Preisgekrönte Bücher: S. A. Cosby: Die Rache der Väter

September 21, 2022

In den vergangenen Monaten erhielt „Die Rache der Väter“ wichtige Krimipreise, wie den Thriller Award. Er stand auf den Nominierungslisten für den Edgar und den Dagger Award. Er erhielt auch etliche nicht direkt krimi-relevanten Preise.

Er stand außerdem, immerhin erschien der Roman in den USA bereits 2021, auf zahlreichen Jahresbestenlisten. Barack Obama empfahl das Buch in seiner Sommerleseliste. Ian Rankin meinte: „Dieser Roman ist die Defintion eines rasanten Krimis.“

Bei dem vielen Lob stellt sich irgendwann die Frage, ob der Roman den mit den Preisen hochgeschraubten Erwartungen standhält.

Schließlich ist die Story uralt: ein Vater will den Tod seines Kindes rächen. Auch wenn es, wie der deutsche Titel verrät, in diesem Fall zwei Väter sind, bleibt „Razorblade Tears“ (so der Originaltitel) im Kern eine simple Rachegeschichte.

Auch die ersten Variationen wirken wie ein Blick in den Klischeebaukasten 2.0. Gerächt werden sollen Isiah Randolph und Derek Jenkins, zwei junge Männer, die glücklich miteinander verheiratet waren und ermordet wurden. Die Polizei von Richmond, Virginia, kommt bei ihren Ermittlungen nicht voran; vielleicht will sie auch nicht zu viel Zeit in den Schwulenmord investieren.

Die Väter von Isaiah und Derek lehnten die sexuelle Orientierung ihrer Söhne ab. Als sie davon erfuhren, brachen sie die Verbindung zu ihnen ab. Sie sind, noch eine Gemeinsamkeit, ehemalige Häftlinge. Der eine ist jetzt erfolgreicher Unternehmer. Der andere ein heruntergekommener Alkoholiker. Der eine ist ein Schwarzer, der andere ein Weißer. Und sie mögen sich nicht.

Aber jetzt wollen der Schwarze Ike Randolph, der ein Unternehmen mit 15 Beschäftigten zur Rasen- und Gartenpflege hat, und der Weiße Buddy Lee Jenkins sich unter den ehemaligen Freunden ihrer Söhne umhören.

Bei ihren ersten Befragungen müssen sie mit ihren Gefühlen und ihrem Temperament kämpfen. Denn jede ihrer Befragungen im LGBTQ+-Milieu ist immer kurz davor, in handgreifliche Auseinandersetzungen auszuarten.

Als sie sich die gemeinsame Wohnung von Isiah und Derek ansehen, werden sie von zwei Mitgliedern der Rare Breed überrascht. Die Rare Breed sind eine Outlaw Motorcycle Gang, die tief in verschiedenen verbrecherischen Geschäften steckt. Kurz darauf ist einer der beiden Rocker tot. Der andere konnte flüchten. Anstatt zur Polizei zu gehen, lassen Ike und Buddy Lee die Leiche verschwinden.

Schon auf den ersten Seiten zeigt S. A. Cosby, dass er seine Vorbilder kennt und weiß, wie man eine packende Geschichte erzählt. Er wechselt kontinuierlich zwischen drei Perspektiven: der von Ike, der von Buddy Lee und der von Grayson und seiner Rockergang. Die Rare Breed haben, das wird schon früh im Buch verraten, etwas mit dem Tod von Isiah, der als Journalist für die „Rainbow Review“ arbeitete, und Derek, der in einer Bäckerei arbeitete, zu tun.

Die Klischees und vertrauten Handlungsabläufe bentzt Cosby, um sein Thema aus verschiedenen Perspektiven und in die Tiefe gehend zu behandeln. Vor allem beschäftigt Cosby sich mit der Frage, welche Bilder von Männlichkeit existieren und wie sie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderten. Es geht auch um die politischen, kulturellen und sozialen Spaltungen in den USA.

Davon erzählt er im Rahmen einer spannenden Detektiv- und Rachegeschichte, die auch die Geschichte einer Freundschaft ist. Denn selbstverständlich lernen Ike und Buddy Lee sich im Lauf ihrer gemeinsamen Ermittlungen besser kennen. Sie verstehen sich besser und sie ändern ihre Ansichten.

Für den gestandenen Krimifan gibt es außerdem etliche Anspielungen auf Kriminalromane und -filme. Sie zeigen, dass Cosby sich im Genre auskennt und in welcher Traditionslinie, nämlich der Noir- und Hardboiled-Tradition, er schreibt.

Die Sünden der Väter“ ist ein sicherer Anwärter für meine Jahresbestenliste; – wenn ich denn eine erstelle. Ich bin da ja notorisch schlampig.

S. A. Cosby: Die Sünden der Väter

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Ars Vivendi, 2022

344 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Razorblade Tears

Flatiron Books, 2021

Hinweise

Perlentaucher über „Die Sünden der Väter“

Book  Marks über „Die Sünden der Väter“

Wikipedia über S. A. Cosby (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 21. September: Million Dollar Baby

September 20, 2022

Kabel 1, 20.15

Million Dollar Baby (Million Dollar Baby, USA 2004)

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Paul Haggis

LV: F. X. Toole: Million Dollar Baby (Kurzgeschichte, erschienen in „Rope Burns“, 2000, Neuauflage zum Filmstart unter „Million Dollar Baby – Stories from the Corner“)

Jetzt ist es endlich soweit. Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ ist der TV-Tagestipp. Denn aus vollkommen schleierhaften Gründen gelang es mir in den vergangenen Jahren immer wieder, wenn dieser Film lief, einen anderen Film zum Tagestipp zu machen.

Sie ist zu alt für eine Boxkarriere und eine Frau. Das sind für den erfahrenen Boxcoach Frankie Dunn (Clint Eastwood) zwei gute Gründe, Maggie Fitzgerald (Hilary Swank) nicht zu trainieren. Aber die Kellnerin ist hartnäckig. Frankie traniert sie dann doch. Sie siegt. Bis ein Schlag im Boxring alles verändert.

Einer von Clint Eastwoods besten Filmen.

Mit Clint Eastwood, Hilary Swank, Morgan Freeman, Jay Baruchel, Mike Colter, Lucia Rijker, Anthony Mackie, Michael Peña

Wiederholung: Donnerstag, 22. September, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Million Dollar Baby“

Wikipedia über „Million Dollar Baby“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Jersey Boys” (Jersey Boys, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „American Sniper“ (American Sniper, USA 2014)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Sully“ (Sully, USA 2016)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „The Mule“ (The Mule, USA 2018)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Der Fall Richard Jewell“ (Richard Jewell, USA 2019)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Cry Macho“ (Cry Macho, USA 2021)

Meine Besprechung von Kai Blieseners „Clint Eastwood – Mann mit Eigenschaften“ (2020)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


„Crime Cologne“ vor dem Ende?

September 20, 2022

Wenige Tage vor dem Start der diesjährigen „Crime Cologne“ erhielt ich folgende Pressemitteilung zum Weiterbestehen des Krimifestivals, die ich ihr ausnahmsweise vollständig poste:

Streichung der Fördermittel droht – startet nächste Woche die letzte »Crime Cologne« aller Zeiten?

Während ab dem 25.9. deutschsprachige und internationale Bestsellerautor:innen anlässlich der »Crime Cologne« in Köln zu Gast sind, will der Finanzausschuss am 30.09. das Förderungsaus für das renommierte Krimifestival beschließen.

Nach zwei Jahren Corona-Pandemie findet vom 25. September bis zum 4. Oktober in Köln endlich wieder das internationale Krimifestival »Crime Cologne« statt. Doch obwohl die Veranstaltungen vom Publikum bestens angenommen werden und zahlreiche Bestsellerautor:innen zu Gast sein werden, können sich die Verantwortlichen des Festivals nicht so recht freuen. Grund dafür ist der aktuelle Haushaltsplanentwurf 2023/2024 der Stadt Köln, der eine komplette Streichung der Fördermittel für das Festival vorsieht.

»Die Situation ist absurd«, so Festivalleiter Hejo Emons. »Noch während die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne stehen, will uns die Stadt Köln das Licht ausdrehen.« Die Sorge ist begründet: Am 30.9., also mitten in der Festivalwoche, tagt der Finanzausschuss. Erfolgt dort Finanzausschuss keine Korrektur durch die für den Haushalt verantwortlichen Ratsfraktionen mehr, wird dann das Aus für ein Festival beschlossen, das sich in den letzten zehn Jahren zu einem der größten Krimifestivals im deutschsprachigen Raum entwickelt hat und von dem Oberbürgermeisterin Henriette Reker noch 2019 sagte, dass es aus der Kölner Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken sei.

»Wir sind sehr verwundert über das Verhalten der Verantwortlichen«, so Achim Mantscheff, Vorstand des gemeinnützigen Crime Cologne e.V. »In dieses Festival ist in den letzten Jahren ein Vielfaches der öffentlichen Förderung durch persönliches Engagement geflossen – längst nicht nur auf der finanziellen Ebene. Und beileibe nicht nur durch den Crime Cologne e.V. Das Festival ist zu einem Netzwerk vor allem der Kölner Verlags-, Buchhandels- und Medienlandschaft geworden. Viele Hände und Köpfe haben es zu dem gemacht, was es heute ist. Dass uns die Förderung nun gestrichen werden soll, ohne dass im Vorfeld auch nur ein einziges Gespräch seitens der Verwaltung und verantwortlichen Politiker mit uns geführt worden wäre, ist für den Kulturstandort Köln schlicht beschämend.« Tatsache ist, dass die »Crime Cologne« noch nicht einmal über den Ausfall der kommenden Förderung informiert wurde, sondern dies schlicht durch die Lektüre des städtischen Haushaltsentwurfs erfuhr.

Die »Crime Cologne« wurde seit ihrer Gründung auf Basis von Beschlüssen des Wirtschaftsausschusses durch das Amt für Wirtschaftsförderung und in den Jahren 2020 und 2021 durch die KölnBusiness Wirtschaftsförderungs GmbH unterstützt. Im laufenden Jahr übernahm erstmals das Kulturamt die Förderung. Nun steht das Festival vor dem Aus.

»Die Fördersumme von jährlich 25.000 € war ohnehin niemals kostendeckend, zumal 3.000 € davon nicht zur Förderung der Veranstaltungen, sondern als Preisgeld des `Crime Cologne Award´ zur Verfügung gestellt wurden – ein Preis übrigens, den wir auf expliziten Wunsch der Stadt Köln ins Leben gerufen haben und der dann ohne Festival ebenfalls in eine ungewisse Zukunft blickt. Die Stadt Köln hat als Kultur-, aber auch als Wirtschaftsstandort über alle Jahre vom Festival profitiert. Nicht nur die Autor:innen, Moderator:innen, Sprecher:innen, die ganz unmittelbar von den Auftritten abhängig sind, auch die zahlreichen Kooperationspartner, die Locations, Techniker:innen, die Buchhändler:innen und Verlage werden verlieren, wenn es das Festival nicht mehr geben sollte. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Veranstaltungs- und Kulturbranche, die wie keine andere unter der Corona-Situation gelitten hat«, so Mantscheff. Bei einer Sache sind sich die Macher des Festivals aber einig: Sollte der Finanzausschuss das Förderaus tatsächlich beschließen, wird ab dem 25. September die letzte »Crime Cologne« stattfinden. Und dann verliert vor allem die Stadt Köln.

Ein Statement der Stadt Köln oder der im Kölner Rat vertretenen Parteien dazu habe ich jetzt nicht gefunden. Aber so ein Haushaltsenwurft verändert sich immer zwischen dem Entwurf und seiner Verabschiedung.


Cover der Woche

September 20, 2022

Ein Klassiker.

John Hustons Verfilmung mit den beiden obigen Coverboys ist ebenfalls ein Klassiker.


TV-Tipp für den 20. September: Zwei rechnen ab

September 19, 2022

Servus TV, 22.15

Zwei rechnen ab (Gunfight at the O. K. Corral, USA 1957)

Regie: John Sturges

Drehbuch: Leon Uris (nach dem Zeitschriftenartikel von George Scullin)

Immer wieder gern gesehener Westernklassiker über US-Marshal Wyatt Earp (Burt Lancaster), Doc Holliday (Kirk Douglas) und die legendäre Schießerei am O. K. Corral.

mit Burt Lancaster, Kirk Douglas, Rhonda Fleming, Jo Van Fleet, John Ireland, Frank Faylen, George Matthews, Earl Holliman, Dennis Hopper, DeForest Kelley, Lee Van Cleef

Wiederholung: Mittwoch, 21. September, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Zwei rechnen ab“

Wikipedia über „Zwei rechnen ab“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Sturges‘ „Die 5 Geächteten“ (Hour of the Gun, USA 1967)

John Sturges in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 19. September: Bis dann, mein Sohn

September 18, 2022

Arte, 21.45

Bis dann, mein Sohn (Di jiu tian chang, Volksrepublik China 2019)

Regie: Wang Xiaoshuai

Drehbuch: A Mei, Wang Xiaoshuai

TV-Premiere. Dreistündiges, drei Jahrzehnte umspannendes, nicht chronologisch erzähltes Epos, das von zwei normalen Familien und ihrem Leben in einem sich ab den frühen Achtzigernrapide wandelndem China erzählt.

Wang Xiaoshuai („Beijing Bicycle“) erzählt das mit großem Atem und mit vielen Andeutungen, die wahrscheinlich nur für Chinesen verständlich sind. Ich empfand am Ende des Films jedenfalls mehr Bewunderung für alle möglichen Aspekte das Films als Begeisterung für das gesamte Werk.

Auf der Berlinale erhielten Yong Mei als beste Darstellerin und Wang Jingchun als bester Darsteller einen Silbernen Bären.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Wang Jingchun, Yong Mei, Qi Xi, Wang Yuan, Du Jiang, Ai Liya, Xu Cheng, Li Jingjing, Zhao Yanguozhang

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Bis dann, mein Sohn“

Metacritic über „Bis dann, mein Sohn“

Rotten Tomatoes über „Bis dann, mein Sohn“

Wikipedia über „Bis dann, mein Sohn“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Bis dann, mein Sohn“

Mein Besprechung von Wang Xiaoshuais „Bis dann, mein Sohn“ (Di jiu tian chang, Volksrepublik China 2019)


TV-Tipp für den 18. September: Wir

September 17, 2022

RTL II, 22.30

Wir (Us, USA 2019)

Regie: Jordan Peele

Drehbuch: Jordan Peele

Als die Wilsons einige bedrohlich wirkende Menschen in der Einfahrt zu ihrem Haus stehen sehen, wird ihr Urlaub zu einem Horrortrip. Denn diese sich seltsam bewegenden Wesen in roten Overalls sind ihre Ebenbilder – und sie wollen sie umbringen.

TV-Premiere. „Get out“ Jordan Peeles zweiter Film: nicht so gut wie sein grandioses Debüt. Starke Bilder, starke Szenen, aber mit massiven Schwächen in der Geschichte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Lupita Nyong’o, Winston Duke, Shahidi Wright Joseph, Evan Alex, Elisabeth Moss, Tim Heidecker

Hinweise

Moviepilot über „Wir“

Metacritic über „Wir“

Rotten Tomatoes über „Wir“

Wikipedia über „Wir“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jorda Peeles „Get out“ (Get out, USA 2017)

Meine Besprechung von Jordan Peeles „Wir“ (Us, USA 2019)

Meine Besprechung von Jordan Peeles „Nope“ (Nope, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Küchenbrigade“ im Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

September 17, 2022

Cathy Marie (Audrey Lamy) hat genug von ihrer Chefin. Die betreibt ein nobles Sterne-Restaurant, hat im Fernsehen eine erfolgreiche Kochshow und einen Kontrollfetisch. In ihrem Restaurant werden nur ihre Kreationen in der von ihr gewünschten Zubereitung hergestellt. Cathy bereitet es anders zu und wird dafür von ihrer Chefin heruntergeputzt. Verärgert kündigt sie. Die Vierzigjährige denkt sich, dass sie mit ihrem Lebenslauf schnell in einem anderen Nobelrestaurant angestellt wird.

Dem ist nicht so. Fast schon verzweifelt bewirbt sie sich auf eine Anzeige, die, wie sie schon beim ersten Blick auf das heruntergekommene, abseits gelegene Gebäude feststellt, etwas blumig formuliert wurde. Die angekündigte Küche ist nicht etwas, sondern weit unter ihrem Niveau. Angesichts ihrer hoffnungslosen Lage nimmt sie die Stelle als Kantinenköchin in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge trotzdem an.

Schockiert bemerkt sie an ihrem ersten Tag, dass die Zubereitung des Essens hier aus dem Erhitzen von vorgefertigten Zutaten besteht. Das wird sie ändern. Auch wenn ihr der Leiter des Hauses erklärt, für ein besseres Essen reiche das Geld nicht und die Jugendlichen seien zufrieden mit der Dosenravioli, solange sie warm ist und pünktlich auf dem Tisch steht.

Die Küchenbrigade“ ist der neue Film von Louis-Julien Petit. Sein letzter Film war das warmherzige, äußerst gelungene Drama „Der Glanz der Unsichtbaren“ über eine von der Schließung bedrohte Tagesstätte für obdachlose Frauen.

Dieses Mal stehen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Mittelpunkt des Films. Wenn sie nicht vor ihrem 18. Geburtstag eine Ausbildung beginnen, werden sie abgeschoben. Diese Flüchtlinge werden, wie die Frauen im „Glanz der Unsichtbaren“, von Laien gespielt, die sich letztendliche selbst spielen.

Trotz all der Probleme, die die Figuren in dem Film haben, und die auch angesprochen werden, erzählt Petit die Geschichte als Feelgood-Movie mit einer begrüßenswerten Botschaft.

Das Problem des Films ist nur, wie sie hier präsentiert wird. Deshalb ist „Die Küchenbrigade“ eine Sozialkomödie, die nicht so gelungen wie sein vorheriger Film ist.

Natürlich muss in einem Film einiges verdichtet und zugespitzt werden. So ist das Essen in dem Heim überirdisch schlecht. Es gibt sehr wenig, eigentlich überhaupt kein Personal. Das Haus ist riesig, aber nur wenige Zimmer werden bewohnt. Das alles muss man im Rahmen der Konventionen eines humoristischen Feelgood-Dramas hinnehmen. Ebenso dass alle sehr schnell bei der im zwischenmenschlichen Umgang schwierigen Cathy Kochen auf höchstem Niveau lernen wollen.

Ärgerlich wird es am Ende des Film. Sobald Cathy sich um einen Auftritt in der Kochshow ihrer früheren Chefin bewirt, wird die Geschichte unglaubwürdig. Das live ausgestrahlte Finale der Kochshow, in der Cathy zu den Finalisten gehört, ist eine einzige Abfolge unplausibler und nur scheinbar überraschender Wendungen. Dieser Teil wirkt, als habe das Team einer Daily-Soap die Macht am Set übernommen.

Die Küchenbrigade“ gehört, mit Lamby und Cluzet in den Hauptrollen, zum sozial bewusstem französischem Starkino. Öfter wirkt es so, als würde das Schicksal der Flüchtlinge für den Film ausgebeutet. Sie dürfen irgendwann im Film kurz aus ihrem Leben erzählen, aber im Mittelpunkt steht die biestige Cathy mit ihren Problemen. Und das Finale folgt der sich nicht um Realismus kümmernden Dramaturgie schlechter US-amerikanischer Feelgood-Movies.

Die Küchenbrigade (La brigade, Frankreich 2022)

Regie: Louis-Julien Petit

Drehbuch: Louis-Julien Petit, Liza Benguigui-Duquesne, Sophie Bensadoun, Thomas Pujol (in Zusammenarbeit mit) (nach einer Idee von Sophie Bensadoun)

mit Audrey Lamy, François Cluzet, Chantal Neuwirth, Fatou Kaba, Yannick Kalombo

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Küchenbrigade“

AlloCiné über „Die Küchenbrigade“

Rotten Tomatoes über „Die Küchenbrigade“

Wikipedia über „Die Küchenbrigade“ (deutschfranzösisch)

Meine Besprechung von Louis-Julien Petits „Der Glanz der Unsichtbaren“ (Les Invisibles, Frankreich 2018)


TV-Tipp für den 17. September: High-Rise

September 16, 2022

3sat, 23.45

High-Rise (High-Rise, Großbritannien 2015)

Regie: Ben Wheatley

Drehbuch: Amy Jump

LV: J. G. Ballard: High-Rise, 1975 (Der Block, Hochhaus, High-Rise)

Der Neurophysiologe Dr. Robert Laing zieht in ein am Stadtrand von London liegendes modernes Hochhaus. Als er seine Mitbewohner kennenlernt, bemerkt er die Klassengesellschaft im Haus, die Konflikte zwischen den Stockwerken und ihre dekadente Vergnügungssucht.

Sehr düstere Satire auf die Gesellschaft und den Kapitalismus, toll besetzt, glänzend und sehr stilbewusst inszeniert von Ben Wheatley.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films und der Vorlage, die in einem sehr interessanten Spannungsverhältnis stehen.

mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory

Hinweise

Moviepilot über „High-Rise“

Metacritic über „High-Rise“

Rotten Tomatoes über „High-Rise“

Wikipedia über „High-Rise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Sightseers“ (Sightseers, Großbritannien 2012)

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „High-Rise“ (High-Rise, Großbritannien 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Ben Wheatleys „Free Fire“ (Free Fire, Großbritannien/Frankreich 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Dokumentarfilm „Europa Passage“

September 16, 2022

Wer sind die Bettler, die in Großstädten in Unterführungen und Eingängen von Einkaufspassagen sitzen und an denen wir meistens vorbeigehen?

Andrei Schwartz hat einige dieser Bettler über mehrere Jahre beobachtet und auch in ihr Heimatdorf Namaiesti in Rumänien begleitet. Es ist ein Dorf, in dem die Moderne noch lange nicht angekommen ist und in dem, so scheint es im Film „Europa Passage“, alle von minimalen staatlichen Leistungen und dem Betteln leben. Die Dorfbewohner können nicht lesen und schreiben. Sie können deshalb nur schlecht bezahlte Hilfsarbeiten annehmen, für die man nicht lesen und nichts aufschreiben muss. Stehlen wollen sie nicht. Also bleibt nur noch das Betteln. Sie tun es in Hamburg. Immer einige Wochen oder Monate. Dann kehren sie zurück nach Namaiesti. Und eine Monate später reisen wie wieder nach Hamburg.

Es ist ein Kreislauf, der gegen Ende von Schwartz‘ Hauptprotagonisten Mariana und Ion Luca durchbrochen wird. Er hat eine Arbeit gefunden, die er länger ausüben will. Sie bettelt weiter, weil sie sonst nichts zu tun hat. Sie holen ihre Enkelin nach Hamburg. Sie soll zur Schule gehen

Schwartz wurde 1955 in Bukarest geboren. Seit 1973 lebt der Rumäne in Deutschland. In seinen mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Dokumentarfilmen beschäftigt er sich immer wieder mit Rumänien, dem Leben in Rumänien und dem Leben von Rumänen in Deutschland.

Für seinen neuen Film begleitete er die aus Namaiesti kommenden Roma über fünf Jahre. Aus dem Material montierte er einen chronologisch erzählten, weitgehend ruhig beobachtenden Dokumentarfilm. Es gibt nämlich auch längere Gespräche mit ihnen, in denen sie über sich, ihr Leben und ihre Hoffnungen reden. Er lässt sie zu Wort kommen, verleiht ihnen eine Stimme und hört ihnen geduldig zu.

Mit zunehmender Laufzeit ist dieser klare und unkommentierte Fokus auf diese Romafamilien eine störende Limitierung. Wir erfahren nämlich nicht, warum das Dorf so arm ist, warum der Staat nichts gegen die Armut unternimmt und warum die Bewohner dort bleiben, auch wenn sie wissen, dass ihre Kinder dort keine Zukunft haben.

Wir erfahren, außer wenn sie es selbst in einem Gespräch sagen, auch nichts über die Hilfsangebote in Hamburg und den Umgang der Stadt mit ihnen. So wurden sie immer wieder aus dem Winternotprogramm für Obdachlose ausgeschlossen.

Und es ist schon etwas auffallend, dass alle Roma, die er zeigt, ehrliche Bettler sind.

In jedem Fall wird man nach dem Dokumentarfilm „Europa Passage“ die Bettler mit anderen Augen betrachten. Falls man sie vorher überhaupt wahrgenommen hat.

Europa Passage (Deutschland 2022)

Regie: Andrei Schwartz

Drehbuch: Andrei Schwartz

mit Mariana Luca, Ion Luca, Ioana Lavinia Brumaru

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Europa Passage“

Moviepilot über „Europa Passage“


„Nachts im Paradies“ ist der Taxifahrer während dem Oktoberfest

September 16, 2022

Am Samstag ist es in München wieder so weit. Dann beginnt dort, wenn man den Verlautbarungen bayerischer Politiker und den gut informierten Boulevardzeitungen glauben darf, das größte, schönste, beste Fest der Welt. Das Oktoberfest. Die letzten zwei Jahre fiel es wegen der Coronavirus-Pandemie aus. Dieses Jahr soll wieder wie früher gefeiert werden.

Alle, die dann nicht in München sind, können sich im Bayerischen Rundfunk Übertragungen aus dem Festzelt oder im Wiesn.TV das bierselige Gewusel vor Live-Cams ansehen. Das sind schon ziemlich gruselige Bilder.

Aber diese Bilder sind harmlos gegenüber den Bildern, die Frank Schmolke für seinen während des Oktoberfests spielendem Comic „Nachts im Paradies“ zeichnete. Er erschien 2019, wurde von der Presse gelobt und erhielt 2019 den Rudolph Dirks Award.

Schmolke fuhr selbst gut dreißig Jahre Taxi. Zunächst mehr, später weniger, aber immer nachts. Sein Geld verdient er inzwischen als Comiczeichner und freiberuflicher Illustrator. Die Erlebnisse, die er während seiner Arbeit als Taxifahrer hatte, inspirierten ihn dann zu „Nachts im Paradies“. Der entscheidende Anstoss für den gut 360-seitigen Comic waren vor allem die zwei Wochen, die er 2014 beim Oktoberfest fuhr um eine Auftragsflaute zu überbrücken.

Er erzählt angemessen hektisch, lakonisch und mit trockenem Humor einige Tage aus dem Leben von Vincent. Während des Oktoberfestes fährt der Taxifahrer die Besoffenen nach Hause. Einmal schleppt er eine leicht bekleidete Betrunkene in ihre Wohnung. Eine andere kotzt ihm ins Taxi und ihr Freund verpasst ihm ein blaues Auge. Für eine Nacht erhält er von Igor einen lukrativen Auftrag: er soll eine seiner Prostituierten zu einem Kunden fahren, warten und sie später wieder zurückfahren. Der Auftrag entwickelt sich anders, als geplant.

Außerdem besucht Vincents sechzehnjährige Tochter ihn. Auch sie stürzt sich in das Nachtleben.

Und irgendwann zwischen besoffenen Fahrgästen und Schlägereien, fragt Vincent sich, ob er nach dreißig Jahren als Taxifahrer nicht endlich etwas anderes tun soll.

Spätestens nach der Lektüre von „Nachts im Paradies“ hat man keine Lust mehr auf das Oktoberfest genannte Massenbesäufnis mit seinen Bierzombies. Aber viel Lust auf das nächste Werk von Frank Schmolke. Zum Beispiel seine grandiose letztes Jahr erschienene Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“.

Frank Schmolke: Nachts im Paradies

Edition Moderne, 2019

360 Seiten

29,80 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Nachts im Paradies“

Homepage von Frank Schmolke

Meine Besprechung von Frank Schmolkes Sebastian-Fitzek-Adaption „Der Augensammler“ (2021)


TV-Tipp für den 16. September: Mad Max: Fury Road

September 15, 2022

Pro7, 22.20

Mad Max: Fury Road (Mad Max: Fury Road, Australien/USA 2015)

Regie: George Miller

Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nico Lathouris

Mad Max (Tom Hardy) flüchtet mit Imperator Furiosa (Charlize Theron) und einigen Frauen vor Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) durch die Wüste.

Action satt in einer zweistündigen Leistungsschau der Stuntmänner, der Kameraleute und der CGI-Leute. Im Gegensatz zu den meisten Kritikern war ich nicht so wahnsinnig begeistert von diesem vierten „Mad Max“-Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Hugh Keays-Byrne, Josh Helman, Nathan Jones, Zoe Kravitz, Rosie Huntington-Whiteley, Riley Keough, Abby Lee, Courtney Eaton

Wiederholung: Samstag, 17. September, 02.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Mad Max: Fury Road“

Metacritic über „Mad Max: Fury Road“

Rotten Tomatoes über „Mad Max: Fury Road“

Wikipedia über „Mad Max: Fury Road“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Millers „Mad Max: Fury Road“ (Mad Max: Fury Road, Australien/USA 2015)

Meine Besprechung von George Millers „Three Thousand Years of Longing“ (Three Thousand Years of Longing, USA/Australien 2022)

Meine Besprechung von George Miller/Mark Sexton/Nico Lathaoris/Tristan Jones/Riccardo Burchiellis „Mad Max: Fury Road“ (Mad Max: Fury Road – Max 1 – 2; Mad Max: Fury Road – Furiosa 1; Mad Max: Fury Road – Nux & Immortan Joe 1, 2015) (Comic-Vorgeschichte zum Film)


Neu im Kino/Filmkritik: David Bowie hat einen „Moonage Daydream“

September 15, 2022

Moonage Daydream“ ist kein konventioneller Dokumentarfilm, der in zwei Stunden chronologisch das Leben eines Künstlers zusammenfasst, sondern ein über zweistündiges gigantisces David-Bowie-Mash-Up, das rudimentär seiner Lebensgeschichte folgt. Es gibt also, ziemlich chronologisch präsentiert, seine Hits. Dazu plündert Brett Morgen („Cobain: Montage of Heck“), mit Erlaubnis vn Bowies Erben, das David-Bowie-Archiv. Er präsentiert neben bekannten Aufnahmen auch bislang unbekannte oder verschollen geglaubte Aufnahmen. Es gibt Konzertmitschnitte, Musikvideos, Privataufnahmen, Talkshowauftritte und Auschnitte aus den Filmen, in denen Bowie mitspielte. Diese Bilder schneidet Morgen munter unter die Songs, was dazu führt, dass auch bei Live-Auftritten Bowies Lippen sich nicht synchron zum Liedtext bewegen. Gleichzeitig wechselt Bowie seine Kostüme und er wird auch mal zwanzig, dreißig Jahre älter oder jünger. Der Erkenntnisgewinn von diesen Bilderschnipseln ist gering. Außer dass Bowie auf der Bühne immer gut aussah.

Dazwischen werden Statements von Bowie als kluge Sätze in den Film hineingeschnitten, ohne dass ersichtlich wird, wann und welchem Zusammenhang sie gesagt wurden. Andere Musiker und Künstler, mit denen Bowie zusammen arbeitete, kommen nicht vor. In „Moonage Daydream“ dreht sich alles um David Bowie. Das geht so weit, dass sogar bei den vielen Konzertschnipseln immer nur Bowie im Bild ist.

So entsteht das Bild eines einsamen, von der Welt isolierten Künstlers. Bowie ist hier wieder der Mann, der vom Himmel fiel. Aus diesem Science-Fiction-Film gibt es mehrere Ausschnitte. Aus anderen Bowie-Filmen, wie „Begierde“ oder „Die Reise ins Labyrinth“, nur einen sekundenlangen Ausschnitt, quasi ein längeres Standbild. Länger ist er allein in einem Boot auf einem Fluss in Asien oder allein beim Malen zu sehen. Einmal geht er, ebenfalls allein, einen Gang hinunter und betritt einen Fahrstuhl.

Ergänzt werden die vielen Bilder von David Bowie von einigen Ausschnitten aus sattsam bekannten Filmklassikern, wie „Metropolis“.

Dieser Bilderbrei ist wie ein YouTube-Abend mit Zufallsauswahl, bei dem jemand einem eine Pistole an die Stirn hält und zum Ansehen von jedem einzelnem Bild zwingt.

Das ist sogar für einen Bowie-Fan eine Tortur. Jedenfalls wenn er mehr als einen ermüdenden David-Bowie-Mash-Up will.

Moonage Daydream (Moonage Daydream, USA 2022)

Regie: Brett Morgen

Drehbuch: Brett Morgen

mit David Bowie

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Moonage Daydream“

Metacritic über „Moonage Daydream“

Rotten Tomatoes über „Moonage Daydream“

Wikipedia über „Moonage Daydream“ und David Bowie (deutsch, englisch).

Homepage von David Bowie

AllMusic über David Bowie

Mein Nachruf auf David Bowie

Meine Besprechung von Brett Morgens „Cobain: Montage Of Heck“ (Kurt Cobain: Montage Of Heck, USA 2015)

Bonus

One! Two! Three! Let’s Rock! Mit David Bowies ungeliebtem, nichtsdestotrotz grandiosem Projekt „Tin Machine“, das auch in „Moonage Daydream“ ignoriert wird. Play it loud.


Neu im Kino/Filmkritik: Gerard Butler begibt sich auf eine „Chase“

September 15, 2022

Als sie auf der Fahrt zu ihren Eltern an einer Tankstelle anhalten, geht Lisa Spann kurz auf die Toilette. Ihr Mann Will, ein mit ihr in Manchester, New Hampshire lebender, gut verdienender Immobilienentwickler, bezahlt nach dem Tanken – und muss entsetzt feststellen, dass Lisa spurlos verschwunden ist. Er informiert die Polizei. Die nimmt sich des Falls mit überschaubarem Engagement auf. Der die Ermittlung leitende Detective Patterson verdächtigt ihn sogar, etwas mit Lisas Verschwinden zu tun zu haben.

Um seine Unschuld zu beweisen und weil er über das träge Ermittlungstempo der Polizei verärgert ist, beginnt Will sie auf eigene Faust zu suchen. Denn trotz Ehekrise liebt er Lisa immer noch und er hat nichts mit ihrem Verschwinden zu tun.

Chase“ ist ein 08/15-Thriller, der eine bekannte Geschichte noch einmal erzählt. Große Überraschungen gibt es nicht, wenn Gerard Butler sich durch das US-amerikanische Hinterland kloppt und ballert.

Eigentlich ist „Chase“ kein Film fürs Kinos, sondern für den gemütlichen Heimkinoabend des genügsamen Actionfans, der sich nicht noch einmal eine der vielen besseren Versionen dieser Geschichte ansehen will. „R. I. F. – Ich werde dich finden!“ (der am Sonntag, den 17. September, um 22.00 Uhr, am Dienstag, den 20. September, um 23.10 Uhr und am Samstag, den 23. September, um 00.25 Uhr von dem TV-Sender One gezeigt wird) wäre hier zu nennen; vor allem weil ich beim Lesen der Synopse spontan dachte, „Chase“ sei ein Remake von „R. I. F. – Ich werde dich finden!“. Ist es nicht. „Chase“ ist eine eigenständige Geschichte. „Breakdown“, „Spurlos verschwunden“ und das fünf Jahre später entstandene US-Remake „Spurlos“ könnten ebenso genannt werden. Neben mindestens einem Dutzend weiterer Filme, die die Geschichte der spurlos verschwundenen Ehefrau packender erzählen und in denen zwischem ihrem Verschwinden und der Erklärung für ihr Verschwinden nur wenige Stunden vergehen.

Chase (Last seen alive, USA 2022)

Regie: Brian Goodman

Drehbuch: Marc Frydman

mit Gerard Butler, Jaimie Alexander, Russell Hornsby, Ethan Embry, Michael Irby, Cindy Hogan, Bruce Altman

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Chase“

Rotten Tomatoes über „Chase“

Wikipedia über „Chase“ 


TV-Tipp für den 15. September: Lösegeld

September 14, 2022

Servus TV, 20.15

Lösegeld (Rapt, Frankreich/Belgien 2009)

Regie: Lucas Belvaux

Drehbuch: Lucas Belvaux

Ein Industrieller wird entführt – und noch ehe das Lösegeld bezahlt wird, werden immer mehr schmutzige Details über ihn bekannt. Das beeinflusst selbstverständlich auch die Verhandlungen.

„Spannender, gut gespielter Thriller“ (Lexikon des internationalen Films), der für vier Césars nominiert war (bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller, beste Nebendarstellerin).

mit Yvan Attal, Anne Consigny, André Marcon, Francoise Fabian, Alex Descas

Wiederholung: Freitag, 16. September, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Lösegeld“

Rotten Tomatoes über „Lösegeld“

Wikipedia über „Lösegeld“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Lucas Belvaux‘ „Das ist unser Land!“ (Chez nous, Frankreich/Belgien 2017) und der DVD


Neu im Kino/Filmkritik: Julia Roberts und George Clooney nehmen ein „Ticket ins Paradies“

September 14, 2022

David und Georgia Cotton sind bereits seit Jahren geschieden, aber ihre gemeinsame Tochter bringt sie immer wieder zusammen. Zum Beispiel bei ihrer Abschlussfeier oder zur Hochzeit. Denn nach dem Abschluss ihres Jurastudiums flog Lily mit ihrer besten Freundin und einem Stapel Bücher (die fortan im Film keine Rolle mehr spielen) nach Bali. Dort verliebt sie sich sofort unsterblich in Gede, einen Algenbauern.

Einige Tage später lädt sie ihre Eltern zur Hochzeit ein. Schon auf dem Hinflug beschließen David und Georgia alles zu tun, damit ihre Tochter nicht den gleichen Fehler begeht, den sie ihrer Heirat begingen. Sie wollen die Hochzeit verhindern. Auch mit schmutzigen Tricks. Spätestens jetzt kann man sich die weitere Story dieser RomCom ausmalen.

Diese Vorhersehbarkeit ist nicht das größte Problem des Film. Schließlich sollen Menschen genau wegen dieser RomCom-Story ins Kino gehen, einige Male lachen und viele Taschentücher verbrauchen bis das Liebespaar sich am Ende in die Arme fällt. Dann ist eine weitere Packung Tempo-Taschentücher fällig. Wenn das gut gemacht ist, entsteht ein Film wie „Pretty Woman“.

Außerdem hat Ol Parker („Mamma Mia! Here we go again“) einige sympathische Schauspieler und einen fotogenen Drehort. Gedreht wurde allerdings nicht in Bali, sondern in Australien in Queensland. Nur ein Drehbuch hat Parker nicht, oder, wenn doch, wurde es während des Drehs ignoriert zugunsten von Improvisationen und viel Spaß am Set.

Besonders Julia Roberts und George Clooney amüsieren sich glänzend. Sie sind miteinander befreundet und spielten bereits in mehreren Filmen zusammen. Zuletzt 2016 in dem Thriller „Money Monster“.Roberts ist sympathisch wie immer. Clooney grimassiert sich dagegen erstaunlich unsubtil durch den Film.

Die Story selbst besteht aus läppischen Sabotageakten von David und Georgia, uralten Südsee-Klischees über sympathische Einheimische, fotogene Strände und gefährliche Tempel, verkorksten Witzen und lieblos behandelten Nebenfiguren.

Schnell und erstaunlich zielsicher steuert diese RomCom in Richtung Totalkatastrophe.

Ticket ins Paradies (Ticket to Paradise, USA 2022)

Regie: Ol Parker

Drehbuch: Ol Parker, Daniel Pipski

mit George Clooney, Julia Roberts, Kaitlyn Dever, Maxime Bouttier, Lucas Bravo, Billie Lourd

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ticket ins Paradies“

Metacritic über „Ticket ins Paradies“

Rotten Tomatoes über „Ticket ins Paradies“

Wikipedia über „Ticket ins Paradies“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 14. September: Flightplan – Ohne jede Spur

September 13, 2022

Kabel Eins, 20.15

Flightplan – Ohne jede Spur (Flightplan, USA 2005)

Regie: Robert Schwentke

Drehbuch: Peter A. Dowling, Billy Ray

Kyle fliegt mit ihrer sechsjährigen Tochter von Deutschland in die USA. Als sie im Flugzeug nach einem Nickerchen aufwacht, ist ihre Tochter verschwunden und alle behaupten, ihre Tochter niemals gesehen zu haben. Kyle beginnt sie in dem riesigen Flugzeug zu suchen.

Robert Schwentkes erster Hollywood-Film: ein von der Kritik nicht so geliebter, an der Kinokasse erfolgreicher Thriller. Spannende Unterhaltung

mit Jodie Foster, Peter Sarsgaard, Sean Bean, Marlene Lawston, Erika Christensen, Michael Irby

Wiederholung: Donnerstag, 15. September, 02.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Flightplan“

Wikipedia über „Flightplan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Insurgent“ (The Divergent Series: Insurgent, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Der Hauptmann“ (Deutschland/Frankreich/Polen 2017 – der ist, im Vergleich zu seinen Hollywood-Werken und trotzt aller Probleme, wirklich sehenswert)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Snake Eye: G.I. Joe Origins“ (Snake Eyes: G.I. Joe Origins, USA 2021)


Cover der Woche – und R. i. P. Jean-Luc Godard

September 13, 2022

R. i. P. Jean Luc Godard ( 3. Dezember 1930, Paris – 13. September 2022, Rolle/Schweiz)

Anstatt eines schnell geschriebenen länglichen biographischen Nachrufs poste ich einfach den Anfang meiner ausführlichen Besprechung von Bert Rebhandls lesenswerter Biographie über Jean-Luc Godard:

Jean-Luc Godard, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris

Regisseur von „Außer Atem“, Begründer der Nouvelle Vague

lebt seit Jahrzehnten, zusammen mit Anne-Marie Miéville, zurückgezogen und produktiv, in der Schweiz in der Kleinstadt Rolle am Genfersees

So könnte Jean-Luc Godards Leben in drei Zeilen aussehen. Nichts davon ist falsch. Nichts davon verrät, warum Godard noch heute, sechzig Jahre nachdem „Außer Atem“ seine Premiere hatte und über fünfzig Jahre nachdem er sich vom normalen Kinobetrieb abwandte, ein immer noch weithin bekannter Name ist. Mit Godard verbindet jeder irgendetwas und hat sogar ein Bild von ihm im Kopf.

Godard gehörte in den fünfziger Jahren in Paris zu einem Kreis filmbegeisterter junger Männer, die in der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ lautstark über ihre Liebe zum Film und zu bestimmten Regisseuren schrieben und später selbst Regisseure wurden. Zu diesem Kreis gehören, neben Godard, François Truffaut, Éric Rohmer, Claude Chabrol und Jacques Rivette.

In den Sechzigern drehte Godard nach seinem umjubeltem Spielfilmdebüt „Außer Atem“ mit einem ähnlichen Arbeitstempo wie wenig später in Deutschland Rainer Werner Fassbinder. Fast jeder dieser Godard-Filme gehört noch heute zum Godard-Kanon (ich zögere, sie Klassiker zu nennen, weil ich mit solchen Worten sparsam umgehe und weil bei einigen dieser Filme der Titel und ein Image bekannter als der ganze Film sind). Bis 1968 drehte er „Der kleine Soldat“, „Eine Frau ist eine Frau“, „Die Geschichte der Nana S.“, „Die Karabinieri“, „Die Verachtung“, „Die Außenseiterbande“, „Eine verheiratete Frau“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville), „Elf Uhr nachts“ (Pierrot le fou), „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“, „Made in U.S.A.“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Die Chinesin“, „Weekend“ und „Eins plus Eins“ (One plus One/Sympathy for the Devil).

Schon in diesen Jahren wurden seine Filme immer politischer und experimenteller. 1968, nach „Eins plus Eins“ verabschiedete er sich als Regisseur vom Kino. In den nächsten Jahren arbeitete er auch im Kollektiv. Teils verschwand sein Name hinter einer Gruppenidentität in der Anonymität. Dazu gehören die Flugblattfilme, die auf politischen Veranstaltungen gezeigt wurden. Er identifizierte sich mit den Anliegen der 68er. Gleichzeitig begann er mit der Videotechnik zu experimentieren. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen. Zum Beispiel 1976 mit der 13-teiligen TV-Serie „Six fois deux, sur et sous la communication“ und, zwei Jahre später, mit der 12-teiligen TV-Serie „France, tour, détour, deux enfants“. Diese Arbeiten sind fast unbekannt.

Erst in den Achtzigern kehrte Godard wieder zurück ins Kino. „Rette sich, wer kann“, „Passion“, Vorname Carmen“ (seine sehr freie Version von Prosper Mérimées Novelle „Carmen“) , „Maria und Joseph“ (seine skandalumwitterte Interpretation der aus der Bibel bekannten Geschichte von Maria und Joseph von Nazaret), „Détective“ und „Nouvelle Vague“ sind seine bekanntesten Filme aus dieser Zeit. Teils spielten, wie schon bei seinen Filmen aus den Sechzigern, Stars mit. Eigentlich nie gab es eine nacherzählbare Geschichte. Es ging eher um die Idee einer Geschichte, die es ihm ermöglicht, seine Gedanken zu entfalten. Beides diente als vernachlässigbares Korsett und als willkommener Anlass, das zahlende Publikum ins Kino zu bringen, und es dort mit philosophischen Gedanken, Geistesblitzen, Assoziationen und Humor zu belästigen. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleichzeitig als Narr und Klugscheißer, der munter mit seinem Wissen protzte.

In seinen letzten Filme, wie jüngst „Bildbuch“, versuchte der wie ein Eremit lebende Godard überhaupt nicht mehr, ein großes Publikum anzusprechen. Wer sich allerdings auf den assoziativen Strom von Bildern und Gedanken einlässt, wird immer ein, zwei Goldstücke finden. Nur der Spaß, den wir mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in „Pierrot le fou“ oder mit der „Außenseiterbande“ hatten, ist in seinen experimentellen Essayfilmen verschwunden.

Hinweise

Rotten Tomatoes über Jean-Luc Godard

Wikipedia über Jean-Luc Godard (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Meine Besprechung von Bert Rebhandls „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ (2020)

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 13. September: Rächer der Enterbten

September 12, 2022

Servus TV, 22.15

Rächer der Enterbten (The true story of Jesse James, USA 1956)

Regie: Nicholas Ray

Drehbuch: Walter Newman (nach dem Drehbuch für den Film „Jesse James“ von Nunnally Johnson)

Die Geschichte von Jesse James, der im Wilden Westen ein berüchtigter Bankräuber war. „…denn sie wissen nicht, was sie tun“-Regisseur Nicholas Ray hatte einen experimentelleren Film geplant. Das Studio verlangte eine konventionelle, chronologisch erzählte Version. Der so entstandene Western ist vor allem etwas für die Nicholas-Ray-Komplettisten.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Robert Wagner, Jeffrey Hunter, Hope Lang, Agnes Moorehead, Alan Hale, Biff Elliot, Anthony Ray, Alan Baxter, John Carradine

Wiederholung: Mittwoch, 14. September, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rächer der Enterbten“

Wikipedia über „Rächer der Enterbten“

Meine Besprechung von Nicholas Rays „Rächer der Enterbten“ (The true story of Jesse James, USA 1956)


„Kains Knochen“, kein Lesebuch, sondern ein Rätselbuch

September 12, 2022

Das ist ein Buch für die Menschen, die gerne Rätsel lösen. In diesem Fall besteht das Rätsel aus hundert Seiten bzw. Absätzen. In der richtigen Reihenfolge erzählen die Absätze eine Kriminalgeschichte, in der sechs Menschen sterben.

Das Problem ist, die Seiten und damit die Morde in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Es gibt nämlich unglaublich viele Möglichkeiten, die Seiten hintereinander anzuordnen. Aber nur eine Reihenfolge ist die richtige Reihenfolge.

Ersonnen wurde das Rätsel von Edward Powys Mathers, dem Kreuzworträtselschreiber des Observer. Er führte in England die Kreuzworträtsel ein, bei denen um die Ecke gedacht werden muss. Sein Pseudonym war Torquemada. Unter diesem Namen veröffentlichte er 1934 „The Torquemada Puzzle Book“, eine Auswahl seiner Rätsel und „Kains Knochen“.

Damals wurden 15 Pfund Sterling ausgeschrieben für die erste Person, die die Lösung kennt. 2019 wurde das Rätsel wieder veröffentlicht und ein Preisgeld von 1.000 Pfund ausgelobt.

Insgesamt wurde das Rätsel bis jetzt nur von drei Menschen gelöst. Zwei als der Preis 1934 ausgelobt wurde, einer 2019. Und keiner hat die Lösung verraten.

Jetzt veröffentlichte der Suhrkamp Verlag das Rätsel auf Deutsch und lobte ein Preisgeld von 1000 Euro aus. Der Wettbewerb endet am 30. September 2023. Gewinner ist, so der Suhrkamp Verlag, analog zu den englischen Wettbewerbsbedingungen, wer als Erster „die vollständigen Namen der Ermordeten, ihre jeweiligen Mörder und die richtige Reihenfolge der Seiten mitgeteilt und uns erläutert hat, wie sie oder er zu der Lösung gekommen ist.“

Tja, nun, dann: fröhliches Rätseln!

Der letzte Gewinner hat zum Lösen des Rätsels vier Monate und einen Coronavirus-Lockdown gebraucht.

Torquemada: Kains Knochen – Das schwerste kriminalistische Rätsel der Welt

(übersetzt von Henry McGuffin)

Suhrkamp, 2022

210 Seiten

13 Euro

Originalausgabe/Neuausgabe

Cain’s Jawbone

Unbound, London, 2019

Erstausgabe

Victor Gollancz Ltd., 1934

Hinweise

Suhrkamp über „Kains Knochen“

Wikipedia über „Kains Knochen“ und Edward Powys Mathers