Die Magnetischen (Les magnétiques, Frankreich/Deutschland 2021)
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona, Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon, Catherine Paillé
Frankreich, 1981: die ungleichen Brüder Jerôme und Philippe betreiben in der Provinz einen Piratensender. Als sich beide in Marianne verlieben und Philippe als Soldat nach West-Berlin muss, verändert sich auch ihr Verhältnis zueinander.
Wunderschöne, erstaunlich unpolitische Charakterstudie, die am besten als gelungenes Mixtape genossen wird. Bei Älteren wird sie wohlige Erinnerungen heraufbeschwören. Jüngeren gibt sie einen Einblick in eine noch gar nicht so lange zurück liegende, aber ganz andere Zeit.
Indiekino über „Die Magnetischen“ (Zeitzeuge Tom Dorow über den Film und wie politisch es damals zwischen Hausbesetzung, Straßenprotest und Clubbesuch in Berlin war)
Nach dem Roman, der den Pulitzer Preis und den National Book Award erhielt und inzwischen zum Kanon der US-Literatur gehört, Steven Spielbergs erfolgreicher Verfilmung 1985 und dem ebenfalls erfolgreichem Broadway-Musical, das 2005 seine Premiere hatte, dürfte die von Alice Walker in ihrem Briefroman „Die Farbe Lila“ aufgeschriebene Geschichte von Celie Harris Johnson und ihrer Schwester Nettie bekannt sein. Es ist eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und ein breites Panorama afroamerikanischen Lebens in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aus weiblicher Sicht entwirft. Und jetzt gibt es eine neue Verfilmung, die auf dem Musical von Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray und Marsha Norman basiert. Das und wie Regisseur Blitz Bazawule („The Burial of Kojo“, Co-Regie bei Beyonces „Black is King“) die bekannte Geschichte erzählt, macht seine Verfilmung von der ersten Minute an zu einem eigenständigen Werk.
Der Film beginnt 1909 an der Küste von Georgia mit der ersten Begegnung von Celie, Nettie und Mister. Der Musiker wird kurz darauf Celies Mann. Und Celie merkt schnell, dass sie von der einen gewalttätigen Beziehung in die nächste gewalttätige Beziehung gekommen ist. Mister schlägt und unterdrückt sie. Aber er kann auch, wie bei ihrer ersten Begegnung, charmant sein.
Ihre Schwester, die kurz bei ihnen unterkommt, wird nach einem Streit von Mister vom Hof gejagt. Danach trennen sich die Wege der beiden Schwestern und Celie hört über Jahrzehnte nichts mehr von ihr, weil Mister Netties Briefe vor ihr versteckt.
Dafür begegnet Celie der freigeistigen und erfolgreichen Jazz-Sängerin Shug Avery. Sie ist Misters große Liebe und als sie bei ihnen auftaucht, degradiert er Celie sofort zur Haushälterin. Aber Shug und Celie verlieben sich ineinander und sie wird zur zweiten wichtigen Frau in ihrem Leben.
Spielberg zeigte in seiner vor vierzig Jahren entstandenen Verfilmung, was damals im Rahmen eines Big-Budget-Mainstream-Films möglich war und was nicht.
Blitz Bazawule zeigt in seinem Film, was heute in einem Film mit fast ausschließlich schwarzen Schauspielern (so gibt es in einer kleinen Rolle eine böse weiße Frau) möglich ist. Dabei sind die Gesangsnummern das größte Problem des Films. Sie feiern die afroamerikanische Kultur. Sie sind mitreißend inszeniert. Sie sind äußerst lebendig, fröhlich und lebensbejahend. Sie sind genau die Gesangs- und Tanznummern, die wir in einem Broadway-Musical und einem Filmmusical erwarten. Dummerweise bestätigen sie in diesem Fall auch jedes Klischee, mit dem Schwarze seit Jahrhunderten zu kämpfen haben und die Spike Lee in seiner grandiosen Satire „It’s Showtime“ (Bamboozled, 2000) so treffend zeigte.
Zwischen den Gesangsnummern erzählt Bazawule kraftvoll und mit durchgehend lebensbejahend-optimistischem Grundton die sich über fast vierzig Jahre erstreckende Geschichte von Celie. Es sind Episoden aus dem Leben einer sich langsam von den Konventionen emanzipierenden Frau. Die wichtigste Konvention ist dabei, dass eine Frau einem Mann dienstbar zu sein hat und dass er unumschränkt über sie herrscht. Es geht auch um Rassenkonflikte, die Unterdrückung durch Weiße und wie sich schwarzes Leben in eigenen Gemeinschaften organisierte. Das tut Bazawule in ausgewählt schönen Bildern. Und weil er viel zu erzählen hat, wird es nie langweilig.
Die Farbe Lila(The Color Purple, USA 2023)
Regie: Blitz Bazawule
Drehbuch: Marcus Gardley
LV (Roman): Alice Walker: The Color Purple,1982 (Die Farbe Lila)
LV (Musical): Brenda Russell, Allee Willis, Stephen Bray, Marsha Norman: The Color Purple, 2005
mit Fantasia Barrino, Taraji P. Henson, Halle Bailey, Elizabeth Marvel, Danielle Brooks, Aunjanue Ellis, Colman Domingo, Louis Gossett Jr., Corey Hawkins, Stephen Hill, Jon Batiste
TV-Premiere. Vierter Einsatz des ‚guten Bullen‘: Hauptkommissar Fredo Schulz (Armin Rohde) hat Krebs und, ohne Behandlung, nur noch drei Monate zu leben. Anstatt ins Krankenhaus zu gehen, stürzt er sich in seinen nächsten Fall. Ein Sicherheitsmann wurde vor einem Wohnblock erschossen. Bei seinen Ermittlungen trifft Fredo auf alte Bekannte und wird in einen Clankrieg verwickelt.
Wahrscheinlich (ich habe den Krimi noch nicht gesehen) gewohnt gute und kurzweilige Unterhaltung von Lars Becker.
mit Armin Rohde, Sabin Tambrea, Johann von Bülow, Nele Kiper, Sabrina Amali, Husam Chadat, Yasmina Djaballah, Mo Issa, Anica Dobra
Neue Stadt, neues Glück: die Wallers ziehen in ein Haus mit einem Swimmingpool. Eve hat eine Arbeit als Leiterin einer Sonderschule. Ihre Kinder, die 15-jährige Izzy und der zwölfjährige Elliott, freuen sich auf ihre neuen Klassenkameraden. Und Ehemann Ray kann sich erholen. Der ehemalige Baseballprofi musste sich vom Profisport zurückziehen. Er hat Multiple Sklerose im Anfangsstadium. Sein Arzt meint, schwimmen könne helfen.
Aber in dem Pool lauert etwas Böses, das eine nächtliche Runde im Pool zu einer furchteinflößenden, manchmal sogar tödlichen Angelegenheit macht.
Anstatt jetzt einen großen Bogen um das Schwimmbecken zu machen, gehen die Wallers tags und nachts in das Becken, planschen, schwimmen und ängstigen sich.
Die Wallers veranstalten auch eine zünftige Einstandsparty, bei der ihre Gäste selbstverständlich auch in das Becken steigen dürfen und gar schreckliches passiert.
Das passiert wohl, wenn man aus einem vierminütigem Kurzfilm (inclusiv einer Minute für den Abspann) einen Spielfilm macht. Bei dem gelungenem Kurzfilm genügt eine Situation: eine Frau schwimmt in der Nacht in einem beleuchteten Pool. Sie glaubt, jemand am Beckenrand zu sehen. Als sie das Gesicht des Fremden sieht, verschwindet sie spurlos im Wasser. Der Film beschränkt sich auf Suspense und Horror. Ohne auch nur den Ansatz einer Erklärung. Bei einem Spielfilm muss es dann eine Erklärung für das Monster im Pool geben. Diese erfolgt ziemlich spät im Film holterdipolter und wird anschließend noch nicht einmal schlüssig umgesetzt.
„Night Swim“ ist ein lahmer Horrorfilm ohne besondere Überraschungen. Immerhin sieht der in der Nacht beleuchtete Swimmingpool fast wie ein Edward-Hopper-Gemälde aus und die Suspense-Momente funktionieren. Solange man sie nur als isolierte Suspense-Momente betrachtet.
Am Ende fragte ich mich, warum Blumhouse nicht einfach einige gute Horror-Kurzfilme zusammenstellt und als Compilation ins Kino bringt. Sicher, das würde an der Kinokasse wahrscheinlich weniger Geld einspielen als der jetzt aus dem Kurzfilm entstandene Spielfilm. In den USA hat „Night Swim“ bis jetzt fast 30 Millionen und global fast 44 Millionen US-Dollar eingespielt. Bei einem Budget von 15 Millionen Dollar ist das ein gutes Geschäft. Allerdings würde die Kurzfilm-Compilation auch weniger kosten und die einzelnen Kurzfilme wären spannender als die Spielfilmversionen.
Night Swim (Night Swim, USA 2024)
Regie: Bryce McGuire
Drehbuch: Bryce McGuire (basierend auf dem gleichnamigem Kurzfilm von Rod Blackhurst und Bryce McGuire)
mit Wyatt Russell, Kerry Condon, Amélie Hoeferle, Gavin Warren, Nancy Lenehan, Jodi Long, Elijah R. Roberts
Es ist ziemlich schnell offensichtlich, wie die einzelnen Elemente der Geschichte zusammenhängen und es gibt eigentlich keine großen Geheimnisse oder Überraschungen in dem Film. Und es ist eigentlich nicht möglich, etwas über den Film zu schreiben, ohne einiges zu verraten: deshalb gibt es jetzt, auch wenn ich nicht das Ende verrate, eine Spoilerwarnung und den Hinweis, dass man sich Andrew Haighs Drama „All of us strangers“ unbedingt im Kino ansehen sollte. Es ist zwar ein Kammerspiel. Aber eines, bei dem gerade die kleinen Details in den Gesichtern der Schauspieler zählen.
„Ich wollte meine eigene Vergangenheit aufarbeiten, so wie es Adam im Film tut. Ich war daran interessiert, die Komplexität von familiärer und romantischer Liebe zu erforschen, aber auch die besonderen Erfahrungen einer bestimmten Generation von Schwulen, die in den 80er-Jahren aufgewachsen sind. Ich wollte mich von der traditionellen Geistergeschichte des Romans entfernen und etwas mehr Psychologisches, fast Metaphysisches herausarbeiten.“
Andrew Haigh (Regie, Drehbuch)
Der 45-jährige Adam (Andrew Scott) lebt alleine und einsam in London in einem verlassenen Hochhaus. Der einzige andere Mieter ist der 28-jährige offen schwule Harry (Paul Mescal). Sie kommen ins Gespräch und beginnen eine Beziehung. Zur gleichen Zeit streift Adam durch die Gegend, in der er aufwuchs. Diese Streifzüge sind ein Teil seines neuen Projekts. Er schreibt ein Drehbuch über seine Kindheit.
Bei einem seiner Streifzüge begegnet er seinen Eltern, die sich über seine anschließenden Besuche freuen. Dummerweise starben sie bei einem Autounfall vor über dreißig Jahren, bei ihnen sieht noch alles so aus wie in den achtziger Jahren und auch sehen immer noch genauso aus wie damals.
In diesem Moment ist klar, dass zumindest dieser Teil von Andrew Haighs neuem Film kein Teil der normalen Realität ist. Unklar ist, ob die Begegnung mit seinen Eltern (Claire Foy, Jamie Bell) der Beginn einer die Regeln der Physik ignorierenden Fantasy-Geschichte ist oder ob sich zumindest dieser Teil des Films in Adams Kopf abspielt als ein fiktives Gespräch mit seinen Eltern über seine Homosexualität, wie sich die Wahrnahme von Homosexualität und das öffentliche Auftreten von Homosexuellen seit den achtziger Jahren veränderte. Denn, seinen wir ehrlich, ein nur von zwei Mietern bewohntes Hochhaus mitten in London wirkt schon auf den ersten Blick sehr fantastisch.
Haigh und sein Kameramann Jamie D. Ramsay („Living – Einmal wirklich leben“) verstärken mit ihrer eleganten Bildsprache, in der in fast jedem Bild Spiegel zu sehen sind, diesen Schwebezustand zwischen den verschiedenen Realitäts- und Bewusstseinsebenen. Sehr ruhig, fast schon meditativ, entfalten sie die Geschichte, die elegant zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie changiert. Dabei entsteht, auch dank der guten Schauspieler (wobei Andrew Scott hier eine besondere Erwähnung verdient), ein vielschichtiges Porträt eines einsamen Mannes, der versucht, den schon lange zurückliegenden Verlust seiner Eltern zu verarbeiten. Es ist eine intime, feinfühlig Trauerarbeit mit ungewissem Ausgang.
All of us strangers (All of us strangers, USA/Großbritannien 2023)
Regie: Andrew Haigh
Drehbuch: Andrew Haigh
LV: Taichi Yamada: Ijintachi to no natsu, 1987 (Sommer mit Fremden)
mit Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy
Wien, 1938: die Gestapo steckt den Notar Josef Bartok in ein Hotelzimmer. Sie will von ihm die Zugangscodes zu zahlreichen Geheimkonten. Um der Folter zu widerstehen, beginnt Bartok gegen sich selbst Schach zu spielen.
Gut gespielte, konventionelle Literaturverfilmung, die die Vorlage massiv erweitert.
mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, Rolf Lassgård, Andreas Lust, Samuel Finzi, Lukas Miko, Joel Basmann, Johannes Zeiler, Maresi Riegner, Luisa-Céline Gaffron, Moritz von Treuenfels
„Reality“ erzählt eine wahre Geschichte, aber trotzdem: Spoilerwarnung. Also massive Spoilerwarnung, weil ich davon ausgehe, dass die Fakten bekannt sind.
Zwischen „Wo die Lüge hinfällt“ (seit 18. Januar im Kino) und „Madame Web“ (ab 14. Februar) im Kino) können wir Sydney Sweeney in einem vollkommen anderen Film erleben. „Wo die Lüge hinfällt“ ist eine RomCom, in dem sie primär ihren ansehnlichen Körper vor fotogener australischer Kulisse präsentieren muss. In „Madame Web“ wird sie (den Film konnte ich noch nicht sehen) dies in einem Superheldenfilm wohl vor allem vor Greenscreens tun. In dem neuesten Film aus Sony’s Spider-Man Universe spielt sie ‚Spider-Woman‘ Julia Cornwall.
Eine ganz andere Heldin spielt sie in „Reality“, einer hochgelobten HBO-Films-Produktion, die 2023 auf der Berlinale ihre Premiere hatte. Sydney Sweeney spielt, sehr überzeugend, die titelgebende Reality Winner als eine unscheinbare Frau.
Die 1991 geborene Reality Winner (die heißt wirklich so) diente von 2010 bis 2016 in der United States Air Force. Danach ging sie als Übersetzerin zur Pluribus International Corporation. Die Firma arbeitet für die National Security Agency (NSA). Bei dieser Arbeit stieß sie auf einen NSA-Report über einen Versuch russischer Hacker, die US-Präsidentenwahl von 2016 (die Donald Trump gewann) zu beeinflussen. Sie gab den Bericht an die Website „The Intercept“ weiter. Noch vor der Veröffentlichung des Berichts wurde sie vom FBI verhaftet und 2018 zu einer fünf Jahre und drei Monate umfassenden Haftstrafe verurteilt. Es ist die bislang längste Strafe für die nicht autorisierte Weitergabe von staatlichen Informationen an die Medien.
Tina Satters Spielfilm „Reality“, der auf ihrem Theaterstück „Is This a Room“ basiert, stellt, minimal gestrafft, das erste Gespräch zwischen Reality und dem FBI nach. Es fand am 3. Juni 2017 in Augusta, Georgia, statt. Im Zentrum stehen die Gespräche zwischen Reality und den beiden FBI-Agenten Justin C. Garrick (Josh Hamilton) und R. Wallace Taylor (Marchánt Davis). Andere Agenten waren ebenfalls anwesend, aber vor allem mit der Sicherung des Geländes und dem Durchsuchen des Hauses beschäftigt. Die Grundlage für den Film war die von den Agenten während der Maßnahme angefertigte Tonaufnahme. Dabei – und das war später auch ein Vorwurf gegenüber den FBI-Agenten – ist lange Zeit unklar, was ihr genau vorgeworfen wird und sie wird nicht über ihre Rechte aufgeklärt. Vor allem am Anfang verwickeln die FBI-Agenten sie, fast schon unbeholfen, in harmlos wirkende Gespräche. Es geht um ihren Hund, Alltägliches und ihre Arbeit. Garrick, der das Gespräch führt, fragt sie immer wieder höflich, ob sie ihm helfen könne und ob sie ahne, warum sie hier seien. In den Momenten dachte ich immer: ‚Sei still. Verlang einen Anwalt. Auch wenn du nichts getan hast.‘. Aber Reality redet weiter, belastet sich dabei und gesteht im letzten Drittel des Films, wenn ihr die Beweise gezeigt werden, sogar die Tat.
„Reality“ ist äußerst reduziertes und gelungenes Schauspielerkino. Der gesamte Film spielt vor und in Realitys kleinem Reihenhaus. In dem Haus sind sie vor allem in einem nicht benutzten und darum leer stehendem Nebenzimmer. In diesen Momenten lenkt nichts von den unbekannten, aber guten Schauspielern, ihrem Spiel und ihren Worten ab. Auch wenn sich im ersten Filmdrittel die Gespräche darauf konzentrieren, ob es in ihrem Haus mögliche Überraschungen, wie Tiere, versteckte Waffen und andere Personen, gibt, und bis kurz vor Schluss unklar ist, was Reality vorgeworfen wird, ist die Begegnung zwischen der Polizei und einer von der polizeilichen Maßnahme betroffenen Person spannend, weil es selten so einen präzisen Einblick in die Arbeit der Polizei gibt und selten die manipulativen Verhörtechniken der Polizei so offen gelegt werden. Dabei stellt sich durchgehend die Frage, ob sie bei einer nicht-weißen Person auch so höflich und rücksichtsvoll wären oder ob nicht gleich ein SWAT-Team das Haus demoliert hätte.
Die Beschränkung auf dieses eine Verhör, das anhand des FBI-Wortprotokolls nachinszeniert wird, führt dazu, dass der gesamte gesellschaftliche und politische Kontext, sofern er nicht im Verhör angesprochen wird, ausgeblendet wird. Dazu gehört auch die Frage, ob Reality Winners Geheimnisverrat gerechtfertigt war, und ob dafür eine so hohe Haftstrafe angemessen war.
Reality (Reality, USA 2023)
Regie: Tina Satter
Drehbuch: Tina Satter, James Paul Dallas (basierend auf ihrem Theaterstück „Is This a Room“)
mit Sydney Sweeney, Josh Hamilton, Marchánt Davis, Benny Elledge, John Way
Shenxiu ist immer noch todtraurig darüber, dass ihre Mutter sie verlassen hat und nichts mehr von ihr wissen will. Ihr Vater hat inzwischen eine neue Frau. Mit ihr, Shenxiu und ihrem kleinen Bruder unternmmt er eine Kreuzfahrt – und verbringt dabei seine Zeit am liebsten mit seiner Frau und seinem Sohn. Shenxiu darf in der Zwischenzeit das Schiff alleine erkunden.
Bei einem Sturm geht Shenxiu über Bord – und erwacht in einer Traumwelt, in der es fantastische Wesen und ein Tiefsee-Restaurant mit seltsamem Personal und einem nervigen Chef gibt. In dieser Welt begibt sie sich, mit dem Restaurantchef, auf die Suche nach ihrer Mutter. Dabei ist die Unterwasserwelt untrennbar mit der realen Welt verwoben. Wie in der Realität muss sich Shenxiu auch im Traum mit ihrem Schmerz über den Verlust ihrer Mutter auseinandersetzen.
Diese Prämisse erinnert an Hayao Miyazakis vor wenigen Tagen im Kino angelaufenem Animationsfilm „Der Junge und der Reiher“. Auch dort musste ein Kind den Verlust seiner Mutter verarbeiten und tauchte dabei in eine andere Welt ein.
Im Gegensatz zu Miyazakis Film ist Tian Xiaopengs in sieben Jahren Arbeit entstandener Trickfilm weniger gelungen. Sein Film ist ein visuell überwältigender Animationsfilm voller Ideen und mit einer mauen Story.
„Deep Sea“ ist der zweite Kinofilm von Tian Xiaopeng. Sein Kinodebüt war „Monkey King – Hero is back“ (2015), einer der bis heute in China erfolgreichstren Animationsfilme.
Flic Story – Duell in sechs Runden (Flic Story, Frankreich 1975)
Regie: Jacques Deray
Drehbuch: Jacques Deray, Alphonse Boudard
LV: Roger Borniche: Flic Story, 1973 ( Duell in sechs Runden)
Inspektor Borniche (Alain Delon) jagt den aus einer psychiatrischen Klinik geflohenen Mörder Emile Buisson (Jean-Louis Trintignant).
Trotz der hochkarätigen Besetzung und dem eigentlich zuverlässigen Regisseur ein eher lahmer Polizeikrimi, der zuletzt vor Ewigkeiten, falls überhaupt, gezeigt wurde.
Doch was sagen die anderen?
„farblose Kriminalfilm“ (Rein A. Zondergeld: Alain Delon, 1984/1995)
„Folglich bezieht ‚Flic Story‘ seine Wirkung vor allem aus dem dem Schauspieler-Duell Delon kontra Trintignant, mit der Nachkriegszeit von 1947 bis 1950 als stimmungsvollen Hintergrund.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
„mit Bedacht inszenierter, schauspielerisch hervorragender Krimi aus dem Pariser Polizei- und Verbrechermilieu der Nachkriegszeit.“(Lexikon des internationalen Films)
mit Alain Delon, Jean-Louis Trintignant, Renato Salvatori, Maurice Barrier, Claudine Auger
Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.
„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
Ein feiner Thriller
Anschließend zeigt Arte um 22.20 Uhr die knapp einstündige Doku „Jodie Foster – Hollywoods Alleskönnerin“ (Frankreich 2021). Und im Stream (bei WOW und Sky) läuft gerade, mit Jodie Foster, „True Detective: Night Country“. Die Serie soll gut sein.
mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer
Während eines Linienflugs erweist sich der Sitznachbar einer Hotelmanagerin als eiskalter Erpresser. Wenn sie einen ihrer Gäste nicht in einem anderen Zimmer umbringt, wird er ihren Vater töten lassen.
Spannender kleiner Thriller, der seine Geschichte in unter neunzig Minuten erzählt.
In ihrer Heimat Polen sorgte ihr neuer Film für einen veritablen Skandal. Der damalige Staatspräsident Andrzej Duda rief zum Boykott des Films auf. Führende Vertreter der von der rechtsradikal-nationalistischen PiS geführten Regierung beschimpften sie übelst. Der Justizminister nannte den Film „Nazi-Propaganda“. Internettrolle polemisierten gegen den Film, der nach Ansicht der Regierung „antipolnische Propaganda“ sei. Inzwischen fast achthunderttausend Zuschauer sahen sich in Polen „Green Border“ im Kino an. Und wenige Wochen nach dem Kinostart wurde am 15. Oktober 2023 bei den Wahlen zum polnischen Parlament die Regierung abgewählt. Einige behaupten, wegen diesem Film, der beim Filmfestival von Venedig seine Premiere hatte. Dort erhielt er unter anderem den Spezialpreis der Jury.
Einige Kritiker halten „Green Border“ für Agnieszka Hollands besten Film. Und dabei inszeniert sie seit über fünfzig Jahren Filme, die zahlreiche Preise und viel Kritikerlob erhielten. Außerdem sorgten ihre Filme immer wieder für Kontroversen. Zu ihren bekanntesten Filmen gehören „Bittere Ernte“, „Hitlerjunge Salomon“ und „Der geheime Garten“. Nach zahlreichen TV-Arbeiten feierte sie 2017 mit „Die Spur“ eine gelungene Rückkehr ins Kino.
In „Green Border“ beschäftigt Holland sich mit der Situation an der Grenze zwischen Polen und Belarus. Ihr Film spielt im Oktober 2021. Aber die heutige Situation soll sich kaum von der im Film packend gezeigten Situation unterscheiden. In dem Niemandsland der Grenze irren Geflüchtete herum. Sie werden von Grenzpolizisten gejagt, die es als ihre Aufgabe ansehen, die Geflüchteten zuerst zu misshandeln und dann über die Grenze zu treiben. Auf der EU-Seite der Grenze versuchen Aktivisten den Flüchtlingen zu helfen. Viel können sie nicht tun.
Holland begleitet mit quasi-dokumentarischer Handkamera und eindrucksvollen SW-Bildern von Tomasz Naumiuk einige dieser Geflüchteten, wozu auch eine Schwangere gehört, einen jungen Grenzpolizisten, der bald Vater wird, und mehrere Aktivisten. Einige sind schon länger dabei. Psychotherapeutin, die sich in einen Hof an die Grenze zurückgezogen hat, stößt neu dazu. Aus deren Geschichten setzt sich langsam ein bedrückendes Porträt der Situation an dieser Grenze zu Europa zusammen. Und Polen sieht dabei denkbar schlecht aus. Denn die Polizisten führen, auch ohne formal aufgeschriebene Anweisungen, den Willen der damaligen Regierung aus.
„Green Border“ ist ein nah an der Realität entlang erzählter Spielfilm. Jede im Film gezeigte Szene hat so oder so ähnlich stattgefunden. Holland zeigt, wie mehrere Kinder und eine Frau im Moor versinken. Sie zeigt, wie Polizisten eine Schwangere über die Grenze werfen. Sie zeigt, wie die aus Syrien und Afghanistan geflüchteten Menschen durch den alptraumhaften Wald irren. Von den Grenzschützern werden sie wie Tiere gejagt und behandelt. In diesen und anderen Momenten zeigt sie, was ein Dokumentarfilm nicht zeigen kann, weil in diesen Momenten keine Kamera läuft.
„Green Border“ ist kein angenehmer Film, aber ein wichtiger, zum Nachdenken und Diskutieren anregender Film. Und unbestritten einer von Agnieszka Hollands besten Filmen.
Angesichts der im Film gezeigten Szenen ist es kein Wunder, dass der „antipolnische Film“ der „Nestbeschmutzerin“ von Polen nicht für den Oscar als bester internationaler Film nominiert wurde. Verdient hätte er es.
Green Border (Zielona granica, Polen/Tschechien/Frankreich/Belgien 2023)
Regie: Agnieszka Holland
Drehbuch: Agnieszka Holland, Gabriela Łazarkiewicz-Sieczko, Maciej Pisuk
mit Jalal Altawil, Maja Ostaszewska, Tomasz Włosok,Behi Djanati Ataï, Mohamad Al Rashi, Dalia Naous, Tomasz Włosok, Taim Ajjan, Talia Ajjan, Monika Frajczyk, Maciej Stuhr
LV: Stephen Hunter: Point of Impact, 1993 (Im Fadenkreuz der Angst; später wegen der Verfilmung als „Shooter“ veröffentlicht)
Actionhaltiger Thriller über den desillusionierten Ex-Marine-Scharfschützen Bob Lee Swagger, der als Strohmann für einen Anschlag auf ein Staatsoberhaupt herhalten soll. Er kann vor seiner Verhaftung flüchten und beginnt die wahren Täter zu jagen.
Viele tolle Actionszenen, grandiose Landschaftsaufnahmen (ein Treffen auf einem schneeweißen Berggipfel sieht schon toll aus) und eine Story, die ziemlich vorhersehbar den Konventionen des Verschwörungssthrillers folgt, machen „Shooter“ zu einem Thriller, bei dem man nicht vollkommen auf das Denken verzichten muss. Am Ende gibt es dann einige unnötige Twists.
mit Mark Wahlberg, Michael Peña, Danny Glover, Kate Mara, Elias Koteas, Rhona Mitra, Rade Sherbedgia, Ned Beatty
Zwischen den Musicals „Mean Girls – Der Girls Club“ (letzte Woche) und „Die Farbe Lila“ (nächste Woche) und zwei Wochen vor dem Biopic „Bob Marley: One Love“ kommt diese Woche ein Musikfilm ins Kino, der eine Liebeserklärung an den Austropop und die Welt der verrauchten Tschocherl ist.
Im Mittelpunkt steht der Musiker Erich ‚Rickerl‘ Bohacek. Verkörpert wird er von Voodoo Jürgens, einem Vertreter der neuen Generation des Austropops, der in dem Film einige seiner Lieder ungeschnitten auf der Akustik-Gitarre präsentiert. Bei uns sind ja immer noch die Begründer Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Reinhard Fendrich, Ludwig Hirsch und STS die bekanntesten und für Adrian Goigingers Film in verschiedenen Schattierungen wichtigsten Vertreter des Austropops.
Rickerl hat immer seine Gitarre und seine handgeschriebenen Texte dabei. Es sind schwarzhumorige Alltagsbeobachtungen über die Menschen, die er kennt und liebt. Er schreibt, von unüberhörbarer Sympathie getragen, von den Gescheiterten, den Randexistenzen, den Spinnern, den Verpeilten, den Jungen und den Alten, die alle im Kapitalismus nicht richtig funktionieren, weil sie lieber in der Beisln rauchen, trinken und reden.
Rickerl will zwar von seiner Musik leben. Er ist talentiert. Er hat auch einen Manager, der gerne einige seiner Songs aufnehmen würde, aber er ist unfähig, seine Karriere sorgfältig zu planen. Er kann noch nicht einmal einen der vielen Aushilfsjob, die ihm vom Amt mit milder Verzweifelung angeboten werde, länger behalten. Zu einem Gespräch mit einer Journalistin, die in seiner Beisl auftaucht, muss er gezwungen werden. Als sie ihn in ihre Radiosendung einlädt, kehrt er vor der Tür des Senders um und verbringt lieber den Tag mit seinem Sohn am See.
Seine Wohnung scheint zu sagen „Verwahrlost aber frei“ (Ambros). Ein Smartphone besitzt er nicht. Auch keinen Computer. Mit seinem Sohn, dem sechsjährigen Dominik, versteht er sich gut. Mit seiner Ex-Freundin Viki, die auch Dominiks Mutter ist, weniger. Sie hat inzwischen einen neuen Freund, den sie auch heiraten will. Für Rickerl ist ihr neuer nur ein ‚gstopfter Piefke‘.
Adrian Goiginger setzt diesem Musiker, seiner Musik und dem in ihr porträtierten Milieu ein Denkmal. „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“ ist ein liebevolles Porträt einer sich im Verschwinden befindenden Welt, die es so vielleicht nie gegeben hat, die aber höchst heimilig und liebenswert ist.
Rickerl – Musik is höchstens a Hobby(Österreich/Deutschland 2023)
Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Adrian Goiginger
Musik: Voodoo Jürgens
mit Voodoo Jürgens, Ben Winkler, Agnes Hausmann, Claudius von Stolzmann, Rudi Larsen, Nicole Beutler, Patrick Seletzky, Der Nino aus Wien
Nina wünscht sich eine Million Minuten mit ihrem Papa. Dieser jettet um die Welt und versucht die Welt zu retten. Seine Frau arbeitet, wenn Haushalt und die beiden kleinen Kinder es zulassen, als Bauingenieurin im Home-Office. Ihre gemeinsame Tochter, die fünfjährige Nina, hat eine massive Entwicklungsverzägerung und Bewegungsstörungen. Sie braucht viel Zuwendung und Zeit. Aber, so werden sie von Ninas Doktor beruhigt, mit viel Liebe, Zuwendung, gemeinsam verbrachter Zeit und individueller Hilfe beim Lernen könne ihr geholfen werden.
Nachdem Nina ihm das mit der einen Million Minuten gesagt hat, beginnt Wolf Küper (Tom Schilling) nachzudenken und zu rechnen. Eine Million Minuten sind ungefähr zwei Jahre, in denen er sich um seine Tochter kümmert und, denn nur in Berlin zu bleiben wäre langweilig, sie könnten in dieser Zeit gemeinsam die Welt bereisen. Wolfs Chefin und Ben, sein Kollege und bester Freund, sind einverstanden. Mit Kurzarbeit und Home-Office kann er trotzdem ein Mitglied in ihrem kleinen Team bleiben.
Und los geht die Reise der vierköpfigen Kleinfamilie. Zuerst geht es nach Thailand und später nach Island. Beide Länder hat Nina zufällig auf dem Globus ausgewählt.
Die herzige Geschichte, die Christopher Doll in seinem Regie-Debüt erzählt (nachdem er in den vergangenen Jahren unter anderem „Traumfrauen“, „High Society“ und „Wunderschön“ produzierte), basiert auf dem Reisebuch „Eine Million Minuten“ von Wolf Küper. Im Film folgen Doll und seine vier Mit-Drehbuchautoren Monika Fässler, Tim Hebborn, Ulla Ziemann und Malte Welding nicht sklavisch der Vorlage. Sie konzentrieren sich mehr auf die Beziehung des Ehepaares und veränderten die Reiseroute. Nachdem die Küpers Thailand verlassen, reisen sie im Buch nach Australien und Neuseeland; im Film geht es nach Island.
Die Prämisse erinnert an den vor wenigen Monaten im Kino gelaufenen „Wochenendrebellen“. In diesem, ebenfalls auf einem Sachbuch basierendem Film, verspricht ein von seiner Arbeit als Vertreter gestresster Vater, seinem Sohn, einem Asperger-Autisten, dass sie an den Wochenenden gemeinsam für ihn einen Lieblingsverein suchen. Der Zehnjährige will nämlich, wie alle Jungs, einen Lieblingsfußballverein haben. Aber er nimmt nicht den Heimatverein. Er geht die Suche nach dem Lieblingsverein wissenschaftlich an. Er entwirft einen Katalog mit Kriterien und er will sich – auch wenn so ein Fußballspiel aufgrund der vielen Eindrücke und des Trubels für ihn die Hölle ist – jeden Verein bei einem Heimatspiel ansehen.
Im Gegensatz zu „Eine Million Minuten“ hat „Wochenendrebellen“ eine Prämisse („Ich will einen Verein finden.“) und ein klares Ziel (der Film ist vorbei, wenn entweder ein Verein gefunden oder das Ziel geändert wurde). Auf dem Weg dahin kommen Vater und Sohn sich näher und der Vater beginnt zu überlegen, ob er das Leben lebt, das er leben will.
In „Eine Million Minuten“ verbringt der Vater dagegen wenig Zeit mit seiner Tochter. Wir sehen nicht, wie er ihr über einen längeren Zeitraum Dinge beibringt, wie sich ihre Beziehung verändert und wie sie sich über kleine Fortschritte freuen. Doll zeigt höchstens den Anfang, wenn Nina nicht Fahrrad fahren kann, und das Ende, wenn Nina Fahrrad fahren kann.
„Eine Million Minuten“ fehlt genau das, was „Wochenendrebellen“ hat. In „Eine Million Minuten“ ist die Prämisse klar, aber nicht das Ziel. Oder, anders gesagt: was passiert, wenn die Milion Minuten vorbei sind? Nimmt die Familie, wie nach einem Urlaub, wieder ihr altes Leben auf? Entsprechend ziellos plätschert der Film vor sich hin. Die Autoren und der Regisseur wissen nie, welche Episoden in den Film gehören und welche nicht. Es ist unklar, ob es um die Beziehung vom Vater zu seiner Tochter oder vom Vater zu seiner Frau geht. Es ist unklar, was er lernen soll. Und so gibt es von allem etwas und von allem zu wenig.
Dieses, eigentlich leicht zu behebende Problem haben viele deutsche Filme. Es liegt nicht an den Schauspielern oder den Drehorten. In diesem Fall wurde in Berlin, Thailand und Island gedreht. Es liegt am Drehbuch. An dem unzureichend formuliertem Ziel der Hauptfigur, an der nur unzureichend formulierten Hauptfigur und den nicht vorhandenen Konflikten. Über Wolf, seine Arbeit und wie er durch seine Arbeit die Welt sieht, erfahren wir viel zu wenig. Wir erfahren nur, dass er irgendetwas mit Umweltschutz in einer überaus netten Firma macht. Er könnte aber auch irgendeinen anderen Bürojob haben, für den er immer wieder reisen muss. Es würde nichts an der Filmgeschichte ändern. Dabei wäre die Entscheidung, ob er mehr Zeit mit seinen Kindern oder mit der Rettung der Welt für seine Kinder verbringen möchte, ein interessanter Konflikt. Dieser Konflikt würde, wenn er ausformuliert würde, auch den Handlungsorten die notwendige Würze verleihen. Da wäre zuerst der Konflikt, einerseits die Umwelt retten zu wollen und anderereseits endlos viele Flugmeilen anzusammeln. Es könnte weitergehen mit der Frage, wie an den Reisezielen die Umwelt geschützt wird. Er könnte dann immer wieder vor der Entscheidung stehen, ob er mehr über ein Umweltschutzprojekt erfahren möchte oder ob er Zeit mit seiner Tochter verbringen möchte. Ein Subthema könnte sein, wie er seinen beiden Kindern die Schönheit der Natur zeigt und sie animieren möchte, die Natur zu bewahren.
Alles das sehen wir in „Eine Million Minuten“ nicht. Es gibt nur schöne Menschen, ohne erkennbare finanzielle Probleme, in schöner Landschaft und viele Probleme, die eher Scheinprobleme sind. Dafür gibt es in Island einen überaus gutaussehenden, charismatischen und netten Naturburschen-Nachbarn, den Wolf als eine Bedrohung für seine Ehe sieht.
In Island, wo die zweite Hälfte des Films spielt, rückt die Emanzipation von Wolfs Frau Vera (Karoline Herfurth) immer mehr in den Mittelpunkt. Sie arbeitet wieder mehr als Bauingenieurin. Sie knüpft, mit der Hilfe des netten Nachbarn, Kontakt zu den Einheimischen und gemeinsam bauen sie Häuser. Währenddessen überlässt sie Wolf immer mehr die Hausarbeit.
In dieser Hälfte des Films wird vor allem Englisch gesprochen. Das mag zwar realistisch sein, ich empfand es in diesem Fall aber als überflüssig. Außerdem führt die Entscheidung dazu, dass Wolfs fünfjährige Tochter Nina plötzlich sehr gut eine Fremdsprache sprechen kann.
Am Ende ist „Eine Million Minuten“ nur ein weiterer dieser netten deutschen Feelgood-Filme, die ihr Potential nie auch nur im Ansatz ausschöpfen.
Eine Million Minuten (Deutschland 2024)
Regie: Christopher Doll
Drehbuch: Monika Fässler, Tim Hebborn, Ulla Ziemann, Malte Welding, Christopher Doll
LV: Wolf Küper: Eine Million Minuten: Wie ich meiner Tochter einen Wunsch erfüllte und wir das Glück fanden, 2016
mit Karoline Herfurth, Tom Schilling, Pola Friedrichs, Piet Levi Busch, Joachim Król, Ulrike Kriener, Hassan Akkouch, Anneke Kim Sarnau, Godehard Giese, Rúrik Gislason
Es hätte ein kleiner, netter Abenteuerfilm werden können. So einer, in denen die Fantasie des Autors plötzlich lebendig wird und er durch ein abstruses, ihn überforderndes Abenteuer stolpert. Nichts anspruchsvolles. Nichts, das die Welt verändert, sondern einfach nur anderthalb bis zwei Stunden Spaß.
Vorletztes Jahr erlebte Sandra Bullock in „The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ so ein Abenteuer. Dieses Mal ist es Bryce Dallas Howard. Sie spielt die Bestsellerautorin Elly Conway. Sie schreibt Agententhriller, die auch gut als James-Bond-Filme funktionieren würden. Ihr Held, Agent Aubrey Argylle, sieht dann auch wie James Bond aus. Nur dass Henry Cavill diesen Argylle wie einen doof grinsenden Kleiderständer ohne Eigenschaften spielen muss. Aber, hey, Argylle ist ja kein realer Agent, sondern nur ein Fantasieagent in trashigen Pulp-Geschichten.
Als Elly auf dem Weg zu ihrer Mutter in einem Zug dem zotteligen und nervigen Aidan (Sam Rockwell) begegnet, gerät ihr wohlgeordnet-langweiliges Leben aus den Fugen. Aidan sieht wie ein Penner aus, behauptet aber, ein Geheimagent zu sein und dass sie in Lebensgefahr schwebt, weil ihre Bücher reale Ereignisse aus der Welt der Spionage beschrieben. Natürlich hält sie den Penner für einen Spinner. Noch während sie überlegt, wie sie ihn loswerden kann, wird ein Anschlag auf sie verübt und Aidan beschützt sie in einer filmwürdigen Aktion gegen einen „Bullet Train“ voller Angreifer. In dem Moment sieht sie Aidan als Argylle – und Regisseur Matthew Vaughn wechselt bruchlos zwischen Sam Rockwell und Henry Cavill.
Danach machen Aidan und Elly sich in einem Privatjet von den USA auf nach London. Dort hofft Aidan, mit Ellys Hilfe, an ein wichtiges Dokument zu kommen, bevor es in die falschen Hände fällt.
Aus der Idee hätte etwas werden können. Immerhin hat Matthew Vaughn mit „Kick-Ass“ und den drei „Kingsman“-Filmen gezeigt, dass er fantastische Welten entwerfen kann. Auch wenn in beiden Fällen die Grundlagen der Welt von Mark Millar für seine Comics erfunden wurde. Mit „X-Men: Erste Entscheidung“ drehte Vaughn den besten Film des „X-Men“-Franchise. Aber dieses Mal bleibt der Aufbau der Welt, in der der Film spielt, reichlich nebulös.
Der Spionageplot, der sich nach der Begegnung im Zug entwickelt, bleibt vollends undurchsichtig. Es geht um eine wichtige Datei, an die alle ran wollen. Warum sie wichtig ist, ist egal. Das ist sogar für einen MacGuffin arg wenig. Wer die guten, wer die bösen Agenten sind, bleibt auch unklar. Die einen kämpfen halt gegen die anderen. Und im viel zu lang geratenen Finale gibt es dann so viele Twists und damit verbundene Erklärungen über damit verbundene Doppelspiele und Manipulationen, dass sich am Ende ein Gefühl großer Egalheit einstellt.
Die Filmgeschichte bewegt sich in schönster James-Bond-Tradition rund um den Globus. Es beginnt in Griechenland mit einer CGI-Actionszene, die so schlecht ist, dass ich sie zuerst für eine Parodie auf schlechte CGI-Actionszenen hielt. Immerhin ist es eine Szene aus einem von Elly Conway geschriebenem Argylle-Abenteuer. Aber später, wenn die Filmgeschichte dann nicht mehr in der Romanwelt, sondern in der realen Welt spielt, wird es nicht besser. Weitere Stationen der Geschichte sind Colorado, London, Frankreich, die Arabische Halbinsel und die sich an einem zunächst unbekannten Ort befindende Zentrale des Bösewichts. Diese wird – immerhin ist „Argylle“ ein James-Bond-Ripp-off – am Filmende zerstört. Das geschieht eher beiläufig und erschreckend desinteressiert; – naja, auch die Zerstörung der Zentrale des Bösewichts im letzten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ war enttäuschend. Aber im Gegensatz zu den Bond-Filmen, die immer vor Ort gedreht werden, ist „Argylle“ kein Globetrotter. Gedreht wurde in London und alles sieht immer nach Studio aus.
Die Action, die in Vaughns anderen Filmen die meist ultrabrutalen und übertriebenen Höhepunkte des Films sind, enttäuscht. Sie wirkt als ob er einen weiteren FSK-16-Film hätte drehen wollen, dann aber alles Blut entfernte. So sind auf der Tonspur Schüsse, Messerstiche und krachende Knochen zu hören, aber zu sehen ist nichts. Auf dem Hemd ist kein Blutfleck zu sehen. Wenn Glieder abgetrennt werden, spritzt kein Blut. Auch wenn wir wissen, dass nach einer solchen Aktion überall im Raum Arme, Beine, Köpfe liegen sollten, ist da nichts zu sehen. Den Rest erledigen schnelle, desorientierende Schnitte und eine meist schlampig arbeitende Spezialeffekte-Abteilung.
Und damit kämen wir zu den Schauspielern. Ein Blick auf die Besetzung verspricht ein stargarniertes Abenteuer. Aber die meisten der Stars haben nur kurze Auftritte, die manchmal sogar nur die Länge eines Cameo haben. Wer wegen Dua Lipa, John Cena, Samuel L. Jackson, Sofia Boutella oder Richard E. Grant in die Actionkomödie geht, dürfte enttäuscht werden. Sogar Henry Cavill, der den Fantasieagent Argylle spielt, ist nur wenige Minuten im Film.
Wer allerdings wegen Sam Rockwell in den Film geht, darf sich freuen. Immer wenn er im Bild ist, und er ist oft im Bild, wird es spaßig. Rockwell überzeugt restlos als durchgehend leicht unzurechnungsfähiger Geheimagent, der die von Bryce Dallas Howard unauffällig gespielte Damsel in Distress und ihre Katze beschützen muss.
„Argylle“ hätte eine nette kleine Actionkomödie werden können. Es wurde ein mit 139 Minuten mindestens vierzig Minuten zu langer, überladener Mash-up bekannter und besserer Filme.
Argylle(Argylle, USA 2024)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jason Fuchs
mit Bryce Dallas Howard, Sam Rockwell, Bryan Cranston, Catherine O’Hara, Henry Cavill, Sofia Boutella, Dua Lipa, Ariana DeBose, John Cena, Samuel L. Jackson, Richard E. Grant
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Der Schmöker aus dem Film
Im Film sehen wir öfter das Cover von Elle Conways Bestseller-Thriller „Argylle“. Es wird gesagt, es sei spannend. Aber stimmt das?
Jedenfalls erzählt der Roman eine ganz andere Geschichte. Der ultrarechte russische Milliardär Wassili Federow alias Christopher Clay will Russland wieder zu alter Größe zurückführen. Um beim Volk Eindruck zu schinden, möchte er ihm das im Zweiten Weltkrieg spurlos verschwundene Bernsteinzimmer schenken.
Um Federows Pläne zu verhindern, schickt die CIA-Direktorin ihren besten Agenten los. Argylle soll den nächsten Kalten Krieg (und den nächsten Weltkrieg) verhindern.
Zugegen, die Prämisse ist etwas umständlich. Aber so eine Schatzsuche kann locker einige Seiten füllen. Und vor dem Beginn der Schatzsuche erfahren wir erst einmal vieles aus Argylles Vergangenheit, über seine Eltern und seine Kameraden, wie Wyatt, der im Film von John Cena gespielt wird.
Nachtrag (6. 2. 24): Enttäuschend. Verzichtbar. Da bleibe ich lieber bei Richard Castle.Oder lese noch einmal einen alten James-Bond-Roman. Die sind um Klassen besser.
Domino – A Story of Revenge (Domino – A Story of Revenge, Dänemark/Frankreich/Belgien/Italien/Niederlande 2019)
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Petter Skavlan
Der Kopenhagener Polizist Christian Toft jagt den IS-Terroristen, der seinen Partner ermordete.
Bislang letzter Film von Brian De Palma. Ein läppischer 08/15-Thriller mit nur sehr wenigen gelungenen Momenten.
Auch De Palma gefällt der Film nicht. Die Dreharbeiten waren, so De Palma in Interviews, katastrophal. An der Endfassung war er nicht mehr beteiligt. Und er sieht den Film nicht als De-Palma-Film.
Mit Nikolaj Coster-Waldau, Carice van Houten, Guy Pearce, Eriq Ebouaney, Thomas W. Gabrielsson, Paprika Steen
Ein glückliches Jahr (La bonne année, Frankreich/Italien 1973)
Regie: Claude Lelouch
Drehbuch: Claude Lelouch
Am Silvesterabend wird Juwelendieb Simon vorzeitig aus der Haft entlassen. Im neuen Jahr will er mit seiner früheren Geliebten Françoise wieder an alte Zeiten anknüpfen. Aber sie will nicht.
Wunderschöne Krimiromanze, die mehr Romanze als Krimi ist.
Mit Lino Ventura, Françoise Fabian, Charles Gérard, André Falcon
Nach einigen Tagen „Warum soll ich die Couch für das Bett verlassen? Ich will schlafen. Ich habe keinen Hunger. Aus dem Weg, das WC ist besetzt!!!“ und übelkeitsbedingt ignorierten Fantasy Filmfest White Nights bin ich jetzt in der richtigen Stimmung für die „Mean Girls – Der Girls Club“.
„Mean Girls – Der Girls Club“ ist die Verfilmung des Musicals „Mean Girls“. Dieses ist die Bühnenversion des 2004 entstandenen Spielfilms „Girls Club – Vorsicht bissig!“ (Mean Girls). Und Tina Fey, die das Drehbuch für den ursprünglichen Film und das 2017 entstandene Musical schrieb, schrieb jetzt das Drehbuch für den aktuellen Film.
Die sechzehnjährige Cady Heron ist neu an der North Shore High School. Davor lebte sie in Afrika. Ihre Mutter, einer Umweltwissenschaftlerin, unterrichtete sie. Jetzt muss Cady sich an die Zivilisation gewöhnen (das geht problemlos) und durch die alltägliche Hölle einer US-amerikanischen Schule navigieren. Dazu gehört auch die Wahl der richtigen Clique. Also ob sie zu den von Regina angefühten, nur auf den äußeren Schein bedachten „Plastics“ oder zu den Außenseitern Janis und Damian gehören will.
Es geht darum, wie Cady sich einlebt, wie sie bei den „Plastics“ aufgenommen wird, sich mit ihnen, uh, zerstreitet und in Aaron Samuels, Reginas Ex, verliebt. Daraus ergibt sich eine Ansammlung von auch aus anderen High-School-Filmen bekannten Standard-Situationen. Die Hackordnung an der Schule wird beschrieben und als gegeben hingenommen als Basis für harmlose Scherze.
Die Gesangseinlagen und ihre die Story und die Gefühle der Figuren illustrierende Inszenierung gefallen.
Die im Trailer prominent gezeigten bekannten Schauspieler, wie Jon Hamm und Tina Fey, haben im Film nur Nebenrollen, die kaum mehr als etwas größere Cameos sind. Das überrascht jetzt nicht wirklich bei einem Musical für Teenager, das nicht als Musical beworben wird.
„Mean Girls – Der Girls Club“ ist durchaus spaßige, insgesamt harmlose Musical-Unterhaltung für pubertierende Mädchen, die immer an der schönen Oberfläche verharrt.
Für mich ist, wenn wir bei Musicals bleiben, die am 8. Februar startende Musical-Version von „Die Farbe Lila“ interessanter.
Mean Girls – Der Girls Club(Mean Girls, USA 2024)
Regie: Samantha Jayne, Arturo Perez Jr.
Drehbuch: Tina Fey (basierend auf ihrem Musical, basierend auf ihrem Spielfilm)
mit Angourie Rice, Auliʻi Cravalho, Reneé Rapp, Jaquel Spivey, Avantika, Bebe Wood, Christopher Briney, Jenna Fischer, Busy Philipps, Ashley Park, Jon Hamm, Tina Fey, Tim Meadows