LV: Elmore Leonard: The Switch, 1978 (Wer hat nun wen auf’s Kreuz gelegt?)
1978 hoffen die Ganoven Ordell Robbie and Louis Gara (yep, die in „Rum Punch“/“Jackie Brown“ wieder dabei sind), mit der Entführung der Frau eines Immobilienhais an das große Geld zu kommen. Dummerweise will der Geschäftsmann seine Frau nicht wieder haben. Und die will sich das nicht gefallen lassen.
TV-Premiere: Verfilmung eines alten Elmore-Leonard-Romans, der trotz guter Besetzung bei uns nur auf DVD erschien.
Dabei scheint sie gar nicht so schlecht zu sein: „Dank guter Darsteller und flotter Inszenierung wird aus dem etwas abgegriffenen Komödienstoff halbwegs passable Unterhaltung.“ (Lexikon des internationalen Films).
Frühere Verfilmungspläne wurden wegen einer zu großen Ähnlichkeit zur erfolgreichen Komödie „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone“ (USA 1986) gecancelt.
mit Jennifer Aniston, Yasiin Bey (aka Mos Def), Isla Fisher, Will Forte, Mark Boone Junior, Tim Robbins, John Hawkes, Kevin Corrigan
Das ist also der Film, mit dem Daniel Day-Lewis seine Schauspielerkarriere beenden will. Sagt in Interviews der am 29. April 1957 in London geborene, inzwischen zum irischen Staatsbürger gewordene hochgelobte Schauspieler. Er vertieft sich oft für Ewigkeiten in seine Rollen. Er war schon immer sehr wählerisch. Er legte deshalb immer wieder lange Pausen zwischen den Filmen ein, in denen er sich aus dem Filmgeschäft zurückzog. Entsprechend schmal ist seine Filmographie. Die IMDB listet gerade einmal dreißig Filmauftritte auf. Sie ist allerdings auch ungewöhnlich hochkarätig. Zu seinen Filmen gehören „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Zimmer mit Aussicht“, „Mein linker Fuß“, „Der letzte Mohikaner“, „Im Namen des Vaters“, „Gangs of New York“ und „Lincoln“. Mit Paul Thomas Anderson, dem Regisseur von „Der seidene Faden“, arbetete er bereits 2007 in „There will be Blood“ zusammen. Für sein Porträt eines skrupellosen Öl-Magnaten erhielt er seinen zweiten Oscar als bester Hauptdarsteller.
Er erhielt insgesamt drei Oscars und gewann weitere 140 Filmpreise, unter anderem zwei Golden Globes und vier Baftas.
Wenn die diesjährigen Preisverleihungen abgeschlossen sind, dürfte Day-Lewis, der selbstverständlich für „Der seidene Faden“ das Schneiderhandwerk erlernte, für sein Porträt des Modemachers Reynolds Woodcock einige weitere Trophäen erhalten haben.
Woodcock ist im London der fünfziger Jahre ein Schneider für die High Society. Er und seine Schwester Cyril (Lesley Manville) leben in einem für die Londoner Couturier-Szene typischen kleinem Modehaus in Mayfair. Es ist gleichzeitig Wohn- und Arbeitshaus und Produktionsstätte. Sie leben dort in einem von der Welt abgeschotteten Welt. Sie führt die Geschäfte, organisiert das tägliche Leben und achtet darauf, dass ihr Bruder die von ihm gewünschten Bedingungen für seine Kreativität hat. Sie achtet darauf, dass alle seine Regeln penibel eingehalten und seine Schrullen klaglos toleriert werden. So verlangt er beim Frühstück absolute Ruhe. Nur so kann er sich auf seinen Tag einstimmen und kreativ sein. Für Fremde ist das tägliche gemeinsame Frühstück eine Tortur, die in einem Mikrokosmos die Welt des „House of Woodcock“ zeigt.
Als Woodcock einen Wochenendauflug in ihr Landhaus Owlpen Manor unternimmt, trifft er in einem Fischerdorf in einem Restaurant die junge, etwas unbeholfene Kellnerin Alma (Vicky Krieps). Er ist von ihr fasziniert, lädt sie für den Abend ein, verführt sie (was angesichts seiner gesellschaftlichen Stellung leicht ist) und erwählt sie zu seiner neuen Muse.
Sie zieht bei ihm ein und muss als erstes die vielen Hausregeln lernen, wozu unter anderem die schon erwähnte absolute Stille beim gemeinsamen Frühstück gehört; – und wahrscheinlich wurde noch nie so ausdauernd und nervig ein Brötchen mit Butter bestrichen, bis auch der letzten Zuschauer im Saal verstanden hat, dass diese Art des Brötchenstreichens der Horror ist. Jedenfalls für einen Feingeist wie Woodcock, der in einer Zeit lebte, als Kreative wegen ihres Künstlertums jede Marotte und Neurose ausleben durften, weil sie nur so kreativ sein konnten.
Alma ist allerdings nicht bereit, sich klaglos den Hausregeln unterzuordnen.
„Der seidene Faden“ ist eine Gothic Romance, die immer wieder an Alfred Hitchcocks Daphne-du-Maurier-Verfilmung „Rebecca“, die Urmutter aller Gothic Romances, erinnert. Schließlich ist Alma im Woodcock-Haus quasi gefangen und den Launen des Hausherrn und seiner strengen Schwester gnadenlos ausgesetzt. Jedenfalls bis Woodcock genug von ihr hat und sich seine nächste Muse sucht. Nur dass dieses Mal die Muse das nicht akzeptieren möchte. Sie kämpft um ihren Platz an Woodcocks Seite und um ihre Eigenständigkeit. Und wer will kann diesen Kampf auch als den Kampf der weitgehend unbekannten Luxemburgerin Vicky Krieps („Der junge Karl Marx“, „Colonia Dignidad“, „A most wanted Man“) gegen Daniel Day-Lewis interpretieren. In jedem Fall behauptet sie sich erfolgreich gegen den älteren Mann, der, das muss auch gesagt werden, in einer Welt voller Frauen lebt, die ihn bewundern, seine Kreationen wollen, aber auch über ihn bestimmen. Ob das seine Schneiderinnen sind, die in einer hierarchisch fein abgestuften Klassengesellschaft im House of Woodcock arbeiten, oder seine vermögenden Kundinnen oder seine verstorbene Mutter oder seine Schwester, die als Haushälterin alles so organisiert, dass er für seine Kundinnen seine beste Leistung erbringen kann.
Paul Thomas Anderson erzählt diese letztendlich sehr verquere, dunkle Liebesgeschichte mit grandiosen Schauspielern, der sich bewusst in den Vordergrund spielenden Musik von „Radiohead“-Musiker und Anderson Hauskomponist Jonny Greenwood, einer prächtigen Ausstattung und einem sehr präzisen Blick auf kleinste Details. Die zahlreichen Anspielungen, erzählerischen Verschränkungen und Doppeldeutigkeiten machen „Der seidene Faden“ zu einem sehr komplexen und bezugreichen Werk. Allerdings erzählt Anderson seine Geschichte sehr langsam. Am Ende dauert der Film über hundertdreißig Minuten, aus denen man mindestens dreißig Minuten hätte herausschneiden können.
Der seidene Faden (Phantom Thread, Großbritannien 2017)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
mit Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville, Brian Gleeson, Sue Clark, Harriet Sansom Harris, Lujza Richter
Als Doris Winther sich erhängt, rollt der pensionerte Kommissar Jakob Franck einen alten Fall wieder auf: vor Jahren hatte Doris Winthers Tochter Esther Suizid begangen. Franck fragt sich jetzt, ob er damals etwas übersehen hatte und Esther ermordet wurde.
TV-Premiere: Schlöndorff verfilmt Ani. Was kann da schief gehen?
Mit Thomas Thieme, Devid Striesow, Ursina Lardi, Jan Messutat, Stephanie Amarell, Ursina Lardi
1. (3) Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens
DuMont, 414 Seiten, 22 Euro
2. (-) Mike Nicol: Korrupt
Aus dem Englischen von Mechthild Barth
btb, 510 Seiten, 10 Euro
3. (2) Jan Costin Wagner: Sakari lernt, durch Wände zu gehen
Galiani, 236 Seiten, 20 Euro
4. (7) Volker Heise: Außer Kontrolle
Rowohlt Berlin, 240 Seiten, 20 Euro
5. (-) Dror Mishani: Die schwere Hand
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Zsolnay, 288 Seiten, 22 Euro
6. (-) William Boyle: Gravesend
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
Polar, 294 Seiten, 18 Euro
7. (-) Gerald Seymour: Vagabond
Aus dem Englischen von Zoë Beck und Andrea O’Brien
Suhrkamp, 498 Seiten, 14,95 Euro
8. (-) Regina Nössler: Schleierwolken
konkursbuch, 316 Seiten, 12 Euro
9. (-) Tony Parsons: In eisiger Nacht
Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt
Lübbe, 334 Seiten, 15 Euro
10. (-) Antti Tuomainen: Die letzten Meter bis zum Friedhof
Aus dem Finnischen von Niina Katariina Wagner und Jan Costin Wagner
Rowohlt, 318 Seiten, 19,95 Euro
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In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
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Polar macht, wie ein Blick auf den sechsten Platz verrät, weiter. Mit einem neuen Geldgeber und, nach der kurzen Zwangspause, als Hardcover. Passt ja zu harten Büchern.
Das Syndikat, die Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur, hat die diesjährigen Nominierungen für den Friedrich-Glauser-Preis bekannt gegeben. Die Preisverleitung ist am 5. Mai auf der Criminale in Halle.
Nominiert sind:
Bester Kriminalroman
Raoul Biltgen: Schmidt ist tot, Verlag Wortreich
Alfred Bodenheimer: Ihr sollt den Fremden lieben, Nagel & Kimche
Ellen Dunne: Harte Landung, Insel Taschenbuch
Monika Geier: Alles so hell da vorn, Ariadne
Jutta Profijt: Unter Fremden, dtv
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Bester Debüt-Kriminalroman
Hannah Coler: Cambridge 5, Limes Verlag
Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon
Gereon Krantz: Unter pechschwarzen Sternen, ProTalk Verlag
Harald J. Marburger: Totengräberspätzle, Emons
Takis Würger: Der Club, Kein & Aber
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Bester Kurzkrimi
Klaus Berndl mit Feueralarm, in: Feuerspuren, edition karo
Karr & Wehner (Reinhard Jahn und Walter Wehner) mit Hier in Tremonia, in: Killing You Softly, KBV
Thomas Kastura mit Der Zuschauer, in: Kerzen, Killer, Krippenspiel, Knaur
Henry Kersting mit Der Blaue, in: Rache brennt, Verlag am Schloss
Cécile Ziemons mit Dünensingen, in: Feinste Friesenmorde, Leda Verlag
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Hansjörg-Martin-Preis (bester Kinder- und Jugendkrimi)
Tanya Lieske: Mein Freund Charlie, Beltz & Gelberg
Christian Linker: Der Schuss, dtv
Lea-Lina Oppermann: Was wir dachten, was wir taten, Beltz & Gelberg
Ortwin Ramadan: Glück ist was für Anfänger, Coppenrath
Martin Schäuble: Endland, Hanser
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Ehrenglauser
Edith Kneifl in Würdigung ihres Engagements für die Kriminalliteratur
Ich – Die Nummer eins (Le silencieux, Frankreich/Italien 1972)
Regie: Claude Pinoteau
Drehbuch: Claude Pinoteau, Jean-Loup Dabadie
LV: Francis Ryck: Drôle de pistolet, 1968 (später nach dem Film “Le Silencieux”) (Ein Sender im Gepäck)
Ein sowjetischer Kernforscher gerät in London zwischen die Fronten der Geheimdienste.
Spannender, ungewöhnliche Spionagethriller mit einem schweigsamen Helden, der das Opfer von Strukturen wird, und einem Finale in den Alpen.
Damals und heute gelobt: „Brillant inszeniert und gespielt, mit unterschwelliger Ironie und menschlichen Momenten, bietet dieser Erstlingfilm spannende Unterhaltung.“ (Katholischer Filmdienst)
„Spannender kleine Thriller“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon)
Der Roman erhielt 1969 den „Grand prix de littérature policière“.
Mit Lino Ventura, Léa Massari, Leo Genn, Robert Hardy
Als im Oktober 2014 der erste „Maze Runner“-Film in die Kinos kam, fiel er im Subgenre der zahlreichen Dystopien mit jugendlichen Helden auf. Denn der Protagonist war ein Mann.
Jetzt, wo der dritte und finale Teil in den Kinos anläuft, fällt die „Maze Runner“-Trilogie wieder auf. Denn sie gehört zu den wenigen, manchmal auf vier Filme aufgeteilten Trilogien in diesem Subgenre, die wirklich bis zum Ende erzählt wird. Auch wenn wegen eines Unfalls von Hauptdarsteller Dylan O’Brien im März 2016 bei den Dreharbeiten das Ende später als von den Machenr ursprünglich geplant fertig wurde.
Viele andere Jugend-Dystopien endeten in den letzten Jahren schon vor dem zweiten Film und bei „Die Bestimmung“ wird, nach dem enttäuschenden Einspielergebnis des dritten Kinofilms, der Abschluss der Serie, der vierte Film (bzw. der zweite Teil des dritten Teils), nie in die Kinos kommen. Und ob aus den TV-Plänen etwas wird, wissen wahrscheinlich noch nicht einmal die Götter.
„Maze Runner – Die Auserwählten in der Todeszone“ unterscheidet sich noch in zwei weiteren Punkten von den anderen Jugend-Dystopien. Man muss die vorherigen beiden Film nicht gesehen haben, um den dritten Film zu verstehen. Regisseur Wes Ball führt die vielen Charaktere mit ihren wichtigsten Eigenschaften und Beziehungen schnell ein. Außerdem erzählen alle drei „Maze Runner“-Filme vollkommen verschiedene Geschichten, die verschiedene Genretopoi bedienen, alle in deutlich unterscheidbaren Welten spielen und eine entsprechend anderen visuellen Stil haben.
Wer die ersten beiden „Maze Runner“-Filme „Die Auserwählten im Labyrinth“ (der auf einer von einem tödlichen Labyrinth umgebenen Lichtung spielt, aus dem die Jungs ausbrechen wollen) und „Die Auserwählten in der Brandzone“ (in dem Thomas und seine Freunde vor den WCKD-Schergen durch die Wüste in die Berge flüchten, weil sie hoffen, dort die Widerstandsgruppe „The Right Arm“ zu treffen) gesehen hat, wird viele bekannte Gesichter entdecken. Wer die Filme nicht kennt, wird ein trotz seiner Länge von über hundertvierzig Minuten flott erzähltes SF-Actionabenteuer sehen, das in einer Dystopie spielt, die als in sich geschlossene Welt durchaus glaubwürdig ist. Jedenfalls ist die „Maze Runner“-Welt glaubwürdiger als die in anderen Jugend-Dystopien präsentierten Welten, die teilweise hyperkomplex und gleichzeitig vollkommen idiotisch sind. Auch wenn man die Städte und die Ordnung der Gesellschaft nur als sehr offensichtliches Bild für die Weltsicht der jugendlichen Protagonstinnen und ihrer Gefühle beim Erwachsenwerden sehen will.
Da bleibt die „Maze Runner“-Trilogie angehem bodenständig und einfach.
Der SF-Thriller „Die Auserwählten in der Todeszone“ beginnt sechs Monate nach „Die Auserwählten in der Brandwüste“. Minho (Ki Hong Lee) wurde damals von WCKD (ein sehr treffender Name für eine sehr böse Firma) geschnappt. Thomas („American Assassin“ Dylan O’Brien) und seine Freunde versuchen ihn aus einem fahrenden Zug zu befreien. In einer ziemlich spektakulären Aktion. Dummerweise war Minho nicht in dem Zug. Thomas vermutet, dass Minho, nachdem er alle Informationen zusammenpuzzelt, in die von WCKD kontrollierte Stadt Last City, die es eigentlich nicht mehr geben sollte, gebracht wird.
Während „The Right Arm“-Führer Vince (Barry Pepper) sich mit den Kindern, die sie aus dem Zug befreit haben, und anderen Menschen in einem Schiff an einen sicheren Ort begeben will, entschließt Thomas sich, sich auf den Weg nach Last City zu machen. Begleitet wird er von Newt (Thomas Brodie-Sangster), Frypan (Dexter Darden) (beide bekannt aus dem ersten „Maze Runner“-Film), Jorge (Giancarlo Esposito) und Brenda (Rosa Salazar) (bekannt aus dem zweiten „Maze Runner“-Film).
Vor den Toren der Stadt treffen sie wieder auf Gally (Will Poulter), den sie im ersten Teil auf der Lichtung sterbend zurückließen. Er und Lawrence (Walton Goggins) wollen ihnen helfen nach Last City, einer großen, gepflegten, gut überwachten Gated Community für die Reichen, zu gelangen.
Dort wird Minho im WCKD-Labor als Versuchskaninchen für medizinische Tests gequält. WCKD-Executive-Director Dr. Ava Paige (Patricia Clarkson) und Teresa (Kaya Scodelario), Thomas‘ Ex-Freundin, glauben, dass sie kurz vor der Entdeckung eines Gegenmittels gegen den Flare-Virus stehen.
Beschützt wird die Anlage von WCKD-Sicherheitschef Janson (Aidan Gillen), der schon im zweiten Film Thomas und seine Freunde unerbittlich durch die Wüste verfolgte.
Teenagern, für die der Film in erster Linie gemacht ist, dürfte die von Wes Ball souverän inszenierte Mischung aus Action und Sentiment mit durchaus glaubwürdigen Charakteren gefallen.
Ältere erkennen natürlich sofort die zahlreichen Vorbilder, die Regisseur Wes Ball, wieder nach einem Drehbuch von T. S. Nowlin, verarbeitet und natürlich ist alles etwas einfach und auch vorhersehbar. „Maze Runner – Die Auserwählten in der Todeszone“ erfindet nichts neu und es handelt sich sicher nicht um einen künftigen Klassiker, aber es ist ein guter Film, in dem Wes Ball, wieder einmal, sein Können beim Inszenieren von Actionszenen unter Beweis stellt. Nie verliert man, egal wie komplex sie werden, den Überblick. Trotz gewisser Übertreibungen bleiben sie angenehm realistisch zwischen Schusswechseln und Faustkämpfen – und, ähem, Spielereien mit Zugwaggons und Bussen.
Auch bei den zahlreichen Handlungssträngen und dem großen Ensemble verliert man nie den Überblick.
Damit überzeugt die als Underdog gestartete „Maze Runner“-Trilogie in der Gesamtschau als gelungenes, abwechslungsreiches und kurzweiliges SF-Jugendabenteuer. Und Wes Ball empfiehlt sich als guter Actionregisseur für, nun, eine Comicverfilmung.
Maze Runner – Die Auserwählten in der Todeszone (Maze Runner: The Death Cure, USA 2018)
Regie: Wes Ball
Drehbuch: T.S. Nowlin
LV: James Dashner: The Death Cure, 2011 (Die Auserwählten – In der Todeszone)
mit Dylan O’Brien, Ki Hong Lee, Kaya Scodelario, Thomas Brodie-Sangster, Dexter Darden, Will Poulter, Jacob Lofland, Rosa Salazar, Giancarlo Esposito, Patricia Clarkson, Aidan Gillen, Barry Pepper, Nathalie Emmanuel, Katherine McNamara, Walton Goggins
Brügge sehen…und sterben? (In Bruges, Belgien/Großbritannien 2008)
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
Die Profikiller Ray und sein väterlicher Freund Ken sollen nach einem leicht missglückten Mord an einem Priester für einige Tage in Brügge untertauchen. Schnell verwandeln sie die friedliche Stadt in eine Kampfzone. Denn: „Shoot first. Sightsee later.“
Grandiose, mit dem Edgar ausgezeichnete schwarze Komödie
Mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Clémence Poésy, Zeljko Ivanek, Ciarán Hinds
Der Staatsfeind Nr. 1 (USA 1998, Regie: Tony Scott)
Drehbuch: David Marconi
Anwalt Robert Clayton Dean gelangt unwissentlich in den Besitz eines Videos, das den Mord an einem Politiker zeigt. Der Täter, ein hochrangiger Abgeordneter, setzt den ganzen Geheimdienst-Überwachungsapparat ein, um den Zeugen zu beseitigen. Und los geht die Hatz durch die USA.
Spannender, etwas lang geratener Thriller von Produzent Jerry Bruckheimer, der heute aktueller als damals ist. Denn wer geht heute noch ohne Handy vor die Haustür?
mit Will Smith, Gene Hackman, Jon Voight, Lisa Bonet, Regina King, Stuart Wilson, Tom Sizemore, Loren Dean, Barry Pepper, Jack Busey, Scott Caan, Gabriel Byrne
Wenn „Criminal Squad“ dreißig Minuten kürzer und dreißig Jahre älter wäre, wäre er einer dieser 80er-Jahre-Actionfilme, die damals bei Jungs so gut ankamen. Nicht mit Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone in der Hauptrolle. Auch nicht mit Chuck Norris, sondern der dritten oder vierten Garde.
Es ist allerdings ein aktueller Film, der gerne eine proletarische Version von „Heat“ mit einem tollen Twist wäre, der in den Neunzigern „Wow“ und heute „Gähn“ ist. Jedenfalls ist das nach den Handlungsfragmenten zu vermuten.
Es geht um eine Bande von Verbrechern, die Banken und Geldtransporter in Los Angeles ausraubt. Das geschieht dort, wie ein Insert am Filmanfang verrät, alle 48 Minuten. Die Bande um Ex-Special-Forces-Soldat und Ex-Sträfling Ray Merrimen (Pablo Schreiber) macht das allerdings sehr professionell und im Zweifelsfall mit der nötigen Gewalt. So verwandelt sich ihr jüngster Überfall in eine wahre Straßenschlacht.
Auftritt von ‚Big Nick‘ O’Brien (Gerald Butler) und seinem Team, den ‚Regulators‘, einer Spezialeinheit des L. A. County Sheriff’s Department, für die die Polizeimarke die Lizenz zum Ausleben ihrer niederen Triebe ist. Polizeiarbeit bedeutet für sie, mit maximaler Gewalt vorzugehen, Verdächtige zu foltern und sich schlecht zu benehmen. Es sind die Macho-Cops, die man in den Achtzigern in Filmen noch akzeptierte. Heute sind sie ein Haufen reaktionärer Rednecks, die immer noch Glauben, im Wilden Westen zu leben.
Bei der Darstellung dieser Truppe unternimmt Regisseur Christian Gudegast in seinem Debütfilm keinen Versuch, deren Verhalten zu problematisieren. Denn unkontrollierte Spezial- und Sondereinheiten haben immer eine Tendenz, das Gesetz im eigenen Interesse selbstherrlich auszulegen, ihre Taten mit den Ergebnissen zu rechtfertigen und, wenn das Umfeld stimmt, selbst zu Verbrechern zu werden. Los Angeles hat da eine lange Geschichte, die auch filmisch gut aufgearbeitet ist. Zu den aktuellen Beispielen zählen die Thriller „Dark Blue“ (spielt 1992 während und nach dem Rodney-King-Prozess), „Training Day“, „Final Call“, „Rampart – Cop außer Kontrolle“ und die TV-Serie „The Shield“, die alle vom Rampart-Skandal inspiriert waren. Damals wurden über siebzig Polizisten, die teilweise auch Mitglied der CRASH-Einheit waren, unter anderem wegen Polizeigewalt, Drogenhandel und Bankraub angeklagt. Wer will, kann auch in „Criminal Squad“ ferne Echos dieses Skandals finden. Immerhin hatte Christian Gudegast die Idee für den Film bereits 2002.
„Criminal Squad“ macht sich allerdings mit diesen wirklich tumben Macho-Cops gemein und wir sollen sie als die Helden begreifen, weil sie auf der Seite der Guten stehen und in der Verbrechensbekämpfung der Zweck alle Mittel heiligt.
Die Verbrecher sind da nur die andere Seite der Medaille.
Über die Charaktere erfahren wir in dem über zweistündigem Film nichts. Das gilt für die beiden Hauptfiguren – O’Brien und Merrimen, die sich schon seit ihrer Schulzeit, als sie in gegnerischen High-School-Football-Manschaften spielten, kennen – und für ihre Gefolgsleute, die bis zum Ende „Cop 1“, „Cop 2“, „Cop 3“ und „Gangster 1“, „Gangster 2“ und „Gangster 3“ bleiben.
Die Filmgeschichte wiederholt die bekannten Situationen und Klischees des Polizeifilms und Heist-Movies. Allerdings ohne ihnen irgendeine Bedeutung zu geben oder sie in eine sinnvolle Geschichte einzubetten. Sie poppen einfach ungefähr in dem Moment auf, in dem sie in so einem Film aufpoppen müssen. Höflich formuliert sieht „Criminal Squad“ aus, als habe man „Heat“ durch einen Schredder gejagt, in den Müll geworfen und dann von Frankensteins Monster nach seinem Ebenbild zusammensetzen gelassen.
Gegen dieses Totaldisaster ist jeder Michael-Bay-Film ein Fest feinfühligen, strukturieren und überlegten Erzählens mit differenzierten Charakteren. Und wenn man den „Den of Thieves“ (Originaltitel) nicht bis zum Jahresende vergessen hat, ist dieses strunzdumme, überlange und tödlich langweilige Mucki-Kino ein heißer Anwärter für einen der vorderen Plätze auf jeder Jahresflopliste.
Criminal Squad (Den of Thieves, USA 2018)
Regie: Christian Gudegast
Drehbuch: Christian Gudegast, Paul Scheuring
mit Gerard Butler, Curtis ’50 Cent‘ Jackson, Pablo Schreiber, O’Shea Jackson, Maurice Compte, Evan Jones, Kaiwi Lyman, Mo McRae, Brian Van Holt, Meadow Williams
Wer sich regelmäßig auf US-Kinoseiten herumtreibt, hat schon von Tommy Wiseaus Film „The Room“ gehört. Das Werk wurde zum Kinostart 2003 von den Kritikern einhellig verrissen und war hundertfünfzigprozentiges Kassengift. Im Gegensatz zu vielen anderen schlechten Filmen, die schnell vergessen werden, hat „The Room“, dank der Mundpropaganda, seitdem ein langes Leben in Mitternachtsvorstellungen. Noch heute läuft er regelmäßig in den USA in Kinos und die Macher werden zu Kinotouren eingeladen. Das scheint dann ein kollektives Bad-Taste-Erlebnis zu sein.
In Deutschland haben wir, weil „The Room“ nie bei uns veröffentlicht wurde, davon nichts mitbekommen.
Bis jetzt.
Denn mit James Francos „The Disaster Artist“ erfahren wir, wie „The Room“ entstand.
Die Geschichte beginnt 1998 in San Francisco. Bei einem Theaterworkshop lernen sich der neunzehnjährige Greg Sestero und der deutlich ältere Tommy Wiseau kennen. Wiseau schockiert mit einer rohen Performance die anderen Kursteilnehmer. Sestero ist begeistert über diesen ungefilterten Gefühlsausbruch des Einzelgängers. Sie befreunden sich und ziehen gemeinsam nach Los Angeles, um dort eine Schauspielerkariere zu beginnen. Sestero kann in Wiseaus großer Wohnung in West Hollywood leben.
Als sie nach Jahren vergeblicher Vorsprechtermine immer noch auf den Durchbruch warten – wobei Sestero öfter Vorsprechtermine hat und ihm jeder rät, seine Beziehung zu dem sinisteren Wiseau zu beenden – schlägt Wiseau Sestero vor, gemeinsam einen Film zu drehen. Das Geld habe er.
Nach einem Drehbuch von Wiseau beginnen sie, mit Wiseau als Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller, mit den Dreharbeiten zu „The Room“; einem auf dem Papier kleinen Film, der schnell dank Wiseaus Wesen – er hat keine Ahnung, er ist von sich selbst überzeugt, er ist unbelehrbar, er ist egozentrisch und ängstlich – für alle Beteiligten zu einem, immerhin bezahlten Höllentrip wird, der nichts, aber auch überhaupt nichts mit einem auch nur halbwegs professionellem Dreh zu tun hat.
James Franco erzählt diese Geschichte mit sich als Wiseau als Kömodie mit ernsten Zwischentönen aus und über Hollywood und über eine Freundschaft. Mit seinem Bruder Dave Franco als Sestero und vielen bekannten Schauspielern in oft kleinen Rollen. Einige treten nur am Anfang auf und geben die aus Dokumentarfilmen bekannten Eingangsstatements ab, in denen sie erzählen, wie beeindruckend das Werk ist.
Diese Herangehensweise behält James Franco bei. Er inszenierte „The Disaster Artist“ wie eine „Making of“-Doku, die Jahre nach dem ursprünglichen Film angefertigt wurde und daher einen halbwegs objektiven, aber immer positiven Blick auf den Film hat. Das ist informativ, aber auch etwas oberflächlich – und, vor allem bei den Dreharbeiten für „The Room“, witzig.
Wie Tim Burtons „Ed Wood“ ist James Francos „The Disaster Artist“ eine Liebeserklärung an den Enthusiasmus eines Machers, der sich durch Widerstände nicht beirren lässt und an sein Werk glaubt. Wobei Tommy Wiseau schon ein sehr spezieller Charakter ist, der über das (aus unklarer Quelle kommende) Geld, aber nicht über das Talent verfügt. Offiziell soll „The Room“ sechs Millionen Dollar gekostet haben, wel Wiseau einfach das Geld zum Fenster herauswarf.
Francos Film hat, zum Vergleich, zehn Millionen Dollar gekostet und jeder Cent wurde klug investiert.
Obwohl Franco viel über die Dreharbeiten und die Freundschaft zwischen Sestero und Wiseau erzählt, bleibt unklar, warum Greg Sestero Tommy Wiseau so sehr bewundert. Damals und heute immer noch. Aber echte Freundschaften sind auch immer, wie eine Liebe, etwas unerklärlich. Denn Wiseau als Alice-Cooper-Lookalike mit starkem Akzent (Uh, wie der wohl synchronisiert wurde?) und einem Benehmen, das ihn als missratenen Nachfahren eines osteuropäischen Vampirgeschlechts ausweist (obwohl Wiseau, was sich schnell zu einem Running Gag entwickelt, behauptet, aus New Orleans zu kommen), ist wirklich der unwahrscheinlichste Typ, den man sich am Beginn seiner Karriere zum Freund aussucht. Allerdings, und das wird am Anfang von „The Disaster Artist“ gezeigt, legt Wiseau im Theaterworkshop einen beeindruckend enthemmten Auftritt hin und er ist die einzige Person, die an Sestero glaubt.
Am Ende des Dramas stellt Franco Szenen aus Tommy Wiseaus „The Room“ und den Re-Enactments in „The Disaster Artist“ gegenüber. Diese Gegenüberstellung zeigt, wie präzise sie die Szenen nachstellten und wie sehr auch Mist, wenn er von guten, engagierten Schauspielern gespielt wird, an Qualität gewinnt.
The Disaster Artist (The Disaster Artist, USA 2017)
Regie: James Franco
Drehbuch: Scott Neustadter, Michael H. Weber
LV: Greg Sestero, Tom Bissell: The Disaster Artist: My Life Inside the Room, the Greatest Bad Movie Ever Made, 2003
mit James Franco, Dave Franco, Seth Rogen, Alison Brie, Art Graynor, Jacki Weaver, Josh Hutcherson, Zac Efron, Bryan Cranston, Sharon Stone, Melanie Griffith, Zoey Deutsch, Kristen Bell, Adam Scott, Zach Braff, J. J. Abrams (teilweise nur Cameos)
LV: Walter Kirn: Up in the Air, 2001 (Mr. Bingham sammelt Meilen)
Ryan Bingham reist durch die USA und entlässt, im Auftrag verschiedener Firmen, deren Angestellte. Bindungen hat der Single keine. Sein Ziel als Vielflieger ist es die magische Zehn-Millionen-Frequent-Flyer-Meilen-Grenze zu durchbrechen. Dafür sammelt er wie besessen Bonusmeilen. Als er eine jüngere Kollegin ausbilden soll und er eine andere Vielfliegerin kennen lernt, gerät sein sorgloes Leben aus dem Takt.
Jason Reitmans feinfühliges, perfekt komponiertes und austariertes Porträt eines Arschlochs ist auch ein Gesellschaftskommentar. Außerdem übernahm George Clooney die Hauptrolle.
mit George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman, Amy Morton, Melanie Lynskey, J. K. Simmons, Sam Elliott, Danny McBride, Zach Galifianakis
Es gibt nur einen Grund, warum „Bordertown: Der Puppenmeister“ aus dem Finnischen ins Deutsche übersetzt wurde: der immer noch anhaltende Erfolg skandinavischer Kriminalromane (und -filme), der schon in den vergangenen Jahren dazu führte, dass jeder, der zehn Finger hat, einen Krimi schreibt und jeder skandinavische Baum wahrscheinlich schon zweimal gefällt wurde. Denn unter fünf-/sechshundert Seiten wird im Scandic Noir kein Mord, inklusive aller Familien- und Weltprobleme, gelöst.
Nun, in puncto Länge fällt „Bordertown: Der Puppenmeister“ mit knapp dreihundert, spärlich gefüllten Seiten aus dem bekannten Muster. Der Grund für diese Kürze ist ziemlich banal: „Bordertown: Der Puppenmeister“ ist ein Roman zum Film und J. M. Ilves (ein Pseudonym zweier finnischer Autoren) erzählt einfach die Geschichte des ersten Falls der TV-Serie „Bordertown“ (bzw., im Original, „Sorjonen“) nach.
Im Mittelpunkt steht Kommissar Kari Sorjonen. Er ist ein sozial gehemmter, genialer Ermittler mit einer Frau (die gerade, so hofft er, ihre Krebserkrankung überstanden hat) und einer kurz vor dem Schulabschluss stehender Tochter. Einer seiner Ticks ist, dass er keine Leichen sehen kann. Trotzdem denkt er nicht daran, sich in eine andere Abteilung versetzen zu lassen. Stattdessen lässt er sich mit seiner Familie von Helsinki nach Lappeenranta, dem Geburtsort seiner Frau, versetzen. Lappeenranta liegt an der finnisch-russischen Grenze in der tiefsten Provinz und die wenigen Bewohner sollten eine Garantie für eine entsprechend niedrige Mordrate sein.
Gleich nach seinem Dienstantritt wird im See die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie starb, wie die Ermittlungen ergeben, an einer Überdosis Methitural und wurde vorher zu Sexspielen gezwungen. Ein zweites Mädchen ist verschwunden und, weil J. M. Ilves mehrere Handlungsstränge parallel erzählt, wissen wir von Anfang an, dass Katia von Esa Kuparinen, einem gutherzigen Autohändler, der für sie und die anderen russischen Mädchen der Fahrer war, von dem Tatort weggebracht wurde. Er will ihr irgendwie gegen die Organisatoren des grenzüberschreitenden Sexgeschäftes helfen. Aber schnell wird er von einem der Verbrecher ermordet.
Zur gleichen Zeit begibt sich Katias Mutter Lena Jaakkola, eine schlagkräftige FSB-Agentin, auf die Suche nach ihrer Tochter. Dabei geht sie, wie es ihrer Persönlichkeit entspricht, nicht zimperlich vor.
Bei seinen Ermittlungen bemerkt Sorjonen schnell eine Verbindung zwischen den verschiedenen Verbrechen und der Karelia-Gilde, einem Zusammenschluss wichtiger Persönlichkeit der Stadt.
Dass die Geschichte weitgehend überraschungsfrei in den bekannten Bahnen verläuft, ist nicht das größte Problem des Romans, der einfach ein schlechter Roman zum Film ist. Anstatt die Filmgeschichte, also das Drehbuch, sprachlich angemessen nachzuerzählen und immer wieder zu vertiefen, wurde hier einfach das Drehbuch heruntergetippt. Mit der irrwitzigen Entscheidung, zwischen erster und dritter Person und zwischen Präsens und Präteritum zu wechseln. Die Kapitel mit Sorjonen werden in der Ersten Person Singular im Präsens erzählt. Das kann funktionieren, aber es ist schwer in der Gegenwartsform flüssig zu formulieren und, was noch wichtiger ist, diese grammatikalische Zeitform ist konträr zu Sorjonens Charakter. Die ebenfalls kurzen Kapitel, die die Geschichte der Verbrecher und von Lena Jaakkola erzählen, sind ganz normal und wie es für Romane immer noch üblich ist, im Präteritum geschrieben.
Dieser ständige Wechsel zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsform (die ich eindeutig vorziehe) und die doch sehr funktionale Sprache lenken den Blick immer wieder auf die Schwächen des Plots. Der liest sich wie ein Best of Scandic Noir. Da ist alles drin, was einen schon seit Ewigkeiten an den skandinavischen Krimis nervt. Nur die überbordende Gesellschaftskritik fehlt weitgehend.
Für die Lösung des Falles, der durchgehend den TV-Serienkonventionen gehorcht, sind dann die eingangs pompös eingeführten besonderen Fähigkeiten des Helden vollkommen überflüssig. Tipps und ganz normale altmodische Polizeiarbeit, die wirklich jeder Polizist beherrscht, tun es.
Dabei – und das sollte jeder Krimiautor wissen – gibt es eine Verbindung zwischen Fall und Ermittler. Ein guter Autor schreibt für den Ermittler den Fall, der seine besonderen Fähigkeiten erfordert. Das war schon bei Sherlock Holmes so. Columbo und Monk sind jüngere Beispiele. Bei Monk schrieb Lee Goldberg, unabhängig von der TV-Serie, fünfzehn Romane, in denen Adrian Monk in jedem Fall mit seinen Phobien konfrontiert wurde und er die Fälle nur aufgrund seiner Ängste, seines Verhaltens und seiner Beobachtungs- und Kombinationsgabe aufklären konnte und musste. Denn für ihn ist ein Verbrechen eine Störung des universalen Gleichgewichts.
In „Bordertown: Der Puppenmeister“ ist das photographische Gedächtnis des Ermittlers Sorjonen ein reiner für die Handlung und Aufklärung des Falles verzichtbarer Gimmick. Das gleiche gilt für seine enorme Abneigung gegen den Anblick und Geruch von Toten. Ein normaler Polizist würde sich, bevor er dienstunfähig geschrieben wird, in eine andere Abteilung versetzen lassen. Sorjonen geht zum nächsten Tatort.
Sat.1, 20.15 Das erstaunliche Leben des Walter Mitty (The Secret Life of Walter Mitty, USA 2013)
Regie: Ben Stiller
Drehbuch: Steven Conrad
LV: James Thurber: The Secret Life of Walter Mitty, 1939 (Walter Mittys Geheimleben, Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in „The New Yorker“)
Walter Mitty arbeitet im Fotoarchiv des „Life Magazine“ und in seiner Fantasie erlebt er die tollsten Abenteuer. Sein Leben ändert sich, als auf dem Titelbild der letzten Ausgabe des Magazins ein von dem wagemutigem Fotografen Sean O’Connell gemachtes Bild erscheinen soll. Denn dummerweise findet Mitty das Negativ nicht. Also macht er sich auf den Weg. Er sucht O’Connell und erlebt dabei die erstaunlichsten Abenteuer. Wunderschöne, gelungen zwischen Fantasie und Realität wechselnde Komödie über Träume und ihre Erfüllung. Von James Thurbers klassischer Kurzgeschichte wurde nur die Grundidee übernommen.
mit Ben Stiller, Kirsten Wiig, Sean Penn, Shirley MacLaine, Adam Scott, Kathryn Hahn, Patton Oswalt, Adrian Martinez Wiederholung: Donnerstag, 1. Februar, 00.35 Uhr (Taggenau!)
Diese Besprechung enthält Spoiler – und dass ich das bei einem James-Bond-Roman schreiben kann, zeigt schon, wie ungewöhnlich „Der Mann von Barbarossa“ ist.
James Bond und sein Vorgensetzer M rätseln, was wirklich hinter der Kooperationsbitte steckt. Denn sie ergibt keinen Sinn. Da entführt eine geheimnisvolle Terrororganisation, die sich Waage der Gerechtigkeit nennt, in den USA einen Rentner, der ein untergetauchter Kriegsverbrecher sein soll, und erpresst die russische Regierung. Sie soll den Mann vor ein Gericht stellen. Zunächst noch ohne eine konkrete Drohung. Danach bittet das KGB seine ehemaligen Erzfeinde, die westlichen Geheimdienste, um tatkräftige Mithilfe beim Kampf gegen die Terrorgruppe. Es soll ein Team aus britischen, israelischen, französischen und, selbstverständlich, russischen Agenten gebildet werden, das in Russland, unter russischer Leitung, die Terroristen findet.
Nur: warum können die Russen das nicht auch ohne fremde Hilfe erledigen? Und: warum haben die Terroristen den falschen Mann entführt? Was wollen sie wirklich? Wer sind die Hintermänner dieser Waage der Gerechtigkeit, die in den vergangenen Jahren unter dem Radar der Geheimdienste als eine Art freischaffende, organisatorisch hochgradig verzweigte Söldnertruppe für verschiedene Terrorgruppen arbeitete?
Das sind nur einige der Fragen, die James Bond hat, als er in das frühere ‚Reich des Bösen‘ aufbricht.
Kurz nach dem Eintreffen von Bond und den anderen westlchen Geheimagenten in Russland, beginnt die Waage der Gerechtigkeit, weil ihre Forderung nicht erfüllt wird, hochrangige Mitarbeiter des russischen Militärs und des Geheimdienstes zu ermorden. KGB-Offizier Boris Stepakow, der die westlichen Geheimdienste um Hilfe bat und die Operation leitet, glaubt, dass die Terrorgruppe gute Verbindungen in die obersten Ränge des russischen politischen Systems hat.
John Gardner, der zwischen 1981 und 1996 sechzehn James-Bond-Romane (inklusive zweier Filmromane) schrieb, hält „Der Mann von Barbarossa“ für seinen besten Bond-Roman.
Jetzt, nachdem der Roman erstmals ins Deutsche übersetzt wurde, kann man prüfen, ob Gardners Ansicht stimmt. Denn bei den Bond-Fans ist sein elfter Bond-Roman nicht so beliebt. Immerhin spielt Gardner hier mit der bekannten Bond-Formel und es ist eher ein George-Smiley- als ein James-Bond-Roman, der sehr nah an der damaligen politischen Wirklichkeit ist. Die Geschichte des im Original 1991 veröffentlichten Romans spielt wenige Tage vor der im Roman öfter erwähnten und für das Finale wichtigen Irak-Invasion, die am 16. Januar 1991 startete. Damals begann eine von den USA angeführte und durch eine UN-Resolution legitimierte Koalition mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits. Irak hatte das Land wenige Monate vorher besetzt. Dieser Krieg ist bekannt als Zweiter Golfkrieg oder Erster Irakkrieg.
Die Geheimdienste versuchten damals mit der neuen Situation umzugehen und ihrer Rolle nach dem Kalten Krieg zu finden. Gleichzeitig überlegten die Regierungen, ob man Geheimdienste in der künftigen friedlichen Welt überhaupt noch benötigt. Und selbstverständlich wusste damals noch niemand, wie sich die ehemaligen Ostblockländer weiter entwickeln würden. Würde aus der 1990 gegründeten Russischen Föderation eine Demokratie, eine Marktwirtschaft, eine Diktatur, eine Militärdiktatur oder ein riesengroßes, weltbedrohendes Chaos entstehen? Gardner legt sich zwar nicht fest, aber Herkunft und Motiv des Bösewichts, sind dann doch erstaunlich nahe an der heutigen Realität. Im Roman will ein KGB-Offizier eine Situation herbeiführen, die es ihm ermöglicht, zum Staatschef zu werden.
Am Romanende sagt M zu Bond über den Bösewicht: „Der Mann hatte eine Überzeugung. Er hatte einem System gedient, an das er fest glaubte. Er sah, wie es zerfiel, und er hatte bereits große Macht. Sie haben recht, und ich kann nur davon ausgehen, dass es noch Tausende wie ihn gibt. Gläubige. Eine solche Überzeugung verschwindet nicht einfach über Nacht. Wahrscheinlich wird es noch andere geben. Das hier ist noch nicht ausgestanden.“
Dieser Bösewicht hat, und das erklärt die Entführung des alten Mannes am Romananfang, eine zu diesem Zeitpunkt nur ihm bekannte verwandschaftliche Beziehung zu dem entführten Kriegsverbrecher. Dieser titelgebende ‚Mann von Barbarossa‘ ist ein Ukrainer, der sich 1941 in der Frühphase des Unternehmens Barbarossa der SS ergeben hatte, den Nazis bei ihren Verbrechen half, zum Stellvertreter eines SS-Unterscharführers wurde und unter dem ebenfalls historisch verbürgten SS-Kommandanten Franz Reichsleitner im Vernichtungslager Sobibór diente. Nach dem Krieg tauchte Josif Woronzow unter.
Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund entfaltet Gardner eine Geschichte, die sich über viele Rückblenden und Berichte von in das Geschehen involvierter Personen entfaltet, während James Bond ihnen zuhört. So vergeht viel Lesezeit, bis James Bond in Russland ist und erstmals Mitgliedern der Terrorgruppe begegnet und er bei einem von den Terroristen organisierten Schauprozess als Kameramann arbeiten muss, ohne dass es in der gewohnten Menge zu Bond-typischer Action und Liebesabenteuern kommt.
Diese von Gardner gewählte Struktur führt dazu, dass „Der Mann von Barbarossa“ kein typischer James-Bond-Roman ist. Es ist aber ein guter Roman, der sich durchgängig wie ein James-Bond-Roman liest. Das konnte man ja von den letzten James-Bond-Romanen, die von verschiedenen Autoren geschrieben wurden, nicht immer behaupten. Und es ist, was ein großer Teil des Lesevergnügens ist, ein Roman, der heute eine Zeitkapsel aus der Vergangenheit ist, als weltpolitische Veränderungen auch ein ganzes Genre vor die Sinnfrage stellten.
Das Ende – Assault on Precinct 13 (Assault on Precinct 13, USA/Frankreich 2005)
Regie: Jean-François Richet
Drehbuch: James DeMonaco (nach dem Drehbuch von John Carpenter)
Jahreswende in Detroit: In einem abgelegenem Polizeirevier, das demnächst aufgelöst werden soll, muss wegen eines Schneesturms über die Nacht ein berüchtigter Gangster untergebracht werden. Einige korrupte Polizisten, die verhindern wollen, dass der Gangster redet, wollen ihn umbringen. Sie belagern das Revier. Der Revierleiter nimmt den Kampf auf – und muss dabei auch dem Gefangenen vertrauen.
Drehbuchautor James DeMonaco schrieb und inszenierte anschließend die „The Purge“-Filme. Der vierte „The Purge“-Film „The Island“ ist für den 4. Juli 2018 (US-Premiere) angekündigt.
Jean-François Richet inszenierte das aus zwei Kinofilmen bestehende Biopic „Public Enemy No. 1″ über den Verbrecher Jacques Mesrine.
mit Ethan Hawke, Laurence Fishburne, Gabriel Byrne, Maria Bello, John Leguizamo, Brian Dennehy, Kim Coates, Hugh Dillon
Der Titel „Horror-Kultfilme“ ist ein durchaus verständlicher Etikettenschwindel. Denn in dem von Angela Fabris, Jörg Helbig und Arno Rußegger herausgegebenen Sammelband sind nicht unbedingt Horror-Kultfilme versammelt. Außerdem beschwört der Titel sofort die Diskussion herauf, was ein Kultfilm ist und damit auch die Diskussion, warum so viele Kultfilme nicht besprochen werden (zum Beispiel George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ [Night of the Living Dead]) und warum in dem Sammelband bei den zahlreichen „Dracula“- und „Frankenstein“-Filmen ausgerechnet Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ und Mel Brooks „Young Frankenstein“ einer eingehenden Analyse unterzogen werden.
Analyse ist das Stichwort. Denn „Horror-Kultfilme“ ist die Dokumentation einer unlängst vom „Arbeitskreis Visuelle Kultur“ organisierte Ringvorlesung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
Eine solche Vorlesungsreihe ist immer ein Kompromiss zwischen dem Gewünschten und dem Machbaren. An Referenten und Themen. Und aus unterschiedlichen analytischen Perspektiven.
Das hat am Ende immer etwas von einer Wundertüte, die, neben den schon erwähnten Aufsätzen (Susanne Bach über „Bram Stoker’s Dracula“, Arno Rußegger über „Young Frankenstein“), gefüllt ist mit Ausführungen über den Giallo – Marcus Stiglegger über Dario Argentos „Susperia“, Angela Fabris über Dario Argentos „Profondo Rosso“ (und seine intertextuellen Bezüge zu Mario Bavas Filmen) -, Musik im zeitgenössischen Horrorfilm (Frank Hentschel; – nach meiner Meinung ist die Musik meistens viel zu laut; Hentschel geht es wissenschaftlicher und kleinteiliger mit interessanten Ergebnissen an), den US-amerikanischen Tierhorrorfilm (Michael Fuchs über „Jurassic Park“, „Mimic“ und „Shark Night“; eine ziemlich seltsame Auswahl), den ‚drastischen Horrorfilm‘, verstanden als den Horrorfilm, in dem das Grauen, der Terror, aus heiterem Himmel und grundlos in unseren Alltag, unsere heile Welt, hereinbricht (Benjamin Moldenhauer über Filme wie und vor allem den stilbildenden „The Texas Chainsaw Massacre“) und, hier schlägt die Universität gnadenlos zu, Meta-Horror. Jörg Helbig beschäftigt sich mit der fast unbekannten, prominent besetzten Hammer-Hommage und Horrorkomödie „House of the long shadows“ (Das Haus der langen Schatten, Großbritannien 1983) und Sabrina Gärtner mit Jessica Hausners „Hotel“ (gleichzeitig das Titelbild des Sammelbandes).
Auch Coppolas Dracula-Film und Brooks Frankenstein-Komödie passen in dieses Raster, weil sie als Horrorfilme bereits eine distanzierte, analytische Haltung zum Genre haben, die dann von den Wissenschaftlern analysiert wird, die ebenfalls die Tradition und Formen des Genres kennen, die beispielsweise Mel Brooks in seinem Film zitiert und variiert.
Insgesamt ist „Horror-Kultfilme“ ein lesenswerter und informativer Sammelband für Horror- und Filmfans, die kritisch-distanziert gerne etwas tiefer in die Welt eines vor allem bei Jugendlichen populären Genres einsteigen wollen.
Drehbuch: Hans Jacoby, Georg Tressler, Werner Jörg Lüddecke
LV: B. Traven: Das Totenschiff – Die Geschichte eines amerikanischen Seemanns, 1926
Ein Matrose heuert, nachdem ihm seine Papiere geklaut wurden, auf einem Seelenverkäufer an – und hofft die Fahrt zu überleben.
Freie Verfilmung von B. Travens Romans unter Verzicht auf die Sozialkritik. Aber als Abenteuerfilm soll Tresslers ewig nicht mehr im TV gezeigter Film gut funktionieren. „ein flotter Reißer“ meint das Lexikon des internationalen Films. Er wurde auch als „einziger deutscher Beitrag zur Darstellung des Existenzialismus im Kino gewertet“ (Hans J. Wulff in Filmgenres: Abenteuerfilm).
B. Traven schrieb auch „Der Schatz der Sierra Madre“. Georg Tressler inszenierte auch „Die Halbstarken“.
mit Horst Buchholz, Mario Adorf, Helmut Schmid, Elke Sommer, Werner Buttler, Alf Marholm, Karl Lieffen
Maindrian Pace soll für einen Drogenbaron 48 Luxuslimousinen klauen.
Die Story ist nur die Entschuldigung für die wahrscheinlich auch heute noch längste Autoverfolgungsjagd in einem Spielfilm. Immerhin dauert die finale Autoverfolgungsjagd vierzig Minuten und es werden 93 Autos geschrottet. Ohne Tricks und doppelten Boden.
Heute ist die TV-Premiere des Car-Crash-Kultfilms mit einer immer noch beeindruckenden Verfolgungsjagd.