Big Bad Wolves (Mi Mefahed Mezeev Hara, Israel 2013)
Regie: Aharon Keshales, Navot Papushado
Drehbuch: Aharon Keshales, Navot Papushado
Quentin Tarantino nannte „Big Bad Wolves“ in seiner üblichen überschäumenden Begeisterung, den besten Film des Jahres. So weit würde ich nicht gehen, aber das düstere und sehr harte Drama ist verdammt gut, hat etliche gemeine Überraschungen und eine ordentliche Portion schwarzen Humor. Es geht um einen Vater, der aus dem Mörder seiner kleinen Tochter ein Geständnis herauspressen will. Ein suspendierter Polizist, der zufällig in den Folterkeller stolpert, soll ihm dabei helfen. Aber foltert er den Richtigen? Und: ist das wichtig?
Mit Tzahi Grad, Lior Ashkenazi, Rotem Keinan, Dov Glickman, Menashe Noy, Dvir Benedek, Nati Kluger
Einmal schnell, für die Ungeduldigen und bevor die längeren Besprechungen fertig sind, durch einige ausgewählte Kinoneustarts:
Die Adern der Welt
In ihrem neuen Film erzählt Byambasuren Davaa die Geschichte des zwölfjährigen Amra, der an der TV-Show „Mogolia’s Got Talent“ teilnehmen möchte. Doch bevor er vor den Juroren singen darf, gibt es einen ruhig erzählten Einblick in das Leben der Nomaden in der mongolischen Steppe. Ihr traditioneller Lebensstil ist von internationalen, die Natur rückssichtslos ausbeutenden Bergbauinternehmen bedroht.
Alles ist Eins. Außer der 0
Sehr gelungene, informative und kurzweilige Doku von Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf über den 1981 gegründeten Chaos Computer Club und seinen visionären Gründer Wau Holland, der die Utopie eines freien Internets hatte. Noch bevor die Welt das Internet kannte.
Cash Truck
Der neue Film von Guy Ritchie mit Jason Statham als Rächer, der Undercover in einer Geldtransportfirma arbeitet, die immer wieder überfallen wird. Düsteres, interessant kontruiertes Remake eines französischen Gangsterthriller, das als kalter, vollkommen humorfreier Rachethriller ohne Sympathieträger prächtig funktioniert.
Wer allerdings einen typischen Guy-Ritchie-Film erwartet, sollte sich besser noch einmal seinen vorherigen Film, die brachiale Gaunerkomödie „The Gentlemen“, ansehen.
Censor
In den frühen Achtzigern, als ganz England die „Video Nasties“ bekämpfte, entdeckt eine der Zensorinnen in einem der billig-blutigen Horrorfilme Verbindungen zu ihrem Leben. Oder hat sie zu viele schlechte Horrorfilme gesehen?
Prano Bailey-Bonds Debütfilm ist ein sehr atmosphärischer, ironiefreier Horrorfilm mit einer ordentlichen Portion Horrorfilmblut, viel Zeitkolorit und selbstverständlich auch eine Liebeserklärung an diese ’schlechten Filme‘.
Generation Beziehungsunfähig
Deutsche Komödie von Helena Hufnagel über junge Menschen und ihre Beziehung, die alle Qualitäten einer schlechten deutschen Komödie hat. Da sage ich im Duktus der Katholischen Filmkritik der fünfziger Jahre: Wir raten ab.
The Green Knight
David Lowery inszeniert die Artus-Legende neu. Bildgewaltig. Düster. Extrem langsam in dunklen Bildern. Das dürfte wohl genau der Film sein, den er inszenieren wollte.
Ich fand ihn tödlich langweilig. Auch weil ich nie begreifen wollte, warum Sir Gawain überhaupt die Herausforderung des titelgebenden grünen Ritters angenommen hat und sich ein Jahr später auf die gefährliche Reise zur Grünen Kapelle und zu seinem sicheren Tod begibt.
„The Green Knight“ ist für mich Lowerys bislang schwächster Film.
Jungle Cruise
Dwayne Johnson als halbseidender Schiffskapitän und Emily Blunt als taffe Abenteuerforscherin erleben in dem kunterbunten, auf einer Disney-Attraktion basierendem Disney-Abenteuerfilm haarsträubende Abenteuer.
Das ist, von Jaume Collet-Serra gewohnt druckvoll, in der Tradition der „Indiana Jones“-Filme inszenierte, unterhaltsame, über Gebühr harmlose Unterhaltung für die ganze Familie.
Matthias & Maxime
Wenige Tage vor einem zweijährigen Aufenthalt in Australien küsst Maxime, aufgrund einer Wette, während einer Party mit seinen langjährigen Freunden, für einen Studentenfilm seinen Sandkastenfreund Matthias. Daraus ergeben sich einige Gefühlskonfusionen, die ihre Beziehung auf die Probe stellen.
In seinem achten Film bewegt Xavier Dolan (der auch Maxime spielt) sich auf vertrautem Terrain. Aber dieses Mal ist alles ruhiger, normaler und weniger hysterisch als in seinen vorherigen Filmen.
Old
Regisseur M. Night Shyamalan nennt seine Verfilmung des Comics „Sandburg“ (von Pierre Oscar Lévy und Frederick Peeters) – zutreffend – eine spielfilmlange „The Twilight Zone“-Episode. Die Story: in einer abgelegenen Bucht altern die Menschen rapide. Das ist kein Film für alle, aber mir hat „Old“ sehr gut gefallen. Die ausführliche Kritik ist in Arbeit.
Schauspieler Aidan (Zach Braff) weigert sich, trotz Frau und Kindern, erwachsen zu werden. Da erkrankt sein Vater, der die Schule der Kinder finanziert, an Krebs und Aidan muss einige Entscheidungen treffen.
Zach Braffs liebevolle Indie-Komödie „Wish I was here“ verunsichert und irritiert nie, sondern bestätigt seine Charaktere – und die Zuschauer – in ihrem Leben.
Das gesagt ist der Film, nach „Garden State“ der zweite Spielfilm von „Scrubs“-Star Zach Braff, unterhaltsam, kurzweilig, witzig, episodisch, aber auch ziellos und oft konventionell in seinen Beschreibungen und Lösungen. Es ist auch ein Film, der im Privaten steckenbleibt.
LV: Chesley Sullenberger/Jeffrey Zaslow: Highest Duty, 2009 (Man muss kein Held sein; Sully: Das Wunder vom Hudson)
Sehenswertes Biopic über Captain Chesley ‚Sully‘ Sullenberger, der am 15. Januar 2009 sein Passagierflugzeug kurz nach dem Start auf dem Hudson River notlanden musste. Die fast unmögliche Notladung gelang. Alle Passagiere konnten gerettet werden.
mit Tom Hanks, Aaron Eckhart, Laura Linney, Mike O’Malley, Jamey Sheridan, Anna Gunn, Holt McCallany, Chris Bauer, Jane Gabbert, Ann Cusack, Molly Hagan, Patch Darragh, Michael Rapaport
Eine Großstadt in Südkorea, Gegenwart: Familie Kim lebt in einer verwanzten, auch mal überschwemmten, viel zu kleinen Kellerwohnung. Die ebenfalls vierköpfige Familie Park lebt in einem schicken Haus. Als der Sohn der Familie Kim bei den Parks einen Job als Nachhilfelehrer erhält, öffnet sich für die Kims die Tür zu einem besseren Leben, die sie skrupellos wahrnehmen.
TV-Premiere zu einer bescheidenen Uhrzeit. „Parasite“ ist eine tiefschwarze, sehr präzise Gesellschaftssatire, bei der schnell unklar ist, wer die titelgebenden Parasiten sind. Nachdem der in jeder Beziehung überzeugende Thriller in Cannes abgefeiert wurde, erhielt er u. a. den Oscar als bester Film und den Oscar als bester ausländischer Film.
LV: Sam Dolnick: The Sinaloa Cartel’s 90-Year-Old Drug Mule (The New York Times Magazine, 2014)
TV-Premiere. Clint Eastwood spielt einen Lilienzüchter, der mit dem Transport von Drogen für ein Drogenkartell Geld verdient. Denn niemand würde einen tüteligen Opa für einen Schmuggler von riesigen Mengen Drogen halten.
„The Mule“ ist, auf einer wahren Geschichte basierend und hervorragend besetzt, traditionsbewusstes, gewohnt unprätentiöses Hollywood-Erzählkino. Halt genau das, was man von einem Clint-Eastwood-Film erwartet.
Der nächste Film von und mit Clint Eastwood, die Verfilmung von N. Richard Nashs Roman „Cry Macho“, soll am 21. Oktober in Deutschland im Kino anlaufen. In dem 1978 spielendem Neowestern soll Eastwood einen Jungen von seiner in Mexiko lebenden, alkoholsüchtigen Mutter zu seinem Vater nach Texas bringen.
mit Clint Eastwood, Bradley Cooper, Laurence Fishburne, Michael Peña, Dianne Wiest, Andy Garcia, Alison Eastwood, Taissa Farmiga, Ignacio Serricchio, Loren Dean, Eugene Cordero
Three Billboards outside Ebbing, Missouri(Three Billboards outside Ebbing, Missouri, USA 2017)
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
Mildred Hayes (Frances McDormand, die für ihre Rolle ihren zweiten Oscar erhielt) ist stinkig. Ihre Tochter wurde vergewaltigt und ermordet. Aber die Polizei findet den Täter nicht. Also macht sie auf drei angemieteten Werbetafeln ihrem Ärger Luft – und setzt damit im Dorf einiges in Gang.
Die Welt der Wunderlichs (Deutschland/Schweiz 2016)
Regie: Dani Levy
Drehbuch: Dani Levy
Allein unter Irren – das ist für Mimi der gelebte Normalzustand. Sie ist die einzige Normale in der Familie Wunderlich. Als sie bei einem Casting mitmachen will, möchte sie das ohne die Hilfe ihrer Familie tun…
Herrlich unaufgeräumte, gewollt dysfunktionale Komödie, die gerade deshalb gefällt. Auch wenn das Ende schwach ist.
mit Katharina Schüttler, Ewi Rodriguez, Peter Simonischek, Christiane Paul, Martin Feifel, Steffen Groth, Hannelore Elsner, Arabella Kiesbauer, Thomas Anders, Sabrina Setlur, Friedrich Liechtenstein
Hätte Doug Rawlins (Jim Caviezel) in der Live-TV-Sendung seine Klappe gehalten oder sich etwas diplomatischer ausgedrückt, wäre ihm das alles nicht passiert. Aber ein wahrer gläubiger Christ muss auch in Kairo in einer Talkshow dem Publikum erklären, wer der einzig wahre Gott ist. Und das ist nach Ansicht des christlichen Bloggers Rawlins natürlich Jesus Christus.
Einige Moslems sind über diesen Missionierungsversuch so verärgert, dass sie ihn aus seinem Hotel entführen und über einige Stationen in den Iran verschleppen. Dort soll ihm der Prozess gemacht werden.
Währenddessen versucht seine Frau Liz (Claudia Karvan) ihn zu retten. Nach einem tragischen Unfall ist sie ungläubig geworden. Sie arbeitet in einer wichtigen Position im US-Handelsministerium. Trotzdem will ihr die US-Regierung bei der Befreiung ihres Mannes nicht helfen. Also reist sie auf eigene Faust in den Nahen Osten.
Cyrus Nowrastehs „Infidel“ ist ein Film mit einer Botschaft, die allerdings denkbar ungeschickt präsentiert wird und deren Präsentation für ungewollte Lacher sorgt. Das beginnt schon damit, dass „Infidel“ strukturell einfach ein Kalter-Kriegs-Thriller ist, in dem die bösen Russen durch die bösen Moslems ausgetauscht wurden. Wobei in „Infidel“ alle Moslems böse sind. Wenn sie im Westen leben, treiben sie selbstverständlch ein doppeltes Spiel und bereiten in ihrem Keller Terroranschläge vor.
Damit sind die Fronten klar verteilt und die Story kann sich von sattsam bekanntem Plot-Point zu vorhersehbarem Plot-Point hangeln. Mit erfolglosen Ausbruchsversuchen, weicheierigen Karrierebeamten und etwas Action. Vor allem am Filmende, wenn Rawlins aus dem Gefängnis befreit werden soll.
Die Figuren sind so eindimensional geschrieben, dass man sich nie für sie interessiert. So wird immer wieder behauptet, dass Rawlins ein hundertfünfzigprozentig christlich überzeugter, wortstarker Blogger ist. Aber viel erfahren wir nicht über seinen Glauben. Das was wir erfahren, bewegt sich auf dem Niveau von Binsenweisheiten und dem nett vorgetragenem Versuch, andere dazu zu bringen, sich Jesus Christus bedingungslos zu unterwerfen.
Für einen theologisch interessanten Disput mit seinem Folterknecht Ramzi (Hal Ozsan) reicht das nicht. Wobei Ramzi sich auch nur dafür interessiert, dass Rawlins seinen Glauben verrät. Dabei verlässt er sich im Zweifelsfall nicht auf Worte, sondern auf Schläge und Psychoterror. Die Ankläger und Richter bei dem Schauprozess mit schon vorher feststehendem Todesurteil sind an so einem Disput selbstverständlich ebenfalls nicht interessiert. Ihnen geht es nur um Herrschaft, Unterdrückung und Unterwerfung.
„Infidel“ ist ein ‚faith based‘-B-Actionthriller der billigen Sorte. Das liegt vor allem daran, dass Nowrastehs Film ein ärgerlicher ideologischer Quark ist, der nie den nihilistischen Charme anderer B-Pictures versprüht. Diese Actionkracher können mit den Worten ‚Vergebung‘ und ‚Gnade‘ auch nichts anfangen. Aber sie behaupten nie, die christliche Botschaft, die ja eine Botschaft der Liebe und des Verständnisses sein soll, zu verkünden.
Infidel(Infidel, USA 2020)
Regie: Cyrus Nowrasteh
Drehbuch: Cyrus Nowrasteh
mit Jim Caviezel, Claudia Karvan, Hal Ozsan, Stelio Savante, Isabelle Adriani
Selten gezeigter, 1906 spielender Spätwestern über ein Pferderennen: dem Sieger des 700 Meilen langen Rennens quer durch die Pampa winkt ein erkleckliches Preisgeld. Richard Brooks konzentriert sich, vor einer traumhaften Landschaft, vor allem auf die Motive der Charaktere und ihren Kampf gegeneinander.
„Ein fetter Brocken Americana, gut gewürzt mit einem Optimismus und Positivismus, wie sie im heutigen Film selten geworden ist. Brooks’ Drehbuch ist ein Wunder an Kompression und Humor. Wenn Coburn eine Dame von immensen Proportionen tätschelt und wie zu sich selber sagt ‘Ich hatte fast vergessen, wie gut sich eine schlechte Frau anfühlt’, sagt er in einem einzigen Satz sehr viel über sich selbst.“ (Arthur Knight, The Hollywood Reporter)
mit Gene Hackman, Candice Bergen, James Coburn, Ben Johnson, Ian Bannen, Jan-Michael Vincent, Robert Donner, Mario Arteaga, Paul Stewart
Es gibt auch eine deutsche Synchronisation von „In the Heights: Rhythm of New York“. Aber sie ist etwas sinnfrei. Nicht, weil es in dem Film so wenig Dialog gibt, sondern weil, bis auf wenige Sätze, alle Dialoge die Vorbereitung für den nächsten Song, die nächste Musical-Nummer, sind. Denn „In the Heights“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsmusicals von Lin-Manuel Miranda. Er schrieb auch das unglaublich erfolgreiche Musical „Hamilton“ über den US-amerikanischen Gründervater Alexander Hamilton.
Davor schrieb er „In the Heights“. Die Arbeit an dem Musical begann er schon während seines Studiums an der Wesleyan Universität. 1999 wurde eine frühe Version des Stücks über den Ort, an dem er aufwuchs, aufgeführt. Später überarbeitete und erweiterte Miranda, zusammen mit Quiara Alegría Hudes, das Stück. 2007 gab es die Off-Broadway-, 2008 die Broadway-Premiere. Danach folgten fast 1200 Aufführungen am Broadway im Richard Rogers Theatre, 13 Tony-Nominierungen, eine umjubelte Plattenaufnahme des Stücks und jetzt ein Kinofilm, für den die Liebeserklärung an ein Stadtviertel und seine Menschen wieder überarbeitet wurde. Jon M. Chu übernahm die Regie. Zu seinen vorherigen Filmen gehören „Crazy Rich“ und die Tanzfilme „Step Up to the Streets“ und „Step Up 3D“.
In einer Strandbar mit einem unnatürlich aussehendem Horizont (aber, hey!, es ist ein Musical und da ist natürlich nichts natürlich) bittet eine Schar Kinder Usnavi (Anthony Ramos) ihnen von seiner Vergangenheit zu erzählen. Der junge Bodega-Betreiber beginnt ihnen in epischer Ausführlichkeit von den Heights zu erzählen. Die Heights sind das New Yorker Stadtviertel Washington Heights, ein Latino-Einwandererviertel in Manhattan. Usnavi erzählt von seinem Leben und dem Leben im Viertel. Es geht um seine Freunde, seine Bekannten, die Menschen, die er täglich in seinem Viertel trifft und um seine Liebe zu Nina, die in Stanford studiert und so aufsteigen kann. Dafür verschuldet sich ihr Vater Kevin Rosario, ein Taxiunternehmer, immer mehr.
Aus diesen Episoden ergibt sich das Bild einer sehr lebendigen und, trotz aller Probleme, lebenswerten Nachbarschaft. Damit knüpft John M. Chus Film an Wayne Wangs „Smoke“/“Blue in the Face“-Filmdoppel an, das ein anderes New Yorker Stadtviertels und der in ihm lebenden Menschen ähnlich liebevoll porträtiert. Spike Lees früher Klassiker „Do the right thing“, der ein anderes New Yorker Stadtviertel porträtiert, fällt dagegen wesentlich wütender und kämpferischer aus.
In „In the Heights“ plätschern die bestenfalls lose miteinander verknüpften Episoden eher vor sich hin. Sicher, es gibt die Liebesgeschichte zwischen Usnavi und Nina, die er schon seit Ewigkeiten kennt und es wird nach dem Gewinner eines Lotterieloses gesucht. Es gibt auch einen Stromausfall, der im Film pompös mit einem Countdown vorbereitet wird. Aber wirklich dringend scheint keines der Probleme zu sein. Es sind einfach Ereignisse aus dem Alltag der kleinen Leute und ihrer kleinen Träume.
Dabei spricht „In the Heights“ unter seiner fröhlichen Musical-Oberfläche erstaunlich viele aktuelle Probleme der USA, von Einwanderergesellschaften und von Großstädten an, die naturgegeben auch immer zu einem großen Teil aus Einwanderer bestehen. Es geht um illegale Einwanderung, Gentrifizierung (so muss ein alteingessener, sich fest in weiblicher Hand befindender Frisörsalon einige Straßen weiter ziehen) und den amerikanischen Traum, den jeder träumt, aber an dem nicht jeder teilnehmen darf. Das bekommt vor allem Nina zu spüren, die sich an der Universität nicht akzeptiert fühlt und wieder zurück in die Heights möchte, während alle Bewohner ihr, als sie in den Semesterferien zurück kommt, zum ersten Schritt ihres Aufstiegs aus den Heights gratulieren.
Die Musik – meistens Latin-Pop – ist Geschmacksache. Meinen Geschmack trifft sie absolut nicht. Der Gesang ist mal so, mal so. Schließlich sind die Schauspieler nicht unbedingt großartige Sänger. Das kennen wir auch aus anderen Musicalfilmen der vergangenen Jahre.
Die Tanznummern sind dagegen oft großartig und für die große Leinwand komponiert. Da tanzen Menschenmassen durch breite New-Yorker-Straßen und Hinterhöfe. Da wird aus dem sommerlichen Treiben in einem vollen Freibad ein präzise choreographiertes Wasserballett, bei dem alle fröhlich mitmachen.
Für Musical-Fans ist Jon M.Chus „In the Heights“ natürlich ein Pflichttermin. Aber auch für andere Zuschauer ist das Musical interessant, weil es viele aktuelle Probleme anspricht und es so auch einen Einblick in die Gefühlslage der Latino-Bevölkerung in einem Stadtviertel gibt.
In the Heights: Rhythm of New York (In the Heights, USA 2021)
Regie: Jon M. Chu
Drehbuch: Quiara Alegría Hudes (nach einem Konzept von Lin-Manuel Miranda, basierend auf dem Musical von Lin-Manuel Miranda und Quiara Alegría Hudes)
mit Anthony Ramos, Leslie Grace, Corey Hawkins, Melissa Barrera, Olga Merediz, Daphne Rubin-Vega, Jimmy Smits, Gregory Diaz IV, Stephanie Beatriz, Dascha Polanco
Aus vielen Gründen nicht wirklich als Vorbereitung für Dominik Grafs neuen Kinofilm „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (mit Tom Schilling, Albrecht Schuch und Saskia Rosendahl) geeignet. Seine überzeugende und selbstverständlich sehenswerte Erich-Kästner-Verfilmung läuft am 5. August 2021 an. Bis dahin könnt ihr Kästners Roman lesen.
So! Und jetzt zu
BR, 23.15
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (Deutschland 2016)
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Die beiden LKA-Zielfahnder Hanna Landauer und Sven Schröder verfolgen den flüchtigen Gewaltverbrecher Liviu Caramitru bis nach Rumänien.
Mit gut zwei Stunden Laufzeit sprengt Dominik Graf dieses Mal locker das übliche Neunzig-Minuten-TV-Korsett. Mit seinem hohen Erzähltempo verlangt er den aufmerksamen Zuschauer, der sich aus ein, zwei Andeutungen eine ganze Geschichte zusammenreimen muss. Und mit dem ungewöhnlichen Schauplatz zeigt er uns eine fremde Welt, in der die Gesetze des „Tatort“ nicht mehr gelten.
Hochspannender, grandioser Thriller
mit Ulrike C. Tscharre, Ronald Zehrfeld, Arved Birnbaum, Axel Moustache, Dragos Bucur, Radu Binzaru, Anna Schäfer
Spielfilmlange Doku über „Deutschlands Weg aus der Pandemie“. Dafür begleiteten Dominik Wessely und Antje Boehmert 13 Menschen, die in acht Bundesländern in verschiedenen Positionen gegen die Pandemie kämpfen, über mehrere Monate. Ein Blick hinter die Kulissen.
Das Kind von Ex-Knacki Ewald Merten wird entführt. Die Entführer verlangen von ihm einen Banküberfall. Merten tut’s und liefert damit die Ablenkung für einen weiteren Banküberfall. Kommissar Brammer ermittelt; – naja, eigentlich nicht. Denn er fährt in Urlaub und überlässt dem Kollegen Hese die Arbeit.
Alter „Tatort“, der wahrscheinlich zuletzt 2010 im Fernsehen lief.
Green Book – Eine besondere Freundschaft(Green Book, USA 2018)
Regie: Peter Farrelly
Drehbuch: Peter Farrelly, Nick Vallelonga, Brian Currie
TV-Premiere. Gut gemachtes, auf einer wahren Geschichte basierendes Feelgood-Movie über die sich während einer Konzerttour durch die Südstaaten in den frühen sechziger Jahren entwickelnde Freundschaft zwischen dem Konzertpianisten Don Shirley (Mahershala Ali) und seinem für diese Tournee engagiertem Fahrer und Rausschmeißer Tony ‚The Lip‘ Vallelonga (Viggo Mortensen).
Der allgemeine Jubel über den Film, die zahlreichen Preise, unter anderem der Oscar als bester Film des Jahres (Spike Lee hatte mit seinem Wutausbruch, dass jeder andere nominierte Film den Oscar mehr verdient hätte als „Green Book“, vollkommen recht), können nicht über die doch ziemlich altbackene Ideologe des Films (der weiße Mann als Retter des Schwarzen und mit etwas gutem Willen kann der Rassissmus besiegt werden) hinwegtäuschen. „Green Book“ ist halt perfektes Hollywood-Wohlfühlkino.
LV: Ernest Cline: Ready Player One, 2011 (Ready Player One)
2045: Der zwanzigjährige Wade lebt in Columbus, Ohio, im Armenviertel. Die meiste Zeit verbringt er allerdings, wie viele andere Menschen, in der virtuellen Welt der OASIS. Als OASIS-Erfinder James Halliday stirbt, beginnt die Jagd auf sein Erbe. Dafür müssen in der OASIS drei Aufgaben gelöst und ein Easter Egg gefunden werden. Der Gewinner erhält die Kontrolle über die OASIS und viel Geld.
Spielbergs äußerst kurzweiliger Science-Fiction-Abenteuerfilm ist, wie Ernest Clines erfolgreicher Roman, eine Liebeserklärung an die Pop-Kultur der achtziger Jahre, die Spielberg mit seinen Filmen und seiner Firma entscheidend prägte.
Die Frau des Nobelpreisträgers – The Wife (The Wife, Großbritannien/Schweden/USA 2017)
Regie: Björn Runge
Drehbuch: Jane Anderson
LV: Meg Wolitzer: The Wife, 2003 (Die Ehefrau)
1992: US-Romancier Joe Castleman ist im siebten Himmel. Er erhält den Nobelpreis! Zusammen mit seiner Frau Joan und ihrem Sohn David fliegt er nach Stockholm zur Preisverleihung. Während er im Mittelpunkt der Feierlichkeiten steht, erinnert sich seine Frau an ihr gemeinsames Leben und ihre erste Begegnung, als sie in den fünfzigern eine Studentin mit einer verheißungsvollen Schriftstellerkarriere war und sich in Joe verliebt.
Grandioses, präzise inszeniertes Schauspielerkino, das als intimes Ehedrama die Frage stellt, wie eine langfristige Beziehung funktioniert, wer dafür mehr von seinem Leben aufgibt, was man dafür bekommt und ob es nicht doch ein ungefähr gleichgewichtiges Geben und Nehmen sein sollte.
Glenn Close wurde für ihr Spiel einhellig gelobt und erhielt etliche Preise, u. a. einen Golden Gobe. Vielleicht nicht der prestigeträchtigste Preis, den sie für diese Rolle erhielt, aber der mit dem schönsten Titel ist „Actress Defying Age and Ageism“, verliehen von der Alliance of Women Film Journalists.
In Arkansas will Jacob Yi auf einem einsam gelegenem Gelände koreanisches Gemüse anbauen. Vorher lebte er mit seiner Frau Monica und ihren Kindern, der zwölfjährigen Anne und dem siebenjährigem, schwer kranken David in Kalifornien. Als Hilfsarbeiter sortierte er in einer Hühnerfarm zehn Jahre lang Hühner aus. Zum Überleben reichte der karge Lohn. Aber nicht zur Verwirklichung des amerikanischen Traums. Der soll sich für die koreanisch-amerikanische Einwandererfamilie jetzt in Arkansas erfüllen.
In seinem vierten, hochgelobtem und mit über fünfzig Preisen ausgezeichnetem Spielfilm „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ erzählt Lee Isaac Chung, mehr oder weniger, die Geschichte seiner Kindheit und seiner Familie in den Achtzigern in Arkansas. Seinen Ursprung hatte Chungs Film in einer Sammlung von Notizen, die er anfertigte, um seiner Tochter von seinen Eltern und seiner Familie zu erzählen.
Dieser Ursprung bestimmt dann auch die Erzählhaltung, Perspektive und Stimmung des Films. „Minari“ sucht nicht das große Drama oder die große Konfrontation zwischen sich unversöhnlich gegenüberstehenden nett-strebsamen Einwanderern und bösartig-rassistischen Einheimischen. Chung konzentriert sich auf das Leben der koreanischen Familie und, vor allem, wie sie miteinander umgehen und versuchen, das schwere Leben auf der Farm zu meistern. Dabei ist das Farmhaus keine Villa mit einer großen Veranda, sondern ein Wohnwagen. Zwar ein großer Wohnwagen und ohne Räder, aber immer noch ein auf einer Wiese stehender Wohnwagen, in dem schon für die vierköpfige Familie zu wenig Platz ist. Nachdem die direkt aus Korea kommende Großmutter Soon-Ja (Youn Yuh-jung; Oscar als beste Nebendarstellerin) zu ihnen zieht, ist alles noch beengter.
Aber an ein Haus ist nicht du denken. Zuerst müssen die Felder bestellt werden. Dafür verhandeln sie mit einem Wünschelrutengänger, der behauptet, Wasser auf dem trockenen Landstück zu finden. Jacob hat eine andere Lösung für das Problem. Sie bestellen den Boden. Er sammelt Erfahrungen als Farmer. Dabei hilft ihm der mindestens sehr schrullige, in religiösen Rätseln sprechende Paul (Will Patton). Aber er ist kein religiöser Fanatiker, sondern einfach nur der nette durchgeknallte Nachbar von nebenan (ohne Axt!). Später versucht Jacob seine Ernte an Händler zu verkaufen, die sie an die koreanische Gemeinschaft in der nächsten größeren Stadt verkaufen können. David und seine Großmutter begegenen in einem Tümpel einer Schlange. Chung erzählt auch, wie durch eine Verkettung unglücklicher Umstände die Großmutter ein Feuer auslöst, das auf die Scheune mit der Ernte übergreift. Und er erzählt, wie die Familie den Gottesdienst besucht und in die Gemeinde aufgenommen wird.
Das geschieht alles ohne die großen Kinokonflikte. Stattdessen lösen sich in „Minari“ eigentlich alle potentiellen Konflikte schnell in Wohlgefallen auf. Fast so wie im richtigen Leben. Außerdem will Chung, wie gesagt, von seiner Familie, ihrem Leben, ihrer Herkunft und wie sie an einem anderen Ort eine neue Heimat finden, erzählen.
Ist damit ein wenig wie das Blättern in alten Aufzeichnungen oder einem Fotoalbum.
Letztendliche erzählt Chung, mit viel Sympathie für seine autobiographisch inspirierten Figuren und die Schönheiten der Landschaft, die sattsam bekannte Geschichte vom amerikanischen Traum und wie er sich, nach Rückschlägen, erfüllt. Nur dieses Mal nicht für ausgewanderte Europäier, sondern für eine neue Generation von Einwanderern. Das ist eine durchgehend optimistische Erzählung, die keine Brüche, keine Untiefen und auch keine dunklen Seiten hat. Dafür gibt es dann andere Filme; – die natürlich auch nicht dafür taugen, seiner Tochter die Familiengeschichte zu erzählen.
Minari – Wo wir Wurzeln schlagen (Minari, USA 2020)
Regie: Lee Isaac Chung
Drehbuch: Lee Isaac Chung
mit Steven Yeun, Yeri Han, Alan Kim, Noel Kate Cho, Yuh-Jung Youn, Scott Haze, Will Patton, Darryl Cox, Esther Moon