Einige Seemeilen neben der fiktiven Karibikinsel Saint Marie, wo wechselnde aus England eingeflogene Ermittler „Death in Paradise“ aufklären, liegt Camoha, eine ebenso fiktive Insel, die als ebenso archetyische Karibikinsel beschrieben werden kann. Auf dieser Insel gibt es Touristen, christliche und andere Glaubensgemeinschaften, Revolten, Polizeigewalt und Korruption, viel Korruption.
Im Mai 1999 verlor Michael ‚Digger‘ Digson, der Ich-Erzähler in „Die Knochenleser“, bei dem Vergewaltigungsaufstand seine Mutter. Wahrscheinlich wurde sie ermordet. Als der sich Jahre später ziellos durch sein Leben treiben lassende hochintelligente Schulabbrecher Digson den Mord an einem Kind auf offener Straße beobachtet, trifft er Detective Superintendent Chilman. Der sieht in ihm Potential und bietet ihm eine Arbeit in einer noch zu gründenden Spezialeinheit der Polizei an. Schmackhaft macht er ihm die Arbeit unter anderem mit dem Hinweis, dass er in den Polizeiakten nach dem Mörder seiner Mutter suchen kann.
Neben diesen von Digson mehr oder weniger energisch vorangetriebenen Ermittlungen, erfahren wir auch, wie das Team ausgebildet und zu einem Team wird. Als Chilman in Pension geht (das ist auf Seite 88), hat er noch eine Aufgabe für sie. Sie sollen das schon länger zurückliegende Verschwinden von Nathan aufklären. Wahrscheinlich hat er nicht die Insel verlassen, sondern er wurde ermordet.
Bei diesem Fall soll ihnen Miss Stanislaus helfen. Sie ist zwar keine Polizistin, aber Chilman hat sie zu ihnen geschickt und der Polizeichef befiehlt ihnen, sie in ihre Einheit aufzunehmen.
„Die Knochenleser“ ist der erste „Kriminalroman“ von Jacob Ross. Der 1956 auf Grenada geborene Ross lebt seit 1984 im Vereinigten Königreich. Vor „Die Knochenleser“ veröffentlichte er bereits den Roman „Pynter Bender“ (ausgezeichnet als Bestes Debüt von der Society of Authors), Theaterstücke, Kurzgeschichten und Gedichte. „Die Knochenleser“ erhielt den damals neuen Jhalak Prize for Book of the Year by a Writer of Colour. Im darauffolgenden Jahr erhielt Reni Eddo-Lodge den Preis für „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Why I’m no longer talking to White People about Race). Ihr Essay ist unbedingt lesenswert.
Über „Die Knochenleser“ kann das nicht gesagt werden. Ross erzählt seine Geschichte chronologisch, was in diesem Fall dazu führt, dass der für den Roman zentrale Kriminalfall erst sehr spät beginnt. In der ersten Hälfte des Buches erzählt er alles über Digsons Anwerbung, seine Ausbildung, seine Arbeit als Polizist, der Suche nach dem Mörder seiner Mutter und einige Seiten über die Ermittlungen im Fall Nathan. In der zweiten Hälfte geht es eher um den Mord an Bello Hunt, Diakon der Spirituellen Baptistenkirche Kinder des Einhorns. Auch hier scheint Ross sich für alles außer dem reichlich nebulösem Kriminalfall zu interessieren. Der wird eher nebenbei, kaum nachvollziehbar und im Off weitergesponnen.
Das könnte natürlich ausgeglichen werden durch die Sprache, eine intensive Beschreibung des Insellebens und interessante Figuren. Sprachlich hat mich der Roman nicht angesprochen und die überflüssige Verwendung des Dialekts genervt. Die Figuren sind eher unsympathisch und in ihrem Verhalten oft nervig. Das korrupte Inselleben haben wir so ähnlich schon in anderen und besseren Romanen gelesen, die in Entwicklungsländern spielen. Spontan fallen mir die in Südamerika und Afrika spielenden Kriminalromane von Yasmina Khadra, Janis Otsiemi, Gary Victor und, auch wenn sie keine Polizeikrimis schreibt, Claudia Piñeiro ein.
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Jacob Ross: Die Knochenleser
(übersetzt von Karin Diemerling)
Suhrkamp, 2022
384 Seiten
15,95 Euro
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Originalausgabe
The Bone Readers
Peepal Tree Press, Leeds/UK, 2016
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Die Übersetzung folgt der Sphere-Neuausgabe von 2018.
Sein letzter Film war „Plan 9 from Outer Space“ (Plan 9 aus dem Weltall), ein Werk von Ed Wood, das nicht gut, eigentlich sogar ziemlich schlecht, aber nicht so schlecht ist, wie man nach seinem Ruf als schlechtester Film aller Zeiten annehmen könnte. Immerhin wurde das Werk nach seiner Worst-Picture-Auszeichnung zum Kultfilm.
Sein bekanntester Film ist „Dracula“. Tod Browning inszenierte ihn 1931 für Universal Studios. Der Horrorfilm war ein Kassenerfolg, der erste einer Reihe legendärer, kommerziell sehr erfolgreicher Horrorfilme und er zeigte Bela Lugosi in der Rolle seines Lebens. Er hatte Graf Dracula schon vorher im Theater gespielt. Neben vielen anderen Rollen. Aber nach „Dracula“ war er letztendlich bis zu seinem Tod Graf Dracula aus Transsylvanien.
Koren Shadmi erzählt in seinem Comic „Lugosi – Aufstieg und Fall von Hollywoods Dracula“ das Leben von Bela Lugosi. Geboren wurde Lugosi am 20. Oktober 1882 in Lugos (Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn) als Béla Ferenc Dezsö Blaskó. Er beginnt seine Schauspielerkarriere am Theater in Shakespeare-Stücken. In Budapest gründet er eine Schauspielergewerkschaft. 1919, nach dem Sturz der Regierung, nimmt deswegen der Druck auf ihn zu. Er flüchtet mit seiner damaligen Frau nach Wien. Von 1919 bis 1921 lebt er – diese kurze und für sein Leben unwichtige Phase wird im Comic übersprungen – in Berlin, spielt in mehreren Stummfilmen mit und tritt erstmals als Bela Lugosi auf. Danach zieht er in die USA. Zuerst lebt er in New York. 1927 hat er am Broadway seine erste Hauptrolle als Graf Dracula. Mit dem Stück geht er auf Tournee durch die USA. Als er von einer geplanten Verfilmung der „Dracula“-Geschichte hört, will er mitspielen. Er erhält die Rolle und wird zum Star.
An den großen Erfolg von „Dracula“ kann er in den nächsten Jahren nicht anknüpfen. Das lag, wie Shadmi zeigt, teils am Studio, aber zu einem größeren Teil an Lugosis Persönlichkeit. Zuerst war er, nach dem Erfolg von „Dracula“, sehr wählerisch bei der Auswahl seiner Rollen; später, als seine finanziellen Probleme wuchsen, nahm er jede Rolle an. Er legte niemals seinen „Dracula“-Akzent ab. Dieser starke Akzent schränkte das Spektrum der Rollen, die ihm angeboten wurden, ein. Er gab immer mehr Geld aus als er hatte. Er war fordernd und egozentrisch. Er war fünfmal verheiratet. Die kürzeste Ehe hielt nur wenige Tage. Die längste, mit Lillian Arch, über zwanzig Jahre von 1933 bis 1953. Und er war drogensüchtig.
Bela Lugosi stirbt am 16. August 1956 in Los Angeles. Er wurde 73 Jahre alt.
Koren Shadmis „Lugosi“ ist eine rundum überzeugende Comic-Biographie. Er verdichtet Lugosis Leben auf entscheidende Stationen, liefert dabei immer den notwendigen historischen Hintergrund und zeigt auch die problematischen Seiten von Lugosi. Er entschied sich, Lugosis Leben als SW-Geschichte zu erzählen. So wie wir Lugosi aus den SW-Filmen und von Bildern kennen. So wie das Hollywood der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre, das wir aus SW-Filmen und von SW-Fotos kennen, für uns heute aussieht.
Koren Shadmi: Lugosi – Aufstieg und Fall von Hollywoods Dracula
Vielleicht liegen in einigen Antiquariaten oder auf staubigen Dachböden noch einige Exemplare von Charles Berlitz‘ „Das Bermuda-Dreieck: Fenster zum Kosmos?“ und thematisch ähnlichen Sachbüchern herum. Schließlich waren sie vor vierzig, fünfzig Jahren Besteller, die als „Sachbuch“ verkauft wurden, letztendlich aber eine Mischung aus wilder Spekulation und Seemannsgarn sind. Das Bermuda-Dreieck war damals populär und allgemein bekannt als das Gebiet im Atlantik zwischen Florida, Puerto Rico und Bermuda, in dem unglaublich viele Schiffe und Flugzeuge spurlos und unter mysteriösen Umständen verschwinden. Erklärt wurde das mit allem möglichen vom Wetter (uncool) bis hin zu Außerirdischen (cool).
Wenn jetzt ein Comic erscheint, der sich „Bermuda“ nennt und in eben jener Gegend spielt, dann ist klar, dass eben jene Mythologie ein Teil der von John Layman erfundenen, Nick Bradshaw gezeichneten und Len O’Grady sehr farbenfroh kolorierten Geschichte ist.
Während eines Flugs gerät ein Privatflugzeug mit Robert ‚Bobby‘ Randolph und seiner siebenjährige Schwester Andi in einen Gewittersturm. Gut dreihundert Kilometer vor der Küste wird das Flugzeug getroffen und stürzt in den Atlantik. Aber es stürzt nicht ins Meer, sondern auf eine Insel, die es nicht geben sollte.
Auf der Insel sind Urviecher, vulgo Dinosaurier und noch seltsamere Kreaturen, Nachfahren von vor Jahrhunderten gestrandeten Seeräubern und die rothaarige sechzehnjährige Bermuda, die alle Gefahren der Insel kennt.
Weil Bobby und Andi bei der Bruchlandung getrennt wurden, will Bobby seine Schwester finden. Das ist leichter gesagt als getan.
Während er und Bermuda, die dem gleichaltrigem Jungen notgedrungen hilft, auf der Insel allerlei Gefahren trotzen, wissen wir, dass Randolph Inc., die Firma von Bobbys Vaters, für den Sturm verantwortlich war und bald noch schlimmere Dinge passieren könnten.
„Bermuda“ ist eine fetzige Abenteuergeschichte mit einer taffen Heldin und wundervoll abgedrehten Bedrohungen, über die hier nichts verraten werden soll.
Bald ist es soweit: der neue Film mit Brad Pitt startet Anfang August in den Kinos. Die Werbemaschine mit Trailern, Pressekonferenzen und Autogrammen auf dem roten Teppich läuft und erzeugt die notwendige Aufmerksamkeit für die Actionkomödie, die auf einem Roman von Kotaro Isaka basiert.
In Japan ist der 1971 geborene Isaka ein Bestsellerautor. Bis jetzt veröffentlichte er 24 Romane. Er erhielt mehrere Preise, unter anderem von den Mystery Writers of Japan, und mehrere seiner Bücher waren für den prestigeträchtigen Naoki-Preis nominiert. Übersetzungen erschienen bereits in den USA, China, Korea, Frankreich und Italien. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.
„Bullet Train“, die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung, erschien im Frühling auf Deutsch und es ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka. Im Original erschien der Thriller bereits 2010. Für die Romangeschichte ist das Jahr egal. Sie spielt in einem etwas zeitlosem Paralleluniversum, in dem es Mobiltelefone und jugendliche Killer gibt und sich niemand darüber wundert.
Satoshi Oji, genannt „Der Prinz“, ist dieser jugendliche Killer. Er ist ein vierzehnjähriger hochintelligenter und hochgradig psychopathischer Schüler, der seine Mitschüler terrorisiert und bereits für mehrere Morde verantwortlich ist. Eines seiner Opfer ist Wataru Kimura. Der Sechsjährige liegt im Krankenhaus im Koma. Sein Vater Yuichi Kimura will Oji dafür töten. Früher war Kimura ein Profikiller, heute ist er ein alleinerziehender Alkoholiker.
Kimura steigt in Tokio in den Shinkansen Hayate. Neben ihm und Oji sind noch ungefähr drei weitere Killer im Zug, die nichts voneinander wissen, aber bis zur Endstation aufeinandertreffen. Einige von ihnen überleben die Begegnung nicht.
Die Prämisse von „Bullet Train“ – Ein Zug, fünf Killer, ein Koffer voller Geld: Wer überlebt? – ist so einfach wie genial. Schließlich hat sie, ohne dass der Autor lange überlegen muss, das Potential für einige Körperverletzungen, Straftaten und, selbstverständlich, Morde. Dass da schnell an eine Verfilmung gedacht wird, ist nachvollziehbar. Doch dazu später mehr. Bleiben wir zuerst bei dem Roman.
Er beginnt mit der Zugabfahrt. Fünf Seiten später befindet sich Kimura, gefesselt an einen Sitzplatz, in der Gewalt von Oji. Auf den nächsten Seiten stellt Isaka die anderen Killer vor, die ebenfalls in dem fast leeren Hochgeschwindigkeitszug mitfahren.
Das sind die beiden Killer Lemon und Tangerine, die oft für Zwillinge gehalten werden (sind sie nicht) und „Die Zitrusfrüchte“ genannt werden. Tangerine liebt klassiche Literatur. Lemon liebt eine alte Kinder-TV-Serie über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde. Er kennt alle Loks und ihre Eigenschaften. Bei ihnen ist Minegishi Junior, der von ihnen aus den Händen von Entführern befreite Sohn eines Gangsterbosses, und der Koffer mit dem Lösegeld. Dummerweise verschwindet der Koffer spurlos und Minegishi Junior verstirbt einfach so im Zug. Weil sein Vater Yoshio Minegishi einer dieser knallharten Gangsterbosse, der Fehler mit dem Tod bestraft, ahnen Lemon und Tangerine, dass das ihr Todesurteil ist.
Fünfter im Bunde ist Nanao, genannt „Der Marienkäfer“. Er soll einen Koffer klauen. Dummerweise ist er vom Pech verfolgt und damit eigentlich der ungeeignetste Mann für alle halb- und illegalen Aufträge.
Im Lauf der Geschichte stoßen weitere Killer, auch eine unscheinbar aussehende Killerin, mit teils sehr speziellen Mordmethoden dazu.
Das klingt jetzt nach einem großen Spaß: auf gut vierhundert Seiten machen sich ein über ein halbes Dutzend Killer während einer kurzen Zugfahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug das Leben zur Hölle. Doch schnell wird „Bullet Train“ zu einer ziemlich eintönigen Zeitschinderei. Die Killer laufen immer wieder durch den Zug, lassen einen Koffer mal verschwinden, mal wieder auftauchen, nur um zu sehen, wie die anderen Passagiere darauf reagieren. Die Story bringt dieses Versteckspiel nicht voran.
Die Figuren bleiben bei diesem Hin- und Hergerenne im Zug eindimensionale Comicfiguren. Jede von ihnen hat ein, zwei Gimmicks (wie eine Leidenschaft für Thomas, die kleine Lokomotive, oder immerwährendes Pech), die ihnen einen Wiedererkennungswert, aber keine Persönlichkeit verschaffen. Sie haben keine weitergehende Motive, Ziele und Wünsche. Sie wollen nur einen Auftrag zu erledigen. Hindernisse werden aus dem Weg geräumt. Und wenn das Hindernis ein Mensch ist, wird dieser irgendwann getötet.
Problematisch ist die von Isaka gewählte Struktur. Er wechselt nämlich kontinuierlich zwischen den verschiedenen Killern. Etliche Ereignisse erzählt er aus mehreren Perspektiven. Beim Lesen stellt sich, weil wir die gleichen Ereignisse zuerst aus der Perspektive von dem einen Killer, dann aus der von einem anderen Killer noch einmal erfahren, schnell das Gefühl des Stillstands ein. Ich hatte beim Lesen sogar den Verdacht, dass ich, wenn ich nur die Geschichte von einem der Killer verfolgen und die anderen Kapitel überblättern würde, nichts wesentliches verpassen würde.
Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass der Thriller mit seinen überraschenden Wendungen, die deutlich von asiatischen Actionfilmen und Mangas inspiriert sind, mir als Teenager gefallen hätte.
Die Rechte für die Verfilmung gingen dann nach Hollywood. Aus einem harten Actionthriller wurde letztendlich eine Actionkomödie. Aus den im Buch rein japanischen Killern wurde eine beachtliche Hollywood-Starbesetzung, die sich im Shinkansen das Leben zur Hölle macht und versucht, sich gegenseitig umzubringen. Also nicht die Schauspieler, sondern die von ihnen gespielten Figuren.
Kotaro Isaka: Bullet Train
(übersetzt von Katja Busson)
Hoffmann und Campe, 2022
384 Seiten
22 Euro
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Originalausgabe
Mariabitoru
Kadokawa, Tokio, 2010
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Die Verfilmung (startet am 4. August; die Besprechung gibt es zum Kinostart)
Als Birgit Weyhe in den USA an einer Universität im Mittleren Westen für zwei Monate unterrichtet und darüber erstaunt ist, dass sie im Supermarkt Schusswaffen, aber keinen Wein oder frisches Brot kaufen kann, erreicht sie eine Anfrage für ein Interview. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin trifft sie sich mit Priscilla Layne, einer US-amerikanischen Germanistik-Professorin, die gerade in der deutsche Hauptstadt lebt. Die beiden Frauen verstehen sich gut. Weyhe hat später die Idee, einen Comic über Layne und ihr ungewöhnliches Leben zu zeichnen.
Aus dieser Idee entstand „Rude Girl“. In dem Comic erzählt Weyhe von Laynes Kindheit, Jugend und ihrem späteren Leben. Während Weyhe eine „mittelalte weiße Frau aus Norddeutschland“ (Selbstbeschreibung) ist, ist Layne eine Schwarze, die in den Achtzigern als Einwandererkind in Chicago aufwuchs und „Oreo“ genannt wurde, weil sie für eine Schwarze zu hellhäutig und für eine Weiße zu dunkelhäutig ist. Genau diese und die damit verbundenen weiteren Unterschiede zwischen den beiden Frauen werden in „Rude Girl“ durchgehend thematisiert.
Weyhe erzählt in ihrem Comic nämlich nicht nur die Geschichte von Layne, sondern sie reflektiert auch über aktuelle identitätspolitische Diskussionen und sie beginnt beim Erzählen der Lebensgeschichte von Priscilla Layne auch ein Gespräch mit ihr über ihre Arbeit. Zwischen die einzelnen biographischen Kapitel fügt Weyhe die – ebenfalls von ihr gezeichneten – Reaktionen und Kommentare von Layne auf ihre Zeichnungen und ihre Interpretation von Laynes Leben ein. Im nächsten Kapitel nimmt Weyhe dann Laynes Kritik auf. So bekommt Layne, die zuerst keine Hautfarbe hatte, einen dunkleren Hautton.
Das ist von seiner Idee und Machart interessant und gelungen umgesetzt. Außerdem füllen Laynes Kommentare einige Lücken in Weyhes Erzählung. Denn für meinen Geschmack wird Laynes Leben oft zu elliptisch erzählt. So hat die aus einer armen Familie kommende Layne plötzlich Empfehlung für eine renommierte Schule, später, ausgehend von einer Faszination für Ska, wird sie Skinhead und, einige Seiten später, Stipendiatin an der Freien Universität Berlin, Studentin in Berkeley und Professorin. Hier hätte ich gerne genauer erfahren, wie Layne Skinhead wurde und warum und wie sie sich später aus der Szene löste.
Trotz dieser Kritik ist „Rude Girl“ absolut lesenswert. Außerdem ist der Comic ein formal interessantes Experiment, das spielerisch identitätspolitische Diskurse in all seinen Facetten reflektiert.
Mitte Juni wurde Birgit Weyhe beim Comic Salon in Erlangen als „Beste deutschsprachige Comic-Künstlerin“ ausgezeichnet.
Deutschlands Brenner ist zurück. Aber während Wolf Haas seinen Ermittler in den Wiener „Müll“ schickt, schickt Jörg Juretzka seinen Helden in die Wüste und nennt den Roman gleich zutreffend „Ein Roadmovie“. Denn wer „Nomade“ mit den Erwartungen eines normalen Kriminalromans und einem irgendwie damit verbundenem Tätersuchspiel liest, wird enttäuscht sein. Das, also Kriminalromane, nicht traditionelle Tätersuchspiele, waren die vorherigen Abenteuer von Kristof Kryszinski unbestreitbar. In den Geschichten geriet der schnoddrige Ich-Erzähler Kryszinski als Privatdetektiv und, später Nachtwächter, Kneipier und Europol-Mitarbeiter, in ziemlich haarsträubende Abenteuer, die er mit seinen Kumpels überlebte. Es sind Krimikomödien (in Ermangelung eines besseren Wortes), die sich wohltuend von den meist provinziellen, oft betulichen deutschen Krimis unterscheiden.
In „Nomade“ kurvt Kryszinski durch die algerische Wüste. Begleitet wird er von der Hündin Bella. Suchen tut er vermisste Touristen. Finden tut er meistens toten Touristen, tote Flüchtlinge (die auf dem Weg nach Europa in der Wüste verdursten) und tote Verbrecher. Selten trifft er auf lebendige Verbrecher, wie den angeschossenen Afghanen. Seine Männer zwingen Kryszinski mit vorgehaltenen Sturmgewehren zu einer erfolgreich verlaufenden Notoperation. Und manchmal trifft er Menschen wie die fünfzehnjährige Jamilah. Sie flüchtet vor ihrer Familie aus Somalia in Richtung Europa und hat gerade ein Kind bekommen.
Kryszinski, der unter seiner gut gepflegten Hardboiled-Schale ganz anders ist, hilft ihr. Auch wenn er von der ersten Minute an weiß, dass er dieser dummen Nervensäge nicht helfen sollte, weil sie nur für Ärger sorgen wird in einem Gebiet, in dem es neben naiven Wüstentouristen vor allem Flüchtlinge, Strauchdiebe, korrupte Polizisten und durchreisende Söldner gibt.
Im Mai erhielt „Nomade“ den diesjährigen Glauser-Preis in der Kategorie „Bester Roman“. Ich halte das für eine sehr zwiespältige Entscheidung. Natürlich hat Juretzka den Preis, für den er bereits mehrmals nominiert war, verdient. Er gehört zu Deutschlands besten Krimi-Autoren und er kann wirklich witzig schreiben. Aber im Gegensatz zu seinen vorherigen dreizehn Kryszinski-Kriminalromanen ist „Nomade“ nur dann ein Kriminalroman, wenn man die Grenzen bis ins Unendliche dehnt. Dann wäre jeder Roman, in dem ein Verbrechen vorkommt oder ein Verbrecher auftaucht, ein Kriminalroman. Das kann man so sehen, aber als Kriterium, um Kriminalromane von anderen Romane zu unterscheiden, dient die Genrezuschreibung dann nicht mehr. Denn dann wären nämlich so ziemlich alle Klassiker, Western (pro Buch wird mindestens ein Mensch erschossen), Science-Fiction-Romane (auch Aliens können ermordet werden; oder Menschen von Aliens) oder auch Liebesromane Kriminalromane. Das kann nicht gemeint sein.
Das gesagt, ist „Nomade“ eine sehr vergnügliche Lektüre. Die Abenteuergeschichte spielt in einer literarisch eher vernachlässigten Gegend, spricht aktuelle Probleme an (mit dem respektlosen Kryszinski-Zeigefinger) und bringt unseren Helden in einige gefährliche Situationen, die allerdings ziemlich schnell überstanden sind.
Die aus den vorherigen Kryszinski- Büchern bekannten Freunde von Kristof Kryszinski tauchen erst am Ende im Epilog (auch wenn er im Buch nicht so genannt wird) auf.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Heißt es. Und seitdem Statistikprogramme auch kostenlos verfügbar sind, kann jeder sie mit Zahlen füttern, mit ihnen spielen und sich an den so entstehenden Grafiken erfreuen. Er kann sie in einen Vortrag einbauen. Auch in Zeitungen gibt es immer mehr Grafiken und Statistiken. Sie sind beliebt, weil sie schnell Zusammenhänge und Dimensionen verdeutlichen. Sie sind auch einfacher zu verstehen als Tabellen mit vielen Zahlen. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gibt es seit Jahren im Wissensteil eine einseitige Infografik, die mal mehr, mal weniger wichtige Themen behandelt, aber immer Daten aus verschiedenen Quellen zu bunten Bildern zusammenfügt.
Einer der Autoren dieser Seite ist der Datenjournalist Tin Fischer. In seinem Buch „Linke Daten – rechte Daten: Warum wir nur das sehen, was wir sehen wollen“ schreibt er darüber. Die auch von ihm erstellten Infografiken sehen objektiv aus. Aber sie sind es nicht. Schließlich können, um im Duktus des Buchtitels zu bleiben, linke und rechte Politiker fast immer die Statistik und Grafik zücken, die ihre Argumente untermauert. Je nach Thema geht bei den einen gerade das Abendland unter, während bei den anderen alles immer besser wird.
In seinem Buch beschäftigt Fischer sich mit verschiedenen kontroversen Diskussionen in den Bereichen Gesundheit, Gewalt, Geld und Ökologie. Es geht unter anderem um die gestiegene Lebenserwartung, die Gefahren des Rauchens und die abnehmende Zahl von Rauchern, Cannabis, Morde, Ausländerkriminalität, Krieg und Frieden (und die Rolle der Europäischen Union dabei), die globale Einkommensverteilung (und die Frage, welche Armut zugenommen hat), den Intelligenztest, den Klimawandel und die Energiewende.
Er zeigt in seinem populärwissenschaftlichem Sachbuch immer wieder, dass die Realität komplizierter als der erste Anschein (oder die erste Grafik) ist. Er zeigt auch, wie in der Auswertung bestimmte Kriterien bei der Auswertung zu ganz anderen Ergebnissen führen können. Es ist ein Unterschied, ob absolutes oder relatives Wachstum verglichen wird. Es ist ein Unterschied, ob ein Zeitraum von zehn, zwanzig oder hundert Jahren verglichen wird. Es ist ein Unterschied, welche Gruppen zusammengefasst werden.
Er weist darauf hin, dass manchmal bestimmte Annahmen zu anderen Ergebnissen führen können. Wobei selbst diese Annahmen manchmal strittig sind. Denn es handelt sich um Annahmen darüber, ob bestimmte Dinge miteinander zusammenhängen. Außerdem kann natürlich nur mit den Daten gearbeitet werden, die vorhanden sind.
Das und die damit verbundenen Probleme zeigt Fischer gut auf.
Weniger geht er auf die direkte Arbeit von Statistikern bei der Erhebung und Verarbeitung von Daten ein. Dabei, und das wissen alle Statistiker, können schon bei der Erhebung schwere Fehler gemacht werden. Deshalb fragen sie auch immer nach der Herkunft der Daten, der Qualität der Daten und, bei Umfragen, den gestellten Fragen.
„Linke Daten – rechte Daten“ ist ein populärwissenschaftliches Sachbuch, das vor allem zeigt, dass vieles komplizierter ist als es auf den ersten Blick scheint.
Insofern ist das flott zu lesende und bei den Fallbeispielen informative Buch eine gute Aufforderung, einfachen Antworten zu misstrauen und bei Statistiken und Grafiken auch zu fragen, ob es wirklich den behaupteten Zusammenhang gibt oder es sich nur um eine Korrelation handelt oder ob, was auch passieren kann, die richtige Ursache übersehen wurde. Oder ob die Statistik so manipuliert wurde, dass die beabsichtigte Aussage präsentiert werden kann.
Wie am 15. Juni 1904 aus einem Sommerausflug der deutschen Gemeinde von New York innerhalb weniger Stunden die größte Katastrophe der zivilen Schiffahrt in den USA wird, schildert Jan Soeken eindrucksvoll in seinem Comic „Slocum – Schiffbruch auf dem East River“. 1021 Menschen starben, weil die damals wenigen Sicherheitsbestimmungen nicht beachtet wurden, weil geschlampt wurde und weil teils sträflich leichtsinnig gehandelt wurde. So waren die Schwimmwesten und die Wasserschläuche unbrauchbar, das Schiff war mit brennbarer Farbe angestrichen worden, die Rettungsschiffe konnten, nachdem sie mehrmals in ihren Halterungen angestrichen wurden, nicht mehr aus ihnen heraus gehoben werden und Holzwolle wurde im Lampenraum neben Petroleum zwischengelagert. Nachdem in diesem Raum ein Feuer ausbricht, kommt es zu einer atemberaubenden Verkettung unglücklicher Umstände. So bricht das Feuer zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt während der Fahrt aus, ein nahe gelegener Pier kann wegen mehrerer Öltanks nicht angefahren werden und als das lichterloh brennende Schiff sich dem rettendem Ufer nähert, springen die Passagiere, hauptsächlich Frauen und Kinder, ins Wasser. Viele ertrinken, weil sie nicht schwimmen können.
„Slocum – Schiffbruch auf dem East River“ ist Jan Soekens Masterarbeit am Department Design der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Soeken („Friends“) erzählt anhand von historischen Zeitungsartikeln und Wikipedia-Einträgen diese heute vergessene Katastrophe mit dokumentarischer Genauigkeit und betont einfachen Zeichnungen nach.
Bei seiner durchaus schwarzhumorigen Nacherzählung der Katastrophe nehmen die Ereignisse auf der Brücke einen großen Teil der Geschichte ein. Dort geraten Kapitän Van Schaick und Pastor Haas, der den Ausflug für seine Gemeinde organisierte, handgreiflich aneinander. Es geht dabei um den richtig zubereiteten Tee, eine klemmende Tür und ein falsch hängendes Bild. Es geht, jedenfalls dem Pastor, nicht um das brennende Schiff und seine in Lebensgefahr befindenden Gemeindemitglieder.
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Jan Soeken: Slocum – Schiffbruch auf dem East River
LV: James Ellroy: L. A. Confidential, 1990 (Stadt der Teufel, L. A. Confidential)
Drei unterschiedliche Polizisten versuchen einen Mord aufzuklären und müssen dabei einen tiefen Sumpf aus Drogen, Sex, Gewalt und Abhängigkeiten trockenlegen.
Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, das den Deutschen Krimipreis erhielt.
Brian Helgeland schaffte das scheinbar unmögliche: er raffte den 500-seitigen Thriller gelungen zu einem etwa zweistündigen Film zusammen und erhielt dafür einen Oscar. Kim Basinger für ihre Rolle als Edelhure erhielt ebenfalls die begehrte Trophäe. Den Edgar gab es natürlich ebenfalls.
mit Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce, James Cromwell, Kim Basinger, Danny DeVito, David Strathairn, Ron Rifkin, Paul Guilfoyle, Simon Baker
„Allgemeine Panik“ gehört nicht zu James Ellroys zweitem L. A. Quartett, von dem bislang „Perfidia“ und „Jener Sturm“ erschienen sind. „Allgemeine Panik“ ist ein Einzelroman, der mit 432 Seiten für den Noir-Autor sogar ziemlich kurz ausgefallen ist. In ihm erzählt der im Fegefeuer sitzende Freddy Otash die Geschichte seines Lebens. Er war Polizist beim LAPD, Privatdetektiv und in den Fünfzigern wichtigster Redakteur beim Hollywood-Klatschmagazin „Confidential“.
Ellroy-Fans kennen Fred Otash aus seiner „Underworld USA“-Trilogie. Otash ist eine reale Person und Ellroy erzählt hier, mehr oder weniger, seine Lebensgeschichte.
„LAPD ’53“ ist ein Sachbuch über die Arbeit des Los Angeles Police Department im Jahr 1953 mit über achtzig zeitgenössischen Fotos aus dem Polizeiarchiv und begleitenden Texten von James Ellroy, der der richtige Autor für dieses Buch ist. Schließlich sind seine Romane eine sich inzwischen über viele Jahrzehnte erstreckende, wahre Ereignisse verarbeitende Chronik der dunklen Seiten von Los Angeles.
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James Ellroy: Allgemeine Panik
(übersetzt von Stephen Tree)
Ullstein, 2022
432 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
Widespread Panic
Alfred A. Knopf, 2021
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James Ellroy (mit Glynn Martin, Leiter des Los Angeles Police Museum): LAPD ’53)
Edward Leithen ist Anwalt, Abgeordneter und einer der Menschen, die sich sehr für Erzählungen und Berichte aus fremden Ländern interessieren, aber selbst keinen Drang verspüren, ihre Heimat zu verlassen. In Leithens Fall ist das London und die nähere ländliche Umgebung. Trotzdem gerät er in eine weltumspannende Verschwörung. Es beginnt damit, dass der Abenteurer Charles Pitt-Heron spurlos verschwindet. Seine Spur verliert sich in Moskau. Danach reiste er anscheinend weiter Richtung Osten; verfolgt von einigen Männern mit wahrscheinlich unlauteren Absichten. Leithen will sich um die Sache kümmern.
Als bei einem Landausflug Leithens Auto nach einem Unfall fahruntüchtig ist, geht er zu einem Landhaus. Dort trifft er den Hausherrn Andrew Lumley. Er ist ein in der Öffentllichkeit unbekanntes, aber in den richtigen Kreisen geachtetes Mitglied der Gesellschaft und der skrupellose Kopf einer Verbrecherorganisation, die etwas mit Pitt-Herons Verschwinden zu tun hat. Als Lumley bemerkt, dass er Leithen nicht zur Kooperation bewegen kann, setzt er in London seine Killer auf ihn an.
Im Original erschien „Der Übermensch“ (The Power House) bereits 1913 als Fortsetzungsroman und drei Jahre später in einer gebundenen Ausgabe. Erst 2014 erschien die deutsche Übersetzung des Romans, die jetzt neu aufgelegt wurde. Für die aktuelle Ausgabe wurde sie durchgesehen und ergänzt um ein über dreißigseitiges Nachwort von Martin Compart. In dem informativen Nachwort schreibt Compart, dass Buchans erster Leithen-Roman „Der Übermensch“ der erste moderne Spionageroman sei.
Gesprieben wurde die Geschichte von John Buchan. Der Schotte lebte von 1875 bis 1940 und war unter anderem konservativer Abgeordneter, Journalist und Autor von 29 Romanen, 42 Sachbüchern, 10 Biographien und 4 Gedichtbänden. Am bekanntesten ist er für seine Romane, vor allem für seine Thriller mit Richard Hannay. Sein heute noch bekanntester, mehrfach verfilmter Roman „Die neununddreißig Stufen“ (The Thirty-nine Steps, 1915 ) gehört zur Hannay-Serie. Die bekannteste Verfilmung des Romans ist von Alfred Hitchcock. Heute läuft der 1935 entstandene Thriller ab und an, eher selten, im Fernsehen.
„Der Übermensch“ ist mit hundertzwanzig Seiten ein kurzer Thriller. Das führt dazu, dass John Buchan keine Zeit für Abschweifungen hat. Entsprechend schnell bewegt sich die Handlung vorwärts. Auf überflüssige Erklärungen wird verzichtet. Orte und Personen sind pointiert gezeichnet.
Trotzdem bleibt am Ende ein schales Gefühl zurück. Leithen hat zwar Angst vor seinen Verfolgern und diese existieren auch wirklich. Aber die Ziele der Verschwörer bleiben diffus. Und damit ist vollkommen unklar, ob überhaupt etwas gegen die Verschwörung getan werden sollte.
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John Buchan: Der Übermensch
(übersetzt von Jakob Vandenberg)
Elsinor Verlag, 2022
160 Seiten
16,80 Euro
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Durchgesehene Neuausgabe der im Elsinor Verlag erschienenen deutschen Erstausgabe von 2014, mit einem Nachwort von Martin Compart
Auf die Idee für seinen Donnerstagsmordclub kam Richard Osman, als er seine in einem Altersheim lebende Mutter besuchte. Die Seniorenresidenz erinnerte ihn an das Setting eines Agatha-Christie-Romans. Die Ermittler könnten, so dachte er sich, Bewohner des Hauses sein. Sie wären alle über siebzig Jahre, körperlich nicht mehr so fit, aber geistig noch sehr rege. Ihre unterschiedlichen Lebenserfahrungen würden bei der Aufklärung des Falles hilfreich sein. Und sie würden den Mord vor ihrer Haustür lösen wollen.
Mit dieser Idee setzte Richard Osman, der bis dahin im Fernsehen als Autor, Moderator, Produzent und Gastgeber der BBC-Quizshow „Pointless“ arbeitete, an den Schreibtisch. Er schrieb „Der Donnerstagmordclub“. Der Cozy war bei der Kritik und den Lesern ein sofortiger Erfolg. In seiner Heimat wurde sein Debütkrimi innerhalb von drei Monaten zum meistgekauften UK-Roman. Sein ein Jahr später erschienener Folgekrimi „Der Mann, der zweimal starb“ setzte die Erfolgsgeschichte fort. Jedenfalls bei den Lesern. Insgesamt wurden von beiden Romanen innerhalb von zwei Jahren weltweit fast sieben Millionen Exemplare verkauft. Außerdem waren die beiden humorvollen Kriminalromane für etliche wichtige Krimipreise, wie den Edgar, den Anthony, den Lefty und den International Thriller Award, nominiert.
Die Filmrechte gingen an Steven Spielbergs Amblin Entertainment. Die Dreharbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen. Mehr konnte Richard Osman, der am Dienstag bei schönen Sommerwetter im Garten des Ullstein Verlags seine Donnerstagsmordclub-Bücher vorstellte, nicht verraten.
Aber er konnte verraten, dass es mit dem Donnerstagsmordclub weitergeht. Im Original erscheint „The Bullet that missed“ Mitte September. Die deutsche Übersetzung folgt einige Monate später.
Im Original erschienen das zehnte Abenteuer von Captain Future „Verrat auf dem Mond“ und der darauf folgende „Captain Future“-Roman „Die Kometenkönige“ bereits 1942. Beide Geschichten wurden später auch ins Deutsche übersetzt. Schon seit Ewigkeiten sind diese Übersetzungen, zu erstaunlich hohen Preisen, nur noch antiquarisch erhältlich.
Für die jetzt erschienenen neuen Ausgaben dieser Romane als zehnter und elfter Band der im Golkonda-Verlag erscheinenden Werkausgabe wurden sie neu übersetzt. Und, wie auch bei den anderen Büchern dieser Werkausgabe, sind neben dem Roman die Zeichnungen aus der US-Erstausgabe und dem damals im „Captain Future Magazine“ erschienenem zu Captain Future gehörigem Material enthalten. Es handelt sich um Informationen zu bestimmten Aspekten des Romans, wie Informationen über den Planeten Eros, jeweils eine Kurzgeschichte aus der Jugend von Captain Future und Leserbriefe. Dieses Material ist nicht essentiell für den Roman, aber eine nette Ergänzung und eine Erinnerung an die Zeit, als ganze Romane in Heften erschienen.
„Verrat auf dem Mond“ schließt insofern unmittelbar an den vorherigen Roman „Jenseits der Sterne“ an, weil Captain Future Curt Newton und seine ständigen Begleiter, – das Gehirn Simon Wright, der Roboter Grag und der Androide Otho -, in dem Roman zur sagenumwobenen Wiege der Materie reisten. Sie waren monatelang unterwegs. Jetzt sind sie auf dem Rückflug.
Auf der Erde weiß auf den ersten Seiten von „Verrat auf dem Mond“ allerdings niemand, ob sie noch leben und wo sie sind. Für Bösewichter ist das die lang ersehnte Gelegenheit, den Mond und die auf ihm befindenden Rohstoffe in Besitz zu nehmen. Denn bis jetzt hat Curt Newton, der einzige Bewohner des Mondes, ein Vetorecht gegenüber jeder Ausbeutung der sich auf dem Mond befindenden Rohstoffe. Besonders interessant ist das für die Energieerzeugung wichtige und seltene Radium. Wer es abbaut, kann viel Geld verdienen.
Larsen King, der Chef einer Bergbaugesellschaft, will das Radium unbedingt abbauen. Dafür bringt er die Futuremen in Mißkredit. Anschließend gelingt es ihm, die Weltraumregierung zu überzeugen, ihm die Ausbeutungsrechte zu übertragen. Er findet auch, fast unerreichbar im Innern des Mondes, eine riesige Menge Radium.
In dem Moment tauchen Captain Future und seine Futuremen wieder auf.
Um weiterhin ungestört den Rohstoff abbauen (und Raubbau am Mond treiben zu können), muss er Newton endgültig diskreditieren.
Die Chance dafür ergibt sich, als Newton sich mit James Carthew, dem Präsidenten der Weltraumregierung, trifft. Er bringt Carthew mit einem Telautomaton (veraltetes Wort für „Drohne“) um und lenkt den Verdacht mit einer gefälschten Aufzeichnung des Mordes auf Newton.
Dieser entzieht sich der drohenden Verhaftung. Er will den Mord auf eigene Faust aufklären und King zur Strecke bringen. Zuerst fliehen er und seine Futuremen auf die Zeitlupenwelt Eros. Von dort fliegen sie zum Mond.
Und wir erfahren, was im Mond ist; – kleiner Spoiler: es ist nicht das, was uns Roland Emmerich vor einigen Monaten in „Moonfall“ nahe legte. Laut Hamilton leben Lunarier im Mond.
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In „Die Kometenkönige“ verschwinden seit Wochen Raumschiffe spurlos im Sektor hinter dem Jupiter. In dem letzten verschwundenem Raumschiff waren Captain Futures Freunde Joan Randall und Ezra Gurney.
Als Curt Newton davon erfährt, will er das Rätsel lösen. Als er und seine Futuremen sich in ihrem Raumschiff die Flugdaten der verschwundenen Raumschiffe ansehen, vermuten sie, dass sie von irgendtwas in den Halleyschen Kometen gezogen wurden. In dem Moment werden sie auch schon von dieser Kraft ergriffen. Sie zwingt sie auf den sich in der undurchdringlichen Wolke des Kometen befindenden Planeten.
Dort leben die Kometae. Seit kurzem sind ihre Körper elektrisch aufgeladen. Dadurch sind sie unsterblich geworden. Verantwortlich für diese Verwandlung sind die Allus. Sie unterdücken die Kometae und sie haben darüberhinausgehende finstere Absichten.
Newton und seine Futuremen wollen die Kometae retten, indem sie die Verwandlung rückgängig machen und die Pläne der Allus durchkreuzen.
„Verrat auf dem Mond“ und „Die Kometenkönige“ sind flotte Retro-Space-Abenteuer. Auf jeder Seite passiert etwas. Entsprechend flott bewegt die Story sich, über jede Unwahrscheinlichkeit hinweg, voran. Dabei erfindet Edmond Hamilton herrlich abstruse Welten auf den verschiedenen durch das All fliegende Planeten, Kometen und Monden. „Verrat auf dem Mond“ ist mit seiner Warnung vor der hemmungslosen Ausbeutung von Rohstoffen und dem von Newton und seinen Männern praktiziertem respektvollen Umgang mit Ureinwohnern sogar erstaunlich aktuell. Newton ist halt kein Eroberer und Ausbeuter, sondern ein Forscher und Abenteurer, der neue Welten erkunden und helfen will.
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Edmond Hamilton: Captain Future: Verrat auf dem Mond
(übersetzt von Maike Hallmann)
Golkonda, 2022
192 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
Outlaws of the Moon
Captain Future Magazine, Frühjahr 1942
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Frühere deutsche Ausgabe
Das Erbe der Lunarier
Bastei-Verlag, 1983 (übersetzt von Ralph Tegtmeier)
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Edmond Hamilton: Captain Future: Die Kometenkönige
(übersetzt von Markus Mäurer)
Golkonda, 2022
192 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
The Comet Kings
Captain Future Magazine, Sommer 1942
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Frühere deutsche Ausgaben
Im Schatten der Allus, Erich Pabel Verlag, 1962 (übersetzt von Horst Mayer)
Im Schatten der Allus, Bastei-Verlag, 1983 (übersetzt von Ralph Tegtmeier)
Horst Eckert hat nämlich die Zeit zwischen seinen Romen verkürzt. Ein Jahr nach „Die Stunde der Wut“ liegt mit „Das Jahr der Gier“ jetzt der dritte Kriminalroman mit Kriminalrätin Melia Adan, Leiterin der Kriminalinspektion 1: Gewaltverbrechen, und KHK Vincent Veih, Leiter des Kriminalkommissariats 11: Tötungsdelikte, vor.
Dieses Mal beginnt für die in Düsseldorf ermittelnden Veih und Adan der Fall mit dem Überfall auf einen britischen Journalisten. Adan bittet den ihr unterstellten Veih, sich die Aussagen über den Überfall auf Oscar Ravani noch einmal anzusehen. Bevor Veih die Unstimmigkeiten geklärt hat, hat der Journalist sich aus dem Krankenhaus entlassen und ist nach London verschwunden. Er recherchierte für die Financial Times über das Finanzunternehmen Worldcard AG (nicht Wirecard) und vermutete unsaubere Geschäfte.
Weil wir uns in einem Roman von Horst Eckert befinden, hängt Ravanis Recherche mit dem Überfall auf ihn zusammen und diese hängt mit zwei Morden zusammen. Der eine, der an Naomi Meyer-Krell, Trainee bei einer international tätigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, fand in der gleichen Nacht statt. Der zweite Mord war vor neun Monaten. Damals wurde in Moosbrück bei München ein Wirtschaftsprüfer verbrannt in seinem Auto gefunden.
Ebenfalls mit diesen Verbrechen verknüpft sind der neue Job eines Ex-Zielfahnders bei Worldcard als Security-Mitarbeiter und die Entdeckung des Hausjuristen von Worldcard Singapur über finanzielle Unregelmäßigkeiten und gefälschte Bilanzen.
In diesem Moment spannt Eckert geduldig, über viele Seiten ein weites Netz unterschiedlicher Handlungsstränge, Figuren und Orte auf. Lange laufen sie parallel nebeneinander her und vermitteln dem Leser gekonnt Informationen, die die anderen Figuren in dem Moment nicht haben.
„Das Jahr der Gier“ ist über viele Seiten, wenn es um Veihs Ermittlungen geht, außerdem eine Rückkehr zu Horst Eckerts Anfängen, als die normale Ermittlungsarbeit der Polizei im Mittelpunkt stand und die Fälle noch keine irgendwie geartete politische Dimension hatten. Das änderte sich schnell und auch „Das Jahr der Gier“ hat diese politische Dimension. Dieses Mal geht es um Finanzkriminalität und ihre weltumspannende Dimension.
Für Veih, der hier der Hauptermittler ist, ist es über länge Zeit allerdings eine ganz normale Ermittlungen, bei der Zeugen vernommen und Beweise gesucht werden. Das ist, nachdem Veih und Adan sich in ihren bisherigen gemeinsamen Fällen – „Im Namen der Lüge“ und „Die Stunde der Wut“ – mit dem Verfassungsschutz und seinen demokratiegefährdendem Verhalten auseinandersetzen mussten, eine willkommene andere Akzentsetzung.
Sehr erfreuchlich ist in diesem Rahmen auch, dass das Privat- und Familienleben der beiden Ermittler dieses Mal eigentlich keine Rolle spielt. Auch wenn Veihs Mutter Brigitte Veih, eine ehemalige RAF-Terroristen, die inzwischen als Fotokünstlerin (mit politischer Agenda) arbeitet, ihren Auftritt hat.
Am Ende ist „Das Jahr der Gier“ ein spannender Polit-Thriller, der gekonnt Teile der aktuellen deutschen Wirklichkeit verabeitet, einen Einblick in die Polizeiarbeit gibt und bis zu letzten Seiten spannend unterhält. Wie wir es von Horst Eckert gewohnt sind.
Und jetzt sind wir gespannt, ob Horst Eckert in diesem Tempo weiterarbeitet.
Eine neue Schule ist immer unangenehm. Noch unangenehmer wird es, wenn man, wie Alena, aus armen Verhältnissen kommt und nur wegen einer beträchtlichen Reduzierung des Schulgeldes die noble Schule besuchen kann. Das sorgt schon für herablassenden Spott. Außerdem starb vor einem Jahr Alenas Freundin Josephine. Sie waren, so die heftig brodelnde Gerüchteküche, mehr als nur Freundinnen. Also wird Alena von ihren neuen Mitschülerinnen gehänselt. Und sie hat nur eine Person, der sie vertrauen kann: Josephine.
Auf dem Cover von Kim W. Anderssons Horrorgeschichte steht treffend „Kim W. Andersson ist der Dario Argento des Comics“. Natürlich gibt es in einem Comic keine sich langsam durch menschenleere Gänge bewegenden Kameras, die Farben sind etwas anders und die Musik muss man selbst auflegen, aber insgesamt ist der Argento-Vergleich treffend. Damit ist auch offensichtlich, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird. Sogar die Pointe ist leicht erratbar. Und dass einige von Alenas Mitschülerinnen das Ende der Geschichte nicht erleben werden, weil sie nach einem Stich mit einer scharfen Schere ihr Blut breitflächig verteilten, sollte wirklich niemanden überraschen. Die Frage ist nur, wer wann stirbt.
Vor „Alena“ veröffentlichte Kim W. Andersson mehrere kurze Comics, die vor allem bei Teenagerinnen gut ankamen. Für sie schrieb er dann diese Geschichte, die den wichtigen schwedischen Comicpreis, die Adamson Statue, erhielt.
„Alena“ ist eine Horrorgeschichte mit einem Schuss Giallo.
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Kim W. Andersson: Alena
(übersetzt von Alexander Kaschte)
Insektenhaus-Verlag, 2022
120 Seiten
15,95 Euro
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Originalausgabe
Alena
2012
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Verfilmung (anscheinend in Deutschland nicht veröffentlicht)
Alena(Schweden 2015)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Kerstin Gezelius, Alexander Onofri, Daniel di Grado
mit Amalia Holm, Molly Nutley, Felice Jankell, Rebecka Nyman, Fanny Klefelt, Marie Senghore, Helena af Sandeberg
Pünktlich zur Veröffentlichung von seinem neuen Roman „City on Fire“ besucht Don Winslow Deutschland und Österreich. In Berlin und Wien sind außerdem Signierstunden angekündigt.
„City on Fire“ ist der Auftakt einer neuen Trilogie. Im Mittelpunkt steht Danny Ryan, der in Providence, Rhode Island, ein Gangster ist. Er gehört zum irischen Clan. Der andere Teil der Stadt wird von der Moretti-Familie kontrolliert und beide Verbrecherbanden leben in friedlicher Koexistenz. Bis Liam Murphy Pam, die Freundin von Paulie Moretti, zuerst sexuell belästigt, kurz darauf heiratet und damit einen Krieg zwischen den beiden Familien auslöst.
Schon die ersten Seiten der 1986 und 1987 spielenden Geschichte verraten, dass Don Winslow hier ein großes Epos plant, das sich beim Erzählen seiner Geschichte entsprechend viel Zeit nimmt. Damit unterscheidet sich „City on Fire“ von seinen anderen Büchern, die meistens Hardboiled-Romane mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors sind.
Die von ihm porträtierten Verbrecher sind geistige Verwandte der Sopranos, dieser in New Jersey lebenden Mafiafamilie. Sie führen ein fast schon bürgerlich-mittelständisches Leben mit Strandbesuchen, kleinen Jeder-bringt-etwas-mit-Familienfeiern und Jobs, die das finanzielle Überleben sichern. Denn viel Geld hat hier niemand. Und glamourös ist hier auch nichts. Aber die auch uns aus zahlreichen Büchern und Filmen vertrauten Regeln der ehrenwerten Gesellschaft gelten auch hier.
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Die Lesetour
Dienstag, 24. Mai, 19:30 Uhr
Veranstaltungsort
Altonaer Theater
Museumstraße 17
22765 Hamburg
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Donnerstag, 26. Mai, 19:00 Uhr
Veranstaltungsort
Maschinenhaus in der Kulturbrauerei
Knaackstraße 97
10435 Berlin
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Freitag, 27. Mai, 16:00 Uhr, Signierstunde
Veranstaltungsort
Hammett-Krimibuchhandlung
Friesenstr. 27
10965 Berlin
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Samstag, 28. Mai, 20:15 Uhr
Veranstaltungsort
Thalia Leipzig Grimmaisch Straße
Grimmaische Straße 10
04109 Leipzig
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Sonntag, 29. Mai, 19:00 Uhr
Veranstaltungsort
Substanz Club
Ruppertstraße 28
80337 München
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Montag, 30. Mai, 16:00 Uhr, Signierstunde
Veranstaltungsort
Thalia Vösendorf – Westfield Shopping City Süd
Allee 255 B
2334 Vösendorf
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Montag, 30. Mai, 19:00 Uhr
Veranstaltungsort
Thalia Wien – Mitte / W3
Landstraßer Hauptstraße 2a/2b
1010 Wien
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Dienstag, 31. Mai, 20:00 Uhr
Veranstaltungsort
BW Bank Stuttgart
Kleiner Schloßplatz 11
70173 Stuttgart
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Mittwoch, 1. Juni, 19:30 Uhr
Veranstaltungsort
Tanzcenter kx Kochtokrax
Südring 31
59423 Unna
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Details zu den einzelnen Lesungen und den Eintrittspreisen hier.
Er lebt seit achtzigtausend Jahren auf der Erde. Sein Name ist „B“ und er will endlich sterben können. Bisher überlebte er jeden Kampf. Egal wie tödlich verletzt er nach einem Kampf ist, kurz darauf kann er sich in den nächsten tödlichen Kampf stürzen.
Jetzt hat er mit der US-Regierung ein Arrangement getroffen. Er erledigt für sie Aufträge, die kein normaler Mensch überlebt. Sie erforscht seine Vergangenheit und erfüllt seinen größten Wunsch: Sterblichkeit. Wenn die Forscher seine DNA und das Geheimnis seiner Unsterblichkeit enthüllen können.
Wir lernen B bei einem seiner Aufträge kennen. In einer namenlosen Operetterepublik schlachtet er die den Präsidentepalast bewachenden Soldaten und alle, die ihm begegnen, ab. Den flüchtigen Präsident erledigt er kurz darauf auf dem Flughafen. Es ist eine weiteres Selbstmordkommando, bei dem es nur darauf ankommt, die geischtslosen Gegner zu töten.
Durch eine Regierungsärztin erinnert er sich an seine Vergangenheit, seine Geburt und auch, warum er geboren wurde. Sein Vater flehte Gott an, ihnen einen unbesiegbaren Beschützer zu schicken. Der Wunsch wurde ihm erfüllt. B kam auf die Welt. Schon kurz nach seiner Geburt wurde er von der einen Schlacht in die nächste geschickt. Denn sein Vater wollte nicht mehr nur seinen Stamm vor Feinden beschützen.
B ist der Protagonist in dem Keanu Reeves erfundenem Comic „BRZRKR“ (Wo sind nur all die ‚E’s hin?). Geschrieben wurde er von ihm und Matt Kindt, gezeichnet von Ron Garney und koloriert von Bill Grabtree.
In den USA ist die auf zwölf Hefte ausgelegte Miniserie für Boom! Studios ein überwältigender Verkaufserfolg. Vom ersten Heft wurden 650.000 Exemplare verkauft. Damit ist es der meistverkaufte Originaltitel dieses Jahrhunderts. Wobei, wie wir von anderen Bestsellerlisten und Kinocharts wissen, sagt ein Verkaufserfolg nichts über die Qualität des Werkes aus.
Und so ist es auch in diesem Fall. Denn der Comic ist eine zwiespältige Angelegenheit. Nicht weil er schlecht ist, sondern weil er so überwältigend gewöhnlich ist. Seitenlange ultrabrutale Kampfszenen in der Gegenwart und der Steinzeit wechseln sich mit kurzen Erklärteilen ab. Dabei wirkt B wie der Abklatsch zahlloser anderer unsterblicher Superhelden. Vor allem Wolverine scheint das Vorbild gewesen zu sein.
In diesem Umfeld ist die beste Idee des Comics, B wie einen muskelbepackten Zwillingsbruder von ‚John Wick‘ Keanu Reeves aussehen zu lassen.
Bei uns ist jetzt, mit einer exzessiven Covergalerie, der erste Sammelband erschienen. Er enthält die ersten vier „BRZRKR“-Hefte. Der zweite Sammelband erscheint demnächst.
Netflix hat sich schon im März 2021 die Verfilmungsrechte gesichert und arbeitet an einem Spielfilm und einer Animeserie. Beide Male soll Keanu Reeves die Hauptrolle übernehmen.
Keanu Reeves/Matt Kindt/Ron Garney/Bill Crabtree: BRZRKR – Band Eins
Am Samstag ist es wieder so weit: der Gratis-Comic-Tag lässt enthemmte Comic-Fans auf der Suche nach Lesestoff die Buchgeschäfte und Bibliotheken stürmen.
Letztes Jahr fiel der Gratis-Comic-Tag aus. Das Jahr davor war er wegen der Pandemie in den Spätsommer verschoben worden. Dieses Jahr findet er am 14. Mai 2022 im gewohnten Rahmen statt. In über siebenhundert Buchhandlungen und Bibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden 35 Comics verteilt, die extra für diesen Tag produziert wurden. Insgesamt wurden über 750.000 Comics gedruckt. Und wie in den vergangenen Jahren geben die Hefte einen guten Überblick über die aktuelle Comicszene.
Die Hefte bieten einen Einblick in das Programm von neunzehn Verlagen. Carlsen, Cross Cult, Egmont, Panini Comics, Reprodukt, Schreiber & Leser und der Splitter Verlag sind seit dem ersten Gratis-Comic-Tag 2010 dabei. Die anderen Verlage stießen später dazu. Neben den bereits genannten Verlagen sind dieses Jahr, oft zum wiederholten Mal, der All Verlag, Altaverse, Bröseline (Home of „Werner“), Chinabooks, Community Editions, Dantes, dani books, KAZE, Kult Comics, Rotopol, Tokyopop und Weissblech Comics dabei.
Die Verlage arbeiten zusammen, weil sie ein Ziel haben. Nein, nicht kostenlose Bilderbücher zu verteilen (ja, die Aktion ist auch ein anfixen. Und der Dealer besorgt den Rest.), sondern zu zeigen, dass Comics inzwischen eine lange Geschichte haben (Micky Maus‘ erster Comicauftritt war 1930, Lucky Lukes erster war 1946, Asterix‘ erster war 1959 – und dann gibt es noch die ganzen Superheldencomics). Comics sind inzwischen nicht nur die Kindergeschichten, die wir alle aus unserer Kindheit kennen, und DC/Marvel-Superheldengeschichten, sondern viel mehr. Heute sind Comics auch Geschichten für Erwachsene. Es gibt viele neue Autoren und Zeichner. Und es gibt die immer beliebter werdenden Mangas.
Es gibt also viel zu entdecken.
„Goofy“ und „Fantasy Entenhausen“ sind beides sind Geschichten mit Disney-Figuren, die wir seit unserer Kindheit kennen und die immer noch sehr unterhaltsam sind. Auch wenn Goofy heute keinen Tag älter als bei seinem ersten Auftritt ist. Der war 1932 in dem Kurzfilm „Mickey’s Revue“.
Ein weiterer, hierzulande deutlich unbekannterer Klassiker ist „Spaghetti“. Im Rahmen der Gesamtausgabe im All Verlag gibt es die witzige „Spaghetti“-Geschichte „Spaghetti und der rote Smaragd“. In dieser von Dino Attanasio und René Goscinny, dem Vater von Asterix, in den Fünfzigern geschriebenen Geschichte hat unser herzensguter und etwas tollpatschige Held einen Smaragden, der den Menschen, denen er begegnet, Unglück bringen sollen.
Köstlich sind die schwarzhumorigen kurzen Geschichten von „Die schreckliche Adele“. Sie mag niemanden und liest, als Karriereratgeber, das „Lexikon der größten Verbrecher“. Ein herziges Mädchen.
Ein zünftiges Science-Fiction-Abenteuer, eine waschechte Space-Opera, erzählt „Colony: Die Schffbrüchigen des Alls“. Für einige Kadetten wird aus einer Übung ihre erste Mission.
Für Fans von Privatdetektiv-Krimis ist André Taymans „Caroline Baldwin“. Der Fall „Der Tote im Pool“ ist zwar spannend und auch vollständig abgedruckt. Aber es ist auch nur der erste Teil des Falles und Caroline Baldwin ist noch weit davon entfernt, den Täter zu überführen.
Das gelingt Enid Blytons Fünf Freunden in „Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel“. Es handelt sich um die gelungene Comicversion ihres Buches von 1942.
Drew Weings Geschichte aus „Die geheimnisvollen Akten von Marco Maloo“ erzählt eines der ersten gemeinsamen Abenteuer von Charles, der neu in Echo City ist, und der Monstervermittlerin Margo Maloo. Denn es gibt Wichte, Echsenleute und Oger, große gutmütige, etwas dumme Monster. Ein Kindercomic, der auch Erwachsenen gefallen kann.
Bei „Zöliakie“ von Michael Mikolajczak und Jurek Malottke ist es umgekehrt. In der erstem Geschichte wird erklärt, was Zöliakie ist. In der zweiten Geschichte, „Vater-Sohn-Tag“, geht es um die Beziehung zwischen einem Sohn und seinem Vater im Wandel der Zeit.
Über „Werner“ muss nichts mehr gesagt werden. Außer dass das Heft einen Einblick in die ersten (?) beiden Extrawurst-Bücher gibt, die einen umfassenden Einblick in die Welt von Werner geben. Im Comic und in der realen Welt.
„Danger Girl: Viva Las Danger“ erzählt ein mit Action und Mystik voll gestopftes Abenteuer. Die schlagkräftige und gutaussehende Agententruppe muss in Las Vegas verhindern, dass ein historisches Artefakt in die falschen Hände gerät.
In „Nika, Lotte, Mangold!“ lässt Thomas Wellmann die titelgebenden Figuren kindlich-unbekümmert Abenteuer erleben.
Nicht immer, auch weil die Geschichte teilweise mehrere Bücher umfasst, wird in dem Gratis-Comic die ganze Geschichte erzählt.
Sehr vielversprechend ist der Beginn „Wonderwall“, einem 1983 in San Francisco spielendem Krimi. Bei der Jagd nach einem Scharfschützen stellt Ermittler Spadaccini schnell eine Verbindung zum Mord an John F. Kennedy her.
„Enola Holmes“ basiert auf dem Roman von Nancy Springer und weil die vierzehnjährige Enola Holmes mit Sherlock Holmes verwandt ist, beginnt sie auf eigene Faust ihre verschwundene Mutter zu suchen. Der Gratis-Comic enthält nur die ersten Seiten von „Der Fall des verschwundenen Lords“
Bei DC Infinite Frontier gibt es zwei Leseproben und eine komplette Batman-Story. Die Batman-Story „Entbehrlich“ überzeugt. Die Leseproben sind zu sehr zusammenhangloses Stückwerk.
Superheldisch, aber nicht von DC oder Marvel, ist der francobelgische Comic „Superpage“, In dem Heft sind zwei „Spirou und Fantasia“-Geschichten (u. a. ein Besuch bei Batguy, der sehr an Batman erinnert) und die ersten Seiten des Spin-offs „Superpage: Rächer wieder Willen“.
Es gibt mehrere Fantasy-Geschichten, wie „Donjon Antipoden“, „Head Lopper“ (die ersten Seiten einer Wikingergeschichte), „Bermuda“ (den Prolog eines von „Chew“ John Layman erfundenen Abenteuers, in dem es im Bermuda Dreieck eine auf keiner Karte verzeichnete Insel gibt, auf der Dinosaurier leben), „Luba Wolfschwanz“ (zwei komplette, nicht jugendfreie Geschichten aus dem Weissblech Verlag) und, für Kinder, „Die Abenteuer von Nilson Groundthumper und Hermy“, die fast wie Goofy in und durch ihre Abenteuer stolpern.
Bei den Mangas gibt es selbstverständlich immer nur die ersten Seiten. Gelungen und damit vielversprechend sind „Blue Lock“ (über die Auswahl der japanischen Fussballnationalmannschaft, die ausschließlich aus jungen Talenten bestehen und sie zur Meisterschaft führen soll) und „Das dunkelgraue Chamäleon“ (in dem, ebenfalls in Japan, ein androgyner Antiheld Bösewichter massakriert.). „Komi can’t communicate“ (über eine Schülerin, die vor Menschen nicht sprechen kann) und „Fangirl“ (über eine junge Studentin, die Fanfiction schreibt) und „Solo Leveling“ (über einen erfolglosen Jäger, dem sich jetzt die Chance bietet, sein Level zu steigern) beginnen ebenfalls vielversprechend.
Marx, Eisenstein, Vampire, die zwanziger Jahre, betont bühnenhaft agierende Schauspieler sind einige der Schlagworte mit denen Julian Radlmaiers neuer Film beschrieben werden kann. Mit „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ (ausgezeichnet vom Verband der deutschen Filmkritik als Bestes Spielfilmdebüt) und seinen davor entstandenen kürzeren Filmen „Ein Gespenst geht um in Europa“ und „Ein proletarisches Wintermärchen“ wurde er bei der Kritik und dem eingefleischtem Arthaus- und Festival-Publikum bekannt. Und für sie ist „Blutsauger“ dann auch.
Im Mittelpunkt von „Blutsauger“ steht der Fabrikarbeiter Anton Inokentewitsch Petuschkin, der von allen Ljowuschka genannt wird. Er spielte in Sergei Eisensteins „Oktober“ den Revolutionshelden Leo Trotzki. Weil Trotzki vor der Premiere des Films in Ungnade gefallen war, wurde er aus dem Film entfernt. Und so verschwand Ljowuschkas in der großartigen Sowjetunion geplante Filmkarriere im Mülleimer des Schnittraums. Jetzt will Ljowuschka sein Glück im kapitalistischen Hollywood versuchen.
Auf dem Weg in die USA strandet er im August 1928 in einem noblen Ostseebad. In dem Kurort Bad Dämmerow trifft er die standesbewusste, hochnäsig-schnippische junge Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen und ihren servilen Diener Jakob. Sie ist von Ljowuschka, der sich als verfolgter, aus der Sowjetunion kommender Aristokrat ausgibt, fasziniert und lädt ihn zu sich ein. Schnell durchschaut sie seine Charade. Trotzdem darf er weiter bei ihr wohnen.
Sie verbringen einige Tage zusammen. Er erzählt ihr von seiner gescheiterten Filmkarriere. Das führt dazu, dass sie im strahlenden Sonnenschein gemeinsam einen Vampirfilm improvisieren. Bei all dem fröhlichen Treiben ahnt Ljowuschka nicht, dass Flambow-Jansen eine Vampirin ist.
Dieses historische Setting wird immer wieder bewusst durchbrochen. Cola-Dosen, Containerschiffe und Motorräder sind im Bild. Diese Anachronismen schlagen natürlich auch eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart – und sie zeigen, wie künstlich filmische Nachstellungen der Vergangenheit sind. Gleichzeitig taucht mehrmals ein Marx-Lesezirkel auf, der sich Texte von Karl Marx vorliest und versucht, darüber zu diskutieren. Das wirkt, auch wenn sie in den Dünen sitzen, wie ein studentisches Seminar aus den siebziger Jahren.
So ist alles fein säuberlich arrangiert für einen intellektuellen Spaß, der sich dann nicht einstellen will. Die Texte von Marx sind nicht zum Vorlesen gedacht. Die langsam vorgetragenen Dialoge werden wie in einem Theaterstück deklamiert. Entsprechend künstlich klingen sie. Die Schauspieler und Laien agieren immer betont manieriert. Die Story, eher eine Abfolge disparater Episoden, plätschert in teilweise enervierender Langsamkeit vor sich hin. Die Diskussionen des Marx-Lesekreises drehen sich ergebnislos im Kreis. Überraschungen gibt es nicht. Damit verstärkt sich das Gefühl, dass nichts passiert.
Das ist von Julian Radlmaier, der an der Freien Universität Berlin Filmwissenschaft und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) Regie studierte, so gewollt. Bei den Kritiken, die ich gelesen habe, kommt dieser Stil sehr gut an. Bei mir überwiegt allerdings die Enttäuschung darüber, wie wenig aus der vielversprechenden Idee einer marxistischen Vampirkomödie gemacht wird.
„Blutsauger“ knüpft an kapitalismuskritische Filme aus den Siebzigern an, den denen das richtige Bewusstsein unbestreitbar vorhandene erzählerische Defizite kaschiert. Auch in Radlmaiers Film kommt die Kapitalismuskritik mit dem Holzhammer – Kapitalisten als Blutsauger – und es wird mit der abendländischen Bildung geprotzt und etwas gespielt. Aber ohne überraschende Einsichten und ohne Humor. Schließlich wird auch im Proseminar nicht gelacht, sondern gegen den Schlaf gekämpft.
Blutsauger(Deutschland 2021)
Regie: Julian Radlmaier
Drehbuch: Julian Radlmaier
mit Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, Andreas Döhler, Daniel Hoesl, Mareike Beykirch, Kyung-Taek Lie, Darja Lewin Chalem
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Das Buch zum Film
Drehbücher werden selten veröffentlicht. Spontan fallen mir Chris Kraus‘ „Die Blumen von gestern“ (2017) und Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ (2018) ein. Schließlich sind Drehbücher in erster Linie Baupläne für diesen einen Film und wenn der Film fertig ist, ist das Drehbuch nur noch Altpapier. Das unterscheidet ein Drehbuch von einem Theaterstück, das nach seiner Premiere mit anderen Schauspielern auf anderen Bühnen gespielt werden kann. Einen eigenständigen literarischen Wert haben Drehbücher normalerweise auch nicht. Außerdem beschränkt sich das interessierte Publikum für diese Bücher auf einen sehr engen Kreis von Cineasten.
In diesen kleinen Kreis reiht sich jetzt Julian Radlmaiers „Blutsauger“ ein. In dem Buch sind, für den Druck leicht überarbeitet, das Drehbuch von Julian Radlmaier in der Fassung, die die Grundlage für die Dreharbeiten war, ein Essay von Sulgi Lie über den Film und über fünfzig Zeichnungen von Jan Bachmann enthalten. Zu Bachmanns früheren Werken gehört der Comic „Mühsam, Anarchisten in Anführungsstrichen“.
Für die Fans des Films ist das Buch eine gelungene Ergänzung.
Die neue Ausgabe des Lexikon des internationalen Films ist draußen. Am bewährten Aufbau haben die Herausgeber, der Filmdienst und die Katholische Filmkommission für Deutschland nichts geändert. Es gibt kundige Kurzkritiken zu allen Filmen, die 2021 in Deutschland im Kino gelaufen oder anderweitig veröffentlicht wurden. Neben Spielfilmen und längeren Dokumentarfilmen gibt es auch Besprechungen von TV-Spielfilmen, wie dem „Tatort“. Es gibt einen inzwischen über zweihundertseitigen Teil, der aus mehrseitigen Berichten, Analysen, Interviews und Nachrufen besteht. In diesen Texten geht es um die Filmbranche (die während der Coronavirus-Pandemie immer noch vor großen Herausforderungen und Umbrüchen steht), um das junge französische Genrekino, eine Fassbinder-Austellung, James Bond, Indiana Jones, Denis Villeneuve, Kelly Reichardt, Maren Eggert und Simone Signoret. Es gibt Interviews mit Dominik Graf, Alexander Kluge, Maria Speth (Herr Bachmann und seine Klasse), Ildikó Enyedi (Die Geschichte meiner Frau) und Thomas Vinterberg (Der Rausch). Es gibt Nachrufe auf Jean-Paul Belmondo (danach wollte ich wieder einen seiner Filme sehen), Richard Donner und Monte Hellman.
Und es gibt, mit ausführlichen Besprechungen, die Liste der fünfzehn besten Serien und der zwanzig besten Kinofilme des letzten Jahres. Diese sind nach Ansicht der Filmdienst-Autoren:
Wie in den vergangenen Jahren schreibe ich jetzt wieder, dass ich nicht jeden Film kenne und einige nicht so grandios fand. Das ändert aber nichts daran, dass diese zwanzig Filme wichtige und sehenswerte Filme sind. Wer also am Wochenende überlegt, was er sich ansehen soll, hat hier eine gute Liste um seine cineastische Bildung auszubauen.
Und wer noch mehr Anregungen braucht, kann dann ja auf seiner Couch durch das Filmlexikon blättern, einen Blick auf die Liste der im Filmdienst mit „sehenswert“ ausgezeichneten Filme oder die Silberlinge (das sind jetzt, weil es sich um besonders gelungene DVD/Blu-ray-Ausgaben von meist älteren Filmen handelt, eher Geschenkideen) werfen und, nach dem Lesen eines der Porträts oder Nachrufe, Lust vespüren, einen ihrer Filme anzusehen.
Ein feines Buch.
Und jetzt freue ich mich schon auf die nächste, selbstverständlich unverzichtbare Ausgabe des Lexikons des internationalen Films. Denn, wie Markus Leniger, der Vorsitzende der Katholischen Filmkommission für Deutschland, im Vorwort schreibt: „vieles verschwindet zu schnell aus unserer Timeline. Das Jahrbuch (…) ist so etwas wie eine Insel, ein sicherer Hafen im stetigen Fluss der Nachrichten. Hier kann man in Ruhe nachlesen, was aus dem Blick geraten ist, hier finden sich Beiträge, die man in der Hektik des Tages auf den digitalen Endgeräten als flüchtige Schatten hat vorüberrauschen sehen.“
P. S.: Weil ich es in der Vergangenheit immer wieder monierte: es gibt auch Listen der besucherstärksten Filme 2021 (das war James Bond, der behauptete, „Keine Zeit zu sterben“ zu haben), der besucherstärksten Arthaus-, Dokumentar-, deutschen Kinderfilme und deutschen Filme. Dieses Publikumsvotum ist eine gute Ergänzung zum Kritikervotum.
P. P. S.: Der Filmdienst wird dieses Jahr 75. Da sage ich nur: Auf die nächsten 75 Jahre!
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Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2021/2022
Wie üblich ist auch bei dem neuesten Marvel-Film vorher nichts bekannt über den Plot und wer alles mitspielt. Neben dem Hauptcast – Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams und Neuzugang Xochitl Gomez -, der zu einem großen Teil aus dem ersten „Dr. Strange“-Film bekannt ist, soll es auch einige Überraschungen geben. Laut der Gerüchteküche soll Bruce Campbell dabei sein. Aber der ist in jedem guten Film von Sam Raimi dabei. Raimi hat, nach einer neunjährigen Spielfilmpause, die er mit einigen TV-Serienepisoden und vielen Tätigkeiten als Produzent füllte, endlich wieder die Regie bei einem Spielfilm übernommen. Ältere kennen Sam Raimi vom „Tanz der Teufel“, Jüngere als den Regisseur von drei „Spider-Man“-Filmen mit Tobey Maguire als Peter Parker.
In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ kann Raimi seine beiden Leidenschaften, nämlich „Horror“ und „Comic-Verfilmungen“ miteinander verbinden. Deshalb wird das Werk von Marvel auch schon als deren Horrorfilm angekündigt. Geworden ist es dann ein Marvel-Film mit einigen Horrorelementen.
Es geht um Doctor Strange, der – ähem, also die offizielle Synopse ist ziemlich irreführend, der Verleih bittet um spoilerfreie Besprechungen und die Story ist, nun, ähem, bestenfalls durchwachsen. In jedem Fall gibt es einen Bösewicht, der im Gedächtnis bleibt, ein sehr nachvollziehbares Motiv hat, das gleich am Anfang erklärt wird und ihre Handlungen antreibt. Außerdem hat sie ordentlich Screentime. Nachdem in den vorherigen Marvel-Filmen der Bösewicht oft die uninteressanteste Figur im ganzen Film war, ist das hier besser.
Davon abgesehen will Doctor Stephen Strange die junge America Chavez retten. Sie ist aus einem anderen Universum in sein Universum gestolpert, sagt ihm, dass es das Multiverse gibt (Hatten wir das nicht schon in „Spider-Man: No Way Home“ erfahren?) und um alles wieder in Ordnung zu bringen, müssen die beiden durch das Multiverse reisen. Das sind verschiedene Universen, die sich in Details unterscheiden. So ist Doctor Strange in einem Universum nett, in dem anderen weniger und im nächsten Universum kann er sogar ein Bösewicht sein. Für Benedict Cumberbatch, der hier wieder Doctor Strange spielt, ist das eine gute Gelegenheit, die Figur verschieden zu spielen.
Die Idee des Multiverse führt dann dazu, dass, wie in einem schlechten Fantasy-Film, plötzlich alles möglich ist. Es wird einfach in die nächste Welt gewechselt und schon geht’s. Und wenn in einem Film ein Fehler gemacht wurde, wird er im nächsten Film einfach in ein anderes Universum verbannt.
In „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ wird durch verschiedene Universen gesprungen und in jedem gibt es etwas zu entdecken. Sam Raimi kann so gleichzeitig ungefähr ein halbes Dutzend Filme inszenieren. Einmal natürlich eine Fortführung des ersten „Doctor Strange“-Films, der jetzt auch schon sechs Jahre alt ist. Dazwischen trat Cumberbatch in mehreren Marvel-Filmen als Dr. Strange auf. Einmal ein quitschbuntes CGI-Psychelic-Abenteuer, in dem Dinge durch eine schwerelose (Alb)Traumwelt schweben. Einmal einen mittelalterlichen Abenteuerfilm, in dem tibetanische Mönche ihr Kloster, das Kamar-Taj, mit Zauberkräften gegen eine Hexe verteidigen. Und, im Finale, einen Horrorfilm, der auch die Tradition des Horrorfilms huldigt. Es gibt natürlich eine gute Portion Fanservice für die Raimi-Fans und, vor allem, für die MCU-Fans.
Das ist durchaus vergnüglich, aber nie so vergnüglich wie seine „Evil Dead“-Filme, und wird mit der Zeit, trotz seiner kurzen Laufzeit von zwei Stunden, sogar etwas langweilig. Es gibt einfach zu viel CGI. Es gibt zu viele banale Erklärdialoge. Viel zu oft ist Dr. Strange mit einem anderen Dr. Strange beschäftigt, während der Bösewicht und auch die Freunde von Dr. Strange sich vollkommen aus dem Film verabschieden. Dann spielt Cumberbatch mit sich in einem Raum. Das bringt die Story nicht voran. Denn die Welt(en) wie wir sie (nicht) kennen, will jemand anderes vernichten. Außerdem verlässt die Story sich zu sehr auf Zauberei und das Betreten von anderen Universen. So können unsere Helden immer wieder einer tödlichen Gefahr entkommen, indem sie die Tür zu einer anderen Welt öffnen und in Sicherheit sind.
„Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist nie so bahnbrechend wie Sam Raimis erster „Spider-Man“-Film oder so hemmungslos abgedreht wie seine „Evil Dead“-Filme. Als Marvel-Film, der auch gut ohne die Kenntnis der anderen Filme und Fernsehserien angesehen werden kann, ist er okay. Trotzdem will sich bei mir die Begeisterung, die ich bei den älteren MCU-Filmen empfunden hatte, auch dieses Mal nicht einstellen.
Im Abspann gibt es zwei Szenen. Die erste ist ein Ausblick auf möglicherweise kommende Ereignisse. Die zweite, ganz am Ende des Abspanns, ist mit Bruce Campbell, der im Film lediglich ein für den Film und das Marvel-Universum folgenloses, aber vergnügliches Cameo hat. So wie Stan Lee bis zu seinem Tod in den Marvel-Filmen kurze Auftritte hatte.
Doctor Strange in the Multiverse of Madness (Doctor Strange in the Multiverse of Madness, USA 2022)
Regie: Sam Raimi
Drehbuch: Michael Waldron (basierend auf Marvel-Figuren von Stan Lee und Steve Ditko)
mit Benedict Cumberbatch, Elizabeth Olsen, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Xochitl Gomez, Michael Stuhlbarg (als Michael Stühlbarg), Rachel McAdams, Patrick Stewart , Bruce Campbell, Julian Hilliard, Jett Klyne
Das war’s mit den bewegten Bildern. Werfen wir einen Blick auf die unbewegten Bilder und damit auf die Ursprünge von Doctor Strange. Der Panini Verlag hat pünktlich zum Filmstart eine dicke Anthologie über „Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte“ veröffentlicht.
Die „Doctor Strange“-Anthologie ist wie die anderen Anthologien, die zu bekannten Marvel- und DC-Figuren, wie Black Widow, Deadpool und Batman, erschienen sind, aufgebaut. Es gibt, geschrieben von Christian Endres, Thomas Witzler und Arnulf Woock, kurze Texte zu wichtigen Aspekten der Figur und seiner Welt und einführende Texte zu seinen wichtigsten Comic-Abenteuern. Diese werden, von seinem ersten Auftritt bis zur Gegenwart, chronologisch abgehandelt und nachgedruckt.
Wie die anderen Anthologien ist auch die Anthologie über den Obersten Zauberer des Marvel-Universum ein schwer in der Hand liegender informativer Lesegenuss, der auch zeigt, wie sehr sich die Comics in den vergangenen sechzig Jahren veränderten. Seinen ersten Auftritt hatte der Zauberer im Juli 1963 in Strange Tales als „Dr. Strange, Meister der Schwarzen Magie“. Die fünfseitige Geschichte war als Füller gedacht. Den Lesern gefiel der Comic und der Rest ist Geschichte.
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Doctor Strange: Meister der mystischen Mächte – Die Doctor Strange-Anthologie
Panini, 2022
320 Seiten
29 Euro
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Zum Gratis-Comic-Tag, der dieses Jahr endlich wieder an seinem regulärem Termin, dem zweiten Samstag im Mai, stattfindet, gibt es ein „Doctor Strange“-Heft. In ihm sind drei Geschichten enthalten. In „Der Zauberlehrling“ (Mystic Apprentice, 2016) ist Stephen Strange noch ein Novize der mystischen Künste, dem die Astralformprojektion seines Körpers noch nicht gelingen will. „Der Tod von Doctor Strange, Kapitel 1“ (Death of Doctor Strange, 2021) enthält die ersten Seiten der Geschichte und endet mit einem Gast an seiner Haustür. In „Venom“ (Marvel Action: Origins, 2021) ist Doctor Strange nicht dabei. In dieser Geschichte erfahren wir, wie ein außerirdischer Symbiont zuerst Spider-Man Peter Parker und dann Eddie Brock als Wirt aussuchte.