Prinzessin Diana besucht zu Weihnachten 1991, als ihre Ehe mit Charles bereits kriselt, den königlichen Landsitz in Norfolk, trifft die gesamte Königsfamilie und leidet unter dem routiniert gnadenlos durchgezogenem Protokoll.
TV-Premiere zu einer induskutablen Uhrzeit. Gandioses und grandios durchgeknalltes Biopic, das sich wenig für Fakten und noch weniger für Edelkitsch-Seligkeit interessiert, sondern das Leben am Hof als Horrorfilm, Unterabteilung Psychohorror, zeigt.
mit Kristen Stewart, Timothy Spall, Sally Hawkins, Kack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Jack Nielen, Freddie Spry, Jack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Richard Sammel, Elizabeth Berrington, Lore Stefanek, Amy Manson
Ein Comic und ein jetzt im Kino gestarteter Dokumentarfilm setzen quasi die Geschichte von Matteo Garrones seit Anfang April im Kino laufendem Spielfilm „Ich Capitano“ fort. Garrone erzählt, basierend auf Berichten von Flüchtlingen, die Geschichte von zwei Jungen, die sich aus Afrika auf den Weg nach Europa machen. Der Film endet in dem Moment, als sie in einem Schrottschiff gerade so die italienische Küste erreichen.
Andere Flüchtlinge haben weniger Glück. Sie ertrinken im Mittelmeer. Einige werden von Seenotrettern vor dem Ertrinken gerettet.
In seinem Dokumentarfilm „Einhundertvier“ zeigt Jonathan Schörnig die am 26. August 2019 erfolgte Rettung von 104 aus Afrika kommenden Flüchtlingen in Echtzeit. Am oberen Rand des Bildes steht die Uhrzeit. Darunter sind sechs Kacheln, die in zwei Reihen à drei Kacheln angeordnet sind. In ihnen werden Bilder von bis zu sechs, weitgehend fest montierten Kameras auf der Brücke der „Eleonore“ und dem Schnellboot der „Eleonore“ gezeigt. Sie geben ein umfassendes Bild von der Rettungsaktion aus der Sicht der Retter. Die Rettung ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn das Schlauchboot, auf dem Flüchtlinge sind, sinkt. Am Ende der Rettungsaktion nähert sich ein Schiff der libyschen Küstenwache bedrohlich der „Eleonore“, ihrem Schnellboot und dem Schlauchboot.
Diese insgesamt fast neunzig Minuten dauernde erfolgreiche Rettungsaktion verfolgt man, auch wenn das Ende bekannt ist, gespannt. Dabei zieht sich vieles endlos. So muss das Schnellboot immer wieder die Distanz zwischen der „Eleonore“ und dem Schlauchboot überwinden. Die Abläufe wiederholen sich. Immer wieder steigen die Flüchtlinge von einem Boot in ein anderes Boot in ein anderes Boot. Und es werden die immergleichen Anweisungen gegeben. Spätestens bei der dritten Fahrt, auf der einige der Männer aus dem Schlauchboot in dem Schnellboot mitgenommen werden, kann man die Anweisungen mitsagen.
Diese Dokumentation einer Rettung, die man in dieser Ausführlichkeit und Detailgenauigkeit noch nicht gesehen hat, ist nur ein kleiner Mosaikstein in der Diskussion über das Für und Wider der im Mittelmeer von Freiwilligen durchgeführten Seenotrettung, über das EU-Grenzregime und die Fluchtursachen.
Auch über die neunköpfige Crew der „Eleonore“ und die Flüchtlinge erfährt man nichts. Sie bleiben eine anonyme Masse. Denn Schörnig blendet den gesamten Kontext, in dem die Rettungsaktion stattfindet und notwenig ist, aus. Daran ändert auch der Epilog des Films nichts, der in wenigen Minuten zeigt, wie lange die Geretteten auf dem kleinen Schiff ausharren mussten, bis die „Eleonore“ nach mehreren Tagen endlich in Italien in einen Hafen fahren durften.
–
Was nach ihrer Ankunft in Europa mit jugendlichen Flüchtlinge geschieht und wie sie sich fühlen, kann man in dem Comic „Allein in der Fremde“ nachlesen. Fabian Menor, Yrgane Ramon und JP Kalonji erzählen, jeder in einem eigenen Comic, der sich stilistisch von den anderen Comics unterscheidet, jeweils die Geschichte eines unbegleiteten jugendlichen Flüchtlings, der in der Schweiz in einer Asylunterkunft auf eine Entscheidung über sein weiteres Leben wartet. Bis dahin verbringen sie ihre Zeit in Wohnheimen oder auf der Straße. An beiden Orten sind sie den Schikanen des Sicherheitspersonals ausgesetzt.
Den auf wahren Geschichten beruhenden Comics gelingt es, die Perspektive zu wechseln. Aus Probleme verursachenden Asylbewerbern werden Jugendliche, die schlimmes erlebt haben und die Hilfe brauchen. Die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland sind dabei vernachlässigbar.
–
Einhundertvier (Deutschland 2023)
Regie: Jonathan Schörnig
Drehbuch (Konzept): Adrian Then, Jonathan Schörnig
Columbo: Mord à la Carte (Murder under Glass, USA 1978)
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Robert Van Scoyk
Gourmet-Kritiker Paul Gerard (Louis Jordan) bringt einen Restaurantbesitzer um. Er hat mit allem gerechnet. Nur nicht mit diesem Ermittler, der am Ende des Gesprächs noch eine Frage hat.
Die Folge erhielt 1979 den Edgar in der Kategorie „Best Episode in a TV Series“
Davor und danach zeigt Sat.1 Gold weitere Columbo-Krimis: um 18.55 Uhr „Alter schützt vor Morden nicht“ (1977), um 21.45 Uhr „Mord in eigener Regie“ (1978), um 23.35 Uhr wieder „Alter schützt vor Morden nicht“ und um 00.55 Uhr wieder „Mord à la Carte“
mit Peter Falk, Louis Jourdan, Shera Danese, Richard Dysart
Als „Typhoon Club“ 1985 seine Premiere beim Tokyo International Film Festival hatte, wurde er mit dem Hauptpreis, dem Tokyo Grand Prix, ausgezeichnet. Nach einer Umfrage von „Kinema Junpo“, Japans ältestem Filmmagazin, ist „Typhoon Club“ der zehntbeste japanische Film aller Zeiten. „Drive my Car“-Regisseur Ryusuke Hamaguchi wählte diesen Film 2023 für die Berlinale-Retrospektive „Coming of Age“ aus.
Und trotzdem sind Regisseur Shinji Somai und sein Film „Typhoon Club“ in Deutschland fast unbekannt. Der eine Grund könnte sein, dass Somai 2001 im Alter von 53 Jahren starb. Ein anderer, dass seine 13 vollendeten Filme, abseits von einigen wenigen Festivalvorführungen, nicht in unseren Kinos liefen. „Typhoon Club“ erlebte seine deutsche Premiere im Mai 1987 in der ARD als „Taifun Club“. Dabei sind die präzise kombinierten Bilder und die langsame Erzählweise des Films für das Kino gemacht.
Dorthin bringt Rapid Eye Movies den Film jetzt in seiner ersten regulären Kinoauswertung.
Somai erzählt fünf Tage aus dem Leben einiger pubertierender Jugendlicher, die die Oberstufe besuchen und für Prüfungen lernen müssen, und eines jungen Lehrers. Sie leben in Japan in der Provinz. Regelmäßige Abläufe, wie der tägliche Gang zur Schule, und das schwüle Sommerwetter bestimmen ihre Tage.
Am vierten Tag entlädt sich ein Taifun über dem Ort. Durch eine nicht weiter erwähnswerte Verkettung von Umständen bleiben einige Schüler, während der Taifun draußen tobt, in der Schule. Sie nutzen die Zeit für Körpererkundungen und zum Feiern und Tanzen.
Regisseur Somai zeigt das in meist starren und langen, ungeschnittenen Szenen. Oft nimmt er seine Schauspieler, wie Yasujirō Ozu, von leicht unten auf. Es gibt einige wenige, sehr durchdachte Kamerafahrten, die auch nur selten durch einen Schnitt unterbrochen werden. Das macht die enthemmten Tanzszenen, bevorzugt zu Reggae, mitreisend. Die Verfolgung und Vergewaltigung einer Schülerin durch einen Klassenkameraden verstörend. Noch verstörender ist, dass die Vergewaltigung danach nicht wieder angesprochen wird. Die Kamera beobachtet, wie die überwiegend jungen Schauspieler ihre Figuren mit Leben erfüllen. Die Interpretationen überlässt er dem Zuschauer.
Viel Story entwickelt sich aus diesem Ansatz nicht, aber viel Atmosphäre und ein neugierig-vorurteilsfreier Blick auf die für eine Nacht ohne Erwachsene eingesperrten Schüler.
Rapid Eye Movies bringt „Typhoon Club“ in der fantastisch aussehenden restaurierten 4K-Fassung in der Originalfassung mit deutschen Untertitel in die Kinos.
Drehbuch: George Miller, Brendan McCarthy, Nico Lathouris
Mad Max (Tom Hardy) flüchtet mit Imperator Furiosa (Charlize Theron) und einigen Frauen vor Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) durch die Wüste.
Action satt in einer zweistündigen Leistungsschau der Stuntmänner, der Kameraleute und der CGI-Leute. Im Gegensatz zu den meisten Kritikern war ich nicht so wahnsinnig begeistert von diesem vierten „Mad Max“-Film.
Es heißt, „Furiosa: A Mad Max Saga“ erzähle die Vorgeschichte zu dem vorherigen „Mad Max“-Film „Fury Road“ und der damals von Charlize Theron gespielten einarmigen Kriegerin Imperator Furiosa. In „Furiosa“ wird sie von Anya Taylor-Joy gespielt und das ist schon auf den ersten Blick verständlich. Denn dieses Mal steht eine deutlich jüngere Furiosa im Mittelpunkt des Films, der kein Biopic ist und die Vorgeschichte, verstanden als eine zusammenhängende Abfolge von Ereignisse, bestenfalls höchst kryptisch erzählt. „Furiosa“ ist, mit einem Zeitsprung von fünfzehn Jahren gegen Ende des Films, eine Zusammenstellung mehrerer kurzer Geschichten, von denen nur einige für ihre Entwicklung vom Kind zur Kriegerin mehr oder weniger wichtig sind.
Regisseur und „Mad Max“-Erfinder George Miller unterteilt seinen neuesten Film in fünf Kapitel, die ohne große Mühen als fünf ungefähr gleich lange Kurzfilme gesehen werden können. Nur die letzten beiden Kapitel sind etwas stärker miteinander verknüpft. Das Ergebnis ist eine zweieinhalbstündige Kompilation, in der eine Kämpferin, über die wir ziemlich wenig erfahren, im Mittelpunkt steht.
Die besseren Teile des Films konzentrieren sich auf die ohne lange Erklärungen verständliche Action. Ein Laster mit einer wertvollen Fracht wird angegriffen. Eine Ölraffinerie wird angegriffen. Furiosa greift ihre Peiniger an, flüchtet, tötet sie. Die Welt, in der diese Geschichten spielen, ist aus den vorherigen „Mad Max“-Filmen bekannt: es ist eine Wüstenlandschaft, in der sich Stämme und Clans bekämpfen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Essen ist knapp. Noch knapper ist Benzin. Das wird trotzdem von den von ihren kostümierten Fahrern in Handarbeit umgestalteten Autos und Motorrädern in rauen Mengen verplempert.
Einige wichtige Handlungsorte, Figuren und Fahrzeuge sind bereits aus „Fury Road“ bekannt. Das war in den ersten drei „Mad Max“-Filmen mit Mel Gibson in der Titelrolle nicht so. Sie kümmern sich nicht weiter um so etwas wie Kontinuität. Da steht jeder Film für sich.
Der erste „Mad Max“-Film, der einfach „Mad Max“ heißt, spielt in einer dystopischen Zukunft, die sich kaum von der damaligen Realität unterscheidet. Erst in dem zweiten „Mad Max“-Film „Mad Max 2 – Der Vollstrecker“ entwirft George Miller eine postapokalyptische Welt, in der die Gesellschaft, wie wir sie kennen, zerstört ist Benzin ist Mangelware. Das einzige Gesetz, das akzeptiert wird, ist das Recht des Stärkeren. Ein darüber hinausgehendes World Building fand nicht statt. Für die Action, die geboten wurde, war es auch nicht nötig. et
In „Furiosa“ ist das etwas anders und gerade dieses World Building ist der Schwachpunkt des Films. Denn je mehr Miller versucht, die von ihm entworfene Welt zu erklären, umso unsinniger wird sie. Die wenigen Modernisierungen, die Miller am Filmanfang vornimmt, sind, weil es dann kein „Mad Max“-Film wäre, schnell vergessen. In diesen Minuten zeigt er Furiosa als Kind in ihrer Welt. Der Grüne Ort der vielen Mütter ist eine grüne Oase unbekannter Größe mit Windrädern und Solaranlagen. Die Menschen scheinen dort, jedenfalls soweit diese Welt gezeigt wird, friedlich zusammen zu leben. Als eine brutale Bikerbande aus dem Wasteland (aka Ödland aka Wüste) diese Welt betritt, entdecken sie Furiosa, entführen sie und der restliche Film spielt in der in den achtziger Jahren etablierten „Mad Max“-Welt, die für diesen Film recycelt wird. Die damalige Technik und die Ängste der siebziger und frühen achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestimmen das Bild. Computer gibt es noch nicht. Die Ölkrise, der Kalte Krieg, die Angst vor einem Atomkrieg und die katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise und eine No-Future-Haltung bestimmten das Denken. Da war Mad Max der Mann der Stunde. Heute ist das alles ziemich anachronistisch.
Aber die Action in der Wüste ist schon ziemlich spektakulär und immer dann gut, wenn nichts erklärt wird. Das passiert ziemlich oft. Dass die rudimentären Plots bekannt sind, stört nicht weiter. Es geht, wie in einem Western vor allem um die Variation bekannter Versatzstücke. Nur dass dieses Mal eine Frau die Protagonistin ist. Sie kämpft gegen den Bösewicht Dementus (Chris Hemsworth), dessen Männer sie aus dem Paradies ihrer Kindheit entführten. Sie fährt mit „Mad Max“-Ersatz Praetorian Jack (Tom Burke) einen LKW durch die Wüste und kämpft gegen die Männer, die sie auf abenteuerlich umgebauten Motorrädern und anderen Fahrzeugen angreifen und dabei höchst fotogen sterben. Sie kämpfen in einer Ölraffinerie gegen eine Überzahl Angreifer und demolieren sie mit vereinten Kräften.
Und Max Rockatansky, besser bekannt als Mad Max, ist auch dabei. Gespielt wird er dieses Mal nicht von Mel Gibson oder Tom Hardy, sondern von Jacob Tomuri.
Furiosa: A Mad Max Saga(Furiosa: A Mad Max Saga, Australien/USA 2024)
Regie: George Miller
Drehbuch: George Miller, Nico Lathouris
mit Anya Taylor-Joy, Chris Hemsworth, Tom Burke, Alyla Browne, Lachy Hulme, Nathan Jones, Charlee Fraser, Elsa Pataky, Jacob Tomuri
Hänsel und Gretel: Hexenjäger(Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/Deutschland 2012)
Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Tommy Wirkola
Hänsel und Gretel, inzwischen erwachsen, jagen Hexen und blutiger Schmodder fliegt durch den Raum.
Der herrlich abgedrehte Film ist ungefähr so tiefsinnig wie ein Kinderkarneval und macht, wenn man sich darauf einlässt, auch genausoviel Spaß. Außerdem gibt es mindestens eine wichtige Lebensweisheit: „Don’t eat the fucking Candy.“
Die Studentinnen Alex und Marie wollen sich auf dem Land bei Alex‘ Eltern auf eine Prüfung vorbereiten. Schon am ersten Abend massakriert ein Sadist Alex‘ Familie und entführt sie. Marie will sie retten.
TV-Premiere. „Spannender, visuell höchst drastischer Psychothriller mit Horrorelementen“ (Lexikon des internationalen Films), der in Deutschland keine Jugendfreigabe erhielt, in verschiedenen Fassungen erschien und bis März 2023 auf der Liste der jugendgefährdenden Medien stand. Danach erschien er ungeschnitten auf DVD – und könnte jetzt auch ungeschnitten im Fernsehen laufen.
Für den Franzosen Alexandre Aja war der ultrabrutale Horrorfilm, sein zweiter Spielfilm, der Durchbruch. In Hollywood drehte er die Horrorfilme „The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen“, „Mirrors“, „Piranha 3D“, „Horns“ (nach dem Roman von Joe Hill) und „Crawl“.
mit Cécile de France, Maïwenn, Philippe Nahon, Franck Khalfoun, Andrei Finti, Oana Pellea
Wiederholung: Samstag, 25. Mai, 01.40 Uhr (Taggenau!)
TV-Premiere. Spielfilmlanger Dokumentarfilm über Pädokriminelle und die Jagd nach ihnen. Für diese Doku recherchierte Laetitia Ohnona vier Jahre lang in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Nordamerika und den Philippinen bei den zuständigen Behörden, der Europäischen Kommission und Kinderschutzorganisationen.
Ein verborgenes Leben (A hidden life, Deutschland/USA 2019)
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
TV-Premiere. Malicks meditatives Biopic über Franz Jägerstätter, einen in Oberösterreich lebenden tiefgläubigen Bauern, der 1939 den Treueeid auf Adolf Hitler und irgendeine Teilnahme am Krieg verweigert, ist sein bester und zugänglichster Film seit „Der schmale Grat“ (The thin red Line).
mit August Diehl, Valerie Pachner, Maria Simon, Karin Neuhäuser, Tobias Moretti, Ulrich Matthes, Matthias Schoenaerts, Franz Rogowski, Karl Markovics, Bruno Ganz, Michael Nyqvist, Martin Wuttke, Sophie Rois, Alexander Fehling, Joel Basman, Jürgen Prochnow
Francesca Archibugi verfilmte, prominent besetzt mit Pierfrancesco Favino als Marco Carrera und Bérénice Bejo, Laura Morante und Nanni Moretti in wichtigen Nebenrollen, Sandro Veronesis mit dem Premio Strega ausgezeichneten Roman „Der Kolibri“.
Sie erzählt Carreras Leben, wie Veronesi in seinem Roman, nicht chronologisch, sondern assoziativ zwischen den Zeiten springend. Dabei vermeidet sie alles, was einem eine Orientierung geben könnte. Das ist anfangs, wenn mit einem Kameraschwenk Jahrzehnte überbrückt werden, faszinierend. Später frustrierend. Es gibt keine Geschichte, keine Biographie, sondern nur nicht datierte Schnappschüsse aus dem Leben eines 1959 geborenen, zum Großbürgertum gehörenden Italieners, der eine glückliche Jugend erlebt, sich, und das markiert ungefähr den Anfang der nicht chronologisch erzählten Filmgeschichte, als Teenager verliebt, als Erwachsener eine andere Frau heiratet, von seiner Frau betrogen wird, seine Tochter bei einem Unfall verliert, erfolgreich als Augenarzt praktiziert, Abende mit Kartenspielen in mondänen Villen verbringt und als alter Mann im Kreis seiner großen, ihn liebenden Familie und seiner Freunde stirbt.
Carreras Leben wird erzählt als eine ab den frühen siebziger Jahren bis in die nahe Zukunft (Carrera stirbt in der Zukunft) erstreckende Abfolge von mehr oder weniger rätselhaften, nichtssagenden und gleichermaßen bedeutsamen Episoden ohne Anfang und Ende, ohne eine erkennbare Dramaturgie und mit vielen mehr oder weniger großen Auslassungen. Für den Zuschauer ergibt sich höchstens aus der Zahl der grauen Haare auf Carreras Kopf so etwas wie eine rudimentäre, mühsam zusammengepuzzelte Chronologie. Nichts wird konsequent zu Ende erzählt. Alles hängt offen für Interpretationen in der Luft. Am Ende ist nichts wichtig. Carreras Schicksalschläge berühren nicht. Auch weil höchstens erahnbar ist, wie sie Carrera berühren. So wird der Unfalltod seiner Tochter mehrmals als wichtiges Ereignis in Carreras Leben angedeutet, aber schon während ihres Todes gerät sie in Vergessenheit. Er sieht nicht ihre Leiche, es gibt keine Beerdigung, keine Gespräche mit Verwandten und Freunden über ihren Tod und auch keine Trauer. Sie verschwindet einfach, ohne eine Spur zu hinterlassen, aus dem Film. Oder er befreundet sich mit dem Mann, der ihm am Filmanfang von der Untreue seiner Frau erzählt. Wie und warum sie danach zu Freunden werden, bleibt der Fantasie das Zuschauers überlassen. Undsoweiterundsofort.
„Der Kolibri“ reiht nur zufällige Ereignisse in einer zufälligen Reihenfolge aneinander und überlässt es dem Zuschauer, darin den Sinn eines Lebens zu entdecken.
Da kann auch der gewohnt überzeugende Pierfrancesco Favino nichts retten.
Der Kolibri(Il colibrì, Italien/Frankreich 2022)
Regie: Francesca Archibugi
Drehbuch: Francesca Archibugi, Laura Paolucci, Francesco Piccolo
LV: Sandro Veronesi: Il colibrì, 2019 (Der Kolibri)
mit Pierfrancesco Favino, Nanni Moretti, Kasia Smutniak, Bérénice Bejo, Laura Morante, Sergio Albelli, Alessandro Tedeschi
Am 18. Mai 2024 verlieh das Syndikat, der Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur, in Hannover auf der Criminale die diesjährigen Glauser-Preise (benannt nach Friedrich Glauser). Gewonnen haben:
Nach dem zweiten Weltkrieg kehrt Frank Athearn nach Montana zurück. Er will dort eine Farm betreiben, gerät in einen Konflikt mit einem Viehbaron, der das Land aufkaufen will, verbündet sich mit einer Rancherin, die ebenfalls um ihr Land kämpft, und eine Ölfirma will Öl fördern.
Schöner, melancholischer Spätwestern, der damals nicht gut aufgenommen wurde. Denn: „Sie erwarteten von Pakula neue Impulse für das Western-Genre. Doch viele der Überzeugungen, die die Figur von Jane Fonda auszeichnen und die Jane Fonda selbst damals vertrat, gehören zur Grundausstattung des Westerns: die Schlechtigkeit der Großgrundbesitzer, die Liebe zur Natur und die Nähe der Ölmanager zum Gaunertum. In einem Film der fest in der Jetztzeit angesiedelt ist, wären diese Motive revolutionär, aber im Western klingen sie abgedroschen.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Das Drehbuch erhielt 1979 den Spur Award der Western Writers of America.
Beginn eines fondastischen Abends. Danach, um 22.10 Uhr, zeigt Arte die Doku „Jane Fonda – Eine Rebellin in Hollywood“ und um 23.05 Uhr den SF-Klassiker „Barbarella“.
mit James Caan, Jane Fonda, Jason Robards, George Grizzard, Richard Farnsworth, Jim Davis, Mark Harmon, James Keach
LV: Michael Crichton: Jurassic Park, 1990 (DinoPark, Jurassic Park)
Milliardär John Hammond will einigen Wissenschaftlern vor der großen Eröffnung seinen neuen Vergnügungspark präsentieren. Auf einer Tropeninsel hat er ein Disneyworld mit echten Dinosauriern erschaffen. Dummerweise geht bei der Präsentation etwas schief und die Dinos beginnen die Menschen über die Insel zu jagen.
Unglaublich erfolgreiche Bestsellerverfilmung mit mehreren direkten Fortsetzungen. Sensationell waren damals die am Computer entstandenen Dinosaurier; wobei Spielberg sich auch auf bewährtes Trickhandwerk verließ.
Um 22.10 Uhr zeigt ZDFneo „Vergessene Welt: Jurassic Park“ (USA 1997) und um 00.05 Uhr „Jurassic Park 3“ (USA 2001).
mit Sam Neill, Laura Dern, Jeff Goldblum, Richard Attenborough, Bob Peck, Martin Ferrero, B. D. Wong, Samuel L. Jackson
Die zwölfjährige Bea muss in New York einige Tage bei ihrer Oma, die sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, verbringen. Ihr Vater, ein immer gut gelaunter Spaßmacher, der sich seine kindliche Seite bewahrt hat, liegt dort im Krankenhaus. Der alleinerziehende Witwer wartet auf eine Operation, über die wir nichts genaues erfahren, weil seine Krankheit nicht im Zentrum der Filmgeschichte steht.
Bea wird in ihrem Kinderzimmer einquartiert. Zufällig entdeckt sie, dass in dem Apartment über ihrem Zimmer einige ungewöhnliche und seltsam aussehenden Wesen leben, die nur sie sehen kann. Diese Wesen, wie eine Schmetterlingsdame mit riesigen Augen, verschiedene Teddybären und ein riesiges, unförmiges Plüschwesen, waren früher „Imaginäre Freunde“ von Kindern. Als die Kinder älter wurden, haben sie ihre imaginären Freunde vergessen. Einige IFs leben zusammen mit Cal. Viele weitere IFs leben in einem Altersheim für IFs, das sie lieber gestern als heute verlassen würden. Für diese IFs sucht Cal Kinder, die sie als IFs akzeptieren. Das ist leichter gedacht als verwirklicht. Eine Freundschaft kann nämlich nur entstehen, wenn das Kind ein IF erkennt. Und Kinder können da sehr wählerisch sein.
Bea, die in New York keine Freunde hat, will Cal und den IFs helfen. Als die Suche nach neuen Freunden für die IFs erfolglos verläuft, schlägt sie vor, anstatt neue Freunde zu suchen, einfach wieder die alten Freunde zu besuchen und sie zu fragen, ob sie ihre Freundschaft zu ihrem imaginärem Freund erneuern wollen. Auch das ist leichter gesagt als getan.
Das Konzept eines Imaginären Freundes ist ohne große Erklärungen verständlich und ein Imaginärer Freund kann einem Kind bei seiner Entwicklung helfen. Es scheint sich dabei um eine Idee zu handeln, die in den USA verbreiteter als in Deutschland ist. Jedenfalls zuckten die Eltern, mit denen ich mich in den vergangenen Tagen und Wochen darüber unterhielt, hilflos mit den Schultern. Sie oder ihre Kinder hatten fast alle keine imaginären Freunde. Ob solche imaginären Freunde jetzt etwas gutes oder etwas schlechtes sind, mögen andere beurteilen.
Im Film „IF: Imaginäre Freunde“ sind sie jedenfalls gute, nette, wohlwollende, manchmal tapsige Gesellen und eine Verbindung zur Fantasie der Kindheit. Geschrieben und inszeniert wurde der Film von John Krasinski, der zuletzt Horror- und Science-Fiction-Fans mit seinen beiden „A Quiet Place“-Filmen begeisterte. Jetzt drehte er einen Film, der wohl eine Fantasy-Komödie für Kinder mit Disney-Touch sein soll und bei dem die Schauspieler mit animierten Figuren interagieren. Früher, beispielsweise in „Elliot, das Schmunzelmonster“ oder in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, agierten Schauspieler mit Zeichentrickfiguren. Heute agieren sie mit CGI-Figuren, die in diesem Fall auf den ersten Blick als Trickfiguren erkennbar sind. Das ist durchaus gut gemacht.
Aber ein Film besteht nicht nur aus bunten Bildern. Und schon sind wir bei den Problemen von „IF: Imaginäre Freunde“. Für eine Komödie gibt es zu wenig zu lachen. Auch schmunzeln fällt schwer. Es herrscht immer ein forcierter Humor. Er missachtet die Regeln die er aufstellt, nach Belieben. So sollen nur Bea, Cal und der Freund des IFs einen IF sehen können. So sind IFs imaginäre Wesen. Trotzdem gibt es immer wieder Szenen, die gegen diese Regeln verstoßen. Die Story ist während des Sehens nicht erkennbar. Es ist einfach unklar, worum es geht und warum es wichtig ist, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Es ist auch unklar, warum es wichtig ist einen IF zu haben; oder anders gesagt: was tut ein IF für seinen Freund? Die Schlußpointe erklärt dann einiges. Gleichzeitig hat sie ihre eigenen Probleme. Das erkennbare Thema des Films, der Verlust der Kindheit und die Aufforderung sich diese Kindheit zurückzuholen, richtet sich dann nicht an Kinder (die haben ihre IFs ja noch), sondern an Erwachsene; also an die Erwachsenen, die einen IF hatten und jetzt die Gefühle und Freundschaften ihrer Kindheit verdrängt haben.
„IF: Imaginäre Freunde“ ist ein Möchtegern-Disney-Film, dem die Magie und der Charme eines guten Disney-Films fehlt.
IF: Imaginäre Freunde (IF, USA 2024)
Regie: John Krasinski
Drehbuch: John Krasinski
mit Cailey Fleming, Ryan Reynolds, John Krasinski, Fiona Shaw, Liza Colón-Zayas, Alan Kim
(im Original den Stimmen von) Steve Carell, Phoebe Waller-Bridge, Louis Gossett Jr., Emily Blunt, Matt Damon, Maya Rudolph, Jon Stewart, Sam Rockwell, Sebastian Maniscalco, John Krasinski, Christopher Meloni, Richard Jenkins, Awkwafina, George Clooney, Keegan-Michael Key, Matthew Rhys, Bradley Cooper, Blake Lively, Amy Schumer, Brad Pitt
(in der deutschen Fassung den Stimmen von) Rick Kavanian, Christiane Paul, Lina Larissa Strahl, herrH
Dreißig Jahre nach seinem Debüt, dem international erfolgreichen Thriller „Nightwatch – Nachtwache“, erzählt Ole Bornedal die Geschichte von seinem immer noch bekanntesten Film mit den damaligen Hauptdarstellern Nikolaj Coster-Waldau, Kim Bodnia und Ulf Pilgaard und einigen Neuzugängen weiter.
Zuerst wirkt Bornedals Fortsetzung „Nightwatch: Demons are forewer“ wie ein Remake des grandiosen Originals mit geänderten Geschlechterrollen. Damals arbeitete Jurastudent Martin (Nikolaj Coster-Waldau) als Nachtwächter in der Gerichtsmedizin. Er begegnete dabei dem Serienmörder Wörmer (Ulf Pilgaard), der ihn, seinen besten Freund Jens (Kim Bodnia) und seine Freundin töten wollte.
Heute, dreißig Jahre später, nimmt Martins Tochter Emma, gespielt von Ole Bornedals Tochter Fanny Leander Bornedal mit einnehmendem Das-Mädchen-von-nebenan-Charme, einen Job als Nachtwächterin in eben diesem Institut für Rechtsmedizin Kopenhagen an. Die Medizinstudentin will mehr über die damaligen Ereignisse erfahren – und hält eine Arbeit an dem Ort, an dem es vor dreißig Jahren geschah, für einen guten Startpunkt für ihre Erforschung der Familiengeschichte.
Während sie in ihren Nachtwachen das Institut erkundet und mit ihren Freunden abhängt, lungert ihr Vater antriebslos auf der Couch herum. Meist schafft er es noch nicht einmal, die ihm von seinem Arzt verschriebenen Tabletten einzunehmen. Er hat offensichtlich die dreißig Jahre zurückliegenden Ereignisse immer noch nicht verarbeitet.
In dem Moment weiß Emma noch nicht, dass auch der Serienmörder Wörmer die Nacht überlebt hat. Er sitzt in einer Psychiatrie. Und jetzt begebe ich mich in das Minenfeld zwischen spoilern und ‚ist doch eh klar‘: Wörmer hat eine Tochter, deren Identität erst im Finale enthüllt wird, und es gibt jemand, der wie Wörmer mordet. Das erste Mal ungefähr in der Mitte des Films.
Bis dahin gibt es Trauer auf der Couch, Langeweile am Arbeitsplatz und Abhängen mit anderen Studierenden.
Bornedal schleppt den schon am Filmanfang angedeuteten, äußerst vorhersehbaren Thrillerplot ziemlich unlustig durch den Film. Er zieht sich wie Kaugummi und wird immer wieder über weite Strecken ignoriert. Beispielsweise wenn Martins Freund Jens nach jahrzehntelanger Abwesenheit in Thailand überraschend nach Dänemark zurückkehrt, er mit Martin in Erinnerungen schwelgt und sie nachts ein menschenleeres Fußballstadion besuchen. In den Momenten ahnt man, dass es Bornedal weniger um einen weiteren vorhersehbaren Serienkillerthriller, sondern mehr um eine psychologische Studie und eine Auseinandersetzung mit der Verabeitung traumatischer Erlebnisse geht. Dummerweise bleibt er hier an der Oberfläche. Alle, die damals involviert waren, scheinen die damaligen Ereignisse auf die gleiche Art zu verarbeiten. Nach den damaligen Gewalterfahrungen kapseln sie sich über dreißig Jahre ein. Eine Therapie lehnen sie ab. Sie würde eh nichts ändern.
Das verkürzt die Erkenntnisse der Traumaforschung und wie Trauma teils über Generationen weitergegeben werden, auf nur eine einzige Form der Verarbeitung. Das ist Quatsch und in dieser Häufung in der Realität unrealistisch. Im Film ist das anders. Da kann der Regisseur sich Freiheiten nehmen. Wenn es sich nicht um die möglicherweise sogar grotesk übersteigerte Reaktion einer Figur auf ein Ereignis handelt, kann das zu einem spannendem Film führen. Wenn, wie hier, in einem Film ungefähr alle Hauptpersonen gleich auf ein Ereignis reagieren, langweilt man sich dagegen schnell.
In Bornedals Remake/Reboot/Weitererzählung seines Spielfilmdebüts behindern die einzelnen Teile und Plots sich gegenseitig. Für einen Thriller ist „Nightwatch: Demons are forever“ zu lahm. Für eine psychologische Studie zu oberflächlich. Und für ein Coming-of-Age-Drama zu wenig interessiert an Emma. Immerhin wissen wir, mit einem Blick auf Martin, Jens und den Filmtitel „Demons are forever“, welche ewig währenden dämonischen Nachwirkungen ein Kampf gegen einen Serienkiller auf die Psyche hat.
Nightwatch: Demons are forever (Nattevagten 2 – Dæmoner går i arv, Dänemark 2023)
Regie: Ole Bornedal
Drehbuch: Ole Bornedal
mit Fanny Leander Bornedal, Nikolaj Coster-Waldau, Kim Bodnia, Sonja Richter, Paprika Steen, Vibeke Hastrup, Ulf Pilgraad
Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
nominiert. Keiner dieser Romane stand in den vergangenen Monaten auf der monatlichen Krimibestenliste.
Für Spannung ist bei der Preisverleihung also gesorgt; was über Schmidts auf Island spielenden Roman nicht unbedingt gesagt werden kann. Der im Buchtitel genannte Kalmann Óðinsson ist der selbsternannte ‚Sheriff von Raufarhöfn‘ und der naiv-kindliche Erzähler der Geschichte. Eines Tages stirbt sein schon ziemlich betagter und in einem Heim lebender Großvater. Nói, ein mit Kalmann befreundeter Computernerd, setzt ihm den Floh ins Ohr, dass sein Großvater ermordet wurde. Beweise für seine Behauptung hat Nói nicht.
Ungefähr am Ende des ersten Drittels des Romans wird Kalmann von seinem Vater in die USA eingeladen. Kalmann fliegt hin, erfährt einiges über die US-amerikanische Kultur, begleitet seinen Vater und dessen Trump-begeisterten Freunde am 6. Januar 2021 nach Washington, D. C.. Beim Sturm auf das Kapitol wird er verhaftet. Das FBI verhört ihn und wirft ihn umstandlos aus dem Land. Davor erfährt er vom FBI, dass sein Großvater Óðinn ein kommunistischer Spion war und nicht mehr in die USA einreisen darf.
Zurück in seiner Heimat – wir sind jetzt bereits auf Seite 163 von dreihundert Seiten – will er mehr über diesen Teil von Óðinns Biographie erfahren. Aber zuerst muss er nach der Einreise, wegen der Coronavirus-Pandemie, einige Tage in Quarantäne verbringen. Und dann, immerhin sind wir schon im letzten Drittel des Romans, geht alles ziemlich flott.
Sicher, es gibt ein, zwei Morde und der Täter, der sich selbst enttarnt und gegenüber Kalmann sofort alles gesteht, wird am Ende seiner gerechten Bestrafung zugeführt. Aber der Krimianteil in „Kalmann und der schlafende Berg“ ist verschwindend gering und über weite Strecken der Geschichte nicht vorhanden. Stattdessen gibt es beschauliche Beschreibungen von der Landschaft und von den Menschen, denen Kalmann in Island und den USA begegnet. Der von Joachim A. Schmidt erfundene Ich-Erzähler Kalmann ist dabei immer ein naiver und freundlicher Zeitgenosse, der keine Vorurteile hat und keinen Haß empfindet.
Das liest sich, dank Schmidts süffiger Schreibe, flott weg.
Nur einen Preis als bester Kriminalroman des Jahres würde ich „Kalmann und der schlafende Berg“ niemals geben. Ich würde den Roman noch nicht einmal als Kriminalroman bezeichnen.
„In „Kalmann und der schlafende Berg“ begegnet uns eine der liebenswertesten und eindrücklichsten Figuren der gegenwärtigen Kriminalliteratur zum zweiten Mal.
Erinnerungen durch den eingeschränkten Blick eines naiven Erzählers zu filtern, ist ein genialer Kunstgriff des Autors. Selbst epochale Weltgeschichte können wir so in einem neuen Licht betrachten, bar jeder herkömmlichen Bewertung. Eine Fähigkeit, die uns in medial verhetzten Zeiten nahezu verlorengegangen ist.
Kalmann beobachtet, analysiert und handelt nach einfachen Regeln: Wenn jemand Hilfe braucht, hilft man. Wenn man verloren geht, bleibt man stehen. Das ist ein Naturgesetz.
Mit starken Bildern führt uns der Autor an die raue, pittoreske Natur Islands und seine Bewohner heran. Die passgenaue Wortwahl lässt uns mit seinem Helden staunen, stöhnen, lachen und zittern. Denn es wird auch brandgefährlich. Nicht nur für den Sheriff, der erneut die Welt retten muss – und uns grübelnd zurücklässt, ob der Mann mit der Fischsuppe im Kopf nicht doch der Klügere ist.
„Kalli minn, du bist ein Weiser“, sagt seine Mutter. „Korrektomundo“, sagen wir und ergänzen: „Joachim B. Schmidt, du bist ein magischer Autor.““
–
Joachim B. Schmidt: Kalmann und der schlafende Berg
Interview each of them individually or together? When I had the opportunity for an interview with Stefán Máni and Anthony J. Quinn at the Leipzig Book Fair, it was an academic question. After all, both authors live on an island. Máni in Iceland, Quinn in Ireland, specifically in Northern Ireland. They deal in their crime novels with the social and political problems of their homeland and the myths that exist there. Both write standalone novels and long-running series. Quinn wrote five police novels starring Detective Celcius Daly. Daly investigates on the border between Ireland and Northern Ireland, especially during the pre-Brexit period. In his cases he must deal with the aftermath of the Troubles. The extremely bloody Northern Ireland conflict ended 1998 with the Good Friday Agreement.
Máni has invented with Hörður Grímson an investigator who is popular in his homeland but is still unknown in Germany due to a lack of translations. In “Hyldýpi“ (German title: Abgrund) Grimson makes his first appearance. He has only a supporting role. The focus is on a boy who is looking for a missing girl because he believes he saw her ten years ago when he almost drowned in a lake.
Both authors are published in Germany by the Polar Verlag. This should also make it clear that Máni and Quinn write noirs.
At the Leipzig Book Fair we talked about their crime novels, which are worth reading. We focused on the novels, which were recently published in German. That’s Stefán Mánis standalone psychological thriller “Hyldýpi” which also contains some fantastic elements and Anthony J. Quinns second Celcius Daly police thriller “Border Angels” (German title: Frau ohne Ausweg). They talked also about Hardboiled and Noir, how they invented their heroes and what their series heroes Grimson and Daly mean to them and their fans.
Und jetzt die deutsche Version
Einzeln oder zusammen interviewen? Als sich während der Leipziger Buchmesse die Gelegenheit für ein Interview ergab, war das für mich bei Stefán Máni und Anthony J. Quinn eine akademische Frage. Schließlich leben beide Autoren auf einer insel. Máni auf Island, Quinn auf Irland, genaugenommen in Nordirland. Beide beschäftigen sich in ihren Romanen mit den sozialen und politischen Problemen ihre Heimat und den dort vorhandenen Mythen. Beide schreiben Einzelromane und langlebige Serien. Quinn schrieb fünf Polizeiromane mit Detective Celcius Daly. Drei sind inzwischen ins Deutsche übersetzt. Daly ermittelt an der irisch-nordirischen Grenze vor allem während der Prä-Brexit-Zeit. Er muss sich immer mit den Nachwirkungen des 1998 mit dem Karfreitagsabkommen befriedeten, äußerst blutig geführten Nordirlandkonflikts, den Troubles, auseinandersetzen.
Máni hat mit Hörður Grímson einen in seiner Heimat beliebten, in Deutschland mangels Übersetzungen noch unbekannten Ermittler erfunden. In „Abgrund“ hat Grimson seinen ersten Auftritt. Er hat nur eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der ein verschwundenes Mädchen sucht, weil er glaubt, sie vor zehn Jahren gesehen zu haben als er in einem See fast ertrank.
Beide Autoren werden in Deutschland vom Polar Verlag verlegt. Damit dürfte auch klar sein, dass Máni und Quinn Noirs schreiben.
Auf der Leipziger Buchmesse unterhielt ich mich mit ihnen auf Englisch über ihre zuletzt auf Deutsch erschienenen lesenswerte Kriminalromane. Von Stefán Máni erschien zuletzt der einige fantastische Elemente enthaltende Standalone-Psychothriller „Abgrund“. Von Anthony J. Quinn erschien zuletzt der zweite Celcius-Daly-Polizeithriller „Frau ohne Ausweg“. Sie sprachen außerdem über Hardboiled und Noir, wie sie ihre Helden erfanden und was ihre Serienhelden Grimson und Daly für sie und ihre Fans bedeuten.
–
Bei Polar sind von Stefán Máni und Anthony J. Quinn erschienen: