April: Schindlers Liste

März 31, 2021

Kabel 1, 20.15

Schindlers Liste (Schindler’s List, USA 1993)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Steven Zaillian

LV: Thomas Keneally: Schindler’s Ark, 1982 (später Schindler’s List) (Schindlers Liste)

Holocaustdrama über den deutschen Industriellen Oskar Schindler, der in Polen über 1100 Juden vor den Vernichtungslagern rettete, indem er sie als Zwangsarbeiter rekrutierte und dabei alles riskierte.

„in jeder Hinsicht bemerkenswert und legt eine künstlerische Strenge und ein unsentimentales Verständnis an den Tag, das es von allen bisherigen Filmen des Regisseurs abhebt. (…) Trotz seiner Länge von über drei Stunden bewegt sich der Film schnell voran und ist keine Minute zu lang für die Geschichte, die er erzählt, und die Menge von Informationen, die er vermittelt.“ (Todd McCarthy, Variety)

Steven Spielberg zum Kinostart der restaurierten Fassung im Januar 2019: „Es ist schwer zu glauben, dass es 25 Jahre her ist, seit ‚Schindlers Liste‘ in die Kinos kam. Die wahren Geschichten über das Ausmaß und die Tragödie des Holocaust dürfen nie vergessen werden, und die Lehren des Films über die entscheidende Bedeutung der Bekämpfung des Hasses hallen auch heute noch nach. Ich fühle mich geehrt, dass das Publikum die Reise noch einmal auf der großen Leinwand erleben kann.“

mit Liam Neeson, Ben Kingsley, Ralph Fiennes, Caroline Goodall, Jonathan Sagalle, Embeth Davidtz

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Schindlers Liste“

Wikipedia über „Schindlers Liste“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 31. März: Kikujiros Sommer

März 30, 2021

Arte, 22.55

Kikujiros Sommer (Kikujiro no Natsu, Japan 1999)

Regie: Takeshi Kitano

Drehbuch: Takeshi Kitano

Der Yakuza und Taugenichts Kikujiro muss auf den achtjährigen Masao, der seine Mutter sucht, aufpassen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg.

In seinem achten Spielfilm bleibt Takeshi Kitano der Welt der Yakuza zwar treu, aber die Gesichte ist keine brutal-lakonische Gangstergeschichte, sondern ein wunderschön verspieltes Roadmovie, in dem ein Mann neue Seiten an sich kennen lernt.

ein wunderhübsch dahinplätscherndes, loses Reisejournal, surreale Slapstickeinlagen und eine große Portion despotischen Kitano-Humors sorgen ständig für Überraschungen.“ (Robert Weixlbaumer, tip 24/99)

Davor, um 22.00 Uhr, zeigt Arte die brandeue Doku „Takeshi Kitano – Japans unangepasster Star“ (Frankreich 2020).

mit Beat Takeshi, Yusuke Sekiguchi, Kayoko Kishimoto, Yuko Daike, Kazuko Yoshiyuiki

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Kikujiros Sommer“

Wikipedia über „Kikujiros Sommer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Takeshi Kitanos „Outrage Beyond“ (Autoreiji: Biyondo, Japan 2012)


DVD-Kritik: „Oeconomia“ oder Woher kommt das Geld?

März 30, 2021

Manche jammern, sie seien knietief im Dispo. Andere fragen sich, warum am Ende des Geldes noch soviel Monat übrig sei und Carmen Losmann („Work Hard – Play Hard“) fragt sich, woher das Geld kommt. Denn die Zeiten, in denen das Papiergeld durch Gold gedeckt ist, sind lange vorbei. In Diskussionen wird nicht mehr darauf hingewiesen, dass der Staat jederzeit in unbegrenzter Menge Geld drucken könne. Trotzdem steigt auf dem Papier die Geldmenge.

Auf der Suche nach einer Antwort, fragte Losmann die Menschen, die es eigentlich wissen müssten: Volkswirte, Vermögensverwalter, Finanzvorstände und Banker. Dabei hat ihre naive „Wo kommt das Geld her?“-Frage enthüllendes Potential. Sie klingt wie eine Frage aus der „Die Sendung mit der Maus“, die dort, selbstverständlich didaktisch fein aufbereitet, schlüssig beantwortet wird. Die vonLosmann befragten Männer sind allerdings keine Didaktiker, sondern studierte Betriebs- und Volkswirte, die wahrscheinlich zum ersten Mal nach den Grundlagen ihres Fachs gefragt werden und sich mit den naiven Nachfragen beschäftigen müssen. Dabei wird zuerst die Kluft zwischen Betriebs- und Volkswirten offensichtlich. Die Betriebswirte, die sich nur um die Geldflüsse in einem Unternehmen kümmern, verstehen die Frage offensichtlich nicht. Für sie ist Geld einfach da. Mit ihm werden die Produkte, die sie herstellen, bezahlt. Wenn ihre Bilanzsumme steigt, bieten sie offensichtlich ein Produkt an, das viele Menschen kaufen wollen. Auch wenn es ein Kauf auf Kredit ist.

Die Volkswirte können die Frage besser beantworten. Sie können die Geldschöpfung erklären. In ihrer einfachsten Form geht es so, dass eine Bank mir für mein Versprechen, ihr später mehr Geld (oder etwas vergleichbares) zu geben, einen Kredit gibt. Den schreibt sie in ihre Bücher und sie erzeugt damit Geld. „Die Bank braucht kein Geld, um einen Kredit zu vergeben. Sie produziert Geld dadurch, dass sie einen Kredit vergibt“, sagt der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer.

Die Experten können allerdings nicht erklären, warum diese Methode sinnvoll ist und welche Folgen sie hat. Sie können zwar manchmal erklären, welche ökonomischen Folgen das hat. Für die sozialen und politischen Folgen sind sie, wie der Dokumentarfilm „Oeconomia“, weitgehend blind.

Abgesehen von dem Spaß-Faktor, der zeigt, wie überheblich einige dieser Fachleute sind und wie leicht sie durch eine kindliche Frage aus dem Konzept gebracht werden können, ist das Erklären der Grundlagen unseres Wirtschaftssystems ausführlicher als nötig.

Hier hätten einige Wissenschaftler und Fachjournalisten analytisch mehr gebracht.

Ergänzt wird ihre Tour durch die Welt der Banken durch eine sechköpfige Gruppe, die in einer Fußgängerzone Monopoly mit geänderten Regeln spielt und über die Folgen der geänderten Regeln, die zeigen sollen, wie die Wirtschaft funktioniert, diskutieren. Dabei kommen sie zur Erkenntnis, dass das aktuelle System ein konstantes Wachstum und eine damit verbundene Verschuldung braucht. Das funktioniert allerdings nur solange, wie alle mitmachen.

Am Ende des Films sagt eine Spielerin (und eine der beiden Frauen des Films), es müsse über Alternativen nachgedacht werden. Das ist dann die Aufgabe eines anderen Films. In „Oeconomia“ geht es nur um die Analyse des Systems.

Oeconomia (Deutschland 2020)

Regie: Carmen Losmann

Drehbuch: Carmen Losmann

mit Samirah Kenawi, Jean-Marc Decressonnière, Thomas Mayer, Peter Praet, Armin Schlenk, Joachim Fels, Mathias Rusterholz, Nicolas Peter, Michael Heise, Andrew Bosomworth, Dag Schulze, Marc Sierszen, Lino Zeddies, Stefan Krause, Elsa Egerer

DVD

good!Movies

Bild: 1,85:1 in 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch/Englisch

Bonusmaterial: Audiodeskription, Untertitel für Hörgeschädigte, Trailer

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Auch als VoD erhältlich.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Oeconomia“

Moviepilot über „Oeconomia“

 


DVD-Kritik: „Dracula“, neu erzählt von den „Sherlock“-Machern

März 30, 2021

1897 besucht der junge Anwalt Jonathan Harker Transsylvanien. Dort soll er Graf Dracula treffen und den Kauf eines Anwesens in England abzuschließen. In dem Schloss geschehen seltsame Dinge und der sich rapide verjüngende und immer besser aussehende Gastgeber verhält sich noch seltsamer. Schließlich ist er ein Vampir, weshalb er süchtig nach Blut ist, das Tageslicht scheut und sich immer wieder in eine Fledermaus verwandelt.

Die anschließende Schiffspassage nach England, mit dem Grafen und viel heimischer Erde, verläuft ohne große Probleme. Auch wenn dieses Mal das Schiff ein Mikrokosmos der Gesellschaft ist und Graf Dracula sich durch seine Mitreisenden saugt.

In England kommt er hundertzwanzig Jahre später an und trifft dort auf seinen alten Gegner Van Helsing.

So weit, so bekannt.

Schließlich kennen wir die Geschichte von Graf Dracula aus Bram Stokers Roman und den zahlreichen Verfilmungen. Jedenfalls gehen die Macher der BBC-Miniserie „Dracula“ davon aus.

Die Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat, von denen auch „Sherlock“ stammt, erzählen die bekannte Geschichte neu, zitieren bekannte Versionen, variieren bekannte Situationen, erfinden einige neue Situationen, verlegen die ursprünglich im 19. Jahrhundert spielende Geschichte teilweise ins 21. Jahrhundert und garnieren sie mit brillanten Dialogen und Einzeilern.

Aus dem Vampirjäger Van Helsing machen sie eine Frau. In den ersten beiden spielfilmlangen Episoden der Miniserie ist sie eine wunderschön schnippische, taffe und kluge Nonne. In der dritten Episode ist sie nicht mehr Schwester Agatha Van Helsing, sondern Dr. Zoe Van Helsing, Wissenschaftlerin der Jonathan-Harker-Stiftung. Gespielt wird sie von Dolly Wells. Claes Bang spielt Dracula als verführerisches Monster mit spürbarer Lust am distinguiert triebgesteuertem, hyperpotentem Blutrausch und guten Gesprächen. Gerne mit Van Helsing.

Gatiss und Moffat erzählen die Geschichte in drei weitgehend in sich abgeschlossenne spielfilmlangen Episoden, die von verschiedenen Regisseuren inszeniert wurden. Jonny Campbell, Damon Thomas und Paul McGuigan übernahmen die Regie.

Die erste Episode spielt in einem Nonnenkloster, in dem Harker Van Helsing von seinen Erlebnissen in Draculas Schloss erzählt. Die zweite Episode schildert vor allem die Schiffspassage von Graf Dracula nach England und wie er sich durch die Besatzungsmitglieder und Mitreisenden ißt. Die dritte Episode spielt dann im London der Gegenwart.

Das ist durchgehend unterhaltsam, düster, sexuell aufgeladen, aber, und das muss der Ehrlichkeit halber auch gesagt werden, nicht so catchy wie „Sherlock“. Passagenweise gerät die Geschichte, wenn einige Situationen und Gespräche über Gebühr gedehnt werden, sogar etwas länglich. Das liegt an der Entscheidung, die Geschichte an wenigen Orten spielen zu lassen (letztendlich spielen die ersten beiden Episoden an drei Orten: Draculas alptraumhaft-verwinkeltem Schloss, dem Nonnenkloster und dem Schiff) und der Struktur mit den drei neunzigminütigen, in sich abgeschlosenen Filmen, die dann doch eine Geschichte erzählen.

Das Bonusmaterial besteht aus einem Audiokommentar und sechs kurzen, rein werblichen Featurettes, die man in 25 Minuten durchgesehen hat.

Dracula (Dracula, Großbritannien 2020)

Regie: Jonny Campbell, Damon Thomas, Paul McGuigan

Drehbuch: Mark Gatiss, Steven Moffat

LV: Bram Stoker: Dracula, 1897 (Dracula)

mit Claes Bang, Dolly Wells, John Heffernan, Morfydd Clark, Joanna Scanlan, Lujza Richter, Jonathan Aris, Sacha Dhawan, Mark Gatiss

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (^,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: 6 Behind-the-Scenes-Featurettes, Audiokommentar mit Cast & Crew zu Episode 3

Länge: 270 Minuten (3 x 90 Minuten) (2 DVDs)

FSK:ab 16 Jahre

Blu-ray identisch.

Hinweise

BBC über „Dracula“

Rotten Tomatoes über „Dracula“

Wikipedia über „Dracula“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul McGuigans „Viktor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“ (Victor Frankenstein, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul McGuigans „Film Stars don’t die in Liverpool“ (Film Stars don’t die in Liverpool, Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Dario Argentos „Dario Argentos Dracula“ (Dracula 3D, Italien 2012)

Meine Besprechung von Gary Shores „Dracula Untold“ (Dracula Untold, USA 2014)

Meine Besprechung von Roy Thomas/Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ (Bram Stoker’s Dracula 1-4, 1993)


Cover der Woche

März 30, 2021


TV-Tipp für den 30. März: Fahrstuhl zum Schafott

März 29, 2021

Servus TV, 22.05

Fahrstuhl zum Schafott (L’ascenseur pour l’échafaud, Frankreich 1958)

Regie: Louis Malle

Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle

LV: Noel Calef: Ascenseur pour l’echafaud, 1956 (Fahrstuhl zum Schafott)

Julien hat den perfekten Mord begangen. Aber danach geht alles gründlich schief: er bleibt in einem Fahrstuhl stecken und sein Auto wird von Halbstarken geklaut.

Malles Regiedebüt ist inzwischen ein Noir-Krimiklassiker und einer der stilbildenden Filme der Nouvelle Vague. Musikalisch fabelhaft begleitet von Miles Davis und einer aus europäischen Musikern bestehenden Band.

Louis Malle erzählt in knapp neunzig Minuten vier Geschichten. Entsprechend dicht, assoziativ und oft schon hastig, fast wie ein Bebop-Stück, ist „Fahrstuhl zum Schafott“ erzählt. Da gibt es keine überflüssigen Bilder. Eher schon umgekehrt – und gerade das macht „Fahrstuhl zum Schafott“, abgesehen von seinem Rang als Filmklassiker, auch heute noch gut ansehbar. Außerdem ist die Noir-Philosophie immer noch aktuell.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Mit Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Lino Ventura, Charles Denner, Jean-Claude Brialy (Gast in der Bar)

Wiederholung: Mittwoch, 31. März, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fahrstuhl zum Schafott“

Wikipedia über „Fahrstuhl zum Schafott“ (deutsch, englisch, französisch)

Film-Noir über „Fahrstuhl zum Schafott“

Roger Ebert über „Fahrstuhl zum Schafott“

Noir of the Week: Guy Savage über „Fahrstuhl zum Schafott“

Criterion: Terrence Rafferty über „Fahrstuhl zum Schafott“

Meine Besprechung von Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (L’Ascenceur pour l’échafaud, Frankreich 1957)

Meine Besprechung von Roger Vadim, Louis Malle und Federico Fellinis „Außergewöhnliche Geschichten“ (Histoires Extraordinaires, Frankreich/Italien 1968)


TV-Tipp für den 29. März: Nachtschicht: Blut und Eisen

März 28, 2021

ZDF, 20.15

Nachtschicht: Blut und Eisen (Deutschland 2021)

Regie: Lars Becker

Drehbuch: Lars Becker

Kevin Kruse, nicht gerade die hellste Birne in Hamburg, gelernte Koch und Nazi, nimmt kurz vor einem Bewerbungsgespräch ein Video auf, in dem er droht, den künftigen Arbeitgeber umzubringen, wenn er den Job nicht erhält. Nun, das mit dem Job geht schief. Kruse hat das mit der Morddrohung auch nicht ganz ernst gemeint. Das ändert nichts daran, dass er mit seinem Online-Video eine Dynamik in Gang setzt, in der ein arbeitsloser Koch, seine hochschwangere Freundin, mehr oder weniger kriminelle Menschen mit Migrationshintergrund und kriminelle Nazis, die teilweise gerade für das Parlament kandidieren, sich einen munteren Reigen liefern.

Mitten drin versucht Kommissar Erichsen (Armin Rohde) in der ersten Nacht mit seinen neuen Kolleginnen Tülay Yildirim (Idil Üner) und Lulu Koulibaly (Sabrina Ceesay) den Überblick zu behalten.

Gewohnt pointiert humorig respektloser Krimi, der alles hat, was wir seit Jahren an der von Lars Becker verantworteten „Nachtschicht“-Reihe lieben.

Mit Armin Rohde, Idil Üner, Sabrina Ceesay, Özgür Karadeniz, Albrecht Ganskopf, Aurel Manthei, Marleen Lohse, Kais Setti, Tristan Seith, Navid Navid, Bernhard Schir, Jule Böwe, Frederic Linkemann, Katharina Heyer

Hinweise

ZDF über „Nachtschicht“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 28. März: John Wick

März 27, 2021

Pro7, 22.55

John Wick (John Wick, USA 2014)

Regie: Chad Stahelski, David Leitch (ungenannt)

Drehbuch: Derek Kolstad

Als der missratene Sohn eines Mafiosos den Hund von John Wick tötet, packt der Ex-Killer John Wick seine eingelagerten Waffen wieder aus.

Actionfilm der wegen seines Stils und seiner furiosen Actionszenen begeistert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe, Dean Winters, Adrianne Palicki, Omer Barnea, Toby Leonard Moore, Daniel Bernhardt, Bridget Moynahan, John Leguizamo, Ian McShane

Wiederholung: Freitag, 2. April, 22.45 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „John Wick“

Metacritic über „John Wick“

Rotten Tomatoes über „John Wick“

Wikipedia über „John Wick“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick“ (John Wick, USA 2014)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 2“ (John Wick: Chapter 2, USA 2017)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 3“ (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, USA 2019) und der Blu-ray


TV-Tipp für den 27. März: Der Untertan

März 26, 2021

3sat, 20.15

Der Untertan (Deutschland 1951)

Regie: Wolfgang Staudte

Drehbuch: Wolfgang Staudte, Fritz Staudte

LV: Heinrich Mann: Der Untertan, 1914 (Buchausgabe 1918)

Das Leben von Diederich Hessling, einem Mann, der schon früh lernte, dass man nach oben buckeln muss und nach unten treten darf.

Schon der Roman war ein Skandal und mit dem Film wiederholte sich die Geschichte. Denn der Defa-Film lief erst 1957 in Westdeutschland an. Um elf Minuten gekürzt und mit einem erklärendem Vorspann versehen. Davor hätten die Bonner Filmprüfer eine Aufführung in deutschen Kinos am liebsten vollkommen verhindert. Und vielen zeitgenössischen Kritikern gefiel die satirische, aber auch sehr treffende Charakterstudie des Untertans, eines Typen, der die zwei Weltkriege und die Nazi-Herrschaft, ermöglichte, überhaupt nicht.
„’Der Untertan‘ gehört zu den bedeutendsten Nachkriegsfilmen.“ (Christa Bandmann/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Tonfilms 1930 – 1960, 1980). Die Einschätzung stimmt heute immer noch.

mit Werner Peters, Paul Esser, Sabine Thalbach, Friedrich Maurer, Renate Fischer

Hinweise

Filmportal über „Der Untertan“

Wikipedia über „Der Untertan“ (deutsch, englisch)


Martha C. Nussbaum betrachtet das „Königreich der Angst“

März 26, 2021

Martha C. Nussbaum ist Professorin für Rechtswissenschaft und Ethik an der Universität von Chicago. Zu ihren Werken zählen „The Fragility of Goodness“ (1986), „Sex and Social Justice“ (1998, teilweise übersetzt in „Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge“). „Hiding from Humanity: Disgust, Shame, and the Law“ (2004), „From Disgust to Humanity: Sexual Orientation and Constitutional Law“ (2010), „Creating Capabilities. The Human Development Approach“ (2011, Fähigkeiten schaffen: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität) und „Political Emotions: Why Love matters for Justice“ (2013, Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist). In den vergangenen Jahren erhielt die Philosophin zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden.

Sie sieht sich als Aristotelikerin und ist überzeugt, dass die Ethik die Ebene der Emotionen in ihr Denken einbeziehen muss. Dabei verwendet sie den von ihr zusammen mit Amartya Sen entwickelten Fähigkeitenansatz (Capability Approach). Der Ansatz nennt die ‚Fähigkeiten‘, über die jeder Bürger einer Gesellschaft verfügen können muss, um diese Gesellschaft dann als minimal gerecht zu bezeichnen. Es geht ihr dabei um ‚Fähigkeiten‘ und nicht unbedingt um deren Ausübung. ‚Fähigkeiten‘ sind unter anderem ‚Emotionen‘ („In der Lage sein, Beziehungen zu Dingen und Personen außerhalb unserer selbst zu haben, diejenigen zu lieben, die uns lieben und sich um sie zu sorgen, ihre Abwesenheit zu betrauern…keine Beeinträchtigung der eigenen emotionalen Entwicklung durch Furcht und Angst erleiden zu müssen.“) und ‚Praktische Vernunft‘ („In der Lage sein, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und die Planung des eingen Lebens kritisch zu hinterfragen.“).

Sie sieht ihre Theorie als einen guten Ausgangspunkt für Verfassungsgrundsätze, die dann nicht nur für die USA, sondern für alle Gesellschaften gelten sollten. Entsprechend abstrakt sind sie. Und das ist auch ein Problem von ihrem neuesten Buch „Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise“.

Der Anlass für ihr Buch war die Wahl von Donald J. Trump zum Präsidenten der USA. Sie fragte sich, wie es zu seiner Wahl kommen konnte. Oder anders gesagt: wie Emotionen Demokratien destabilisieren können. Als das Buch 2018 in den USA erschien, war es eine direkte Intervention.

Jetzt, nach Trumps Abwahl, könnte es die Aktualität der Tageszeitung von letzter Woche besitzen. Allerdings versuchen Philosophen immer, ihre Gedanken in einen größeren Zusammenhang zu stellen und Trumps Wahl war das Ergebnis einer langen Entwicklung, die natürlich jetzt nicht zu Ende ist. Durch die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten hat das Buch sogar eine zusätzliche Dimension gewonnen.

Ihre Kernthese ist, „dass Angst ein Gefühl ist, das die Demokratie mehr als jedes andere bedroht. Die Angst ist eine in evolutionärer Hinsicht primitive Emotion, und sie spielt bereits in der frühen Entwicklung des Einzelnen eine Rolle. Sie behält ihre mächtige archaische Struktur bis in das Erwachsenenalter hinein bei und wird noch mächtiger, wenn sie durch das wachsende Bewusstsein unserer Sterblichkeit verstärkt wird. Angst ist kein Gefühl, das wir unterdrücken sollten, da sie uns zu vielen sinnvollen Entscheidungen führen kann. Sie ist jedoch durch politische Rhetorik sehr leicht manipulierba und neigt dau, Verhältnisse, in denen es um Vertrauen und Gegenseitigkeit geht – und diese machen den Kern demokratischer Selbstverwaltung aus – zu destabilisieren. Ich behaupte, dass Angst zu einem Königreich passt, in dem ein absoluter Herrscher sie wach halten muss. Für die Demokratie stellt sie jedoch eine große Gefahr dar.

Außerdem durchdringt und verdirbt die Angst auch andere Gefühle wie Zorn, Ekel und Neid und macht sie zu einem politischen Gift.“

Als Gründe für den Wahlerfolg von Donald Trump sieht sie starke Gefühle. Vor allem Angst, Zorn, Ekel und Neid waren wichtig. Und sie macht Vorschläge, was zur Überwindung dieser zerstörerischen Gefühle getan werden kann.

Nach dem überwältigendem Wahlsieg von Joe Biden stellen sich zwei weitere Fragen: Kann Bidens Wahlsieg mit Nussbaums Politikvorschlägen erklärt werden? Und wie sollen sich die Wahlgewinner, die Demokraten, gegenüber den Republikanern und den Wählern der Republikaner verhalten? Vor allem nachdem Trump und die Republikaner eine beispiellose Lügenkampagne über die Wahl begannen, der im Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 seinen vorläufigen Höhepunkt hatte, und die jetzt eine reine Obstruktionspolitik verfolgen.

Diese Frage führt zum Kern von Nussbaums Buch und zu einem großen Problem ihrer „Gedanken zur politischen Krise“. Sie führt die Handlungen von Trump, seinen Unterstützern und Wählern nicht auf politische Ziele, sondern auf Gefühle zurück. Angst, Zorn, Ekel und Neid sind nach ihrer Ansicht die Emotionen, die die aktuelle politische Krise erklären können. In ihrer übersteigerten Form sind diese Emotionen sehr destruktiv. Sie sind allerdings nicht angeboren, sondern anerzogen in den ersten Monaten unseres Lebens.

Damit ist ein Teil der Lösung eine Therapie bei einem Psychiater.

In der Politik also der parlamentarischen Politik, in der es nach Wahlen Mehrheiten gibt und diese ihre Politikvorstellungen durchsezten können, ist das anders. Da geht es immer um Macht, Verfahren und Lösungen. Hier den politischen Gegner zu einer Therapiesitzung einzuladen, ist dann einigermaßen abstrus. Die logische Frage wäre dann nicht „Was wollen Sie mit ihrem Vorschlag erreichen?“ sondern „Welche Gefühle wurden in ihrer Kindheit verletzt?“ oder „Warum hassen Sie Frauen?“.

Diese Fragen, die in einem Parlament oder Öffentlichkeit vollkommen unangemessen wären, führen zu einem weiteren Problem vom „Königreich der Angst“. Nussbaums Analyse geschieht auf einem so hohen Abstraktionslevel, dass jeder hineinintrepetieren kann, was er mag. Unmittelbare, auch nur halbwegs konktrete Handlungsempfehlungen folgen nicht aus ihrer Analyse. Schließlich sind Emotionen subjektive Empfidungen.

Diese Emotionen sind niemals ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ in irgendeinem objektiven Sinn. Und damit bleibt als Antwort auf das „Königreich der Angst“ in Nussbaums Welt nur ein „Königreich der Liebe (und des Verständnisses und der freundlich-hilfsbereit ausgestreckten Hand)“. Bei eine Kneipenschlägerei, in der sich die republikanische Seite in einem Wahngebilde eingerichtet hat, und das ist die US-amerikanische Politik im Moment, hilft der Ratschlag kaum weiter. Auch wenn die Demokraten im Moment die Hand zur Kooperation ausgestreckt haben, den Menschen helfende Politkkonzepte präsentieren, durchsetzen und sich ansonsten nicht von dem Lärm der Republikaner irritieren lassen.

Martha C. Nussbaum: Königreich der Angst – Gedanken zur aktuellen politischen Krise

(übersetzt von Manfred Weltecke)

btb, 2020

304 Seiten

14 Euro

Deutsche Erstausgabe

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2019

Originalausgabe

Monarchy of Fear. A Philosopher looks at our political Crisis

Simon & Schuster, New York, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Königreich der Angst“

Wikipedia über Martha C. Nussbaum (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 26. März: Das Wiegenlied vom Totschlag

März 25, 2021

BR, 22.50

Das Wiegenlied vom Totschlag (Soldier Blue, USA 1970)

Regie: Ralph Nelson

Drehbuch: John Gay

LV: Theodore V. Olson: Arrow in the Sun, 1969 (nach dem Filmstart auch als „Soldier Blue“ veröffentlicht)

Nur der Rekrut Honus Gant (Peter Strauss) und Cresta Lee (Candice Bergen) überleben einen Überfall der Cheyenne auf einen Geldtransporter der US-Army. Anschließend versuchen sie zum nächsten Fort zu gelangen.

Das Wiegenlied vom Totschlag“ ist der bekannteste Film des TV-Routiniers Ralph Nelson. Bekannt wurde der Western wegen seiner ausführlich gezeigten Gewalt und seiner vehementen Anklage gegen die Armee. Formal ist der Film dann zu uneinheitlich, um wirklich zu überzeugen. Aber sehenswert ist er allemal.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Candice Bergen, Peter Strauss, Jorge Rivero, John Anderson, Donald Pleseance, Dana Elcar

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Wikipedia über „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ralph Nelsons „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (Soldier Blue, USA 1970)