Nennen wir Patryk Vegas neuen Film „Niewidzialna Wojna – The invisible war“ Autofiktion. Denn im Mittelpunkt steht ein Regisseur, der seine Filme auch schreibt und produziert, und der gerade nach Katar geflogen ist. Dort erhofft er sich von den Scheichs das nötige Geld für seinen nächsten Film. Als er gefragt wird, warum er zu ihnen gekommen ist, erinnert er sich an sein Leben.
In den nun folgenden über zwei Stunden geht es, mehr oder weniger fiktiv, einmal durch Patryk Vegas Leben von seiner frühen Kinobegeisterung (für Holllywood-Blockbuster), über seine ersten Versuche, Geld zu verdienen (meist mit desaströsem Ergebnis), seiner Arbeit als True-Crime-TV-Reporter (skrupelloser als Jake Gyllenhaal in „Nightcrawler“) und seinen Exploitation-Spielfilmen. In seinen Erinnerungen ist dieser Patryk Vega ein gewissenloses, empathieunfähiges Arschloch. Vega inszeniert dies über weite Strecken als eine bitterböse Satire auf die Medienwelt, die polnische Gesellschaft und den Kapitalismus. Das ist durchgehend auf die zynische Pointe zugespitzt. Die Schauspieler, vor allem die verschiedenen Inkarnationen von Patryk Vega, spielen so schlecht, dass die satirische Absicht überdeutlich ist.
In der zweiten Hälfte verliert „Niewidzialna Wojna“ merklich an Tempo. Dann erinnert Vega sich an seine Filme, von denen wir nichts sehen und über die wir fast nichts erfahren. Wer Vegas Filmographie kennt, ist hier eindeutig im Vorteil. Dazwischen ist er auf Filmpremieren und Empfängen und er plant sein nächstes Filmprojekt. Er will endlich seinen großen international erfolgreichen Hollywood-Blockbuster drehen und so als Regisseur anerkannt werden. Gleichzeitig will er erlöst werden. Denn als braver polnischer Katholik drückt ihn zunehmend das schlechte Gewissen über seine an der Kinokasse erfolgreichen amoralischen Filme, seine Taten und seine Beziehungen ins kriminelle Milieu.
Am Ende des Biopics fragen wir uns, wie autobiograpisch das Werk ist, und welche Stellung „Niewidzialna Wojna“ in seinem Werk haben soll. Also ob es eine überhöhte, keine Grenzen und Tabus kennende Mediensatire mit der Dampframme ist und Vegas nächster Film als weiterer Exploitation-Thriller an seine vorherigen Filme anknüpft, oder ob der am 2. Januar 1977 in Warschau geborene Vega wirklich eine religiöse Bekehrung erfahren hat und seine nächsten Filme gähnend langweilige Faith-based-Movies sind.
Aus Zuschauersicht hoffe ich auf den nächsten Exploitationfilm.
Niewidzialna Wojna – The invisible war(Niewidzialna Wojna, Polen 2022)
Regie: Patryk Vega
Drehbuch: Patryk Vega
mit Rafal Zawierucha, Justyna Karlowska, Anna Mucha, Pawel Olearczyk
Nachtschicht: Die Ruhe vor dem Sturm (Deutschland 2022)
Regie: Lars Becker
Drehbuch: Lars Becker
Wegen eines herannahenden Sturms wird ganz Hamburg zu einem mehrtägigem Hausarrest verdonnert. Entsprechend leergefegt sind dieses Mal die Straßen der Großstadt, in denen Kommissar Bo Erichsen und sein Team vom KDD einen flüchtigen, extrem gewaltbereiten Killer und zwei ebenso flüchtige Affen suchen. Außerdem ist Kiez-Legende Micky Mommsen extrem sauer. Zwei Jungs haben ihm Drogen geklaut.
Auch in der titelgebenden „Ruhe vor dem Sturm“ ist auf dem Kiez einiges los. Es gibt herrlich schnoddrige Wortduelle und grotesk aus dem Ruder laufende Aktionen. Aber im Gegensatz zu Lars Beckers vorherigen „Nachtschicht“-Filmen ist hier alles mindestens zwei Nummern kleiner als gewohnt.
Dieser „Nachtschicht“-Film ist ein Kammerspiel in einer menschenleeren Polizeistation und ebenso menschenleeren Straßen.
mit Armin Rohde, Idil Üner, Sabrina Ceesay, Özgür Karadeniz, Sina Martens, Roland Koch, Shenja Lacher, Demet Gül, Slavko Popadic, Ben Andrews Rumler, Ercan Durmaz, Oscar Ortega Sánchez
Die Menschheit hat es mal wieder geschafft. Dieses Mal sogar ohne außerirdischen Besuch oder einen Atomkrieg. Mit gentechnisch veränderten Organismen und Pflanzen brachten sie unser Ökosystems endgültig aus dem Gleichgewicht. Seitdem lebt eine kleine Oligarchie in Zitadellen. Die anderen Menschen kämpfen in einem Ödland voller Matsch, Schlamm und glibberiger Wesen und Pflanzen um ihr Überleben. Jonas (Eddie Marsan) ist einer der im Ödland lebenden Menschen. Er hat sich einen kleinen Herrschaftsbereich mit treuen Gefolgsleuten aufgebaut und handelt mit den Zitadellen. Er erhält von ihnen gentechnisch verändertes Saatgut, das nur einmal ausgesät werden kann. Dafür verkauft er ihnen das Blut von Kindern.
Die junge Vesper (Raffiella Chapman), die titelgebende Hauptfigur der Geschichte, verkauft ihm immer wieder ihr Blut. Mit ihrem bewegungslos im Bett liegendem Vater und einer mit ihm verbundenen Drohne lebt sie in einem Bauernhof. Sie forscht an eigenen Pflanzenzüchtungen und streift allein durch den Wald.
Bei einem ihrer Streifzüge entdeckt sie die schwer verletzte, aus der Zitadelle kommende Camellia (Rosy McEwen). Sie könnte Vespers Weg in die Zitadelle sein.
„Vesper Chronicles“ ist ein von Kristina Buozyte und Bruno Samper in Litauen gedrehter Science-Fiction-Film, der teurer aussieht als er war. Das liegt an den überzeugenden Spezialeffekten, die vor allem für die Pflanzen und einige Set-Erweiterungen benutzt wurden. Die Bilder der geheimnisvoll aussehenden, sumpfigen und oft nebligen Waldlandschaft und und kleinen Dingen, wie einem auf eine besondere Weise getragenem Umhang oder einem vor dem Gesicht getragenem Tuch, kreieren eine unheimliche Atmosphäre. Dazu kommt eine sich auf wenige Personen konzentrierende Geschichte, die in einer in sich stimmigen Welt spielt. Dabei wird vieles nur angedeutet. Die Geschichte selbst ist klug, aber auch ohne große Überraschungen entwickelt. Vieles kennt man so ähnlich aus anderen Dystopien, in denen die Menschheit nach einer Katastrophe zuverlässig alles erworbene Wissen vergisst und umstandslos in eine mittelalterliche Welt zurückfällt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt. In dieser Welt und weil wir ein typisches bombastisches Hollywood-Ende erwarten, überrascht das Ende von „Vesper Chronicles“. Es verweigert sich den Drehbuch-Konventionen zugunsten eines fast schon undramatisch-realistischem Endes.
Letztendlich ist der von Kristina Buozyte und Bruno Samper, die bereits bei „Vanishing Waves“ zusammengearbeitet haben, inszenierte Science-Fiction-Film mehr am Visuellen als an der Story interessiert.
Für Science-Fiction-Fans ist „Vesper Chronicles“ definitv einen Blick wert. Die wissen natürlich auch, dass ein guter Science-Fiction-Film nicht unbedingt ein Multi-Millionen-Dollar-Budget benötigt, um gut zu sein.
Außerdem kann ein Film mit Eddie Marsan nicht schlecht sein. Denn Eddie Marsan spielt mit.
The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants, USA 2011)
Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash
LV: Kaui Hart Hemmings: The Descendants, 2009 (Mit deinen Augen, Neuveröffentlichung unter „The Descendants“)
Auch im Paradies haben die Menschen alltägliche Probleme. So muss Rechtsanwalt Matt King (George Clooney) sich auf Hawaii mit der weiteren Nutzung des Landes, das seit Generationen im Familienbesitz ist und von ihm verwaltet wird, herumschlagen, seine Frau liegt nach einem Bootsunfall im Koma und er muss sich jetzt um seine beiden Töchter kümmern. Da erfährt er, dass seine Frau einen Liebhaber hatte.
mit George Clooney, Shailene Woodley, Beau Bridges, Robert Forster, Judy Greer, Matthew Lillard, Nick Krause, Amara Miller, Mary Birdsong, Rob Huebel, Patricia Hastie
LV: William Hjortsberg: Falling Angel, 1978 (Angel Heart)
Privatdetektiv Harry Angel soll einen verschwundenen Jazzmusiker finden. In New Orleans verschwimmen für ihn immer mehr die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit.
Exzellenter Okkultthriller, der die Handlung des Buches von New York nach New Orleans verlegt.
William Hjortsberg zum Film: „Parker wrote an excellent script and went on to make a memorable film.”
Mit Mickey Rourke, Robert De Niro, Lisa Bonet, Charlotte Rampling, Brownie McGhee, Dann Florek
„Die Fantasie stimmt ja meistens mehr als die Realität.“
Martin Suter
Wie macht man einen Film über einen Schriftsteller? Bei einem Schauspieler ist das ja ziemlich einfach: einige Ausschnitte aus seinen Filmen, bevorzugt die Szenen, in denen er groß aufspielen kann, einige Statements von ihm, einige von Kollegen und ein Kritiker erklärt, warum der Schauspieler so grandios ist. Fertig. Bei Musikern werden die Filmausschnitte durch Konzertausschnitte ersetzt.
Aber bei einem Schriftsteller?
Eine Möglichkeit wird in „Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit.“ gezeigt. Nämlch indem man kurze Stellen aus dem Werk des Autors nachinszeniert und den Autor in diese Inszenierung stellt. Dann blickt Suter, immer etwas amüsiert wirkend, auf die von ihm erfundenen Figuren und er kann über ihre Geschichte reden. Daneben erzählt er auch, immer ein wenig selbstironisch und distanziert, über sich. Auch der Titel des Films ist von Martin Suter.
Suter selbst war, bevor er einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz wurde, unter anderem Werbetexter. Auf die weiteren Stationen Suters vor seinem Romandebüt „Small World“ geht André Schäfer in seinem Film kaum ein. Dieser Teil von Suters Leben ist für seine Romane unwichtig. „Small World“ erschien 1997 bei Diogenes. Seitdem schrieb er fast im Jahrestakt weitere Romane, Theaterstücke, Drehbücher und Liedtexte, die er mit Stephan Eicher vertonte. Alle seine Romane wurden zu Bestsellern, die mehr oder weniger Kriminalromane sind. Einige wurden verfilmt. Am bekanntesten dürften die „Allmen“-TV-Filme mit Heino Ferch sein.
2007 erhielt er für „Der Teufel von Mailand“ den Friedrich-Glauser-Preis. Er stand auch mal auf der Krimibestenliste.
„Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit.“ ist ein sehr sympathisches Porträt eines sehr sympathischen und unprätentiösen Menschen, dem es durchgehend gelingt Nähe zu vermitteln und gleichzeitig nichts über sich zu verraten. Deshalb bleibt das Porträt konsequent an der Oberfläche. Auch nach neunzig Minuten, die wie im Flug vergehen, hat man erstaunlich wenig über Martin Suter und sein Werk erfahren.
Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit. (Schweiz/Deutschland 2022)
Regie: André Schäfer
Drehbuch: André Schäfer
mit Martin Suter, Margrith Nay Suter, Ana Suter, Stephan Eicher, Benjamin von Stuckrad-Barre, Bastian Schweinsteiger, Philipp Keel
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reitet ein einsamer Fremder in ein abgelegenes Alpental, das von dem Patriarchen Brenner und seinen Söhnen beherrscht wird. Der Fremde will, so sagt er, über den Winter bleiben und fotografieren. Schon bald sterben die Leute.
mit Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Clemens Schick, Erwin Steinhauer, Hans-Michael Rehberg, Carmen Gratl, Helmuth A. Häusler, Martin Leutgeb, Florian Brückner
Die lesenswerte Vorlage
Thomas Willmann: Das finstere Tal Ullstein, 2014 320 Seiten
9,99 Euro
– Erstausgabe
Liebeskind, 2010
–
„Inspiriert von wahren Begebenheiten“ steht auf dem Plakat. Die wichtigste wahre Begebenheit ist, dass Drehbuchautorin und Regisseurin Aelrun Goette in der DDR in den Achtzigern einige Jahre als Model für den VHB Exquisit und die Modezeitschrift „Sibylle“ gearbeitet hat. Wie die Hauptfigur ihres Films wurde sie auf der Straße entdeckt. Aber auch sie will den Film nicht als Biographie oder Enthüllungsgeschichte verstanden wissen. Sie erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte vor einem präzise bestimmtem historischem Hintergrund: nämlich den letzten Tagen der DDR.
Suzie wird im Bus von Coyote fotografiert. Er zeigt das Bild der Chefkoordinatorin des VHB Exquisit und der dort herausgegebenen Modezeitschrift „Sybille“. Anschließend wird Suzie zu einem Shooting eingeladen. Alle sind von der natürlichen Schönheit der jungen, Uuh, Schönheit fasziniert. Suzie taucht in die Welt der Mode und die subkulturelle Modeszene, die so gar nichts mit der Enge ihres Kinderzimmers zu tun hat, ein.
In dem Moment hat die Abiturientin bereits Ärger mit dem Staat. Zwei Volkspolizisten erwischten sie mit einer Kopie von George Orwells „1984“. In einem Kabelwerk muss sie sich in der Produktion bewähren. Da könnte die Arbeit als Model für Modefotografien ein Ausweg sein.
Natürlch kann so eine Geschichte aus der DDR erzählt werden. Die Schauspieler sind auch durchaus glaubwürdig in ihren Rollen.
Aber ich hatte niemals das Gefühl, dass hier eine Geschichte aus einem Land erzählt wird, ‚das es nicht mehr gibt‘, sondern immer, dass eine Geschichte aus einem Land erzählt wird, ‚das es nicht mehr gibt und wahrscheinlich niemals gab‘.
Die Bilder, die Farben, das Verhalten und die Kleidung sind immer irritierend gegenwärtig. Alles ist einfach zu sauber und zu bunt für die Realität. Mein Bild der DDR ist weniger bunt. Auch die BRD war 1989 nicht so bunt, wie es die DDR in diesem Coming-of-Age-Drama gewesen sein soll.
Andere in der DDR spielende Filme, wie Dominik Grafs „Der rote Kakadu“, Christian Petzolds „Barbara“, Andreas Dresens „Als wir träumten“ und „Gundermann“ (um nur einige Filme zu nennen, die mir spontan einfallen), fand ich in dieser Beziehung wesentlich glaubwürdiger. In ihnen wird eine in sich stimmige Welt gezeichnet. Nicht so in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“.
Doch es ist nicht nur die verwendete Farbpalette, sondern auch viele andere Details. So ist die Kleidung, die die Figuren tragen, immer zu sauber und zu neu. Das fällt vor allem in den Szenen auf, in denen Suzie in der Fabrik arbeitet. Da ist auch am Ende der Schicht noch kein Schmutzfleck auf der Arbeitskleidung. Sie passt auch immer zu perfekt, als seien es massgeschneiderte Kleidungsstücke, die erst am Vorabend fertig gestellt wurden.
Auch Suzies Kinderzimmer wirkt weniger wie ein DDR-Kinderzimmer, sondern mit dem Che-Guevara-Bild und dem Atomwaffenfreie-Zone-Schild, wie das Kinderzimmer einer damals in der BRD politisch aktiven Jugendlichen.
Dazu kommen die Redaktionsräume des VHB Exquisit. Gedreht wurden die Szenen in einem alten Kaufhaus und so sieht es auch aus. Nachdem Suzie zuerst eine unscheinbare Einfahrt hinuntergeht, die auch in ein Parkhaus führen könnte, steht sie in einer imposanten, verschwenderisch großen Halle, die keine weitere Funktion hat.
Kommen wir jetzt zum Porträt der Modeszene, die natürlich – weil Künstler halt so sind – unglaublich freigeistig, freizügig und in jede Richtung sexuell aktiv ist.
Hier sollen wir glauben, dass die beiden im Film ausführlich gezeigten Modenschauen sich nicht vor einer aktuellen, gut budgetierten Modenschau verstecken müssen. Eine wurde sogar, weil die Macher gerade ihre Arbeit verloren und von der Stasi beobachtet werden, heimlich und ohne irgendein Budget auf die Beine gestellt. Trotzdem sieht sie unglaublich teuer aus. Die Vorbereitung muss viel Zeit, Mühe und auch Geld gekostet haben.
Bei der anderen Modeschau tritt in Leipzig der offen schwule Visagist Rudi, nachdem eines der Models einen Unfall hatte, in Frauenkleidern auf. Nach einem Schockmoment applaudieren die Apparatschiks. So können sie der Welt zeigen, wie fortschrittlich die DDR ist. Hier dürfen schwule Männer im Finale der Show verkleidet als Frau auftreten und Frauenkleider tragen. Beim Klassenfeind ist das nicht möglich.
Seltsam mutet – immerhin spielt der Film im Sommer 1989 und damit kurz vor dem Ende der DDR – an, dass sich niemand für die Ereignisse, die in dem Moment die DDR und die Welt bewegen, interessiert. Stattdessen geht es um das nächste Foto-Shooting, die nächste Modenschau und das nächste Vergnügen. Mal in der eigenen riesigen Wohnung, mal nackt in der Ostsee.
So ist „In einem Land das es nicht mehr gibt“ ein Film, in dem sich alles falsch anfühlt. Gezeigt wird ein Land, in dem doch eigentlich alles in Ordnung war und in dem man vor über dreißig Jahren schon fortschrittlicher war als es der Kapitalismus heute ist.
Wenn mir jetzt jemand sagt, dass es das alles damals dort gab und er mir das sogar haarklein beweisen kann, ändert das nichts an meinem Gefühl, dass sich hier alles falsch anfühlt. „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ wirkt wie ein Film, der einfach aus der Gegenwart in eine Fantasie-Vergangenheit verlegt wurde, weil man keine Computer im Bild haben wollte.
In einem Land, das es nicht mehr gibt (Deutschland 2022)
Regie: Aelrun Goette
Drehbuch: Aelrun Goette
mit Marlene Burow, Sabin Tambrea, David Schütter, Claudia Michelsen, Jördis Triebel, Bernd Hölscher, Sven-Eric Bechtolf, Hannah Ehrlichmann, Gabriele Völsch, Peter Schneider
1823 in Westafrika: an der Küste legen immer wieder die Schiffe der Sklavenhändler an. Im Landesinnern existiert das Königreich von Dahomey. Ihr König Ghezo überlegt, wie er mit den Weißen Handel treiben kann.
Verteidigt wird das Königreich von den Agojie, einer Einheit von Kriegerinnen. Angeführt werden die Amazonen von der Generalin Nanisca (Viola Davis). Ihre Gegner sind die Sklavenhändler und der mit ihnen verfeindete Stamm der Oyo.
Gina Prince-Bythewood („Die Bienenhüterin“, „The Old Guard“) erzählt in ihrem neuesten Film „The Woman King“ die Geschichte von Nanisca, die gegen von außen kommende Feinde und Intrigen am königlichen Hof kämpfen muss. Denn auch die anderen Frauen am Hof versuchen den jungen, neuen und daher in Regierungsgeschäften unerfahrenen König Ghezo zu beeinflussen. Es geht darum, ob sie in Kriege ziehen sollen, ob sie mit den Weißen Handel treiben sollen und welche Waren sie ihnen anbieten sollen. Halt die üblichen Probleme in einem Königreich.
Daneben erzählt Prince-Bythewood die Geschichte der jungen Nawi. Sie ist von dem martialischem Auftreten der Agojie fasziniert. Nachdem das aufmüpfige Mädchen sich schon wieder weigerte, den von ihren Eltern ausgesuchten Mann zu heiraten, wird sie von ihnen zu den Agojie geschickt. Dort soll sie zu einer Kriegerin ausgebildet werden. Für ihre wichtige Aufgabe verzichten die Kriegerinnen, wie katholische Priester, auf Sex und Liebe. Als Nawi im Wald einen überaus gut aussehenden Weißen sieht, könnte das zu Problemen mit ihrem Gelübde führen.
Die Geschichte von „The Woman King“ basiert, wie die Macher immer wieder betonen, auf historischen Begebenheiten. So gab es die Agojie von 1600 bis 1904. Aber mit den Fakten wird eher locker umgegangen und galant weggelassen, was nicht in die heroische und ziemlich einfache Filmgeschichte passt. Außerdem störte uns, wenn wir ehrlich sind, bei den zahlreichen Sissi- und Robin-Hood-Filmen und den in Fürstenhäusern und Burgen spielenden Filmdramen, in denen Adelsgeschlechter und deren Höflinge munter gegeneinander intrigrieren, sich blutig bekämpfen und verlieben, dieser freie Umgang mit Fakten nie.
Auch in „The Woman King“ wird, vor fotogener Kulisse, eine deftige Geschichte voller Intrigen und Kämpfe erzählt. Wie zuletzt bei „Top Gun: Maverick“ wird eine bekannte Geschichte gekonnt, voller Energie und mit genug kleinen Variationen erzählt, um kurzweilig zu unterhalten. Das ist gut gemachtes, sein Publikum respektvoll behandelndes Blockbusterkino.
So spielt „The Woman King“ nicht in irgendwelchen zugigen, dunklen mittelalterlichen Burgen, sondern unter der warmen afrikanischen Sonne. Die Palastintrigen werden von Frauen ausgeübt. Immerhin gibt es einen König, der in einer altbekannten europäischen Version der Geschichte vielleicht eine Königin oder ein Tattergreis gewesen wäre. Der tapfere Feldherr ist eine Frau. Sie befiehlt eine Armee weiblicher Kämpfer. Das führt dann auch zu zwei großen Veränderungen gegenüber den üblichen Kriegsfilmen, in denen Soldaten auf einem Kasernenhof geschliffen werden. In „The Woman King“ findet die Ausbildung unter afrikanischer Sonne statt. Alles ist viel bunter. Es wird nicht gebrüllt, sondern viel getanzt, gesungen und gelacht.
Alle diese Änderungen können und wollen nicht darüber hingwegtäuschen, das nur die Geschlechter und die Hautfarbe geändert wurden. Die Story ist aus unzähligen anderen Filmen bekannt. Deshalb konnte ich die Uhr danach stellen, wann welche Wendung oder Überraschung kommt, und wie sich die Geschichte entwickelt. Aber Gina Prince-Bythewood erzählt das, trotz der Laufzeit von 135 Minuten, so straff, kompetent und energetisch, dass man mit Freude die Geschichte von Nanisca und Nawi verfolgt.
Außerdem hat Viola Davis die Hauptrolle. Naja, eine Hauptrolle.
The Woman King(The Woman King, USA 2022)
Regie: Gina Prince-Bythewood
Drehbuch: Dana Stevens (nach einer Geschichte von Maria Bello und Dana Stevens)
mit Viola Davis, Thuso Mbedu, Lashana Lynch, Sheila Atim, Hero Fiennes Tiffin, John Boyega, Jordan Bolger, Jayme Lawson
Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind (Confessions of a Dangerous Mind, USA 2002)
Regie: George Clooney
Drehbuch: Charlie Kaufman
LV: Chuck Barris: Confessions of a Dangerous Mind: An Unauthorized Autobiography, 1984
Fulminantes Regiedebüt von George Clooney über Chuck Barris, einen in den USA legendären TV-Produzenten (u. a. The Dating Game/Herzblatt), der in seiner Biographie behauptete, dass er in den Sechzigern und Siebzigern auch ein Auftragskiller für die CIA war.
Ob das stimmt, wissen wir nicht, aber das ist, jedenfalls für diesen angenehm durchgeknallten Film, auch ziemlich egal.
mit Sam Rockwell, Drew Barrymore, George Clooney, Julia Roberts, Rutger Hauer, Maggie Gyllenhaal, Kristen Wilson, Brad Pitt, Matt Damon
Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt(Alien, Großbritannien/USA 1979)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Dan O’Bannon (nach einer Geschichte von Dan O’Bannon und Ronald Shushett)
Buch zum Film: Alan Dean Foster: Alien, 1979 (Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt)
Ein Notruf unterbricht den Raumflug der Nostromo. Die vom Bordcomputer aus dem Tiefschlaf aufgewachte Besatzung sieht sich den Ursprung des Signals an und kämpft kurz darauf gegen ein äußerst unfreundliches außerirdisches Lebewesen. Besonders Ellen Ripley (Sigourney Weaver als role model) bereitet dem Alien Ärger.
Ein SF-Klassiker, der einige langlebige Filmkarrieren initiierte. Der legendäre Filmpitch war, so heißt es, in einem Fahrstuhl „Der weiße Hai im All“; der ebenso legendäre Werbespruch für den Film ist „In space no one can hear you scream“ und der Trailer stimmt einen auf zwei Stunden Terror ein.
mit Sigourney Weaver, Tom Skerritt, Harry Dean Stanton, John Hurt, Veronica Cartwright, Ian Holm, Yaphet Kotto
Wiederholung: Donnerstag, 6. Oktober, 00.50 Uhr (Taggenau! – Dann auch ungekürzt. Der Film ist FSK-16.)
In Comics wird die Alien-Welt weitergesponnen. Das letzte Erzeugnis ist der Comic „Blutlinien“ von Phillip Kennedy Johnson und Salvador Larroca. In der 2200 spielenden Geschichte geht es um Weyland-Yutani-Sicherheitschef Gabriel Cruz, der eigentlich im Ruhestand ist. Aber jetzt muss er noch einmal zurück auf die Forschungsstation Epsilon. Die Station wurde überfallen. Die Täter, zu denen sein Sohn gehört, haben jetzt Zugriff auf die gesamten Forschungen des Konzerns über die Xenomorphe. Aber Cruz soll nicht seinen Sohn, sondern den Alpha-Embryo retten.
Eine spannende Lektüre.
In den USA hat Johnson bereits weitere Geschichten aus dem Alien-Universum geschrieben. Außerdem schreibt er 007-Geschichten.
Das rote Zelt(La tenda rossa/Krasnaja Palatka, Italien/UdSSR 1968)
Regie: Mickail K. Kalatozov
Drehbuch: Ennio De Concini, Richard Adams, Robert Bolt (ungenannt), Alberto Cavallone (ungenannt), Mikhail Kalatozov (ungenannt), Yuriy Nagibin (Originaldrehbuch, ungenannt)
Dieser Sean-Connery-Film steht schon seit Jahrzehnten auf meiner To-Watch-Liste. Er lief seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen und ich kann und will mir auch nicht jeden Film kaufen. Außerdem ist er auf DVD aktuell nicht mehr erhältlich.
Es geht um die internationale Rettungsaktion, die 1928 nach dem Absturz des Luftschiffs „Italia“ gestartet wurde. Das Schiff stürzte auf dem Rückflug vom Nordpol über Spitzbergen ab. Die Überlebenden, zu denen auch der Leiter der Expedition, General Umberto Nobile (Peter Finch), gehörten, schlugen im Eis das titelgebende „rote Zelt“ auf. Zu den vielen Menschen, die die Abgestürzten suchten, gehörte auch Roald Amundsen (Sean Connery).
Der Polarforscher Amundsen gilt seitdem als verschollen. Nobile und die anderen Überlebenden des Absturzes konnten gerettet werden; – das sind historische Tatsachen.
Wie schon ein Blick auf die Besetzung verrät, war der Film damals ein Prestigeprodukt, für das Ost und West zusammen arbeiteten.
„Der Film war eine jener Mammutproduktionen, wunderbar inszeniert vor spektakulärer Landschaft, gewissenhaft bis ins Detail recherchiert, mit einme außergewöhnlich guten Skript und in sechsundsechzig Wochen fast ohne Rücksicht auf die Kosten an schwierigen Drehorten produziert.“ (John Parker: Sean Connery)
Aber dann begann Paramount die internationale Kinoauswertung erst zwei Jahre nach der Premiere in Italien und der UdSSR. Die zeitgenössischen Kritiken waren durchwachsen. Neuere Bewertungen sind durchgehend positiv. Allerdings sah sich das Publikum damals lieber Filme wie „Easy Rider“ oder „The French Connection“ an. „Das rote Zelt“ passte einfach nicht mehr in die Zeit.
„…technisch hervorragend gestalteten und prominent besetzten Abenteuerfilms mit melodramatischen Akzenten.“ (Lexikon des internationalen Films)
Arte zeigt die zweistündige italienische Schnittfassung. Die sowjetische Fassung, die auch in der DDR gezeigt wurde, ist 158 Minuten. Diese Fassung hat Mosfilm auf YouTube (mit Untertiteln) online gestellt.
mit Peter Finch, Sean Connery, Claudia Cardinale, Hardy Krüger, Eduard Martsevich, Grigoriy Gay, Nikita Mikhalkov, Luigi Vannucchi, Mario Adorf
Scarface – Toni, das Narbengesicht (Scarface, USA 1983)
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Oliver Stone
LV: Armitage Trail: Scarface, 1930 (Scarface)
Buch zum Film: Paul Monette: Scarface, 1983 (Scarface – Der Mann mit der Narbe)
De Palma aktualisierte „Scarface“, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters, und schuf ein packendes Sittengemälde des Verbrechens in Florida in den frühen Achtzigern.
Damals wurde die Sprache („Fuck“) und die Brutalität kritisiert. Heute wäre es die grauenhafte, altmodische Disco-Musik von Giorgio Moroder. Ansonsten ist „Scarface“ in der ungekürzten Fassung inzwischen einer der Klassiker des Gangsterfilms.
Mit Al Pacino, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, F. Murray Abraham
Barry Egan ist Unternehmer. Allerdings läuft sein Verkauf von Kitschartikeln eher schlecht. Seine sieben Schwestern erdrücken ihn mit ihrer Fürsorge. Ein Telefonsex-Anbieter versucht ihn zu erpressen. Und er selbst findet die Welt immer wieder etwas ver-rückt. Da wird in der Einfahrt zu seinem Garagengeschäft ein alte Harmonium abgestellt und er trifft die überaus liebenswerte Lena.
„Punch-Drunk Love“ ist ein wundervoll derangierter Film. Wie die Hauptfigur, die am amerikanischen Traum, der Realität, seiner Familie (sieben Schwestern!) und sich selbst verzweifelt ohne zu scheitern. Denn Paul Thomas Anderson erzählt gleichzeitig eine romantische Liebesgeschichte mit psychedelischen Einschüben.
mit Adam Sandler, Emily Watson, Philip Seymour Hoffman, Luis Gusmán, Mary Lynn Rajskub, Robert Smigel
Alle die seit einiger Zeit die Medien verfolgen, haben natürlich die Affäre Claas Relotius mitbekommen. Er war ein Starjournalist, der Preise erhielt und zuletzt für den „Spiegel“ arbeitete. Im Herbst 2018 fielen seinem „Spiegel“-Kollegem Juan Moreno Unstimmigkeiten in einer Reportage seines Kollegen auf. Moreno recherchierte und konnte danach in der Reportage mehrere grobe Fehler belegen. Der „Spiegel“ sah sich danach Relotius‘ andere Reportagen an und entdeckte auch in ihnen zahlreiche Fehler. Teils stimmten Fakten nicht, teils übertrieb er, teils log er schlichtweg.
Michael Bully Herbig verfilmte jetzt diese Geschichte nah an den allseits bekannten Fakten entlang. Trotzdem veränderte er alle Namen und auch im Presseheft steht, der Film sei von wahren Begebenheiten inspiriert. Das geschah wahrscheinlich nur, um etwaige Klagen zu vermeiden.
Herbig erzählt den Fell Relotius satirisch überspitzt und im Rahmen einer klaren Hollywood-Dramaturgie. Da ist Juan Romero (Elyas M’Barek) der etwas verwuschelte, immer etwas überfordert wirkende Underdog, der zuerst darüber empört ist, dass Lars Bogenius (Jonas Nay) für die „Chronik“ eine Reportage über aus Südamerika illegal in die USA kommende Flüchtllinge schreiben soll. Schließlich arbeitet er schon seit Ewigkeiten in der Gegend. Er kennt die Problematik und er hat viele Ansprechpersonen. Da könne er in einer Reportage mühelos die mexikanische und die amerikanische Seite des Problems schildern. Aber seine Vorgesetzten in der Hamburger Zentrale des Nachrichtenmagazins wollen, dass ihr Starreporter Bogenius die amerikanische Seite der Reportage übernimmt. Am Ende stünden beide Namen unter der Reportage.
Dieser Bogenius entspricht dem Hollywood-Bild eines Bösewichts. Er ist ein gut aussehender, immer korrekt angezogener, eiskalter Manipulateur und Lügner, der langsam den Überblick über seine Lügen verliert. So gibt es die todkranke Schwester, von der er seinen Kollegen mit tränenerstickter Stimme erzählt, überhaupt nicht. Die besten „Reportagen“ schreibt er frei fantasierend zwischen Strandpromenade und Hotelpool.
Als Romero die Reportage seines Kollegen liest, fallen ihm zahlreiche Unstimmigkeiten und Merkwürdigkeiten auf. So soll er glauben, dass die „Border Wolves“, eine sich patriotisch nennende Bürgerwehr, die illegale Einwanderer jagt, auf diese schießt und sie ohne Wasser zurück in die Wüste in den sicheren Tod schickt. Das wären schwere Verbrechen und Bogenius ein Zeuge.
Romero wird bei seinen Chefs vorstellig. Die ignorieren seine Hinweise. Schließlich ist Bogenius ihr Starreporter. Er treibt die Auflage in die Höhe. Und die hauseigenen Faktenchecker haben alles akribisch überprüft. Die hätten jeden Fehler sofort entdeckt.
Zusammen mit seinem Fotografen Milo (Michael Ostrowski), einem tief entspanntem Österreicher, beginnt Romero die Fakten zu überprüfen.
„Tausend Zeilen“ ist eine kurzweilige Mediensatire, die selbstverständlich an Helmut Dietls „Schtonk“ erinnert. In Dietls Satire ging es um die gefälschten Hitler-Tagebücher und um einen Skandal, der im Film mühelos zu einem Sittengemälde der bundesdeutschen Gesellschaft ausgeweitet werden konnte. In „Tausend Zeilen“ geht es letztendlich nur um einen Skandal innerhalb des Journalismus, der in der Branche auch zu einer Diskussion über die Grundlagen journalistischen Arbeiten führte. Herbigs Film ist dann auch „nur“ das Sittengemälde einer Branche, genauer gesagt eines Wochenmagazins, in dem die Chefs sich mehr für die Details ihrer Büroausstattung als für die Details einer Magazingeschichte interessieren.
Herbig erzählt dies sehr süffig als klassische David-Gegen-Goliath-Geschichte entlang der allgemein bekannten Fakten und der bekannten Verteilung von Gut und Böse.
Tausend Zeilen (Deutschland 2022)
Regie: Michael Bully Herbig
Drehbuch: Hermann Florin
LV (inspiriert von): Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen, 2019
mit Elyas M’Barek, Jonas Nay, Michael Ostrowski, Michael Maertens, Jörg Hartmann, Marie Burchard, Sara Fazilat, Jörg Thadeusz, Kurt Krömer
Die erste Verfilmung von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ fand ich, als ich sie vor Ewigkeiten sah, grandios. Die Botschaft von der Sinnlosigkeit dieses Sterbens wurde überzeugend präsentiert. Das war ein Krieg, in dem es nur um ein, zwei Meter matschiges Land ging. Die Bilder vom Sterben in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs waren erschreckend real. Immerhin ist der Film von 1930 und das, was Lewis Milestone damals zeigte, musste sich in punkto graphischer Grausamkeiten nicht vor neueren Kriegsfilmen verstecken. Der Film war damals ein Skandal und hatte in vielen Ländern Probleme mit der Zensur.
In Deutschland protestierten die Nazis gegen den Film. Unter anderem randalierten sie in Aufführungen des Films. Er wurde verboten und kam in einer gekürzten Fassung wieder in die Kinos. Als sie 1933 an die Macht kamen, verboten sie den Film wieder. Erst 1952 wurde „Im Westen nichts Neues“ in der Bundesrepublik wieder aufgeführt; in einer gekürzten, neu synchronisierten Fassung. 1984 rekonstruierte das ZDF den Film. Für diese 135-minütige Fassung, die sich am ursprünglichen Drehbuch orientiert, wurde eine neue Synchronisation erstellt.
Milestones Verfilmung ist schon seit Ewigkeiten ein Filmklassiker. Sie kann inzwischen mühelos als DVD oder Blu-ray gekauft werden. Anfang November veröffentlicht Capelight Pictures eine aus fünf Blu-rays und einer DVD bestehenden „Ultimate Edition“, die mehrere über die Jahrzehnte entstandene Fassungen und deutsche Synchronisationen des Meisterwerks enthält.
Remarques Antikriegsroman ist ebenfalls schon Jahrzehnten ein Klassiker. Der Roman war sofort nach seinem Erscheinen 1929 ein Bestseller und er wurde seitdem immer wieder neu aufgelegt. Er gehörte auch zu den Büchern, die am 10. Mai 1933 von den Nazis öffentlich verbrannt wurden. Der Antikriegsroman liest sich immer noch erstaunlich gut und seine Botschaft ist immer noch aktuell.
Über neunzig Jahren nach der ersten Verfilmung – wenn wir die ebenfalls gelobte, eher vergessene US-TV-Verfilmung von 1979 beiseite lassen – kann auch dieser Roman wieder verfilmt werden. Dieses Mal selbstverständlich in Farbe. Wobei Edward Berger trotzdem fast einen SW-Film inszenierte. Denn in den Schützengräben der Westfront gab es viel Matsch und schmutzige Uniformen.
Erzählt wird – ich folge jetzt der Filmgeschichte, die sich in Details vom Roman unterscheidet – die Geschichte des siebzehnjährigen Paul Bäumer (Felix Kammerer). Der Gymnasiast meldet sich mit seinen Klassenkameraden im Frühjahr 1917 freiwillig zum Kriegsdienst. Sie werden an die Westfront geschickt.
An der Front lernen sie schnell, dass sie nur Kanonenfutter sein werden. Eine falsche Bewegung oder eine zu langsame Reaktion kann den Tod bedeuten. Freundschaften gibt es nur bis zum nächsten Angriff und dem nächsten tödlichen Schuss.
Dieses Schlachtfeld verlässt Berger für einige Minuten, wenn er am Filmanfang zeigt, wie Bäumer und seine Schulkameraden sich euphorisch zum Kriegsdienst melden und freudig mustern lassen, und in einem längerem Subplot über die Waffenstillstandsverhandlungen. Der zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich ernannte Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger (Daniel Brühl), der das sinnlose Sterben der Frontsoldaten beenden will, verhandelt mit Marschall Ferdinand Foch über das Kriegsende. Der Verhandlungsführer der alliierten Waffenstillstandskommission diktiert dem Zivilisten Erzberger den Friedensvertrag. Am 11. November 1918 unterzeichnete er das Waffenstillstandsabkommen.
Dieser Subplot ist neu. Er liefert etwas historischen Hintergrund für den Zuschauer. Für die Haupthandlung ist diese Nebengeschichte vollkommen unwichtig.
In ihr geht es um das Leben von Bäumer und seinen Kameraden an der Front. Dabei bleiben sie alle austauschbare Figuren, über die wir nichts erfahren. Auch wenn sie im Film öfters auftauchen, erkennen wir sie kaum wieder. Entsprechend wenig berührt uns ihr Tod. Episodisch und ohne Identifikationsfiguren reiht sich hier ein Gefecht an das nächste, ein sinnloser Tod folgt dem nächsten ebenso sinnlosem und zufälligem Tod.
Dieses Sterben an der Westfront inszeniert Edward Berger in langen ungeschnittenen Szenen, die an Sam Mendes‘ „1917“ erinnern.
Die in einem Schloss spielenden Szenen, in denen General Friedrich (Devid Striesow) arrogant über seine Einheiten befiehlt und sie noch in den letzten Minuten des Krieges in den Tod schickt, den er für heldenhaft hält, erinnern an Stanley Kubricks ebenfalls während des Ersten Weltkriegs an der Westfront spielendem Anti-Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“.
Berger veränderte auch das Ende des Romans. Er verlegte es vom Oktober 1918 auf das Kriegsende und nimmt ihm viel von der Wucht, die Remarques Ende hat. Oder, anders gesagt: an das Romanende erinnere ich mich noch Jahrzehnte nach der Lektüre. An dieses Filmende werde ich mich wahrscheinlich in einigen Wochen nicht mehr erinnern.
Und damit kommen wir zu einem weiteren Problem des Films. Remarque bezeichnete seinen Roman in der Erstauflage als einen Bericht über Generation, die vom Krieg zerstört wurde. Heute ist der Roman unbestritten ein Antikriegsroman, der vor allem an der Front spielt und immer bei seiner Hauptfigur, dem Ich-Erzähler Paul Bäumer, bleibt. Aber Remarque schreibt auch darüber, wie ein Gymnasiast mit hohen Idealen in den Krieg zieht und er an der Front alle seine Illusionen über den ehrenhaften Kampf und den Einsatz für das Vaterland verliert. Es ist damit auch die Geschichte einer Degeneration eines Bildungsbürgers, die schon in der Ausbildung in der Kaserne beginnt.
Im Film ist Bäumer nur noch ein x-beliebiger Frontsoldat ohne Familie, Überzeugungen oder Ideale. Er ist ein Gymnasiast, aber er könnte genausogut ein Analphabet sein.
Ohne diese Verortung in eine bestimmte Zeit und Gesellschaft verkommt die Botschaft des Films zu einem banalen „Kriege sind schlimm“ und „Für Generäle sind einfache Soldaten nur Kanonenfutter“. Das ist nicht falsch, ist aber angesichts des Krieges in der Ukraine etwas unterkomplex.
Trotzdem ist der mit zweieinhalb Stunden etwas lang geratene, episodische Kriegsfilm ein sehenswerter Film, der eindeutig für die große Leinwand komponiert wurde.
Und danach sollte man unbedingt die Vorlage lesen. Falls man Erich Maria Remarques Roman nicht schon gelesen hat.
Im Westen nichts Neues (Deutschland 2022)
Regie: Edward Berger
Drehbuch: Edward Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell
LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1929
mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Edin Hasanovic, Adrian Grünewald, Thibault De Montalembert, Devid Striesow, Daniel Brühl
Länge: 148 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Jetzt im Kino. Ab dem 28. Oktoger 2022 auf Netflix – und hoffentlich immer noch im Kino.
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Die Vorlage (in der Fassung der Erstausgabe und mit einem umfangreichem Anhang)
Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues
(herausgegeben und mit Materialien versehen von Thomas F. Schneider)
DDR, 1980: nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hat, erhält die Charité-Ärztin Barbara Wolff ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann: eine Stelle in einem Krankenhaus an der Ostseeküste. Dort plant sie ihre Flucht und fragt sich, wem sie vertrauen kann.
Gewohnt gelungener Film von Christian Petzold.
mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Christina Hecke, Claudia Geisler, Mark Waschke, Jannik Schümann (sein Kinodebüt)
Ihre neue Patientin unterscheidet sich nicht sonderlich von ihren anderen Patienten. Sie erzählt ihr, sie werde von einer Gestalt verfolgt, die nur sie sehen könne, die immer wieder ein anderes Gesicht habe und lächele. Ein vollkommen irres, unnatürliches und furchterregendes, in sich selbst ruhendes, fast schon glückseliges Lächeln. Solche Geschichten haben ihr schon etliche Patienten mit Wahnvorstellungen erzählt und ihr gleichzeitig versichert, sie leiden nicht an Wahnvorstellungen.
Dann – und das ist ungewöhnlich – schneidet sie sich, breit grinsend, langsam von einem zum anderen Ohr, die Kehle auf und verblutet.
Kurz darauf glaubt Dr. Rose Cotter, die in einer Klinik als Psychiaterin arbeitet, dass sie die Tote sieht. Sie fühlt sich zunehmend von ihr verfolgt. Immer öfter sieht sie sie oder andere Menschen, die nur sie sehen kann, die sie unnatürlich angrinsen und ängstigen.
Zusammen mit einem Ex-Freund, der Polizist ist, findet sie heraus, dass sie offensichtlich nicht an Wahnvorstellungen leidet und auch keine ausgewachsene Posttraumatischen Belastungsstörung hat. Stattdessen sah sie das bislang letzte Glied einer ganzen Reihen von unnatürlichen Todesfällen. Denn ihre Selbstmörderin beobachtete einige Tage vor ihrem Suizid einen ähnlichen Suizid. Diese Person beobachtete einige Tage vorher einen Suizid. Undsoweiter. Schnell findet ihr Ex-Freund eine ganze Kette von so miteinander verbundenen Suiziden. Es scheint also einen Dämon zu geben, der von Mensch zu Mensch springt, ihn in den Tod treibt und sich dann den nächsten Wirt sucht.
„Smile – Siehst du es auch?“ ist das Spielfilmdebüt von Parker Finn, das wegen seines schwachen Finales vor allem als Talentprobe überzeugt.
Dieser dritte Akt wirkt, als habe Finn nicht gewusst, wie er seine Geschichte zu einem überzeugendem Ende bringt. Also lässt er Cotter in ihrem heruntergekommenem Elternhaus gegen den Lächel-Dämon und die damit nicht zusammenhängenden Dämonen ihrer Kindheit kämpfen. Dieses Doppel funktioniert natürlich nur, wenn einfach alles, was vorher etabliert wurde, ignoriert wird zugunsten des üblichen Budenzaubers.
Davor findet Cotter zusammen mit ihrem Ex-Freund alles wichtige über den grinsenden Dämon heraus. Das erfolgt in den üblichen Ermittlungsschritten, die Finn mit zahlreichen gelungenen Suspense-Momenten kurzweilig und interessant gestaltet. So zählt ein Kindergeburtstag, bei dem Cotter plötzlich den Geist sieht, zu den schaurigsten Momenten des Films. Ebenso beunruhigend sind seine Auftritte unter falscher Identität. Diese Menschen verhalten sich zunächst seltsam und grinsen sie später an.
Auch wie Finn seine Schauspieler inszeniert, wie er die Räume immer etwas strange einrichtet, wie er seine Bilder komponiert und mit dem Ton umgeht, überzeugt und sorgt für etliche Gänsehautmomente. Das alles macht neugierig auf seinen nächsten Film.
Finn inszenierte vor „Smile“ zwei Kurzfilme. Einen davon, den Kurzfilm „Laura hasn’t slept“, benutzte er jetzt als Inspiration für „Smile“.
Smile – Siehst du es auch?(Smile, USA 2022)
Regie: Parker Finn
Drehbuch: Parker Finn
mit Sosie Bacon, Kyle Gallner, Caitlin Stasey, Robin Weigert, Jessie T. Usher, Kal Penn, Rob Morgan
Die Verachtung (Le Mépris, Frankreich/Italien 1963)
Regie: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard
LV: Alberto Morovia: Il Desprezzo, 1954 (Die Verachtung)
Drehbuchautor Paul soll das Drehbuch für einen Film über die Abenteuer von Odysseus auf der Insel Capri schreiben. Dort sind, neben Paul, seine wunderschöne Frau, der Produzent, der ein Auge auf Pauls Frau Camille geworfen hat, und der Regisseur. Camille, die an Pauls Liebe zweifelt, beginnt ihn zunehmend zu verachten.
Godards anspielungs- und zitatenreiche Satire auf das Filmbusiness, gedreht mit viel Geld, Brigitte Bardot und Fritz Lang als Regisseur.
mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Fritz Lang, Georgia Moll, Jean-Luc Godard, Raoul Coutard