Superhelden und Geschlechtsverkehr? „Sex“ und „Sex Criminals“ geben Antworten

Juni 24, 2015

Casey - Sex 1 - 2Fraction - Sex Criminals 1 - 2

Solange Superheldencomics Kinderkram waren, die man nach der Pubertät nicht mehr anrührte (außer natürlich um die Hefte zu utopischen Summen als Sammlerstück zu kaufen oder zu verkaufen), stellte sich die Frage nach dem Geschlechtsverkehr, und wie er dargestellt werden kann, nicht. Superman, Batman undsoweiter haben zwar eine Freundin (will ja jeder Teenie haben), oft ist die Beziehung auch etwas problematisch (Soll ich sie ansprechen? Wenn ja: wie? Immerhin bin ich der kleine picklige Typ mit der Brille und nicht dieser andere Typ.), aber die Sache mit Heirat, Sex, Kinder kriegen und Familienvater sein (in dieser Reihenfolge) stand nie zur Debatte. Das änderte sich auch in den letzten Jahren, als die Comics erwachsen wurden (wie man so sagt, wenn die Geschichten länger, komplexer und düsterer werden und die Geschichten immer stärker ethische und politische Fragen, die auch die Tagespolitik bestimmen, behandelen ohne alte Feindbilder platt zu wiederholen). Und dennoch: die Triebe des Helden konzentrierten sich auf die Verbrechensbekämpfung. So als sei Sex etwas aus einer anderen Dimension.
Nun, mit „Sex“ und „Sex Criminals“ wird auch an dem Sex-Tabu gerüttelt und das Ergebnis fällt, noch, ernüchternd aus. Denn beide Comics wirken, als ob die Macher einfach einige knallige Sexszenen in eine Standardsuperheldengeschichte einfügten und sich dann zufrieden zurücklehnten. Der Trick hat ja auch früher funktioniert, als man in einen banalen Film eine saftige Sexszene reinknallte, einen Skandal provozierte und utopische Einnahmen hatte.
In „Sex“ von Autor Joe Casey und Zeichner Piotr Kowalski kehrt Simon Cooke nach einer Auszeit in seine Heimatstadt Saturn City (yeah, Sin City, Gotham City, New York) zurück. Er ist Konzernchef (naja, irgendwie Bruce Wayne) und war früher der Kettenheilige, manchmal auch nur der Heilige (Batman) und auch bei ihm war die Verbrechensbekämpfung nicht sonderlich erfolgreich. Denn die Bösewichter sind immer noch da.
Und Cooke hat eine Freundin/Geliebte: Annabelle Lagravenese (aka „Schattenluchs“), die als Bordellchefin mit Escort-Service ihr Geld verdient, wenn sie nicht gerade im Catwoman-Stil über die Dächer springt.
Im ersten „Sex“-Sammelband versucht Simon Cooke mit seinem bürgerlichem Leben zurechtzukommen und alles das nachzuholen, was er als junger Superheld nicht tun konnte. Was vor allem die Sache mit den drei Buchstaben ist. Aber er zweifelt, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat und natürlich hängt er immer noch an seiner ersten Liebe Annabelle.
Das ist dann, wenn wir im „Batman“-Kosmos bleiben, doch nur ein weiteres „Batman“-Abenteuer, aufgehübscht mit viel nackter Haut (keine Angst, vor allem die Bösewichter haben Sex) und daher ziemlich konventionell, aber durchaus gelungen, im bekannten Fahrwasser.
Bei „Sex Criminals“ von Autor Matt Fraction und Zeichner Chip Zdarsky, das 2014 den Eisner-Preis als Beste neue Serie erhielt, begeisterte mich dieser Satz aus dem Klappentext: „Also tun sie, was jedes vernünftige Paar tun würde, das die Welt einfrieren kann, wenn es Sex hat: Die beiden ziehen los und rauben eine Bank aus.“
Das tun Suzie und Jon auch. Immerhin steht die Zeit still, wenn sie einen Orgasmus haben und in dieser Zeit können sie, wie sie uns vor dem ersten Bankraub erzählen, ganz viele Dinge erledigen. Dummerweise haben noch andere Menschen diese Fähigkeit und schnell verfolgen einige engelsweiß eingekleidete Polizisten das Liebespaar.
Wie bei „Sex“ ist bei „Sex Criminals“, wenigstens im ersten Sammelband, die Sache mit dem Sex noch ein Gimmick, der der Geschichte keine umwerfend neue Dimension verleiht. Denn verbrecherische Superhelden gibt es schon einige und dass gute und böse Superhelden miteinander im Clinch liegen, ist jetzt auch nicht neu. Dass in „Sex Criminals“ dieser Kampf in eine andere Dimension verlegt wird – nun, ja, mal sehen, wie es weitergeht.
Aber vielleicht wäre ich als prüder Amerikaner auch schockierter über die nackten Tatsachen und, vor allem in „Sex“, dem respektlosen Spiel mit dem Superheldengenre. Wir Europäer sind da ja einiges gewohnt.
–
Joe Casey (Autor)/Piotr Kowalski (Zeichner): Sex – Ein steifer Sommer (Band 1)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Panini, 2014
160 Seiten
17,99 Euro
–
Originalausgabe
The Summer of Hard
Image, 2013
(enthält Sex 1 – 8)
–
Hinweise
Image Comics über Joe Casey
Wikipedia über Joe Casey

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Autor)/Joe Casey (Autor)/Nathan Fox (Zeichner) „Haunt – Band 5“ (Haunt # 23 – 28, 2013)
–
Matt Fraction (Autor)/Chip Zdarsky (Zeichner): Sex Criminals – Guter Sex zahlt sich aus: Komm, Welt (Band 1)
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Panini, 2015
140 Seiten
16,99 Euro
–
Originalausgabe
One weird Trick
Image, 2014
(enthält Sex Criminals 1 – 5, September 2013 – März 2014)
–
Hinweise
Homepage von Matt Fraction
Homepage von Chip Zdarsky
Wikipedia über „Sex Criminals“


TV-Tipp für den 24. Juni: Hannas Reise

Juni 24, 2015

ARD, 20.15
Hannas Reise (Deutschland/Israel 2013)
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: John Quester, Julia von Heinz (frei nach Motiven von Theresa Bäuerleins Roman „Das war der gute Teil des Tages“)
Das ist jetzt nicht nett von uns, aber wir gönnen Hanna, dieser karrieregeilen BWL-Zicke, die von ihrer Mutter nur eine Bescheinigung über ein Praktikum abholen wollte, das Praktikum in Israel in einer Behinderteneinrichtung. Das wird die Schnepfe hoffentlich erden.
Ansehen lohnt sich, auch wenn die vorhersehbare Geschichte ihre Probleme hat, die ich hier ausführlicher besprochen habe.
mit Karoline Schuch, Doron Amit, Max Mauff, Lore Richter, Trystan Pütter, Lia König, Suzanne von Borsody
Wiederholung: Donnerstag, 25. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannas Reise“

Moviepilot über „Hannas Reise“

Meine Besprechung von Julia von Heinz‘ „Hannas Reise“ (Deutschland/Israel 2013)


Kaufen???

Juni 23, 2015

Eben via Variety erfahren: James Ellroy (ja, genau DER James Ellroy!) verkauft sein in den Hügeln von Hollywood liegendes Haus, in dem er die letzten drei Jahr lebte. Es kostet natürlich eine Kleinigkeit (so 1,4 Millionen), aber, hey, es ist das Haus von Misterrr James Ellroyyy!!!

Und so sieht die Bude aus:

Screenshot_Variety-Ellroy-Haus

Screenshot_Variety-Ellroy-Haus-innen

Die gesamte Bilderstrecke gibt es hier.


Cover der Woche

Juni 23, 2015

Randisi - Most wanted


TV-Tipp für den 23. Juni: Ein neuer Tag im Paradies

Juni 23, 2015

ZDFkultur, 21.50

Ein neuer Tag im Paradies (USA 1998, Regie: Larry Clark)

Drehbuch: Christopher B. Landon, Stephen Chin

LV: Eddie Little: Another Day in Paradise, 1998 (Ein neuer Tag im Paradies)

Empfehlenswertes, unsentimentales, hartes und schon lange nicht mehr gezeigtes Gangster-Roadmovie und Erziehungsgeschichte mit James Woods und Melanie Griffith als Ersatz-Eltern.

Eddie Little (25. August 1955 – 20. Mai 2003) verarbeitete in seinem Debütroman „Another Day in Paradise“ autobiographische Erlebnisse. Er war ein Drogensüchtiger und Krimineller.

Mit James Woods, Melanie Griffith, Vincent Kartheiser, Natasha Gregson Wagner, James Otis, Peter Sarsgaard, Lou Diamond Phillips (Cameo)

Wiederholung: Mittwoch, 24. Juni, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Ein neuer Tag im Paradies”

Wikipedia über “Ein neuer Tag im Paradies”

L. A. Weekly (Johnny Angel): Paradise Lost (über den Film, Little und Clark; 24. Dezember 1998)

Los Angeles Times (Mary Rourke): Nachruf auf Eddie Little (23. Mai 2003)


Krimineller Rundumschlag mit Toten, Polizisten und einem Privatdetektivinnen-Duo

Juni 22, 2015

Machen wir wieder einen kleinen Rundumschlag mit vier Kriminalromanen, die mir alle, auch wenn ich sie gleich mehr oder weniger stark kritisiere, gefallen haben. Außerdem begegnen wir einigen alten Bekannten, deren neue Fälle ohne Kenntnis der vorherigen Romane gelesen werden können und das Privatleben der Ermittler wird angenehm kurz gehalten. .

McIlvanney - Die Suche nach Tony Veitch - 2

Beginnen wir in good old England, der Heimat des Häkelkrimis, die uns schon seit einigen Jahren mit ziemlich düsteren Werken beglückt. Ziemlich am Anfang von diesem Strang, der irgendwann das Label „Tartan Noir“ erhielt, stand William McIlvanney mit seinen drei Laidlaw-Romanen, die schnell für ihre literarischen Qualitäten gerühmt wurden. Aber weil er ungefähr so produktiv wie Filmregisseur Terrence Malick in seinen besten Jahren war, blieb McIlvanney ein Insidertip.
In seinem zweiten Laidlaw-Roman sucht Detective Inspector Jack Laidlaw den Mörder von Eck Adamson, einem obdachlosem Säufer, der auch ein Polizeispitzel war. Laidlaw glaubt, dass jedes Leben zählt und daher auch kein Mörder frei herumlaufen darf. Auch wenn er lange Zeit erfolglos im Nebel herumstochert und er sich fragt, welche Verbindung es zwischen Adamson und Tony Veitch gab. Veitch ist ein aus vermögendem Haus stammender Student, der auch von einigen Gangster gesucht wird, weil sie ihn mit einem Heiratsschwindel (keine Panik, das erfahrt ihr schon auf den ersten Seiten) erpressen wollen.
Während der erste Laidlaw-Roman „Laidlaw“ eine Menschenjagd und ein Wettlauf gegen die Zeit war, ist „Die Suche nach Tony Veitch“ die doch ziemlich zäh erzählte Suche nach einem Mörder und auch nach einem Fall. Denn Laidlaw und sein Kollege Harkness beschäftigen sich mit einem Fall, der nur durch Laidlaws Sturheit, der einfach weiterermittelt, bis er irgendetwas findet, zu einem Fall wird. Deshalb plätschert die Geschichte nach einem flotten Beginn fast bis zum Ende ohne große Überraschungen vor sich hin. Das begeistert dann nicht wirklich, auch wenn der damals als bester Roman für den Edgar nominierte Krimi etliche gelungene und philosophische Betrachtungen über die in Glasgow verschiedenen Schichten und Subkulturen zugehörigen Menschen bietet.
So überzeugt „Die Suche nach Tony Veitch“ vor allem als atmosphärisches Porträt einer Stadt, ihrer Bewohner und einer Zeit, als Menschen nicht ständig erreichbar waren.
Der dritte Laidlaw-Roman „Falsche Treue“ erscheint im Herbst.
–
William McIlvanney: Die Suche nach Tony Veitch
(übersetzt von Conny Lösch)
Kunstmann, 2015
320 Seiten
19,95 Euro
–
Originalausgabe
The Papers of Tony Veitch
Hodder & Stoughton, 1983
–
Die Übersetzung folgt der 2013 bei Canongate Books erschienenen Ausgabe des Romans.
–

Hinweise

Homepage von William McIlvanney

Wikipedia über William McIlvanney (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von William McIlvanneys „Laidlaw“ (Laidlaw, 1977)

–

Manotti - Abpfiff - 2
Wo Geld ist, gibt es auch Verbrechen. Diese Binsenweisheit scheint, jedenfalls wenn man sich die Krimis ansieht, in denen Fußball eine Rolle spielt, für den Fußball nicht zu gelten. Denn es gibt erstaunlich wenige Krimis, die sich mit schmutzigen Geschäften im und um das Fußballspiel beschäftigen. Spontan fällt mir nur Friedhelm Werremeiers „Platzverweis für Trimmel“ (1972, überarbeitete Neuausgabe 1985) ein. Zur Fußball-WM in Deutschland gab es auch einige Krimis, in denen Fußball wichtig war und die ich nicht gelesen oder schon vollkommen vergessen habe.
Dabei gibt es im und um ein Fußballstadion alles, was das Herz für eine zünftige Kriminalgeschichte begehrt. Und genau deshalb ist Dominique Manottis neuer Roman „Abpfiff“ (der 1990 spielt und in Frankreich bereits 1998 erschien) eine so gelungene Ausnahme. Bei ihr ist der kurz vor dem Aufstieg stehende Fußballverein ein Teil des Kapitalismus und der Kleinstadtpolitik, in der Vereinsvorstand, Politik und Wirtschaft untrennbar miteinander verflochten sind.
Dabei glaubt Commissaire Daquin (zuletzt „Zügellos“), dass die Spur zum FC Lisle-sur-Seine eine im Nichts verlaufende Spur ist. Denn es ist auf den ersten Blick zu unglaublich, dass der Mord auf offener Straße nicht seinem Kollegen Romero vom Pariser Drogendezernat, sondern Nadine, einer jungen Frau, die mit ihrem Bruder im Stadion des Vereins lebt, galt.
–
Dominique Manotti: Abpfiff
(übersetzt von Andrea Stephani)
Ariadne Kriminalroman, 2015
240 Seiten
17 Euro
–
Originalausgabe
Kop
Éditions Payot & Rivages, 1998
–

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Madoffs Traum“ (La rêve de Madoff, 2013)
–

Wittkamp - Frettchenland - 2
Da hat Lotte Weiland aber Pech gehabt. Zuerst wird sie im Bundestag fast beim Datendiebstahl erwischt und dann wird sie in einer Damentoilette von einem Mann ermordet. Der nimmt sich dann auch gleich den USB-Stick mit den Daten und sagt seinem Auftraggeber, dem Bundestagsabgeordneten Nils Janssen, dass die Sache erledigt sei. Janssen leitet einen Ausschuss, der die Kosten für den Atomausstieg klären soll und der deshalb von vielen Lobbyisten beehrt wird.
Weil das auf den ersten Seiten von Rainer Wittkamps drittem Roman „Frettchenland“ passiert, ist natürlich mit dem Mord an der polizeilichen Personenschützerin überhaupt nichts erledigt. Kommissar Martin Nettelbeck vom Landeskriminalamt soll den Mörder suchen. Rico Hoyer, der beim LKA in der Abteilung Wirtschaftskriminalität arbeitet und Lottes Freund ist, beginnt ebenfalls, aus ziemlich eigennützigen Motiven, mit der Mörderjagd. Und Lottes Großmutter Luise Weiland kann nicht akzeptieren, dass Lotte tot ist. Zusammen mit Yasser Al-Shaker, ihrem Mädchen für alles, beginnt sie mit der Mörderjagd. Dass sie Geld und gute Beziehungen hat und früher Schützenkönigin war, hilft ihr. Und dann gibt es noch einige Politiker und Mitarbeiter, die die Tote für ihre Karriere benutzen wollen.
Nachdem Wittkamps erster Nettelbeck-Krimi „Schneckenkönig“ ein vielversprechender, wenn auch etwas brav in Richtung TV-Krimi geplotteter Krimi war, geht es dieses Mal in Richtung Ross Thomas und, auch wenn Wittkamp nicht die Qualität von Thomas erreicht, ist „Frettchenland“ ein herrlich illusionsloser und empörungsfreier Polit-Thriller, in dem Kommissar Nettelbeck als Nebenfigur vor allem mit dem Aufsammeln von Unrat beschäftigt ist. Privat geht es ihm dafür gut: er ist mit Philomena zusammengezogen und ihre Kinder verkleinern seine Jazz-LP-Sammlung.
Ach ja: es ist wirklich angenehm, dass ein Jazz-Liebhaber nicht nur die üblichen Verdächtigen (Charlie Parker, Miles Davis, John Coltrane), sondern auch zeitgenössische Jazzer, wie Ray Anderson, Conny Bauer, Trombone Shorty (aktueller geht es kaum) und Joseph Bowie (den er während eines Konzertes mit seiner Band „Defunkt“ entdeckte) hört. Er überlegt sogar, ob ein singender Nils Landgren für ihn hörbar ist.
–
Rainer Wittkamp: Frettchenland
grafit, 2015
224 Seiten
9,99 Euro
–

Hinweis

Homepage von Rainer Wittkamp

Meine Besprechung von Rainer Wittkamps „Schneckenkönig“ (2013)
–

Brack - Die drei Leben des Feng Yun-Fat - 2

Lenina Rabe ist zurück. Ihr letzter Fall „Schneewittchens Sarg“ erschien 2007. Danach schrieb Robert Brack einige historische Kriminalromane, die mir alle gefallen haben und so wirklich habe ich nicht mehr mit einem neuen Rabe-Krimi gerechnet. Dennoch hat Brack es zwischen all seinen anderen Arbeiten geschafft, die ziemlich linke Dame mit „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ in ein neues Abenteuer zu schicken.
Inzwischen hat Lenina Rabe mit Nadine Adler eine Detektei mit Blick auf den Hafen eröffnet. Sie schlagen sich mehr schlecht als recht durch, aber sie sind nicht auf den Mund gefallen, weshalb ein großer Teil des Romans aus Dialogen besteht.
Für Feng Yun-Fat, den Besitzer des China-Restaurants „Hongkong-Drache“ in Hamburg Altona, der gerne ein Nobelrestaurant eröffnen möchte, sollen sie seinen verschwundenen Koch Wang Shuo (der sich manchmal auch Mang Liu nennt) suchen. Was leichter gesagt, als getan ist. Nicht nur wegen der Sprachbarriere.
Robert Brack, der auch einige Romane von Robert B. Parker übersetzte, wildert hier, obwohl „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ in der dritten Person geschrieben ist, stark im Spenser-Territorium. Dialoge treiben die Geschichte voran. Es wird geblödelt und gewitzelt. Gerne gegen das Kapital und den Kapitalismus. Die Geschichte wird eher zur Nebensache, Hamburg als Hamburg ebenso (obwohl viel Hafenflair vorhanden ist) und eigentlich ist der verschwundene Wang Shuo und die von ihm gegründete Vereinigung von chinesischen Köchen, die in Deutschland quasi als Leibeigene leben, der Hauptcharakter. Sie legen sich mit ihren Chefs, der Mafia und dem Staat an.
„Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ ist kurzweilige Privatdetektiv-Krimi-Unterhaltung, die auch vegan und vegetarisch Spaß macht. Da kann ruhig vor dem nächsten Jahrzehnt der nächste Lenina-Rabe-Fall erscheinen.
–
Robert Brack: Die drei Leben des Feng Yun-Fat
Edition Nautilus, 2015
192 Seiten
14,90 Euro
–

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)


TV-Tipp für den 22. Juni: Saskatchewan

Juni 22, 2015

Arte, 20.15
Saskatschewan (USA 1954, Regie: Raoul Walsh)
Drehbuch: Gil Doud
Fort Saskatchewan: die Bleichgesichter befürchten, dass die Sioux und die Cree-Indianer sich miteinander verbünden. Also muss etwas getan werden. Aber Sergeant O’Rourke zweifelt und – ach, eigentlich haben wir diese Story schon hundertmal gesehen.
„Ein Film in schönen Farben und mit der hässlichen Moral, dass es als Happy-End ausreicht, wenn man Indianer gegen Indianer hetzt.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Raoul Walsh über den Film: „Bei diesem Film ging alles schief. (…) Ja, die Story war wirklich uninteressant. Aber die kanadischen Landschaften waren wunderbar. Ich habe versucht, ihre ganze Schönheit einzufangen.“
Extrem selten gezeigter Western
mit Alan Ladd, Shelley Winters, Robert Douglas, Hugh O’Brian, Richard Long
Hinweise
Arte über den Film
Turner Classic Movies über „Saskatschewan“
Wikipedia über „Saskatschewan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Raoul Walshs „Der große Treck“ (The big Trail, USA 1930)

Meine Besprechung von Raoul Walshs “Drei Rivalen” (The Tall Men, USA 1955)

Raoul Walsh in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 21. Juni: Southside Festival

Juni 21, 2015

Eins Plus, 17.15
Southside Festival
Bis wenige Minuten vor Mitternacht wird gerockt bis die Hütte kracht und die Nachbarn taub sind.
Mehr Infos bei SWR Das Ding (da gibt es schon einige Bilder, Texte, Videos und auch einen Livestream), Eins Plus (noch ein Livestream; keine weiteren Informationen) und auf der Festivalhomepage (die auch einen Livestream haben).


„stern Crime – Wahre Verbrechen“ – ein neues Magazin

Juni 20, 2015

Crime - Cover

Wer sich schon einmal in einem Bahnhofskiosk durch die dort ausliegenden Zeitschriften wühlte, weiß, dass es unglaubliche Special-Interest-Magazine gibt. Auch zu Themen, bei denen die Käuferzahl sehr überschaubar sein wird. Es gibt auch einige neuere Magazine, die explizit die Kunst des längeren Textes, sei es als Reportage oder als Interview, pflegen, und die ich mir fast nie kaufe, weil neben der einen Reportage, die mich interessiert, auch viele sind, die mich nicht so sehr interessieren. Und, was ich auch bei meinen Recherchen für einen Sammelband über Kriminalreportagen bemerkte, in jedem Magazin gibt es immer wieder gelungene Kriminalreportagen. Aber ein Magazin, das nur Kriminalreportagen enthält, gab es bis jetzt aus für mich unverständlichen Gründen nicht.
Mit „stern Crime – Wahre Verbrechen“, technisch gesehen eine Ausgründung des „Stern“, das wenigstens früher für seine Reportagen bekannt war (zuletzt waren auch die langen Geschichten für meinen Geschmack zu kurz), gibt es jetzt ein Magazin, das nur über Verbrechen berichtet, und schon der erste Eindruck ist erfreulich. Denn die Reportagen sind angenehm lang. Nicht dass Länge alles wäre, aber um in die Tiefe zu gehen und einen Fall in seiner ganzen Komplexität darzustellen, braucht es einige Zeit.
Das erste Heft enthält auf gut 140 Seiten sieben lange Reportagen, zwei Interviews (eines mit einem Kommissar über Verhöre, eines mit Friedrich Ani über seine Kriminalromane, beide lesenswert), eine Bildreportage (über ein Dorf, das sich an einigen Verbrechern rächt) und verschiedene kürzere Texte. Allein schon dieser erste Blick zeigt, dass ein gut zehnseitiger oder längerer Text normal ist.
In den fast ausschließlich von deutschsprachigen Autoren geschriebenen Reportagen geht es um den Highway 16 in Kanada, an dem seit Jahren Frauen verschwinden und manchmal tot aufgefunden werden; um einen Mord an einer Sexsklavin, durchgeführt von einem Architekten, der Irland erschütterte (eine spannende Lektüre); um den Mordversuch von Kelli Stapleton an ihrer autistischen und gewalttätigen Tochter in Michigan, USA (Hanna Rosins bedrückende Reportage erschien im Oktober 2014 im „New York Magazin“ als Titelgeschichte und sie wurde von Kritikern als eine der besten Kriminalgeschichten des Jahres gelobt); um die nach 17 Jahren immer noch erfolglose Suche von Kriminalhauptkommissar Uwe Fey nach dem Mörder des 13-jährigen Tristan in Frankfurt am Main (eine weitere bedrückende Reportage); um einen Bankräuber, der den Überfall in Uhingen aus so edlen Motiven beging, dass sogar der Richter Mitleid mit ihm hatte; und um den heute 21-jährigen Francisco Nicolás, der die spanische Oberschicht narrte (eine vergnügliche Köpenickiade).
Nach der Lektüre des angenehm textlastigen und im Moment noch ziemlich werbefreien Heftes (es gibt also einiges zu Lesen) kann ich sagen, dass es ein vielversprechender Anfang ist. Es ist auch ein Anfang, der noch viel Luft nach oben lässt. Denn die Reportagen sind, im Vergleich zu US-amerikanischen Reportagen, vor allem wenn sie in der Tradition des New Journalism stehen, oft etwas konventionell und brav geraten. Da kann ruhig pointierter und auch literarischer geschrieben werden. Vielleicht sollte „Crime“ in seine Redaktionsstatuten als immerwährenden Antrieb und Selbstverpflichtung den Passus aufnehmen: „Wir schreiben die besten deutschsprachigen Reportagen. Wir sind die Zukunft der Reportage.“
Und es ist, wie bei anderen neuen Magazinen, ein Anfang, der sich noch vieles offen hält. Im ersten Heft überwiegen die Reportagen über Mordfälle (inclusive einem Mordversuch). Künftig sollten dann auch andere Verbrechen und auch Hintergründe zu den gesellschaftlichen Ursachen und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stärker beleuchtet werden. Solange es interessant geschrieben ist, kann es ruhig auch etwas länger werden. Bei den Bildern sollte nach eindrucksvolleren Bildern gesucht werden. Im ersten Heft sind sie noch etwas austauschbar.
Also: weiter so mit den langen Reporagen und ruhig etwas experimentierfreudiger.
„stern Crime – Wahre Verbrechen“ soll sechsmal im Jahr erscheinen. Die nächsten Ausgaben erscheinen am 8. August und 10. Oktober.
–
stern Crime – Wahre Verbrechen Nr. 1
Gruner + Jahr, 2015
140 Seiten
4,80 Euro
–
Hinweis
Homepage des Magazins


TV-Tipp für den 20. Juni: Tatort: So ein Tag…

Juni 19, 2015

HR, 21.40

Tatort: So ein Tag… (Deutschland 1982, Regie: Jürgen Roland)

Drehbuch: Uwe Erichsen, Jürgen Roland

Damals waren auch innerhalb des „Tatort“-Formats solche Einzelstücke möglich. Der selten gezeigter „Tatort“ zeigt den ganz normalen Arbeitstag eines Schutzpolizisten in einer großen Stadt. Polizeihauptmeister Rolfs erfährt, dass einige Gangster die Pelzgroßhandlung, in der seine Freundin arbeitet, überfallen wollen.

Allerdings gehört der in Frankfurt spielende Krimi „So ein Tag…“ nicht zu den besten Werken von Jürgen Roland.

Mit Klaus Löwitsch, Michael Schwarzmeier, Harald Dietl, Diana Körner, Günter Ungeheuer

Hinweis

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Uwe Erichsen

Jürgen Roland in der Kriminalakte


Die Lolas 2015

Juni 19, 2015

Die Deutschen Filmpreise (gekoppelt an eine erkleckliche staatliche Fördersumme von drei Millionen Euro) sind vergeben. Die Gewinner der diesjährigen Lolas sind:
Bester Spielfilm in Gold: VICTORIA (Sebastian Schipper und Jan Dressler/MonkeyBoy
GmbH/Regie: Sebastian Schipper)
Bester Spielfilm in Silber: JACK (Jan Krüger & René Römert/Port au Prince Film & Kultur Produktion GmbH/Regie: Edward Berger)
Bester Spielfilm in Bronze: ZEIT DER KANNIBALEN (Milena Maitz/Studio.TV.Film GmbH/Regie: Johannes Naber)
Bester Dokumentarfilm: CITIZENFOUR (Dirk Wilutzky, Laura Poitras, Mathilde Bonnefoy/Praxis Films Berlin GmbH/Regie: Laura Poitras )
Bester Kinderfilm: RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN (Philipp Budweg, Robert Marciniak/Lieblingsfilm GmbH & Fox International Productions (Germany) GmbH/Regie: Neele Leana Vollmar)
Bestes Drehbuch: Stefan Weigl: ZEIT DER KANNIBALEN
Beste Regie: Sebastian Schipper: VICTORIA
Beste weibliche Hauptrolle: Laia Costa in VICTORIA
Beste männliche Hauptrolle: Frederick Lau in VICTORIA
Beste weibliche Nebenrolle: Nina Kunzendorf in PHOENIX
Beste männliche Nebenrolle: Joel Basman in WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK.
Beste Kamera / Bildgestaltung: Sturla Brandth Grøvlen: VICTORIA
Bester Schnitt: Robert Rzesacz: WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER
Bestes Szenenbild: Silke Buhr: WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER
Bestes Kostümbild: Barbara Grupp: DIE GELIEBTEN SCHWESTERN
Bestes Maskenbild: Nannie Gebhardt-Seele, Tatjana Krauskopf: DIE GELIEBTEN SCHWESTERN
Beste Filmmusik: Nils Frahm: VICTORIA
Beste Tongestaltung: Bernhard Joest-Däberitz, Florian Beck, Ansgar Frerich, Daniel Weis: WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER
Ehrenpreis: Barbara Baum
Besucherstärkster Film: HONIG IM KOPF (Til Schweiger/barefoot films gmbh)
–
Von den nominierten Filmen ist „Victoria“ sicher eine gute Wahl. Immerhin geht es beim Deutschen Filmpreis nicht um eine brancheninterne Feierveranstaltung (jaa, der äußere Schein trügt), sondern um die Vergabe von staatlichen Geldern für kulturell bedeutsame Werke. In dem Zusammenhang verstehe ich die Nominierung von dem US-Vorbilder schlecht kopierenden Hackerkrimi „Who am I – Kein System ist sicher“ überhaupt nicht. Auch nicht, dass er sogar zwei Preise gewonnen hat. Da hätte ich, außer bei der Tongestaltung (da waren „Citizenfour“ und „Victoria“ nominiert), ohne eine Zehntelsekunde zu zögern, jeden der konkurrierenden Filme bevorzugt.


TV-Tipp für den 19. Juni: The Big Lebowski

Juni 18, 2015

ZDFneo, 20.15

The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Trash“ ist nicht Trash

Juni 18, 2015

Als Erwachsener ist man von „Trash“ sicher etwas unterfordert. Die Story, eigentlich eine riesige Schnitzeljagd, ist zu einfach. Die Protagonisten, drei Jugendliche, fast noch Kinder, sind zu jung. Die Bösewichter, vor allem ein Polizist, sind zu böse. Aber das Zielpublikum sind Jugendliche, die einen zünftigen Abenteurer-Thriller sehen dürfen, der in einer fremden Welt spielt, die für ein jugendliches Publikum erstaunlich unverklärt und unromantisch gezeigt wird.
Raphael und Gardo suchen auf einer Müllkippe in Rio de Janeiro nach Abfall, den sie zu Geld machen können. Als sie einen Geldbeutel mit einigen Geldscheinen finden, fühlen sie sich wie die Gewinner eines Jackpots. Als kurz darauf die Polizei auftaucht und eine unglaublich hohe Summe für den Geldbeutel bietet, wissen sie, dass sie etwas viel wertvolleres gefunden haben. Sie behalten den Geldbeutel, der auch ein Blatt mit einem Code enthält.
Gemeinsam mit Rato überlegen sie, wie sie ihren Fund versilbern können.
Schnell ist ihnen der skrupellose Polizist Frederico, der den gesamten Polizeiapparat benutzt, um sie zu jagen, auf der Fährte.
Denn der von der Polizei ermordete Besitzer des Geldbeutels war ein Mann, der brisante Informationen hatte. Der Code führt, entschlüsselt, zu dem Versteck der politisch brisanten Informationen und viel Geld.
Aus dieser einfachen und bewährten Prämisse entwickelt sich eine flotte actionhaltige Hatz, in der die jugendlichen Darsteller, allesamt Laien ohne Schauspielerfahrung, im Mittelpunkt stehen. Die bekannten und erwachsenen Schauspieler, wie Martin Sheen und Rooney Mara, als ein Priester und seine Assistentin, denen die drei Jungs vertrauen, sind nur Nebencharaktere, die die internationale Verkäuflichkeit dieser Geschichte garantieren, die nicht nur wegen ihres Handlungsortes deutlich von „City of God“ (das sich an ein erwachsenes Publikum richtet) beeinflusst ist. Auch mehrere Menschen, die bei „City of God“ und den Folgewerken dabei waren, sind in „Trash“ involviert. Sie wurden engagiert, um der Geschichte ein möglichst authentisches Flair zu geben. Das gelang ihnen.
Die Regie übernahm Stephen Daldry, der bereits „Billy Elliot“ und „The Hours“ inszenierte. Das Drehbuch ist von Richard Curtis, der die Bücher für „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Notting Hill“, „Gefährten“ und „Alles eine Frage der Zeit“ (auch Regie) schrieb. Beide sind sicher nicht als die großen klassenkämpferischen Filmemacher oder Actionfilmer (obwohl es genug Aktion gibt) bekannt, aber ihre Namen bürgen für gute Unterhaltung, die ihr Publikum ernst nimmt; was auch auf „Trash“ zutrifft.
Curtis inszenierte den sehenswerten Jugendfilm als Dan-Brown-artige Jagd durch die Hinterhöfe, Slums, Müllhalden, Friedhöfe und Straßen von Rio als Hohelied auf die Freundschaft von Raphael, Gardo und Rato, deren Optimismus und Lebensfreude mitreisen. Trotz ihrer Armut geben sie nicht auf.

Trash - Plakat

Trash (Trash, Großbritannien 2014)
Regie: Stephen Daldry, Christian Duurvoort (Brasilien)
Drehbuch: Richard Curtis, Felipe Braga (zusätzliches Material)
LV: Andy Mulligan: Trash, 2010 (Trash)
mit Rickson Tevez, Eduardo Luis, Gabriels Weinstein, Martin Sheen, Rooney Mara, Wagner Moura, Selton Mello
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „Trash“
Moviepilot über „Trash“
Metacritic über „Trash“
Rotten Tomatoes über „Trash“
Wikipedia über „Trash“ (deutsch, englisch)
Homepage von Andy Mulligan


Neu im Kino/Filmkritik: Der Möchtegern-Polit-Thriller „Die Lügen der Sieger“

Juni 18, 2015

Christoph Hochhäusler ist kein Dummer. Seine bisherigen Filme, wie „Falscher Bekenner“ und „Unter dir die Stadt“, kamen bei der Kritik ziemlich gut an, er setzt sich auch theoretisch mit dem Film auseinander und er ist einer der Herausgeber der Filmzeitschrift „Revolver“.
Mit seinem neuen Spielfilm „Die Lügen der Sieger“ will er offensichtlich den aktuellen Zustand der Berliner Republik, das Geflecht von Politik, Lobbyismus, Wirtschaftsinteressen, Beratungsfirmen und Journalismus vermessen. Das steht natürlich in der Tradition klassischer Polit-Thriller wie „Die Unbestechlichen“ (über die Watergate-Affäre) und neuerer Polit-Thriller, wie „State of Play“ (die britische TV-Serie und das Hollywood-Spielfilm-Remake).
Aber auch wenn man diese Tradition ignoriert (okay, das fällt schwer. Das ist so, als ob man bei Eric Clapton und den Rolling Stones den Blues-Einfluss ignorieren würde.), ist „Die Lügen der Sieger“ ein, höflich formuliert, sehr enttäuschender Film. Gerade weil er so viel besser als viele andere deutsche Filme, vor allem die unzähligen, banalen Komödien, sein könnte. Und vielleicht bin ich deswegen auch etwas zu ungnädig.
Fabian Groys, hochgelobter Einzelgänger-Journalist in der Hauptstadtredaktion eines Nachrichtenmagazins (jaja, sieht aus und riecht wie „Der Spiegel“), recherchiert eine große Story über den schändlichen Umgang der Bundeswehr mit kriegsversehrten Veteranen. Er vermutet, dass die Regierung für die Behandlung ihrer Leiden nicht aufkommen will. Als er die Praktikantin Nadja Koltes zugeteilt bekommt, wimmelt er sie mit den Recherchen für eine Boulevard-Geschichte ab: in Gelsenkirchen sprang ein Mann in einen Löwenkäfig.
Selbstverständlich – auch wenn es einige Zeit dauert, bis die Zusammenhänge erahnbar werden – hängen diese beiden Geschichten miteinander zusammen.
Und dann geht es noch um eine Gesetzesinitiative, die verhindert werden soll, eine Recyclingfirma, die ihre Angestellten vergiftet, und, weil auch das mit den anderen Geschichten zusammenhängt, um den Einfluss einer im Hintergrund bleibenden Organisation, die man sich am Besten als eine All-inclusive-Lobby-und-Problembeseitigungsfirma vorstellt. Ach, und es geht auch, ganz allgemein um den Einfluss von Lobbyvereinen – und, letztendlich, um alles und um nichts.
Dabei gäbe jedes dieser Themen genug Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Aber anstatt mit einer klaren Analyse gegen einen Missstand vorzugehen, verzettelt Hochhäusler sich und liefert eine unglaubwürdig an der Wirklichkeit vorschrammende Kolportage ab, die viel zu oft in einer nicht produktiven, sondern nur frustierenden Verwirrung endet, wie diese Szene vom Filmanfang zeigt: wir sehen einen älteren Mann (so um die Fünfzig) der offensichtlich für ein Gespräch präpariert wird. Wir wissen nicht, wer er ist. Wir wissen nicht, um was es in dem wichtigen Gespräch gehen soll. Wir wissen nicht, wer ihn trainiert – und bei seinen Coaches ist auch unklar, ob sie eine dafür engagierte Firma sind und wer welche Position inne hat. So glauben wir zunächst, entsprechend der traditionellen Rollenverteilung, dass der ältere Coach der Chef ist und die etwa gleichaltrige Frau seine Untergebene. Viel später erfahren wir, dass es umgekehrt ist.
Fast keine Frage wird in dieser geheimnisvollen Szene aufgelöst, was jetzt nicht unbedingt ein Problem wäre. Geheimnisvolle Andeutungen steigern ja bekanntlich die Spannung.
Aber weil diese Szene uns mit für die Geschichte wichtigen Charakteren bekannt machen soll (alle drei werden später wichtig), hätten die Filmemacher uns in diesen Momenten ganz klar einige Informationen liefern müssen. Nämlich wer die Charaktere sind, was sie wollen, warum wir uns mit ihnen identifizieren sollen und wer von ihnen für die weitere Geschichte wichtig ist. Aber am Ende dieser Szene wissen wir noch nicht einmal wer der Trainierte ist. Ein Lobbyist? Ein Unternehmer? Ein Politiker? Ein Schauspieler? Wir wissen auch nicht, wofür er trainiert wird.
Diese Szene ist symptomatisch für den gesamten Film: er verkompliziert alles bis zum Gehtnichtmehr. Der Skandal, den der Journalist aufklären will, wird unter einem Berg von weiteren Themen begraben, die alle wichtig sind. Aber es fehlt ein erzählerischer Fokus und damit eine sinnvolle Struktur von Plots und Subplots. Dabei ist gerade in einem Polit-Thriller die Klarheit des Denkens wichtig. Immerhin will er über Missstände aufklären, für Empörung sorgen und zum Handeln auffordern. Nichts davon gelingt „Die Lügen der Sieger“. Eher schon befördert er ein konservativ-reaktionäres Gefühl, das sagt, dass alles hoffnungslos mit allem verflochten ist, alles furchtbar undurchschaubar ist und man sowieso nichts gegen die da Oben machen kann.
Und dabei habe ich noch nichts über den Protagonisten Fabian Groys gesagt, der sich natürlich in seine junge Praktikantin (die er zunächst nicht will, weil er immer allein arbeitet) verliebt, einen Halbstarken-Porsche fährt, alleinstehend, spielsüchtig und zuckerkrank ist. Trotzdem ist er kein komplexer Charakter, sondern eine reine Reißbrett-Figur, bei der seine pompös eingeführte Spielsucht und seine ebenso pompös eingeführte Krankheit für die Haupthandlung vollkommen unwichtig sind. Am Ende, nachdem die Haupthandlung abgeschlossen ist, gibt es dann einen Anschlag auf Groys‘ Leben, der nicht die Skrupellosigkeit der Bösewichter, sondern die Unplausibilität des Drehbuchs demonstriert. Das Hollywood-Äquivalent dazu wäre – ich will ja nichts verraten – der James-Bond-Bösewicht, der erst nachdem er von Bond besiegt wurde, einen von Anfang an zum Scheitern verurteilten Angriff auf Bonds Leben startet.
Dabei hätte man aus Groys‘ Spielsucht und seiner Krankheit wirklich etwas machen können. Immerhin könnten die Bösewichter beides benutzten, um seine Recherchen schwieriger zu gestalten und sie hätten versuchen können, ihn mit seiner Spielsucht und seiner Krankheit zu erpressen.

Die Lügen der Sieger - Plakat

Die Lügen der Sieger (Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: Christoph Hochhäusler
Drehbuch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer
mit Florian David Fitz, Lilith Stangenberg, Horst Kotterba, Ursina Lardi, Avred Birnbaum, Jakob Diehl, Cornelius Schwalm
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Die Lügen der Sieger“
Film-Zeit über „Die Lügen der Sieger“
Moviepilot über „Die Lügen der Sieger“


Peter Schaar über „Das digitale Wir“

Juni 18, 2015

Noch ein Buch über das Internet. Wieder einmal geschrieben von einer Person, die sich in den vergangenen Jahren zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit dazu äußerte. Lohnt sich also die Lektüre von Peter Schaars „Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft“?
Ja! Ein uneingeschränktes Ja.
Peter Schaar, für alle, die die letzten Jahre auf einem anderen Planeten lebten, war von 2003 bis Ende 2013 der über alle Parteigrenzen hinweg respektierte und für sein Thema kämpfende Bundesbeauftrage für Datenschutz und Informationsfreiheit. Seine Nachfolgerin Andrea Voßhoff trat nicht nur in große Fußstapfen, sondern erwies sich bis jetzt als Totalausfall, der jeden Kontakt zur Öffentlichkeit vermeidet. Daran ändern auch ihre letzten Wortmeldungen nichts.
Schaar wurde schon im September 2013 Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID) und er ist immer noch ein gefragter, kämpferischer und kompetenter Streiter für den Schutz der Privatsphäre (vulgo Datenschutz) und den Ausbau der Informationsfreiheit (vulgo Transparentes Handeln des Staates und der Verwaltung).
In „Das digitale Wir“ zeichnet er ein breites Panorama der Digitalgesellschaft in all ihren Schattierungen. Dabei setzt er sich zwischen die Stühle „Alarmismus“ (die Welt geht unter, die Kinder werden immer dümmer und sowieso wird alles schlechter) und „grenzenlosem Utopismus“ (wir sind kurz vor dem Paradies und alle wichtigen Probleme der Menschheit werden mit dem Internet gelöst). Der 1954 geborene Peter Schaar gehört zu den „digital immigrants“, die noch eine Welt ohne Computer auf jedem Schreibtisch kennen und die die rasanten Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebten. Beruflich beschäftigte er sich dabei immer mit dem Datenschutz und auch damit, wie ein Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen geschaffen werden kann.
Diese ausgleichende Position ist auch der große Verdienst von „Das digitale Wir“. Er bietet einen gerafften Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte, wie sich bestimmte Probleme (von Großcomputern zu Bürocomputern zum Internet mit all seinen Vernetzungen) und Positionen veränderten und verziert ihn mit einigen wenigen persönlichen Erlebnissen, wenn er von dem Meinungsumschwung der Grünen (er ist Parteimitglied) oder von Aktionen des Chaos Computer Clubs erzählt.
Dieser Rückblick wird schnell zu einem Panorama des Ist-Zustandes, den er – mit einem besonderen Fokus auf Deutschland – unaufgeregt und ohne Dramatisierungen schildert. Er sieht Chancen und Risiken und er weiß, dass es kein Zurück in die analoge Gesellschaft gibt. Es geht also darum, die transparente Gesellschaft zu verstehen und zu gestalten. Wobei er dieser Gestaltung nur wenige Seiten widmet.
Dabei weist er auch darauf hin, dass die derzeitige digitale Geschafft keines der altbekannten Menschheitsprobleme gelöst hat. Ökonomische Ungleichgewichte haben zugenommen und teilweise werden sie durch die Struktur des Internets noch vergrößert. Kriege, Hunger und Umweltkatastrophen gibt es weiterhin. Die Kontrollbegehrlichkeiten der Regierungen, siehe Vorratsdatenspeicherung und die verschiedenen Überwachungsgesetze, wachsen.
Dennoch glaubt er, dass wir noch eine demokratische, an zivilisatorischen Werten orientierte Informationsgesellschaft erreichen können. Dafür muss vor allem der Wille der Politik, also aller Bürger, an einer Gestaltung dieser Welt vorhanden sein.

Schaar - Das digitale Wir

Peter Schaar: Das digitale Wir – Unser Weg in die transparente Gesellschaft
Edition Körber-Stiftung, 2015
224 Seiten
17 Euro
–
Hinweise
Homepage der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz
Wikipedia über Peter Schaar


TV-Tipp für den 18. Juni: Im Vorhof der Hölle

Juni 18, 2015

EinsPlus, 23.00

Im Vorhof der Hölle (USA 1990, Regie: Phil Joanou)

Drehbuch: Dennis McIntyre

Terry Noonan kehrt zurück in sein altes Viertel Hell’s Kitchen und trifft sich auch gleich wieder mit seinen alten Gangsterkumpels. Was diese nicht wissen: inzwischen ist Terry bei der Polizei.

Klasse Neo-Noir-Krimi, der damals etwas unterging und, optisch und schauspielerisch brillant, in bekannten Gewässern fischt.

Mit Sean Penn, Gary Oldman, Robin Wright, John Turturro, Burgess Meredith, John C. Reilly

auch bekannt als „Im Vorhof zur Hölle“

Wiederholung: Freitag, 19. Juni, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Im Vorhof der Hölle“

Wikipedia über „Im Vorhof der Hölle“ (deutsch, englisch)

The Film Temple über „Im Vorhof der Hölle“

Arte über “Im Vorhof der Hölle”


TV-Tipp für den 17. Juni: Catch me if you can

Juni 16, 2015

Sat.1, 20.15

Catch me if you can (USA 2002, Regie: Steven Spielberg)

Drehbuch: Jeff Nathanson

LV: Frank Abagnale (mit Stan Redding): Catch me if you can: The Amazing True Story of the Youngest and Most Daring Con Man in the History of Fun and Profit, 1980 (Mein Leben auf der Flucht, Catch me if you can)

Spielberg erzählt kurzweilig die wahre Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale. Der Film „ist eine swingende, schwerelose Krimikomödie, die durch Tempo, Charme und Verspieltheit überzeugt.“ (Berliner Zeitung, 30. Januar 2003)

Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, James Brolin, Jennifer Garner

Hinweise

Wikipedia über “Catch me if you can” (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Catch me if you can”

History vs. Hollywood überprüft den Wahrheitsgehalt der Hochstaplergeschichte

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


Cover der Woche

Juni 16, 2015

Vallet - Adieu Bulle


TV-Tipp für den 16. Juni: Arte-Themenabend Die Schattenmacht

Juni 16, 2015

Themenabend: Die Schattenmacht
Gut, der eigentliche Themenabend ist nicht sooo lang, aber dann zeigt Arte noch einige Filme, die den Abend zu einem Mega-Themenabend machten:
Arte, 20.15 (VPS 21.10)
Operation Weiße Weste (Deutschland 2015) (über die Mafia in Europa)
Arte, 21.10 (VPS 20.15)
Im Visier der Kartelle: Drogenkrieg in Westafrika (Deutschland 2015)
Arte, 22.00
Gesprächsrunde (megakurze Diskussion zum Themenabend)
Arte, 22.10
Drogen: Amerikans längster Krieg (USA 2012) (Eugene Jarecki über den Kampf der USA gegen Drogen und die Drogenkriminalität)
Arte, 00.00
So kommst Du ins Weiße Haus! – Eine Gebrachsanweisung (Frankreich 2012) (Revue über hundert Jahre US-amerikanischer Präsidentschaftsgeschichte)
Arte, 01.00
Kolumbiens Trauma – Verschwunden im Justizpalast (Kolumbien 2011) (über einen Militäreinsatz in Bogota 1985)
Arte, 02.20
Die Doku „Schlaganfall – Jede Minute zählt“ behandelt jetzt wirklich ein anderes Thema.
Ach ja: alle weiteren Infos hier.


„Heiraten. F#cken. Töten“ – das sollte Klicks geben

Juni 15, 2015

Seeley - Revival 2Seeley - Revival 3

Mit „Hack/Slash“ über eine Frau, die Slasher jagt, wurde Tim Seeley bekannt.
Mit „Revival“ über eine Stadt, in der Erweckte (vulgo Zombies vulgo Untote) zum normalen Teil der Dorfbevölkerung gehören, hat er jetzt eine zweite Comicserie am Start, die nach einem vielversprechendem Anfang verheißungsvoll weitergeht.
In den Sammelbänden „Lebe dein Leben“ und „Ein ferner Ort“ rückt das alltägliche Leben und der unbefangene Umgang mit den Toten in den Vordergrund. Immerhin unterscheiden sie sich kaum von den lebendigen Bewohnern in Wasau, Wisconsin, und sie haben auch keine erkennbar negativen Eigenschaften. Jedenfalls bis jetzt nicht. Trotzdem steht die Stadt unter Quarantäne und, weil keiner weiß, warum nur an diesem Ort Tote wieder auferstehen, sind auch die Medien mit Live-Schaltungen vor Ort. Die Kleinstadt wird zu einem Magneten für Spinner jeglicher Couleur. Gerne auch religiös gefärbte Fanatiker.
Im Mittelpunkt steht immer noch Dana Cypress, eine alleinerziehende, junge Polizistin. Ihr Vater, der Polizeichef, übertrug ihr die Leitung der „Schlichtungseinheit für erweckte Bürger“. Er glaubt, das sei im Moment der langweiligste und daher sicherste Posten. Was natürlich nicht stimmt. Schon bei ihrem ersten Einsatz starb ihre Schwester, die sie zufällig begleitete. Jetzt ist Martha eine Erweckte,
Und dann tauchen noch Weiße Gestalten, Geister mit einer ziemlich tödlichen Agenda, auf.
Mit dem Fokus auf dem alltäglichen Leben zwischen Menschen und Erweckten und ihren Konflikten untereinander gehorcht „Revival“ schon jetzt der auf kein bestimmtes Ende angelegten Endlosdramaturgie mit einer zunehmenden Zahl von miteinander verbundenen Plots. Daher sollte man die Serie von Anfang an zu Lesen. Dann kann sie so etwas wie die „Lindenstraße“ werden.

Seeley - Hack-Slash 11Seeley - Hack-Slash 12
Diese Gefahr besteht bei „Hack/Slash“ nicht. Denn das ist die Ab-18-Jahre-Bad-Taste-Ecke der Videothek, die als würdiger Nachfolger der Mitternachtsvorstellungen und Bahnhofkinos fungiert. Denn wo sonst findet man eine knapp bekleidete Heldin, die als Slasherjägerin anfing und inzwischen auch andere, ähem, Wesen tötet?
Ein strikt chronologisches Lesen ist bei „Hack/Slash“ auch nicht unbedingt nötig. Denn Tim Seeley wechselt zwischen Einzelgeschichten und Episoden, die Teil einer größeren Mythologie sind. Wobei die Einzelgeschichten, die sich lustvoll durch die Tiefen und Untiefen des Horrorfilmgenres pflügen, besser sind. Außerdem gibt es immer wieder Crossover-Geschichten mit anderen Comicserien und Seeley lässt andere Autoren „Hack/Slash“-Geschichten schreiben. Kurz gesagt: während „Revival“ seine Vision ist, ist „Hack/Slash“ ein offener Kosmos.
In „Tote Promis“, dem elften Hack/Slash-Sammelband sind, drei Geschichten enthalten. In „Die Rückkehr von Fantomah“ bittet die geheimnisvolle Frau des Dschungels, die gottgleiche Kräfte hat und Gedanken beeinflussen kann, Cassie und ihren Freund Vlad um Hilfe. Sie sollen ihr bei dem Kampf um ihre Lebenswelt, den Dschungel, helfen.
In „Fame Monster“ (Das Ruhmmonster), die längste und zentrale Geschichte des Sammelbandes, werden Popstars auf bestialische Weise ermordet. Cassie befürchtet, dass ein ihr von früher bekannter Slasher zurückgekehrt ist.
Wohl oder über muss sie mit Vlad nach Manhattan gehen und das dortige „Promis für Promis“-Benefizkonzert besuchen, damit es nicht in einem Massaker endet.
Und „Hatchet/Slash“, geschrieben von Benito Cereno, erzählt von einer Gruppe New-Orleans-Besucher, die in die Sümpfe gefahren sind, um den Geist von Victor Crowley zu sehen. Das ist natürlich eine Legende. Trotzdem verschwinden die Besucher und Cassie glaubt, dass mehr dahintersteckt.
In „Heiraten. F#cken. Töten.“, dem zwölften Hack/Slash-Sammelband, sind die Geschichten „Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast“ und „Monsterjagd“ enthalten. Die beiden vorzügliche Einzelgeschichten spielen, – mal wieder –, gelungen mit den bekannten Filmklischees.
In „Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast“ brechen drei der gefährlichsten Häftlinge aus einem Gefängnis (also genaugenommen dem Hochsicherheitstrakt für Frauen in der White-Ward-Strafanstalt in der Paralleldimension 555, auch bekannt als Purgatorium) aus und flüchten in eine andere Galaxis auf den schönen Planeten Erde. Dort wollen die Ausbrecherinnen (eine von ihnen nennt sich Bomb Queen [alles klar?]) eine Welt nach ihrem Geschmack errichten. Nur Cassie Hack kann vielleicht das Schlimmste verhindern.
In „Monsterjagd“ geht es in das noch nicht erschlossene Doyle Valley im Regenwald Nordwestguyanas. Dort drehten die Monster Bait Studios in den späten Fünfzigern vierzig schlechte B-Horrorfilmen, die möglicherweise die Fassade für etwas viel schlimmeres waren.
Und dann passiert, was immer in diesen Horrorfilmen passiert: der Gastgeber entpuppt sich als Fiesling, der seine Gäste töten will.
Oh, und alle Monster aus den Filmen waren keine schlechten Tricks, sondern sie existieren und sie haben Cassie und ihre Freunde zum Fressen gerne.
Gerade „Heiraten. F#cken. Töten.“ spielt die Stärken der Hack/Slash-Serie voll aus: respektloser Humor, eine große Liebe zu den schlechten Horror- und Monsterfilmen, die unsere Sonntagnachmittage verschönerten und eine taffe, äußerst knapp bekleidete Heldin.
Was jetzt nicht heißt, dass „Tote Promis“ schlecht ist. Es hat halt nur ein, zwei popkulturelle Anspielungen weniger.
–
Tim Seeley: Hack/Slash – Heiraten, f#cken, töten (Band 12)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2015
160 Seiten
19,80 Euro
–
Originalausgabe
Hack/Slash: Marry F#ck Kill
Image, 2012
–
enthält
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister (Zeichnungen): Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister, Emilio Laiso (Zeichnungen): Monsterjagd
–
Tim Seeley: Hack/Slash – Tote Promis (Band 11)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2014
160 Seiten
19,80 Euro
–
Originalausgabe
Hack/Slash: Dead Celebrities
Image, 2012

enthält
Tim Seeley (Text)/Kyle Strahm (Zeichnungen): Die Rückkehr von Fantomah
Tim Seeley (Text)/Daniel Leister (Zeichnungen): Fame Monster
Benito Cereno (Text)/Ariel Zucker-Brull (Zeichnungen): Hatchet/Slash
–
Tim Seeley (Text)/Mike Norton (Zeichnungen): Revival – Ein ferner Ort (Band 3)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2015
128 Seiten
18 Euro
–
Originalausgabe
Revival, Volume 3: A faraway place
Image Comics, 2014
–
Tim Seeley (Text)/Mike Norton (Zeichnungen): Revival – Lebe dein Leben (Band 2)
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2014
128 Seiten
18 Euro
–
Originalausgabe
Revival, Volume 2: Live like you mean it
Image Comics, 2013
–
Hinweise

Homepage von Tim Seeley

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: (Re)Animatoren (Band 5)“ (Hack/Slash: Reanimation Games, 2009)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: My First Maniac – Wie alles begann (Band 9)“ (Hack/Slash: Me without you, 2010)

Meine Besprechung von Tim Seeleys „Hack/Slash: Folterverliebt (Band 10)“ (Hack/Slash: Torture Porn, 2011)

Meine Besprechung von Tim Seeley/Mike Nortons „Revival: Unter Freunden (Band 1)“ (Revival, Volume 1: You’re among friends, 2012)