Songs of Gastarbeiter – Liebe, D-Mark und Tod (Deutschland 2022)
Regie: Cem Kaya
Drehbuch: Cem Kaya, Mehmet Akif Büyükatalay
„Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod“ (so der Kinotitel) ist ein fulminanter Überblick über sechzig Jahre Musik- und Integrationsgeschichte, die fast nie von der deutschsprachigen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
Es kann sein, dass eine für das Fernsehen gekürzte Fassung gezeigt wird. Im Kino dauerte die Doku 102 Minuten. Im Fernsehen ist sie als 90-minütiger Film angekündigt.
Beginnen wir mit der wichtigsten Frage: Versteht man „Spy X Family Code: White“ wenn man Tatsuya Endos Manga „Spy x Family“ und die darauf basierende, auf Crunchyroll verfügbare gleichnamige Anime-TV-Serie nicht kennt? Immerhin ist der Kinospielfilm das Spin-off zur Zeichentrickserie.
Ja, man versteht die Filmgeschichte und wenn man die klassischen James-Bond-Filme mag, dürfte man beim Entschlüsseln der oft ziemlich offensichtlichen Anspielungen seinen Spaß haben.
Im Mittelpunkt des Films steht die ziemlich ungewöhnliche Familie Forger. Der Vater ist Geheimagent ‚Twilight‘ Loid. Die Mutter die Attentäterin Yor. Loid weiß nicht, womit Yor ihr Geld verdient. Und umgekehrt. Ihre Adoptivtochter Anya ist eine Telepathin. Das konstant begeisterungsfähige und neugierige Kind kann Gedanken lesen. Deshalb weiß sie, dass ihr Vater ein Agent und ihre Mutter eine Killerin ist. Und das ist noch nicht alles! Der Familienhund Bond kann in die Zukunft sehen.
Als Anya an ihrer Schule ein Gericht kochen soll, hat Loid eine Idee. Der Schuldirektor, der die Gewinner bestimmt, liebt Meremere. Dieses Gericht wird nur in Frigis in einem bestimmten Restaurant, das nur Familien bedient, stilecht zubereitet.
Also fährt die gesamte Familie über das Wochenende nach Frigis. Noch ehe sie das Rezept herausfinden, eigentlich schon auf der Hinfahrt im Zug, stolpern sie in eine Verschwörung, in der es um Schokolade, Mikrofilme, tumbe Handlanger und einen größenwahnsinnigen Verbrecher geht.
Wer sich schon immer fragte, wie eine James-Bond-Geschichte im Manga-Gewand aussähe, bekommt mit Takashi Katagiris Animationsfilm „Spy x Family Code: White“ eine ziemlich gute Vorstellung davon. Aus der James-Bond-Welt, also der klassischen, nicht der selbstzweifelnden Burnout-Daniel-Craig-James-Bond-Ära, stammt die Geschichte und die abschließende Zerstörung der riesigen Zentrale des Bösewichts. Aus der Welt der Mangas stammen die Figuren und der Zeichenstil.
Dazu gibt es viele, oft mehr als offensichtliche Hinweise, wie der Name des Familienhundes, der zwischen James Bond und „Mission: Impossible“ changierenden Musik und dem Plot, auf den in den James-Bond-Filmen etablierten Geheimagentenkosmos.
Die durchgehend selbstironisch präsentierte Geschichte kommt dagegen nur langsam in Schwung. Bevor der Kampf gegen die Bösewichter beginnt, wird erst einiges erklärt. So erfahren wir, dass die Familie für einen Geheimauftrag von Geheimagent Twilight als Tarnung zusammengestellt wurde. Er soll eine Eliteschule infiltrieren und so an einen hochrangigen Politiker herankommen. Wir erfahren einiges über die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander, über Yors Zweifel an der Zuneigung ihres Mannes und über Anyas Probleme in der Schule. Das alles ist für die Filmgeschichte weitgehend überflüssige Exposition, die uns mit der Prämisse der Serie vertraut macht. Erst danach beginnt das vollständig außerhalb der Chronologie der Serie liegende Wochenendabenteuer, bei dem die Familie Forger spontan die Welt retten müssen. Das tun sie mit vereinten Kräften. Und irgendwann wenn sie mit vereinten Kräften die Bösewichter auf dem Land und in der Luft bekämpfen, stellt sich die berechtigte Frage, wie lange sie ihre Geheimnisse noch voreinander bewahren können. Oder anders gesagt: spätestens beim Schlusskampf entpuppt sich die Prämisse, nach der der Vater nichts über die Identität der Mutter als Killerin und die Mutter nichts über die Identität des Vaters als Geheimagent weiß und sie nichts über die besonderen Fähigkeiten ihrer Tochter wissen, als unnötig komplizierte Prämisse.
Das ändert nichts daran, dass „Spy x Family Code: White“ ein ziemlich vergnüglicher, etwas lang geratener locker-witziger Agententrickfilm für die gesamte Familie ist, der sich vor allem an Anime-Fans und, selbstverständlich, Fans der TV-Serie richtet.
Spy x Family Code: White (Gekijôban Spy x Family Code: White, Japan 2023)
Regie: Takashi Katagiri
Drehbuch: Ichiro Ohkouchi
LV: Tatsuya Endo: Spy x Family (Manga-Serie)
mit (im Original den Stimmen von) Takuya Eguchi, Atsumi Tanezaki, Saori Hayami, Ken’ichirô Matsuda, Hiroyuki Yoshino, Yuko Kaida, Kazuhiro Yamaji, Kenshô Ono, Natsumi Fujiwara, Emiri Kato, Ayane Sakura
Auf die Internationale Raumstation ISS bringt eine Forschungssonde einen außerirdischen Organismus. Der entpuppt sich nicht als putzig-harmlos, sondern sehr tödlich für die Besatzung der Raumstation.
Ziemlich spannende „Alien“-Variante: Gut gespielt, gut getrickst und gut erzählt.
LV: Delacorta (Pseudonym von Daniel Odier): Diva, 1979 (Diva)
Postbote Jules besitzt zwei Tonbänder, für die einige Menschen morden. Auf dem einen Tonband ist der von ihm heimlich aufgenommene Mitschnitt eines Konzerts einer von ihm verehrten Operndiva, die keine Aufnahmen von ihrem Gesang will. Auf dem anderen Tonband ist das Geständnis eines Callgirls, das einige ihrer Kunden belastet.
Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.
„‚Diva‘ ist ein ganz und gar modischer Film für ein Großstadtpublikum. (…) Elegant zwischen Kitsch und Kunstfertigkeit balancierend, macht der Film im Kino großen Spaß.“ (Fischer Film Almanach 1984)
„‚Diva‘ ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Roland Bertin, Richard Bohringer, Gérard Darmon
Serpico ist ein junger, idealistischer Polizist, der auch gegen die Korruption im System vorgehen will. Seine Kollegen und Vorgesetzten findet das nicht gut.
Grandioser, auf Tatsachen beruhender, vor Ort gedrehter, pessimistischer Cop-Thriller mit Al Pacino
„Die Karriere von Frank Serpico…erlaubt Lumet einen breiten, aber detaillierten Angriff auf die in der Stadt ausgebreitete Korruption und die frustrierenden Mechanismen der Bürokratie bei ihrer Selbstverteidigung, während die emotionalen Kräfte seines Films, dieses Mal, denen des Helden treffend angepasst sind.“ (Richard Combs in Monthly Film Bulletin)
mit Al Pacino, Tony Roberts, John Randolph, Cornelia Sharpe, M. Emmet Walsh, Judd Hirsch, F. Murray Abraham
No Country for Old Men (No Country for Old Men, USA 2007)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005 (Kein Land für alte Männer)
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Wiederholung: Sonntag, 21. April, 01.20 Uhr (Taggenau!)
Irgendwo in Georgien in der Provinz, wo Freundschaften ewig halten, weil man sich schon seit der Kindheit kennt und es niemand anderes gibt, mit dem die Abende verbracht werden können, lebt Etero. Sie ist 48 Jahre alt, keine Schönheit, allein lebend, stolz auf ihre Unabhängigkeit und Inhaberin eines kleinen Ladens für den täglichen Bedarf. Ihre Kundschaft behandelt sie ausnehmend ruppig. Schließlich führt sie im Dorf das einzige Geschäft mit den benötigten Waren für den Haushalt und die Bedürfnisse der Frau. Gespielt wird Etero überzeugend von Eka Chavleishvili, einer an der Staatlichen Universität für Theater und Film Shota Rustaveli ausgebildeten Schauspielerin, die seit 1995 Schauspielerin am Batumi Drama Theatre ist und mehrere Preise für ihr Spiel erhielt. Sie spielte auch in Elena Naverianis vorherigem Spielfilm „Wet Sand“ mit.
Als Etero beim Pflücken von Beeren eine „Amsel im Brombeerstrauch“ erblickt, geht sie abgelenkt von dem Vogel zu nah an den Abgrund und stürzt fast in den viele Meter tiefer liegenden Fluss. Mit letzter Kraft kann sie den Todessturz verhindern.
Auf dem Heimweg sieht sie, wie ihre Leiche am Flussufer liegt. Ob es sich um eine Vision handelt, die später, wenn sie im Sarg liegt, wieder aufgegriffen wird, oder ob Etero tot ist und die nun folgende Filmgeschichte sich nur in Eteros Kopf abspielt, ist letztendlich egal.
Nach dem Sturz ändert sich Eteros Leben. Kurz darauf verführt sie in ihrem Laden Murman, einem verheirateten Lieferwagenfahrer und Großvater. Er entjungfert sie. Sie beginnen eine heimliche Affäre.
Diese Affäre und das Leben der Frauen im Dorf schildert Naveriani enervierend langsam. Anstatt die Geschichte voranzutreiben, beobachtet sie die meistens überaus emotionslos spielenden Schauspielerinnen (die Männer haben nur Nebenrollen) bei alltäglichen Verrichtungen und gemeinsamen Treffen, auf denen sie den Dorfklatsch austauschen. Naveriani zeigt das Leben von Frauen in der georgischen Provinz und wie sie dort in konservativen Gesellschaftsstrukturen und Rollenmustern gefangen sind. Nur Etero hat sich nie angepasst. Sie nahm sich die Freiheit, nicht zu heiraten. Heute nimmt sie sich die Freiheit, den anderen Dorffrauen die Wahrheit, wie sie sie sieht, zu sagen.
Insgesamt wird in dem Drama wenig gesprochen; was auch daran liegt, dass Etero oft allein ist und sie dann natürlich niemand hat, mit dem sie reden kann.
Auf intellektueller Ebene ist „Amsel im Brombeerstrauch“ ein gelungenes Porträt einer älteren unabhängigen Frau, die sich nie anpassen wollte und deren Leben jetzt auf den Kopf gestellt wird. Ob sie das gut finden soll, weiß sie nicht. Aber emotional packt Eteros Geschichte nicht. Dafür ist die „zärtlich-skurrile Dramödie“ (Presseheft) viel zu dröge und langsam erzählt.
Amsel im Brombeerstrauch (Blackbird Blackbird Blackberry, Georgien/Schweiz/Deutschland 2023)
LV: Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer, 2006
Eisenhüttenstadt, DDR, 1956: eine Abiturklasse steht spontan für eine Schweigeminute für die Opfer des ungarischen Volksaufstands auf. Der Regierung gefällt das überhaupt nicht. Sie will unbedingt den oder die Rädelsführer dieser subversiven, staatsgefährdenden Tat finden.
Äußerst gelungene politische Version von „Der Club der toten Dichter“. Kraumes Drama ist ein überzeugendes, auf einer wahren Geschichte basierendes Plädoyer für Zivilcourage.
mit Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalski, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Florian Lukas, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek
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Die lesenswerte Vorlage (hier die Ausgabe zum Filmstart)
Verglichen mit seinem neuesten Film „Evil does not exist“ wirkt sein vorheriger Film, das mit dem Oscar als bester internationaler Film ausgezeichnete ruhige Drei-Stunden-Drama „Drive my Car“, wie ein redseliges Werk. Der Grund dafür liegt in der Entstehungsgeschichte. Regisseur Ryūsuke Hamaguchi begann die Arbeit an „Evil does not exist“ mit Aufnahmen für eine Live-Performance der Musikerin Eiko Ishibashi. Und da hätten Dialoge nur gestört. Aus diesen Bildern und Hamaguchis Musik entwickelten sich dann die Bilder und die Geschichte des Films, in dem es um die Interaktion von Mensch und Natur geht.
In dem Dorf Mizubiki in der Nähe von Tokio leben der Gelegenheitsarbeiter Takumi und seine kleine Tochter Hana ein bescheidenes Leben im Einklang mit der Natur. Als eine aus Tokio kommende Agentur ihnen eine Glamping-Anlage als künftigen Touristenmagneten und Geld- und Jobbringer für das Dorf verkaufen will, sind die Dorfbewohner misstrauisch. Denn Glamping, also glamouröses Camping (oder Camping ohne all die Ärgernisse des Campings), klingt nicht wie natürverträgliches Camping, sondern wie Lärm und Schmutz, verursacht von vergnügungssüchtigen Städtern, die nach Sonnenuntergang am Lagerfeuer feiern.
Bei einer von den Projekt-Machern kurzfristigst einberufenen Informationsveranstaltung für die Bewohner von Mizubiki werden deshalb von ihnen viele berechtigte Bedenken angemeldet. Die beiden Präsentatoren des Projekts, Takahashi und Mayuzumi, bemerken, wie wenig durchdacht das von ihnen präsentierte Projekt ist.
Als sie ihren Vorgesetzten von den Bedenken erzählen, wollen diese das Projekt dennoch unverändert durchsetzen und so beträchtliche Fördergelder erhalten. Takahashi und Mayuzumi sollen Takumi als örtlichen Berater engagieren. Sie hoffen, dass er sich bei den anderen Einheimischen für das Projekt einsetzt. Nachdem er ihnen vertraut.
Das klingt jetzt wie ein saftiges Polit-Drama über die skrupellose Ausbeutung der Natur zugunsten kapitalistischer Interessen. Doch nichts davon könnte falscher sein. Es dauert ewig, bis es zu der Informationsveranstaltung kommt. Und es dauert noch länger, bis Takumi als örtlicher Berater engagiert wird. Bis dahin zeigt Hamaguchi Takumi bei alltäglichen Verrichtungen, wie Holz hacken, Wasabi sammeln und, für ein Restaurant, sauberes Wasser aus dem Bach holen. Er streift durch den Wald. Seine Tochter streift durch den Wald. Sie treffen sich mit Nachbarn. Und immer wird viel geschwiegen. So dauert es über zehn Minuten, bevor der erste Satz gesagt wird.
Das macht „Evil does not exist“, mit der Ambient-Musik von Eiko Ishibashi (die auch für Hamaguchis „Drive my Car“ die Musik schrieb), zu einer sehr langsamen und ruhigen Meditation über das einfache, in großer Nähe zur Natur stehende Leben. Wie in seinen vorherigen Filmen will Hamaguchi keine Antworten vorgeben. Er beobachtet, deutet an, lässt Raum für Assoziationen und verweigert eindeutige Antworten. Insofern ist das vollkommen rätselhafte, quer zur Filmgeschichte liegende Ende konsequent.
Evil does not exist(Aku wa sonzai shinai, Japan 2023)
Bürgerkrieg in den USA. Während sich die verschiedenen Kriegsparteien bekämpfen, machen sich die erfahrenen Kriegsjournalisten Joel (Wagner Moura) und Lee (Kirsten Dunst) auf den Weg von New York nach Washington, D. C.. Es sind etwas über dreihundert Kilometer durch ein Kriegsgebiet, in dem die Fronten vollkommen unklar sind und ein Menschenleben nichts zählt.
Joel will in der Hauptstadt den US-Präsidenten interviewen. Lee soll fotografieren. Begleitet werden sie von ihrem älteren, ebenfalls kriegserfahrenen Kollegen Sammy (Stephen McKinley Henderson) und der blutigen Anfängerin Jessie (Cailee Spaeny), die Lee bewundert und sich in die Reisetruppe eingeschlichen hat.
Zwischen Lee und Jessie entwickelt sich während der Reise ein Mentorin/Schülerin-Verhältnis. Gleichzeitig erzählt der Film eine doppelte Entwicklungsgeschichte. Auf der einen Seite ist die zunehmend kriegsmüde Lee, auf der anderen Seite Jessie, die zunehmend in den Job hineinwächst und sich über den Adrenalinschub freut.
Alex Garland, der Autor von „The Beach“ (verfilmt von Danny Boyle), den Drehbüchern „28 Days Later“ (verfilmt von Danny Boyle), „Sunshine“ (verfilmt von Danny Boyle) und „Dredd“ (verfilmt von Pete Travis) und, nach seinen Drehbüchern, der Regisseur von „Ex Machina“, „Auslöschung“ und „Men – Was dich sucht, wird dich finden“, inszenierte jetzt, selbstverständlich nach seinem Drehbuch, „Civil War“. Im Zentrum seiner neuesten Dystopie steht die Fahrt der vier Journalisten durch das Kampfgebiet als eine Abfolge von Episoden, in denen sie immer wieder Soldaten und anderen spärlich uniformierten Kämpfern begegnen. Immer ist unklar, ob sie die Begegnung überleben werden und immer ist unklar, auf welcher Seite die Soldaten kämpfen. Sie kämpfen halt und erschießen alles, was ihnen vor die Flinte gerät.
An einer irgendwie gearteten Durchdringung des Konflikts ist Garland nicht interessiert. Er erwähnt nur, dass der US-amerikanische Präsident gerade in seiner dritten Amtszeit ist (von zwei nach der Verfassung möglichen) und die „Westlichen Streitkräfte“, eine Koalition von Kalifornien und Texas, gegen die Regierung kämpft. Aber wenn die vier Journalisten dann durch das Kriegsgebiet fahren, kämpfen nur Menschen gegen Menschen. Wer auf welcher Seite kämpft ist unklar. Für was gekämpft wird, ist ebenso unklar. Warum sie gegeneinander kämpfen, ist auch unklar. Das ist zwar immer wieder, wenn die Journalisten in einer Garage gerade Gefolterte und Erhängte entdecken, in das Visier eines gesichtslosen Scharfschützen geraten oder einem von Jesse Plemons gespielten sadistischen Soldaten begegnen, als einzelne Episode spannend, aber auch schnell redundant. Im Gegensatz zu Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ ergibt sich aus den einzelnen Begegnungen kein vielschichtiges Bild des Krieges, sondern nur das immergleiche Bild, in dem US-amerikanische Soldaten andere US-Amerikaner umbringen. Eine tiefere philosophische Bedeutung ist dabei höchstens erahnbar.
Es ist auch unklar, was die Film-USA mit den realen USA zu tun haben. Das ist, zum Beispiel, in den „The Purge“-Filmen anders. Bei dieser Dystopie ist das Ziel der Kritik und Wut der Macher klar erkennbar. Schon im ersten „The Purge“-Film wurde skizziert, wie die „The Purge“-USA aus der real existierenden USA entstehen konnte. Bei den „The Purge“-Filmen ist daher auch klar, welche politischen Einstellung und Akteure angegriffen werden und wer das Kino verärgert verlassen soll. In „Civil War“ dürfte sich niemand in seiner politischen Einstellung angegriffen fühlen, jeder kann sich in seiner politischen Einstellung bestätigt fühlen, weil „Civil War“ als Parabel offen für jede Interpretation des Ursprungs des Konflikts ist. Das führt dazu, dass Garland keine Idee hat, wie der Bürgerkrieg entstanden ist und wie er hätte verhindert werden können. Er zeigt nur noch, überaus fotogen und gut inszeniert, sinnlose, nicht weiter berührende Gewalt.
Die vier Journalisten, die auf der Suche nach der großen Story durch das Kriegsgebiet fahren, dokumentieren diese Gewalt. Ihr moralisches Wertesystem oder ihre Ansichten über die Konfliktparteien werden nicht auf die Probe gestellt, weil sie keine Position zu diesem Konflikt haben. Es reicht gerade so zu einem banalen, allgemein zustimmungsfähigen „Krieg ist schlimm.“. Lee, Joel, Sammy und Jessie stehen vor keinem Dilemma. Wie Katastrophenjournalisten, die nur das eindrucksvolle Bild für ihr Fotoalbum haben wollen, fotografieren Lee und Cassie die Zerstörung, die Leichen und die Täter. Der schreibende Teil des Journalismus wird ignoriert. Recherche ist ein Fremdwort. Die Zusammenarbeit mit der Redaktion und die Frage, welche Meldungen und Bilder einen Nachrichtenwert haben, ebenso. Bei Garland reicht es nur zu einem seht und bewundert die tapferen Journalisten, die sich mitten in das Kampfgeschehen begeben.
„Civil War“ hätte der Film der Stunde, ein Statement zur aktuellen Situaiton in den USA und ein Warnruf werden können. Stattdessen vergeigt er das mit seinem apolitischen Ansatz und dem damit verbundenem Desinteresse an den Motiven der Konfliktparteien. Die so entstehende Kriegspornographie überschüttet er mit oberflächlichem Pathos über tapfere Journalisten.
Garlands neuestes Werk ist eine ziemlich Enttäuschung und ein erschreckend belangloser Film.
Civil War(Civil War, USA 2024)
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
mit Kirsten Dunst, Wagner Moura, Cailee Spaeny, Stephen McKinley Henderson, Jesse Plemons, Nick Offerman
Vor fünf Jahren – und damit vor ihren beiden „Scream“-Filmen – geriet in ihrer Horrorkomödie „Ready or not“ eine Braut in einem riesigen Anwesen in das bizarre Aufnahmeritual der Familie des Bräutigams. Schnell eskalierte die Filmgeschichte, unter dem Gelächter des Kinopublikums, sehr blutig.
In ihrem neuen Film „Abigail“ wird die titelgebende Abigail, eine zwölfjährige Balletttänzerin, entführt. Bis zur Zahlung des Lösegeldes wird sie von ihren Entführern in einem riesigen, verlassenen Anwesen gefangen gehalten. Schnell eskaliert die Filmgeschichte, unter dem Gelächter des Kinopublikums, sehr blutig.
Denn Abigail ist keine harmlos Zwölfjährige. Ihr Vater ist ein mächtiger Unterweltboss. Er ist so mächtig, dass die sechs Entführer schon bei der Nennung seines Namens, den sie erst nach der Entführung erfahren, Panikattacken bekommen. Das ist nicht das einzige, was sie nicht wissen. Sie kennen sich nur unter Tarnnamen. Sie wissen nichts übereinander. Das wollte der ihnen unbekannte Auftraggeber so. Er stellte sie als Team zusammen und lockte sie mit einer fürstlichen Entlohnung. Auch wenn am Filmanfang gesagt wird, dass sie alle Profis und die besten in ihrem Fach seien, vermutet man als Zuschauer schnell, dass diese sechs Trottel in erster Linie nicht wegen ihrer Fähigkeiten als Verbrecher ausgewählt wurden.
Oh, und Abigail ist keine harmlose Zwölfjährige, sondern ein Vampir.
Mehr soll hier über „Abigail“ nicht verraten werden. Der neue Film von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett lebt von einigen halbwegs überraschenden Wendungen, der Frage, in welcher Reihenfolge die Entführer sterben werden, seinem Humor und seinem unverkrampften Verhältnis zu spritzendem Blut. In „Abigail“ scheint jeder Mensch eher sechzig als sechs Liter Blut in seinem Körper zu haben.
Der Film selbst beginnt unblutig mit Abigails Entführung, die in nervig vielen Schnitten gezeigt wird. Glücklicherweise reduzieren Bettinelli-Olpin und Gillett nachher das Schnitttempo radikal. In diesem eher langsamen ersten Akt werden auch die Entführer skizzenhaft vorgestellt.
Mit dem Tod von ihrem Fahrer Dean (Angus Cloud in seiner letzten Rolle) endet dieser Teil des Thrillers. In den nächsten Minuten, wenn die Entführer auf der Suche nach Deans Mörder durch die dunklen Gänge der verlassenen Villa streifen, gibt es reichlich Suspense-Momente. Einerseits weil die Entführer Abigail suchen, andererseits weil Abigail gerne mit ihrem Essen spielt.
Danach wird der Horrorthriller zu einer sehr blutigen Schlachtplatte, die Splatter und Gore mit Comedy für Menschen mit einem stabilen Magen munter vermengt und über die Leinwand spritzen lässt.
Das macht „Abigail“ zu einem blutigen Spaß, der gut ins Programm des Fantasy-Filmfests gepasst hätte. Jetzt läuft er einige Monate früher im Kino an.
Abigail(Abigail, USA 2024)
Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett
Drehbuch: Stephen Shields, Guy Busick
mit Melissa Barrera, Dan Stevens, Kathryn Newton, William Catlett, Angus Cloud, Kevin Durand, Alisha Weir, Matthew Goode, Giancarlo Esposito .
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise.
Weil David Mitchells Roman vor zwanzig Jahren erschien. Die deutsche Übersetzung erschien zwei Jahre später.
One, 20.15
Cloud Atlas – Der Wolkenatlas (USA/Deutschland 2012)
Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer
Drehbuch: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer
LV: David Mitchell: Cloud Atlas, 2004 (Der Wolkenatlas)
„Cloud Atlas“ ist ein dreistündiger, auf sechs Zeitebenen zwischen 1849 und 2346 spielender Trip, bei dem sechs miteinander verwobene Geschichten, die auch alle unterschiedliche Genres bedienen, zu einer Vision verbunden werden, die auch den Eindruck von viel Lärm um Nichts hinterlässt. Aber die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer liefern einen kurzweiligen, immer interessanten und sehenswerten Film ab, bei dem die Stars, teils kaum erkennbar, in verschiedenen Rollen auftreten.
mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant, David Gyasi, Martin Wuttke, Götz Otto, David Mitchell (Cameo als Spion)
Wiederholung: Mittwoch, 17. April, 00.25 Uhr (Taggenau!)
Die üblichen Verdächtigen (The usual Suspects, USA 1995)
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Christopher McQuarrie
„Wer ist Keyser Soze?“ fragen sich einige nur scheinbar zufällig in eine Gefängniszelle eingesperrte Verbrecher und, nach einem Massaker im Hafen von San Pedro, auch ein Zollinspektor. Er lässt sich von dem einzigen Überleben erzählen, wie es zu dem Blutbad im Hafen kam.
Nach zwei Stunden gibt es die überraschende Enthüllung. Heute dürfte das Ende bekannt sein.
„Einer der intelligentesten Thriller des Jahres.“ (Fischer Film Almanach 1997)
McQuarries Drehbuch erhielt unter anderem den Edgar und den Oscar.
Mit Kevin Spacey, Chazz Palminteri, Stephen Baldwin, Gabriel Byrne, Benicio Del Toro, Kevin Pollak, Pete Postlethwaite, Suzy Amis, Giancarlo Esposito, Dan Hedaya, Paul Bartel, Louis Lombardi
Wiederholung: Freitag, 19. April, 01.43 Uhr (Taggenau!)
Der Tiger von Eschnapur/Das indische Grabmal(Deutschland/Frankreich/Italien 1959, Regie: Fritz Lang)
Drehbuch: Fritz Lang, Werner Jörg Lüddecke
LV: Thea von Harbou: Das indische Grabmal, 1918
Ingenieur Berger soll den Palast des Maharadschas von Eschnapur modernisieren. Als er sich in eine Tempeltänzerin verliebt, ist es vorbei mit der orientalischen Gastfreundschaft.
Mit diesem Zweiteiler kehrte Fritz Lang aus den USA nach Deutschland zurück. Danach drehte er „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, seinen letzten Film.
Naiver Abenteuerfilm, der niemals auch nur im Ansatz die Qualität von Fritz Langs besseren Filmen erreicht.
Der Kolportagefilm ist gleichzeitig das Remake eines Stummfilms von 1921, für den Fritz Lang und Thea von Harbou damals das Drehbuch schrieben. Joe May, der auch produzierte, übernahm damals die Regie.
„In den Reaktionen des heutigen Publikums, das die Filme unbelastet sieht von den Erwartungen, die sich in den Fünfzigerjahren an die Rückkehr der emigrierten Regisseure knüpften, ist nicht mehr zu unterscheiden: der Spaß am primitiven Kino, die Belustigung über schauspielerisches Untalent und die Heiterkeit, die aus dem Unausgeführten, Skizzenhafen der Inszenierung rührt.“ (Enno Patalas: Der Tiger von Eschnapur/Das indische Grabmal, in Fritz Lang, Hanser Reihe Film 1976/1987)
Danach war der deutsche Kinobesucher reif für die Karl-May-Filme.
Mit Debra Paget, Paul Hubschmid, Walther Reyer, Claus Holm, Sabine Bethmann, Inkijinoff, René Deltgen
Der Teufel in Blau (Devil in a blue dress, USA 1995)
Regie: Carl Franklin
Drehbuch: Carl Franklin
LV: Walter Mosley: Devil in a blue dress, 1990 (Teufel in Blau)
Los Angeles, 1948: Amateurdetektiv Easy Rawlins soll Daphne finden. Aber Daphne hat es faustdick hinter den Ohren.
Franklins gelungene Verfilmung von Mosley Debütroman. „Teufel in Blau“ ist ein Film Noir, der seine Vorbilder aus der Schwarzen Serie immer deutlich zitiert und damit immer zum gut gemachten, aber auch langweiligem Ausstattungskino tendiert.
Mit Denzel Washington, Tom Sizemore, Jennifer Beals, Don Cheadle
Wiederholung: Sonntag, 14. April, 01.25 Uhr (Taggenau!)
Wir sind dann wohl die Angehörigen (Deutschland 2022)
Regie: Hans-Christian Schmid
Drehbuch: Michael Gutmann, Hans-Christian Schmid
LV: Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen – Die Geschichte einer Entführung, 2018
TV-Premiere. Am 25. März 1996 wird Jan Philipp Reemtsma entführt. Zähe Verhandlungen mit den Entführern beginnen. Hans-Christian Schmid schildert in seinem Drama, basierend auf den Erinnerungen des damals dreizehnjährigen Reemtsma-Sohnes Johann Scheerer, die Geschichte dieser Entführung aus der Sicht der Familie. Spannend.
Es heißt, die Geschichte von „La Chimera“ spiele in Italien in den 80er Jahren. Aber es ist ein Italien, das wie ein Fantasieland wirkt. Sicher, gedreht wurde in existierenden Landschaften in existierenden Gebäuden, aber nie sieht es nach den real existierenden 80er Jahren aus. Alles sieht wie ein über Jahrzehnte konserviertes Nachkriegsitalien zwischen Neorealismus, Felllini und etwas Pasolini aus. Eine alternde Aristokratin zelebriert in einer Villa, die mehr Ruine als Villa ist, einen aristokratischen Lebensstil. Arthur, so etwas wie der Protagonist der Geschichte, ist ein Ausländer unklarer, möglicherweise britischer Herkunft. Er lebt in einem an die Stadtmauer geklatschten Windschutz, der kaum Schutz vor dem Wetter bietet und sogar im Mittelalter als ärmlich gegolten hätte. Er ist der Anführer einer Bande ziemlich erfolgloser einheimischer Grabräuber. Mit einer Wünschelrute kann er in Etrurien Gräber finden. In ihnen sind wertvolle Grabbeigaben. Sie plündern die Gräber ohne einen Funken Kunstverstand und verkaufen die Beute anschließend für einige Lire auf dem Schwarzmarkt. Aber Arthur ist kein normaler Grabräuber. Seine von ihm gesuchte Chimäre sieht wie eine Frau aus, die er verloren hat und die er hinter dem Tor zum Jenseits hofft zu finden.
Und wer jetzt schon entnervt abwinkt, wird an „La Chimera“ keine Freude haben. Alice Rohrwacher neuer Film ist, nach „Land der Wunder“ und „Glücklich wie Lazzaro“, der Abschluss ihrer Trilogie über das ländliche Italien. An einem schnöden Realismus oder einer einfach fassbaren Sozialkritik ist sie nicht interessiert. Ihr Realismus endet in „La Chimera“ mit den Drehorten und der in Italien real vorhandenen Grabräuberei. Danach ist der Schritt in fantastische und magische Welten, in denen die Gesetze der Logik und der Rationalität nicht gelten, schnell vollzogen. Zwischen diesen Welten, der Gegenwart und der Vergangenheit, mäandert der Film, wenig bis überhaupt nicht an Erklärungen interessiert, vor sich hin.
Das bewegt sich eigenständig in einem eigenen erzählerischem, an italienische Erzähltraditionen anknüpfendem Kosmos. Vielen Kritikern gefiel das sehr gut. Mir blieb der sich daraus ergebende Reiz weitgehend verborgen.
La Chimera(La Chimera, Italien/Frankreich/Schweiz 2023)
Regie: Alice Rohrwacher
Drehbuch: Alice Rohrwacher
mit Josh O‘Connor, Carol Duarte, Vincenzo Nemolato, Isabella Rossellini, Alba Rohrwacher, Yile Yara Vianello, Lou Roy-Lecollinet
Ihre erste CD „Frank“ veröffentlicht die am 14. September 1983 London geborene Amy Winehouse 2003. Der große weltweite Erfolg kommt 2006 mit ihrer zweiten und letzten CD „Back to Black“. 2008 erhält die Retrosoul-Sängerin bei den Grammy Awards rekordverdächtige fünf Preise. 2007 heiratet sie Blake Fielder-Civil. 2009 erfolgt die Scheidung. Er macht sie drogenabhängig. Die Beziehung ist von Gewalt und Drogen und öffentlicher Aufmerksamkeit geprägt. Winehouse ist, mit ihrem unberechenbarem Verhalten, ihrer Drogensucht und psychischer Probleme, ein wandelndes Katastrophengebiet. Die Boulevardpresse belagert sie. Am 23. Juli 2011 stirbt sie an einer Alkoholvergiftung. Amy Winehouse wurde 27 Jahre alt.
Ihr kurzes Leben bietet, abseits der ausgetretenen Biopic-Pfade, in denen einfach ihre Lebensstationen und Skandale chronologisch abgehandelt werden, viele Anknüpfungspunkte für einen aufregenden Film.
„Back to Black“ ist es nicht. Es ist bestenfalls eine mit Amy-Winehouse-Songs garnierte Liebesgeschichte unter Drogenabhängigen. Die biographischen Stationen aus Amy Winehouses Leben werden so kryptisch, elliptisch und bezuglos abgehandelt, dass man danach den Wikipedia-Artikel liest, um zu erfahren, was man gerade gesehen hat. Da springt der Film von Konzerten in Bars vor kleinem Publikum zu Arena-Konzerten. Da beschließt Amy Winehouse in der einen Minute, sich in eine Drogentherapie zu begeben. Es folgen ein Bild eines ländlich gelegenen Nobelsanatoriums und schon ist die Therapie beendet. Währenddessen wird ausführlich und in langen Szenen die erste Begegnung von Winehouse und Blake Fielder-Civil, deren Ausprobieren verschiedenster Drogen und ihre vor allem für sie sehr ungute Beziehung zelebriert. Dazwischen tritt der immer zuverlässige Eddie Marsan als ihr Vater Mitch Winehouse auf. Er versucht ihr selbstlos und uneigennützig zu helfen.
Drehbuchautor Matt Greenhalgh („Control“ [über „Joy Division“-Frontman Ian Curtis], „Nowhere Boy“ [über den jungen John Lennon]) und Regisseurin Sam Taylor-Johnson („Nowhere Boy“, Razzie-Liebling „Fifty Shades of Grey“) erzählen Amy Winehouses Lebensgeschichte oberflächlich und alle möglichen Tiefen und interessanten Aspekte vermeidend. Das Ergebnis ist eine Junkie-Liebesgeschichte, in der wir wenig über Amy Winehouse erfahren und das wie die harmlose Spielfilmversion von Asif Kapadias mit dem Dokumentarfilm-Oscar ausgezeichnetem Porträt „Amy“ (GB 2015) wirkt. Sein Film ist zwar auch nur gefälliges, auf Analysen und historische Einordnungen verzichtendes Doku-Handwerk für den Amy-Winehouse-Fan, aber immerhin wird die problematische Beziehung zu ihrem Vater Mitch Winehouse und zu Blake Fielder-Civil tiefgehender thematisiert und es gibt eine Idee, warum Amy Winehouse so jung starb. Insofern ist Kapadias Dokumentarfilm der bessere Einstieg in ihr Leben.
„Back to Black“ ist dagegen nur ein Biopic für den Amy-Winehouse-Fan, der sich freut, ihre Songs im Kino zu hören.
Vor wenigen Wochen lief Reinaldo Marcus Greens „Bob Marley: One Love“ (Bob Marley: One Love, USA 2024) an. Er konzentriert sich in seinem ebenfalls eher misslungenem Biopic (das immerhin die Musik von Bob Marley hat) auf einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben des 1981 verstorbenen Reggae-Musiker. Im direkten Vergleich ist Greens Musiker-Biopic das bessere Musiker-Biopic. Er hat immerhin eine Idee davon, was er erzählen möchte.
Back to Black (Back to Black, Großbritannien 2024)
Regie: Sam Taylor-Johnson
Drehbuch: Matt Greenhalgh
Filmmusik: Nick Cave, Warren Ellis
mit Marisa Abela, Jack O’Connell, Eddie Marsan, Lesley Manville, Juliet Cowan, Sam Buchanan