Nur die Sonne war Zeuge (Plein soleiel, Frankreich/Italien 1960)
Regie: René Clément
Drehbuch: René Clément, Paul Gégauff
LV: Patricia Highsmith: The talented Mr. Ripley, 1955 (Nur die Sonne war Zeuge, Der talentierte Mr. Ripley)
Tom Ripley soll im Auftrag von Philippes Vater den Sohn nach Amerika zurückbringen. Aber Tom und Philippe verstehen sich gut und Tom gefällt das müßige Millionärsleben. Warum also nicht einfach Philippe Greenleaf umbringen und dessen Stelle einnehmen?
Grandiose Verfilmung des ersten Ripley-Romanes; obwohl der Film moralisch korrekter endet.
Neben dem ausgefeilten Drehbuch trug besonders Henri Decaes superbe Farbfotografie zum Erfolg des Films bei. Erstmals schuf Farbe jene beklemmende Atmosphäre, die bis dahin nur aus den Schwarzweiß-Filmen der Schwarzen Serie bekannt war.
Patricia Highsmith schrieb danach vier weitere Bücher mit Tom Ripley, dem ersten sympathischen Psychopathen der Kriminalgeschichte.
1877 ist Elisabeth, die Kaiserin von Österreich-Ungarn, auch bekannt als Sissi (Vicky Krieps), vierzig Jahre und damit nach damaliger Definiton eine alte Frau. Verzweifelt versucht sie ihr Gewicht zu halten. Sie lässt sich jeden Tag in eine enge Corsage pressen. Bei öffentliche Auftritten tritt sie verhüllt auf. Niemand soll die Spuren des Alters in ihrem Gesicht sehen. Von den kaiserlichen Pflichten ist sie gelangweilt und auch angeekelt. Manchmal erscheint sie deshalb überhaupt nicht zu den offiziellen Anlässen. Andere Auftritte beendet sie mit einer Ohnmacht, die mal echt, mal gespielt ist. Außerdem kann, dank der Gesichtsverhüllung, auch eine Doppelgängerin ihre Repräsentationsaufgaben erfüllen.
Die Ehe mit ihrem Mann Kaiser Franz Joseph (Florian Teichtmeister) existiert nur noch auf dem Papier. In der Hofburg leben sie in getrennten Flügeln, beschützt und ständig umgeben von ihrem Personal. Sie sehen sich kaum. Und von der Liebe, die sie vielleicht einmal füreinander empfunden haben, ist nichts mehr spürbar. Versuche von ihr, Franz Joseph bei politischen Entscheidungen zu beraten scheitern kläglich.
Viel Zeit investiert sie in ein rigoroses Schönheits- und Fitnessprogramm. Und, weil ihre Pflichten am Hof vernachlässigbar sind, reist sie viel zu anderen, teils mit ihr verwandten Königs- und Fürstenhäusern.
In ihrem Drama „Corsage“ verfolgt Marie Kreutzer („Der Boden unter den Füßen“, „Was hat uns bloß so ruiniert“) die rastlose Kaiserin über mehrere Monate. Sie zeichnet das Bild einer Frau, die mit der Rolle, die sie für die Öffentlichkeit spielen soll, fremdelt. Und einen Ausweg daraus sucht.
Dabei geht Kreutzer mit den historischen Fakten ähnlich unbekümmert um wie Ernst Marischka in seinen drei „Sissi“-Filmen mit Romy Schneider, die damals Kinohits waren und heute immer noch mindestens einmal im Jahr im TV gezeigt werden.
Kreutzer erfindet und fantasiert in ihrer Interpretation der historischen Figur allerdings nicht nur über das Leben und Sterben der Kaiserin von Österreich-Ungarn. Sie umgibt die Kaiserin auch, teils mehr, teils weniger offensichtlich, mit Dingen, die es damals noch nicht gab, wie einem Traktor, einem modernem Schiff, ein bei einer Abendgesellschaft präsentiertes Lied, das erst Jahrzehnte später geschrieben wurde, Filmkameras und Heroin, das ihr Arzt ihr als vollkommen harmloses Medikament verschreibt und sie zur Drogensüchtigen macht. Blöderweise wurde Heroin erst Ende des 19. Jahrhunderts von Bayer entwickelt, patentiert und ab 1900 verkauft. „Corsage“ endet über zwanzig Jahre früher.
All diese bewusst eingestreuten Irritationen, die auf eine äußerst plumpe, in ihrer Häufung die Intelligenz des Zuschauers beleidigenden Art, die Aktualität der Geschichte betonen sollen, weisen „Corsage“ als eine weitere Fantasie über Sissi (oder historisch korrekt Sisi) aus. Dieses Mal wird sie, quasi als Gegententwurf zur Marischka-Kitsch-Version, als eine widersprüchliche Frau gezeigt, die nicht die ihr zugewiesene öffentliche Rolle ausfüllen möchte und sich emanzipieren möchte. Am Ende, das kann verraten werden, gelingt ihr das auf eine diskussionswürdige Weise, die gleichzeitig reine Fantasie ist.
Wie in einigen anderen neueren Filmen, – Bruno Dumonts misslungene Mediensatire „France“ und Pablo Larraíns grandioses Lady-Diana-Biopic/Horrorfilm „Spencer“ können hier genannt werden -, geht es in „Corsage“ vor allem um das Gefühl der Fremdheit im eigenen Körper und im eigenen Leben. Aber gegen Larrains „Spencer“ ist „Corsage“ noch nicht einmal ein laues Lüftchen. Denn Kreutzer sagt schon in den ersten Minuten alles über Elisabeth und ihre Probleme. In den folgenden gut zwei Stunden bewegt sie sich, viele Freiheiten genießend, dann nur noch rastlos von einem Ort zu einem anderen Ort.
mit Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, Jeanne Werner, Alma Hasun, Manuel Rubey, Finnegan Oldfield, Aaron Friesz, Rosa Hajjaj, Lilly Marie Tschörtner, Colin Morgan
LV: James Ellroy: L. A. Confidential, 1990 (Stadt der Teufel, L. A. Confidential)
Drei unterschiedliche Polizisten versuchen einen Mord aufzuklären und müssen dabei einen tiefen Sumpf aus Drogen, Sex, Gewalt und Abhängigkeiten trockenlegen.
Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, das den Deutschen Krimipreis erhielt.
Brian Helgeland schaffte das scheinbar unmögliche: er raffte den 500-seitigen Thriller gelungen zu einem etwa zweistündigen Film zusammen und erhielt dafür einen Oscar. Kim Basinger für ihre Rolle als Edelhure erhielt ebenfalls die begehrte Trophäe. Den Edgar gab es natürlich ebenfalls.
mit Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce, James Cromwell, Kim Basinger, Danny DeVito, David Strathairn, Ron Rifkin, Paul Guilfoyle, Simon Baker
„Allgemeine Panik“ gehört nicht zu James Ellroys zweitem L. A. Quartett, von dem bislang „Perfidia“ und „Jener Sturm“ erschienen sind. „Allgemeine Panik“ ist ein Einzelroman, der mit 432 Seiten für den Noir-Autor sogar ziemlich kurz ausgefallen ist. In ihm erzählt der im Fegefeuer sitzende Freddy Otash die Geschichte seines Lebens. Er war Polizist beim LAPD, Privatdetektiv und in den Fünfzigern wichtigster Redakteur beim Hollywood-Klatschmagazin „Confidential“.
Ellroy-Fans kennen Fred Otash aus seiner „Underworld USA“-Trilogie. Otash ist eine reale Person und Ellroy erzählt hier, mehr oder weniger, seine Lebensgeschichte.
„LAPD ’53“ ist ein Sachbuch über die Arbeit des Los Angeles Police Department im Jahr 1953 mit über achtzig zeitgenössischen Fotos aus dem Polizeiarchiv und begleitenden Texten von James Ellroy, der der richtige Autor für dieses Buch ist. Schließlich sind seine Romane eine sich inzwischen über viele Jahrzehnte erstreckende, wahre Ereignisse verarbeitende Chronik der dunklen Seiten von Los Angeles.
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James Ellroy: Allgemeine Panik
(übersetzt von Stephen Tree)
Ullstein, 2022
432 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
Widespread Panic
Alfred A. Knopf, 2021
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James Ellroy (mit Glynn Martin, Leiter des Los Angeles Police Museum): LAPD ’53)
Das ist die Geschichte der Jugend von Manfred Deix, dem großen österreichischen Satiriker. Noch vor seinem Tod am 25. Juni 2016 nahm er das Drehbuch für Marcus H. Rosenmüllers ersten Animationsfilm ab. Es ist auch der erste spielfilmlange österreichische Animationsfilm. Fünf Jahre später, im Juni 2021, hatte der Film beim Festival d’Animation Annecy seine Premiere. Danach lief er auf einigen Festivals, wie dem Filmfest München, und jetzt regulär im Kino. Für Deix-Fans hat sich das Warten gelohnt.
Der am 22. Februar 1949 geborene Manfred Deix wuchs in Böheimkirchen bei St. Pölten auf. Seine Eltern hatten das Gasthaus „Zur blauen Weintraube“ gepachtet. Deix konnte dort schon als Kind die Gespräche, Witze und Ausfälle der Erwachsenen beobachten. „Aus Rache habe ich aus ihnen die mittlerweile bekannten ‚Deixfiguren‘ geformt und ihnen zu fragwürdiger Berühmtheit verholfen. Strafe muss sein“, sagt Deix über seine Anfänge. Er zeichnete Karikaturen, die den Österreichern ein für sie sehr unvorteilhaftes Spiegelbild präsentierten. Später wurden seine Werke auch in Deutschland dank Veröffentlichungen in den Satiremagazinen „pardon“ und „Titanic“ und Zeitschriften, wie dem „Stern“ und dem „Spiegel“, populär. Mit ätzendem Spott demaskierte er Spießbürger, Politiker, kirchliche Würdenträger und alles, was in Österreich wichtig war und ist.
In „Willkommen in Siegheilkirchen – Der Deix-Film“ erzählen Marcus H. Rosenmüller und Santiago López Jover jetzt eine Geschichte, die eine leicht verfremdete, satirisch überspitzte Geschichte über Deix‘ Jugend in den sechziger Jahren in einem Dorf in der Provinz ist. Das Dorf heißt im Film Siegheilkirchen und der Name könnte nicht passender sein. Überall sind Altnazis. Alles Neue wird abgelehnt. Vergnügen auch. Der Pfarrer predigt von der Kanzel Enthaltsamkeit. In dieser Provinzhölle wächst ein Junge auf, der nur Rotzbub genannt wird. Er muss seinem Vater in der Wirtschaft helfen. Wenn er etwas falsches tut, – und das passiert oft -, wird er mit Worten und Schlägen gezüchtigt. Er verliebt sich still und heimlich in vollbusige Frauen, die er teils durch offene Fenster beobachtet. Und er zeichnet sie. Seine pornographischen Bilder sind bei seinen Klassenkameraden äußerst beliebt.
Mit diesen und anderen detailgenauen, oft satirischen Zeichnungen rebelliert der Rotzbub gegen den Muff von tausend Jahren. Und er will das Dorf verlassen.
Als sein Onkel Neidhardt, ein akademischer Kunstmaler, vom Bürgermeister den Auftrag erhält, ein Gemälde anzufertigen, das das braune Ortsbild übertünchen soll, hilft ihm der Rotzbub bei den Arbeiten. Gleichzeitig trifft der Rotzbub die Zigeunerin Mariolina, die ganz als die Frauen ist, die er aus dem Dorf kennt, und den Wirt Poldi, der eine Rockerkneipe betreibt. In ihr gibt es sogar eine Jukebox mit guter Musik.
Die Geschichte, die Figuren und die Ästhetik des Animatiosfilms sind von Manfred Deix‘ Leben und Werk beeinflusst. Deshalb erinnert alles an seine Bilder. Auch seine Sicht auf sein Heimatland findet sich in jedem Bild. Alles wird von einem ätzenden Spott überzogen. Die deformierten Figuren werden in ihrer Kleingeistigkeit, ihrem Hass auf alles Fremde und ihrer Bigotterie demaskiert. Das ist immer bissig und scheut auch nicht vor derben Geschmacklosigkeiten zurück. Insofern dürften Menschen, denen Deix‘ Humor nicht gefällt, auch „Willkommen in Siegheilkirchen“ nicht gefallen.
Alle andere dürfen sich freuen über die sehr gelungene satirische Beschreibung einer Jugend in der Provinz in den sechziger Jahren voll mit notgeilen Jungs, vergangenheitstrunkenen Spießbürgern, vollbusigen Frauen und, am Ende, einem bombigen Reinigungsversuch, der nicht wie geplant endet. Aber zum Namen des Dorfes passt.
Und vielleicht gibt es jetzt auch eine neue Generation von Deix-Fans. Seine meisten Buchveröffentlichungen sind nur noch antiquarisch erhältlich.
Willkommen in Siegheilkirchen – Der Deix-Film(Österreich/Deutschland 2021)
Regie: Marcus H. Rosenmüller, Santiago López Jover (Animationsdirektor)
Drehbuch: Martin Ambrosch
Art Director: Manfred Deix
mit (den Stimmen von) Markus Freistätter, Gerti Drassl, Mario Canedo, Maurice Ernst, Roland Düringer, Erwin Steinhauer, Katharina Straßer, Adele Neuhauser
Colter Stevens versucht einen Anschlag auf einen fahrenden Zug zu verhindern. Nach acht Minuten ist er tot. Danach wird er wieder wach im Zug und er hat wieder acht Minuten Zeit, den Attentäter zu finden.
Die Prämisse ist eine äußerst fiese Abwandlung des Murmeltier-Tags. Das Ergebnis ist ein äußerst spannender, um nicht zu sagen bombiger Thriller.
Sara (Juana Acosta) gefällt die Wohnung, die ihr von dem leicht schusseligem Makler Óscar (Carlos Areces) angeboten wird. Sie liegt günstig mitten in Sevilla, ist groß, hell, muss nicht renoviert werden (auch wenn die Tapete etwas altmodisch ist) und kann für einen vernünftigen Preis erworben werden. Es gibt nur einen Nachteil: die jetzige Bewohnerin hat ein lebenslanges Wohnrecht. Aber die allein lebende Lola (Kiti Mánver) ist schon Mitte Siebzig, hat drei Bypässe, ist Kettenraucherin, passionierte Trinkerin und ignoriert alle ärztlichen Ratschläge. Das dürfte, so denkt sich Sara, zu Lolas baldigem Tod führen. Sie kauft die Wohnung.
Dieser Wohnungskauf könnte der Auftakt für eine knallharte Abrechnung mit dem Großstadt-Mietenwahnsinn oder eine schwarzhumorige Komödie sein, in der eine junge, schnippische Managerin alles tut, um an eine begehrte Wohnung zu kommen und eine alte Schreckschraube, die nicht sterben will, ihr das Leben zur Hölle macht.
Aber „Vier Wände für Zwei“ entwickelt sich schnell, pointensicher garniert mit scharfzüngigen Dialogen, zu einer herzigen Komödie über die immer tiefer werdende Freundschaft zwischen den beiden einsamen Frauen. Sie werden zu einem Ersatzmutter/Ersatztochter-Gespann.
Bernabé Rico, der bereits als Drehbuchautor, Schauspieler und Produzent arbeitete und mehrere Kurzfilme inszenierte, erzählt in seinem Spielfilmdebüt, das auf einem weltweit erfolgreichem Theaterstück basiert, die Geschichte von Lola und Sara und ihrer gemeinsamen Wohnung. Für den Feelgood-Film wird dann Lolas Wohnung öfter verlassen. Auch weil sie, als Running Gag, dem Makler Óscar, der sich danach erfolglos in anderen Berufen ausprobiert, immer wieder begegnen.
Vier Wände für Zwei (El inconveniente, Spanien 2020)
Regie: Bernabé Rico
Drehbuch: Juan Carlos Rubio, Bernabé Rico
LV: Juan Carlos Rubio: 100 m², 2008 (Hundert Quadratmeter, Theaterstück)
mit Juana Acosta, Kiti Mánver, Carlos Areces, José Sacristán, Daniel Grao
Einen Film will Woody Allen noch drehen. Das sagte der 86-jährige im Juni in einem Gespräch mit Alec Baldwin. Die Dreharbeiten für diesen Film beginnen im Herbst in Paris. Ob er danach noch weitere Filme drehe, wisse er nicht. Das Umfeld für seine Filme habe sich zu sehr verändert. Früher liefen sie überall. Jetzt würden sie wenige Wochen nach dem Kinostart auf einem Streamingportal gezeigt. So hatte sein bislang letzter Film am 18. September 2020 beim Filmfestival San Sebastián seine Premiere. In den USA wurde er Anfang des Jahres nur in wenigen Kinos gezeigt. Auch in Deutschland läuft er erst jetzt in einer überschaubaren Zahl von Kinos an. Dabei ist sein 49. Film gar nicht sein schlechtester. Es ist eine Komödie, die sich nahtlos in sein durchwachsenes, oft enttäuschendes Spätwerk einfügt.
Dieses Mal geht es um Mort Rifkin (Wallace Shawn). Der snobistische Filmkritiker und Universitätslehrer begleitet seine Frau Sue (Gina Gershon) nach Spanien zum Filmfestival in San Sebastián. Sie macht dort die Pressebetreuung für Philippe (Louis Garrel). Er ist ein junger, gut aussehender, charismatischer Regisseur, der gerade im Minutentakt Preise erhält. Rifkin hält nichts von Philippes Filmen. Er schlendert durch San Sebastián. Er fragt sich, ob Sue ihn mit Philippe betrügt. Er hat Schmerzen in der Brust. Er besucht Dr. Jo Rojas (Elena Anaya) und ist, weil er aufgrund des Namens einen Mann erwartet hat, ganz erstaunt, dass Rojas eine gut aussehende, unglücklich verheiratete Ärztin ist, mit der er sich gleich sehr gut versteht. In New York wohnten sie im gleichen Viertel. Sie haben den gleichen Kunstgeschmack. Er verliebt sich in sie – und erfindet schnell neue Beschwerden um sie wieder zu besuchen.
Vor, während und nach den Dreharbeiten wurde vor allem über Woody Allens Privatleben gesprochen. Es ging, wieder einmal, um inzwischen jahrzehntealte Missbrauchsvorwürfe von seiner Ex-Frau Mia Farrow. Diese Geschichte führte auch dazu, dass sich im Rahmen der #MeToo-Debatte etliche Schauspieler und sein Produktionspartner Amazon Studio von Allen distanzierten. Die Auswertung von seinen letzten beiden Filmen, „A rainy day in New York“ und „Rifkin’s Festival“, litt auch darunter. Und dann kam die Corona-Pandemie, die zu monatelangen Kinoschließungen führte. Insofern können wir uns freuen, dass Woody Allens immer noch neuester Film in die Kinos kommt. Auch wenn es nur ein kleiner Start ist. Hier in Berlin läuft der Film in drei Kinos.
Dabei ist der Film gar nicht so schlecht. Er hält ziemlich genau das Niveau seiner vorherigen Filme. Nichts ist neu. Vieles ist sehr vertraut. Einiges fast schon lieblos und schlampig inszeniert. Die Idee, Mort Rifkins Träume mit nachgespielten SW-Szenen aus seinen Lieblingsfilmen zu illustrieren, erfreut das Herz des Cineasten.
Beim Lesen der Handlung erkennen Allen-Fans sofort viele vertraute Elemente. Beim Ansehen dürften sie für fast jede Szene mindestens eine ähnliche Szene aus einem älteren Allen-Film nennen können. „Rifkin’s Festival“ ist, wieder einmal, eine Liebeskomödie, in der beide Ehepartner mit einem Seitensprung liebäugeln. Mort Rifkin ist natürlich eine weitere Version von Woody Allen, wie wir ihn spätestens seit dem „Stadtneurotiker“ kennen. Nur dass er dieses Mal nicht von Woody Allen, sondern von Wallace Shawn gespielt wird. Und Shawn spielt ihn äußerst bedächtig und erstaunlich uninteressiert an Pointen.
Seine Lieblingsfilme sind, wenig überraschend für einen älteren Filmkritiker, vor allem Klassiker des europäischen Kinos. Inszeniert wurden diese Filme von Regisseuren, die Allen selbst bewundert. Nämlich, – in der Klammer stehen die Filme, von denen Rifkin träumt -, Orson Welles (Citizen Kane, 1941), Jean-Luc Godard (Außer Atem, 1960), François Truffaut (Jules and Jim, 1962), Luis Buñuel (Der Würgeengel, 1962), Federico Fellini (8½, 1963), Claude Lelouch (Ein Mann und eine Frau, 1966) und, wenig verwunderlich nachdem Allen eine Bergman-Phase hatte, Ingmar Bergman (Das siebente Siegel, 1957; Wilde Erdbeeren, 1957; Persona; 1966).
„Rifkin’s Festival“ ist kein Film, mit dem Allen neue Fans gewinnen wird. Es ist auch keiner seiner besten Filme. Es handelt sich eher um den Besuch eines alten Freundes, der noch einmal seine bekannten Geschichten und Witze erzählt. Wegen der vielen filmischen Anspielungen hat es auch etwas von einem Alterswerk, das noch einmal bekannte Themen, Motive und Obsessionen bündelt. Nicht um sie irgendwie neu zu bewerten, sondern um sie einfach noch einmal anzusehen. Das ist, wie sein vorheriger Film „A rainy day in New York“, schon sympathisch anspruchslos. „Rifkin’s Festival“ ist der etwas fahrige Bericht von Rifkin gegenüber seinem Therapeuten, der am Filmanfang und -ende im Bild ist, über seine Woche im sonnigen San Sebastián.
Und natürlich kann man Rifkins Träume zum Anlass nehmen, sich die ihnen zugrunde liegenden Filme wieder anzusehen. Es gibt wahrlich schlechtere Beschäftigungen für ein langes Wochenende.
Rifkin’s Festival(Rifkin’s Festival, USA 2020)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
mit Wallace Shawn, Gina Gershon, Louis Garrel, Elena Anaya, Sergi López, Christoph Waltz, Tammy Blanchard, Steve Guttenberg, Richard Kind, Douglas McGrath
TV-Premiere, versteckt in der Nacht. Wenige Tage vor einem zweijährigen Aufenthalt in Australien küsst Maxime, während einer Party mit seinen langjährigen Freunden, aufgrund einer Wette, für einen Studentenfilm seinen Sandkastenfreund Matthias. Daraus ergeben sich einige Gefühlskonfusionen, die ihre Beziehung auf die Probe stellen.
In seinem achten Film bewegt Xavier Dolan (der auch Maxime spielt) sich auf vertrautem Terrain. Aber dieses Mal ist alles ruhiger, normaler und weniger hysterisch als in seinen vorherigen Filmen.
Mit Xavier Dolan, Gabriel D’Almeida Freitas, Anne Dorval, Harris Dickinson, Catherine Brunet
„Thor: Love and Thunder“ ist der sechste Film der aktuellen vierten Phase im MCU, der vierte Solo-Film mit dem Donnergott Thor und der zweite von Taika Waititi inszenierte „Thor“-Film. Sein erster „Thor“-Film „Tag der Entscheidung“ war 2017 ein Vergnügen. Er gab den doch oft arg pathetisch auftretenden Thor endgültig der Lächerlichkeit preis und präsentierte ein cooles Feuerwerk aus Slapstick, Gags und Overacting. Gleichzeitig räumte er jeden Pathosverdacht innerhalb der ersten Minuten ab.
Waititis zweiter „Thor“-Film wird mit viel Slapstick und sattsam bekannter Rockmusik aus der Zeit beworben, als Männer breitbeinig ihre Gitarren bearbeiteten und ihr Haar mit Haarspray aufhübschten. Versprochen wird ein Werk, das nahtlos an den ersten Film anschließt.
Die Story ist, wie immer bei Marvel, geheimnisumwittert. Die Kritiker werden, wie immer, gebeten, nichts über die Handlung und überraschende Gastauftritte zu verraten. Also: offiziell geht es darum, dass Gorr (Christian Bale) alle Götter umbringen will. Bevor er zum Götterkiller wurde, war er ein friedfertiger Mann, der an das Gute in den Göttern glaubte. Nachdem ein arroganter Gott seinen Sohn qualvoll sterben lässt, startet er, desillusioniert, einen Rachefeldzug. Wenn die Götter nur Hohn und Spott für die Menschen übrig haben, sind sie als Wächter und Beschützer der Menschen überflüssig.
Weil Thor ein Gott ist, steht er ebenfalls auf Gorrs Liste. Zusammen mit King Valkyrie (Tessa Thompson), Korg (Taika Waititi mit Hilfe von Motion-Capture) und seiner Ex-Freundin Jane Foster (Natalie Portman), die inzwischen lässig seinen magischen Hammer Mjölnir schwingen kann, zieht er in den Kampf gegen Gorr.
Dieser Kampf wird unter einem Berg von Gags und einer Liebesgeschichte begraben. Denn Thor ist immer noch unsterblich in Jane Foster verliebt.
Dummerweise fällt Waititi zum Thema „Liebe“ nichts ein. Zwar umwirbt Thor Jane ständig, aber sie hat nur noch ein freundschaftliches Interesse an ihm. Die Astrophysikerin ist todkrank, ihre Suche nach einem Gegenmittel ist bislang erfolglos und sie kommt, wie die anderen Frauen im Film, gut ohne einen Mann klar.
Männer sind in „Love and Thunder“ nämlich nur noch teils großspurige, teils größenwahnsinnige Agenten des Chaos und, manchmal, eher selten, eigentlich nie, irgendwie begehrenswerte Sexobjekte. Diese Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen ist durchaus vergnüglich. Auch weil Waititi so die gesamte Machokultur durch den Kakao ziehen kann. Die Chaotentruppe Guardians of the Galaxy, die am Filmanfang mit Thor einen Planeten retten will, und Thor zerstören bei ihren Aktionen oft mehr als der Bösewicht. Thor und der aus dem Trailer bekannte Zeus sind Meister darin, alles, was ihr positives Selbstbild beeinträchtigen könnte, auszublenden. Gleichzeitig fehlt ihnen die toxische Männlichkeit, die in den 80ern in Actionfilmen gepflegt wurde und die Waititi hier parodiert. Seine Männer sind fast knuddelige Haustiere oder Kinder, die von den Frauen regelmäßig in ihre Schranken verwiesen werden. Chris Hemsworth überzeugt hier wieder einmal als Schönling und ichbezogener, kindischer Trottel, dem jede Bösartigkeit abgeht. Er überblickt halt einfach nicht die Folgen seiner Taten.
Der einzige gefährliche Mann ist der Bösewicht Gorr. Er ist ein blasses asexuelles Wesen. Er will einfach nur Böse sein und Götter umbringen.
Die Frauen sind nicht mehr auf den sie aus höchster Not rettenden Mann angewiesen. Sie betrachten Männer als eher lästige, aber nicht weiter erwähnenswerte Hindernisse bei ihrem Kampf gegen den Bösewicht.
Das ist ein anderer, durchaus sympathischer und, angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung, überfälliger Ton im bislang von Männern bestimmten Superheldengenre. Den Film retten tut er nicht. „Love and Thunder“ setzt nahtlos die enttäuschende aktuelle MCU-Phase fort. Wieder einmal fehlt dem Film jeder erzählerische Fokus und, damit verbunden, jede mögliche thematische Vertiefung. Waititi wiederholt in „Love and Thunder“ das bereits in „Tag der Entscheidung“ erprobte Programm, baut die Rolle der Frauen aus und hangelt sich von Gag zu Gag. Das Ergebnis ist eine schnell ermüdende Nummernrevue, die nichts von der Brillanz seiner vorherigen Filme hat.
Immer noch ist vollkommen unklar, wie die Marvel-Filme in der aktuellen Phase miteinander verknüpft sind und wo das alles hinführen soll. Es gibt nämlich immer noch keine über mehrere Filme aufgebaute Bedrohung. Stattdessen stehen die Filme weitgehend unverbunden nebeneinander. Es gibt einige Auftritte bekannter Figuren, wie hier den Guardians of the Galaxy, und viele neue Figuren, die bislang noch keine Gastauftritte in anderen Filmen absolvieren durften. Welche Rolle sie in den nächsten Filmen bekommen könnten, falls sie überhaupt einen weiteren Leinwandauftritt haben, ist vollkommen unklar.
Ach ja: es gibt im und nach dem Abspann jeweils eine Szene. Beide sind unerheblich. Eine Szene betont sogar die absolute Folgenlosigkeit jeder Handlung im MCU. Denn eine Person, die vorher gestorben ist, lebt noch. Auch ohne Multiverse.
Thor: Love and Thunder (Thor: Love and Thunder, USA 2022)
Regie: Taika Waititi
Drehbuch: Taika Waititi, Jennifer Kaytin Robinson (nach einer Geschichte von Taika Waititi, basierend auf den von Stan Lee und Jason Aaron erfundenen Marvel-Figuren)
mit Chris Hemsworth, Natalie Portman, Tessa Thompson, Christian Bale, Taika Waititi, Russell Crowe, Chris Pratt, Karen Gillan, Pom Klementieff, Dave Bautista, Bradley Cooper (Stimme von Rocket im Original), Vin Diesel (Stimme von Groot im Original) (und einige weitere ‚überraschende‘ Cameos)
Der amerikanische Freund (Deutschland/Frankreich 1976)
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders
LV: Patricia Highsmith: Ripley´s Game, 1974 (Ripley´s Game oder Regel ohne Ausnahme, Ripley´s Game oder Ein amerikanischer Freund)
Restaurator Jonathan hat Leukämie. Ripley bietet ihm einen gut bezahlten Mordauftrag an. Jonathan nimmt an und sein Leben gerät aus den Fugen.
Die freie Verfilmung des dritten Ripley-Romans ist eine der besten Highsmith-Verfilmungen. Wenders zu den Veränderungen: „Ich möchte, dass meine Filme von der Zeit handeln, in der sie entstehen, von den Städten, den Landschaften, den Gegenständen, von allen, die mitarbeiten, von mir. Diesen Spielraum hat mir Ripley´s Game gelassen. Weil er in der Arbeitsweise der Highsmith auch schon enthalten ist. Deshalb glaube ich, dass ich dem Buch doch nahe geblieben bin, so sehr ich mich auch davon entfernt habe. Es gibt nicht ´die Verfilmung´. Es gibt zwei grundverschiedene Sachen: Bücher und Filme. In ihnen kann eine gleiche ´Einstellung´ zu den Dingen vorhanden sein, aber nicht die gleichen Dinge.“
Stellvertretend für die vielen euphorischen Kritiken Hans C. Blumenberg: „Wenders zeigt den urbanen Alptraum, wie man ihn noch nie in einem europäischen Film gesehen hat: halb als uraltes, verkommenes Abbruchviertel, halb als futuristische Schreckenslandschaft…Die große Faszination dieses Films hat direkt mit seiner Vielschichtigkeit zu tun. Man kann ihn als pessimistischen Kommentar zur nachrevolutionären Bewußtseinskrise der späten siebziger Jahre verstehen, aber auch als brillanten Kriminalfilm, man kann ihn als urbanen Alptraum von der Zerstörung der Städte bewundern, aber man kann ihn auch als poetische Ballade einer Freundschaft lieben. Sein Reichtum, der nicht ohne Gefahren ist, erlaubt bei jedem Sehen neue Abenteuer, neue Entdeckungen.“ Außerdem entwarf er eine Gleichung: „Hitchcock + Ray + Scorsese = Wenders“ (die Gültigkeit dieser Gleichung für andere Wenders-Filme darf bezweifelt werden.)
Mit Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Nicholas Ray, Samuel Fuller, Peter Lilienthal, Daniel Schmid, Lou Castel
Edward Leithen ist Anwalt, Abgeordneter und einer der Menschen, die sich sehr für Erzählungen und Berichte aus fremden Ländern interessieren, aber selbst keinen Drang verspüren, ihre Heimat zu verlassen. In Leithens Fall ist das London und die nähere ländliche Umgebung. Trotzdem gerät er in eine weltumspannende Verschwörung. Es beginnt damit, dass der Abenteurer Charles Pitt-Heron spurlos verschwindet. Seine Spur verliert sich in Moskau. Danach reiste er anscheinend weiter Richtung Osten; verfolgt von einigen Männern mit wahrscheinlich unlauteren Absichten. Leithen will sich um die Sache kümmern.
Als bei einem Landausflug Leithens Auto nach einem Unfall fahruntüchtig ist, geht er zu einem Landhaus. Dort trifft er den Hausherrn Andrew Lumley. Er ist ein in der Öffentllichkeit unbekanntes, aber in den richtigen Kreisen geachtetes Mitglied der Gesellschaft und der skrupellose Kopf einer Verbrecherorganisation, die etwas mit Pitt-Herons Verschwinden zu tun hat. Als Lumley bemerkt, dass er Leithen nicht zur Kooperation bewegen kann, setzt er in London seine Killer auf ihn an.
Im Original erschien „Der Übermensch“ (The Power House) bereits 1913 als Fortsetzungsroman und drei Jahre später in einer gebundenen Ausgabe. Erst 2014 erschien die deutsche Übersetzung des Romans, die jetzt neu aufgelegt wurde. Für die aktuelle Ausgabe wurde sie durchgesehen und ergänzt um ein über dreißigseitiges Nachwort von Martin Compart. In dem informativen Nachwort schreibt Compart, dass Buchans erster Leithen-Roman „Der Übermensch“ der erste moderne Spionageroman sei.
Gesprieben wurde die Geschichte von John Buchan. Der Schotte lebte von 1875 bis 1940 und war unter anderem konservativer Abgeordneter, Journalist und Autor von 29 Romanen, 42 Sachbüchern, 10 Biographien und 4 Gedichtbänden. Am bekanntesten ist er für seine Romane, vor allem für seine Thriller mit Richard Hannay. Sein heute noch bekanntester, mehrfach verfilmter Roman „Die neununddreißig Stufen“ (The Thirty-nine Steps, 1915 ) gehört zur Hannay-Serie. Die bekannteste Verfilmung des Romans ist von Alfred Hitchcock. Heute läuft der 1935 entstandene Thriller ab und an, eher selten, im Fernsehen.
„Der Übermensch“ ist mit hundertzwanzig Seiten ein kurzer Thriller. Das führt dazu, dass John Buchan keine Zeit für Abschweifungen hat. Entsprechend schnell bewegt sich die Handlung vorwärts. Auf überflüssige Erklärungen wird verzichtet. Orte und Personen sind pointiert gezeichnet.
Trotzdem bleibt am Ende ein schales Gefühl zurück. Leithen hat zwar Angst vor seinen Verfolgern und diese existieren auch wirklich. Aber die Ziele der Verschwörer bleiben diffus. Und damit ist vollkommen unklar, ob überhaupt etwas gegen die Verschwörung getan werden sollte.
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John Buchan: Der Übermensch
(übersetzt von Jakob Vandenberg)
Elsinor Verlag, 2022
160 Seiten
16,80 Euro
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Durchgesehene Neuausgabe der im Elsinor Verlag erschienenen deutschen Erstausgabe von 2014, mit einem Nachwort von Martin Compart
R. i. P. Jacques Berndorf (22. Oktober 1936 in Duisburg-Hamborn – 3. Juli 2022 in Dreis-Brück)
Bevor Michael Preute als Jacques Berndorf mit seinen Eifelkrimis zum Bestsellerautor wurde, war er Journalist, u. a. für verschiedene Tageszeitungen, die Quick, den Stern und den Spiegel, und Sachbuchautor. 1984 zog er in die Eifel. Sein erster Eifelkrimi „Eifel-Blues“ erschien 1989. Bis 2013 folgten 22 weitere Regiokrimis mit Siggi Baumeister. Zwischen 2005 und 2015 schrieb er fünf Romane um den BND-Agenten Karl Müller. Und er schrieb einige Einzelromane.
Max ist ein nett-harmloser Los-Angeles-Taxifahrer, der von einem eigenen Unternehmen träumt, aber seit zwölf Jahren sein Leben als Angestellter fristet. Da steigt Vincent ein und bietet ihm 600 Dollar, wenn er ihn in den kommenden Stunden zu fünf Freunden fährt. Nach dem ersten Stopp, weiß Max, dass Vincent ein Autragkiller ist und er ihn zu den nächsten Opfern bringen soll.
„Collateral“ ist ein kleiner, ökonomisch erzählter Neo-Noir-Thriller über das tödliche Aufeinandertreffen zweier Charaktere ihrer vollkommen gegensätzlichen Lebensauffassungen; ist ein grandios besetzter Schauspielerfilm; ist eine Liebeserklärung an das nächtliche Los Angeles und wahrscheinlich der beste Film von Michael Mann.
Mit Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett Smith, Mark Ruffalo, Peter Berg (Regisseur von “Operation: Kingdom” und „Hancock“), Bruce McGill, Javier Bardem, Jason Statham (Miniauftritt auf dem Flughafen)
Wiederholung: Donnerstag, 7. Juli 02.50 Uhr (Taggenau!)
Das muss ich für die Jüngeren jetzt wohl erst einmal erklären. Denn als „Die Konsequenz“ am 8. November 1977 im Fernsehen laufen sollte, gab es nur drei Fernsehprogramme: ARD, ZDF und ein drittes Programm, das in jeder Region von einem anderen Sender bestritten wurde. Die Norddeutschen konnten nur den Norddeutschen Rundfunk sehen. Die Hessen den Hessischen Rundfunk. Es gab auch einen Sendeschluss und, für die Stunden zwischen Sendeschluss und Sendebeginn, ein Testbild. „Die Konsequenz“ sollte damals im ersten Programm laufen. Deutschlandweit. Aber der Bayerische Rundfunk klinkte sich aus und zeigte ein anderes Programm. Das hatten die Bayern davor schon einige Male gemacht. Dieses mal sorgte diese Zuschauerbevormundung für einen veritablen Skandal – und einer Präsentation des TV-Films im Kino.
In seinem Film erzählt Wolfgang Petersens die Liebesgeschichte von Martin Kurath (Jürgen Prochnow) und Thomas Manzoni (Ernst Hannawald). Sie lernen sich im Gefängnis kennen. Martin ist inhaftiert wegen Unzucht mit einem Fünfzehnjährigem. Der Grund für die Strafe ist, wie Martin am Anfang sagt, nicht der Sex mit einer minderjährigen Person, sondern dass es schwuler Sex war.
Thomas ist der minderjährige Sohn des Wärters Giorgio Manzoni (Walo Lüönd). Er leidet unter den Ansprüchen seines konservativen Vaters, der niemals einen homosexuellen Sohn akzeptieren wird, und der Gesellschaft, die Homosexualität ablehnt.
Nach Martins Entlassung treffen sie sich weiter. Sie ziehen sogar zusammen.
Als Thomas‘ Eltern davon erfahren, schicken sie ihren Sohn in ein Erziehungsheim, in dem die Erziehung und der Umgang untereinander von Gewalt, Machokultur, Repression, Erniedrigung und auch Folter geprägt ist. Die Kinder werden dazu erzogen, ihre Gefühle zu verheimlichen und zu gehorchen. Der sensible Thomas will das Heim möglichst schnell verlassen. Martin will ihm dabei helfen. Allerdings ist das im legalen Rahmen nicht möglich.
Als Wolfgang Petersen „Die Konsequenz“ inszenierte, war er bereits ein bekannter Regisseur. Er inszenierte die durchgehend sehenswerten Finke-“Tatorte“, unter anderem „Reifeprüfung“, die -ky-Verfilmung „Einer von uns beiden“ (ebenfalls mit Prochnow) und „Smog“, eine Semidoku über eine mehrere Tage anhaltenden Smoglage im Ruhrgebiet. Einige Zuschauer hielten den Film (der mal wieder im TV gezeigt werden könnte) für einen Dokumentarfilm und er wurde breit diskutiert. 1981 folgte „Das Boot“.
Aus heutiger (und sicher auch aus damaliger) Sicht ist „Die Konsequenz“ ein etwas aus der Zeit gefallener Film. Handlungsorte und -zeit werden nie präzise genannt. Letztendlich spielt er irgendwo zwischen der Schweiz und Deutschland und eher in den sechziger als in den siebziger Jahren. Und er wurde in SW gedreht, obwohl damals eigentlich auch alle TV-Filme in Farbe gedreht wurden.
Außerdem wurde 1977 schon länger über Homosexualität und die Erziehung in Heimen gesprochen. Es gab in den Jahren davor wichtige Liberalisierungen in den Gesetzen und in der Gesellschaft. In der Erziehung wurde Gewalt immer stärker abgelehnt (Der Film „Freistatt“ gibt einen Einblick in die Heimerziehung in den Sechzigern.). Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ (1970) war der Startpunkt für die Schwulenbewegung – und einer der Filme, deren Ausstrahlung damals ebenfalls vom Bayerischen Rundfunk boykottiert wurde.
„Die Konsequenz“ ist, trotz seiner Kritik am Strafvollzug, der Heimerziehung und dem Umgang mit Homosexuellen, kein Agitprop-Film, sondern eine sensibel erzählte Liebesgeschichte über zwei Liebende und den zahlreichen Widerständen, gegen die sie kämpfen müssen. Dass diese Liebenden Männer sind, ist da eher nebensächlich; – auch wenn es damals bei den Sittenwächtern zum Skandal taugte.
mit Jürgen Prochnow, Ernst Hannawald, Walo Lüönd, Edith Volkmann, Erwin Kohlund, Hans Irle, Erwin Parker, Alexander Ziegler, Werner Schwuchow, Hans-Michael Rehberg
Boulevard der Dämmerung (Sunset Boulevard, USA 1950)
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Charles Brackett, Billy Wilder, D. M. Marsham jr.
Am Filmanfang treibt Drehbuchautor Joe Gillis tot im Swimming Pool von Norma Desmond, einem Hollywood-Stummfilmstar, von dem niemand mehr etwas wissen will. Joe kommentiert aus dem Jenseits nicht nur die Arbeit der anwesenden Polizisten, sondern er erzählt uns auch, wie der finanziell notleidende Drehbuchautor die in einer Villa lebende Norma Desmond kennen lernte, ihr nicht ganz uneigennützig verfiel, starb und so für Norma Desmonds letzten großen Auftritt sorgt.
Ein Klassiker und eine grandiose Abrechnung mit der Traumfabrik Hollywood, die heute immer noch einer der besten Hollywood-Filme ist.
mit William Holden, Gloria Swanson, Erich von Stroheim, Nancy Olson, Fred Clark, Lloyd Gough, Jack Webb, Cecil B. DeMille, Buster Keaton, Hedda Hopper, Ray Evans, Anna Q. Nilsson, H.B. Warner, Jay Livingston
Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag, Tom Cruise!
RTL II, 20.15
Oblivion (Oblivion, USA 2013)
Regie: Joseph Kosinski
Drehbuch: Karl Gajdusek, Michael deBruyn (basierend auf der Graphic-Novel-Originalstory von Joseph Kosinski)
Nach dem Krieg gegen die Aliens verließen die Menschen die Erde. Nur einige Männer, wie Jack, sind als Reparaturtrupp für Alien-jagende Drohnen zurückgeblieben. Da stürzt ein Raumschiff mit einer Frau an Bord ab – und Jacks Leben gerät aus dem Ruder.
Optisch überzeugender SF-Film, bei dem man sein Gehirn nicht komplett abschalten sollte.
Harold ist 19 Jahr alt und hat keine Lust zu leben. Da trifft er bei einer Beerdigung die 79-jährige Maude, die immer noch ein fröhlich Regeln missachtendes Energiebündel ist. Harold verliebt sich in Maude.
Immer wieder gern gesehener Kultfilm!
Mit der Musik von Cat Stevens.
Mit Bud Cort, Ruth Gordon, Vivian Pickles, Cyril Cusack, Charles Tyner, Ellen Geer
Sieben Jahre nach ihrem ersten Solofilm „Minions“ und zwölf Jahre nach ihrem ersten Kinoauftritt in „Ich – einfach unverbesserlich“ (Despicable me) sind die Minions mit „Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ zurück im Kino. Dieses Mal spielt der Film in den Siebzigern. Die Minions, kleine tollpatschige gutmütige gelbe Wesen, leben bei dem fast zwölfjährigem Gru. Sein größter Wunsch, Lebenstraum und Berufsziel ist es, ein gefürchteter Superschurke zu werden. Als bei den „Fiesen 6“ ein Platz frei wird, will er ein Mitglied der von ihm bewunderten Verbrecherbande werden.
Der Platz wurde frei, weil die Bande ihren Anführer Wilder Knöchelknacker tötete. Er hatte unmittelbar davor den wertvollen Zodiac-Stein gefunden und befand sich in einer hilflosen Lage. Soviel zu Vertrauen unter Ganoven. Dieser mit magischen Kräften ausgetattete Stein wird später im Film wichtig. Mehr oder weniger.
Gru soll für ein Vorstellungsgespräch zum Hauptquartier der Fiesen 6 kommen. Allein.
Aber die Minions folgen ihm heimlich. Um ihn zu unterstützen. Gleichzeitig sorgen sie für eine ordentliche Menge Chaos.
„Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ erreicht niemals die Qualität von „Minions“, das rückblickend ein vergnügliches Abenteuer mit Action, Slaptstick und Gags ist. Natürlich gibt es dieses Mal wieder einige Gags und Slapstick. Kindern gefällt das fröhliche Scheitern der Minions und der anderen Verbrecher. Für die Älteren gibt es auch einige popkulturelle Anspielungen.
Die Story selbst ist eine vernachlässigbar-lieblose Ansammlung bekannter Standardsituationen. Schnell wird die Suche nach dem Mini-Boss zu einer Abfolge von Episoden. Etliche, z. B. wenn die Minions vollkommen ahnungslos ein Passagierflugzeug fliegen (köstlich!) oder sie eine Kung-Fu-Lehrstunde erhalten (weniger köstlich), bringen die Handlung nicht voran. Andere Episoden haben, egal wie sie enden, keinerlei Auswirkung auf die Geschichte und ihr Ende. Dazwischen sorgen die Minions mit ihren Aktionen immer wieder für Chaos, das sich in Wohlgefallen auflöst.
So ist der zweite „Minions“-Film ein egaler Animationsfilm mit einigen wenigen Lachern und viel Leerlauf. Trotz seiner kurzen Laufzeit von knapp neunzig Minuten.
Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss (Minions: The Rise of Gru, USA 2022)
Regie: Kyle Balda, Brad Ableson (Co-Regie), Jonathan del Val (Co-Regie)
Drehbuch: Matthew Fogel (nach einer Geschichte von Brian Lynch und Matthew Vogel)
mit (im Original den Stimmen von) Steve Carell, Alan Arkin, Taraji P. Henson, Jean-Claude van Damme, Lucy Lawless, Michelle Yeoh, Danny Trejo, Dolph Lundgren, RZA, Julie Andrews, Russell Brand, Steve Coogan, Will Arnett
(in der deutschen Fassung den Stimmen von) Oliver Rohrbeck, Thomas Gottschalk, Dela Dabulamanzi, Bastian Baker, Oliver Stritzel
Humberto Suárez ist ein stinkreicher, immer noch agiler, aber schon älterer Unternehmer, der jetzt endlich etwas möchte, an das sich die Nachwelt erinnert. Sein Sekretär schlägt ihm eine Brücke mit seinem Namen vor. Für Suárez ist das zu gewöhnlich. Eine Brücke mit seinem Namen kann sich jeder Unternehmer leisten. Er aber will sein Geld für etwas ausgeben, das ungewöhnlich ist und an das die Menschen sich noch nach seinem Tod erinnern. Zum Beispiel einen Film. Allerdings nicht irgendeinen Film, sondern “der beste Film aller Zeiten”. Sein Sekretär soll ihm dafür die beste Regisseurin und die besten Schauspieler besorgen. Die werden dann, so denkt er sich, aus einem Bestseller den besten Film aller Zeiten herstellen. Aus den besten Zutaten kann ja nur das Beste entstehen.
Die Wahl fällt auf Lola Cuevas (Penélope Cruz) und die Schauspieler Félix Rivero (Antonio Banderas) und Iván Torres (Oscar Martinez). Cuevas ist eine rundum exzentrische Avantgarde-Regisseurin mit seltsamen Arbeitsmethoden. Die Kritiker lieben ihre Filme. Rivero ist ein Star, der vor allem in banalen Hollywood-Vehikeln glänzt. Torres ist ein Theaterschauspieler, der um sein Spiel eine ganze Theorie aufgebaut hat. Ihr Spiel und auch ihre Ansprüche an ihre Spiel sind vollkommen verschieden. Aber beide sind von sich überzeugte Gockel, die sich für intelligenter halten als sie sind.
Vor dem Dreh möchte Cuevas mit ihren beiden Stars proben. In einer riesigen, einsam gelegenen modernistischen Villa treffen die Egos aufeinander.
Cuevas bestimmt als Regisseurin zwar die Spielregeln und die immer absurderen Prüfungen, die sie Rivero und Torres auferlegt. Aber es ist immer etwas unklar, ob Cuevas dabei wirklich ein künstlerisches Konzept verfolgt, das zwar mindestens etwas Gaga ist, aber ein Konzept wäre, oder ob sie die beiden Gockel und ihre Eitelkeiten einfach nur zu ihrem (und unserem) Vergnügen demaskieren möchte. In jedem Fall, auch weil Penélope Cruz, Antonio Banderas und Oscar Martinez sich mit Verve in ihre Rollen stürzen, ist „Der beste Film aller Zeiten“ ein Vergnügen.
Leider findet das Vergnügen in einem etwas luftleeren Raum statt. Denn die Regisseure Gastón Duprat und Mariano Cohn beziehen sich primär auf Ideen und Konzepte aus den sechziger und siebziger Jahren.
Am Ende vom ‚besten Film aller Zeiten‘ wissen wir nicht, ob wir den ‚besten Film aller Zeiten‘ gesehen haben, weil wir ja nur die aus dem Ruder gelaufenen Proben für den ‚besten Film aller Zeiten‘ gesehen haben.
Der beste Film aller Zeiten (Competencia oficial, Spanien/Argentinien 2021)
Regie: Gastón Duprat, Mariano Cohn
Drehbuch: Andres Duprat, Gastón Duprat (Co-Autor), Mariano Cohn (Co-Autor)
mit Penélope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martinez, Jose Luis Gómez, Manolo Solo, Nagore Aramburu, Irene Escolar