Nächstes Jahr sollte ich auf der Leipziger Buchmesse endlich die vielen Cosplayer*innen aus dieser und allen anderen Welten fotografieren. Die scheinen das Posieren zu genießen. Deadpool – auch ihn habe ich auf der Messe gesehen – wohl auch.
Dieses Jahr habe ich Interviews mit Christine Lehmann (über „Alles nicht echt“), Stefán Máni (über „Abgrund“) und Anthony J. Quinn (über „Frau ohne Ausweg“) geführt. Ich muss sie die Tage noch etwas bearbeiten.
Bis dahin gibt es einige Schnappschüsse von gutgelaunten Krimiautor*innen mit ihren neuesten Kriminalromanen. In alphabetischer Reihenfolge:
Frauke Buchholz ist mit „Skalpjagd“ (Pendragon) am Ende einer Trilogie um den kanadischen Profiler Ted Garner, die vielleicht doch eine aus vier (oder mehr) Romanen bestehende ‚Trilogie‘ wird. Sie meinte, es gebe noch offene Fragen.
Jürgen Heimbach entführt uns in seinem neuen Krimi „Waldeck“ (Unionsverlag) in die sechziger Jahre zum ersten Burg-Waldeck-Festival. Während dort noch heute bekannte Musiker klampfen, sucht Journalist Ferdinand Broich einen untergetauchten SS-Arzt.
Chrstine Lehman lässt in ihrem 13. Lisa-Nerz-Krimi „Alles nicht echt“ (Ariadne) ihre Heldin in der Nachrichtenredaktion eines ÖRR-Senders ermitteln. Sie soll herausfinden, wer einige Daten aus dem Sender geklaut hat. Kurz darauf sucht sie einen Mörder.
Stefán Máni führt in Island seinen jungen Helden an den „Abgrund“ (Polar). Der Naivling glaubt, irgendetwas mit dem Verschwinden einer jungen Videothek-Mitarbeiterin zu tun zu haben. „Abgrund“ ist auch der erste Roman mit Kriminalpolizist Hörður Grímsson.
Anthony J. Quinn ist mit einer untergetauchten, aus Osteuropa kommenden „Frau ohne Ausweg“ (Polar) und seinem Ermittler Celcius Daly im irisch/nordirischen Grenzgebiet unterwegs. Daly sucht den Mörder ihres Zuhälters. Troubles garantiert
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Das sind jetzt mindestens fünf leichengesättigte Lesetipps für den qualitätsbewussten Krimifan.
Das klingt jetzt wie der Beginn von einem Witz. Es ist aber der Auftakt für einen Horrorthriller.
Auf einem Boot erwachen Conrad (der sich sofort erschießt), Dickinson, Huxley, Rhys, Golding, Plath und Pynchon. Selbstverständlich heißen sie nicht so. Diese Namen bekannter und wichtiger Schriftsteller wurden ihnen auf den Arm tätowiert. An ihre richtigen Namen erinnern die Männer und Frauen sich nicht. Auch nicht an ihre Vergangenheit. Frühere Fähigkeiten und Wissen können sie aber spontan und je nach Situation abrufen. Es sind Fähigkeiten, die sie vermuten lassen, dass sie früher als Polizist, Soldat, Ärztin, Physikerin, Polarforscherin und Historiker arbeiteten. Oder sich sehr für dieses Thema interessierten. Für was sie diese Fähigkeiten jetzt brauchen könnten, wissen sie nicht. Sie wissen auch nicht, wohin das Boot sie fährt.
Später erkennen sie anhand einer Karte, die auf einem Bildschirm erscheint, dass sie auf der Nordsee sind und in Richtung Themse und London fahren. Es ist nicht mehr das heutige London, sondern ein zerstörtes, teils von Pflanzen überwuchertes London. Am Ufer und im Wasser sind gefährliche, teils mutierte Wesen, die sie töten wollen.
Während der Fahrt werden sie über ein Satellitentelefon immer wieder von einer ausdruckslosen weiblichen Stimme angerufen. Die Stimme gibt ihnen Anweisungen. So sollen sie jeden anderen ‚Schriftsteller‘ sofort umbringen, wenn er sich an seine Vergangenheit erinnert. Dann werde er zu einer tödlichen Gefahr für sie. Erklärungen gibt die Stimme nicht. Im Lauf der Fahrt veranlasst sie allerdings, dass bestimmte, vorher verschlossene Fächer auf dem Boot aufgehen. So erhalten sie verschiedene Dinge, die für ihre Mission wichtig sind. Zum Beispiel Sprengstoff. Ziemlich schnell ahnen Huxley und seine Mitreisenden, dass sie für diese Mission ausgewählt wurden. Sie sollen sich sogar freiwillig zu dieser Selbstmord-Mission gemeldet haben.
„Ein Fluss so rot und schwarz“ ist Anthony Ryan erster Ausflug ins Horror- und Thriller-Genre. Normalerweise schreibt er dickleibige, mehrbändige Fantasy-Epen. Hier erzählt er auf unter 270 Seiten eine spannende Geschichte mit – soviel kann verraten werden – einer befriedigenden Auflösung.
Bis dahin stehen die, uh, Schriftsteller ständig vor neuen Herausforderungen, während sie versuchen, mehr über sich, ihre Vergangenheit, ihre Mission und die Welt, durch sie fahren, herauszufinden. Dabei treibt Ryan die Hauptgeschichte ständig voran, entwirft eindrückliche Bilder einer postapokalyptischen Großstadt und streut klug Informationen über die Mission und die Katastrophe, die London vernichtete, ein.
Der Pageturner könnte die Vorlage für einen spannenden Science-Fiction-Horrorthriller sein, wenn die Bootsfahrt durch London entlang der zerstörten Sehenswürdigkeiten nicht so teuer wäre.
Bis dahin muss halt gelesen werden.
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Anthony Ryan: Ein Fluss so rot und schwarz
(aus dem Englischen von Sara Riffel)
Tropen, 2023
272 Seiten
22 Euro
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Originalausgabe (als A. J. Ryan [Iain Banks hat in seiner Heimat, damit das Publikum auf den ersten Blick zwischen seinen Science-Fiction-Romanen und seinen Thriller unterscheiden konnte, ebenfalls mit einer kleinen Variation seines Namens gearbeitet])
Nein, eine weitere edle Superheldentruppe ist „The Authority“ nicht. Sie sind ein Team ziemlich seltsamer Menschen, die, wenn sie gegen globale Bedrohungen kämpfen, nur daran interessiert sind, die Bedrohung zu eliminieren. Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen; – das war, als die von Warren Ellis geschriebenen und Bryan Hitch gezeichneten „The Authority“-Geschichten 1999 und 2000 erschienen sicher revolutionärer als heute. Seitdem zerdepperten in unzähligen Kinofilmen Superhelden allein oder in Gruppen lustvoll ganze Großstädte. Mal als hulkscher Wutanfall, mal im Kampf gegen Bösewichter.
Die Authority ist eine von Jenny Sparks ins Leben gerufene und angeführte Gruppe. Sie ist die Seele des 20. Jahrhunderts. Deshalb lebt sie exakt hundert Jahre und stirbt am Ende des Jahrhunderts, der Konsens-Realität folgend, am 31. Dezember 1999. Zur Authority gehören ‚der Gott der Städte‘ Jack Hawksmoor, ein Mann, der mit Städten kommunizieren kann, die ‚Schöpferin‘ Engineer Angela Spica, der ‚Schamane‘ Doktor Jeroen Thornedike, die ‚Geflügelte Jägerin‘ Swift Shen Li-Min und ‚Sonnenkönig‘ Apollo und ‚Kriegstribun der Nacht‘ Midnighter Lucas Trent. Sie sind, auf den ersten Blick erkennbar, eine schwule Version von Superman und Batman. Sie sind mehr als nur miteinander befreundet.
Comichistorisch wurden die Authority-Figuren von Warren Ellis und Bryan Hitch davor in der bei der Kritik beliebten, vom Publikum ignorierten Serie „Stormwatch“, der WildStorm-Variante der Justice League, eingeführt und für „The Authority“ weiterentwickelt.
Ellis und Hitch schrieben zwischen Mai 1999 und April 2000 mit dieser Superheldentruppe zwölf Einzelhefte (in denen sie drei jeweils vier Hefte umfassende Geschichten erzählen) und ein Crossover mit der ebenfalls von Warren Ellis erfundenen Serie „Planetary“. 2017 folgte, als Teil eines Firmenjubiläums von WildStorm, „Die Authority: Requiem“, ein kurzes Einzelabenteuer. In den jetzt erschienenen zwei Deluxe-Bänden sind alle diese Geschichten enthalten. Zusätzlich gibt es im zweiten Sammelband einem umfangreichen Anhang mit mehreren Heftcover, Skizzen von Bryan Hitch und einige Seiten aus dem Skript von Warren Ellis für „Der Kreis“.
In dieser Geschichte, zugleich die erste „The Authority“-Geschichte, müssen die Superhelden gegen Kaizen Gamorra, einem Gegner aus Stormwatch-Tagen, kämpfen. Gamorra will mit seinen Supersoldaten die Welt vernichten. Er beginnt mit Moskau und London. Sein nächstes Ziel ist Los Angeles.
In „Phasenschiffe“ droht von einer Parallel-Erde eine Invasion. Die Authority will das verhindern.
In „Das Dunkel von Außen“ nähert sich ein Wesen der Erde, das Gott genannt wird, weil er das Leben auf die Erde brachte. Jetzt will er die Menschheit vernichten und die Erde nach seinen Vorstellungen gestalten. Die Authority will das Ende der Menschheit verhindern.
In den Geschichten steht die farbenprächtig und detailreich, immer wieder auf Doppelseiten, ausgemalte Action, also vor allem das Zerstören von Großstädten, im Mittelpunkt. Bekämpfen tun sich, an verschiedenen Orten, die teilweise atemberaubend schnell gewechselt werden, eine Unzahl verschiedener Figuren mit teils rätselhaften Kräften. Das sieht gut aus, ist aber auch ziemlich kindisch.
Angekündigt sind noch zwei weitere „The Authority“-Deluxe-Bände.
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Warren Ellis/Bryan Hitch/Paul Neary: The Authority – Deluxe Edition Band 1
(übersetzt von Christian Langhagen)
Panini, 2023
200 Seiten
29 Euro
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enthält
Der Kreis (The Circle, The Authoriy # 1 – 4, Mai – August 1999)
Phasenschiffe (Shiftships, The Authority # 5 – 8, September – Dezember 1999)
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Warren Ellis/Bryan Hitch/Paul Neary/Phil Jimenez: The Authority – Deluxe Edition Band 2
(übersetzt von Christian Langhagen)
Panini, 2024
192 Seiten
29 Euro
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enthält
Weltherrschaft (Ruling the World, Planetary/The Authority: Ruling the World, Juni 2000)
Die Authority: Requiem (The Authority: Requiem – WildStorm: A Celebration of 25 Years, Oktober 2017)
Das Dunkel von Außen (The Authority # 9 – 12, Januar – April 2000)
LV: Elmore Leonard: Out of sight, 1996 (Zuckerschnute, Out of sight)
Auf der Flucht verbringt Jack Foley im Kofferraum einige Zeit mit Debputy U. S. Marshal Karen Sisco. Zwischen ihnen funkt es gewaltig. Als Jack in Detroit seinen letzten Coup plant, erscheint auch Karen auf der Bildfläche.
Hochgelobte und uneingeschränkt empfehlenswerte Elmore-Leonard-Verfilmung mit George Clooney, Jennifer Lopez, Ving Rhames, Don Cheadle, Dennis Farina, Luis Guzman
Von Elmore Leonards Homepage: “Out of Sight, like Get Shorty, was a totally happy film experience for Elmore. The Get Shorty production team and writer: Danny DeVitos Jersey Films and screenwriter Scott Frank, once again collaborated on an Elmore Leonard project. Jersey signed Steven Soderbergh to direct and he cast George Clooney and Jennifer Lopez in the lead roles. (…) Clooney and Lopez added considerable sizzle to Out of Sight. Steve Zahn is hilarious as a stoner car thief; Ving Rhames, Don Cheadle and Isaiah Washington are all deadly and cool. Albert Brooks was a pleasant surprise. He makes the most out of the Ripley character. It was Scott Frank who took Ripley, off-stage in the book, and made him a key character. After Scott finished his screenplay, Elmore disagreed with the Ripley move and the ´happy´ movie ending, but admitted he was right after seeing the finished film. Out of Sight has a great look thanks to Steven Soderberghís masterful direction and Scott Frank’s savvy script. The film was a critical success but a box office so-so because of an unfortunate summer release date.”
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Buchhinweis
Das wird für Elmore-Leonard-Fans ein Freudentag: am Montag erscheint sein Western „Letztes Gefecht am Saber River“ erstmals in einer deutschen Übersetzung. Der selbstverständlich lesenswerte Western ist ein Frühwerk von Leonard.
Im Zentrum steht Rancher Paul Cable. Für die Konföderierten zog er in den Bürgerkrieg, wurde schwer verwundet und möchte jetzt in Arizona friedlich auf seiner Ranch leben. Aber zwei Brüder, Anhänger der Union, haben inzwischen sein Land besetzt. Cable will das nicht akzeptieren.
Nach einer längeren Pause – „Paris Noir“ erschien 2017, „Berlin Noir“ 2018, „USA Noir 2019 – liegt bei CulturBooks jetzt der vierte deutschsprachige Band einer in den USA 2004 gestarteten, inzwischen weit über hundert Bände umfassenden Reihe, vor. Für die Reihe schreiben bekannte Autoren Noir-Kurzgeschichten. Jeder Band spielt in einer anderen Stadt, manchmal auch nur einem Stadtteil, wie die Bronx oder Brooklyn. CulturBooks adaptierte die Idee für den deutschsprachigen Raum. Für „Paris Noir“ schrieben Didier Daeninckx, DOA, Jerôme Leroy, Patrick Pécherot, Chantal Pelletier und Jean-Bernard Pouy Kurzgeschichten. Für „Berlin Noir“ schrieben Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, Johannes Groschupf, Matthias Wittekindt und Ulrich Woelk Geschichten. Für „USA Noir“ schrieben Lee Child, Michael Connelly, Jeffery Deaver, Jonathan Safran Foer, William Kent Krueger, Dennis Lehane, Joyce Carol Oates und Don Winslow Noirs.
Für den vierten Band „Hamburg Noir“ fungieren Nora Luttmer, Till Raether, Matthias Wittekindt, Ingvar Ambjørnsen, Bela B Felsenheimer, Jasmin Ramadan, Frank Göhre, Timo Blunck, Katrin Seddig, Tina Uebel, Zoë Beck, Brigitte Helbling, Kai Hensel und Robert Brack als (kriminal)literarische Stadtführer.
Kurzgeschichten sind für mich ein schneller Weg, neue Autoren kennen zu lernen. Wenn mir die Kurzgeschichte gefällt, will ich auch die längeren Werke von dem Autor lesen. Manchmal erinnert eine Kurzgeschichte mich daran, dass ich von einem bestimmten Autoren wieder einen Roman lesen sollte. Einige der Autoren, die für „Hamburg Noir“ Geschichten schrieben, kenne ich.
Normalerweise sind Sammlungen von Kurzgeschichten irgendwie thematisch zusammengestellt. Beliebt sind Weihnachtskurzkrimis und an bestimmten Orten spielende Kurzkrimis. Seltener steht eine Figur, wie Frankenstein oder Hellboy, oder ein bestimmtes Milieu oder Beruf (Arzt? Bestatter?) im Mittelpunkt.
Bei „Hamburg Noir“ stehen die Großstadt, in der die Geschichten spielen, und die vorherschende Weltsicht schon im Titel. In Hamburg spielen alle Geschichten, auch wenn das Lokalkolorit in fast allen Geschichten ausbaufähig ist. Problematischer ist, dass ungefähr die Hälfte der Geschichten keine Noirs und keine Kriminalgeschichten sind. Und das ist, auch wenn alle Geschichten grandios wären, ein Problem. Denn wenn ich ein Buch lese, das als Sammlung von Kriminalgeschichten beworben wird, dann will ich Kriminalgeschichten lesen.
Blöderweise sind viele der Geschichten in „Hamburg Noir“ nicht gut, sondern erstaunlich misslungen. Als von seinen Schülern frustrierter Lehrer würde ich oft „Thema verfehlt“, „Kein Noir“, „Unklare Handlungsführung“ und „Absehbare Pointe“ mit einem roten Stift an den Rand schreiben. Geständnisse wie „Jetzt kommt eine Liebesgeschichte. Keine richtige Liebesgeschichte, am Ende gibt’s ein Verbrechen, auch kein richtiges Verbrechen,…“ (Kai Hensel: Der Dom und das Mädchen) mit einem „Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung“ kommentieren.
Von den vierzehn Geschichten überzeugen nur Bela B Felsenheimers St.-Pauli-Drama „-Wer passt auf unsere Weiber auf, wenn nicht wir?-“ (in dem ein Vater im Affekt den Freund seiner mit einer Überdosis Drogen im Krankenhaus liegenden Tochter tötet und anschließend die Tat vertuschen will) und Zoë Becks „Schwarztonnensand“ (im Stil eines Drehbuchs geschriebene Groteske über einen Bootsunfall und wie der vermögende Täter zusammen mit seinen einflussreichen Freunden den Tathergang verunklart). Frank Göhre liefert nur eine okaye Geschichte mit einem Krimianteil zwischen kaum und nicht vorhanden ab.
Bei den Nicht-Krimi-Geschichten gehören Jasmin Ramadans Horrorgeschichte „Crazy Angels“ und Tina Uebels „Reeperbahn 29 Revisited“, in dem sich die Erzählerin an das Haus und die Wohnung erinnert, in der sie zwanzig Jahre lebte, zu den gelungeneren Geschichten.
Über die anderen Geschichten lege ich mal den gnädigen Mantel des Schweigens.
Dabei hat Hamburg, auch abseits der Reeperbahn, so viel Potential für stimmungsvolle Noir-Geschichten.
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Jan Karsten (Hrsg.): Hamburg Noir
CulturBooks, 2023
304 Seiten
18 Euro
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enthält
Nora Luttmer: Die Ameisenstraße
Till Raether: Ich bin schon fast wieder weg
Matthias Wittekindt: Schwarzdorn
Ingvar Ambjørnsen: Ganz unten
Bela B Felsenheimer: -Wer passt auf unsere Weiber wuf, wenn nicht wir?-
Paul Atreides, wieder gespielt von Timothée Chalamet, ist zurück. Und jetzt wird es etwas kompliziert. Denn „Dune: Part 2“ erzählt die Geschichte des ersten Teils weiter. Dabei umfasst der zweite Teil die zweite Hälfte von Frank Herberts Science-Fiction-Roman „Der Wüstenplanet“. Der 1965 im Original erschienene Roman ist ein SF-Klassiker, der seitdem immer erhältlich war. In unzähligen Romanen wurde seitdem die Geschichte des Wüstenplaneten weiter erzählt. Herberts Roman wurde zweimal verfilmt. Einmal in einer damals gefloppten, inzwischen legendären Verfilmung von David Lynch. Einmal als wohl okaye Mini-TV-Serie. Und jetzt von Denis Villeneuve, der sich um eine möglichst große Werktreue bemüht. Deshalb machte er aus den 800 Seiten des Romans auch keinen Zwei-Stunden-Film, sondern erzählt die Geschichte in zwei überlangen Filmen. Der erste Film ist 156 Minuten. Der zweite 166 Minuten. Zusammen sind das über fünf Stunden in denen er bildgewaltig und in epischer Breite und Zähigkeit die Geschichte von Paul Atreides erzählt. Er ist der Sohn von Herzog Leto Atreides und kraft seiner Geburt der künftige Herrscher des Hauses Atreides. Seine Familie hat vom Imperator als überaus wertvolles Lehen den Wüstenplaneten Arrakis erhalten. Auf dem Planeten gibt es den für die Raumfahrt wichtigen Treibstoff, der gleichzeitig eine bewusstseinserweiternde Droge ist.
Aber die vorherigen Lehnsherrn, das Haus der Harkonnen, wollen wieder die Macht über den Planeten zurück erlagen und ihn weiter rücksichtslos ausbeuten. Sie sind die skrupellosen Bösewichter der Geschichte. Um an ihr Ziel zu gelangen, ermorden sie Leto Atreides. Bevor sie Paul Atreides ermorden können, flüchtet er in die Wüste zu dem Wüstenvolk der Fremen.
In diesem Moment beginnt der zweite Teil, der erzählt, wie Atreides zum Anführer der Fremen wird und sie gegen das Haus der Harkonnen in den Kampf führt. Atreides wird von den Fremen schnell als der in alten Schriften prophezeite Messias gesehen wird. Er nimmt den Kampf um die Herrschaft über den Planeten auf.
Viel mehr Story hat „Dune: Part 2“ nicht. Und alles was ich an dem Roman („eine arg dröge Lektüre“) und dem ersten Teil („eine viel zu ehrfurchtsvolle Bebilderung der ersten Hälfte des Romans“) kritisierte, trifft auch auf den zweiten Teil zu. So erzählt „Der Wüstenplanet“ eine typische White-Savior-Geschichte, in der der Retter kraft seines Blutes und der göttlichen Prophezeiung als künftiger Herrscher vorherbestimmt ist. Die in der Zukunft spielende Gesellschaft ist eine mittelalterliche Ständegesellschaft, in der Planeten Lehnsbesitz sind. Die Parallelen zwischen dem in den Sechzigern geschriebenem Roman, den damaligen Ansichten und Konflikten sind offensichtlich und müssen hier nicht weiter ausgeführt werden. Das habe ich bereits zum Start des ersten Teils in meiner Buch- und Filmbesprechung getan.
Dazu kommen im zweiten Teil, in dem Villeneuve die zweite Hälfte des Romans bebildert, weitere Probleme. So ist die Geschichte eine zufällige Ansammlung von Szenen. Wie Atreides zum Führer der Fremen aufsteigt, ist nebulös. Anstatt die einzelnen Schritte zu zeigen, überspringt Villeneuve diese. Irgendwann reitet Atreides auf einem Sandwurm und ist danach der von alptraumhaften Visionen geplagte Anführer. Bei den Kämpfen wird nie erklärt, wie sehr ein Sieg die Fremen in ihrem Kampf gegen die Ausbeuter ihrem Ziel näherbringt. Es ist einfach nur eine plötzlich endende Actionszene ohne jeden Kontext, die mühelos mit einem späteren Kampf zwischen den tapferen Fremen und den gesichtslosen Harkonnen-Söldnern getauscht werden könnte. Es würde nicht auffallen. Dazwischen gibt es Szenen von Männern, die in die Wüste starren und auf Sandwürmer warten. Es gibt religiös gefärbten Mythenbrei. Es gibt Szenen, in denen die Schauspieler salbungsvolle Sätze in enervierender Langsamkeit von sich geben. Am Ende wird in den gut drei Stunden, die „Dune: Part 2“ dauert, wahrscheinlich weniger als in einem halben Film von Woody Allen gesprochen. Dafür darf Javier Bardem als tapferer Fremen-Krieger Stilgar in jedem zweiten Satz sagen, dass Atreides der Messias ist. Zunächst glauben seine Kampfgefährten ihm nicht und auch Atreides möchte noch nicht die Rolle des Messias annehmen. Weitere Stars, wie Josh Brolin, Austin Butler, Florence Pugh, Dave Bautista, Christopher Walken, Léa Seydoux, Stellan Skarsgård und Charlotte Rampling, haben teils nur kurze Auftritte. Darüber legt Hans Zimmer einen Ambient-Soundteppich, der vor allem aus bedeutungsschwangerem Brummen besteht, das in diesem Fall die Grenze zur Parodie schon lange überschritten hat.
Immerhin sehen die in der Wüste aufgenommenen Bilder gut aus, einige computergenierte Spezialeffekte sind gelungen und es immer erfreulich, einige Schauspieler im Kino zu sehen. Auch wenn sie in dem Film, außer ihrer Anwesenheit, nicht viel zu tun haben.
Das ändert nichts daran, dass Welt des Wüstenplaneten immer noch keine Welt für mich ist.
In aktuellen Interviews sagte Villeneuve, dass er das Drehbuch für einen dritten „Dune“-Film bereits fast fertig geschrieben habe. Der Film, basierend auf dem zweiten „Dune“-Roman „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune Messiah, 1969), würde zwölf Jahre nach den in „Der Wüstenplanet“ geschilderten Ereignissen spielen. Wann „Dune Messiah“ verfilmt wird, ist unklar. Aber es dürfte keine zwölf Jahre dauern.
Dune: Part 2(Dune: Part 2, USA 2024)
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Denis Villeneuve, Jon Spaihts
LV: Frank Herbert: Dune, 1965 (Dune – Der Wüstenplanet)
mit Timothée Chalamet, Zendaya, Rebecca Ferguson, Josh Brolin, Austin Butler, Florence Pugh, Dave Bautista, Christopher Walken, Léa Seydoux, Souheila Yacoub, Stellan Skarsgård, Charlotte Rampling, Javier Bardem
Länge: 166 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage (mit dem aktuellen Cover)
Frank Herbert: Dune – Der Wüstenplanet
(übersetzt von Jakob Schmidt)
Heyne, 2024 (die Filmausgabe)
800 Seiten
12,99 Euro
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Vor dem Filmstart erschien der Roman bereits in mehreren Übersetzungen und Ausgaben.
Wenige Tage vor der Oscar-Verleihung, den er fünfmal gewinnen könnte, läuft Jonathan Glazers hochgelobtes Drama „The Zone of Interest“ endlich bei uns an. Glazer inszenierte vorher die sehr unterschiedlichen, in jedem Fall sehenswerten Filme „Sexy Beast“ (2000), „Birth“ (2004, sein schwächstes Werk) und „Under the Skin“ (2013) und etliche Musikvideos.
Seit seiner Premiere in Cannes, wo „The Zone of Interst“ den Großen Preis der Jury erhielt, wird sein neuester Film überall abgefeiert. Vor wenigen Tagen erhielt „The Zone of Interest“ den BAFTA als „Bester britischer Film“ und als „Bester nicht-englischsprachiger Film“. Das ging, weil in der britischen Produktion nur Deutsch gesprochen wird. Hauptdarstellerin Sandra Hüller erhielt vor wenigen Tagen einen weiteren Schauspielpreis. In diesem Fall war es am 23. Februar 2024 ein César als beste Schauspielerin für „Anatomie eines Falls“. Aber im Moment ist das wie eine Münze werfen und am Ende erhält Sandra Hüller den Preis für „Anatomie eines Falls“ oder für „The Zone of Interest“. Die Nominierungen und Preise werden begleitet von euphorischen Kritiken. „The Zone of Interest“ ist unbestritten und schon jetzt einer der besten Filme des Jahres und, falls ich im Dezember eine Jahresbestenliste erstelle, wird Glazers Film einen der vorderen Plätze der Top Ten belegen. Er ist auch eine grandiose Romanverfilmung, obwohl Glazer sich viele Freiheiten nimmt und oft gesagt wird, der Film sei nur inspiriert von Martin Amis‘ Roman „Interessengebiet“. Glazer, der auch das Drehbuch schrieb, veränderte die Geschichte und die Namen der Figuren. Aber er übernahm die kalt-analytische Sicht auf die Figuren, das Thema und den Handlungsort. Ironischwerweise hat sein Film, wie Amis‘ Roman, Probleme im dritten Akt und damit mit dem Ende. Amis und Glazer finden verschiedene Lösungen, um die Geschichte zu beenden. Für mich funktioniert keine hundertprozentig. Glazers Film gehört zu den Romanverfilmungen, die sich alle erdenklichen Freiheiten bei der Bearbeitung der Vorlage nehmen und ihr dabei treu bleiben.
In dem im ‚Interessengebiet Auschwitz‘ spielendem Roman erzählt Amis eine Liebesgeschichte, die aus einer Schmonzette stammen könnte. SS-Offizier Golo Thomsen verliebt sich in Hannah Doll, die Frau des Lagerkommandanten Paul Doll. Sie erwidert seine Avancen. Neben dieser Liebesgeschichte erzählt Amis von Dolls Arbeit als Behfelshaber über das Konzentrationslager, die er möglichst perfekt und zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ausführen möchte, und von Szmul, einem im KZ sitzendem Juden und Führer des Sonderkommandos, das bei der Vernichtung von Juden mithilft. Geschrieben hat Amis seinen aus diesen drei Plots und damit verbundenen Perspektiven bestehenden Roman in einem nüchternen Tonfall, der einem genau deshalb erschauern lässt. Er schildert den Alltag der Familie Doll als ob es neben ihrem Haus nicht das Vernichtungslager gäbe, das ihnen allen ein gutes Leben beschert. Denn der Krieg ist weit weg und die Arbeit im KZ verhindert eine Einberufung an die Front. Währenddessen schwarwenzelt Thomsen um seine Frau herum.
„Interessengebiet“ ist einer von Martin Amis‘ besten Romanen.
In der Verfilmung konzentriert Jonathan Glazer sich auf die Familie Doll, die im Film, wie in der Realität, Höß heißt. Glazer verzichtet auf die Liebesgeschichte. Er blickt auch nicht hinter die Mauer, die, wie ein Schutzwall, das KZ von dem Haus der Familie Höß trennt. Von dem KZ sind nur einige Häuserdächer und Wachtürme zu sehen. Die aus dem KZ kommenden Geräusche sind für die Familie Höß Hintergrundgeräusche, die sie in ihrem Alltag in ihrem Haus und Garten nicht weiter wahrnehmen. Während Rudolf Höß (Christian Friedel) jeden Tag das Familienhaus verlässt und über den Hof zu seinem Arbeitsplatz geht, betritt seine Gattin Hedwig (Sandra Hüller) niemals das KZ. Sie führt den Haushalt, erzieht die fünf Kinder, bewirtet Gäste und bestellt den Garten. Neben dem Interessengebiet Auschwitz hat sie sich den Traum vom trauten Heim erfüllt. Dieses Paradies will sie unter keinen Umständen verlassen.
Glazer beschreibt das Leben der Familie Höß als Situationsbeschreibung. Er verzichtet auf einen Plot. Er verzichtet auf eine vertiefende Analyse der Figuren. Dafür hätte es nämlich Konflikte benötigt. Er zeigt sie nur in ihrem selbstgeschaffenem kleinen Paradies.
Aufgenommen hat er diese Situationsbeschreibung in der Nähe des Konzentrationslagers. Ursprünglich wollte er in dem KZ und in dem Haus, in dem die Familie Höß gelebt hat, filmen. Als das wegen des Denkmalschutzes und Veränderungen auf dem Gelände des KZ (so sind vor über achtzig Jahren gepflanzte Bäume heute größer als damals) nicht möglich war, drehte er in der Nähe in einem Nachbau des Hauses, das er mit teils versteckten, teils fest installierten Kameras ausstattete. Die Kameras nahmen den gesamten Raum auf. Die Schauspieler konnten sich während der Dreharbeiten frei im Set bewegen. Sie wussten allerdings auch nicht, wann sie aufgenommen wurden. Sie wurden ständig überwacht. Gleichzeitig verhinderte diese Anordnung der Kameras und der damit verbundenen Ästhetik, dass der Regisseur spontan eingreifen oder Szenen in einer normalen Abfolge von Einstellungen und Schnitten auflösen konnte. Mit diesen starren Einstellungen, in denen verschiedene Dinge geschehen, wirkt „The Zone of Interest“ wie ein Theaterstück, das man als Zuschauer aus dem Saal heraus erlebt. Deshalb sollte das Drama im Kino gesehen werden. Auf einem kleinen Bildschirm sieht man einfach zu wenig.
Die für einen Spielfilm ungewohnt detailreichen Bilder (bei Dokumentarfilmen ist das anders), die präzisen Bildkompositionen und die kluge Farbdramaturgie verstärken gekonnt das Unwohlsein, das man beim Ansehen des banalen Lebens in der Villa Höß, hat.
„The Zone of Interest“ ist ein sehr sehenswerter, konzentrierter und in sich geschlossener Feelbad-Film, der die Banalität des Bösen zeigt und, mit chirurgischer Präzision, die Frage stellt, wie man sich selbst verhalten würde. Oder, anders gesagt: wie viel Unrecht und Terror ist man bereit für seinen eigenen kleinen Traum vom Glück zu ignorieren?
Nach dem Kinobesuch sollte man den Roman lesen, der faktenreich, auch die Dinge erzählt, die einige im Film vermissen.
The Zone of Interest (The Zone of Interest, Großbritannien/Polen/USA 2023)
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer
LV: Martin Amis: The Zone of Interest, 2014 (Interessengebiet)
mit Christian Friedel, Sandra Hüller, Johann Karthaus, Luis Noah Witte, Nele Ahrensmeier, Lilli Falk, Anastazja Drobniak, Cecylia Pękala, Julia Polaczek, Kalman Wilson, Imogen Kogge, Medusa Knop, Zuzanna Kobiela, Martyna Poznańska, Stephanie Petrowitz, Max Beck, Andrey Isaev
Im April erscheint, so die Planung des Golkonda Verlags, „Die Erlösung“, der abschließende Band der Wormwood-Trilogie, die auch mal Rosewater-Trilogie genannt wird. Wormwood bezeichnet das außerirdische Wesen, das 2012 in London gelandet ist und sich durch die Erdkruste bewegt; Rosewater den Ort, an dem die Science-Fiction-Romane spielen.
Bis „Die Erlösung“ in wenigen Wochen erscheint, ist also noch genug Zeit, sich die ersten beiden in der Science-Fiction-Community hochgelobten Bände durchzulesen. So erhielt der erste Band den Arthur C. Clarke Award.
Rosewater ist eine prosperierende Stadt in Nigeria. Dort hat ein außerirdisches Wesen eine Biokuppel errichtet, die anscheinend einfach nur so da ist. Einmal im Jahr öffnet sich die Kuppel und heilt Menschen. Sicher, manchmal ist das Ergebnis etwas schräg. Aber normalerweise sind danach auch unheilbare Kranke genesen. Die wiederauferstandenen Toten, die Reanimierten, sind in den kommenden Monaten vielleicht etwas nervig, aber nicht weiter störend.
Dass die Außerirdischen nicht nur harmlose, physisch nicht in Erscheinung tretende Wohltäter sind, verrät Tade Thompson in „Rosewater: Der Aufstand“, dem zweiten Band der Trilogie.
Im ersten Band „Rosewater“, der vor allem 2066 in Rosewater spielt, konzentriert sich auf Kaaro. Er gehört zu den Menschen, die nach einem Kontakt mit den Außerirdischen, zu einem „Empfänger“ wurde. Seitdem kann er auf die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen von anderen Menschen zugreifen. Für Strafverfolger ist diese Gabe natürlich ein Gottesgeschenk. Für die Empfänger nicht so sehr. Denn wer will schon ständig wissen, was Verbrecher, Vergewaltiger und Mörder denken und fühlen? Weil Kaaro, wie wir aus Rückblenden erfahren, eine kriminelle Vergangenheit hat, wird er von der Regierungsbehörde Sektion 45, verkörpert durch Femi Allagomeji, gezwungen, für sie in die Gehirne von anderen Menschen einzudringen.
Als immer mehr Empfänger unter ungeklärten Umständen sterben, beginnt Kaaro nach Zusammenhängen und dem Täter zu suchen.
„Rosewater: Der Aufstand“ spielt ein Jahr später. Kaaro hat nur eine Nebenrolle. 2067 fordert Jack Jacques, der Bürgermeister von Rosewater, die Unabhängigkeit Rosewaters von Nigeria. Der Präsident von Nigeria lehnt die Forderung rundweg ab. Es kommt zu dem titelgebenden Machtkampf um Rosewater. Währenddessen arbeiten die Außerirdischen im Hintergrund weiter daran, die Welt zu erobern.
Im Gegensatz zum ersten Wormwood-Band, einer mit vielen Zeitsprüngen erzählten Hardboiled-Ich-Erzählung, erzählt Tade Thompson in „Der Aufstand“ parallel ungefähr ein halbes Dutzend Geschichten mit unterschiedlichen Protagonisten und wie sie sich begegnen.
Es sind unter anderem Alyssa Sutcliffe, eine in einer ruhigen Vorstadt von Rosewater lebende Ehefrau und Mutter. Eines Tages kann sie sich an nichts mehr erinnern. Ihr Körper wurde von den Außerirdischen übernommen.
Anthony ist ein menschlicher Avatar von Wormwood. Über ihn erfahren wir Leser mehr über die Außerirdischen, ihren Planeten und ihre Pläne. Denn es gibt, soviel kann verraten werden, nicht nur einen Außerirdischen.
Kaaros Freundin Aminat arbeitet für die Sektion 45. Sie soll ein Mittel gegen die Xenoform finden. Das sind Mikroorganismen, die menschliche Zellen nachahmen und so menschliche Körper übernehmen. Sie und ihre Chefin Femi werden von Jack Jacques in den Kampf um die Unabhängigkeit Rosewaters verwickelt.
Und Bewon ärgert sich mit einer Pflanze herum, die aus seiner Spüle kommt und die immer größer wird.
„Rosewater“ ist eine Ich-Erzählung im Stil eines Hardboiled-Krimis. „Der Aufstand“ ist als Ensembledrama eine episch angelegte Mischung aus Alien-Invasions-Geschichte und Politthriller, in dem es um Intrigen und Machtkämpfe geht. In beiden postmodern erzählten Science-Fiction-Geschichten gibt es außerdem eine satte Portion Cyberpunk und Afrofuturismus.
In beiden Bücher überzeugt Tade Thompson, wie auch in seinem Rätselkrimi „Fern vom Licht des Himmels“, als Stilist, schwarzhumoriger Erzähler und Schöpfer einer ganz eigenen zukünfttigen Welt.
„Rosewater“ und „Der Aufstand“ sind äußerst lesenswerte Hard-Science-Fiction-Thriller mit einem Hauch afrikanischer Mystik. Der Handlungsort und das Verwenden von Ideen des Afrofuturismus führen zu einem ganz neuen Blick auf bekannte Cyberpunk-Topoi.
In einigen Wochen erfahren wir dann, wie die Wormwood-Trilogie endet. Unter anderem sind Kaaro, seine Freundin Aminat, Femi und ‚Bicycle Girl‘ Oyin Da wieder dabei. In „Rosewater“ sollte Kaaro sie 2055 für die Sektion 45 suchen. Er führte den Auftrag anders als von seinen Auftraggebern geplant aus.
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Tade Thompson: Rosewater (Band 1 der Wormwood-Trilogie)
(übersetzt von Jakob Schmidt)
Golkonda, 2020
440 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Rosewater
Apex Publications, Lexinton, Kentucky/USA, 2016
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Britische Erstausgabe
Orbit, 2018 (Imprint von Little, Brown Book Group, London, UK)
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Tade Thompson: Rosewater: Der Aufstand (Band 2 der Wormwood-Trilogie)
Bekannt wurde Robert Kirkman mit „The Walking Dead“. Der von ihm geschriebene Comic führte zu einer Wiederbelebung von Zombies im Horrorgenre. Der Comic war auch die Vorlage für eine erfolgreiche und langlebige TV-Serie mit mehreren Spin-offs.
Daneben erfand Kirkman die 144 Hefte umfassende Serie „Invincible“. Sie erschien von 2003 bis 2018. Und damit kämen wir zu „The Astounding Wolf-Man“. Die Serie spielt im „Invincible“-Universum. Zwischen 2007 und 2010 schrieb Kirkman 25 „The Astounding Wolf-Man“-Hefte, die später in vier Sammelbänden gesammelt wurden. Jetzt sind die ersten beiden Bände auf Deutsch erschienen. Der dritte „The Astounding Wolf-Man“-Sammelband ist für Mitte Juli angekündigt.
Der titelgebende „Astounding Wolf-Man“ ist Gary Hampton, ein verheirateter erfolgreicher Geschäftsmann mit einer Tochter im Teenageralter. In den Wäldern von Montana wird er von einem Tier angegriffen. Schwer verletzt überlebt er und bemerkt seltsame Veränderungen an sich. Denn er wurde nicht von einem Bären, sondern von einem Werwolf angegriffen und seitdem ist er selbst ein Werwolf.
Während er diese Veränderung noch verarbeitet, taucht Zechariah bei ihm auf. Der Vampir erzählt ihm alles über Werwölfe und andere Wesen, die in dieser von Texter Robert Kirkman und Zeichner Jason Howard erfundenen Welt wirklich leben. In unserer Welt sind es gut abgehangene Legenden aus dem Reich der Fantasie. Dabei verwickelt Zechariah Hampton in einen seit Jahrhunderten andauernden Kampf.
Gleichzeitig setzt Hampton seine neuen Kräfte ein. Er rettet, wie es sich für einen Superhelden gehört, Menschen aus lebensgefährlichen Situationen und wird, nachdem die Medien über seine Taten berichten, zur Berühmtheit.
Und er baut für sich und seine Familie ein riesiges unterirdisches Versteck. Denn Hampton hat ungefähr so viele Geldprobleme wie Bruce Wayne. Nur muss sich Batman nicht mit einer Ehefrau und einer pubertierenden Tochter herumschlagen.
Der erste „The Astounding Wolf-Man“-Band endet mit dem Tod von Hamptons Frau.
Im zweiten Band (in dem es auch ein Crossover zu „Invincible“ gibt) wird Hampton, aufgrund der Aussage seiner Tochter, die ihn über die Leiche ihrer Mutter gebeugt sah, unter anderem von der Polizei verfolgt.
Auf den ersten Blick, also auf dem Cover, wirkt „The Astounding Wolf-Man“ wie eine Rückkehr zu den Comics aus längst vergangenen Jahrzehnten. Aber Robert Kirkman und Jason Howard konzentrieren sich von Anfang an nicht auf kurze Geschichten mit dem Bösewicht der Woche. Sie erzählen eine größere Geschichte, für die sie eine ganze Welt mit entsprechend vielen Figuren entwerfen und den Helden zum Familienvater mit entsprechenden Problemen machen. Während Batman Verbrecher jagt und den Playboy spielt, muss Hampton sich um Frau und Kind kümmern.
Das war damals – zur Erinnerung: geschrieben wurden die Comics vor über fünfzehn Jahren und teilweise noch bevor der erste „Iron Man“-Film im Kino lief – sicher ziemlich ungewöhnlich. Heute wirkt die Geschichte vom „Astounding Wolf-Man“ wie eine weitere Superheldenfamiliengeschichte, die wir so oder so ähnlich schon etliche Male gelesen oder gesehen haben.
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Robert Kirkman/Jason Howard: The Astounding Wolf-Man – Band 1
(übersetzt von Frank Neubauer)
Cross Cult, 2023
184 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
The Astounding Wolf-Man, Vol. 1
Skybound/Image Comics, 2008
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Robert Kirkman/Jason Howard: The Astounding Wolf-Man – Band 2
Jetzt ist die Neuausgabe von Frank Millers „Sin City“ komplett – und als Bonus gibt es noch ein älteres, bislang nicht ins Deutsche übersetztes Werk von Frank Miller: „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“.
Als Frank Miller in den neunziger Jahren seine ultrabrutale Version einer sündigen Hardboiled-Noir-Großstadt schrieb und zeichnete, war er in der Comicszene mit seiner bahnbrechenden Batman-Neuinterpretation, verschiedenen Beiträgen zu bestehenden DC- und Marvel-Serien und Einzelwerken wie „Ronin“, „Martha Washington“ und „Hard Boiled“ schon ein bekannter Name. „Sin City“, seine erste Soloserie, war dann sein großer Durchbruch. In ihr erzählt er, in den dunklen, selten regennassen Straßen von Sin City, Noir-Geschichten von Gangstern, Schlägern, Killern, Privatschnüfflern, Bullen, Psychopathen und vollbusigen Femme Fatales, die mal diesem, mal jenem Gewerbe nachgehen. Verrat ist immer möglich. Gewalt und Mord sind immer eine Option.
Die Serie erschien bei Dark Horse zuerst in Einzelheften und später in verschieden zusammengestellten Sammelbänden. Inzwischen hat sich die Sammlung in sieben unterschiedlich dicken Bücher durchgesetzt. Sechs von ihnen enthalten jeweils eine Geschichte. In einem siebten Band sind mehrere One-Shots gesammelt.
2005 verfilmte Robert Rodriguez mit Frank Miller und Gastregisseur Quentin Tarantino einige von Millers „Sin City“-Geschichten. Unter anderem die aus dem vierten „Sin City“-Buch „Dieser feige Bastard“.
In ihr befreit der harte Cop John Hartigan an seinem letzten Arbeitstag die elfjährige Nancy Callahan aus den Händen von Ethan Roark Jr.. Junior ist der Sohn von Senator Ethan Roark, dem Oberhaupt einer in der Stadt einflussreichen Familie. Hartigan kann Nancy, schwer verletzt, befreien. Aber aufgrund eines Komplotts wandert er für acht Jahre ins Gefängnis. Als er freigelassen wird, beginnt er Nancy zu suchen. Er will sie vor der Familie Roark beschützen. Bei seiner Suche begegnet er auch dem totgeglaubten Junior, der sich an ihm rächen will. Grandiose Lektüre.
„Familienbande“ erschien ursprünglich als eigenständige Graphic Novel. Sie ist kürzer als die anderen langen „Sin City“-Geschichten und sie ist die schwächste „Sin City“-Geschichte.
Dwight McCarthy, beschützt von der im Hintergrund agierenden Ninja-Attentäterin Miho, soll für Gail einiges über einen Anschlag von Gangstern auf einen Diner herausfinden. Daneben interessiert er sich aus ‚persönlichen Gründen‘, die erst am Ende der Geschichte enthüllt werden, für das Massaker. Bis zum Ende folgt er einem für uns undurchsichtigem Plan, der ihn durch die Nacht und die dunklen Ecken der Stadt führt.
Mein Problem mit dieser Geschichte ist, dass zu viele wichtige Motive und Hintergründe erst auf den letzten Seiten enthüllt werden.
„Bräute, Bier und blaue Bohnen“ ist eine Sammlung von elf kurzen, manchmal nur wenige Seiten langen Kurzgeschichten, die nur sehr locker miteinander verbunden sind. Wir begegnen vielen aus anderen „Sin City“-Geschichten bekannten Figuren wieder. Und wir lernen Delia kennen. Sie will Blue Eyes genannt werden und sie möchte eine Killerin werden. Ihr erster Auftrag und gleichzeitig ihre Bewährungsprobe für den Job ist ihr erster Mord: sie muss den einzigen Mann umbringen, den sie jemals geliebt hat.
Der siebte und letzte „Sin City“-Band „Einmal Hölle und zurück“ erzählt die längste „Sin City“-Geschichte. Sie besteht aus neun Einzelheften, die 1999 und 2000 erschienen. Der erfolglose Maler und desillusionierte Kriegsheld Wallace sieht, wie die ebenfalls erfolglose Schauspielerin Esther ins Meer springen will. Er hält sie davon ab, verliebt sich in sie (böser Fehler) und will ihr helfen (nächster böser Fehler). Denn die Dame befindet sich im Fadenkreuz eines Killers.
Mit fast dreihundert Seiten ist das die längste Geschichte, was auch daran liegt, dass Wallace von der Killerin Blue Eyes unter Drogen gesetzt wird und plötzlich auf einem sehr schlechten, sehr farbigem Trip ist, in dem er, neben vielen bekannten Figuren, auch Big Boy und Rusty (auf Seite 200/201) begegnet. Der Rest des Comics ist, wie alle anderen „Sin City“-Comics, in Schwarz-Weiß (und, ja, für die Pedanten, einigen Farbtupfern) und einer sehr avantgardistischen Seitengestaltung erzählt.
Die „Sin City“-Geschichten gehören immer noch zu Millers besten Werken. Sie sind, wie die aktuelle Lektüre von allen „Sin City“-Comics zeigt, immer noch äußerst lesenswerte, sehr brutale Hardboiled-Comics, die in einer zeitlosen Über-Noir-Fantasiewelt spielen.
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Während Frank Miller die „Sin City“-Geschichten schrieb, nahm er sich, nach „Hard Boiled“, die Zeit für einen weiteren Comic mit Zeichner Geof Darrow. „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“ ist ihre Version einer „Godzilla“-Geschichte, verbunden mit dem Touch eines naiven Comics für Kinder. Denn Rusty the Boy Robot sieht wie ein kleiner Junge aus. Er ist Japans letzte Verteidigungslinie gegen ein riesiges reptilienartiges Monster, das aus einem Labor ausgebrochen ist, durch Tokio trampelt, dabei Menschen tötet und Gebäude zerstört. Weil der unbekümmert hemdsärmelig auftretende Rusty das Monster nicht besiegen kann, hilft ihm im zweiten und finalen Heft (der Comic erschien ursprünglich in zwei Comicheften) Big Guy aus den USA.
Für Fans von „Godzilla“- und Monstergeschichten ist „The Big Guy and Rusty the Boy Robot“ ein Fest.
Die jetzt bei Cross Cult erschienene deutsche Erstausgabe punktet mit ihrem großen Format (22 x 32 cm), das einen förmlich in die detailreichen, teils doppelseitigen Panels von Zeichner Geof Darrow und Kolorist Dave Stewart versinken lässt. Es gibt außerdem eine Cover-Galerie, eine Pin-Up-Galerie und eine weitere Geschichte mit den beiden Helden („Das Ungeheuer vom Unabhängigkeitstag!“).
Frank Miller: Sin City: Dieser feige Bastard (Band 4)
(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz und Andreas Mergenthaler)
Cross Cult, 2023
240 Seiten
30 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 4: That Yellow Bastard (# 1 – 6)
Dark Horse, 1996
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Frank Miller: Sin City: Familienbande (Band 5)
(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Andreas Mergenthaler)
Cross Cult, 2023
144 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 5: Family Values
Dark Horse, 1997
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Frank Miller: Sin City: Bräute, Bier und blaue Bohnen (Band 6)
(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Andreas Mergenthaler)
Cross Cult, 2023
168 Seiten
25 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 6: Booze, Broads, & Bullets
Dark Horse 1993/1994/1995/1996/1997
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Frank Miller: Sin City: Einmal Hölle und zurück (Band 7)
(übersetzt von Rossi Schreiber, Lutz Göllner und Dirk Lenz)
Cross Cult, 2023
328 Seiten
45 Euro
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Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volumen 7: Hell and Back (#1 – 9)
Dark Horse, 1999 – 2000
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Frank Miller/Geof Darrow/Dave Stewart: The Big Guy and Rusty the Boy Robot
Mit einem Familienurlaub beginnt Denise Minas zweiter Kriminalroman mit Anna McDonald. Die Idee für den gemeinsamen Urlaub in einem Leuchtturm in der Nähe von Glasgow hatte Anna. Doch schnell hat sie genug von den Streitigkeiten und sie nimmt begeistert die erste Gelegenheit wahr, um abzuhauen. Beim Checken ihrer Mails stolpert sie nämlich über eine Mail, in der es um die verschwundene YouTuberin Lisa Lee geht. Sie hat in einem verfallenen Château irgendwo in der französichen Provinz eine römische Schatulle entdeckt und ein Video über diese Expedition veröffentlicht. Diese Schatulle ist jetzt im Katalog eines Auktionshauses gelistet. Es besteht der Verdacht, dass sie – gegen den Ehrenkodex der Urban Explorer – die sogenannte Voyniche-Schatulle mitgenommen und dem Auktionshaus gegeben hat.
Und schon beginnt Anna, zusammen mit ihrem Mit-Podcaster Fin Cohen, Material für eine neue Folge ihres gemeinsamen Crime-Podcast zu recherchieren. Einen Teil der Recherche, sozusagen den langweiligen Teil der Recherche, ‚hören‘ wir dann als Podcast-Folgen. Den, nun, spannenden Teil der Recherche, der teils aus verschiedenen Gründen so nicht im Podcast erzählt wurde (wird? Nun, ihr wisst was gemeint ist), erleben wir dann live. Ihr Begleiter, Führer, Antreiber und Türöffner bei der Suche nach Lisa Lee wird Bram van Wyk. Er behauptet, der rechtmäßige Besitzer der Schatulle zu sein. Er erzählt ihnen einiges über die Vergangenheit und der Bedeutung der Schatulle für Gläubige und die Kunstwelt. Er führt sie in die Welt des internationalen, nicht immer legalen Kunsthandels ein. Er ist äußerst vermögend. Und seine Motive sind unklar. Oder anders gesagt: Anna und Fin wissen nicht, wie sehr, falls überhaupt, sie ihm vertrauen können.
Dieser klug und spannungsfördernd orchestrierte Wechsel zwischen dem nach dem Ende des Abenteuers aufgenommenen Podcast, der wie eine spannende Reportage gestaltet ist, und den Recherchen von Anna und Fin dafür, macht einen guten Teil des Reizes von Denise Minas neuem Buch aus.
Ein anderer Teil des Reizes ist die Welt, in die uns die Geschichte entführt. Es ist zu einem kleinen Teil die Welt der Urban Explorer, die verlassene Gebäude erkunden (natürlich ohne die Besitzer um Erlaubnis zu fragen) und, zu einem größeren Teil, die der Kunstjäger und -sammler, denen der Besitz eines Artefakts wichtiger als dessen lupenreine Herkunft ist.
Ein weiterer Teil des Reizes liegt einfach in der Geschichte. Sicher, Lisa Lee ist verschwunden und möglicherweise tot. Aber das wissen wir nicht. Deshalb erzählt „Fester Glaube“ in erster Linie die Geschichte von der Suche nach einer spurlos verschwundenen YouTuberin, die irgendwie in die Fänge internationaler illegaler Kunsthändler geriet. Und weil für mich ein guter Krimi nicht unbedingt eine Mördersuche sein muss, freue ich mich über jeden Krimi, der kein Tätersuchspiel ist.
Aber so richtig hat mich „Fester Glaube“ nie gepackt. Schon die Prämisse – eine wertvolle Schatulle steht unberührt in einer Ruine herum, bislang hat sie niemand mitgenommen und, nachdem Lisa Lee ihr Video hochgeladen hat, glaubt sie, dass niemand die Ruine erkennt und die herrenlose Schatulle stiehlt – fand ich, – Ehrenkodex der Urban Explorer hin, Ehrenkodex der Urban Explorer her -, unglaubwürdig. Mir war auch nie ganz klar, warum van Wyk einen so komplizierten Weg wählt, um an die Schatulle zu gelangen – und dabei Anna und Fin immer mitnimmt. Außerdem plätschert die Story, nach einem flotten Anfang, doch arg vor sich hin. Es gibt keine konkreten Spuren zu Lisa Lee und damit ist auch unklar, warum sie verschwunden ist, ob sie entführt oder sogar ermordet wurde.
Nach einer Katastrophe, über die wir nichts genaues erfahren, ist die Welt wieder einmal in einen vorindustriellen Zustand zurückgefallen. Eine Gesellschaft oder auch nur nennenswerte Gemeinschaften scheint es nicht mehr zu geben.
In einer Sumpflandschaft lebt ein Vater mit seinen beiden Söhnen zurückgezogen in einer Hütte. An das Flußufer werden immer wieder Leichen von Menschen angespült. Sie sind so giftig, dass sie sofort wieder ins Wasser geworfen werden.
Zu ihrem Nachbarn Aringo beschränkt sich der Kontakt auf den Tauschhandel. Die anderen Nachbarn, die Hexe und die Grosskopf-Zwillinge, trifft man noch seltener. Und obwohl der Vater ein Tagebuch führt, bringt er seinen Kindern nicht lesen und schreiben bei.
Nach seinem Tod machen die beiden Brüder sich auf den Weg. Sie wollen jemand finden, der ihnen das Tagebuch ihres Vaters vorlesen kann
Der italienische Künstler Gipi (aka Gian Alfonso Pacinotti) lässt in seiner dystopischen Graphic Novel „Die Welt der Söhne“ eindeutig die Bilder sprechen. Geredet wird wenig. Erklärt noch weniger. Die Panels sind nur mit einem Stift gezeichnete SW-Skizzen, die sehr präzise und eindrücklich zeigen, wie wenig lebenswert diese Welt der Söhne ist.
Der Comic wurde 2021 von Claudio Cupellini verfilmt.
Schon auf dem Buchcover steht „James Bond ist verschwunden“ – und beim Lesen; doch dazu später mehr. Also: James Bond ist bei seiner letzten Mission vor 17 Monaten spurlos verschwunden. Möglicherweise ist er sogar im Einsatz verstorben. Seine Kollegen vom MI6, die bislang in den James-Bond-Romanen nur dazu da waren, um vor dem Beginn des Romans von dem Bösewicht getötet zu werden, rücken in Kim Sherwoods „James Bond“-Roman „Doppelt oder nichts“ in den Mittelpunkt. Das „James Bond“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt, weil ihr Roman, der auch der Auftakt einer Trilogie ist, zwar in der Welt von James Bond spielt, aber James Bond im ersten Roman überhaupt nicht auftritt. Er wird auch nicht als James-Bond-Roman, sondern etwas nebulös als Double-0-Roman beworben. In „Doppelt oder nichts“ müssen 003 (Johanna Harwood), 004 (Joseph Dryden) und 009 (Sid Bashir) die Welt retten und dabei herausfinden, was mit dem von ihnen bewunderten 007 geschehen ist.
Drei 00-Agenten eröffnen erzählerische Möglichkeiten, die in den traditionellen 007-Romanen nicht vorhanden sind. Dort und in den Filmen geht es immer um einen Agenten, der in einer lebensgefährlichen Mission gegen einen Bösewicht kämpfen und die Welt retten muss. Bond ist dabei ein das gute Leben genießender, allein lebender Weltreisender. Bei den von Sherwood erfundenen 00-Agenten ist das anders. Sie sind jünger, haben verschiedene Geschlechter, sind ineinander verliebt und müssen mit sehr alltäglichen Problemen kämpfen. Mit diesem Kniff können in der James-Bond-Welt auch Fragen von Race und Gender aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Die Agenten können sich mit für James Bond undenkbaren Problemen herumschlagen. Die Romane können in der Gegenwart spielen und an aktuelle Diskurse anknüpfen. Das war bei den in den fünfziger und sechziger Jahren spielenden Romanen von Sebastian Faulks, William Boyd und Anthony Horowitz, die in den vergangenen Jahren James-Bond-Romane schrieben, anders.
So bestechend Sherwoods Idee auf den ersten Blick auch ist, so unbefriedigend ist dann die Ausführung. Einiges liegt dabei an der „ein James-Bond-Roman ohne James Bond“-Idee, einiges an der Ausführung. Beginnen wir mit der Idee. Natürlich ist die Frage berechtigt, wer die anderen 00-Agenten sind und welche Missionen sie haben. Nur stehen wir jetzt vor der Frage, welche Missionen das sein sollen. Weil James Bond der beste Agent des Geheimdienstes ist und er gegen die gefährlichsten Bösewichter kämpfen muss, bleibt für die anderen 00-Agenten nur noch der Rest, also zweit- bis drittklassige Bösewichter, übrig. Und, egal wie gut sie sind, sie sind immer schlechter als James Bond. Sie sind die Ersatzmannschaft, die niemand sehen will. Weil sie schlechter als James Bond sind, müssen sie Qualität durch Quantität aufwiegen. Sherwood schickt also drei 00-Agenten in den Kampf gegen den Bösewicht, der möglicherweise James Bond tötete. Diese Agenten muss sie zuerst einmal etablieren. In verschiedenen Handlungssträngen jagen sie dann den Bösewicht. Diese Konstruktion führt dazu, dass „Doppelt oder nichts“ mit 496 Seiten einer der längsten Romane im James-Bond-Kosmos ist. Nur Jeffery Deavers James-Bond-Roman „Carte Blanche“ ist mit 544 Seiten länger.
Dazu kommt, dass sich die Story in „Doppelt oder nichts“ unglaublich zäh entwickelt. Das liegt, wie gesagt, an den verschiedenen Handlungsstränge, die bedient werden müssen, den vielen, die Story nicht weiterbringenden Erklärdialogen und dass die Geschichte in einem unnötig kompliziert zu lesendem Gemisch aus Gegenwarts-Handlung, Rückblenden und Erinnerungen erzählt wird.
Was geht in den USA vor? Und wie kann die aktuelle allumfassende Dysfunktionalität des Systems erklärt werden? Mit seinem Buch „Die zerrissenen Staaten von Amerika: Alte Mythen und neue Werte – ein Land kämpft um seine Identität“ versucht ARD-Hörfunkjournalist Arthur Landwehr das Mysterium USA zu erklären ohne sich zu sehr in die Tagespolitik zu verstricken.
Denn bei der sich aktuell im Vorwahlkampf befindenden rasend schnell entwickelnden Politik und den vielen Anklagen und Gerichtsverfahren in die Donald Trump verwickelt ist, ist das gedruckte Buch, egal wie oft und wie umfassend es vor der Veröffentlichung aktualisiert wird, in Teilen veraltet. So nennt Landwehr mehrmals Ron DeSantis als aussichtsreichen Gegner von Trump im Vorwahlkampf der Republikaner. Inzwischen ist DeSantis aus dem Wahlkampf ausgestiegen. Seiner Kampagne wird das bislang schlechteste Verhältnis von eingesetztem Geld und gewonnenen Stimmen bescheinigt. Nikki Haley, die im Buch nicht erwähnt wird, ist im Moment Trumps einzige Gegenkandidatin. Ihre einzige Chance auf die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Republikaner besteht darin, so lange im Rennen zu bleiben, bis Trump aufgrund irgendwelcher Gerichtsentscheide oder einer aktuell nicht vorhersehbaren überraschenden Entwicklung aus dem Rennen aussteigt.
Landwehr versucht eher herauszufinden, warum Menschen Donald Trump wählen oder ihn vehement ablehnen. Er konzentriert sich auf die das Land im Moment definierenden kulturellen Konflikte. Es geht um die Culture Wars, in denen politische und auch wissenschaftliche Fragen durch die Brille eines Kulturkampfes betrachtet und als Identitätsfragen definiert werden. In dem Moment geht es nicht mehr um ein politisches Problem, das politisch gelöst werden kann, sondern um eine Frage der Identität. Da sind Kompromisse schwierig bis unmöglich. Es geht um den Waffenfetischismus der Amerikaner und den Mythos der Freiheit, der sich in der Vergangenheit in langen Fahrten auf der Highway und häufigen Umzügen manifestierte. Es geht um den alltäglichen Überlebenskampf in den USA. Aufgrund des dort bestenfalls rudimentär vorhandenen Sozialstaats sind viele US-Amerikaner verschuldet und sie fürchten täglich um ihre Existenz. Einkommen sind zunehmend ungleich verteilt. Universitäten und Leistungen des Gesundheitssystems können sehr schnell sehr teuer werden und ganze Existenzen ruinieren. Trotzdem lehnen Konservative eine Änderung hin zu einem Sozialstaat europäischer Prägung vehement als ‚Sozialismus‘ ab. Erinnert sei hier an die Versuche der Republikaner, Obamacare während der Trump-Präsidentschaft abzuschaffen.
Diese verschiedenen Probleme, die auf konservativer Seite entstehen, weil es eine größer werdende Kluft zwischen Mythos, dem damit verbundenem Selbstbild und der Realität gibt, beschreibt Landwehr anhand von Begegnungen mit Menschen, die er während seiner Arbeit hatte.
Dabei kann der Eindruck entstehen, das der aktuelle Tribalismus in den USA gottgegeben ist. Das ist Quatsch. Er wird von bestimmten Strukturen und Menschen erzeugt und befördert. So sind die Republikaner bereit, alle demokratischen Werte zu opfern, um an die Macht zu gelangen und an der Macht zu bleiben. Das war früher anders. Das US-amerikanische Wahlrecht befördert eine Polarisierung. Das Mediensystem ist ebenso polarisiert. Evangelikale verstehen sich als politische Akteure, die ihre Agenda mit allen Mitteln durchsetzen wollen. Das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs und das Bannen von unliebsamen Büchern aus Schulbibliotheken gehören dazu. Alle diese Akteure verfolgen ihre Agenda kompromisslos. Sie forcieren Konflikte und ändern Gesetze und Regeln zu ihren Gunsten. So wird in den USA aktuell über das Verbot von jedem Schwangerschaftsabbruch diskutiert. Diese Punkte werden von Landwehr höchstens gestreift.
Das macht „Die zerrissenen Staaten von Amerika“ zu einem Überblick über die US-amerikanische Gefühlslage, der weitgehend anekdotisch bleibt und sich primär an Menschen richtet, die nicht regelmäßig Zeitung lesen.
Die Lesungen könnten allerdings interessant sein, weil ARD-Korrespondent Landwehr dann mehr ins Detail gehen und aktuelle Eintwicklungen erklären kann.
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Arthur Landwehr: Die zerrissenen Staaten von Amerika – Alte Mythen und neue Werte – ein Land kämpft um seine identität
Der bislang letzte Wyatt-Roman: dieses Mal will Profieinbrecher Wyatt (kein Vorname) den betrügerischen Finanzberater Jack Tremayne ausrauben. Treymayne hat deswegen inzwischen Probleme mit dem Gesetz. Eine Haftstrafe droht ihm. Er will sie vermeiden, indem er mit einem Koffer voller Geld flüchtet. Dieses Geld will Wyatt klauen. Aber der einfache Einbruch läuft ziemlich schnell ziemlich spektakulär aus dem Ruder.
„Moder“ stand 2019 auf der Shortllist für den Ned Kelly Award.
Garry Disher serviert in seinem neunten Wyatt-Krimi gewohnt spannende Lektüre. Der von ihm erfundene Profigangster ist erkennbar Parkers australischer Bruder ist und wer die Parker-Krimis von Richard Stark (Donald E. Westlake) liebt, wird auch Dishers Wyatt-Romane mögen.
„Moder“ ist ein absoluter Lesebefehl für Fans von gut abgehangenen Hardboiled-Gangsterromanen.
Danach kann man die davor erschienenen acht Wyatt-Romane lesen. Die Reihenfolge ist egal.
Das Foto von Garry Disher mit seinen damals neuesten Büchern „Moder“ und „Stunde der Flut“ (Unionsverlag, ein lesenswerter Polizeikrimi; ach eigentlich sind alle seine Bücher lesenswert) schoss ich im Oktober 2022.
Leonardo Sciascias „Die Affaire Moro. Ein Roman“ erschien, nachdem es jahrelang nur antiquarisch erhältlich war, jüngst in einer Neuübersetzung mit viel Bonusmaterial. Der „Roman“ führt uns zurück in das chaotische Italien der siebziger Jahre, als die Regierungen täglich wechselten, aber immer die selben Männer regierten. Und der intellektuell gut unterfütterte Linksterrorismus Angst und Schrecken verbreitete. Am 16. März 1978 entführte die linke Terrorgruppe Rote Brigade (Brigate Rosse) den Abgeordneten Aldo Moro. Er war der Vorsitzende des Nationalrats der Democrazia Cristiana und einer der Männer, der den ‚Historischen Kompromiss‘ zwischen der Partito Comunista Italiano (PCI) und der Democrazia Cristiana (DC) ausgehandelt hatte. Wenige Tage vor seiner Entführung sprach Moro sich für eine Minderheitenregierung unter Führung seines DC-Parteigenossen Giulio Andreotti aus. Am Tag seiner Entführung wird Andreotti mit großer Mehrheit im Parlament bestätigt.
Die Entführung entwickelt sich zur Staatsaffäre, weil Moro aus seiner Gefangenschaft Briefe schreibt, die teils in Zeitungen gedruckt werden und in denen Moro um sein Leben fleht. Aber die Regierung weigert sich, mit den Entführern Verhandlungen über eine Freilassung Moros zu führen. Seine Briefe waren schon damals Briefe, die ein zum Tode Verurteilter schrieb.
Am 9. Mai 1978 wird in der Innenstadt Roms Moros Leiche im Kofferraum eines Renault 4 gefunden.
Bis heute sind nicht alle Hintergründe der Entführung und Ermordung Aldo Moros geklärt.
Leonardo Sciascia, ein schon damals seit Jahren bekannter Romanautor (mit angenehm kurzen Büchern über die Mafia, die Kirche, Korruption und ‚Italien‘) und, ab 1975, Abgeordneter für die Partito Comunista Italiano (PCI) und die Partito Radicale im Stadtrat von Palermo, im Abgeordnetenhaus und im Europaparlament, schrieb im Sommer 1978 „Die Affaire Moro“. Es ist eine Streitschrift, die er „Roman“ nannte, die aber besser als eine tiefgehende Textanalyse von Moros Briefen und weitergehenden Gedanken über die Stimmung in Italien und innerhalb der Regierung beschrieben werden kann.
Damals war „Die Affaire Moro“ eine unmittelbare politische Intervention, die sich an ein italienisches Publikum richtete. Heute ist sie ein schwer verständliches historisches Werk. Die Hintergründe von Moros Entführung, die Stimmung in Italien vor gut fünfzig Jahren und die Anspielungen sind heute nur noch wenigen Menschen bekannt. Entsprechend sinnvoll sind die Ergänzungen, die die Edition Converso abdruckte. Es sind eine Zeitleiste, der von Leonardo Sciascia vorgelegte Bericht der Parlamentarischen Minderheit und ein Nachwort von Fabio Stassi. Aber das ändert nichts daran, dass „Die Affaire Moro“ doch eher ein Buch für an der Nachkriegsgeschichte Italiens Interessierte und für Sciascia-Komplettisten ist.
Die können bei dieser Neuübersetzung, auch wegen des Bonusmaterials, bedenkenlos zugreifen.
Andere sollten ihr Sciascia-Fantum besser mit Sciascias auch erfolgreich verfilmten Mafia-Romanen wie „Der Tag der Eule“ (verfilmt als „Don Mariano weiß von nichts“), „Tote auf Bestellung“ (verfilmt als „Zwei Särge auf Bestellung“), „Tote Richter reden nicht“/“Der Zusammenhang“ (verfilmt als „Die Macht und ihr Preis“), „Todo modo oder das Spiel um die Macht“ und „Der Abbé als Fälscher“/“Das ägyptische Konzil“ (der wurde nicht verfilmt) beginnen.
In einem Diner, das niemals irgendeinen „Nighthawks“-Charme versprühte, spricht ein Mann die drogensüchtige Dee an. Er bietet ihr fünfhundert Dollar pro Tag an, wenn sie jeden Tag eine Lampe über einer Tür einschaltet.
Selbstverständlich nimmt sie das Angebot an und fragt sich kurz darauf, wie sie das Geld ausgeben kann.
So beginnt der neue Comic „November“ von Autor Matt Fraction („Sex Criminals“, „The Immortal Iron Fist“, „Hawkeye“), Zeichnerin Elsa Charretier und Kolorist Matt Hollingsworth. In Deutschland erschien die Geschichte in zwei Bänden. Im Original in vier Heften. Dabei erzählen Fraction, Charretier und Hollingsworth eine Geschichte, die nur als Gesamtgeschichte irgendeinen Sinn ergibt. Im ersten Band „Die Frau auf dem Dach“ werden die Figuren eingeführt, Fragen gestellt und Rätsel formuliert. Im zweiten Band „Die Stimme am Telefon“, der die Kenntnis des ersten Bandes voraussetzt, werden sie in einem blutigen Finale beantwortet.
Die Geschichte spielt in einer namenlosen Großstadt in einer Nacht. Neben Dee werden Emma-Rose, die den Revolver eines Polizisten in der Gosse findet und ihren Fund nichtsahnend der Polizei meldet, und die Polizistin Kay Kowalski, die im Revier als Telefonistin arbeitet, aber höhere Ambitionen hat, in einen Strudel der Gewalt gerissen, den sie nur gemeinsam übeleben können.
„November“ ist ein spannendes Noir-Update, das nichts von der Heimeligkeit klassicher Noirs, sondern viel mehr mit Frank Millers „Sin City“ und, auch stilistisch, den Noirs von Darwyn Cooke und Ed Brubaker zu tun hat. Nur dass in Fractions Geschichte drei Frauen im Zentrum stehen.
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Matt Fraction/Elsa Charretier/Matt Hollingsworth: November: Die Frau auf dem Dach (Band 1)
(übersetzt von Stephanie Grimm)
Schreiber und Leser, 2022
152 Seiten
29,80 Euro
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Matt Fraction/Elsa Charretier/Matt Hollingsworth: November: Die Stimme am Telefon (Band 2)
Besonders der zweite Band der dreibändigen Komplettausgabe von Ed Brubakers „Catwoman“-Run liegt mit über vierhundert Seiten schwer in der Hand. Es sind die großen, schweren Seiten eines großformatigen Comics.
Von August 2001 bis Januar 2005 machte Ed Brubaker, zunächst mit Darwyn Cooke, in grandiosen, jeweils mehr oder weniger viele Einzelhefte umfassenden Noir-Geschichten, die mehr oder weniger unabhängig voneinander gelesen werden können, aus ‚Catwoman‘ Selina Kyle eine Frau, die in Gotham City ihrer Gemeinde, dem Kriminalitätshotspot East End, etwas zurückgeben will. Und das bedeutet, gegen das lokale Verbrechen zu kämpfen. Das tut sie als versierte Einbrecherin und als ‚Sozialarbeiterin‘. Und sie hilft Freundinnen und Bekannten, die in Schwierigkeiten stecken.
Brubakers „Catwoman“-Geschichten sind eine fabelhafte Noir-Lektüre am Puls der Zeit. Den zweiten Sammelband halte ich für etwas gelungener als den dritten Sammelband. Das liegt aber hauptsächlich daran, dass Ed Brubakers „Catwoman“-Interpretation mit seinem mehrere Hefte umfassendem Beitrag zum Batman-Crossover-Event „War Games“ (Kriegsspiele) endet und diese „Catwoman“-Geschichte liest sich wie eine Geschichte, die aus der Hauptgeschichte herausgeschnitten und weggelegt wurde.
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Ed Brubaker/Steven Grant/Cameron Stewart/Javier Pulido/Brad Rader: Catwoman (Band 2)
(übersetzt von Andreas Kasprzak)
Panini, 2022
412 Seiten
40 Euro
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enthält
Catwoman # 10 – # 24
DC Comics, Oktober 2002 – Dezember 2003
Catwoman Secret Files and Origins 1
DC Comics, November 2002
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Ed Brubaker/Paul Gulacy/Sean Phillips/Diego Olmos: Catwoman (Band 3)
Es hätte ein kleiner, netter Abenteuerfilm werden können. So einer, in denen die Fantasie des Autors plötzlich lebendig wird und er durch ein abstruses, ihn überforderndes Abenteuer stolpert. Nichts anspruchsvolles. Nichts, das die Welt verändert, sondern einfach nur anderthalb bis zwei Stunden Spaß.
Vorletztes Jahr erlebte Sandra Bullock in „The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt“ so ein Abenteuer. Dieses Mal ist es Bryce Dallas Howard. Sie spielt die Bestsellerautorin Elly Conway. Sie schreibt Agententhriller, die auch gut als James-Bond-Filme funktionieren würden. Ihr Held, Agent Aubrey Argylle, sieht dann auch wie James Bond aus. Nur dass Henry Cavill diesen Argylle wie einen doof grinsenden Kleiderständer ohne Eigenschaften spielen muss. Aber, hey, Argylle ist ja kein realer Agent, sondern nur ein Fantasieagent in trashigen Pulp-Geschichten.
Als Elly auf dem Weg zu ihrer Mutter in einem Zug dem zotteligen und nervigen Aidan (Sam Rockwell) begegnet, gerät ihr wohlgeordnet-langweiliges Leben aus den Fugen. Aidan sieht wie ein Penner aus, behauptet aber, ein Geheimagent zu sein und dass sie in Lebensgefahr schwebt, weil ihre Bücher reale Ereignisse aus der Welt der Spionage beschrieben. Natürlich hält sie den Penner für einen Spinner. Noch während sie überlegt, wie sie ihn loswerden kann, wird ein Anschlag auf sie verübt und Aidan beschützt sie in einer filmwürdigen Aktion gegen einen „Bullet Train“ voller Angreifer. In dem Moment sieht sie Aidan als Argylle – und Regisseur Matthew Vaughn wechselt bruchlos zwischen Sam Rockwell und Henry Cavill.
Danach machen Aidan und Elly sich in einem Privatjet von den USA auf nach London. Dort hofft Aidan, mit Ellys Hilfe, an ein wichtiges Dokument zu kommen, bevor es in die falschen Hände fällt.
Aus der Idee hätte etwas werden können. Immerhin hat Matthew Vaughn mit „Kick-Ass“ und den drei „Kingsman“-Filmen gezeigt, dass er fantastische Welten entwerfen kann. Auch wenn in beiden Fällen die Grundlagen der Welt von Mark Millar für seine Comics erfunden wurde. Mit „X-Men: Erste Entscheidung“ drehte Vaughn den besten Film des „X-Men“-Franchise. Aber dieses Mal bleibt der Aufbau der Welt, in der der Film spielt, reichlich nebulös.
Der Spionageplot, der sich nach der Begegnung im Zug entwickelt, bleibt vollends undurchsichtig. Es geht um eine wichtige Datei, an die alle ran wollen. Warum sie wichtig ist, ist egal. Das ist sogar für einen MacGuffin arg wenig. Wer die guten, wer die bösen Agenten sind, bleibt auch unklar. Die einen kämpfen halt gegen die anderen. Und im viel zu lang geratenen Finale gibt es dann so viele Twists und damit verbundene Erklärungen über damit verbundene Doppelspiele und Manipulationen, dass sich am Ende ein Gefühl großer Egalheit einstellt.
Die Filmgeschichte bewegt sich in schönster James-Bond-Tradition rund um den Globus. Es beginnt in Griechenland mit einer CGI-Actionszene, die so schlecht ist, dass ich sie zuerst für eine Parodie auf schlechte CGI-Actionszenen hielt. Immerhin ist es eine Szene aus einem von Elly Conway geschriebenem Argylle-Abenteuer. Aber später, wenn die Filmgeschichte dann nicht mehr in der Romanwelt, sondern in der realen Welt spielt, wird es nicht besser. Weitere Stationen der Geschichte sind Colorado, London, Frankreich, die Arabische Halbinsel und die sich an einem zunächst unbekannten Ort befindende Zentrale des Bösewichts. Diese wird – immerhin ist „Argylle“ ein James-Bond-Ripp-off – am Filmende zerstört. Das geschieht eher beiläufig und erschreckend desinteressiert; – naja, auch die Zerstörung der Zentrale des Bösewichts im letzten Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ war enttäuschend. Aber im Gegensatz zu den Bond-Filmen, die immer vor Ort gedreht werden, ist „Argylle“ kein Globetrotter. Gedreht wurde in London und alles sieht immer nach Studio aus.
Die Action, die in Vaughns anderen Filmen die meist ultrabrutalen und übertriebenen Höhepunkte des Films sind, enttäuscht. Sie wirkt als ob er einen weiteren FSK-16-Film hätte drehen wollen, dann aber alles Blut entfernte. So sind auf der Tonspur Schüsse, Messerstiche und krachende Knochen zu hören, aber zu sehen ist nichts. Auf dem Hemd ist kein Blutfleck zu sehen. Wenn Glieder abgetrennt werden, spritzt kein Blut. Auch wenn wir wissen, dass nach einer solchen Aktion überall im Raum Arme, Beine, Köpfe liegen sollten, ist da nichts zu sehen. Den Rest erledigen schnelle, desorientierende Schnitte und eine meist schlampig arbeitende Spezialeffekte-Abteilung.
Und damit kämen wir zu den Schauspielern. Ein Blick auf die Besetzung verspricht ein stargarniertes Abenteuer. Aber die meisten der Stars haben nur kurze Auftritte, die manchmal sogar nur die Länge eines Cameo haben. Wer wegen Dua Lipa, John Cena, Samuel L. Jackson, Sofia Boutella oder Richard E. Grant in die Actionkomödie geht, dürfte enttäuscht werden. Sogar Henry Cavill, der den Fantasieagent Argylle spielt, ist nur wenige Minuten im Film.
Wer allerdings wegen Sam Rockwell in den Film geht, darf sich freuen. Immer wenn er im Bild ist, und er ist oft im Bild, wird es spaßig. Rockwell überzeugt restlos als durchgehend leicht unzurechnungsfähiger Geheimagent, der die von Bryce Dallas Howard unauffällig gespielte Damsel in Distress und ihre Katze beschützen muss.
„Argylle“ hätte eine nette kleine Actionkomödie werden können. Es wurde ein mit 139 Minuten mindestens vierzig Minuten zu langer, überladener Mash-up bekannter und besserer Filme.
Argylle(Argylle, USA 2024)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jason Fuchs
mit Bryce Dallas Howard, Sam Rockwell, Bryan Cranston, Catherine O’Hara, Henry Cavill, Sofia Boutella, Dua Lipa, Ariana DeBose, John Cena, Samuel L. Jackson, Richard E. Grant
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Der Schmöker aus dem Film
Im Film sehen wir öfter das Cover von Elle Conways Bestseller-Thriller „Argylle“. Es wird gesagt, es sei spannend. Aber stimmt das?
Jedenfalls erzählt der Roman eine ganz andere Geschichte. Der ultrarechte russische Milliardär Wassili Federow alias Christopher Clay will Russland wieder zu alter Größe zurückführen. Um beim Volk Eindruck zu schinden, möchte er ihm das im Zweiten Weltkrieg spurlos verschwundene Bernsteinzimmer schenken.
Um Federows Pläne zu verhindern, schickt die CIA-Direktorin ihren besten Agenten los. Argylle soll den nächsten Kalten Krieg (und den nächsten Weltkrieg) verhindern.
Zugegen, die Prämisse ist etwas umständlich. Aber so eine Schatzsuche kann locker einige Seiten füllen. Und vor dem Beginn der Schatzsuche erfahren wir erst einmal vieles aus Argylles Vergangenheit, über seine Eltern und seine Kameraden, wie Wyatt, der im Film von John Cena gespielt wird.
Nachtrag (6. 2. 24): Enttäuschend. Verzichtbar. Da bleibe ich lieber bei Richard Castle.Oder lese noch einmal einen alten James-Bond-Roman. Die sind um Klassen besser.
Jahrelang erzählte er uns, er sei ein schluffiger, erfolgloser, in den Tag hineinlebender, mit einem Känguru zusammen lebender Kleinkünstler.
Angesichts seines Outputs – unter anderem vier Känguru-Bücher, zwei Känguru-Comics, zwei Känguru-Filme, zwei Science-Fiction-Romane – war das schon länger zweifelhaft.
Jetzt erfahren wir, dass er Vater von zwölfjährigen Zwillingen (schon wieder die „zwei“) ist.
Wahrscheinlich erfahren wir demnächst, dass er nicht in Kreuzberg, sondern in Kladow in einem Reihenhaus lebt und jeden Sonntag (soviel Widerstand gegen die samstags singenden Rasenmäher muss sein) den Rasen mäht.
Doch bis dahin können wir uns mit seinem neuen Roman „Der Spurenfinder“, geschrieben von Marc-Uwe Kling, zusammen mit seinen Töchtern Johanna und Luise, beschäftigten. Es ist eine „Fantasy-Krimi-Komödie“ die einem Mittelalter-Fantasy-Land spielt. Elos von Bergen, der titelgebende Spurensucher, ist der Held. Nach zahlreichen Abenteuern, so fing er den Traummörder von Altschwanenberg und löste das Rätsel der Obelisken von Tarnok, lebt er mit seinen Kindern Ada und Naru, zwei zwölfjährige Zwillinge, in Friedhofen zusammen. Es ist ein kleiner, friedlicher, um nicht zu sagen XXXlangweiliger Ort. Das ändert sich, als der Dorfvorsteher ermordet wird und Elos von Bergen beginnt, den Mörder zu suchen. Seine beiden naseweisen Kindern helfen ihm dabei. Zuerst im Dorf. Später, nachdem sie dort nur eine Gestaltwandlerin entdeckten, machen sie sich auf den Weg nach Drachenberg. In der Kaiserstadt, was ein altmodisches Wort für Hauptstadt ist, hoffen sie den Mörder und das Motiv für den Mord zu finden. Zunächst stolpern sie allerdings in Palastintrigen und den Kampf um die Herrschaft über das Reich.
In dem Moment in dem sie Friedhofen verlassen, wird aus dem auf dem Cover angeteasertem Rätselkrimi eine altmodische Abenteuergeschichte, in der Marc-Uwe Klings bekannter Humor nur noch in homöopatischen Dosen vorkommt. Bei der Beschreibung von Friedhofen und dem Beginn der Mördersuche ist er reichlich vorhanden. Die Erlebnisse das Vater-Sohn-Tochter-Trio auf der Reise und in Drachenberg sind dann nicht mehr so witzig. Stattdessen werden in der zweiten Hälfte des Romans aus Abenteuer- und Fantasy-Geschichten bekannte Handlungselemente formelhaft aneinandergereiht. Die Gags wiederholen sich, bis sie zu nicht mehr witzigen Running Gags werden. Das macht „Der Spurenfinder“ zu Klings langweiligstem Buch.
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Marc-Uwe Kling/Johanna & Luise Kling: Der Spurenfinder