Sea of Love – Melodie des Todes(Sea of Love, USA 1988)
Regie: Harold Becker
Drehbuch: Richard Price
In New York werden mehrere Männer, die auf Kontaktanzeigen geantwortet haben, ermordet. Der abgewrackte Cop Frank Keller (Al Pacino) sucht den Mörder. Dafür gibt er selbst eine Kontaktanzeige auf und trifft Helen (Ellen Barkin). Er verliebt sich in die geheimnisvolle Schönheit. Dummerweise ist sie gleichzeitig die Hauptverdächtige.
Spannender Thriller. Dank des wendungsreichen Drehbuchs von Richard Price, der auch ein erfolgreicher Romanautor ist („The Wanderers“, „Clockers“, „Lush Life“), und der glänzenden Schauspieler. Al Pacino erhielt eine Golden-Globe-Nominierung. Richard Price eine Edgar-Nominierung (und verlor gegen die heute ziemlich vergessene High-School-Satire „Heathers“).
mit Al Pacino, Ellen Barkin, John Goodman, Michael Rooker, William Hickey, Ricahrd Jenkins, Paul Calderon
Arbeit ohne Sinn (The happy worker, Finnland 2022)
Regie: John Webster
Buch: John Webster, Eveliina Kantola
Unzufrieden mit ihrer Arbeit? Sie sind nicht allein. Warum immer mehr Menschen mit ihrer Arbeit im Büro, den Inhalten und der Struktur, unzufrieden sind, versucht John Webster in seinem spielfilmlangen Dokuessay herauszufinden.
TV-Premiere (zu einer unmöglichen Uhrzeit) der sehr gelungenen, informativen und kurzweiligen Doku über den 1981 gegründeten Chaos Computer Club und seinen visionären Gründer Wau Holland, der die Utopie eines freien Internets hatte. Noch bevor die Welt das Internet kannte.
Catch me if you can (Catch me if you can, USA 2002)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Jeff Nathanson
LV: Frank Abagnale (mit Stan Redding): Catch me if you can: The Amazing True Story of the Youngest and Most Daring Con Man in the History of Fun and Profit, 1980 (Mein Leben auf der Flucht, Catch me if you can)
Spielberg erzählt kurzweilig die wahre Geschichte des Hochstaplers Frank Abagnale. Der Film „ist eine swingende, schwerelose Krimikomödie, die durch Tempo, Charme und Verspieltheit überzeugt.“ (Berliner Zeitung, 30. Januar 2003)
Mit Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, James Brolin, Jennifer Garner
Was hat Maria Schrader vor „She said“ gemacht? Nun:
NDR, 20.15
Ich bin dein Mensch(Deutschland 2021)
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader
LV: Emma Braslavsky: Ich bin dein Mensch, 2019 (Kurzgeschichte, in „2029 – Geschichten von Morgen“)
Die Wissenschaflerin Alma soll über mehrere Wochen mit einem humanoiden Roboter zusammenleben und anschließend einen Forschungsbericht über die gemeinsame Zeit verfassen. Es geht um die Frage, ob humanoide Roboter Menschenrechte bekommen sollen.
„Ich bin dein Mensch“ ist ein feiner, auf der Berlinale abgefeierter, zum Nachdenken anregender Science-Fiction-Film und einer der besten deutschen Filme des Jahres. Er erhielt, unter anderem, vier deutsche Filmpreise als bester Film, für die beste Regie, das beste Drehbuch und die beste Hauptrolle.
mit Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch, Annika Meier, Falilou Seck, Jürgen Tarrach, Henriette Richter-Röhl, Monika Oschek
Der 1936 in der Bronx, New York City, geborene Don DeLillo zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen US-amerikanischen Schriftstellern. „Americana“, seinen ersten Roman, veröffentlichte er 1971. 1985 hatte er mit „Weißes Rauschen“ (White Noise) seinen Durchbruch. Zu seinen seitdem erschienenen Werken gehören „Sieben Sekunden“ (Libra, 1988), „Mao II.“ (1991), „Unterwelt“ (Underworld, 1997; allein schon wegen seines Umfangs von knapp tausend Seiten erschlagend) und „Cosmopolis“ (2003). Er gehört zu der sehr losen Gruppe der Postmodernisten – und das ist auch schon die Erklärung, warum die IMDb nur sechs Verfilmungen auflistet. Zwei sind Originaldrehbücher ohne eine literarische Vorlage. Zwei sind Kurzfilme. Eine Verfilmung ist eine französische Produktion, die bei uns anscheinend nie gezeigt wurde. Die bekannteste DeLillo-Verfilmung ist David Cronenbergs „Cosmopolis“. Sie basiert auf einem zweihundertseitigem Buch, in dem DeLillo eine ziemlich gradlinige Geschichte erzählt. Das erleichtert die Verfilmung. Denn normaleweise sind die Bücher der Postmodernisten, wozu auch Thomas Pynchon, Kurt Vonnegut, Joseph Heller und Paul Auster gehören, unverfilmbar. Aber eine grandiose Lektüre.
Der neueste Versuch einen Roman von Don DeLillo zu verfilmen, ist von Noah Baumbach. Er nahm sich „Weißes Rauschen“ vor. Netflix gab ihm das Geld und dort ist die Satire ab dem 30. Dezember zu sehen. Bis dahin kann sie im Kino angesehen werden. Das ist der Ort, für den Baumbach seinen Film inszenierte. Denn jedes Bild ist für die große Leinwand komponiert. Einige Bilder entfalten erst dort ihre volle Wirkung.
Die Story hat Baumbach von DeLillo übernommen. Im Mittelpunkt steht Jack Gladney (Adam Driver). Er ist in der Provinz im College-on-the-Hill Professor für Geschichte, Experte für Adolf Hitler, verheiratet mit Babette (Greta Gerwig) und Erzieher von vier aus unterschiedlichen Ehen stammenden Kindern. Vor allem mit seinem Kollegen Murray Siskind (Don Cheadle), Experte für Elvis Presley und Autounfälle in Filmen, redet er über alles, was gerade an tages- und gesellschaftspolitisch wichtigen Themen diskutiert werden kann.
Der Film zeigt ihn im Gespräch mit seiner Frau und seinen Kindern und mit seinen Kollegen. Am Frühstückstisch, in der Universität und im Lebensmittelgeschäft.
In der Mitte des Films ereignet sich, wie im Roman, das „Airborne Toxic Event“. Bei einem Zugunfall treten unbekannte, möglicherweise tödliche, aber vielleicht auch vollkommen harmlose Gase aus. Als die Wolke sich ihrem Ort nähert, zwingt die Regierung alle Einwohner, sofort ihre Wohnung zu verlassen. In einem Ferienlager verbringen die Gladneys mit vielen anderen Menschen, die ebenfalls vor der Giftwolke geflüchtet sind, einige Tage. Nach einem Alarm flüchten sie kopflos. Gladney will auf ihrer Flucht vor der Wolke nicht mit den anderen Menschen in einem Stau stehen. Er wählt kopflos eine andere Route, steuert sein Auto mit seiner Familie panisch durch den Wald in einen Fluss. Sie treiben etwas flussabwärts und stehen etwas später im Stau.
Seine Frau Babette betrügt ihn und nimmt Dylar, eine Droge, über die nichts bekannt ist und die erhebliche Nebenwirkungen hat. Aber sie könnte Menschen helfen, die unter Todesangst leiden. Sie könnte mit dem Wissen der Regierung ausprobiert werden; – oder nicht.
Und dann endet der Film in einer Tanzszene in einem Supermarkt.
Das ist keine Geschichte im traditionellem Sinn, sondern eine ermüdende Abfolge von Ereignissen, die auch in irgendeiner anderen Reihenfolge präsentiert werden könnten. Oft wird auf eindeutige Erklärungen zugunsten eines Potpourris alternativer Erklärungen, absurder Erklärungen, Nicht-Erklärungen oder Verschwörungstheorien verzichtet. Es gibt Konsumkritik und Kritik am ‚american way of life‘, die vor gut vierzig Jahren neu war. Heute wirkt sie wie die nostalgische Erinnerung an eine bessere und einfachere Zeit. Natürlich ist alles immer etwas absurd und, wie der Chemieunfall, eine Verkettung unglaublicher Zufälle.
Noah Baumbachs „Weißes Rauschen“ wirkt immer wie eine textnahe Inszenierung des Romans für die Fans des Romans, die sich an den Gemeinsamkeiten und Unterschieden abarbeiten können. Denn DeLillos Themen, seine Sprache und der Aufbau des Romans sind jederzeit erkennbar. Baumbach garniert das mit einigen filmischen und popkulturellen Anspielungen.
Als eigenständige Interpretation versagt diese Verfilmung dann. Einmal weil der 136-minütige Film zu nah an dem plotlosen Roman ist; einmal weil die in dieser Satire formulierte Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft eine Welt kritisiert, die es vor vierzig Jahren gab.
Weißes Rauschen(White Noise, USA 2022)
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach
LV: Don DeLillo: White Noise, 1985 (Weißes Rauschen)
mit Adam Driver, Greta Gerwig, Don Cheadle, Raffey Cassidy, Sam Nivola, May Nivola, Lars Eidinger, Andre Benjamin, Jodie Turner-Smith, Barbara Sukowa
Als die „New York Times“-Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey im Mai 2017 begannen, über von Harvey Weinstein begangene sexuelle Übergriffe zu recherchieren, ahnten sie nicht, welche Wirkung ihre Arbeit entfalten sollte. Oft folgte auf entsprechende Enthüllungen nichts. Immer können die Betroffenen gegen die Geschichte klagen.
Vor der Veröffentlichung einer solchen Enthüllungsgeschichte müssen deshalb stichhaltige und überzeugende Beweise gesammelt werden. Und das war in diesem Fall schwierig. In ihrem Buch „She said“ erzählen die beiden Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey ausführlich von diesen Schwierigkeiten. Maria Schrader erzählt in ihrer Verfilmung des Buches noch ausführlicher davon.
Mit seinem Bruder gründete Harvey Weinstein Miramax. 2005 verließen sie die in dem Moment zu Disney gehörende Firma und gründeten The Weinstein Company. Vor allem in den Neunzigern krempelten sie den US-Independent-Filmmarkt vollkommen um. Ihre Filme waren Kassenhits. Sie machten Stars und erhielten alle wichtigen Filmpreise. Zu den von den Weinsteins teils produzierten, teils verliehenen Filmen gehören die Filme von Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“, „Jackie Brown“ undsoweiter), „Sex, Lügen und Video“, „Das Piano“, „Clerks“, „Der englische Patient“, „Good Will Hunting“, „Shakespeare in Love“, „„Gangs of New York“ und auch „Scream“.
Um ihre Filme ans Publikum zu bringen waren sie nicht zimperlich. Harvey Weinstein war, wenn man ältere Berichte durchliest, wohl schon immer ein Choleriker, den man lieber zum Freund als zum Feind hatte. Gerüchte über sexuelle Übergriffe gab es schon lange. Aber das waren letztendlich nur Gerüchte.
Die beiden Reporterinnen mussten also betroffene Frauen finden, sie zum Reden bringen und Beweise finden. Viele Frauen schwiegen. Sie hatten Geld erhalten und exorbitant weitreichende Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben. Andere wollten nicht darüber reden oder nicht namentlich genannt werden. Und es war schwierig, Beweise, wie Geldzahlungen, Verträge, Anzeigen oder DNA-Spuren, zu finden, die Harvey Weinstein eindeutig belasteten.
Deshalb wussten Kantor und Twohey auch nach einer wochenlangen intensiven Recherche immer noch nicht, ob sie überhaupt eine Story hatten, die sie veröffentlichen konnten. Das änderte sich mit der Zeit.
Am 5. Oktober 2017 veröffentlichten sie einen 3300 Worte langen Artikel über ihre Recherche.
In ihrem Film erzählt Maria Schrader, nach einem Drehbuch von Rebecca Lenkiewicz („Ida“), diesen Weg vom Beginn ihrer Recherche bis hin zur Veröffentlichung einer Reportage, die einen Dammbruch-Effekt hatte. Danach sprachen immer mehr Frauen über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz. #MeToo wurde zu einer weltweiten Bewegung. Und Harvey Weinstein wurde angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt.
Welche Beweise die beiden Journalistinnen hatten, erzählen Kantor und Twohey in ihrem Sachbuch „She said“. Sie schreiben auch ausführlich über Auswirkungen ihrer ersten Reportage über Harvey Weinstein. Sie erzählen, was Weinstein tat, wie er und sein Umfeld ihn schützten und seine Verfehlungen über Jahrzehnte vertuschten. Ihr glänzend geschriebenes und auch bedrückendes Sachbuch ist ein auf jeder Seite überzeugendes journalistisches Werk. Sie präsentieren die Ergebnisse ihrer Recherche, die sie in einen größeren Kontext einfügen, immer nachvollziehbar, gut strukturiert und gut geschrieben.
(Ronan Farrow, der damals ebenfalls zur gleichen Zeit über Weinstein recherchierte und anschließend sein Buch „Durchbruch – Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ veröffentlichte, ist dagegen nur ein vernachlässigbares, oft nervig ich-bezogenes Werk.)
Maria Schraders Film ist das Making-of zum Buch. Sie zeigt die zähe Arbeit und den Ethos investigativer Journalisten. Ihr Filmdrama „She said“ steht unübersehbar in der Tradition von Reporter-Filmen wie „Die Unbestechlichen“ und „Spotlight“. Die Qualität dieser Meisterwerke erreicht ihr Film allerdings nie. Das liegt an einer Inszenierung, die einfach zu klein für die Kinoleinwand ist. Immer sehen die sprechenden Köpfe nach Fernsehen aus.
Schrader folgt der Recherche von Kantor und Twohey. Aber während die Journalistinnen sich im Buch nur dann namentlich erwähnen, wenn es unbedingt nötig ist, sind sie im Film jederzeit im Bild. Durch die Entscheidung, auch das Privatleben von Kantor und Twohey zu zeigen, verschiebt sich der Fokus des Films noch stärker von den Opfern hin zu den beiden Journalistinnen. Sie sind Mütter von kleinen Mädchen, verheiratet und sie werden viel zu oft in ihrer Freizeit von ihren Quellen angerufen. Das wirkt schnell so, als sei die Recherche größtenteils in ihrer Freizeit erfolgt. Oder als ob sie nicht zwischen Beruf- und Privatleben trennen könnten.
In „Spotlight“ erfuhren wir nichts das Privatleben der „Boston Globe“-Journalisten, die über den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester und die ebenso lange Vertuschung durch die Erzdiözese berichten wollten. Und das war gut so.
Die Entscheidung, Weinsteins Taten nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Auch wenn in den Momenten im Film immer ein Hauch von „er sagte, sie sagte“ bleibt und es nur Hörensagen ist, ist das verschmerzbar. Die Berichte, vor allem die Berichte in Kantor/Twoheys Buch, sind allein für sich genommen überzeugend und in ihrer Menge erdrückend. Sie brauchen keine weiteren Dramatisierungen.
Auch die Entscheidung, Harvey Weinstein nicht zu zeigen, ist nachvollziehbar. Ihm soll im Film kein Podium gegeben werden. In der Originalfassung ist einmal seine Stimme zu hören. Am Ende, wenn er das Gebäude der New York Times betritt, wird er schemenhaft von hinten gezeigt.
Weil die Macher gleichzeitig darauf verzichten, weitere Informationen über Weinstein zu geben, wird nie deutlich, wie mächtig und einflussreich er war. Er war nicht irgendein Hollywood-Produzent, sondern ein sehr mächtiger, einflussreicher und auch abseits der Traumfabrik gut vernetzter Hollywood-Produzent. Cineasten muss das nicht erklärt werden, aber welcher normale Kinobesucher interessiert sich für Produktionsfirmen und Produzenten? Die meisten interessieren sich noch nicht einmal für die Namen der Regisseure.
Maria Schraders Film ist eine seriöse, filmisch biedere Aufarbeitung der Recherche. Ein Making-of eben.
Das Buch von Jodi Kantor und Megan Twohey erzählt die Geschichte des seit den frühen neunziger Jahren bestehenden Systems Weinstein. Sie schreiben auch über die Auswirkungen ihrer Zeitungsartikel. Ihre Reportagen (und die zeitgleich von Ronan Farrow erschienenen Reportagen) waren der Beginn einer weltweiten Diskussion über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und an anderen Orten und der Beginn der weltweiten #MeToo-Bewegung. Ihr Buch sollte unbedingt gelesen werden. Der Film ist dann das optionale Bonusmaterial.
She said(She said, USA 2022)
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz (basierend auf der „New York Times“-Recherche von Jodi Kantor, Megan Twohey und Rebecca Corbett und dem Buch „She Said“ von Jodi Kantor und Megan Twohey)
LV: Jodi Kantor/Megan Twohey: She said, 2019 (#MeToo; zum Filmstart als „She said“ veröffentlicht)
mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Andre Braugher, Jennifer Ehle, Samantha Morton, Angela Yeoh, Ashley Judd, Sean Cullen
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Die Vorlage (jetzt als Taschenbuch mit dem Filmcover)
Jodi Kantor/Megan Twohey: She said – Wie das Schweigen gebrochen wurde und eie ‚MeToo-Bewegung begann
(übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlass)
Tropen, 2022
448 Seiten
12 Euro
–
Deutsche Erstausgabe
#Me Too – Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung
Tropen, 2020
–
Originalausgabe
She said. Breaking the Sexual Harassment Story that helped ignite a Movement
LV: Topps Company: 55-teilige Sammelkartenserie aus den Sechzigern (Neuauflage 1994)
Außerirdische besuchen die Erde. Der Präsident und einige Wissenschaftler glauben an ein friedliches Zusammenleben der Welten, aber die Marsmenschen wollen einfach nur alles kaputtmachen.
Schön schräge, respektlose Satire und Liebeserklärung an die Science-Fiction-Filme der Fünfziger. Burtons Werk wurde damals als Gegenentwurf zu dem patriotisch-ironiefreien Roland Emmerich-Werk „Independence Day“ gesehen. Einmal dürfen sie raten, welcher Film der bessere ist. Und einmal, welcher Film das bessere Einspielergebnis hat.
„Eine der kompromisslosesten Demontagen des Hollywood-Kinos.
Zuerst wären da die Schauspieler zu nennen, eine Crew voller Berühmtheiten, denen nacheinander Schreckliches passiert: Sie alle scheiden in kürzester Zeit dahin, sterben einen wenig ruhmreichen Tod. (…) Mars Attacks! Karikiert nicht nur die patriotische, militaristische Variante des Invasionsfilms, sondern auch die ‚liberale’ Spielart, die den Außerirdischen mit pazifistisch und neuerdings esoterisch motiviertem Wohlwollen begegnet.“ (Helmuth Merschmann: Tim Burton)
Mit Jack Nicholson, Glenn Close, Annette Bening, Pierce Brosnan, Danny DeVito, Martin Short, Sarah Jessica Parker, Michael J. Fox, Rod Steiger, Tom Jones (als er selbst), Lukas Haas, Natalie Portman, Jim Brown, Sylvia Sidney, Pam Grier, Joe Don Baker, Christina Applegate, Jerzy Skolimonkski (Regisseur, als Dr. Zeigler), Barbet Schroeder (Regisseur, als französischer Präsident),
Beginnen wir mit einigen wichtigen Informationen über diesen Horrorfilm:
Die Kinofassung ist uncut. Die DVD/Blu-ray-Fassung wurde um drei Minuten gekürzt und ist ebenfalls ab 18 Jahre freigegeben. Eine ungekürzte Fassung, über die sonst noch nichts bekannt ist, soll im ersten Quartal 2023 als UHD/BD-Mediabook erscheinen.
Damit ist klar, dass „Terrifier 2“ kein Film für Zartbesaitete ist.
Der Verleih hypt das Werk zum „Skandalfilm des Jahres“.
Nun ja. Die große Zeit der Skandalfilme, in denen Filme für wochen- oder sogar monatelange erregte Diskussionen sorgten, ist schon lange vorbei. Außerdem hat „Terrifier 2“ bislang keine mir bekannte Diskussion entfacht. Weder um den Inhalt, noch um die beachtliche Brutalität des Gezeigten. Darüber wurde zuletzt ausführlich in den achtziger Jahren diskutiert, als Videocassetten die Wohnzimmer eroberten und Horror-, Zombie- und Sexfilme plötzlich von Minderjährigen ohne irgendeine Kontrolle durch Erwachsene gesehen werden konnten. In Großbritannien war das die Zeit der „Video Nasties“, in Deutschland wurden brutale Horrorfilme indiziert und es gab erregte Diskussionen über die Menschenwürde von Zombies; also ob das Zeigen der Enthauptung eines Zombies mit dem Zeigen der Enthauptung eines Menschen vergleichbar ist.
Diese Zeiten sind lange vorbei. Daran ändert auch ‚Art, the Clown‘ nichts. Er mordet sich höchst blutig durch Halloween. Damien Leone zeigt das, wieder einmal, mit großer Liebe zu handgemachten Effekten und zum Horrorkino der siebziger und achtziger Jahre. Wenn in „Terrifier 2“ nicht ab und an ein Smartphone im Bild wäre, könnte man glauben, der Film sei vor vierzig Jahren entstanden, als die Nacht im Neonlicht erstrahlte und Synthesizer der letzte Schrei waren. John Carpenter popularisierte sie für den Horrorfilm. In „Terrifier 2“ sind sie wieder zu hören.
Die Story, die Damien Leone für seinen neuesten Film schrieb, ist vernachlässigbar. Ein Jahr nach den Ereignissen von „Terrifier“ ist Art, der Clown in Miles County ein urbaner Mythos. An Halloween habe die einen Angst vor seiner Rückkehr und einer weiteren leichengesättigten Nacht. Die anderen verkleiden sich als Art. Deshalb erschrecken einige seiner Opfer in Miles County nicht, als sie ihm begegnen.
Einige seiner potentiellen Opfer, vor allem Sienna Shaw und ihr jüngerer Bruder Jonathan, werden ausführlicher vorgestellt. Aber letztendlich geht es nur darum, dass Art, der Clown sich durch die Stadt mordet. Möglichst blutig. Gerne mit einem Messer. Aber er nimmt auch alle anderen Gegenstände, die sich als Hieb- oder Stichwaffe eignen.
„Terrifier 2“ ist der vierte Auftritt dieses Horrorclowns. Seinen ersten Auftritt hatte er 2008 als Nebenfigur in Damien Leones Kurzfilm „The 9th Circle“. 2011 folgte der Kurzfilm „Terrifier“. Beide Kurzfilme verwendete Leone in seinem Spielfilmdebüt „All Hallow’s Eve“ (2013).
2016 inszenierte er den Spielfilm „Terrifier“, der fast vollständig im Keller eines verlassenen, heruntergekommenen Mietshauses spielt und mit einem kaum vorhandenem Budget gedreht wurde. Nämlich angeblich 35.000 US-Dollar. Für „Terrifier 2“ hat er jetzt 250.000 US-Dollar. Das ist immer noch so gut wie nichts, aber es erlaubt Leone, die Handlung an mehreren Orten spielen zu lassen. Besonders wichtig sind ein Fernsehstudio, das es so wohl nur in der Fantasie gibt, das Haus der Familie Shaw, eine Schule, in der Jonathan den Clown mit einem ähnlich gekleideten weiblichem Clown sieht, ein Laden, in dem Halloween-Verkleidungen verkauft werden, ein Club, in dem eine Halloween-Party stattfindet, und ein verlassener Vergnügungspark, in dem das Finale spielt. Bis dahin begeht der Clown mehr Morde als im ersten Film. Auch die Laufzeit ist länger. „Terrifier“ war 85 Minuten; „Terrifier 2“ ist epische 138 Minuten. Trotzdem vergeht die Zeit recht schnell. Nur das Finale ist etwas lang geraten. Art, der Clown darf wieder und wieder auferstehen und weiter gegen Sienna kämpfen, die ihn so oft tötet, dass ich irgendwann mit dem Zählen aufhörte.
Art, der Clown ist ein Bösewicht, den man nicht so leicht vergisst. Er tritt immer in einem schwarz-weißem Phantomimenkostüm auf. Er trägt einen neckischen kleinen Hut. Er hat eine grotesk lange Nase. Sein Gesicht ist unter der Maske nicht zu erkennen. Wo sein Mund ist, ist ein Grinsen. Er bewegt sich äußerst elegant, leichtfüßig und oft tänzelnd durch die Stadt. Er hat immer etwas verspieltes. Seine Taten sind brutal, aber seine Bewegungen, Gesten und Mimik verleihen ihnen immer eine witzige Note, irgendwo zwischen unschuldig kindlichem und tiefschwarzem Humor. David Howard Thornton, der ihn schon im ersten „Terrifier“-Spielfilm spielte, hat Erfahrung als Phantomime und dieses Wissen setzt er hier ein, um die Grausamkeit der Taten zu mindern und dem Clown eine menschliche Note zu verleihen.
Eben diese Verbindung aus unschuldiger, Kinder zum Lachen bringender Phantomime und grausamen Morden macht Art, den Clown zu einem erinnerungswürdigem Filmbösewicht, der selbstverständlich zurückkehren wird.
Insgesamt ist „Terrifer 2“ in jeder Beziehung besser als sein Vorgänger. Und damit ein Fest für Fans des gut abgehangenen Splatterfilms, die auf die Frage „Mehr oder weniger Blut?“ immer mit „Mehr spritzendes Blut ist immer gut.“ antworten.
Alle, die mehr oder etwas anderes von einem Film erwarten, können getrost auf diesen Horrorfilm verzichten.
Terrifier 2 (Terrifier 2, USA 2022)
Regie: Damien Leone
Drehbuch: Damien Leone
mit David Howard Thornton, Lauren LaVera, Jenna Kannell, Catherine Corcoran, Kailey Hyman, Samantha Scaffidi, Katie Maguire
Stromboli(Stromboli, terra di dio, Italien/USA 1949)
Regie: Roberto Rossellini
Drehbuch: Roberto Rossellini
Um ein italienisches Flüchtlingslager verlassen zu können, heiratet die Litauerin Karin Bjorsen einen Fischer, der auf der kargen Vulkaninsel Stromboli lebt. Als Karin Stromboli zum ersten Mal sieht, ist sie entsetzt. So hat sie sich ihr neues Leben nicht vorgestellt. Und es wird noch schlimmer.
Die Verurteilten (The Shawshank Redemption, USA 1994)
Regie: Frank Darabont
Drehbuch: Frank Darabont
LV: Stephen King: Rita Hayworth and the Shawshank Redemption, in Different Seasons, 1982 (Pin up; Die Verurteilten in „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“; einer Sammlung von vier Novellen)
Ein unschuldig verurteilter Bankmanager flüchtet nach jahrelanger Kleinarbeit aus dem Gefängnis.
Eindrucksvolles Gefängnisdrama, das beim Kinostart nicht als „Stephen-King-Film“ beworben wurde. Zu Recht, denn damals stand Kings Name fast ausschließlich für minderwertige Horrorfilme.
„Die Verurteilten“ ist inzwischen ein äußerst beliebter und erfolgreicher Film. In dem All-Time-Great-Ranking der Internet Movie Database steht er derzeit auf Platz 1; – was einen dann doch etwas an dieser Liste zweifeln lassen kanne. Auch wenn der zweite und vierte Platz von „Der Pate“ und „Der Pate 2“ belegt werden.
Mit Tim Robbins, Morgan Freeman, Bob Gunton, William Sadler, Clancy Brown, Gil Bellows, Mark Rolston, James Whitmore, Jude Ciccolella
LV: Nicholas Pileggi: Casino: Love and Honor in Las Vegas, 1995 (Casino)
Biopic über die Mafia in Las Vegas in den Siebzigern.
Kurz gesagt: ein Meisterwerk und Pflichttermin für Krimifans.
„Die einander ergänzenden Elemente von ‚Casino’, die genaue, materialistische Dokumentation, das Shakespeare-Drama von Macht und Fall, der Genrefilm und die Strindbergsche Seelenpein von Mann und Frau, zwischen denen eine unsichtbare Mauer steht, laufen alle auf die Feststellung hinaus, die Robert De Niro schon am Anfang getroffen hat: dass niemand gegen die Bank gewinnen kann. Das ist nicht nur konkrete Beschreibung einer ökonomisch-kriminellen Situation und soziale Metapher auf das Wesen des Kapitalismus, sondern auch ein philosophisches Gleichnis.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)
Martin Scorseses neuer Film „Killers of the Flower Moon“ soll 2023 in Cannes gezeigt werden.
Mit Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Kevin Pollak, L. Q. Jones
Nachträglich: Alles Gute zum Geburtstag, Charly Hübner! (Sein Fünfzigster war am 4. 12.)
One, 22.00
Banklady(Deutschland 2013)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christoph Silber, Kai Hafemeister
Bonnie & Clyde in der deutschen Version.
Ein überraschend gelungener Gangsterfilm, der, mit viel Sixties-Flair, die vergessene Geschichte von Deutschlands erster Bankräuberin Gisela Werner erzählt. Auch die anderen Kriminalfilme von Christian Alvart sind sehenswert.
Davor, ab 20.15 Uhr, zeigt One „3 Tage in Quiberon“ (ebenfalls mit Charly Hübner); fast gleichzeitig, ab 23.15 Uhr zeigt der NDR „Jürgen – Heute wird gelebt“ (ebenfalls mit Charly Hübner).
mit Nadeshda Brennicke, Charly Hübner, Ken Duken, Andreas Schmidt, Heinz Hoenig, Henny Reents, Niels Bruno Schmidt, Heinz Struck
Die drei Tage des Condor (Three Day of the Condor, USA 1975)
Regie: Sydney Pollack
Drehbuch: Lorenzo Semple jr., David Rayfield
LV: James Grady: Six days of the Condor, 1974 (Die 6 Tage des Condor)
Joe Turner ist ein Büromensch und Angestellter der CIA. Als er nach einem Einkauf in das Büro zurückkommt sind seine Kollegen tot und er wird gejagt. Von den eigenen Leuten, wie Turner schnell herausfindet. Turner kämpft um sein Leben.
Der spannende Thriller entstand unmittelbar nach der Watergate-Affäre und fängt – wie einige andere fast zeitgleich entstandene Filme – die damalige Atmosphäre von Mißtrauen und Paranoia gut ein.
Das Drehbuch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit Robert Redford, Faye Dunaway, Cliff Robertson, Max von Sydow, John Houseman
Der kleine Nick, dieser sympathische in einem Fünfziger-Jahre-Paris lebende Junge, dürfte allgemein bekannt sein aus Büchern und Verfilmungen. Die jüngste Verfilmung, „Der kleine Nick auf Schatzsuche“, lief im Sommer im Kino.
Aber wie erfanden der Zeichner Jean-Jacques Sempé und der Comicautor René Goscinny diese Figur? Wie erfanden sie danach seine Welt, seine Eltern und seine Freunde? Und wer waren Sempé und Goscinny?
Diese Fragen beantworten Amandine Fredon und Benjamin Massoubre in ihrem Dokumentarfilm „Der kleine Nick erzählt vom Glück“ als Animationsfilm. Neben den Fakten über die beiden Erfinder des kleinen Nicks präsentieren sie auch einige „Der kleine Nick“-Geschichten. Dabei tritt der kleine Nick immer wieder aus seinen Geschichten heraus. Er unterhält sich mit seinen Schöpfer. Er fragt sie über ihr Leben aus. Er lebt mit ihnen, hört mit Jean-Jacques Sempé Jazz und tanzt mit ihm. Und er beteiligt sich an der Entwicklung seiner Welt. Dabei konzentrieren Fredon und Massoubre sich vor allem auf das Leben von Sempé und Goscinny bevor sie diese heute immer noch beliebte Figur erfanden, wie sie ihn erfanden und die ersten Jahre der Figur, die sehr schnell zu einem Publikumserfolg wurde.
„Der kleine Nick erzählt vom Glück“ ist ein kurzweiliger, humorvoller, äußerst charmanter Film in dem sich „kleiner Nick“-Geschichten und Informationen über die Macher gelungen abwechseln und teilweise ineinander übergehen. So gelingt der Einstieg in die Welt des kleinen Nicks und seiner beiden Schöpfer mühelos.
Der kleine Nick erzählt vom Glück (Le petit Nicolas: Qu’est-ce qu’on attend pour être heureux?, Frankreich/Luxemburg 2022)
Regie: Amandine Fredon, Benjamin Massoubre
Drehbuch: Anne Goscinny, Michel Fessler, Benjamin Massoubre (nach dem Werk von René Goscinny und Jean-Jacques Sempé)
Drehbuch: Shane Black, David Arnott (nach einer Geschichte von Zak Penn und Adam Leff)
Jack Slade ist ein Superbulle wie es ihn nur im Film gibt. Und das ist er auch: ein fiktionaler Polizist. Als er durch eine Verkettung unglücklicher Umstände – der junge Danny und eine magische Eintrittskarte haben etwas damit zu tun – in der realen Welt landet, bemerkt er schmerzhaft den Unterschied zwischen Fiktion und Fakt. Daneben muss er immer noch einen fiesen Filmganoven jagen.
Actionkomödie, die damals beim Publikum und der Kritik nicht so gut ankam. Inzwischen sieht das anders aus.
mit Arnold Schwarzenegger, Austin O’Brien, Charles Dance, Robert Prosky, Tom Noonan, Frank McRae, Anthony Quinn, F. Murray Abraham, Mercedes Ruehl, Art Carney
auch bekannt als „Der letzte Action-Held“ (Kinotitel)
2017 stand das Drehbuch für „Call Jane“ auf der Blacklist. Das ist eine Liste der besten Drehbücher, die in Hollywood zirkulieren, aber noch nicht verfilmt sind.
Jetzt kommt die Verfilmung des Buchs in die Kinos. Und nach einem im Juni 2022 erfolgtem Urteil des Supreme Courts ist die in den späten sechziger Jahren spielende Geschichte wieder brennend aktuell.
Joy Griffin (Elizabeth Banks) ist eine typische Vorstadt-Hausfrau, wie wir sie aus US-Filmen und US-TV-Familienserien, die in den Fünfzigern und Sechzigern spielen, kennen. Ihr Mann ist ein in der Kanzlei beliebter Anwalt, dem eine große Karriere prophezeit wird. Sie erledigt den Haushalt. Sie kocht für ihren Mann und ihre langsam erwachsen werdende Tochter jeden Tag ein großes Abendessen. Sie scheint restlos glücklich zu sein. Alles scheint perfekt zu sein.
Als Joy im August 1968 wieder schwanger wird, sagt ihr Arzt ihr, dass sie die Schwangerschaft wegen einer Erkrankung ihres Herzmuskels wahrscheinlich nicht überleben werde. Durch eine Abtreibung könnte ihr Tod verhindert werden. Aber damals war in den USA eine Abtreibung verboten. Ein männlich besetztes Gremium könnte über eine Ausnahme entscheiden. Sie lehnen ab. Auch andere Möglichkeiten schlagen aus verschiedenen Gründen fehl.
Da entdeckt Joy einen Zettel, der über die Arbeit der Janes informiert. Das ist ihr erster Kontakt zu dieser Frauengruppe. Sie sind – was wir im Film langsam erfahren – eine in den USA bekannte, in mehreren Spiel- und Dokumentarfilmen porträtierte Gruppe. 1968 fanden sie als Untergrund-Selbsthilfegruppe zusammen. Sie vermittelten Abtreibungen. Zunächst wurden die Abtreibungen von Ärzten durchgeführt. Später von Mitgliedern der Gruppe. Im Gegensatz zu irgendwelchen Kurpfuschern, die Frauen bei von ihnen vorgenommenen Abtreibungen schwer verletzten und töteten, geschah das bei den Janes nicht. 1973 legalisierte der Supreme Court mit dem Urteil Roe v. Wade die Abtreibung. Das Jane Kollektiv löste sich auf. Ihre Dienste wurden nicht mehr benötigt. Ärzte und Kliniken konnten es seitdem legal tun.
All das weiß Joy nicht, als sie dort anruft und die Abtreibung vornehmen lässt. Danach könnte die Angelegenheit für sie vorbei sein. Aber Virginia (Sigourney Weaver), die Leiterin der Gruppe, ruft sie kurz darauf an. Sie müsse ihnen helfen und eine Frau zu einer Abtreibung fahren. Joy tut es und engagiert sich danach immer stärker in der Gruppe.
„Call Jane“ ist ein erstaunlich langweiliger Film über ein wichtiges, hochgradig umstrittenes Thema und über das Jane Kollektiv.
Die Drehbuchautorinnen Hayley Schore udnd Roshan Sethi und Regisseurin Phyllis Nagy (Drehbuch für die tolle Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“) erzählen eine Geschichte, die sich großzügig bei den Fakten bedient. Letztendlich wird eine erfundene Geschichte erzählt. Der historische Hintergrund bleibt diffus. Die Bedrohungen der Janes durch die Mafia und die Polizei sind nicht existent. Es wirkt, als böten sie eine vor dem Gesetz verbotene, aber allgemein akzeptierte und willkommene Dienstleistung an. Auch in der Gruppe gibt es keine nennenswerten Konflikte. Das gleiche gilt für Joys Familie. Über lange Zeit tolerieren ihr Mann und ihre Tochter klaglos, dass Joy neben dem Haushalt andere Dinge tut. Als sie erfahren, dass sie keinen Malkurs besucht, sondern ohne eine medizinische Ausbildung Abtreibungen vornimmt, haben sie nach einer kurzen Schocksekunde keine Probleme damit. Im Gegenteil.
Auch über Joys Motive, also warum sich eine konservative Vorstadthausfrau in einem feministischem Kollektiv engagiert, Straftaten begeht und so ihr gesamtes bisheriges Leben gefährdet, erfahren wir nichts. Sie tut es, weil es so im Drehbuch steht.
Diese durchgehende Abwesenheit von Konflikten führt dazu, dass die Geschichte über zwei Stunden vor sich hin plätschert und niemals auch nur im Ansatz ihr Potential ausschöpft.
Call Jane (Call Jane, USA 2022)
Regie: Phyllis Nagy
Drehbuch: Hayley Schore, Roshan Sethi
mit Elizabeth Banks, Sigourney Weaver, Chris Messina, Kate Mara, Wunmi Mosaku, Cory Michael Smith, Grace Edwards, Aida Turturro
Drehbuch: Franco Rossetti, José Maesso, Piero Vivarelli
Einer der schwarzhumorigen Klassiker des Italo-Westerns: Franco Nero (der mit dieser Rolle zum Weltstar wurde) zieht einen Sarg durch den Matsch, sagt wenig und arbeitet am liebsten, mit seiner Bleispritze, auf eigene Rechnung.
„Franco Nero ist ein von Minderwertigkeitsgefühlen geplagter Witzbold, der in einem Monat 125 bis 135 Menschen mit einem Maschinengewehr umlegt. Sergio Corbucci hat viel Humor.“ (Friedemann Hahn: Der Italo-Western, 1973)
„atmosphärisch dichter, gut gebauter und geschickt inszenierter Film“ (Reclams Filmführer 1973/1977)
mit Franco Nero, Loredana Nusciak, José Bodalo, Angel Alvarez
Dieser Film ist vollkommen unrealistisch. Ein echter Weihnachtsmann, der innerhalb weniger Stunden auf der ganzen Welt Geschenke verteilt, hätte niemals die halbe Nacht gebraucht, um eine Geiselnahme zu beenden. Das hätte er innerhalb von Sekundenbruchteilen erledigt, die Geschenke an die lieben Kinder, die Rutenschläge an die bösen Kinder verteilt und schon wäre er auf dem Weg zum nächsten Haus gewesen.
Doch der Santa Claus (David Harbour) in Tommy Wirkolas brutaler Komödie „Violent Night“ braucht einen zweistündigen Spielfilm und den größten Teil der Nacht, um die Geiselnahme im Haus der Lightstones zu beenden. Die Lightstones sind eine stinkreiche Familie, deren Mitglieder sich abgrundtief verachten und hassen. Am Heiligabend versammeln sie sich im Haus ihrer Mutter. Gertrude Lightstone (Beverly D’Angelo) ist eine mit spitzen Bemerkungen und Schimpfworten um sich werfenden Patriarchin. Ein echtes Ekel eben. Ihre Tochter Alva (Edi Patterson) will nur die Erbschaft. Ihr neuer Freund ist der Schauspieler Morgan Steel (Cam Gigandet), der in unzähligen Actionfilmen den stahlharten Helden spielte. Im normalen Leben ist er ein Großmaul und Feigling. Alvas Sohn, noch ein Unsympath, ist vor allem mit seinem Telefon beschäftigt.
Gertrudes Sohn Jason (Alex Hassell) ist viel netter. Das verrät schon sein peinlicher Pullover. Außerdem erträgt er die Weihnachtsfeier, um seiner siebenjährigen Tochter Trudy (Leah Brady) eine Freude zu bereiten. Diese glaubt noch an den Weihnachtsmann und sie hat einen Weihnachtswunsch: ihre Eltern sollen wieder zusammen kommen. Ihre Mutter Linda (Alexis Louder), die ebenfalls mitgekommen ist, hält das für ausgeschlossen.
Diese Weihnachsfeier einer sich in Geldgier und Hass verbundenen Familie wird von einer Bande bewaffneter Verbrecher gestört. Angeführt werden sie von Ben (John Leguizamo), den alle Scrooge nennen dürfen. Sie wollen die im Keller des einsam gelegenen Anwesens in einem Safe gebunkerten 300 Millionen US-Dollar klauen.
In diese Situation stolpert Santa Claus. Er ist der wirkliche, echte wahrhaftige Weihnachtsmann und er hat schon seit Ewigkeiten keine Lust mehr auf die Arbeit. Er trinkt. Er flucht. Er kotzt. Und er ißt herumliegende Weihnachtskekse. Beim Abliefern der Geschenke bemerkt er die Verbrecher. Aber er will nichts unternehmen. Doch da bittet Trudy ihn, ihnen zu helfen. Weil Trudy auf der Liste der braven Kinder steht, beginnt er gegen die Bösewichter zu kämpfen.
Spätestens ab diesem Moment ist „Violent Night“ eine weitere „Stirb langsam“-Variante, die immer wieder überdeutlich an das bessere Vorbild erinnert, in dem der New Yorker Polizist John McClane in einem Hochhaus die Pläne einer Bande Geiselnehmer stört.
In Wirkolas Version ist alles deutlich brutaler, blutiger, goriger und derber im Humor. Die einzelnen Figuren sind erwartbar eindimensional. Aber die Schauspieler hatten erkennbar ihren Spaß. Die Story erschöpft sich in einer Abfolge von Witzen und Kämpfen.
„Violent Night“ ist ein Comic, in dem mit Gewalt auf Gewalt reagiert wird und sie atemberaubend schnell, blutig und tödlich eskaliert. Wenn zwei Bösewichter in einer „Kevin – Allein zu Haus“-Szene böse malträtiert werden, sorgt das für garantierte Lacher.
Die Kämpfe, in denen Santa Claus Bösewichter tötet, sind ebenso brutal. Wobei Santa sich wie ein übergewichtiger Betrunkener (was er ist) blind in den Kampf stürzt und einfach alle Bösewichter tötet. Mit den Mitteln, die er gerade zur Hand hat von der Weihnachtbeleuchtung über Deko-Sterne bis hin zum Schädelschmetterer. Dabei unterscheidet Santa sich kaum von einem normalen Menschen. Diese Abwesenheit von irgendwelchen Superkräften (außer der Sache mit dem Kaminschacht) ist dann schon etwas enttäuschend. Denn„Violent Night“ hätte, mit wenigen notwendigen Änderungen im Text und bei den Kämpfen, genauso funktioniert, wenn Santa Claus nicht der echte Weihnachtsmann, sondern ein normal-falscher Weihnachtsmann gewesen wäre.
Mit zwei Stunden ist das Schlachtfest zu lang geraten. Vor allem in der Mitte, wenn Santa mit Trudy gefühlte Ewigkeiten am Walkie-Talkie Nettigkeiten austauscht und er sich an seine Vergangenheit erinnert, hätte gekürzt werden können zugunsten eines schneller eskalierenden Konflikts. Denn die Menschen, die sich diesen Weihnachtsfilm ansehen, wollen vor allem Blut und Gewalt, garniert mit in diesem Fall plattem Humor und einigen Anspielungen auf andere Filme, sehen. Die im Film vorhandenen Süßlichkeiten und Klischees über Weihnachten werden notgedrungen toleriert als Konzessionen an das Genre Weihnachtsfilm, das von „Violent Night“ letztendlich auch bedient wird.
In den kommenden Jahren könnte „Violent Night“, mangels Alternativen, zu einem immer wieder gern gesehenem Weihnachsfilm im kleinen Kino um die Ecke werden.
Violent Night (Violent Night, USA 2022)
Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Pat Casey, Josh Miller
mit David Harbour, Beverly D’Angelo, John Leguizamo, Leah Brady, Alex Hassell, Alexis Louder, Cam Gigandet, Edi Patterson, Brendan Fletcher, Mike Dopud
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre („für Jugendliche ab 16 Jahren klar als überzeichnete Mischung aus Actionfilm und Weihnachtsfilm-Parodie erkennbar, die nichts mit der Lebensrealität zu tun hat“ [aus der Freigabe-Begründung])
Nach einem Bankraub flüchten zwei Bankräuber in ein verlassenes Kaff – und liefern sich schnell mit den dort lebenden Goldgräbern ein tödliches Duell.
Ein deutscher Genrefilm, ein in der Gegenwart spielender Western, der wirklich nichts von der Biederkeit und Langeweile vieler anderer deutscher Genrefilme der letzten Jahrzehnte hat, sondern originäres Kino ist.
„Ein Quasi-Western, ein Reißer und ein lyrisches Gespinst aus Farben, flirrendem Licht, Wüstensand und schemenhaften Figuren.“ (Wolf Donner, Die Zeit)
Die Musik ist von „The Can“, die Bilder von Robert Van Ackeren („Harlis“, „Die flambierte Frau“).
mit Mario Adorf, Anthony Dawson, Mascha Elm Rabben, Marquard Bohm, Sigurd Fitzek, Betty Segal