3sat, 20.15
Wie wir sterben (Deutschland 2014, Regie: Daniela Hoyer, Judith Schneider)
Drehbuch: Daniela Hoyer, Judith Schneider
In der 45-minütige Doku wird erklärt, wie der Sterbeprozess abläuft. Biologisch gesehen.
Mehr Infos.
TV-Tipp für den 6. November: Wie wir sterben
November 6, 2014DVD-Kritik: „Fleming“ – mehr Bond-Metafilm als Biopic
November 5, 2014Manchmal muss man dem Geheimhaltungsbedürfnis des Militärs wirklich dankbar sein. Es ist schon lange bekannt, dass James-Bond-Erfinder Ian Fleming im Zweiten Weltkrieg persönlicher Assistent von Konteradmiral John H. Godrey, dem Chef des Marinegeheimdienstes, war, er gegen die Deutschen kämpfte und später in seinen James-Bond-Romanen auch Erlebnisse aus dieser Zeit verarbeitete. Aber was er genau tat und wie er in welche Missionen involviert war, wissen wir nicht. Als Schriftsteller musste er sich nicht um Fakten kümmern und die Bond-Romane spielen auch nicht während des Zweiten Weltkriegs, sondern danach und so kann man der Behauptung der Serienmacher, dass die Bond-Romane auf seinen damaligen Erlebnissen basieren glauben. Oder auch nicht. Jedenfalls ist es eine gute Story, die sich nicht sonderlich um die Fakten kümmern muss und bislang wurden Flemings Kriegserlebnisse filmisch und literarisch kaum ausgeschlachtet.
Jetzt, nach zwei ziemlich vergessenen TV-Filmen aus den späten Achtzigern, die anscheinend auch grottenschlecht waren, gibt es einen weiteren Versuch, Flemings Erlebnisse während des Krieges als die Blaupause für seine James-Bond-Romane und Filme, die ja seit Ewigkeiten nur noch sehr lose auf den Romanen und Kurzgeschichten von Fleming basieren, zu nehmen.
In der dreistündigen TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ erzählen die Macher die Geschichte von Flemings Jahren beim Militär.
Dabei besteht ein großer Teil des Spaßes beim Ansehen der vier Episoden am Enträtseln der filmischen und literarischen Vorbilder. Denn die TV-Miniserie ist ein James-Bond-Film im Kleinstformat mit Admiral John Godfrey als M, Second Officer Monday als Miss Moneypeney (Tendenz: die aktuelle Ausgabe, die auch mal im Feld arbeitet) und Ian Fleming als James Bond, der zu seinem Missvergnügen an dem Schreibtisch verbannt wird und der zahlreiche Sex-Affären hat. Diese Affären und seine sexuellen Vorlieben nehmen dann auch die meiste Erzählzeit ein, während die Missionen eher kurz gestreift werden, was auch daran liegt, dass Fleming viele unorthodoxe Ideen hatte (die er teilweise direkt aus Spionageromanen klaute), aber nicht im Feld arbeiten durfte, weil er, wie wir in einigen Übungen sehen können, einfach kein Soldat war. Ein kaltblütiger Killer war er auch nicht. Wenn er in der vierten Episode, die während der letzten Kriegstage spielt, doch nach Deutschland darf und hinter die feindlichen Linien gelangt, macht er nicht unbedingt die beste Figur. Aber er erzählt nachher, wie auch Admiral Godrey meint, eine verdammt gute Geschichte, für die es leider keine Beweise gibt.
Obwohl „Fleming“ eine aus vier Episoden bestehende Miniserie ist, spannen die Macher keinen großen erzählerischen Bogen. Sie erzählen strickt im 45-Minuten-Format, immer in einem anderen Kriegsjahr, von Affären und Geheimdienstaktionen, die, so sollen wir glauben fast unverändert in die James-Bond-Geschichten, in denen James Bond alles richtig macht, was Ian Fleming falsch macht, eingeflossen sind. Die Tricks sind mau, aber die Ausstattung – es wurde hauptsächlich in Innenräumen gedreht – gefällt, weil es etwas vom Charme eines Vierziger-Jahre-Films verspürt. Und Ian-Fleming-Schauspieler Dominic Cooper macht auch keine schlechte Figur als spionagebegeisterter Frauenheld und Spieler.
Fleming – Der Mann, der Bond wurde (Großbritannien 2014)
Regie: Mat Whitecross
Drehbuch: John Brownlow, Don MacPherson
mit Dominic Cooper, Lara Pulver, Samuel West, Anna Chancellor, Rupert Evans, Lesley Manville, Pip Torrens, Camilla Rutherford
auch bekannt als „Mein Name ist Fleming, Ian Fleming“ (TV-Titel)
–
DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: –
Länge: 180 Minuten (4 x 45 Minuten)
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Fleming“
Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)
Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)
Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)
James Bond in der Kriminalakte
Ian Fleming in der Kriminalakte
DVD-Kritik: Der „Death in Paradise“ geht in die dritte Staffel
November 4, 2014Zwei Staffeln, beziehungsweise zwei Jahre, lang löste DI Richard Poole auf der Karibikinsel Saint Marie Mordfälle. Er war der typische fish out of water: ein überaus steifer und korrekter Brite, der immer seinen Anzug an hat und Tee trinkt (natürlich richtig zubereitet), während er knifflige Mordfälle löst. Seine Arbeitskollegen Camile Bordey, Dwayne Myers und Fidel Best, die alle gebürtige Inselbewohner sind, sich entsprechend leger kleiden und eine karibisch entspannte Lebenseinstellung haben, waren zunächst erstaunt über den Inbegriff des britischen Empire, der mit ihnen zusammenarbeiten soll. Aber schnell wurden sie ein gutes Team, das viele Morde löste, bis Poole, der sich nur langsam an die karibische Lebenseinstellung und das Klima gewöhnte (ohne jemals auf seine korrekte Bekleidung zu verzichten), in „Tickende Uhren“, der Auftaktepisode der dritten „Death in Paradise“-Staffel, gemeuchelt wird.
Als Ersatz kommt Humphey Goodman, ein ebenso brillanter Detektiv mit der seltsamen Angewohnheit, sich auf Zetteln und Servietten Notizen zu machen, und äußerst schusselig ist. Wenn ein Kabel im Weg liegt, stolpert er darüber. Jedenfalls beim Lösen der ersten Mordfälle. Davon abgesehen ist er vollkommen normal. Er braucht keinen Tee, kleidet sich dem Klima entsprechend, setzt sich in den Sand und ist verheiratet. Jedenfalls am Anfang. Aber seine Frau verlässt ihn.
Durch diese Umbesetzung wird „Death in Paradise“ zu einer gewöhnlichen, netten, sonnigen Rätselkrimiserie, die kurzweilig unterhält, aber nicht mehr das besondere Flair der ersten Fälle hat, die vor allem von dem Culture Clash zwischen britischer Steifheit und karibischer Lockerheit lebte.
Die Fälle selbst, wieder acht Mordfälle, die in einer knappen Stunde aufgeklärt werden, sind Rätselkrimis, die mit einer Versammlung aller Betroffenen in einem Raum endet, wo der Detektiv dann den Mörder überführt.
So wird während eines Drehs für einen Zombie-Horrorfilm ein Stand-In vergiftet. Aber wollte der Mörder in Wirklichkeit nicht die Hauptdarstellerin ermorden? In ihrem nächsten Fall wird während einer Kunstausstellung ein Gigolo, der auch viel über Kunst weiß, ermordet. Dann wird eine Stewardess vergiftet. Die Polizisten fragen sich, wer ihrer Arbeitskollegen der Täter ist. Ein Minister soll sich in seinem Arbeitszimmer umgebracht haben. Aber Goodman ist misstrauisch.
Raus aus geschlossenen Räumen und in die freie Wildbahn geht es in ihrem nächsten Fall: Ein Mitglied einer Gruppe von Vogelbeobachtern, die einen besonders seltenen Vogel sichten wollen, wird ermordet und, wie es sich für einen Rätselkrimi gehört, haben alle Mitglieder der Gruppe, obwohl einer von ihnen der Mörder sein muss, wasserdichte Alibis.
Als auf einer vor Saint Marie gelegenen Insel der Familienpatriarch ermordet wird, müssen Goodman und seine Kollegen den Mörder finden, während sie wegen eines Sturms von der Zivilisation abgeschnitten sind. Goodmans Kollege Poole befand sich in einem früheren Mordfall in einer ähnlichen Situation.
Und im letzten Mordfall der dritten „Death in Paradise“-Staffel wird in einer ziemlich britischen Seniorenresidenz eine Ärztin ermordet, obwohl der Tatort auf einen Suizid schließen lässt.
Die Fälle sind, wie gesagt, vergnügliche Rätselkrimis, bei denen es unmöglich ist, den Mörder, den genauen Hergang und das Tatmotiv vor der Auflösung zu erraten. Aber das war schon zu Zeiten von Hercule Poirot so.
Alelrdings fehlt in der dritten Staffel das Flair des Besonderen, das Richard Poole auf die Insel trug. Humphrey Goodman ist halt nur ein guter Mann.
Dieses Mal gibt es sogar etwas Bonusmaterial: sieben kurze Werbe-Featurettes, die in 18 Minuten durchgesehen sind und als „Making of Death in Paradise“ angekündigt sind.
Death in Paradise – Staffel 3 (Death in Paradise, Großbritannien 2014)
Regie: Cilla Ware, Dusan Lazarevic, Robert Quinn, Richard Signy
Drehbuch: Robert Thorogood, Daisy Coulam, Paul Logue, Ian Kershaw, J. C. Wilsher, Simon Winstone, Jack Lothian
Erfinder: Robert Thorogood
mit Kris Marshall (DI Humphrey Goodman), Sara Martins (DS Camille Bordey), Danny John-Jules (Officer Dwayne Myers), Gary Carr (Fidel Best), Don Warrington (Commissioner Selwyn Patterson), Élisabeth Bourgine (Catherine), Ben Miller (DI Richard Poole)
–
DVD
Edel
Bild: 16:9 PAL
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Making of Death in Paradise
Länge: 435 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
BBC Germany über „Death in Paradise“
Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von “Death in Paradise – Staffel 1″ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)
Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 2“ (Death in Paradise, GB 2013)
Cover der Woche + Hinweis zur Abendgestaltung
November 4, 2014weil der zweite „Sherlock Holmes“-Roman von Anthony Horowitz ein Lesevergnügen ist, das unmittelbar nach dem legendären Reichenbachfall beginnt, der ja mit dem Tod von Sherlock Holmes und Professor James Moriarty endete. – Wirklich?
weil ich mich in einigen Minuten Mr. Anthony Horowitz treffe.
–
Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty
(übersetzt von Lutz-W. Wolff)
Insel Verlag, 2014
352 Seiten
19,95 Euro
–
Originalausgabe
Moriarty
Orion Books, 2014
–
Hinweise
Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)
Die „Inspector Barnaby“-Fälle von Anthony Horowitz
TV-Tipp für den 4. November: Honeymoon Killers
November 4, 2014ZDFkultur, 22.00
Honeymoon Killers (USA 1970, Regie: Leonard Kastle)
Drehbuch: Leonard Kastle
Leonard Kastles einziger Spielfilm. Dabei wurde beim Kinostart der auf dem „Lonely Hearts Killers“-Fall basierende Film des Opernkomponisten und Musikprofessors von der Kritik gelobt. Regisseur Francois Truffaut nannte ihn seinen liebsten US-Film. Inzwischen ist die schwarze Satire auf den American Way of Life ein Kultfilm, der nichts von seiner subversiven Kraft verloren hat. Das liegt auch an dem Liebespaar, das im Mittelpunkt des Films steht: die dicke, eifersüchtige Krankenschwester Martha Beck (Shirley Stoler, Filmdebüt) verliebt sich in den Gigolo und Heiratsschwindler Ray Fernandez (Tony Lo Bianco) – und er in sie. Gemeinsam suchen sie per Anzeige reiche, alleinstehende Frauen und ermorden sie.
1949 wurden sie zum Tode verurteilt und 1951 wurde die Todesstrafe vollzogen.
mit Shirley Stoler, Tony Lo Bianco, Mary Jane Higby, Doris Roberts, Kip McArdle, Marilyn Chris, Dortha Duckworth
Wiederholung: Mittwoch, 5. November, 01.05 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über “Honeymoon Killers”
Turner Classic Movies über “Honeymoon Killers”
DVD-Kritik: Die „Invasion vom Mars“ in den Achtzigern
November 3, 2014Als Tobe Hoopers Science-Fiction-Film „Invasion vom Mars“ 1986 in die Kinos kam, hielt sich die Begeisterung der Kritiker in überschauberen Grenzen und so einen richtigen Kultstatus entwickelte er seitdem auch nicht, was nicht daran liegt, dass der Film schlecht ist, sondern dass er ein sehr originalgetreues Remake des gleichnamigen Science-Fiction-Films von William Cameron Menzies ist, der auch kein großartiger Film, aber inzwischen ein kleiner Semi-Klassiker ist. Außerdem war das Original der erste in Farbe gedrehte Alien-Invasions-Film. Auf 3D wurde, entgegen der ersten Pläne, verzichtet.
Hooper und die Drehbuchautoren Dan O’Bannon („Dark Star“, „Alien“, „Total Recall“) und Don Jakoby, die bereits bei „Lifeforce“ (ein ziemlich durchgeknallter Science-Fiction-Invasionsfilm) zusammenarbeiteten, nahmen den alten Film und transportierten ihn, ohne nennenswerte Änderungen, in die Gegenwart.
Entsprechend bekannt ist die Geschichte, die schon 1953 nicht besonders originell war: Als der Kleinstadtjunge David (Hunter Carson, „Paris, Texas“) eines Nachts aufwacht, sieht er ein Ufo hinter dem Hügel landen. Niemand glaubt ihm, aber schon bald bemerkt er, wie sich seine Eltern, Lehrer und Klassenkameraden verändern. In Linda Magnusson (Karen Black) findet er dann doch eine Verbündete und die beiden entdecken die Invasoren, die in einem unterirdischen Raumschiff-/Höhlensystem sind.
Klingt bekannt?
Aus heutiger Sicht ist „Invasion vom Mars“ als alptraumhafter Gegenentwurf zu „E. T.“ gar nicht so schlecht. Die Atmosphäre des aus Davids Sicht erzählten Films ist ziemlich gruselig, vor allem wenn Louise Fletcher (die Oberschwester aus „Einer flog über das Kuckucksnest“) den kleinen David als Inkarnation der bösen Lehrerin, die schon damals sehr altmodisch gekleidet war, gehässig durch die Schule und die Kleinstadt verfolgt und auch mal einen lebenden Frosch verspeist. Die Invasoren sehen gruselig lächerlich aus. Die Effekte machen Spaß; – vor allem weil sie handgemacht sind.
Am Ende gibt es ein großes Finale, bei dem das Militär mal wieder alles auffährt, was es hat, um die Marsianer in die nächste Galaxie zu schicken.
Für den Filmfan hat die Besetzung einiges zu bieten. Neben den schon erwähnten Schauspielern sind Bud Cort (Harold aus „Harold und Maude“), Timothy Bottoms (der mit „Johnny zieht in den Krieg“ und „Die letzte Vorstellung“ einen grandiosen Einstand in Hollywood hatte) und Jimmy Hunt (der im Original David war und hier, nach einer jahrzehntelangen Leindwandpause, den Polizeichef spielte) dabei.
Nur die Story war schon in den Fünfzigern schwach und dreißig Jahre später hatte die „Invasion vom Mars“ gegen zeitgleich im Kino gezeigte Science-Fiction-Filme wie „Aliens – Die Rückkehr“, „Die Fliege“ (noch ein Remake) und „Nummer 5 lebt!“ keine Chance. Was ist schon etwas Teenage Angst in einer typischen All-American-Kleinstadt gegen einen echen Body Horror?
Das Bonusmaterial fällt insgesamt überzeugend aus. Es gibt zusätzlich zum originalen Ende das Ende der damaligen deutschen Kinofassung (damals wurde uns, wie schon beim Original, die Schlusspointe vorenthalten) und zwei Featurettes, die einen Blick hinter die Kulissen werfen und zum damaligen Filmstart entstanden. Wie üblich bei Koch-Media gibt es den Trailer (deutsch und englisch) und eine Bildergalerie.
Über das Bild und den Ton kann auch nicht gemeckert werden.
–
Die zweite Meinung
„Dieser Film ist ein teures, unnötiges Remake von William Cameron Menzies‘ Klassiker aus dem Jahr 1953, überladen mit – ugegebenermaßen – exzellenten Special Effects und sehr schleppend in seiner Hartnäckigkeit, dem Original treubleiben zu wollen.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science-Fiction-Filmenzyklopädie, 1998)
Invasion vom Mars (Invaders from Mars, USA 1986)
Regie: Tobe Hopper
Drehbuch: Dan O’Bannon, Don Jakoby (nach dem Drehbuch von Richard Blake)
mit Hunter Carson, Karen Black, Louise Fletcher, Timothy Bottoms, Laraine Newman, James Karen, Bud Cort
–
DVD
Koch Media
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Deutscher und Englischer Kinotrailer, Deutscher Vorspann, Alternatives Ende der deutschen Fassung, Making-of-Featurette (ca. 15 Minuten), Promotion-Featurette (ca. 8 Minuten), Bildergalerie, Wendecover
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Invasion vom Mars“
Wikipedia über „Invasion vom Mars“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Tobe Hoopers „Blutgericht in Texas“ (The Texas Chainsaw Massacre, USA 1974)
–
Okay, hier ist das Original. Zuerst der Trailer, dann der Film. Zuerst die Original-, dann die deutsche Fassung
DVD-Kritik: „Zulu“ – Orlando Bloom in Südafrika im Hobbit-Urlaub auf Verbrecherjagd
November 3, 2014Als der Polit-Thriller „Zulu“ vor einem halben Jahr in einigen Kinos gezeigt wurde, dachte ich, dass der Verleih schnell die DVD hinterherschiebt und so von den Erinnerungen der breiten Massen an die Filmbesprechungen zum Kinostart noch profitieren kann. Jetzt hat es doch länger als erwartet, gedauert. Aber sehenswert ist der in Südafrika spielende Film mit Forest Whitaker (demnächst „96 Hours – Taken 3“) und Orlando Bloom (bald „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“) immer noch.
Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert:
Schon in seinen beiden „Largo Winch“-Filmen reiste Regisseur Jérôme Salle um die halbe Welt. Aber das waren bunte Abenteuerfilme, so eine Art französischer James Bond im eigenen Auftrag. Sein neuester Film „Zulu“ ist dagegen ein knallharter Polit-Thriller, der in Südafrika spielt und ohne die Apartheid und deren Nachwirkungen nicht denkbar wäre.
In Kapstadt wird im botanischen Garten die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau der Kapstadt-High-Society gefunden. Die Polizisten Ali Sokhela (Forest Whitaker), Brian Epkeen (Orlando Bloom) und Dan Fletcher (Conrad Kemp) übernehmen die Ermittlungen. Ali ist ein in den Townships aufgewachsener Zulu, der heute ein ruhiger, analystischer Ermittler ist, der keine Familie hat und der immer noch an den Nachwirkungen eines Polizeieinsatzes von 1978, den er als Kind erlebte, leidet. Dennoch versucht er, wie Nelson Mandela und Desmond Tutu, den früheren Peinigern zu vergeben. Seine beiden Kollegen sind Weiße. Brian ist ein geschiedener Alkoholiker, der keinen Kontakt zu seinem Sohn hat und der nur von Ali wegen seiner Fähigkeiten als Ermittler im Team gehalten werden kann. Dan ist glücklich verheiratet. Allerdings ist seine Frau unheilbar an Krebs erkrankt. Und alle Drei werden unterschiedlich von den Ermittlungen beeinflusst.
Denn sie finden heraus, dass die Tote an einer synthetischen Droge starb, die, wie bei ihr, in hoher Dosierung zu mörderschen Aggressionen führt. Ursprünglich wurde die Designerdroge von Dr. Oppermann während der Apartheid im Rahmen des „Project Coast“ (das es wirklich gab) entwickelt, um sie an die in den Townships lebenden Schwarzen zu verteilen. Mit dem Ende der Apartheid wurde auch das „Project Coast“ beendet.
Jetzt scheint die Droge in einem gigantischen Feldversuch in den Townships verteilt zu werden. Denn Ali findet sie auch bei Straßenkids.
Salle und sein Drehbuchautor Julien Rappenau, mit dem er schon die beiden „Largo Winch“-Geschichten schrieb, beweisen wieder einmal ihr Händchen für behutsame Genreinovationen. Denn „Zulu“ steht knietief im Siebziger-Jahre-Polit-Thriller mit seinem ungeschönten Blick auf die Realität und seinem schonungslosem Umgang mit den Charakteren. So hat jeder der drei Polizisten seine Fehler und persönlichen Probleme. Zum klassischen Helden taugt keiner. Und ihre Überlebensaussichten sind höchst ungewiss. Aber das kennen wir auch aus den Siebziger-Jahre-Polit-Thrillern und spätestens seit dem Neo-Noir „L. A. Confidential“ kennen wir das auch aus dem Polizei-Thriller. Salle verbringt mit den privaten Problemen seiner Ermittler so viel Zeit, dass der sowieso etwas austauschbare Krimiplot öfter vernachlässigt wird.
Dennoch ist „Zulu“ ein straff erzählter, grimmiger Polizei-Thriller, der dank seiner guten Schauspieler, dem Drehbuch (dem es letztendlich gelingt, die verschiedenen Erzählstränge souverän zusammenzuhalten), seinem Schauplatz und der Geschichte Südafrikas, die immer im Hintergrund präsent ist, viel gewinnt und ihn zu einem sehenswerten Thriller vor exotischer Kulisse macht.
Bonusmaterial ist kaum vorhanden. Es gibt ein vierminütiges Featurette über den Film, in dem vor allem Regisseur Jérôme Salle zu Wort kommt, und ein knapp zehnminütiges Interview mit Orlando Bloom.
Dabei wären doch gerade Informationen über den Realitätsgehalt des Thrillers interessant gewesen.
Zulu (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013)
Regie: Jérôme Salle
Drehbuch: Julien Rappeneau, Jérôme Salle
LV: Caryl Férey: Zulu, 2008 (Zulu)
mit Forest Whitaker, Orlando Bloom, Conrad Kemp, Tanya van Graan, Patrick Lyster, Tinary van Wyk Loots, Iman Isaacs
–
DVD
Studio Hamburg
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Featurette, Interview mit Orlando Bloom, Deutscher Kinotrailer
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zulu“
Moviepilot über „Zulu“
Rotten Tomatoes über „Zulu“
AlloCine über “Zulu”
Wikipedia über „Zulu“ (englisch, französisch)
Meine Besprechung von „Largo Winch – Tödliches Erbe“ (Largo Winch, Frankreich 2008)
Meine Besprechung von Jérôme Salles „Zulu“ (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013)
TV-Tipp für den 3. November: Sie küßten und sie schlugen ihn
November 3, 2014Arte, 20.15
Sie küßten und sie schlugen ihn (Frankreich 1959, Regie: Francois Truffaut)
Drehbuch: Francois Truffaut, Marcel Moussy
1959 erhielt der siebenundzwanzigjährige Francois Truffaut für seinen ersten Spielfilm, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (Les quatre cents coups), den Großen Preis von Cannes für die Regie. In dem Film begann er den von ihm formulierten Anspruch für einen neuen Spielfilm in die Tat umzusetzen. Denn die Geschichte von Antoine Doinel (verkörpert von dem Dreizehnjährigen Jean-Pierre Léaud) weist etliche Gemeinsamkeiten mit seiner Biographie auf. In dem Film erzählt Truffaut von Antoine, der in einer dysfunktionalen Familie aufwächst. Seine Mutter geht fremd. Sein Stiefvater flüchtet sich in sein Hobby und Antoine Doinel, der nach einem Vorbild sucht, flüchtet in die Welt des Kinos und der Bücher. Er beginnt zu stehlen, wird erwischt und landet in einem Erziehungsheim, aus dem er wieder flüchtet. Ein Klassiker der Nouvelle Vague – und der erste Antoine-Doinel-Film (die ich hier ausführlich besprochen habe).
mit Jean-Pierre Léaud, Albert Rémy, Claire Maurier, Patrick Auffay
Wiederholung: Mittwoch, 5. November, 13.45 Uhr
Hinweise
Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)
Zweiter Teil meines Francois-Truffaut-Porträts: Die Antoine-Doinel-Filme
Über Don Winslows neuen Kriminalroman „Missing. New York“ – und die Lesereise
November 2, 2014Zwei Bücher von Don Winslow in einem Jahr – und beide sind in seiner Heimat noch nicht erschienen. Dort erscheint im Sommer 2015 „The Power of the Dog Part II“ (das ist wohl ein Arbeitstitel). Wieder, nach einem kurzen Intermezzo bei Simon & Schuster, bei seinem alten Verlag Alfred A. Knopf. Den Roman hat Droemer, Don Winslows deutscher Verlag, ebenfalls schon als „Jahre des Jägers“ für Anfang Juni angekündigt und er soll die Geschichte von „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005) nahtlos weiter erzählen.
Bis dahin können wir wohl schon den zweiten oder dritten Roman, der in den USA danach erscheinen wird, lesen. Und wie sein vorheriger Roman „Vergeltung“ spielt „Missing.New York“ nicht in der Welt der kalifornischen Surfer, der er sich literarisch zwischen 1997 (The Death and Life of Bobby Z.) und 2012 (The Kings of Cool) fast ausschließlich widmete und für die ihn seine deutschen Leser, auch weil sie seine früheren Krimis mit dem globetrottendem Privatdetektiv Neal Carey nicht kennen, kennen, lieben und identifizieren.
Der Held und Ich-Erzähler von „Missing.New York“ ist der vierunddreißigjährige Irak-Kriegsveteran und Kleinstadtpolizist Frank Decker. Der Zwei-Meter-Mann ist unglücklich verheiratet, aber ein guter Polizist mit dem Herzen am rechten Fleck. Deshalb geht ihm auch das spurlose Verschwinden der fünfjährigen, afroamerikanischen Hailey Marie Hansen in seiner Heimatstadt Lincoln, Nebraska, zu Herzen.
Als er sie nicht findet, kündigt er seinen Job. Immerhin hat er Haileys Mutter versprochen, ihre Tochter zu finden. Er beginnt quer durch die USA, begleitet von Bruce Springsteen (als Soundtrack, nicht persönlich), jede Spur zu verfolgen. Ergebnislos, bis er nach einem Jahr einen Anruf erhält. Die Anruferin hat ein paar Tage nach Haileys Verschwinden an einer Tankstelle ein Mädchen gesehen, das wie Hailey aussah.
Das ist für Decker die erste vielversprechende Spur. An dem Abend waren an der Tankstelle zur fraglichen Zeit zwei weitere Fahrzeuge. Eines gehört einem Alt-Hippie, der mit seiner Frau auf einem Hof in den Catskills in der Nähe von Woodstock (Wo sonst?) lebt. Das andere gehört einem vermögendem Glamour-Modefotografen, dessen Freundin wie eine ältere Ausgabe von Hailey aussieht.
„Missing. New York“, das der Auftakt für eine Serie mit Frank Decker als hartnäckigem Vermisstensucher sein soll, hat nichts mit den Surfer-Gangsterkrimis, für die Winslow bekannt ist, zu tun. Es ist ein absolut gradliniger Privatdetektiv-Krimi, der schnell gelesen, aber auch nicht erinnerungswürdig ist.
Frank Decker ist in seinem ersten Fall noch ein Ermittler ohne besonderes Charisma und Eigenschaften, aber mit einigen reaktionären Ansichten zu Kindesentführern und Sexualstraftätern, die sich unangenehm eindimensional im gesellschaftlichen Mainstream bewegen: „Ein Mann, der vorsätzlich einem Kind etwas antut, verwirkt seine Freiheit. Ob sie krank sind oder böse: Sie dürften nicht einfach frei herumlaufen.“ Da kann man bei einer Vernehmung dann auch mal Fünfe gerade sein lassen.
Im Gegensatz zu seinen vorherigen Gangsterromanen und auch den beiden Boone-Daniels-Privatdetektivromanen (von ihm würde ich gerne ein weiteres Abenteuer lesen) ist „Missing. New York“ Strandlektüre.
P. S.: Ein Lob an die Covergestaltung, die im Dunkeln ihren wahren Reiz entfaltet.
P. P. S.: Nachträglich noch Alles Gute zum Geburtstag, Don Winslow. Der war nämlich am 31. Oktober.
–
Don Winslow: Missing. New York
(übersetzt von Chris Hirte)
Droemer, 2014
400 Seiten
14,99 Euro
–
Originalausgabe
Missing. New York
Alfred A. Knopf (noch nicht erschienen und noch nicht angekündigt)
–
Don Winslow beehrt Deutschland, mit Abstechern nach Zürich und Wien
Sonntag, 2. November 2014, 18:30 Uhr Krimifestival München
Moderation: Denis Scheck – Deutsche Stimme: Dietmar Wunder
BMW-Welt, Am Olympiapark 1
–
Montag, 3. November 2014, 20 Uhr Krimifestival Lüneburg
Moderation: Johannes Kaiser – Deutsche Stimme: Dietmar Wunder
Palais am Werder / Hotel Bergström, Bei der Lüner Mühle
–
Dienstag, 4. November 2014, 21 Uhr lit.Cologne Köln
Moderation: Denis Scheck – Deutsche Stimme: Martin Kessler
Funkhaus des WDR, Großer Sendesaal, Wallraffplatz 5
–
Mittwoch, 5. November 2014, 19:30 Uhr Mord am Hellweg Schwerte
Moderation: Günter Keil – Deutsche Stimme: Martin Kessler
Rohrmeisterei Schwerte, Ruhrstr. 20
–
Donnerstag, 6. November 2014, 20:30 Uhr Mannheim
Moderation: Günter Keil – Deutsche Stimme: Martin Kessler
Thalia Buchhandlung, P7, 22 – Planken, Mannheim
–
Freitag, 7. November 2014, 20:15 Uhr Braunschweig Krimifestival
Moderation: Antje Deistler – Deutsche Stimme: Martin Kessler
Buchhandlung Graff, Sack 15, Braunschweig
–
Samstag, 8. November 2014, 20 Uhr Harbour Front Hamburg
Moderation: Philipp Schwenke – Deutsche Stimme: Martin Kessler
Kühne Logistics University, The KLU. Großer Grasbrook 17, HH
–
Sonntag, 9. November 2014, 11 Uhr Berlin – Matinee
Moderation: Philipp Schwenke – Deutsche Stimme: Daniel Hoevels
Deutsches Theater Berlin, Schumannstr. 13a
–
Sonntag, 9. November 2014, 20 Uhr Göttingen
Moderation: Philipp Schwenke – Deutsche Stimme: Martin Kessler
Altes Rathaus, Markt 9, Göttingen
–
Montag, 10. November 2014, 20 Uhr Erfurter Herbstlese
Moderation: Prof. Dietmar Herz – Deutsche Stimme: Martin Kessler
Haus am Breitstrom (Ratsgymnasium), Meister-Eckehart-Str. 6
–
Dienstag, 11. November 2014, 20 Uhr Zürich
Moderation: Thomas Bodmer, Tages Anzeiger – Deutsche Stimme: Hanspeter Müller-Drossaart
Kaufleuten Zürich, Pelikanplatz
–
Mittwoch, 12. November 2014, 20 Uhr Buch Wien
Moderation: Florian Scheuba – Deutsche Stimme: Markus Hering
Eröffnungsveranstaltung Buch Wien, Messegelände
–
Hinweise
Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)
Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)
Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)
Don Winslow twittert ziemlich oft
Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)
Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)
Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)
Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)
Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)
Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)
Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)
Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)
TV-Tipp für den 1. November: Der letzte Scharfschütze
November 1, 2014
RBB, 23.05
Der letzte Scharfschütze (USA 1976, Regie: Don Siegel)
Drehbuch: Scott Hale, Miles Hood Swarthout
LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)
Revolverheld Books will seine letzten vom Krebs gekennzeichneten Tage in Ruhe verbringen. Aber so einfach ist das nicht.
Einer der besten Spätwestern – und John Waynes letzter Film.
„Don Siegel unterzog in ‚The Shootist – Der Scharfschütze’ den Mythos einer distanzierten Würdigung, die noch einmal dem Western zurückgab, was ihm in den letzten Jahren abhanden gekommen war: Ruhe. Und vielleicht exakt diese Botschaft ist es, die endgültig dem Genre ein friedvolles Ende bescheren hätte können: nämlich, die, dass der Western tot, die Grenze erschlossen, die Gesellschaft korrupt ist und dass man sich darüber nicht besonders aufregen muss.“ (Georg Seesslen: Western)
Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.
Mit John Wayne, Lauren Bacall, James Stewart, Ron Howard, Richard Boone, John Carradine
Auch “The Shootist – Der Scharfschütze”
Hinweise
Neu im Kino/Filmkritik: „Pioneer“ oder Tiefseetauchen und Sterben für Öl und Norwegen
Oktober 31, 2014„Pioneer“ ist der neue Film von Erik Skjoldbjærg, dessen Spielfilmdebüt „Todesschlaf“ (Insomnia, 1997) fünf Jahre später von Christopher Nolan ein Hollywood-Remake erhielt, das dem Original nichts Wesentliches hinzufügte. Auch für „Pioneer“ hat Hollywood sich schon die Remake-Rechte gesichert. George Clooney ist als Produzent im Gespräch.
„Pioneer“ basiert, wie „Pride“, auf wahren Ereignissen, die sich in den frühen Achtzigern ereigneten. Aber es ist kein Feelgood-Movie, sondern ein altmodischer Paranoia-Thriller.
Mitte der Siebziger, kurz nach der Ölkrise, die uns in Deutschland autofreie Sonntage bescherte, wurden auch vor Norwegen in der Nordsee riesige Öl- und Gasvorkommen entdeckt. Norwegen will diesen neuen Reichtum bergen. Dummerweise liegt das Öl so weit unter der Meeresoberfläche, dass die Förderung extrem schwierig ist, weil es keine Erfahrungen mit Tauchgängen in diesen Tiefen gibt und die Anlagen vor Ort montiert und zusammengeschweist werden müssen. Auch heute, gut vierzig Jahre später, liegen die Rekorde beim Tiefseetauchen bei 332 Meter im Gerätetauchen und, seit 2006, bei 610 Metern beim Tauchen mit einem Panzertauchanzug.
Diese gefährliche Arbeit wird von Tiefseetauchern, wie Petter (Aksel Hennie) und seinem Bruder Knut (André Eriksen) erledigt, denen wir zum ersten Mal bei einem simuliertem Tauchgang bis 500 Meter Tiefe in einer Dekompressionskammer begegnen. Dabei soll getestet werden, ob und wie Menschen in dieser Tiefe überleben können und wie sich ihre Wahrnehmung verändert. Schon bei diesen simulierten Tauchgängen arbeitet die norwegische Regierung, die das Nordseeöl fördern will, mit der US-amerikanischen Firma Deep Sea Diving zusammen, die den Tauchern eine spezielle Sauerstoffmischung gab, die sie wie den Heiligen Gral hütete.
Als Petter und Knut drei Monate später den ersten Tauchgang des Projekts auf offener See unternehmen, geschieht in 320 Meter Tiefe ein Unfall, bei dem Knut stirbt. Ferris (Stephen Lang), der Leiter des US-Unternehmens, und seine norwegischen Kollegen versuchen Petter, der sich für den Tod seines Bruders verantwortlich fühlt, zu beruhigen. Unfälle passieren halt. Niemand ist dafür verantwortlich.
Aber Petter stellt Fragen. Denn er glaubt, dass es kein bedauerlicher Unfall war, sondern dass Knuts Tod vermeidbar gewesen wäre.
„Pioneer“ steht gelungen in der Tradition des US-Polit-Thrillers der siebziger Jahre. Erik Skjoldbjærg nennt als Inspiration „Der Dialog“, „Chinatown“ und „Die Unbestechlichen“. Er hätte auch noch „Zeuge einer Verschwörung“ und „Die heiße Spur“ nennen können und wie viele dieser Filme zieht er einen beträchtlichen Teil seiner Spannung aus dem Nichtwissen um die Hintergründe und der Paranoia des Protagonisten. Bis zum Schluss läßt uns Skjoldbjærg nämlich im Ungewissen darüber, ob Petter wirklich einer großen Verschwörung auf der Spur ist oder ob er einfach nur von Schuldgefühlen geplagt ist und diese auf Ferris und die anderen US-Amerikaner lenkt. Es ist auch unklar, wie sehr seiner Wahrnehmung vertraut werden kann. Also ob er nicht nur paranoid ist, sondern Halluzinationen hat.
Und wenn am Filmende das ganze Ausmaß der Verschwörung deutlich wird, wirft Erik Skjoldbjærg elegant die vorherigen Gewissheiten über Bord.
Heute verdankt Norwegen seinen Reichtum dem Nordseeöl. 2013 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass es mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen bei Tauchgängen gab, die zum Tod von Tauchern führten.
Pioneer (Pioneer, Norwegen/Deutschland/Schweden/Frankreich/Finnland 2013)
Regie: Erik Skjoldbjærg
Drehbuch: Hans Gunnarson, Kathrina Valen Zeiner, Cathinka Nicolaysen, Nikolaj Frobenius, Erik Skjoldbjærg
mit Aksel Hennie, Wes Bentley, Stephen Lang, Stephanie Sigman, Jorgen Langhelle, Ane Dahl Torp, Jonathan LaPaglia
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Pioneer“
Moviepilot über „Pioneer“
Metacritic über „Pioneer“
Rotten Tomatoes über „Pioneer“
Wikipedia über „Pioneer“
Neu im Kino/Filmkritik: Auf „Pride“ kann jeder Stolz sein
Oktober 31, 2014Großbritannien, 1984: Premierministerin Margaret Thatcher regiert mit harter Hand das Land. Die streikenden Berg- und Minenarbeiter, die gegen zahlreiche Zechenstilllegungen und Entlassungen von über 20.000 Arbeitern protestierten, werden von der Polizei zusammengeknüppelt und die konservativen Medien schlagen verbal auf die Arbeiter ein.
In London bemerkt der junge Aktivist Mark Ashton Parallelen zwischen der Situation der auf dem Land lebenden Arbeiter und seinem Leben als Homosexueller. Auch er kennt, wie alle Schwulen, die Anfeindungen der Konservativen und die Schläge der Polizei. Also entschließt er sich, ihnen zu helfen und er versucht, zunächst erfolglos, seine schwulen Freunde zu überzeugen, Geld für die Arbeiter zu sammeln. Mit einigen Freunden gründet er die LGSM (Lesbians and Gays Support the Miners). Sie sammeln, wenn sie nicht zusammengeschlagen werden, Geld, das die Gewerkschaft nicht annehmen will. Denn ihre Situation ist nicht und wird niemals schlecht genug sein, um sich von den Perversen aus der Großstadt helfen zu lassen.
Per Zufallsprinzip wählen Mark und seine Freunde, die das gesammelte Geld unbedingt spenden wollen, den kleinen Walisischen Ort Onllwyn aus, der irgendwo im Nirgendwo ist. Die dort lebenden Menschen können jeden Cent gut gebrauchen. Denn sie haben, wie die anderen Streikenden, kein Einkommen, erhalten keine Unterstützung von der Regierung, Strom und Gas wurden abgestellt und die Kinder von der Schulspeisung ausgeschlossen. Der Gemeindevorstand Dai, der den Namen am Telefon nicht richtig versteht, fährt nach London, um das Geld abzuholen. Es ist immerhin die größte Einzelspende, die sie bislang erhielten.
In London kann Dai seinen ersten Schock nur mühsam verbergen. Aber er ist dankbar für das Geld, durchaus offen und er hält es für selbstverständlich, die LGSM nach Onllwyn einzuladen, was für Probleme, neue Einsichten und, auf lange Sicht, zu überraschenden Bündnissen führt.
Denn bis dahin lebten die Arbeiter und die Schwulen in verschiedenen Welten, die nichts miteinander zu tun hatten, außer ihrer tiefen Abneigung gegen die rückständigen Arbeiter (aus Schwulensicht) und die perversen Schwulen, die man ungestraft beleidigen und schlagen durfte (aus Arbeitersicht).
Das unglaublichste an der Geschichte von „Pride“, die sich wie die Geschichte eines auf die Tränendrüse drückenden Feelgood-Movies liest, ist, dass er auf Tatsachen basiert und den historischen Ereignissen auch, abgesehen von kleinen Änderungen, genau folgt.
Die LGSM, die letztendlich elf Abteilungen in Großbritannien hatte, war eine der zahlreichen Unterstützergruppen für die Streikenden, die es damals gab. Sie warb am lautesten für die Solidarität mit den Streikenden und die Londoner Gruppe, die auch das erfolgreiche Benefiz-Konzert „Pits and Perverts“ mit Bronski Beat und anderen Band organisierte, sammelte für die Streikenden mehr Geld als jede andere Gruppierung. Über 20.000 Pfund sammelte sie, was damals ungefähr 80.000 Deutsche Mark waren. Den heutigen Euro-Wert könnt ihr selbst ausrechnen.
Drehbuchautor Stephen Beresford und Regisseur Matthew Warchus, beides vor allem Theatermänner, entfalten in ihrem Film ein großes Ensemble unterschiedlicher Charaktere, von denen jeder, auch dank der guten Schauspieler, schnell zu einem dreidimensionalem Charakter mit nachvollziehbaren Wünschen und Problemen wird. Sie erzählen, kurzweilig und pointiert, immer witzig, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und ohne Beschönigungen, viele kleine Episoden aus dem Kampf der Arbeiter und der LGSM, welche gegenseitigen Vorurteile sie überwinden mussten und wie sie zu Verbündeten und Freunden wurden. Dabei zerfasert „Pride“ nie und bricht auch nicht unter der Last seiner vielen Charaktere und Plots zusammen. Denn in jeder Sekunde geht es um das titelgebende Thema „Stolz“ beziehungsweise Selbstbewusstsein geht. Jede Handlung hat damit zu tun. Jeder Charakter muss für sich und in seinem Verhältnis zu den anderen klären, was für ein Mensch er sein will und wie stolz er auf sich und seine Fähigkeiten ist.
„Pride“ ist einer der schönsten Filme des Jahres. Erzählt in einem rauhen, unsentimentalem, aber auch humorvollem Tonfall, der das Herz wärmt und zeigt, wie Veränderungen geschehen können. So ist das Schlussbild, wenn die Bergarbeiter im gespendeten LGSM-Bus nach London kommen und bei dem Gay-Pride-Marsch mitdemonstrieren ein schönes Schlussbild. Der Schlusstext erwähnt dann noch weitere Veränderungen, die durch die LGSM angestoßen wurden.
Pride (Pride, Großbritannien 2014)
Regie: Matthew Warchus
Drehbuch: Stephen Beresford
mit Ben Schnetzer, George Mackay, Dominic West, Andrew Scott, Bill Nighy, Imelda Staunton, Paddy Considine, Jessica Gunning, Paye Marsay
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
–
Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Pride“
Moviepilot über „Pride“
Metacritic über „Pride“
Rotten Tomatoes über „Pride“
Wikipedia über „Pride“ (deutsch, englisch)
The Guardian über „Pride“ und die historischen Hintergründe (18. September 2014) (es wird ein „A -“ für die historische Genauigkeit vergeben)
The Guardian über „Pride“: Ausführliche Reportage und Interviews über die historischen Hintergründe des Films (31. August 2014)
Neu im Kino/Filmkritik: „Zwei Tage, eine Nacht“, eine Frage, ein Ziel
Oktober 31, 2014Es ist eine unschöne Entscheidung, die der Chef an seine Angestellten weiterleitete und, beeinflusst durch den sanften Druck des Vorarbeiters, entschieden die Angestellten einer kleinen Firma sich dafür, dass ihre Kollegin Sandra entlassen wird und sie eine Bonuszahlung erhalten. Sandra war die letzten Monate sowieso nicht da, weil sie eine Depression auskurierte.
Aber beeinflusst durch eine Arbeitskollegin und ihren Mann entschließt Sandra sich, nachdem der Chef am Freitag, nach Feierabend, sich einverstanden erklärt, am Montag noch einmal abstimmen zu lassen, an dem Wochenende um ihren Job zu kämpfen. Sie hat die titelgebenden „Zwei Tage, eine Nacht“, in der sie ihre Arbeitskollegen, die sie bislang fast alle nur von der Arbeit kannte, zu Hause besucht, Einblicke in deren Leben erhält und immer wieder sieht, wie dringend viele den Bonus brauchen. Aber sie braucht die Arbeit für sich und ihre Familie.
„Zwei Tage, eine Nacht“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne („Der Junge mit dem Fahrrad“, „Das Kind“) ist eine konsequent zugespitzte Versuchsanordnung, die glasklar eine Frage formuliert: Sandra oder Bonus?
Denn welcher Chef lässt nicht gerne seine Angestellten mitbestimmen, wenn er sich so um eine unbequeme Entscheidung drücken oder sich eines Problemes elegant entledigen kann? Dass in dem Moment die Angestellten mit einer Frage konfrontiert werden, die sie eigentlich nicht entscheiden sollten, die nach ihrer Menschlichkeit fragt und die Solidarität der Arbeiter untereinander auf die Probe stellt, ist dem Chef egal oder vielleicht sogar gewünscht. Denn solange die Arbeiter miteinander beschäftigt sind, solidarisieren sie sich nicht.
Und so ist „Zwei Tage, eine Nacht“ mit einer grandiosen Marion Cotillard als zerbrechliche Sandra eine präzise Bestandsaufnahme des Kapitalismus und wie er funktioniert. Der Film stellt Fragen, verurteilt nicht und regt zum Nachdenken an. Es ist auch ein spannendes Drama, weil Sandra die Mehrheit ihrer Kollegen überzeugen muss. Was ihr manchmal gelingt, manchmal nicht; während wir Einblicke in das Leben der Arbeiter und ihrer Nöte erhalten, die niemals gekünstelt wirken. Sowieso ist „Zwei Tage, eine Nacht“ wahrhaftiger als es eine Dokumentation jemals sein könnte.
Zwei Tage, eine Nacht (Deux Jours, Une Nuit, Belgien/Frankreich/Italien 2014)
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne, Simon Caudry, Catherine Salée, Baptiste Sornin, Alain Eloy
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zwei Tage, eine Nacht“
Moviepilot über „Zwei Tage, eine Nacht“
Metacritic über „Zwei Tage, eine Nacht“
Rotten Tomatoes über „Zwei Tage, eine Nacht“
Wikipedia über „Zwei Tage, eine Nacht“ (englisch, französisch)
TV-Tipp für den 31. Oktober: Inside Man
Oktober 31, 2014ZDFneo, 20.15
Inside Man (USA 2006, Regie: Spike Lee)
Drehbuch: Russell Gewirtz
Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.
„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
Ein feiner Thriller
mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer
Hinweise
Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)
Rotten Tomatoes über „Inside Man“
Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)
Meine Besprechung von Spike Lees „Oldboy“ (Oldboy, USA 2013)
Neu im Kino/Filmkritik: „5 Zimmer Küche Sarg“ oder das tödliche Leben in einer Vampir-WG
Oktober 30, 2014Natürlich könnte man „5 Zimmer Küche Sarg“ schauspielerische und technische Unzulänglichkeiten vorwerfen.
Ebenso natürlich könnten die Macher erwidern, dass das zum Konzept ihrer Pseudo-Dokumentation über Vampire gehört. Sie schildern das Leben einer Fünfer-Wohngemeinschaft von Vampiren in Wellington (Neuseeland), beginnend mit dem Aufstehen (zum Sonnenuntergang) und der WG-Sitzung, die auch bei Vampiren genauso ätzend wie bei Menschen ist. Denn das schmutzige Geschirr stapelt sich seit Ewigkeiten und es gibt Probleme beim Putzen. Danach erfahren wir mehr über die Bewohner der WG, die sich in die Kamera sprechend, leicht unbeholfen, vorstellen und von sich, ihrer Herkunft und ihren Hobbys erzählen. Wir begleiten sie bei ihren Ausflügen in die Stadt, beim Abendessen mit Menschen (deren Überlebensaussichten denkbar gering sind) und dem großen Ereignis der Vampir-Community, dem alljährlichen Maskenball. Wir erfahren auch, dass die Vampire Ärger mit den Werwölfen haben.
Die Regisseure Jemaine Clement und Taika Waititi inszenieren diesen Einblick in das Vampir-WG-Leben wie eine dieser menschelnden, aber auch gähnend langweiligen Privat-TV-Dokumentationen. Aufgrund des Sujets ist „5 Zimmer Küche Sarg“ dann doch ziemlich witzig geraten. Einfach weil vieles genau beobachtet und vollkommen absurd ist.
Dabei wird die satirische Qualität von „Mann beißt Hund“ nie erreicht. In der medien- und gesellschaftkritischen Pseudo-Dokumentation begleitet ein dreiköpfiges Reporterteam einen Auftragskiller und hilft ihm auch bei der Arbeit. Die Reporter in „5 Zimmer Küche Sarg“ greifen dagegen niemals in das Geschehen ein.
Für Horror- und Vampirfilmfans ist „5 Zimmer Küche Sarg“ (nicht „5 Zimmer, Küche, Sarg“) ein kurzweiliges Halloween-Vergnügen, das allerdings nie über einen eher groben Spaß für die Horrorfilmfangemeinde hinausgeht.
5 Zimmer Küche Sarg (What we do in the Shadows, Neuseeland 2014)
Regie: Taika Waititi, Jemaine Clement
Drehbuch: Taika Waititi, Jemaine Clement, Emanuel Michael
mit Taika Waititi, Jemaine Clement, Jonathan Brugh, Ben Fransham, Cori Gonzales-Macuer, Stu Rutherford, Jackie van Beek, Rhys Darby
Länge: 82 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „5 Zimmer Küche Sarg“
Moviepilot über „5 Zimmer Küche Sarg“
Rotten Tomatoes über „5 Zimmer Küche Sarg“
Wikipedia über „5 Zimmer Küche Sarg“
TV-Tipp für den 30. Oktober: Erbarmungslos
Oktober 30, 2014Als Vorbereitung für „The Unforgiven“ (mit Ken Watanabe; Kinostart 4. Dezember 2014) sehen wir uns heute noch einmal „Erbarmungslos“ an, weil schon ein Blick auf den Trailer zeigt, wohin die Reise bei diesem Remake geht.
Also: zuerst „The Unforgiven“ (so der derzeitige deutsche Titel für „Yurusarezaru Mono“)
Und jetzt „Erbarmungslos“
Kabel 1, 20.15
Erbarmungslos (USA 1992, R.: Clint Eastwood)
Drehbuch: David Webb Peoples
Wyoming, 1880: Als der ehemalige Revolverheld William Munny erfährt, dass die Huren von Big Whiskey ein Kopfgeld von 1000 Dollar auf zwei Cowboys aussetzten, die eine von ihnen verstümmelte, schnallt er wieder seinen Colt um. Denn er braucht das Geld für sich und seine beiden Kinder; – auch wenn er es mit zwei Gefährten teilen muss.
„‘Erbarmungslos’ ist offensichtlich ein feinfühlig gemachter und ausbalancierter Film, und, wenn man seine Einsichten in die menschliche Natur bedenkt, so düster, wie ein Genrefilm überhaupt nur sein kann. Aber er präsentiert sich nicht finster, was er teilweise seinen Autoren verdankt. (…) Abgesehen von ‘revisionistisch’ , war das von den Kritikern am häufigsten verwendete Wort ‘Meisterstück’.“ (Richard Schickel: Clint Eastwood – Eine Biographie)
„ein vorzüglicher Spätwestern, der wie seit Peckinpahs ‘The Wild Bunch’ nicht mehr verstört.“ (Fischer Film Almanach 1993)
„Erbarmungslos“ erhielt vier Oscars, unter anderem als bester Film. Clint Eastwood erhielt für seine Regie und sein Spiel zahlreiche Preise und Nominierungen.
Das Drehbuch war für den Edgar, Oscar, Golden Globe und WGA Award nominiert und erhielt von den Western Writers of America den Spur Award als bestes Western-Drehbuch.
Außerdem erhielt „Erbarmungslos“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards.
Bei Rotten Tomatoes liegt der Frischegrad für diesen Western bei 96 Prozent.
Auf einer 2008 veröffentlichten Liste der zehn besten Western setzte das American Film Institute „Erbarmunglos“ auf den vierten Platz.
mit Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Francis Fisher, Jeremy Ratchford
Wiederholung: Freitag, 31. Oktober, 01.30 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Erbarmungslos“
Wikipedia über „Erbarmungslos“ (deutsch, englisch)
Drehbuch „Unforgiven“ von David Webb Peoples (Production Draft Sript, 23. April 1984)
epd Film: Rudolf Worschech über Clint Eastwood (2010)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)
Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Jersey Boys“ (Jersey Boys, USA 2014)
Clint Eastwood in der Kriminalakte
Der Brenner nennt sich jetzt „Brennerova“
Oktober 29, 2014Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber der neue Brenner-Roman „Brennerova“ von Wolf Haas beginnt nicht, wie schon „Der Brenner und der liebe Gott“, mit den klassischen Brenner-Worten, sondern so: „Früher hat man gesagt, die Russinnen.“
Und das ist nicht das einzig neue. Denn während Simon Brenner, Jahrgang 1950, früher als Privatdetektiv ermittelte, hat der Gerade-noch-Frührentner sich inzwischen vollständig aus dem Berufsleben zurückgezogen. Er lebt bei Herta. Als die zwangspensionierte Lehrerin ihn für einige Tage allein lässt, probiert Brenner gelangweilt eine Online-Kontaktseite aus. Er nennt sich Brennerova und erhält auf seine wenigen persönlichen Angaben auch eine Antwort von einer atemberaubend aussehenden Russin, die sich gerne mit ihm Treffen würde, aber letztendlich kein Geld hat. Brenner, immer noch der abgebrühte Polizist der alten Schule, ist davon nicht überrascht.
Als er sie dann in Nischni Nowgorod an der Wolga besucht (Frag nicht! Der Brenner hat halt eine weiche Seele und die Herta ist auch unterwegs.), ist die Frau, die ihn empfängt, auch nicht die Frau auf dem Bild. Das war Nadeshdas etwas schönere Schwester Serafima. Sie wurde von einem Fotograf überredet, mit ihm in den Westen zu gehen und dort eine Karriere als Model zu beginnen. Seitdem ist sie spurlos verschwunden. Brenner verspricht Nadeshda halbherzig, sich nach Serafima umzuhören. Denn eine Frau in irgendeinem Bordell irgendwo in Europa zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Zurück in Österreich erlebt er sein blaues Wunder. Denn Nadeshda steht plötzlich vor seiner Tür. Herta nimmt sie auf und fordert Brenner auf, Serafima ernsthaft zu suchen. Sowieso verstehen die beiden Frauen sich prächtig, während Brenner im Wiener Halbweltmilieu abtaucht.
„Brennerova“, der achte Brenner-Roman, markiert die endgültige Abkehr vom Kriminalroman. Natürlich ging Wolf Haas schon immer an die Genregrenzen. Brenners Ermittlungen gestalteten sich schon früher chaotisch und Haas‘ ganz eigene Sprache entzückte oder ließ einen entnervt nach der ersten Seite aufhören. Diese Sprache ist immer noch da. Auch der Ich-Erzähler, der die Brenner-Geschichte kommentierend erzählt und sie mit Betrachtungen über Gott und die Welt und Österreich anreichert. Aber während er sich früher (so mein damaliges Lesegefühl) zurückhielt, drängt er sich jetzt immer mehr in den Vordergrund, bis der Brenner zu einem Statisten in seiner Geschichte wird.
Wobei „Brennerova“ eigentlich keine Geschichte erzählt. Denn Brenners Suche nach Serafima im Milieu versandet ziemlich schnell und wird durch eine Entdeckung auf Seite135 beendet. Schon während seiner Suche nach Serafima arrangiert Herta eine Hochzeit zwischen Nadeshda und Brenner, damit die schöne Russin, die sie in ihr Herz geschlossen hat, in Österreich bleiben kann. Aber die Ausländerbehörde ist misstrauisch.
Die restlichen hundert Seiten, nachdem der Aufenthalt von Serafima geklärt ist, füllt Haas dann vor allem mit einer Reise von Herta in die Mongolei, wo sie prompt entführt wird, als Ex-Lehrerin schnell zur Sprecherin der Entführten und Geliebten des Anführers der Entführer aufsteigt. Sie verlangt auch, dass Brenner das Lösegeld übergibt.
Für Brenner-Fans ist „Brennerova“ natürlich ein willkommenes Wiedersehen mit dem Privatermittler, das sich vergnüglich lesen lässt, aber auch wie die beliebige Chronik aus einigen Monaten im Leben Brenners wirkt. Einen Kriminalfall gibt es nicht. Brenner stochert nur lustlos herum, lässt sich von den Frauen herumschubsen, sitzt am Krankenbett und überlässt Herta die Bühne. Dazu passt auch das offene Ende.
–
Wolf Haas: Brennerova
Hoffmann und Campe, 2014
240 Seiten
20 Euro
–
Jetzt besucht der Brenner auch noch Berlin
Am Mittwoch, den 5. November, liest Wolf Haas im Fritzclub aus Brennerova und plaudert mit dem Publikum.
–
Hinweise
Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas
Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)
Veröffentlicht von AxelB 










