TV-Tipp für den 10. November: Michael Clayton

November 9, 2022

Servus TV, 20.15

Michael Clayton (Michael Clayton, USA 2007)

Regie: Tony Gilroy

Drehbuch: Tony Gilroy

Michael Clayton ist der Troubleshooter für eine große New Yorker Kanzlei. Als einer ihrer Anwälte ausrastet und damit der Prozess gegen das multinationale Chemieunternehmen U/North gefährdet, ist Clayton gefordert. Doch dieser steckt gerade selbst in einer Midlife-Crises.

Tony Gilroy, der als Autor der actionhaltigen Jason-Bourne-Trilogie bekannt wurde, hat mit seinem Regiedebüt einen Paranoia-Thriller inszeniert, bei dem die Bedrohung nicht mehr vom Staat sondern von der Wirtschaft ausgeht. Trotzdem haben Action-Fans bei „Michael Clayton“ schlechte Karten. Fans des guten, im positiven Sinn altmodischen Schauspielerkinos haben dagegen gute Karten.

Tony Gilroy war als bester Autor und Regisseur für einen Oscar nominiert, George Clooney als bester Darsteller, Tom Wilkinson als bester Nebendarsteller und Tilda Swinton erhielt einen Oscar einen BAFTA-Awards als beste Nebendarstellerin.

Gilroys Buch erhielt auch den Edgar-Allan-Poe-Preis.

Mit George Clooney, Tom Wilkinson, Tilda Swinton, Sydney Pollack, Michael O’Keefe

Wiederholung: Freitag, 11. November, 01.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Michael Clayton“

Wikipedia über „Michael Clayton“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tony Gilroys “Das Bourne-Vermächtnis” (The Bourne Legacy, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: “Black Panther: Wakanda forever” and ever

November 9, 2022

„Black Panther: Wakanda forever“ beginnt mit der episch zelebrierten Trauerfeier für T’Challa mit bunten Bildern aus Wakanda, Trommeln, Tänzen und Slow-Motion. Den Abschluss bildet das ihm zu Ehren geändertem Marvel-Logo.

Der Grund dafür ist der Tod von T’Challa-Darsteller Chadwick Boseman. Er starb am 28. August 2020. 2018 spielte er den schwarzen Helden in dem bei der Kritik und dem Publikum sehr erfolgreichem Superheldenfilm „Black Panther“. Danach war Boseman Black Panther. Nach seinem Tod entschlossen die Macher sich, die Rolle nicht einfach kommentarlos mit einem anderem Schauspieler neu zu besetzen (Remember „Hulk“?), sondern die Geschichte weiter zu erzählen und dieses Mal T’Challas jüngere Schwester Shuri in den Mittelpunkt zu stellen.

Dummerweise hat Letitia Wright nie die Präsenz von Chadwick Boseman. Schmerzhaft deutlich wird das am Ende des Films, wenn Regisseur Ryan Coogler wieder einige Bilder von Boseman als T’Challa zeigt. In diesen nur sekundenlangen Ausschnitten überzeugt er als charismatischer Held. Shuri wirkt dagegen, auch wenn sie in den vorherigen zweieinhalb Stunden etliche Abenteuer überstanden hat, wie der Ersatzmann, der die Position nicht ausfüllen kann.

Das kann teilweise an ihr liegen. Zu einem größeren Teil liegt das an ihrer Figur und am Drehbuch. Sie ist die kleine Schwester von T’Challa. Sie ist ein Wissenschafts-Nerd, der sich gerne im Labor vergräbt und von ihrer Kleidung und ihrem Gehabe immer noch in der Pubertät steckt. Sie mag vielleicht das Mädchen sein, mit dem man Pferde stiehlt, aber sie ist nicht die Herrscherin über ein Volk und sie ist keine Kriegerin. Ersteres wird von ihrer Mutter, Königin Ramonda (Angela Bassett), letzteres von Okoye (Danai Gurira), der Anführerin der Elite-Kriegerinnen Dora Milaje, überzeugend erledigt.

Das Drehbuch ist eine beliebige Ansammlung von Szenen. Während des gut dreistündigen Films fragte ich mich öfters, um was zur Hölle es denn jetzt eigentlich geht, was die Motive der Bösewichter sind, sofern sie überhaupt die Bösewichter sind, und was ich von der präsentierten Gesellschaft halten soll.

Wakanda ist, für alle, die „Black Panther“ nicht gesehen oder wieder vergessen haben, ein in Afrika liegendes Königreich, das sich Ewigkeiten von der Welt abschirmte. Niemand wusste von seiner Existenz. Inzwischen ist es als Staat anerkannt.

In Wakanda wird eine merkwürdige Mischung aus Tradition und Moderne gepflegt. Die Tradition ist viel afrikanische Folklore und ein im Mittelalter stecken gebliebenes Gesellschaftssystem von Königen, Kriegern und Fußvolk. Es ist auch das Gesellschaftssystem, das wir aus unzähligen Fantasy- und schlechten Science-Fiction-Filmen kennen. Gleichzeitig hat diese Erbmonarchie, die sich Jahrhunderte mit einem Schutzschild vor dem Rest der Welt verborgen hielt, Waffen und Fortbewegungsmittel, die wir sonst nur aus Science-Fiction-Filmen kennen. Außerdem verfügt Wakanda über das Metall Vibranium, das für viele friedliche und kriegerische Zwecke eingesetzt werden kann.

Ein Jahr nach dem Tod von T’Challa, streiten Wakanda und die anderen Staaten sich darüber, wer Vibranium besitzen darf und wie der Besitz und die Verwendung kontrolliert werden können. Die anderen Staaten hätten gerne ein Kontrollregime. Wakanda hält von dieser grundvernünftigen Forderung nichts und behauptet, ganz in der Tradition größenwahnsinniger Diktatoren, dass nur in ihren Händen Vibranium sicher sei und die Menschheit ihnen vertrauen solle.

Bevor dieser durchaus interessante Konflikt zwischen Wakanda und dem Rest der Welt vertieft werden kann, versucht eine zunächst unbekannte, aber gut ausgestattete Gruppe (es ist, wie wir später erfahren, die CIA) unter Wasser an dort liegendes Vibranium zu kommen. Sie werden von Namor (Tenoch Huerta Mejia), dem König des Unterwasserreiches Talokan, und seinen Männern umgebracht.

Talokan ist die Marvel-Variante des aus „Aquaman“ bekannten DC-Unterwasserreiches Atlantis. Nur dass hier alles eine Spur dunkler ausfällt. Die Talokaner haben normalerweise eine blaue Hautfarbe, die sofort an die aus „Avatar“ bekannten Na’vi erinnert.

Nachdem Namor verhindern konnte, dass das Vibranium in die falschen Hände fällt, schlägt er Königin Ramonda, die bislang nichts von Talokan wusste, eine Zusammenarbeit gegen den unbekannte Feind vor.

Kurz nach dem positiven Start ihrer Zusammenarbeit zerstreiten sie sich über die neunzehnjährige geniale Erfinderin Riri Williams (Dominique Thorne). Shuri und Okoye retteten sie vor einer Hundertschaft schießwütiger Polizisten und FBI-Agenten. Diese Actionszene findet, wie die meisten Actionszenen in „Black Panther: Wakanda forever“, weitgehend im Dunkeln statt. Sie unterscheidet sich kaum von den aus anderen Superheldenfilmen.

Nachdem sie die Neunzehnjährige retten konnten, möchte Shuri mit Riri in Wakanda in ihrem High-Tech-Labor forschen. Namor will Riri töten. Er hält sie für eine Bedrohung.

Fortan steht, unterbrochen von familiären Anwandlungen und der anderen Bedrohung, der eskalierende Krieg zwischen Wakanda und Talokan im Mittelpunkt des Films.

Unentschlossen und ohne jemals einen klaren Fokus zu finden, pendelt „Black Panther: Wakanda forever“ zwischen den einzelnen Plotideen hin und her. Garniert wird das mit einer Best-of-Africa-Klischeeparade, austauschbaren Actionszenen und ärgerlich fehlgeleiteten Vorstellungen von Herrschaft und Politik.

Insgesamt reiht „Black Panther: Wakanda forever“ sich nahtlos in die aktuelle, enttäuschende Phase des Marvel-Cinematic-Universe-Phase ein. Wenn der Film an der Kinokasse nicht so erfolgreich wie andere MCU-Filme ist, ist zu befürchten, dass danach wieder behauptet wird, Frauen könnten keine Superheldenfilme stemmen. Dabei liegt es nicht am Geschlecht und der Hautfarbe der Hauptfigur, sondern an dem schlechten Drehbuch und der schlechten Ausführung.

Wie es besser geht, zeigte vor wenigen Wochen Gina Prince-Bythewood in „The Woman King“.

Black Panther: Wakanda forever (Black Panther: Wakanda forever, USA 2022)

Regie: Ryan Coogler

Drehbuch: Ryan Coogler, Joe Robert Cole

LV: Charakter von Stan Lee und Jack Kirby

mit Letitia Wright, Lupita Nyong’o, Danai Gurira, Winston Duke, Florence Kasumba, Dominique Thorne, Michaela Coel, Mabel Cadena, Alex Livinalli, Tenoch Huerta, Martin Freeman, Angela Bassett, Tenoch Huerta Mejia, Alex Livinalli, Mabel Cadena, Dominique Thorne

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite von Marvel

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Black Panther: Wakanda forever“

Metacritic über „Black Panther: Wakanda forever“

Rotten Tomatoes über „Black Panther: Wakanda forever“

Wikipedia über „Black Panther: Wakanda forever“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ryan Cooglers „Creed“ (Creed, USA 2015)

Meine Besprechung von Ryan Cooglers „Black Panther“ (Black Panther, USA 2018)


TV-Tipp für den 9. November: The A-Team – Der Film

November 8, 2022

Nitro, 20.15

Das A-Team – Der Film (The A-Team, USA 2010)

Regie: Joe Carnahan

Drehbuch: Joe Carnahan, Skip Wood, Brian Bloom

Eine Gruppe von unschuldig verurteilten Elite-Soldaten, das A-Team, will seine Unschuld beweisen und verursacht dabei beträchtliche Kollateralschäden.

Die kurzweilige Kinoversion der gleichnamigen 80er-Jahre-Serie „Das A-Team“ ist natürlich in jeder Beziehung einige Nummern größer als das Original und passt sich den zeitgenössischen Sehgewohnheiten an.

Joe Carnahan, der zuvor den düsteren Cop-Thriller „Narc“ und das krachige Jungskino „Smokin’ Aces“ inszenierte, nahm den Job an, weil er mit seinen beiden anderen Projekten, dem Pablo-Escobar-Biopic „Killing Pablo“ und der James-Ellroy-Verfilmung „White Jazz“, nicht weiterkam. Über Pablo Escobar entstanden inzwischen einige Filme und Serien. Der Ellroy-Roman ist immer noch nicht verfilmt. „Das A-Team“ richtet sich, wenig überraschend, vor allem an die „Smokin’ Aces“-Fans.

Ebenfalls wenig überraschend ist, dass „Das A-Team“ jahrelang in Hollywood entwickelt wurde und wahrscheinlich jeder bekannte Regisseur und Schauspieler irgendwann im Gespräch war.

mit Liam Neeson, Bradley Cooper, Jessica Biel, Quinton ‘Rampage’ Jackson, Sharlto Copley, Patrick Wilson, Gerald McRaney

Wiederholung: Donnerstag, 10. November, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das A-Team“

Wikipedia über „Das A-Team“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Joe Carnahans “The Grey – Unter Wölfen” (The Grey, USA 2012)


TV-Tipp für den 8. November: Terror in Paris: Chronik einer Fahndung

November 7, 2022

Arte, 21.50

Terror in Paris: Chronik einer Fahndung (Frankreich 2022)

Regie: Christophe Cotteret

TV-Premiere. Spielfilmlange Doku über die Fahndung nach den Attentätern der Anschläge vom 13. November 2015 in Paris, unter anderem auf das Bataclan. Cotteret konzentriert sich dabei auf die internationale Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden.

Sicher eine gute Ergänzung zu „November“ und „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ (läuft am Donnerstag an).

Hinweise

Arte über die Doku (bis 6. Mai 2023 online)

Wikipedia über die Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris


TV-Tipp für den 7. November: Robin Hood, König der Vagabunden

November 6, 2022

Arte, 20.15

Robin Hood, König der Vagabunden (The Adventures of Robin Hood, USA 1938)

Regie: Michael Curtiz, William Keighley

Drehbuch: Norman Reilly Raine, Seton I. Miller

Klassiker, der farbenprächtig und mitreißend die Geschichte von Robin Hood erzählt – und immer noch als beste Version des Stoffes gilt.

mit Errol Flynn, Olivia de Havilland, Basil Rathbone, Claude Rains, Patric Knowles

Wiederholung: Donnerstag, 10. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Robin Hood, König der Vagabunden“

Wikipedia über „Robin Hood, König der Vagabunden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Otto Bathursts „Robin Hood“ (Robin Hood, USA 2018)


TV-Tipp für den 6. November: Der Pianist

November 5, 2022

Arte, 20.15

Der Pianist (The Pianist, Frankreich/Deutschland/Polen/Großbritannien 2002)

Regie: Roman Polanski

Drehbuch: Ronald Harwood

LV: Wladyslaw Szpilman: Śmierć miasta, 1946 (Das wunderbare Überleben; Der Pianist – Mein wunderbares Überleben)

Ergreifendes, plumpe Emotionalisierungen und Pathos vermeidendes Drama über das Schicksal des polnisch-jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman, der während des Zweiten Weltkriegs im Warschauer Ghetto war und sich danach bis zum Kriegsende in Warschau an verschiedenen Orten versteckte.

Für Roman Polanski, dessen Biographie Parallelen zu Szpilmans Biographie hat, war dieser Film auch eine Möglichkeit, mit seiner eigenen Vergangenheit, die er bislang in seinen Filmen nicht direkt ansprach, umzugehen.

„Es ist ein filmisches Gebet für den Menschen. Und die Haltung des Künstlers können wir wohl als eine selbstbewusste Form der Demut bezeichnen.“ (Georg Seeßlen, Die Zeit, 24. Oktober 2002)

„‚Der Pianist‘ ist, wie auch ‚Schindlers Liste‘ ein Referenzfilm für die Darstellung dieses entsetzlichen Kapitels der deutsch-polnischen Geschichte. Und das cineastische Anliegen eines Zeitzeugen.“ (Adrian Prechtel, AZ, 24. Oktober 2002)

Ein kühl inszenierter filmischer Triumph – und eine eindrückliche Warnung.

Mit Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Thomas Finlay, Maureen Lipman, Ed Stoppard, Julia Rayner, Jessica Kate Meyer, Emilia Fox, Axel Prahl

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Pianist“

Wikipedia über „Der Pianist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “The Ghostwriter” (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “Venus im Pelz” (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Nach einer wahren Geschichte“ (D’après une histoire vraie, Frankreich 2017)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Intrige“ (J’accuse, Frankreich/Italien 2019)

Ein Telefoninterview mit Roman Polanski (geb. 18. August 1933) über seine Kindheit während des Zweiten Weltkriegs in Polen


TV-Tipp für den 5. November: Alles steht Kopf

November 4, 2022

Disney Channel, 20.15

Alles steht Kopf (Inside Out, USA 2015)

Regie: Pete Docter, Ronnie del Carmen

Drehbuch: Pete Docter, Meg LeFauve, Josh Cooley (nach einer Idee von Pete Docter und Ronnie del Carmen)

Die elfjährige Riley ist todunglücklich über den Umzug vom wundervollen Minnesota nach San Francisco – und dann passiert in ihrem Kopf etwas. Ab diesem Moment spielt der Film in Rileys Kopf, wo im Kontrollzentrum die verschiedenen Emotionen für ein geregeltes Leben sorgen. Als der Emotion Kummer ein dummes Missgeschick passiert, versucht Freude wieder den alten Zustand herzustellen. Dafür muss sich sich, zusammen mit Kummer, auf eine Reise durch Rileys Gedächtnis begeben.

Wundervolle Pixar-Komödie, die locker schwierige Themen und Theorien erklärt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Wiederholung: Sonntag, 6. November, 08.55 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Alles steht Kopf“

Metacritic über „Alles steht Kopf“

Rotten Tomatoes über „Alles steht Kopf“

Wikipedia über „Alles steht Kopf“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pete Docter/Ronnie del Carmens „Alles steht Kopf“ (Inside Out, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von dem Entführten

November 4, 2022

Den Titel „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ musste Hans-Christian Schmid von der Vorlage übernehmen. Das macht die Sache nicht besser. Denn er ist vollkommen unpassend und ungefähr jeder andere Titel wäre besser gewesen. In dem autobiographischem Roman und dem Film geht es um die Entführung von Jan Philipp Reemtsma. Er wurde am 25. März 1996 entführt. Nach der Zahlung des Lösegeldes wurde er nach 33 Tagen freigelassen. 1997 veröffentlichte er das Buch „ Im Keller“ über seine Entführung.

2018 veröffentlichte sein Sohn Johann Scheerer „Wir sind dann wohl die Angehörigen“. In dem Buch beschreibt er, wie er als damals Dreizehnjähriger die Entführung und das bange Warten auf das Ende erlebte.

Die Verfilmung konzentriert sich ebenfalls auf Johann Scheerer, der der Quasi-Erzähler ist. Aber Regisseur Hans-Christian Schmid und sein Drehbuchautor Michael Gutman, die schon bei Schmids Filmen „23“, „Crazy“ und „Lichter“ zusammengearbeitet haben, erweitern den Blick. Der Grund dafür ist ziemlich banal.

In einem autobiographischem Text erzählt der Erzähler von sich aus seiner Perspektive. Wir sehen also alles mit seinen Augen. Wenn er über seine Vergangenheit schreibt, reflektiert er außerdem mit seinem heutigen Wissen, Gefühlen und Ansichten über die damaligen Ereignisse. Er sagt uns, warum dieser Teil seiner Vergangenheit heute für ihn immer noch wichtig ist. Er kann auch mühelos zwischen den Zeitebenen wechseln. Teilweise innerhalb eines Satzes.

Diese Reflektionsebene fehlt in Schmids Film. Er verzichtet auf eine in der Gegenwart beginnende Rahmenerzählung (so etwas in der Art: der Protagonist sieht eine Zeitungsüberschrift und erinnert sich) und auf Rückblenden. Er bleibt immer nah bei seinen Figuren und erzählt alles, als wäre er direkt dabei. Das ist spannend, aber es bleibt auch unklar, welche Bedeutung die Entführung seines Vaters für Johanns weiteres Leben hat. Im Film ist er – ganz normal für einen Dreizehnjährigen – eine passive Figur. Wie ein Reporter nimmt er alles wahr, während die wichtigen Entscheidungen von anderen Menschen gefällt werden. Für einen Unterhaltungsfilm ist das keine tragfähige Konstruktion.

Deshalb erweiterten Schmid und Gutman den Blick. Sie erzählen auch von Johanns Mutter Ann Kathrin Scheerer, dem Anwalt der Familie und der Arbeit der Polizei. Manchmal erfährt Johann später davon. Manchmal nicht.

So wird „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ zu einem Bild einer Familie in einer Extremsituation und einer kleinen Notgemeinschaft. Während der Entführung waren ausgewählte Vertraute, wie Johann Schwenn, der Anwalt der Familie, und Christian Schneider, ein Freund der Familie, und Polizisten in der Reemtsma-Villa. Teilweise glich sie einem Ferienlager. Vor allem die beiden Angehörigenbetreuer der Polizei, die das Scharnier zwischen der Polizei und Ann Kathrin Scheerer waren, bauten eine intime Beziehung zur Familie auf.

Das schildert Schmid, ohne einen klaren Protagonisten, immer nah an den Personen und spannend. Die unterschiedlichen Interessen und Motive der Angehörigen und der Polizisten werden klar herausgearbeitet. Und weil dieses Mal eindeutig die Angehörigen, in diesem Fall die Frau und der Sohn des Entführten, im Mittelpunkt des Films stehen, ist „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ aus einer ungewohnten Perspektive erzählt.

Wir sind dann wohl die Angehörigen (Deutschland 2022)

Regie: Hans-Christian Schmid

Drehbuch: Michael Gutmann, Hans-Christian Schmid

LV: Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen – Die Geschichte einer Entführung, 2018

mit Claude Heinrich, Adina Vetter, Justus von Dohnányi, Hans Löw, Yorck Dippe, Enno Trebs, Fabian Hinrichs, Philipp Hauß

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wir sind dann wohl die Angehörigen“

Moviepilot über „Wir sind dann wohl die Angehörigen“

Wikipedia über die Reemtsma-Entführung

Meine Besprechung von Hans-Christian Schmids „Sturm“ (Deutschland/Dänemark/Niederlande 2009)


TV-Tipp für den 4. November: Der Schrei der Eule

November 3, 2022

One, 01.00

Der Schrei der Eule (The Cry of the Owl, Deutschland/Frankreich/Großbritannien/Kanada 2009)

Regie: Jamie Thraves

Drehbuch: Jamie Thraves

LV: Patricia Highsmith: The Cry of the Owl, 1962 (Der Schrei der Eule)

Robert beobachtet nachts heimlich die schöne Jenny. Sie verliebt sich in ihn und verlässt ihren Verlobten Greg. Als Greg nach einer Schlägerei spurlos verschwindet, wird Robert des Mordes verdächtigt.

Bereits Claude Chabrol und Tom Toelle verfilmten 1987 den Krimi. Beide Verfilmungen ähneln sich sehr und sind, wenn man die Prämisse akzeptiert, auch gelungen. Inzwischen ist Toelles Film, weil er nie im TV läuft, fast vergessen. Immerhin gibt es ihn auf DVD und im Streaming.

Die dritte Verfilmung des Romans ist auch gelungen. Sie unterscheidet sich kaum von den vorherigen Verfilmungen. Inzwischen dürfte sie auch die bekannteste Verfilmung des Highsmith-Romans sein.

mit Paddy Considine, Julia Stiles

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Schrei der Eule“

Wikipedia über „Der Schrei der Eule“ (deutsch, englisch) und  Patricia Highsmith (deutsch, englisch)

Times: The 50 Greatest Crime Writers No 1: Patricia Highsmith

Kaliber .38 über Patricia Highsmith (Bibliographie)

Krimi-Couch über Patricia Highsmith

Wired for Books: Don Swain redet mit Patricia Highsmith (1987)

Gerald Peary redet mit Patricia Highsmith (Sight and Sound – Frühling 1988)

Meine Besprechung von Hossein Aminis Patricia-Highsmith-Verfilmung “Die zwei Gesichter des Januars” (The two Faces of January, Großbritannien/USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Todd Haynes‘ Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“ (Carol, USA/Großbritannien/Frankreich 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Menschliche Dinge“ – nicht strafbar, ein Missverständnis oder eine Vergewaltigung?

November 3, 2022

Hat er oder hat er nicht? Die sechzehnjährige Mila behauptet, der sechs Jahre ältere Alexandre Farel habe sie vergewaltigt. Er behauptet das Gegenteil. In einem Gerichtsverfahren soll der Vorwurf geklärt werden.

Der erste Verhandlungstag ist über dreißig Monate nach der Tat und der Anzeige. Bevor Yvan Attal in der zweiten Filmhälfte die Gerichtsverhandlung ausführlich dokumentiert, erzählt er zuerst aus seiner, dann aus ihrer Perspektive die Vorgeschichte. Und er lässt sich viel Zeit, die einzelnen Schritte eines Strafverfahrens ausführlich zu zeigen. Daraus entsteht – auch weil Nicht-Franzosen noch weniger über französische Strafverfahren wissen als Franzosen – eine ganz eigene Spannung. Der Fall selbst dient Attal dazu, im Nachgang der #MeToo-Debatte, ausführlich die verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und, vor allem im Gerichtsverfahren, verschiedene Ansichten zum Umgang mit dem Vorwurf einer Vergewaltigung, einer Vergewaltigung oder mehr oder weniger einvernehmlichem Geschlechtsverkehr zu beleuchten. Im Kern konzentriert sich der Film auf die Frage, ob es auch dann eine Vergewaltigung ist, wenn sie sich nicht wehrt, weil sie Angst hat und er eine reale oder vermeintliche Machtposition ausnutzt. Denn Alexandre leugnet den Geschlechtsverkehr nicht. Aber für ihn war es keine Vergewaltigung.

Dabei wirkt das Drama immer wieder etwas didaktisch. Zuerst, weil in der ersten Filmhälfte, die Geschichte zuerst aus seiner, dann aus ihrer Perspektive erzählt wird. Anschließend führt der streng regulierte, ausführlich präsentierte Ablauf des Gerichtsverfahrens dazu, dass nacheinander verschiedene, von Fachleuten vorgetragene Positionen zu Wort kommen und immer wieder, vor allem in den Schlussplädoyers, monologisiert wird.

Attal zeigt, wie Alexandre und Mila den Abend und das Ereignis, das wir nie sehen, unterschiedlich wahrgenommen haben. Für ihn war es vielleicht etwas rauer, aber einvernehmlicher Sex und Teil einer Wette mit seinen Schulfreunden. Für sie war es das nicht; jedenfalls sagt sie das bei der Anzeige. Attal zeigt auch die Reaktionen der Eltern von Mila und Alexandre, die hier in einer sehr spezifischen Konstellation aufeinandertreffen. So hat Alexandres Vater Jean Farel, ein angesehener, bekannter, hochgeehrter und charmanter Fernsehjournalist, regelmäßig Sex mit seinen Angestellten und Praktikantinnen. Bekannte reale Vorbilder sind Dominique Strauss-Kahn und Harvey Weinstein. Alexandre wird uns als etwas rücksichtsvollere Version seines Vaters präsentiert. Auch er gehört zur Bourgeoisie und benimmt sich entsprechend. Im Film ist dann unklar, ob Alexandre sich so verhält, weil er so ist, ob er sein Verhalten von seinem Vater übernommen hat oder ob er sich so verhält, weil er zu einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse gehört.

Alexandres Mutter Claire ist eine Publizistin und glühende Feministin, die am Filmanfang lautstark die Bestrafung von Vergewaltigtern fordert. Aber was wird sie sagen, wenn es um ihren Sohn geht? Inzwischen lebt sie mit Adam Wizman zusammen. An dem verhängnisvollem Abend schickte sie Adams Tochter mit ihrem Sohn weg – zu einer Party mit seinen früheren Schulkameraden, die er lange nicht gesehen hat, weil er in den USA an einer Elite-Universität studiert.

Milas Eltern sind knapper gezeichnet. Ihr Vater ist ein Hochschullehrer, ihre Mutter eine überzeugte orthodoxe Jüdin.

Menschliche Dinge“ wirkt wie eine gut strukturierte Spielanleitung, die möglichst alle Meinungen zum Thema darstellen möchte und dabei auf Emotionalisierungen verzichtet. Entsprechend distanziert verfolgt man das Geschehen.

Nach dem Film, der mit einem Gerichtsurteil endet, kann man dann natürlich prächtig über das Thema und die Angemessenheit des Urteils diskutieren.

Menschliche Dinge (Les choses humaines, Frankreich 2021)

Regie: Yvan Attal

Drehbuch: Yvan Attal, Yaël Langmann

LV: Karine Tuil: Les Choses humaines, 2019 (Menschliche Dinge)

mit Charlotte Gainsbourg, Matthieu Kassovitz, Pierre Arditi, Ben Attal, Suzanne Jouannet, Audrey Dana, Benjamin Lavernhe, Judith Chemla

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Menschliche Dinge“

AlloCiné über „Menschliche Dinge“

Rotten Tomatoes über „Menschliche Dinge“

Wikipedia über „Menschliche Dinge“


Neu im Kino/Filmkritik: Einmal Exorzismus gegen „The Devil’s Light“

November 3, 2022

1835 eröffnete der Vatikan die erste Schule, in der die Kunst der Teufelsaustreibung gelehrt wurde. 2018 wurde, um in diesen gottlosen Zeiten dem gestiegenem Bedarf nach Teufelsaustreibern nachzukommen, in Boston eine Zweigstelle errichtet. Sie ist in einem altehrwürdigem Gebäude. Innen ist sie eine Mischung aus Universitätslehrsälen aus dem vorvorherigem Jahrhundert, modernem Krankenhaus und, hochgesichert im Keller, weiteren Räumen, in denen besonders gefährliche Fälle von Besessenheit beobachtet werden. An ihnen dürfen die Exorzismus-Schüler ihre gerade erlenten Fähigkeiten ausprobieren. Es ist ein Arkham Asylum mit Schulbetrieb.

In diesen Schulbetrieb wird Ann (Jacqueline Byers) aufgenommen. Eigentlich soll die Ordensschwester nur eine stille Beobachterin und Krankenschwester sein. Denn Exorzismen werden von Priestern durchgeführt. Aber sie darf dann doch dem Unterricht beiwohnen und sie führt, natürlich ohne die richtige Ausbildung und gegen alle Regeln, selbst Exorzismen durch.

Schnell konzentriert sie sich auf die besonders schwierige junge Patientin Natalie. Das Kind ist von einer besonders bösen dämonischen Kraft besessen. Außerdem glaubt Ann, dass sie eine besondere Beziehung zu dem in Natalie lebendem Dämon hat. Das führt, weil die Wege des Teufels teuflisch verschlungen sind, am Filmende zu einer abstrusen Erklärung.

Einen Innovationspreis wird Daniel Stamm für seinen Horrorfilm „The Devil’s Light“ nicht erhalten. Es gibt zwar einige interessante Ideen und Ansätze, die dann aber nicht weiter verfolgt werden. Stattdessen gibt es schnell den üblichen Exorzismus-Budenzauber. Nur dass dieses Mal die Teufelsaustreibungen nicht von einem Priester, sondern von einer Nonne durchgeführt werden.

The Devil’s Light (Prey for the Devil, USA 2022)

Regie: Daniel Stamm

Drehbuch: Robert Zappia

mit Jaqueline Buyers, Christian Navarro, Colin Salmon, Posy Taylor, Virginia Madsen, Ben Cross (letzter Film des am 18. August 2020 verstorbenen Schauspielers)

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Devil’s Light“

Metacritic über „The Devil’s Light“

Rotten Tomaotes über „The Devil’s Light“

Wikipedia über „The Devil’s Light“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 3. November: Pride

November 2, 2022

Arte, 20.15

Pride (Pride, Großbritannien 2014)

Regie: Matthew Warchus

Drehbuch: Stephen Beresford

Großbritannien 1984: Die Minenarbeiter streiken und hungern und werden von der Regierung bekämpft. In London entschließt sich der homosexuelle Aktivist Mark Ashton, ihnen zu helfen. Schließlich kämpfen sie doch beide gegen die Thatcher-Regierung. Das ist dann aber auch die einzige Gemeinsamkeit zwischen ihnen. Trotzdem überzeugt Ashton einige seiner Freunde, mit ihm Geld für die Streikenden zu sammeln und das Geld persönlich den Streikenden in Onllwyn zu überreichen.

Zum Kinostart des auf Tatsachen basierenden Feelgood-Movies schrieb ich: „Pride“ ist einer der schönsten Filme des Jahres. Erzählt in einem rauhen, unsentimentalem, aber auch humorvollem Tonfall, der das Herz wärmt und zeigt, wie Veränderungen geschehen können. So ist das Schlussbild, wenn die Bergarbeiter im gespendeten LGSM-Bus (Lesbians and Gays Support the Miners – yep, sehr unzweideutige Namensgebung) nach London kommen und bei dem Gay-Pride-Marsch mitdemonstrieren ein schönes Schlussbild.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ben Schnetzer, George Mackay, Dominic West, Andrew Scott, Bill Nighy, Imelda Staunton, Paddy Considine, Jessica Gunning, Paye Marsay

Hinweise

Moviepilot über „Pride“

Metacritic über „Pride“

Rotten Tomatoes über „Pride“

Wikipedia über „Pride“ (deutsch, englisch)

The Guardian über „Pride“ und die historischen Hintergründe (18. September 2014) (es wird ein „A -“ für die historische Genauigkeit vergeben)

The Guardian über „Pride“: Ausführliche Reportage und Interviews über die historischen Hintergründe des Films (31. August 2014)

Meine Besprechung von Matthew Warchus‘ „Pride“ (Pride, Großbritannien 2014)


TV-Tipp für den 2. November: Match Point

November 1, 2022

Arte, 20.15

Match Point (Match Point, Großbritannien 2005)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

Ein Woody-Allen-Film ohne New York? Geht das? Wie sein erster im Ausland gedrehter Film “Match Point” zeigt, geht das sehr gut. Für Allen scheint es sogar eine Frischzellenkur gewesen zu sein. Denn er drehte seine nächsten Filme, weitgehend ohne die gewohnten Allen-Wortkaskaden, in Europa.

Die Geschichte von „Match Point“ ist die alte Geschichte vom Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, der für seine Ziele über Leichen geht. Denn seine große Liebe ist nicht seine Ehefrau und er denkt nicht an eine Scheidung, die ihn selbstverständlich seine gerade mühsam erreichte gesellschaftliche Stellung kosten würde.

„Match Point“ wurde von den Kritikern abgefeiert, erhielt Preise und wurde für wichtige Preise, unter anderem den Oscar und den Edgar Allan Poe Award als bestes Drehbuch, nominiert. Der Film ist ein schön gemeines Thrillerdrama mit einer bitterbösen Schlusspointe.

Mit Scarlett Johansson, Jonathan Rhys Meyer, Emily Mortimer, Emily Mortimer, Matthew Goode, Mark Gatiss, Brian Cox, Ewen Bremner, James Nesbitt

Wiederholung: Donnerstag, 3. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Guardian: Interview mit Woody Allen (20. Dezember 2005)

Total Film: Interview mit Woody Allen (30. Dezember 2005)

Die Welt: Interview mit Woody Allen (23. Dezember 2005)

Roten Tomatoes über „Match Point“

Wikipedia über „Match Point“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens „Irrational Man“ (Irrational Man, USA 2015)

Meine Besprechung von Woody Allens „Café Society“ (Café Society, USA 2016)

Meine Besprechung von Woody Allens „Wonder Wheel“ (Wonder Wheel, USA 2017)

Meine Besprechung von Woody Allens „A rainy Day in New York“ (A rainy Day in New York, USA 2019)

Meine Besprechung von Woody Allens „Rifkin’s Festival“ (Rifkin’s Festival, USA 2020)

Woody Allen in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Juniper“, ein Hausbesuch von Charlotte Rampling

November 1, 2022

Als seine in England lebende Großmutter Ruth (Charlotte Rampling) pflegebürftig mit einem gebrochenem Bein zu ihnen nach Neuseeland kommt und ein Zimmer in dem Farmhaus beansprucht, hadert der suizidgefährdete siebzehnjährige Sam (George Ferrier) noch mit dem Tod seiner Mutter.

Sein Vater (Marton Csokas) muss kurz darauf nach England fliegen, um sich um Ruths Vermögen zu kümmern. Eine Pflegerin (Edith Poor) soll sich um Ruth kümmern. Die kann sich allein nicht bewegen und sie ist äußerst dickköpfig. Aber solange die Alkoholikerin eine stetige Menge Gin bekommt, ist sie halbwegs erträglich.

Dass Ruth und Sam sich während des Films näher kommen und gegenseitig aus ihren Lebenskrisen helfen, dürfte niemand überraschen. Aber das wie gestaltet Matthew J. Saville in seinem sehr lose autobiographisch inspiriertem Spielfilmdebüt durchaus kurzweilig in schlanken neunzig Minuten. Vor allem die Schauspieler, die aus ihren teils arg knapp skizzierten Figuren viel herausholen, und die fotogene Landschaft tragen zum Gelingen des Dramas bei.

Das Bonusmaterial besteht aus kurzen Interviews mit Regisseur Matthew Saville  und den Komponisten Marlon Williams und Mark Perkins, dem Trailer und vier B-Roll-Clips

Juniper (Juniper, Neuseeland 2021)

Regie: Matthew J. Saville

Drehbuch: Matthew J. Saville

mit Charlotte Rampling, Marton Csokas, George Ferrier, Edith Poor

DVD

Square One/Leonine

Bild: 2.39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Interviews, Clips, Trailer

Länge: 91 Minute

FSK: ab 12 Jahre

Auch als Blu-ray und digital erhältlich.

Hinweise

Moviepilot über „Juniper“

Metacritic über „Juniper“

Rotten Tomatoes über „Juniper“

Wikipedia über „Juniper“


TV-Tipp für den 1. November: Mord im Orient-Express (1974)

Oktober 31, 2022

3sat, 20.15

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paul Dehn

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)

Millionär Ratchett wird im Orient-Express ermordet. Der Zug bleibt im Schnee stecken und der Mörder muss noch im Zug sein. Hercule Poirot befragt die Passagiere.

Starbesetzer Edelkrimi mit Albert Finney (als Hercule Poirot), Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark (als Leiche). Wolf Donner meinte: „Kulinarisches Kino, angenehm überflüssig und verwirrend nutzlos.“ (Donner in Die Zeit)

Wiederholung: Mittwoch, 2. November, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage

 

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Mord im Orient-Express”

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Tod auf dem Nil“ (Death on the Nile, USA/Großbritannien 2022) (und Buchbesprechung)


Neu im Kino/Filmkritik: „Rheingold“, der Mythos, der Gangster, der Rapper – eine deutsche Geschichte

Oktober 31, 2022

Provinziell klingt so provinziell. Trotzdem beschreibt das die Gangster-Karriere des Rappers Xatar ziemlich gut. Mit einer ordentlichen Portion Trotteligkeit, die auch gut in einen Heinz-Rühmann-Film gepasst hätte. Mit der Toughness, die US-Rapper mit tonnenschweren Goldketten, vulgär präsentierten Pistolen und dick aufgetragener authentischer Ghetto-Legitimität fotogen vor sich her tragen, hat das nichts zu tun. Das liegt nicht, wie Fatih Akin in seinem Xatar-Biopic „Rheingold“ zeigt, am mangelndem Wollen, sondern an der Welt, in der Xatar lebt. Waffen, das organisierte Verbrechen und Rassismus haben in Deutschland eine andere Rolle, ein anderes Gewicht und eine andere Bedeutung als in den USA. Das führt dazu, dass aus den USA ein stetiger Strom Gangsterfilme kommt, in denen Mafiosi sich blutig bekämpfen. In Deutschland wird im Zweifelsfall einfach geleugnet, dass es hier die Mafia und das Organisierte Verbrechen gibt, Ausnahmen, wie Dominik Grafs TV-Miniserie „Im Angesicht des Verbrechens“, bestätigen die Regel.

Fatih Akin erzählt in „Rheingold“ flott das Leben von Giwar ‚Xatar‘ Hajabi als knallige Coming-of-Age-Geschichte und humoristische Räuberpistole nach. Sein Film beginnt schon vor Giwars Geburt. Im Iran ist Giwars Vater Eghbal Hajabi Musikprofessor und Komponist. Seine aus einer angesehenen Familie stammende Frau Rasal ist ebenfalls Musikerin. Nachdem Mullahs in Teheran eines seiner Konzerte stürmen, flüchten sie in den Norden des Landes und schließen sich kurdischen Freiheitskämpfern an. Während des Iran-Irak-Krieges wird Rasal zur Kriegsheldin.

Giwar kommt am 24. (!) Dezember 1981, in einer Höhle zur Welt. Mit Hilfe des Roten Kreuzes kommen die Hajabis nach Paris und später nach Bonn. Dort hört Giwar, zusammen mit seinem Vater, im Opernhaus Richard Wagners „Rheingold“. Eghbal arbeitet wieder als Musiker, verliebt sich in eine andere Frau und verlässt seine Familie. Rasal muss als Putzfrau arbeiten. Giwar geht auf das Gymnasium, erhält Klavierunterricht (dafür ist immer Geld da) und versucht als Flüchtlingskind seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Er wird von Gleichaltrigen herumgestoßen. In einem Boxstudio trainiert er mit dem Ziel, seine Peiniger zu verprügeln. Er probiert alles aus, um Geld, viel Geld zu verdienen. Gesetze sind ihm egal. Skrupel hat er keine. Er verkauft illegal kopierte Sexvideos (wir reden von den Neunzigern) und Drogen. Seine Ambitionen sind größer als sein Können. Entsprechend dilletantisch ist der von ihm 2009 durchgeführte Goldraub, der ihm eine mehrjährige Haftstrafe verschafft.

Im Gefängnis beginnt er ernsthaft seine Karriere als Rapper.

Das ist ein Leben, das genug Stoff für einen Film hergibt und in dem viel über die deutsche Gesellschaft erzählt werden kann.

Fatih Akin, der sich schon in seinem Spielilmdebüt „Kurz und schmerzlos“ (1998) mit dem Leben von migrantischstämmigen Kleinkriminellen in Hamburg-Altona beschäftigte, erzählt hier wieder aus dem Leben von Migranten in Deutschland. Locker, flockig, pointiert, nie besonders kritisch gegenüber dem Porträtierten erzählt er das Leben von Giwar Hajabi und seinen Eltern. Weil die Geschichte nicht in einer im Verbrechen versinkenden US-Großstadt mit maroden Sozialbauten, schlechten Schulen und zu vielen Schusswaffen, sondern im beschaulichen Bonn am Rhein spielt, wirkt Giwars Geschichte immer wie eine schnurriger Räuberpistole mit etwas Gangster-Ghetto-Feeling und hochkultureller deutscher Adelung.

Das Ergebnis kann auch gut als Image-Film für den Musiker dienen. Er wird als wahrer Hansdampf in allen Gassen gezeigt. Er ist der nette, sympathische Junge, der Geld verdienen will. Dabei war Giwar kein Unschuldslamm. Es waren seine Entscheidungen, die ihn zum Verbrecher werden ließen und für die er zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Rheingold (Deutschland 2022)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Fatih Akin

LV: Xatar: Alles oder Nix, 2015

mit Emilio Sakraya, Mona Pirzad, Kardo Razzazi, Ilyes Raoul, Ugur Yücel, Denis Moschitto, Sogol Faghani, Arman Kashani, Julia Goldberg, Majid Bakhtiari, Karim Düzgün Günes, Doğa Gürer

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Rheingold“

Moviepilot über „Rheingold“

Rotten Tomatoes über „Rheingold“

Wikipedia über „Rheingold“

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Tschick“ (Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Aus dem Nichts“ (Deutschland 2017)


TV-Tipp für den 31. Oktober: Eine Leiche zum Dessert

Oktober 30, 2022

Ergänzend zu „See how they run“ gibt es

Arte, 20.15

Eine Leiche zum Dessert (Murder by Death, USA 1976)

Regie: Robert Moore

Drehbuch: Neil Simon

Ein Millionär lädt die berühmtesten Detektive der Welt ein. Er behauptet, sie könnten einen Mord nicht aufklären, der um Mitternacht stattfinden wird. Die Detektive sehen das anders.

Neil Simon zieht in seiner Krimikomödie die Images der bekanntesten, literarischen Detektive der Welt (hier: Miss Marple, Hercule Poirot, Sam Spade, Nick Charles aka Der dünne Mann mit Gattin Nora, Charlie Chan) und die Prinzipien des Whodunits durch den Kakao. Ein köstlicher Spaß – nicht nur für Genre-Fans.

Verkörpert werden die Meisterdetektive und Tatverdächtige u. a. von Truman Capote, Peter Falk, Alec Guiness, David Niven, Peter Sellers, Maggie Smith, Eileen Brennan, James Cromwell

Wiederholung: Mittwoch, 2. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Thrilling Detective über „Murder by Death“ (Eine Leiche zum Dessert)

Rotten Tomatoes über “Eine Leiche zum Dessert”

Wikipedia über „Eine Leiche zum Dessert“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. Oktober: Marnie

Oktober 29, 2022

Zum 2. Todestag von Sean Connery (25. August 1930 – 31. Oktober 2020)

Arte, 20.15

Marnie (Marnie, USA 1964)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Jay Presson Allan

LV: Winston Graham: Marnie, 1961 (Marnie)

Ein Verleger verknallt sich in eine Kleptomanin.

„Marnie“ ist – nach mehreren Klassikern – ein schwacher Hitchcock, der von der damaligen Kritik ziemlich verrissen wurde. Sean Connery bewies allerdings schon zu Bond-Zeiten seine Lust auf ungewöhnliche Rollen: der Geheimagent ihrer Majestät als Weichei.

„Marnie ist Hitchcocks Phantasie über das kleine Kind in der Frau und über den Züchtigungswahn der Männer. Auch ein Experiment damit, wie sehr das Freudsche Sozialisierungsmodell taugt für den Rahmen eines Suspense-Thrillers, in dem es anscheinend nur um die Auflösung kindlicher Traumata geht (die zu Verwirrung bei Rot/Weiß-Wahrnehmungen, zu Alpträumen bei nächtlichen Klopfgeräuschen, zu Angstzuständen bei Gewittern führen). Im Grunde aber handelt der Film von den Stadien eines permanenten Schocks auf der einen Seite, die in ständige Transfers in andere Identitäten münden, und von der systematischen Manipulation einer Abhängigen, mal mit Gewalt, mal mit sadistischer Verzögerung zelebriert.“ (Norbert Grob in Lars-Olav Beier/Georg Seeßlen [Hrsg.]: Alfred Hitchcock, 1999)

Anschließend, um 22.20 Uhr, zeigt Arte die brandneue Doku „Sean Connery vs. James Bond“ (Frankreich 2022).

Mit Sean Connery, Tippi Hedren, Diane Baker, Martin Gabel, Bruce Dern

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Marnie“

Wikipedia über „Marnie“ (deutsch, englisch)und über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Da ist sie: die erste schwule US-Mainstream-RomCom: „Bros“

Oktober 29, 2022

Größtenteils misslungen ist, so die Selbstbeschreibung der Macher, die erste RomCom eines großen Hollywood-Studios über eine schwule Beziehung.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Bobby (Billy Eichner, auch Drehbuch und einer der Produzenten). Er ist im Aufsichtsrat eines LGBTQIA+-Museums, das eine große Eröffnung vorbereitet, aber finanzielle Probleme und einen hoffnungslos in Kleinstgruppen zerstrittenen Aufsichtsrat hat. Daneben hat Bobby einen erfolgreichen Podcast, in dem er über seine Sicht der Welt redet. Privat ist der in New York lebende Intellektuelle ein überzeugter Single.

Während eines Disco-Besuchs verliebt er sich in Aaron (Luke Macfarlane). Aber so ein gut aussehender Mann, der mühelos auf dem Cover jedes Body-Building-Magazins posieren könnte, wird sich bestimmt nicht für ihn, den totalen Durchschnittstypen, interessieren. Außerdem ist Aaron anscheinend ziemlich dumm, während Bobby eine richtige Intelligenzbestie in der Woody-Allen-Tradition ist.

Aber im Gegensatz zu Woody Allen, dem Stadtneurotiker, ist Bobby einfach nur egozentrisch, überheblich, rechhaberisch, selbstmitleidig und nervig. Entsprechend unsympathisch ist er. Für eine RomCom, in der sich alles darum dreht, dass die beiden Verliebten sich finden und das normalerweise größtenteils weibliche Publikum einige Taschentücher vollschneuzt, ist das eine schlechte Voraussetzung.

Doch damit enden die Probleme von Nicholas Stollers Film nicht. Denn alle Mitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft, die in dieser Komödie von bekennenden Mitgliedern dieser Gemeinschaft gespielt werden, präsentieren schwule Manierismen, die bei uns spätestens zwischen der „Bullyparade“ und dem „Schuh des Manitu“ beerdigt wurden. Und das ist schon über zwanzig Jahre her.

In „Bros“ agieren die Schwulen genau so, wie rückständige Heteros sie sich vor Jahren vorstellten. Das sollte in den USA, wo die Komödie einen großen Kinostart hatte, vielleicht dazu führen, dass auch in republikanischen Staaten die Kinosäle voll sind. Dem war, wie ein Blick auf die Zuschauerzahlen in den USA zeigt, nicht so. Die Komödie floppte an der Kinokasse, während sich Konservative, Liberale, Progressive, Heteros und LGBTQ+-Mitglieder munter die Qualitäten des Films erklären, den sie teilweise nicht gesehen haben und auch nicht sehen wollen.

Die Geschichte selbst folgt den RomCom-Konventionen. Nur dass dieses Mal halt ein Mann einen Mann und keine Frau liebt. Billy Eichner spricht diese Probleme und wie eine schwule Komödie für ein Mainstream-Publikum inszeniert werden kann, in einem mehr oder weniger fiktivem Gespräch mit einem Hollywood-Produzenten an. Im Rahmen aktueller Meta-Diskurse, in denen die Macher explizit auf die Regeln hinweisen, die sie dann ironisch gebrochen befolgen, können die abgestandenen RomCom-Situationen und RomCom-Dialoge natürlich als bewusst schlechte Dialoge gesehen werden. Ob das so ist oder ob die Macher es nicht besser konnten, ist letztendlich egal. Ein schlechter Dialog bleibt ein schlechter Dialog.

Bros“ ist eine schlechte RomCom, die sich zu sehr in abgestandenen Klischees, Nebenhandlungen und Nebenkriegsschauplätzen verliert, die in einem Comedy-Programm besser aufgehoben wären.

Zu Nicholas Stollers früheren Filmen gehören „Nie wieder Sex mit der Ex“ und „Bad Neighbors“. Judd Apatow ist einer der Produzenten. Zu seinen Filmen gehören „Jungfrau (40), männlich, sucht …“, „Dating Queen“, „The King of Staten Island“ und, als Produzent, „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“, „Brautalarm“ und „The Big Sick“.

Bros (Bros, USA 2022)

Regie: Nicholas Stoller

Drehbuch: Billy Eichner, Nicholas Stoller

mit Billy Eichner, Luke Macfarlane, Ts Madison, Monica Raymund, Guillermo Diaz, Guy Branum, Amanda Bearse, Dot-Marie Jones, Jim Rash, Debra Messing (als Debra Messing)

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (in den USA gab’s ein R-Rating, d. h. Unter-17-Jährige dürfen sich nur mit einer erwachsenen Begleitperson den Film ansehen; was mehr über die USA als über den Film verrät. In den USA hat auch „The King’s Speech – Die Rede des Königs“ ein R-Rating.)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Bros“

Metacritic über „Bros“

Rotten Tomatoes über „Bros“

Wikipedia über „Bros“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 29. Oktober: Heimat: Eine deutsche Chronik: Fernweh/Die Mitte der Welt

Oktober 28, 2022

3sat, 21.45

Heimat: Eine deutsche Chronik: Fernweh/Die Mitte der Welt (Deutschland 1984)

Regie: Edgar Reitz

Drehbuch: Edgar Reitz, Peter Steinbach

Zum 90. Geburtstag von Edgar Reitz, der am 1. November ist, zeigt 3sat endlich wieder einmal Reitz‘ legendäre Serie „Heimat“. In „Heimat: Eine deutsche Chronik“ erzählt er in elf unterschiedliche langen Filmen in über neunhundertzwanzig Minuten die Geschichte von Maria Simon, der Familie Simon und des fiktiven Hunsrückdorfes Schabbach von 1919 bis 1982

Ein Epos, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden kann.

Mit Marita Breuer, Michael Lesch, Willi Burger, Gertrud Bredel, Rüdiger Weigang, Karin Rasenack

Hinweise

3sat über „Heimat“

Filmportal über „Heimat“

Wikipedia über „Heimat“

Homepage von Edgar Reitz

„Heimat“-Fanpage

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips) (Film- und Buchkritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern“ (2015)