Seien wir ehrlich; – auch wenn es offensichtlich ist: Jim Jarmusch hat letztes Jahr bei den Fimfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen für seinen neuen Film „Father Brother Sister Brother“ nicht für den Film, sondern für sein Lebenswerk erhalten. Wahrscheinlich mit einer leichten Torschusspanik bei dem Festival, dass sie bislang Jarmusch noch nicht ausgezeichnet haben. Dabei ist Jim Jarmusch einer der großen zeitgenössischen Indie-Regisseure, er ist schon über siebzig Jahre alt und er war in den vergangenen Jahren sehr unproduktiv. Jedenfalls in punkto Spielfilme.
Sein neuester Film „Father Mother Sister Brother“ besteht aus drei Kurzfilmen, die an verschiedenen Orten in den USA und Europa spielen und mit verschiedenen Schauspielern gedreht wurden. Immer geht es um Kinder und ihre Eltern. Immer tauchen durch das Bild fahrende Skater auf und immer ist irgendwann eine nicht immer echte Rolex im Bild. Wichtig für die Geschichte sind die Skater und die Rolex nicht. Es sind eher Dinge, die auftauchen müssen, weil der Geldgeber es so wollte.
In dem ersten, in einer abgelegenen Hütte in New Jersey spielenden Film, besuchen die Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) ihren allein lebenden Vater (Tom Waits). Sie wollen wissen, ob er Hilfe benötigt. Die zweite Episode spielt in Dublin. Die beiden Schwestern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) absolvieren den alljährlichen Pflichtbesuch bei ihrer furchteinflößenden Mutter (Charlotte Rampling) in ihrer noblen Wohnung. In der dritten und längsten Episode des Films geht es nach Paris zu den Zwillingen Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat). Sie wollen die Wohnung ihrer tödlich verunglückten Eltern auflösen.
Bis auf die erste Geschichte ist keiner dieser Kurzfilme irgendwie auf eine Pointe hin erzählt. Und auch die Pointe in der ersten Geschichte ist schon von der ersten Minute an, wenn Tom Waits seine Wohnung für den Besuch seiner Kinder in einen schlechteren Zustand aufräumt, absehbar. Es sind drei Betrachtungen von Familienkonstellationen, in denen nichts Aufregendes passiert. Es sind Skizzen, in denen einfach einige Beobachtungen und eine Situation geschildert werden. Es sind auch typische Jarmusch-Geschichten. Dieses Mal in der kurzen und auf eine Situation konzentrierten Form, die er bereits in früheren Filmen pflegte. „Night on Earth“ und „Coffee and Cigarettes“ sind hier zu nennen. Diese Episodenfilme und Kurzfilme sind Nebenwerke.
Auch „Father Mother Sister Brother“ ist ein hochkarätig besetztes Nebenwerk, das vor allem für Jarmusch-Fans, sieben Jahre nach seinem letzten Spielfilm „The Dead don’t die“, ein willkommenes Lebenszeichen ist und das die Wartezeit auf seinen nächsten Spielfilm verkürzt.
Father Mother Sister Brother(Father Mother Sister Brother, USA/Deutschland/Italien/Irland/Frankreich 2025)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
mit Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps, Sarah Greene, Indya Moore, Luka Sabbat, Françoise Lebrun
Seltsame Planung oder ein dummer Zufall. Jedenfalls starten heute zwei Filme mit Cate Blanchett. Der eine ist ein stylischer Agententhriller, in dem ein Verräter gesucht wird. Der andere eine misslungene Nicht-Satire auf Politiker und Gipfeltreffen.
Auf Einladung der deutschen Kanzlerin Hilda Ortmann (Cate Blanchett) gastieren die Staatschefs der G7-Nationen im Sommer in Dankerode in einem Luxushotel. Die Ankunft der Staatsgäste in dem von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschirmten Hotel und das gemeinsame Essen verlaufen nach Protokoll. Eine auf dem Gelände gefundene Moorleiche sorgt für etwas historisches Amüsement.
Als Ortmann und ihre hochrangigen Gäste Maxime Laplace, Premierminister von Kanada (Roy Dupuis), Cardosa Dewindt, Premierministerin von Großbritannien (Nikki Amuka-Bird), Edison Wolcott, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (Charles Dance), Tatsuro Iwasaki, Premierminister von Japan (Takehiro Hira), Sylvain Broulez, Staatspräsident der Französischen Republik (Denis Ménochet), Antonio Lamorte, Ministerpräsident von Italien (Rolando Ravello), Jonas Glob, Präsident des Europäischen Rates (Zlatko Burić) und Celestine Sproul, Präsidentin der Europäischen Kommission (Alicia Vikander) am Abend bemerken, dass sie allein sind, sind sie zunächst mild irritiert. Anscheinend haben ihre Mitarbeiter und das Hotelpersonal das Gelände verlassen. Aus dem Wald kommen seltsame Geräusche.
Wie werden die Staatschefs auf die ungewohnte Situation reagieren?
Das fragen sich die Politiker, die sich erst einmal mit dem Erstellen einer Erklärung beschäftigen Nach Anlaufschwierigkeiten wird sie zu einer atemberaubend nichtssagenden Ansammlung allgemein zustimmngsfähiger Platitüten.
Das fragen sich die Zuschauer, die sich fragen, wohin sich die Geschichte bewegen soll, während die Regisseure sich wahrscheinlich köstlich über die Zuschauer amüsieren, die eine irgendwie realistische Geschichte erwarten. Denn ihr „Tanz der Titanen“ ist ein surrealistisches Werk, das damit quer zu den üblichen Erzählkonventionen liegt. Es beginnt als sanfte Politsatire, die wohlwollend den freundschaftlichen Umgang der Politiker untereinander zeigt, und sie in einer sehr künstlichen Sprache voller Floskeln reden lässt. Als sie bemerken, dass sie allein sind, mutiert der Film zu einem Horrorfilm, in dem sie sich fragen, was in dem dunklen Wald auf sie lauert. Und sie fragen sich, ob sie überhaupt etwas tun oder nicht einfach besser in dem malerisch am See gelegenem Pavillon abwarten sollen, bis jemand kommt.
Und dann entdecken sie ein riesiges Gehirn, das aus einem Fünfziger-Jahre-B-Picture stammen könnte. Ab und an werden Stil und Genre gewechselt, ohne dass sich etwas an dem Grundproblem der Komödie ändert. Guy Maddin, Evan Johnson und Galen Johnson hatten nur eine Idee für einen SNL-Sketch ohne eine Pointe. Diese dehnten sie auf Spielfilmlänge. Die spielfreudigen Schauspieler kämpfen erfolglos gegen die allumfassende Langeweile an. Denn auch absurde Filme sollten mehr bieten als die endlose Wiederholung des immergleichen Gags ohne eine nennenswerte Variation.
Erarbeitet, geschrieben und inszeniert wurde „Tanz der Titanen“ von Guy Maddin, Evan Johnson und seinem Bruder Galen Johnson. Maddin ist der bekannteste Künstler des Regie-Trios, das in den vergangenen zehn Jahren gemeinsam „The Forbidden Room“ (2015), „The Green Fog“ (2017) und das interaktive Internetprojekt „Seances“ (2016) realisierte. Maddins bekannteste Filme sind „The Saddest Music in the World“ (2003) und „My Winnipeg“ (2007).
Tanz der Titanen (Rumours, USA/Kanada/Deutschland/Großbritannien/Ungarn 2024)
Regie: Guy Maddin, Evan Johnson, Galen Johnson
Drehbuch: Evan Johnson (nach einer Geschichte von Guy Maddin, Evan Johnson und Galen Johnson)
mit Cate Blanchett, Roy Dupuis, Nikki Amuka-Bird, Charles Dance, Takehiro Hira, Denis Ménochet, Rolando Ravello, Zlatko Burić, Alicia Vikander
Um Geheimagenten und ihre Spiele geht es in Steven Soderberghs neuem Film „Black Bag – Doppeltes Spiel“.
Der britische Geheimagent George Woodhouse (Michael Fassbender, bieder mit Michael-Caine/Harry-Palmer-Brille) soll innerhalb einer Woche einen Verräter in den eigenen Reihen finden, der das streng geheime und gefährliche Schadprogramms „Severus“ gestohlen hat. Pikant wird der Auftrag, weil auch seine Frau Kathryn St. Jean (Cate Blanchett) zu dem Kreis der Verdächtigen gehört und er sie möglicherweise töten muss. Als sein Chef ihn fragt, ob er ein Problem damit habe, verneint Woodhouse. Ob er lügt, wissen wir nach schlanken neunzig Minuten Filmzeit.
Woodhouse kennt auch die anderen vier Verdächtigen. Teils sind er und St. Jean mit ihnen befreundet. Er lädt sie zu einem ersten Abendessen bei ihnen ein.
Die Gäste sind Freddie Smalls (Tom Burke), ein ehemaliges hoffnungsvolles Nachwuchstalent mit chaotischem Privatleben, die junge, sexuellen Abenteuern gegenüber sehr aufgeschlossene Kollegin Clarissa Dubose (Marisa Abela), Dr. Zoe Vaughan (Naomie Harris), die Psychiaterin der Belegschaft, die Kraft ihrer Arbeit alle Geheimnisse kennen sollte, und ihr Liebhaber Colonel James Stokes (Regé-Jean Page). Nicht bei dem Abendessen, aber natürlich auch potentiell verdächtig, ist ihr Vorgesetzter Arthur Stieglitz (Pierce Brosnan).
Und schon beginnt das Spiel, in dem jeder jeden betrügt, jeder mindestens fünf Backup-Pläne hat und munter so viele falsche Spuren ausgelegt werden, dass selbst der geneigte Zuschauer sich irgendwann fragt, ob wenigstens der Drehbuchautor – in diesem Fall Blockbuster-Profi David Koepp („Jurassic Park“, „Mission: Impossible“, „Spider-Man“) – den Überblick behalten hat. Das ist in anderen Agententhriller, wie John le Carrés mehrfach verfilmten Agentenroman „Dame, König, As, Spion“, ähnlich schwierig nachzuverfolgen, und führt, kompetent gemacht, zu zwei gelungenen Kinostunden. Wenn es schlecht gemacht ist, ist der Film ein verwirrender, schnell vergessener Langweiler.
Die Möglichkeit, dass „Black Bag – Doppeltes Spiel“ ein Langweiler wird, ist denkbar gering, weil Langweiler sich nicht im Portfolio von David Koepp und Steven Soderbergh befinden. Einige Fehlschlage, erinnert sei an die letzten beiden „Indiana Jones“-Film für die Koepp die Bücher schrieb (einmal allein, einmal mit anderen Autoren), und missglückte Experimente und überflüssige Filme, wie Soderberghs letzten „Magic Mike“-Film, schon.
„Black Bag“ ist jetzt, nach „Kimi“ und „Presence“, in schneller Folge die dritte Zusammenarbeit von Koepp und Soderbergh.
David Koepp schrieb eine verschachtelte Geschichte, in der es nicht auf Schauwerte und Action, sondern auf die Dialoge und das Spiel der Schauspieler ankommt. Die erste Inspiration für „Black Bag“ hatte Koepp in den neunziger Jahren bei seinen Recherchen für „Mission: Impossible“. Als er mit Spionen über ihre Arbeit sprach, erfuhr er auch, wie schwierig für sie ein normales Leben ist: „All der Spionagekram war für sich genommen schon sehr cool. Noch dazu habe ich aber mehr über die Menschen erfahren, als ich je erwartet hätte. Eine Frau hat mir zum Beispiel erzählt, dass ihre Arbeit es ihr unmöglich macht, eine Beziehung zu führen. Eine Zeile im Film geht auf meine Gespräche mit ihr zurück: ‚Wenn man bei allem lügt – wie soll man dann bei irgendetwas die Wahrheit sagen?‘ Denken Sie mal darüber nach. Wenn man zum Beispiel eine heimliche Affäre beginnen möchte, dann könnte das gar nicht einfacher sein. Man sagt ganz einfach: ‚Ich bin jetzt mal für drei Tage weg. Du darfst mich aber nicht fragen, wo ich hingehe, du hast nämlich keine Befugnis dazu.‘“
Ausgehend von Koepps damals gewecktem Interesse an dem Privatleben der Agenten, nehmen die Beziehungen und damit verbundene Beziehungsprobleme einen großen Raum in der Geschichte ein. Ihr Privatleben, Sex und Beziehungen machen sie potentiell erpressbar. Weil sie nur mit ihren Kollegen über ihre Arbeit sprechen können, sind im Geheimdienst Beziehungen zu Kollegen erwünscht, die natürlich wiederum ausgenutzt werden können. Das trifft auf alle Dinnergäste und die beiden Einlader zu.
Soderbergh inszeniert Koepps Geschichte als elegantes Schauspielerkino mit Starbesetzung. Auf den Humor früherer Filme, wie zuletzt in dem Noir-Gangsterkrimi „No Sudden Move“ (mit dem auch für diesen Film passendem Plakat-Untertitel „Vertrauen ist eine Falle“) oder seine zunehmend spaßigen Ocean’s-Filme, vierzichtet er hier. „Black Bag“ ist ein intellektuelles Spiel mir reduziert spielenden Schauspielern, unterkühlt inszeniert in, für mein Gefühl, durchgängig zu dunklen Bildern.
Black Bag – Doppeltes Spiel(Black Bag, USA 2025)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: David Koepp
mit Michael Fassbender, Cate Blanchett, Tom Burke, Marisa Abela, Regé-Jean Page, Naomie Harris, Kae Alexander, Ambika Mod, Gustaf Skarsgard, Pierce Brosnan
LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)
New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.
Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.
Der talentierte Mr. Ripley (The talented Mr. Ripley, USA 1999)
Regie: Anthony Minghella
Drehbuch: Anthony Minghella
LV: Patricia Highsmith: The talented Mr. Ripley, 1955 (Nur die Sonne war Zeuge, Der talentierte Mr. Ripley)
Eigentlich sollte der mittellose Tom Ripley den reichen Reedersohn Dickie Greenleaf nur aufspüren und wieder nach Hause bringen. Aber sie sehen sich so verdammt ähnlich und Ripley gefällt das Leben als reicher Müßiggänger.
Zweite Verfilmung des ersten Tom Ripley-Romanes (hier: Matt Damon, 1960 in der legendären Erstverfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“ von René Clement war es Alain Delon) – dieses Mal als klassisches Hollywood-Kino, welches die Atmosphäre der 50er perfekt rekonstruiert. „Der talentierte Mr. Ripley“ ist im Wesentlichen nettes, etwas langatmiges, nicht sonderlich fesselndes Ausstattungskino.
Der Film war unter anderem für den Edgar Alan Poe Award nominiert.
Mit Matt Damon, Gwyneth Paltrow, Jude Law, Cate Blanchett, Philip Seymour Hoffman, Jack Davenport, James Rebhorn, Philip Baker Hall, Lisa Eichhorn
Welcome to Pandora, einem dieser Wüstenplaneten, die wie eine Müllhalde aussehen und die bevorzugt von gefährlichen Tieren, furchtlosen Glücksrittern und debilen Verbrechern bevölkert werden. Alles auf Pandora ist lebensgefährlich oder will dich umbringen. Trotzdem kommen immer wieder Menschen nach Pandora. Auf dem Planeten soll es nämlich ein unglaublich wichtiges, die Welt veränderndes Ding geben, das alle unbedingt haben wollen und das bis jetzt, obwohl jedes Sandkorn umgedreht wurde, noch nicht gefunden wurde.
Außerdem ist dort die Tochter von dem bösen Konzernchef Atlas (Edgar Ramírez). Sie wurde von Roland (Kevin Hart) entführt. Die supertaffe Kopfgeldjägerin Lilith (Cate Blanchett, wenig überzeugend) soll die Dreizehnjährige zu ihrer Familie zurückbringen. Dass ihr Auftraggeber Atlas nicht ehrlich ist und dass Tiny Tina (Ariana Greenblatt) ein psychotisch durchgeknalltes kleines Mädchen mit seltsamen Freunden und explosiven Gewohnheiten ist, erfährt Lilith erst während des Abenteuers. Das verschlägt sie auf ihrem alten Heimatplaneten, den sie niemals wieder besuchen wollte.
Das liest sich jetzt wahrscheinlich wie eine Ansammlung gut abgehangener Klischees, die nach B-Movie-Lehrbuch und für kostengünstige Dreharbeiten verfügbaren Kiesgruben an einem langen Wochenende zu einem Drehbuch zusammenkopiert wurde. Die nach diesem Prinzip entstandenen Filme waren früher das Spielmaterial für Bahnhofskinos und Mitternachtsvorstellungen.
Das ist Eli Roths neuer Film „Borderlands“ auch. Er basiert auf dem gleichnamigen Computerspiel, das gar nicht so schlecht sein soll. Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass in einem Computerspiel diese Mischung aus primitiven Tough-Guy-Dialogen, mit überschaubarem Nachdenken zu lösenden Suchaufgaben und rasant aufeinander folgenden potentiell tödlichen Herausforderungen gut funktioniert. Jedenfalls wenn man nach der Arbeit bei einem Spiel einfach abschalten möchte.
Im Film funktioniert dieses Update von 80er-Jahre-Endzeit-Filmen, gemischt mit „Star Wars“-Space-Opera-Anspielungen, nicht.
Denn alles in „Borderlands“ ist bekannt aus „besseren“ Filmen. Roths Update beschränkt sich auf die exzessive Nutzung von nicht besonders gut aussehendem CGI, dem Weglassen einiger heute nicht mehr akzeptabler Sprüche und, wenn aus dem Helden eine Heldin wird, einem überschaubarem Geschlechterwechsel. Es gibt auch weniger Sex und Gewalt als damals. Im Endergebnis ist „Borderlands“, mit einem deutlich höherem Budget, die jugendfreie Version eines doofen 80er-Jahre-Actionfilms.
Dazu gibt es eine erkleckliche Menge bekannter Schauspieler, die vielleicht endlich einmal in einem dieser Filme mitspielen wollten, die sie als Jugendliche im Kino oder auf der Couch gesehen haben und die hofften, dass bei den Dreharbeiten, die von April bis Juni 2021 in Budapest waren (2023 gab es einen zweiwöchigen von Tim Miller überwachten Nachdreh), aus dem Drehbuch durch irgendein Wunder ein unterhaltsamer Film entstehen könnte. Sie irrten sich.
„Borderlands“ ist es nur eine weitere schlechte, belanglose und schnell vergessene Spieleverfilmung. Das kennen wir aus den achtziger und neunziger Jahren, in denen eine schlechte Spieleverfilmung einer desaströsen Spieleverfilmung folgte. Die Fans des Spiels weinten, weil aus ihrem tollen Spiel ein schlechter Film wurde. Die Buchhalter weinten, weil aus einem kommerziell erfolgreichen Spiel mit vielen treuen Fans eine finanzielle Vollkatastrophe wurde. Actionfilmfans weinten, weil sie wieder einen rundum schlechten Film ertragen mussten. Cineasten ignorierten das Werk zugunsten irgendeines anderen Films.
Borderlands (Borderlands, USA 2024)
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Elli Roth, Joe Crombie
mit Cate Blanchett, Kevin Hart, Jamie Lee Curtis, Ariana Greenblatt, Florian Munteanu, Janina Gavankar, Edgar Ramirez, Gina Gershon (ich hab‘ sie nicht erkannt)
Ein Western (ohne Kevin Costner, dessen Western „Horizon“, der besser hätte sein können, heute im Kino anläuft) mit Cate Blanchett (deren auf einem Wüsten-Schrottplaneten spielender SF-Film „Borderlands“, der viel besser hätte sein können, heute ebenfalls im Kino anläuft)
ZDFneo, 23.25
The Missing (The Missing, USA 2003)
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Ken Kaufman
LV: Thomas Eidson: The last Ride, 1995
New Mexico, 1886: Als Apachen die 17-jährige Tochter von Maggie (Cate Blanchett) entführen, ist sie auf die Hilfe ihres Vaters (Tommy Lee Jones) angewiesen. Dummerweise ist ihre Beziehung zueinander sehr schlecht. Denn er verließ seine Familie und lebte zwanzig Jahre bei den Apachen.
Düsterer, mit 137 Minuten etwas (jedenfalls nach dem damaligen Filmlängenzeitgefühl) lang geratener Western, der bei den Native Americans gut ankam.
Georg Seeßlen verortete Ron Howards Film in „Filmwissen: Western“ (2011) zwischen Neo Noir Western und Mystery Western und meinte „eine weitere heftige Entromantisierung des Genres“.
mit Tommy Lee Jones, Cate Blanchett, Evan Rachel Wood, Jenna Boyd, Eric Schweig, Aaron Eckhart, Val Kilmer, Elisabeth Moss
Monuments Men – Ungewöhnliche Helden(The Monuments Men, USA/Deutschland 2013)
Regie: George Clooney
Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov
LV: Robert M. Edsel/Bret Witter: The Monuments Men, 2010 (Monuments Men)
Während der letzten Kriegswochen versuchen einige anerkannte Kunstexperten im Auftrag der US-Army Kunstschätze, die sich in den Händen der Nazis befinden, vor ihrer Vernichtung zu retten.
Launiges Kriegsabenteuer mit Starbesetzung, etwas Action, Drama, Witz, pathetischen Ansprachen und einer kleinen Dosis Liebe. Das ist durchaus kurzweilig und unterhaltsam, aber nicht mehr.
mit George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban, Hugh Bonneville, Cate Blanchett, Dimitri Leonidas, Justus von Dohnányi, Michael Brandner, Alexandre Desplat, Serge Hazanavicius, Grant Heslov, Nick Clooney (Vater von George Clooney; er tritt in der letzten Szene auf)
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Die Vorlage
Robert M. Edsel (mit Bret Witter) Monuments Men – Die Jagd nach Hitlers Raubkunst
(übersetzt von Hans Freundl)
Heyne, 2014
560 Seiten
9,99 Euro (nur noch antiquarisch erhältlich)
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Deutsche Erstausgabe
Residenz Verlag, St. Pölten, 2013
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Originalausgabe
The Monuments Men – Allied Heroes, Nazi Thieves, and the greatest Treasure Hunt in History
LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)
New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.
Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.
Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (Indiana Jones and the last crusade, USA 1989)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Jeffrey Boam (nach einer Geschichte von George Lucas und Menno Meyjes)
Dritter Auftritt von Indiana Jones. Dieses Mal sucht der Archäologe mit der Peitsche den Heiligen Gral, tut alles, damit er nicht den Nazis in die Hände fällt (das ist der leichte Teil) und er begegnet seinem Vater.
Und weil dieser von ‘James Bond’ Sean Connery gespielt wird, der wenig von seinem Sohn hält, ist für Spaß gesorgt. Außerdem gibt es viel gut gemachte Action.
mit Harrison Ford, Sean Connery, River Phoenix, Denholm Elliott, John Rhys-Davies, Julian Glover, Michael Byrne
Wikipedia über „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (deutsch, englisch)
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Sehenswerte Doku von 2020 über Indiana Jones
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Sat.1, 22.55
Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, USA 2008)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: David Koepp (nach einer Geschichte von George Lucas und Jeff Nathanson, basierend auf einem Charakter von George Lucas und Philip Kaufman)
Buch zum Film: James Rollins: Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008 (Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels)
1957 will Indiana Jones einige überirdische Macht verleihende Kristallschädel finden, bevor die bösen Russen sie finden. Besonders wichtig ist der Kristallschädel aus Akator (aka El Dorado).
Nach drei genialen Indiana-Jones-Filmen ist der vierte Film mit dem abenteuerlustigen Archäologen eine riesengroße Enttäuschung.
Neben Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (der nächste Woche in Deuschland anläuft) ist Todd Fields „Tár“ der Film, der international schon seit Monaten allgemein abgefeiert und diskutiert wird. Außerdem steht das Drama, neben „Die Fabelmanns“, auf etlichen Nominierungslisten. So sind beide Filme in den Kategorien bester Film, beste Regie und bestes Drehbuch für den Oscar nominiert. Cate Blanchett ist als beste Hauptdarstellerin nominiert. Ebenso Michelle Williams für ihr Spiel in „Die Fabelmans“.
Blanchett spielt Lydia Tár, eine hochgelobte, international geachtete und bekannte Dirigentin, Pianistin, Komponistin und, mit verschiedenen öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Engagements, eine hoch respektierte Person der Klassikwelt und des öffentlichen Lebens. Sie ist auch die erste Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters.
Jetzt will sie Gustav Mahlers Fünfte Sinfonie mit ihrem Orchester, den Berliner Philharmoniker, neu interpretieren und aufnehmen. Dann hätte sie mit einem Orchester alle Mahler-Sinfonien aufgenommen. Diese Proben für das Stück bilden über einen großen Teil des fast dreistündigen Films einen roten Faden, der all die Episoden und Ereignisse aus dem Leben der Dirigentin zusammenhält. Mit der Aufführung der Mahler-Interpretation könnte der Film dann zu Ende sein. Aber nach der aus dem Ruder laufenden Premiere in Berlin folgt nicht der Abspann, sondern ein vollkommen neuer Abschnitt aus Lydia Társ Leben. Dieser Teil ist deutlich schwächer, viel zu lang geraten und letztendlich, vor allem in der Länge, überflüssig.
Bis zur Aufführung ihrer Mahler-Interpretation in Berlin erzählt Field, wie Lydia Tár arbeitet und wie sie mit anderen Menschen umgeht. Sie ist, das wird schnell klar, ein egozentrischer, andere Menschen hemmungslos manipulierender Mensch, der sich seiner Macht bewusst ist und sie jederzeit bedenkenlos bei der Arbeit und im Privatleben einsetzt und dabei auch Berufliches und Privates miteinander vermischt. So lebt sie in einer festen Beziehung mit ihrer Konzertmeisterin Sharon Goodnow (Nina Hoss) und ihrer Adoptivtochter lebt. Trotzdem hat sie keine Probleme damit, bei der Arbeit Affären zu beginnen, aus denen mehr entstehen kann. Tár ist ein Ego-Shooter und das weibliche Pendant zu einem Alpha-Mann.
Das ging über viele Jahre gut. Doch jetzt, zwischen den hohen Ansprüchen an sich selbst und dem veränderten Klima zeigen sich erste Risse. Denn die Zeit, als unter dem Label „Geniekult“ alles akzeptiert wurde, ist vorbei.
Field präsentiert dies in einer Abfolge von Szenen, die auf den ersten Blick einfach nur eine Abfolge ziemlich unverbundener Ereignisse zwischen der Ankündigung einer Mahler-Interpretation und der Aufführung dieser Interpretation sind.
Erst bei der Premiere in Berlin fügen sich die einzelnen, sich teilweise quälend lang hinziehenden Szenen zu einem Gesamtbild zusammen und es gibt rückblickend zwei beeindruckend konsequent durchgezogene Spannungsbögen. Der eine erzählt, quasi als Horrorfilm, den Zusammenbruch einer Künstlerin. Der andere erzählt von Macht, wie sie angewendet wird, welche Auswirkungen das auf die manipulierten Betroffenen hat (die teils selbst Täterinnen sind) und wie eben dieses Herrschaftssystem immer stärker gefährdet ist. Denn Tár erkennt zwischen #metoo, Cancel Culture und neuen Ansprüchen und Sensibilitäten von Minderheiten und Betroffene nicht mehr, wo und wie ihre Position gefährdet ist. Auch weil die Betroffenen, vermeintlich und echt, manchmal vielleicht auch übersensibel, sich zu Wort melden. Andere Betroffene spielen das Spiel mit. Und Regisseur Todd Field hält sich mit allzu eindeutigen Bewertungen zurück.
Dieser Teil der Charakterstudie ist, wie eine Symphonie, ein in sich geschlossenes Werk, das in einem kurzen Zeitraum (den Proben) an einem Ort (Berlin) spielt. Daran schließt sich die, nun, Zugabe an. Sie ist ein in Asien spielendes Potpourri, das man genausogut hätte weglassen oder, wenn man unbedingt einen „Was danach geschah“-Epilog möchte, auf ein, zwei Minuten hätte kürzen können.
Durch seine Machart ist „Tár“ ein sehr sperriges, oft dröges, deutlich zu lang geratenes Arthaus-Psychodrama mit vielen Berlin-Bildern, einem satirisch überspitzten Einblick in den Klassik-Betrieb, viel klassischer Musik und einer schauspielerischen Tour de Force für Cate Blanchett, die hier ein ziemliches Ekelpaket spielt.
Tár(Tár, USA 2022
Regie: Todd Field
Drehbuch: Todd Field
mit Cate Blanchett, Nina Hoss, Noémie Merland, Adam Gopnik, Julian Glover, Mark Strong, Sophie Kauer, Allan Corduner, Marie-Lou Sellem, Leonard Bernstein, Johann von Bülow
In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche Q&As zum Film mit Regisseur/Autor Todd Field, Hauptdarstellerin Cate Blanchett und weiteren am Film beteiligten Personen wie Nina Hoss (die Freundin von Lydia Tár im Film) und der Komponistin Hildur Guðnadóttir. Hier die „New York Film Festival“-Pressekonferenz:
LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)
New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.
Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.
Die hellseherisch begabte Annie hilft der Polizei erfolgreich bei der Suche nach einer vermissten jungen Frau. Der Besitzer des Grundstücks, auf dem ihre Leiche gefunden wurde, wird als Mörder verhaftet. Aber Annie glaubt, dass jemand anderes der Mörder ist.
Als nächstes drehte Raimi seine Spider-Man-Trilogie.
mit Cate Blanchett, Giovanni Ribisi, Keanu Reeves, Katie Holmes, Greg Kinnear, Hilary Swank, Kim Dickens, Gary Cole, Rosemary Harris, J.K. Simmons, John Beasley
Nur ein Narr wird bei dem Titel „Nightmare Alley“ ein Disney-Märchen erwarten. William Lindsay Greshams 1946 erschienener Roman ist ein Noir, der jetzt von Guillermo del Toro verfilmt wurde. Es ist die zweite Verfilmung. Die erste, mit Tyrone Power in der Hauptrolle, ist von 1947. Regie führte Edmund Goulding, Jules Furthman („Geächtet“, „Haben und Nichthaben“. „Tote schlafen fest“ und „Rio Bravo“) schrieb das Drehbuch und der deutsche Titel ist „Der Scharlatan“.
Dabei hat Stanton Carlisle, der titelgebende Scharlatan, der in der neuesten Version von Bradley Cooper gespielt wird, durchaus Talente. Er entdeckt sie bei einem kleinen Wanderzirkus. Dort trifft er auf Zeena (Toni Collette) und Pete Krumbein (David Strathairn), die eine Wahrsage-Show haben. Sie ist eine Mischung aus Betrug und praktisch angewandter Menschenkenntnis. Denn die Wünsche und Ängste der verschiedenen Menschen unterscheiden sich kaum. Nach Petes Tod wird Stanton Zeenas Partner.
Später verlässt Stanton mit der Zirkusartistin Molly Cahill (Rooney Mara) den Zirkus. Zum Abschied legt Zeena ihm die Tarotkarten. Er ist der Gehängte – und das ist keine gute Karte.
Jahre später hat er als „Der große Stanton“ in noblen Establishments eine Wahrsage-Show als umjubelter Mentalist. Bei einem seiner Auftritte trift er auf Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett). Sie wird die dritte wichtige Frau in seinem Leben und sie ist die erste Frau, die ebenso zielgerichtet wie er Menschen manipuliert. Die Psychoanalytikerin schlägt ihm eine Zusammenarbeit vor. Ihre Kundschaft ist vermögend. Sie können also Informationen, die sie während ihrer Analysesitzungen aus deren Leben erfährt, gewinnbringend in Stantons Gedankenleser-Shows einbauen. Zuerst erzählt er seinen nichtsahnenden Kunden Details aus deren Leben, die er unmöglich wissen kann. Danach zieht er ihnen das Geld aus den gut gefüllten Taschen.
Ihr erstes Opfer soll Ezra Grindle (Richard Jenkins) sein. Der stinkreiche und überaus misstrauische Industriemagnat fühlt sich immer noch schuldig für den schon Jahrzehnte zurückliegenden Tod seiner großen Liebe.
Die Geschichte von Stanton Carlisle wird gemeinhin als düstere Versionen vom amerikanischen Traum beschrieben. Es geht um das Streben nach Geld und Ruhm und wie real dieses „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Versprechen ist. Damit dürfte klar sein, wo Stans Geschichte endet; auch wenn einige über das deprimierend bittere Ende erstaunt sein werden. Der Roman und die erste Verfilmung sind kleinere Noir-Klassiker, die bei uns fast unbekannt sind. „Der Scharlatan“ hatte 1954 seinen deutschen Kinostart. Die erste deutsche Überetzung des Romans erschien 2019.
In der aktuellen Heyne-Hardcore-Ausgabe hat der Roman über fünfhundert Seiten. Damit ist er deutlich umfangreicher als ein normaler Noir- oder Pulp-Roman, der oft keine zweihundert Seiten benötigt, um seine Geschichte zu erzählen. Dafür gibt Gresham vor allem im ersten Drittel des Romans einen fundierten, für die Hauptgeschichte eher nebensächlichen, aber höchst kurzweiligen Einblick in das Leben eines Wanderzirkusses und mit welchen Tricks den ahnungslosen Kunden das Geld aus der Tasche gezogen wird.
Es ist allerdings auch ein sich über viele Jahre, die zu Jahrzehnten werden, erstreckender Roman, der teilweise mit großen Zeitsprüngen erzählt wird. Das führt zu einer episodischen Struktur, die auf Erklärungen und klare Ursache-Wirkungs-Mechanismen verzichtet. Stantons Auf- und Abstieg erscheint dabei, trotz einiger Hinweise, die in den verschiedenen Versionen leicht unterschiedlich gewichtet und so auch deutlicher herausgearbeitet werden, weniger in seiner Person angelegt, als dem Willen des Autors zu gehorchen.
Schließlich steht Stantons Ende von Anfang an fest. Er ist, wie Zeena ihm aus den Tarotkarten liest, der Gehängte. Er ist am Ende wieder am Anfang. Stanton ist am Ende sogar in einer schlechteren Lage als am Anfang der Geschichte. Sein schlimmster Alptraum wird wahr. Insofern ist der letzte Satz von del Toros Version grandios. Es ist ein Satz, auf den Gresham verzichtete.
Guillermo del Toro übernimmt, bis auf einige kleine Änderungen, Greshams Geschichte. Es sind hier und da Kürzungen. So tritt Stanton im Roman auch als Geistlicher und Oberhaupt der von ihm gegründeten Kirche der Himmlischen Botschaft auf. Einige Handlungsorte wurden verändert. Dadurch wird die Geschichte filmischer und es gibt in den Momenten auch Anspielungen auf andere Filme.
Über hundertfünfzig Minuten benötigt del Toro dann, um Stantons Geschichte zu erzählen. Er erzählt sie extrem langsam und mit großem pathetischem Ernst; als habe er einen bedeutungsschweren Roman der Hochkultur verfilmt.
Dabei hätte „Nightmare Alley“ von einer kürzeren Laufzeit von unter zwei Stunden, einem eindeutigerem thematischen Fokus und einer damit verbundenen Zuspitzung profitiert, gerne mit mehr Pulp-Gestus und Schwarzem Humor.
Auch die Hauptfiguren Stanton, Lilith Ritter und Molly bleiben blass. Zu sehr müssen sie den Vorgaben der Geschichte gehorchen.
Vor allem Stanton bleibt erstaunlich blass als Scharlatan, der mit seiner Menschenkenntnis und seinen Tricks die Menschen begeistern kann. Ihm fehlt die Faszination des Bösen. Entsprechend unbeteiligt verfolgen wir seine Taten. Seinen Aufstieg vom Wanderzirkus zum Wahrsager und die Probleme, die er dabei hatte, sehen wir nicht. So fehlen – in jeder Version der Geschichte – die Jahre zwischen seinem Abschied aus dem Zirkus und seinem Auftritt im mondänen Nachtclub „Club Copacabana“. Gleichzeitig, wenn später der ihm von Zeena in den Tarotkarten prophezeite und überaus rasante Abstieg beginnt, bedauert man ihn nicht. Auch hier fehlen wieder wichtige Zwischenstationen. Stattdessen ist er in einem Moment „top of the world“ und im nächsten ein in der Gosse liegender Obdachloser. Unklar bleibt, wie es dazu kommt. Als Zuschauer können wir einige Vermutungen anstellen. Gelungen ist in dieser Beziehung Gouldings Version, die von Anfang an auf die verheerende Wirkung des Alkohols hinweist und Stantons Abstieg mit seiner Trunksucht erklärt.
Guillermo del Toro hat viel zu viel Respekt vor der Vorlage, die er nur edel bebildert. Seine „Nightmare Alley“ ist zu sehr von ihrer eigenen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit überzeugt, um wirklich zu begeistern.
Nightmare Alley (Nightmare Alley, USA 2021)
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Kim Morgan
LV: William Lindsay Gresham: Nightmare Alley, 1946 (Nightmare Alley)
mit Bradley Cooper, Cate Blanchett, Toni Collette, Willem Dafoe, Richard Jenkins, Rooney Mara, Ron Perlman, Mary Steenburgen, David Strathairn, Jim Beaver, Tim Blake Nelson
Länge: 151 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Willliam Lindsay Gresham: Nightmare Alley
(übersetzt von Christian Veit Eschenfelder und Anja Heidböhmer)
Der seltsame Fall des Benjamin Button (The curious Case of Benjamin Button, USA 2008)
Regie: David Fincher
Drehbuch: Eric Roth
LV: F. Scott Fitzgerald: The curious Case of Benjamin Button, 1922 (Kurzgeschichte)
Wie alle Menschen altert Benjamin Button. Allerdings wird er nicht älter, sondern jünger.
Prächtiges Ausstattungskino mit prominenter Besetzung, basierend auf einer Kurzgeschichte, die zu einem gut dreistündigem Film wurde.
mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Taraji P. Henson, Julia Ormond, Jason Flemyng, Elias Koteas, Tilda Swinton, Jared Harris, Elle Fanning, Mahershala Ali (im Film als Mahershalhashbaz Ali)
Wiederholung: Montag, 24. Mai, 01.55 Uhr (Taggenau!)
Die Tiefseetaucher(The Life Aquatic with Steve Zissou, USA 2004)
Regie: Wes Anderson
Drehbuch: Wes Anderson, Noah Baumbach
Steve Zissou, von sich selbst und seiner Grandiosität überzeugter Meeresforscher und -filme im Geist von Jacques-Yves Cousteau, jagt für seinen neuen Film einen Hai, der einen seiner Weggefährten gefressen hat.
Und weil „Die Tiefseetaucher“ ein Film von Wes Anderson ist, gibt es viele schrullige Figuren und absurde Begegnungen. Ein höchst vergnüglicher Über- und Unterwassertrip.
mit Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Michael Gambon, Noah Taylor, Bud Cort, Seu Jorge
LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)
New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.
Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.
LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)
New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.
Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.
Drehbuch: Guillermo Arriaga (nach einer Idee von Guillermo Arriaga und Alejandro González Iñárritu)
In ihrem dritten gemeinsamen Spielfilm (nach „Amores Perros“ und „21 Gramm“) verschränken Iñárritu und Arriaga wieder mehrere Geschichten miteinander. Dieses Mal erzählen sie die Geschichte eines amerikanischen Touristenpärchens in Marokko, deren Haushälterin in San Diego und einer Teenagerin in Tokio. Auch wenn die Verbindung zwischen den Geschichten etwas gewollt ist (ich sage nur Gewehr) und der Film mit 135 Minuten Laufzeit ziemlich lang ist, hat er mir im Kino gut gefallen.
„Babel“ gewann, nach der IMDB, 42 Filmpreise und war für 136 weitere Preise nominiert. Er war, unter anderem, für den Oscar und BAFTA als bester Film des Jahres nominiert und erhielt in dieser Kategorie einen Golden Globe. In Cannes gewann er drei Preise (unter anderem für die Regie) und Arriagas Drehbuch hat es auf ungefähr jede wichtige Preisliste geschafft.
Mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Rinko Kikuchi, Elle Fanning, Gael García Bernal, Adriana Barraza