Sibel will endlich leben. Als einziger Ausweg aus ihrer strenggläubigen türkischen Familie bleibt ihr die Scheinehe mit Cahit. Er ist wahrlich kein Traummann, aber Türke. Die Scheinehe funktioniert prächtig, bis Cahit sich in Sibel verliebt und das labile Gleichgewicht zwischen ihnen außer Kontrolle gerät.
Das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Drama wurde auch vom Kinopublikum angenommen. „Gegen die Wand“ landete mit über 760.000 Zuschauern, deutlich vor „Unterwegs nach Cold Mountain“, „Hidalgo“ und „Paycheck“, auf dem 48. Platz der Kinojahrescharts 2004. Der Grund dafür ist ziemlich einfach: „In ‚Gegen die Wand’ steckt eine ungeheure Kraft, die sich zugleich aus der Liebe und der selbstzerstörerischen Energie der Liebenden speist. (…) So klaffen der Rhythmus der Montage und der Herzschlag der Geschichte mitunter ein wenig auseinander. Doch was zählt das schon, wenn man die melodramatische Wucht mit der eher lauwarmen Betriebstemperatur der meisten Wettbewerbsbeiträge vergleicht?“ (Peter Körte, FAZ, 12. Februar 2004 zur Berlinale-Premiere und vor dem Erhalt des Goldenen Bärens)
Weil Denzel Washington ab Donnerstag wieder als „The Equalizer“ (Besprechung folgt) im Kino unterwegs ist:
ZDFneo, 23.15
Der Teufel in Blau (Devil in a blue dress, USA 1995)
Regie: Carl Franklin
Drehbuch: Carl Franklin
LV: Walter Mosley: Devil in a blue dress, 1990 (Teufel in Blau)
Los Angeles, 1948: Amateurdetektiv Easy Rawlins soll Daphne finden. Aber Daphne hat es faustdick hinter den Ohren.
Franklins gelungene Verfilmung von Mosley Debütroman. „Teufel in Blau“ ist ein Film Noir, der seine Vorbilder aus der Schwarzen Serie immer deutlich zitiert und damit immer zum gut gemachten, aber auch langweiligem Ausstattungskino tendiert.
Mit Denzel Washington, Tom Sizemore, Jennifer Beals, Don Cheadle
Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt(Alien, Großbritannien/USA 1979)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Dan O’Bannon (nach einer Geschichte von Dan O’Bannon und Ronald Shushett)
Buch zum Film: Alan Dean Foster: Alien, 1979 (Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt)
Ein Notruf unterbricht den Raumflug der Nostromo. Die vom Bordcomputer aus dem Tiefschlaf aufgewachte Besatzung sieht sich den Ursprung des Signals an und kämpft kurz darauf gegen ein äußerst unfreundliches außerirdisches Lebewesen. Besonders Ellen Ripley (Sigourney Weaver als role model) bereitet dem Alien Ärger.
Ein SF-Klassiker, der einige langlebige Filmkarrieren initiierte. Der legendäre Filmpitch war, so heißt es, in einem Fahrstuhl „Der weiße Hai im All“; der ebenso legendäre Werbespruch für den Film ist „In space no one can hear you scream“ und der Trailer stimmt einen auf zwei Stunden Terror ein.
Der Film ist FSK-16 und darf deshalb um 20.15 Uhr nur in einer gekürzten Fassung gezeigt werden. Wenn allerdings diese gekürzte Fassung gezeigt wird, wurde erstaunlich wenig gekürzt: nämlich nur eine Szene, die nur im Director’s Cut enthalten ist.
Am Mittwoch, den 30. August, zeigt Nitro um 20.15 Uhr die Fortsetzung: James Camerons „Aliens – Die Rückkehr“.
mit Sigourney Weaver, Tom Skerritt, Harry Dean Stanton, John Hurt, Veronica Cartwright, Ian Holm, Yaphet Kotto
Kaum aus dem Knast entlassen, gerät Babtou schon wieder in Schwierigkeiten. Dieses Mal will die Ausländerbehörde den in Deutschland geborenen Senegalesen abschieben. Eine Heirat könnte das verhindern. Dummerweise will keine seiner ehemaligen Freundinnen ihn heiraten. Da fragt er seinen besten Kumpel Dennis.
Köstliches Buddy-Movie, das sehr unterhaltsam und witzig viele ernste Themen anspricht und durchaus tiefgründig behandelt.
mit Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Seyneb Saleh, Michael Maertens, Valerie Koch, Paul Wollin, Burak Yiğit, Nina Gummich, Uwe Preuss, Ibrahima Sanogo, Thelma Buabeng, Mehmet Ateşçi, Gerdy Zint, Julia Gräfner, Kwam.E, Tamer Arslan, Christopher Vantis
Im Indianerreservat Wind River im US-Bundesstaat Wyoming wird die Leiche einer jungen Indianerin gefunden. Die unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) und der erfahrene Fährtenleser Cory Lambert (Jeremy Renner) suchen den Täter.
Grandioser Schnee-Western von Taylor Sheridan. Er schrieb die Bücher für „Sicario“ und „Hell or High Water“.
mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Graham Greene, Gil Birmingham, Julia Jones, Teo Briones, Martin Sensmeier, Hugh Dillon, James Jordan
2020 veröffentlichte Anatol Regnier sein Sachbuch über bekannte deutsche Schriftsteller, die während der Nazi-Diktatur in Deutschland blieben und weiter Romane veröffentlichten.
Jetzt verfilmte Dominik Graf, mit Felix von Boehm als Co-Regisseur, das Sachbuch als formal konventionellen Dokumentarfilm. Die Kamera begleitet Anatol Regnier, wenn er sich Archive zeigen lässt und in historischen Dokumenten blättert. Dazwischen gibt es historische Aufnahmen und aktuelle Interviews mit Menschen, die etwas zu den porträtierten Schriftstellern sagen können.
Porträtiert werden, in der Reihenfolge ihrer Behandlung im Film, Gottfried Benn, Erich Kästner, Jochen Klepper, Hans Fallada, Hans Zöberlein, Ina Seidel, Hannes Johst und Will Vesperh. Sie gingen nicht, wie der im Film erwähnte Klaus Mann, ins Exil. Sie blieben in Deutschland. Ihre Motive unterschieden sich. Ebenso ihre Begeisterung für die neuen Machthaber. Und damit auch ihr Umgang mit der Nazi-Diktatur. Die ersten und auch bekannteren Autoren werden ausführlich behandelt. Später werden die Segmente kürzer. Trotzdem dauert der Film gut drei Stunden.
Es geht um ihr Leben während des Nationalsozialismus, warum sie im Land blieben, wie sie sich fühlten und arbeiteten. Es geht auch darum wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Handlungen umgingen. Und bei Will Vesper geht es auch um seinen Sohn Bernward Vesper und die Frage, wie die Kinder mit der Schuld ihrer Väter umgingen. Graf, von Boehm und Regnier wollen in ihrem Film verstehen, warum die Schriftsteller taten, was sie taten.
Das ist durchaus interessant, informativ und gut gemacht. Aber durch die Struktur, in der einfach Porträts hintereinander gereiht werden und die Porträtierten zunehmend unbekannter sind, auch zunehmend langweilig. Jedenfalls im Kino. Im Fernsehen als Zweiteiler oder in noch kleineren Häppchen, mag das anders sein.
Jeder schreibt für sich allein (Deutschland 2023)
Regie: Dominik Graf, Felix von Boehm (Co-Regie)
Drehbuch: Anatol Regnier, Dominik Graf, Constantin Lieb
LV: Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein, 2020
mit Anatol Regnier, Gabriele von Armin, Florian Illies, Günter Rohrbach, Albert von Schirnding, Christoph Stölzl, Heinrike Stolze, Julia Voss, Géraldine Mercier, Ursula Käß, Helmuth Mojem, Willy Kristen, Wendelin Neubert, Carlo Paulus, Simon Strauß, Clemens von Lucius, Lena Winter
Buch zum Film (Drehbuch): Quentin Tarantino: Reservoir Dogs – Das Buch zum Film/Zweisprachige Ausgabe (rororo 1997)
Einige Gangster überfallen einen Juwelier. Der Überfall geht schief. Sie flüchten in eine Garage. Mr. Orange (sie kennen sich nur unter Farb-Pseudonymen) liegt schwerverletzt auf dem Boden und kämpft um sein Leben. Die anderen Gangster versuchen währenddessen die 100.000-Dollar-Frage „Wer hat uns verraten?“ zu klären.
Der Einfluss von Quentin Tarantinos Kinodebüt auf das Kino der Neunziger Jahre kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich sage nur nicht-chronologisches Erzählen (Bis dahin galt die eiserne Regel: Keine Rückblenden!), lustvoll zelebrierte Gewalt, coole Dialoge und oft ebenso coole Monologe.
Mit Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Edward Bunker, Quentin Tarantino
Noch sind nicht alle Kisten gepackt, die Vorbereitungen für das Abendessen laufen etwas chaotisch und einige Gäste sagen ab, aber das ändert nichts daran, dass das der letzte Abend vor dem Umzug von Hannover nach Berlin ist. Lisa hat dort einen neuen Job als Assistenzärztin an der Charité. Ihr Freund Clemens, ein an sich selbst zweifelnder Künstler, zieht mit ihr um.
Zu dem Abend kommen dann, nach einigen Absagen und spontanen Einladungen, ein Arbeitskollege von Lisa, Lisas in der Werbung arbeitender Bruder, ein mit Clemens befreundeter Theaterschauspieler, eine in einer anderen Etage wohnende ältere Mieterin (sie könnte die Mutter von Clemens und Lisa sein) und eine linksalternative Rucksacktouristin, deren Handy-Akku leer ist und deren im Haus wohnender Freund auf Anrufe nicht reagiert.
Fast ununterbrochen reden sie miteinander, sind hyperaktiv, unzufrieden und nervig. Niemand von ihnen ist sympathisch. Und als Generation sind diese ungefähr Dreißigjährigen denkbar ungeeignet, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Dafür baden sie zu sehr in Selbstmitleid.
Lukas Nathrath inszenierte diese Abendgesellschaft mit vielen Schnitten, Wackelkamera, Nahaufnahmen und einem Farbton, der mit ‚kränklich beige‘ treffend beschrieben werden kann. Die Schauspieler sind teils Kollegen von Sebastian Jakob Doppelbauer, dem Co-Drehbuchautor und Darsteller Clemens, aus dem Schauspielhaus Hannover. Gedreht wurde an sieben Tagen. Das führt dazu, dass vieles an „Letzter Abend“ wie eine spontane Improvisation und Familienaufstellung (wobei es sich hier natürlich um eine Freundesaufstellung handelt) wirkt, bei der die Schauspieler dem Affen ordentlich Zucker geben.
Eben diese Energie macht „Letzter Abend“ dann doch sehenswert.
Außerdem gefällt mir der Mut, spontan, schnell und mit kleinem Budget einen Film zu drehen, der auf aktuelle Ereignisse reagiert.
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Lukas Nathrath über sein Spielfilmdebüt:
Auslöser, diesen Film zu drehen, war nach Monaten der Pandemie-Isolation der Drang, unsere Eindrücke und Erfahrungen tragikomisch zu reflektieren und uns gemeinsam filmisch auszudrücken.
Diese Energie hat sich auf die Figuren übertragen, die alle nach Abenteuern und Ablenkung gieren. Es sind Charaktere, die materiell nicht leiden, aber Angst haben, im Zeitalter der Instagram-Gesellschaft nicht zu genügen. Obwohl sie unglücklich oder einsam sind, meinen sie, fröhlich, stark und erfolgreich wirken zu müssen, was viel tragikomisches Potential für zwischenmenschliche „awkwardness“ und Abgründe bietet.
In den Filmen, die uns inspiriert haben, werden zwischenmenschliche Konflikte verhandelt, bis das zivilisierte Verhalten Risse bekommt und Alltagssituationen in teils bourgeoisen Milieus eskalieren: „Alle anderen“ von Maren Ade, „Wild Tales“ von Damián Szifron, „Woman under the Influence“ von John Cassavetes, „Frances Ha“ von Noah Baumbach, „Husbands and Wives“ von Woody Allen und „Festen“ von Thomas Vinterberg.
Eine weitere Inspiration waren Stücke von Anton Tschechow, in denen sich Menschen auf dem Land oft nach einer anderen Existenz sehnen, nach Moskau ziehen wollen, aber dort nie ankommen werden.
Die Rollen haben Sebastian Doppelbauer und ich in enger Absprache mit dem Schauspiel-Ensemble entwickelt und parallel dazu das Drehbuch geschrieben. Beim Drehen ging es mir immer darum, die Spielfreude und Fantasie der Darstellerinnen und Darsteller zu ermutigen. Die Gruppendynamik der Figuren war dabei sehr spannend, und der Dreh wurde zu einer intensiven, erfüllenden Zeit.
Letzter Abend (Deutschland 2022)
Regie: Lukas Nathrath
Drehbuch: Lukas Nathrath, Sebastian Jakob Doppelbauer
mit Sebastian Jakob Doppelbauer, Pauline Werner, Susanne Dorothea Schneider, Nikolai Gemel, Isabelle von Stauffenberg, Valentin Richter, Julius Forster, Nils Rovira-Munoz, Amelle Schwerk, Pascal Houdus
In ihrem neuen Film erzählt Maïwenn die Geschichte von Jeanne du Barry. Sie lebte von 1743 bis 1793. Geboren wurde sie als Bürgerliche. Später wurde sie zur Geliebten von Louis XV. Sie wurde sogar zu seiner Favoritin, was den anderen Damen und Herren am Hof vor allem wegen ihrer Herkunft als ‚Bastardkind‘ nicht gefiel.
Maïwenn, die auch die erste Fassung des Drehbuchs schrieb (die Co-Autoren Teddy Lussi-Modeste und Nicolas Livecchi stießen erst später dazu), übernahm auch die Hauptrolle. Johnny Depp spielt Louix XY.
Vor seiner Premiere am 16. Mai 2023 in Cannes sorgte das Biopic in Frankreich für heftige Diskussionen. Denn Johnny Depp, der Hauptdarsteller des Films, hatte sich davor mit seiner Ex-Frau Amber Heard vor Gericht und der Weltöffentlichkeit eine Schlammschlacht geliefert. Und Maïwenn hatte einige Monate vorher in einem Restaurant einen Journalisten tätlich angegriffen. Er hatte vorher über ihren Ex-Mann Luc Besson geschrieben. Über den Film wurde dann kaum geredet.
Das durchwachsene Biopic punktet mit Bildern aus dem Schloss Versailles, den Kostümen und einem genauen Blick auf die heute vollkommen absurd erscheinenden höfischen Etikette. Wenn Jeanne du Barry von ihrem Kammerdiener in diese höfischen Etikette eingeführt wird, blickt sie immer wieder ungläubig in die Kamera. Sie ist von den Etiketten und Vorschriften, die zwischen ämusanten Spleens und vollkommener Absurdität schwanken, genauso irritiert und amüsiert wie das im Saal sitzende Kinopublikum. Schnell verstößt sie, zur Freude des Königs, gegen die Regeln. Die späteren, ebenso überdeutlich gezeichneten Machtspiele am Hof unterscheiden sich kaum von heutigen Machtspielen und Speichelleckereien.
Dabei wirkt Jeanne du Barry immer wie eine naive, gutherzige und lebenslustige Mitläuferin ohne Einfluss. Wegen ihrer Herkunft wird sie von den anderen Hofdamen und Adligen verachtet. Sie selbst intrigiert ein wenig und hat immer ein bezauberndes Lächeln.
Aber was sie zu einer besonderen Frau machte und warum wir uns für ihr Leben mit Louis XV interessieren sollten, wird in dem Kostümdrama nie wirklich deutlich.
Jeanne du Barry – Die Favoritin des Königs (Jeanne du Barry, Frankreich 2023
Regie: Maïwenn
Drehbuch: Maïwenn, Teddy Lussi-Modeste, Nicolas Livecchi
mit Maïwenn, Johnny Depp, Benjamain Lavernhe, Pierre Richard, Melvil Poupaud, Pascal Greggory, India Hair, Suzanne de Baecque, Capucine Valmary, Diego Le Fur, Pauline Pollmann
JAMES BOND 007: Der Hauch des Todes (The Living Daylights, Großbritannien 1987)
Regie: John Glen
Drehbuch: Richard Maibaum, Michael G. Wilson
LV: Ian Fleming: The living daylights, 1962 (Duell mit doppeltem Einsatz/Der Hauch des Todes, Kurzgeschichte)
Bond soll einem russischen Agenten zur Flucht in den Westen verhelfen. Aber dieser treibt ein doppeltes Spiel.
Der erste Bond mit Timothy Dalton ist ein rundum unterhaltsamer Agentenfilm für die ganze Familie. Es gibt etwas Action (jugendfrei), schöne Frauen (dito), Pferde, Exotik (na, so à la Karl May). Tja, man gab sich Mühe zum 25-jährigen Leinwandjubiläum.
Sogar einige Elemente der Fleming-Story wurden in „Der Hauch des Todes“ verwandt.
Mit Timothy Dalton, Maryam d´Abo, Jeroen Krabbé, Joe Don Baker, John Rhys-Davies, Art Malik, Desmond Llewelyn, Robert Brown, Caroline Bliss, John Terry
Für Ellis French ist es die letzte Chance. Seine Mutter hat ihn rausgeworfen. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass er schwul ist. Seitdem lebt er auf der Straße. Seine Zukunftsaussichten sind düster. Letztendlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er stirbt. Das hat er in den vergangenen Jahren bei vielen seiner ebenfalls obachlosen Freunde gesehen. Um diesem Schicksal zu entgehen, bewirbt er sich bei den US-Marines. Die erste Station ist ein Bootcamp, in dem gnadenlos ausgesiebt wird.
In seinem Spielfilmdebüt „The Inspection“ erzählt Elegance Bratton letztendlich seine Geschichte und damit auch, wie es ist, in einer Institution, die Homosexualität ablehnt, als schwuler schwarzer Mann zu bestehen. Denn schnell bemerkt French, dass er nicht der einzige Schwule in dem Bootcamp ist. Aber – der Film spielt 2003 – niemand redet darüber.
Bratton schildert das Leben im Bootcamp akribisch, fast schon dokumentarisch, ohne irgendeine kritische Distanz und ohne konkrete Zeitbezüge. Wenn es im Film nicht den Hinweis gäbe, dass er vor zwanzig Jahren spielt, könnte er genausogut vor vierzig Jahren oder heute spielen. Durch den Hinweis auf das Handlungsjahr wird „The Inspection“ zu einem historischen Film, bei dem das Militär sich auf die Schulter klopfen kann. Die „Don’t ask. Don’t tell.“-Zeit im Umgang mit der Homosexualität ist vorbei. Heute loben hochrangige Offiziere in öffentlichen Anhörungen gegenüber konservativen Politikern überschwänglich die Leistungen queerer Soldaten. Aber die Ausbildung dürfte heute noch genauso wie damals ablaufen. Gleiches gilt für das Verhalten der Rekruten untereinander.
Für den historischen Hintergrund interessiert Elegance Bratton sich nicht weiter. 9/11 und der darauf folgende ‚war on terror‘ werden nicht angesprochen. Dabei meldeten sich nach dem Anschlag auf das World Trade Center zahlreiche junge Männer freiwillig beim US-Militär. Sie wollten ihr Land gegen islamistische Terroristen verteidigen.
French ist das egal. Er hat sich beim Militär nur gemeldet, um nicht auf der Straße zu sterben.
Das Bootcamp schildert Bratton dann, bis auf wenige Momente, in denen wir in Frenchs Kopf sind, quasi-dokumentarisch, beobachtend und ohne Wertungen. Eigentlich schildert er diese Ausbildung, die darauf angelegt ist, Menschen zu brechen, sie zu Mördern und Befehlsempfängern zu machen, als eine gute Schule der Mannwerdung. Im Gegensatz zu Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“, der die Ausbildung und das Sterben auf dem Schlachtfeld zeigt, zeigt Bratton nur das Bootcamp, das aus einem schwulem Obdachlosen einen Befehle empfangenden Uniformträger macht; – jedenfalls wenn er das Bootcamp erfolgreich abschließt. Danach ist er „Ein Offizier und Gentleman“.
Letztendlich ist „The Inspection“ gut gemachte Militärpropaganda für das Arthaus-Kino.
The Inspection (The Inspection, USA 2022)
Regie: Elegance Bratton
Drehbuch: Elegance Bratton
mit Jeremy Pope, Bokeem Woodbine, Gabrielle Union, Raúl Castillo, McCaul Lombardi, Aaron Dominguez, Nicholas Logan, Eman Esfandi, Andrew Kai, Aubrey Joseph
Das kann doch nicht wahr sein. Da verliebt sich die große, coole Schwester in so einen stinkreichen Schönling, der auch noch überaus charmant und schlau ist. Der noch bei seiner Mutter lebende Arzt ist auf den ersten Blick so sehr der perfekte Traumprinz, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Außerdem soll die große Schwester nicht heiraten. Nie niemals.
Das denkt sich Ria Khan. Gemeinsam mit ihren besten Freundinnen Clara und Alba versucht sie das zu verhindern. Und weil sie Stuntwoman werden will (auch wenn ihr Idol Eunice Huthart nicht auf ihre Nachrichten reagiert), kann sie kämpfen, klettern und Schläge einstecken. Vor allem Schläge einstecken muss Ria. Sie ist halt doch nicht so gut, wie ihre Idole aus dem Kino. Dafür hat sie ein Talent, fröhlich und voller Teenager-Energie von einem Fettnapf zur nächsten hochnotpeinlichen Situation zu springen.
Nennen wir Nida Manzoors „Polite Society“ ein nerviges Vergnügen mit zahlreichen filmischen Anspielungen. Denn Ria und ihre Freundinnen sind hyperaktive, ständig plappernde und hysterisch kreischende Teenager. Manzoor inszeniert oft hektisch, effekthascherisch und für ein aus Teenagern bestehendes Publikum.
Und, jetzt sind wir schon bei den Punkten, die für ihr Spielfilmdebüt sprechen. Denn Manzoor liefert mit ihrer rotzfrechen Heldin mit Migrationshintergrund ein gelungenes Identifikationsangebot für Mädels, die Jungsfilme sehen wollen, aber halt nicht schon wieder einen Film, in dem ein muskelbepackter Mann andere Männer verkloppt. Eine Frau, vor allem eine gleichaltrige Frau, ist da schon besser. Außerdem sollten die Hauptpersonen und die Geschichte etwas mit ihrem Leben zu tun haben. Das ist, neben alltäglichen und universellen Schul- und Pubertätsproblemen, in diesem Fall das heutige Multi-Kulti-England und der Culture Clash zwischen den aus ihrer pakistanischen Heimat stammenden Werten und Traditionen und der Moderne. Denn Rias Eltern lassen ihren beiden Töchtern viele Freiheiten, mischen sich aber auch in die Partnerwahl ein und freuen sich über eine große traditionelle Hochzeit.
Manzoor macht in ihrem „Tale of two Sisters“ (so der Titel des ersten Kapitels desin Kapiteln erzählten Films) einen atemberaubenden, ziemlich durchgedrehten, witzigen und durchgehend selbstironischen Mash-up aus Bollywood, Martial Arts, Italo-Western, gut abgehangenen B-Actionfilmen, Science-Fiction/Horror-Pulp und, natürlich, Tarantino.
LV: Ted Chiang: Story of your Life, 1998 (Geschichte deines Lebens, enthalten in „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ und „Geteilt durch Null“)
Aliens sind auf der Erde an verschiedenen Orten gelandet. Aber was wollen sie? Um das Herauszufinden, schickt die US-Regierung einige Wissenschaftler nach Montana zu einem der Raumschiffe. Dort angekommen versucht die Sprachwissenschaftlerin Dr. Louise Banks, sich mit den Aliens zu verständigen. Dafür muss sie ihr Denken und ihre Sprache entschlüsseln.
Toller philosophischer Science-Fiction-Film, der auf den üblichen Alien-Invasions-Krawall verzichtet. Schon jetzt ein Klassiker.
Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel(Onoda, 10 000 nuits dans la jungle, Frankreich/Japan/Deutschland/Belgien/Italien/Kambodscha 2021)
Regie: Arthur Harari
Drehbuch: Arthur Harari, Vincent Poymiro, Bernard Cendron (in Zusammenarbeit mit)
Während des Zweiten Weltkriegs wird der Japaner Onoda Hiroo auf der philippinischen Insel Lubang stationiert. Er und seine Einheit sollen gegen die Amerikaner kämpfen. Die Meldungen über das Kriegsende halten sie für Feindpropaganda. Sie ziehen sich zurück und kämpfen weiter. Tage, Wochen, Monate, Jahre, Jahrzehnte.
TV-Premiere. Arthur Harari konzentriert sich in seinem atmosphärischem Slow-Cinema-Biopic über den in Japan allgemein bekannten Hiro Onoda auf Onodas Leben Abseits der Zivilisation. Hararis gut dreistündiger Film ist nicht unproblematisch, aber in jedem Fall sehenswert.
Tatort: Trimmel und der Tulpendieb (Deutschland 1976)
Regie: Peter Schulze-Rohr
Drehbuch: Friedhelm Werremeier
LV: Friedhelm Werremeier: Trimmel und der Tulpendieb, 1974
Kommissar Trimmel verfolgt einige Räuber. Sie haben in Hamburg einen Geldtransporter überfallen und flüchten jetzt in Richtung Holland. Dort wollen sie sich auf REM treffen. Trimmel fragt, sich, was und wo REM ist.
REM-eiland war eine knapp außerhalb der Dreimeilenzone vor der Küste von Noordwijk, Niederlande, liegende künstliche Insel, von der ursprünglich ein Fernseh-Piratensender in Richtung Festland sendete. Nach einer Gesetzesänderung stellte der Sender im Dezember 1964 seinen Betrieb ein. Als Friedhelm Werremeier „Trimmel und der Tulpendieb“ schrieb, war die Insel verlassen. Später wurde sie zu einer Messstation. Für die Dreharbeiten wurde REM-eiland dann wieder in ihren alten Zustand versetzt. 2006 erfolgte die Demontage. Im Amsterdamer Houthaven wurde sie wieder aufgebaut. Heute ist ein Restaurant drin.
„Trimmel und der Tulpendieb“ ist der kürzeste Trimmel-‚Tatort‘. Er dürfte auch der am seltesten gezeigte Trimmel-‚Tatort‘ sein. Dabei ist er nicht schlechter als die anderen Trimmel-Filme. Ich habe ihn sogar als einen ziemlich spannenden Thriller mit einem spektakulärem Showdown auf REM-eiland im Kopf.
Mit Walter Richter, Ulrich von Bock, Joachim Richert, Brian O’Shaughnessy, Rudolf Brand, Peter Wagenbreth, Cees Heyne, Günther König, Gaby Fuchs
Heute, also am Filmanfang, sitzen Nora, Hae Sung und Arthur an der Theke einer dieser ebenso noblen wie anonymen Hotelbars. Zwischen ihnen herrscht ein seltsames Schweigen. Der Erzähler fragt sich, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und was der Grund für ihre Schweigsamkeit ist.
In den folgenden hundert Minuten beantwortet Celine Song in ihrem autobiographisch inspiriertem Spielfilmdebüt „Past Lives – In einem anderen Leben“ diese Frage.
Nora und Hae Sung waren in Seoul als Kinder miteinander befreundet. Irgendetwas zwischen besten, unzertrennlichen Freunden und Sandkastenliebe. Als Noras Familie nach Toronto umzieht, verlieren sich die beiden Zwölfjährigen aus den Augen.
Zwölf Jahre kontaktiert Nora Hae Sung. Sie hat einen Facebook-Post von ihm entdeckt, in dem er schrieb er suche sie. Via Skype kommen sie sich wieder näher.
Wieder zwölf Jahre später lebt Nora in New York. Sie ist Theaterautorin und verheiratet mit dem Schriftsteller Arthur. Sie hatten sich vor sieben Jahren in einer Schriftstellerkolonie kennen gelernt.
Hae Sung ist Ingenieur. Er besucht sie und beide stehen vor der Frage, was ihre damalige Beziehung für die Gegenwart bedeutet.
Celine Song erzählt die sich über ein viertel Jahrhundert umspannende Beziehung zwischen Nora und Hae Sung feinfühlig, langsam und abseits der üblichen Hollywood-Konventionen. Es gibt also nicht diese Szene am Filmende, in der eine Person durch die Stadt hetzt, um die andere Person vor ihrem Abflug zu treffen und ihr ihre Liebe zu gestehen.
Song fragt sich, was Liebe ist und wie dauerhaft sie ist. Es geht auch um die Frage, wie sehr eine Freundschaft unter Kindern die Zeit überdauern kann, wenn ihre Eltern umziehen.Es geht um die Frage, ob einige Beziehungen nach einer bestimmten Zeit einfach vorbei sind. Oder sich verändern. Es geht um Liebe und echte und vermeintliche verpasste Chancen. Denn nichts und alles spricht dafür, dass Nora und Hae Sung heute wieder ein Paar sein sollten.
Past Lives – In einem anderen Leben (Past Lives, USA 2023)
Regie: Celine Song
Drehbuch: Celine Song
mit Greta Lee, Teo Yoo, John Magaro, Seung Ah Moon, Seung Min Yim, Ji Hye Yoon, Won Young Choi, Min Young Ahn
Ex-Sträfling Johnny Clay will mit einigen Amateurenwährend eines Pferderennens die Wettgelder klauen. Der minutiös geplante Coup läuft nach Plan ab. Dann geht alles schief.
Grandioses, düsteres Caper-Movie und der endgültige Durchbruch für Stanley Kubrick. Im Gegensatz zu anderen Caper-Movies wird die Handlung im Buch und im Film nicht chronologisch, sondern mit zahlreichen Vor- und Rücksprüngen erzählt. Und der Überfall wird, zusammengehalten von einer atemberaubenden Montage, aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Mit seinen Diskontinuitäten und Dekonstruktionen ist „Die Rechnung ging nicht auf“ ein Vorläufer des postmodernen Kinos.
Einer von Kubricks Schülern ist Quentin Tarantino, der diesen Film in „Reservoir Dogs“ ausführlich würdigt. Im Drehbuch ist sogar eine – im Film nicht gezeigte – Widmung an Lionel White enthalten.
Mit Sterling Hayden, Coleen Gray, Vince Edward, Jay C. Flippen, Elisha Cook jr.
LV: Nicholas Pileggi: Casino: Love and Honor in Las Vegas, 1995 (Casino)
Biopic über die Mafia in Las Vegas in den Siebzigern.
Kurz gesagt: ein Meisterwerk und Pflichttermin für Krimifans.
„Die einander ergänzenden Elemente von ‚Casino’, die genaue, materialistische Dokumentation, das Shakespeare-Drama von Macht und Fall, der Genrefilm und die Strindbergsche Seelenpein von Mann und Frau, zwischen denen eine unsichtbare Mauer steht, laufen alle auf die Feststellung hinaus, die Robert De Niro schon am Anfang getroffen hat: dass niemand gegen die Bank gewinnen kann. Das ist nicht nur konkrete Beschreibung einer ökonomisch-kriminellen Situation und soziale Metapher auf das Wesen des Kapitalismus, sondern auch ein philosophisches Gleichnis.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)
Martin Scorseses neuer Film „Killers of the Flower Moon“ startet am 19. Oktober in unseren Kinos.
Mit Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Kevin Pollak, L. Q. Jones
Nachdem Black-Ops-Agent Tom Harris (Gerard Butler) im Iran einen Atomreaktor sabotiert hat, wird er enttarnt. Im Fernsehen wird sein Gesicht gezeigt. Ab diesem Moment steht er auf ungefähr jeder iranischen und irgendwie mit dem Iran assozierbaren Todesliste. Er muss also so schnell wie möglich das Land verlassen. Den gebuchten Flug kann er selbstverständlich nicht benutzen. Aber sein Vorgesetzter organisiert einen alternativen Fluchtweg. Er muss nur innerhalb der nächsten 30 Stunden lebendig nach Afghanistan gelangen. In Kandahar steht auf einem alten CIA-Flugplatz dann sein Flugzeug. Begleitet wird er auf der gefährlichen Fahrt durch weitgehend menschenleeres Gebiet von dem afghanischen Übersetzer Mohammad Doud (Navid Negahban).
Verfolgt werden sie von Kahil Nasir (Ali Fazal), einem eiskalten, auf sein Ziel fokussiertem Killer, der anscheinend über unendliche Ressourcen verfügen kann.
„Kandahar“ ist nach „Angel has fallen“ und „Greenland“ die dritte Zusammenarbeit von Regisseur Ric Roman Waugh und Gerard Butler. Geschrieben wurde die Geschichte von Mitchell LaFortune, einem ehemaligen Offizier des US-Verteidigungsnachrichtendienstes Defense Intelligence Agency (DIA), der auch in Afghanistan arbeitete.
Das Ergebnis ist ein okayes B-Picture, das lobenswerte Ambitionen hat. Es will nicht nur eine gängige Actiongeschichte erzählen, sondern auch die dortige politische Situation und die damit verbundenen Konflikte beleuchten. Aber letztendlich werden nur die altbekannten Klischees, leicht upgedatet, reproduziert. Die Action ist eher dünn gesät. Dafür wird auf der Fahrt nach Kandahar viel geredet über Krieg und Frieden in der Region.
Kandahar (Kandahar, USA 2023)
Regie: Ric Roman Waugh
Drehbuch: Mitchell LaFortune
mit Gerard Butler, Navid Negahban, Travis Fimmel, Ali Fazal
Kiss the Cook – So schmeckt das Leben! (Chef, USA 2014)
Regie: Jon Favreau
Drehbuch: Jon Favreau
Nachdem Starkoch Carl (Jon Favreau) gefeuert wird, macht er sich mit seinem elfjährigem Sohn und seinem Sous-Chef in einem Imbisswagen auf den Weg von Miami quer durch die Südstaaten zurück nach Los Angeles.
„Kiss the Cook“ ist ein sympathisches Feelgood-Movie, in dem etliche Stars kurze, oft prägnante Auftritte haben und man mit den drei Männern im Imbisswagen „El Jefe“ gerne seine Zeit verbringt. Nur hungrig sollte man nicht sein.
mit Jon Favreau, Emjay Anthony, Sofia Vergara, John Leguizamo, Scarlett Johansson, Oliver Platt, Bobby Cannavale, Amy Sedaris, Dustin Hoffman, Robert Downey jr.