Das Biest muss sterben (Que la bête meure, Frankreich/Italien 1969)
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
LV: Nicholas Blake: The Beast must die, 1938 (Mein Verbrechen)
Ein unbekannter Raser überfährt in einem bretonischen Dorf den neunjährigen Sohn des Kinderbuchautors Charles Thénier. Weil die Polizei den Täter nicht überführt, beginnt Thénier ihn auf eigene Faust zu suchen. Anschließend will er ihn umbringen.
Chabrol-Klassiker, der damals einen bemerkenswerten Film nach dem nächsten drehte.
Klassisch sind auch die ersten Zeilen von Blakes Roman: “Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten.”
mit Michel Duchaussoy, Caroline Cellier, Jean Yanne, Maurice Pialat
Alter deutscher Titel: Das Biest muß sterben
Wiederholung: Montag, 27. April, 01.10 Uhr (Taggenau!)
Die zwölfjährige Nina möchte wissen, wer ihre vor acht Jahren verstorbene Mutter war. Und sie hätte gerne ein Bild von ihr. Denn irgendwie gelang es ihr immer, nicht fotografiert zu werden. Auf keinem Bild ist ihr Gesicht erkennbar. Ihr Vater hat eine neue Freundin. Ob sie allerdings länger in der sehr freigeistig-künstlerischen, beeindruckend harmonischen Familie bleibt, ist unklar. Einige seiner Freundinnen störten sich schon an ihrem allabendlichen gemeinsamen Abendessen: sie sehen sich eine Folge „Mord ist ihr Hobby“ (Murder, she wrote) an, rätseln und essen Pizza. Ihr Vater produziert Trickfilme, in denen Realität und Fantasie zu einer neuen Fantasiewelt werden. Ihr jüngerer Bruder zaubert und möchte, dass sie ihm jeden Abend neue Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Ein Klassenkamerad hat sich in sie verliebt, aber Nina ist noch nicht so weit. Sie will nämlich bessere Geschichten für ihren Bruder erfinden. Helfen soll ihr dabei eine Nachbarin, in deren Haus noch mehr Bücher sind als in Ninas Haus. Die Nachbarin könnte ihre Oma sein. Sie ist eine Schriftstellerin, die ihr Hinweise zum Schreiben von Geschichten gibt.
Während Nina noch überlegt, wie sie die ihr gestellten Aufgaben mit wahren, erdachten und verfremdeten Episoden aus ihrem Leben umsetzen soll, zeigt Regisseurin Nóra Lakos das in bunten Bildern, die aus einem skandinavischen Kinderfilm oder einem „Der kleine Nick“-Film (ohne Retro-Touch) stammen könnten, und in denen sie locker ständig die Grenzen zwischen Fantasie und Realität, zwischen Realfilm und Trickfilm überschreitet.
„I accidentally wrote a book – Der Sommer als (m)ich meine Geschichte fand“ ist ein schöner, überaus unterhaltsamer und auch lehrreicher Kinderfilm. Auf Kinderfilmfestivals erhielt er etliche Preise, unter anderem beim Internationalen Filmfestival SCHLiNGEL. In Ungarn gehört er mit fast 150.000 Besuchern zu den erfolgreichsten Filmen des Landes für ein junges Publikum. In Deutschland wird er wahrscheinlich kaum gesehen werden, weil er in viel zu wenigen Kinos mit viel zu wenigen Vorstellungen läuft. Hier in Berlin läuft er lediglich in einem Kino einmal am Tag. Aber vielleicht findet er in den kommenden Monaten in verschiedenen Schulkinovorführungen sein Publikum. Verdient hätte er es.
I accidentally wrote a book – Der Sommer, als (m)ich meine Geschichte fand(Véletlenül írtam egy könyvet, Ungarn/Niederlande 2024)
Regie: Nóra Lakos
Drehbuch: Nóra Lakos
LV: Annet Huizing: Hoe ik per ongeluk een boek schreef, 2014 (Wie ganz zufällig aus meinem Leben ein Buch wurde)
mit Villő Demeter, László Mátray, Vivien Rujder, Kati Zsurzs
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 6 Jahre (empfohlen vom Verleih ab 11 Jahre)
Eine Großstadt in Südkorea, Gegenwart: Familie Kim lebt in einer verwanzten, auch mal überschwemmten, viel zu kleinen Kellerwohnung. Die ebenfalls vierköpfige Familie Park lebt in einem schicken Haus. Als der Sohn der Familie Kim bei den Parks einen Job als Nachhilfelehrer erhält, öffnet sich für die Kims die Tür zu einem besseren Leben, die sie skrupellos wahrnehmen.
„Parasite“ ist eine tiefschwarze, sehr präzise Gesellschaftssatire, bei der schnell unklar ist, wer die titelgebenden Parasiten sind. Nachdem der in jeder Beziehung überzeugende Thriller in Cannes abgefeiert wurde, erhielt er u. a. den Oscar als bester Film und den Oscar als bester ausländischer Film.
Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.
Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen. Seit 2006 ist er wieder bei „Rocky“ und „Rambo“ angekommen und drehte mit einer Action-All-Star-Besetzung mehrere „The Expendables“-Actionkracher (über Söldner, die tun, was Söldner tun).
Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich
Wie konnte es dazu kommen – aktuell sehen wir es bei den Rettungsversuchen für den in der Ostsee gestrandeten Wal – dass selbsternannten Experten mehr geglaubt wird als Wissenschaftlern, die teilweise seit Jahrzehnten in einem Gebiet forschen?
Eine endgültige Antwort kann und will Christian Frei in seinem Dokumentarfilm „Blame“ darauf nicht geben. Er zeigt, wie Wissenschaftler teils über Jahre, teils in internationalen Forschergruppen, an der Lösung einer Frage arbeiten und dabei nicht in das Scheinwerferlicht der Medien und der Öffentlichkeit streben. Das – soviel kann verraten werden – ist ein Grund, weshalb die Idioten die Deutungshoheit gewonnen haben.
Frei beobachtet die renommierten Virologen Linfa Wang und Zhengli Shi und den Zoologen Peter Daszak. Sie forschen über Infektionskrankheiten und warnen seit Jahren vor weltweiten Pandemien.
Der angenehm ruhig und konventionell erzählte Dokumentarfilm beginnt im Februar 2003. Damals ging es um die SARS-Epidemie in Hongkong. Sie vermuteten, dass SARS von Fledermäusen übertragen wurde. Nach zehn Jahren sind sie sich sicher, dass der Virus aus einer Höhle in der chinesischen Provinz Yunnan stammt und Fledermäuse die natürlichen Wirte waren. Sie warnen vor weiteren, möglicherweise globalen Pandemien. Dann kam Covid-19, die Pandemie, vor der sie und ihre Fachkollegen jahrelang warnten. Ihr Wissen und das ihrer Kollegen ist gefragt. Während andere Wissenschaftler nach einem Impfstoff suchen, suchen sie nach dem Ursprung von Covid-19. Bis Verschwörungstheoretiker und selbsternannte Experten lautstark beginnen, ihnen die Schuld zu geben und behaupten, der Virus sei aus einem Labor ausgebrochen.
Im Mai 2024 beendet Frei seine Dreharbeiten für „Blame“ in Washington, D. C.. Er zeigt, wie während einer Kongressanhörung Verschwörungstheorien und Vorwürfe wichtiger als wissenschaftliche Erkenntnisse sind.
Seine Premiere hatte „Blame“ als Eröffnungsfilm beim Dokumentarfilmfestival „Visions du Réel“ in der Schweiz in Nyon im April 2025. Im Film sagt Frei, dass der US-Präsident Donald J. Trump erwäge, Robert F. Kennedy jr. zum Gesundheitsminister zu machen.
„Blame“ ist der Film, den Wissenschaftler und Studierende ihren Eltern und Freunden zeigen können, wenn sie gefragt werden, was sie denn eigentlich machen.
Blame (Schweiz 2025)
Regie: Christian Frei
Drehbuch: Christian Frei
mit Linfa Wang, Zhengli Shi, Peter Daszak, Jane Qiu, Philipp Markolin
Barbara, Heli, Fini und Thimo sind eine glückliche Familie.
Wenige Tage nach einem Autounfall muss Barbara ihren Mann Heli und ihre Kinder Fini und Thimo beerdigen und mit ihrer Trauer umgehen.
Adrian Goiginger verfilmte diese wahre Geschichte, die auf Barbara Pachl-Eberharts gleichnamiger Bestseller-Autobiographie von 2010 beruht, als zwischen Barbaras Versuchen, einen Weg aus ihrer Trauer zu finden und ihren Erinnerungen an Heli und ihre beiden Kinder. Goiginger erzählt, wie Barbara (Valerie Pachner) den Clown Heli (Robert Stadlober) auf der Straße kennen lernt, wie sie sich ineinander verlieben und, unter anderem in Krankenhäusern, als Clowns auftreten, auf dem Land ein geerbtes, heruntergekommenes Haus beziehen und renovieren und wie sie mit ihren beiden Kindern umgehen. Sie sind eine glückliche, auf einem Dorf in Österreich lebende Familie.
Nach dem Unglück muss Barbara einen Weg finden, mit dem Verlust umzugehen. Dabei lernt sie den als Landarzt bekannten Schauspieler Friedrich (von Hanno Koffler seltsam steif gespielt) kennen. Er interessiert sich für sie, aber es ist unklar, ob er sich für die trauernde Witwe aus irgendeinem Verantwortungsgefühl, aus Liebe oder weil er erfahren möchte, wie es ist, eine Beziehung zu einer Frau aufzubauen, die kürzlich ihren Mann und ihre Kinder verloren hat. Dieser TV-Seriendarsteller ist die merkwürdigste, unglaubwürdigste und am wenigsten sympathische Figur des gesamten Films. Dabei sollte er genau das nicht sein.
Ein weiteres Problem von „Vier minus drei“ ist das abrupte Ende. Über gut zwei Stunden erzählt Goiginger feinfühlig von Barbaras Leben nach dem tödlichen Unfall und ihren Erinnerungen an ein weitgehend glückliches Leben mit dem immer gut gelauntem Clown Heli. Es sind Episoden, aus denen sich keine richtig nacherzählbare Geschichte ergibt. Er folgt dabei – zum Glück! – nicht den bekannten Stufen der Trauer, die eine absolut vorhersehbare Geschichte ergäben. Das fließt etwas undramatisch, aber angenehm anzusehend und mit der aus Goigingers vorherigen Filmen bekannten Sympathie für seine Figuren und ihr nicht der bürgerlichen Norm entsprechendes Leben vor sich hin. Dann scheint Goiginger bemerkt zu haben, dass schon fast zwei Filmstunden um sind. Plötzlich steht Barbara auf der Bühne und ist geheilt, während man sich im Kinosaal fragt, ob man jetzt nicht gerade mindestens zwei Erzählschritte zwischen Barbaras Verlust ihrer Familie und ihrer Rückkehr ins Leben verpasst hat.
Vier minus drei(Österreich/Deutschland 2025)
Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Senad Halilbašić
LV: Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei – Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand, 2010
mit Valerie Pachner, Robert Stadlober, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, Margarethe Tiesel, Paul Wolff-Plottegg, Michael Gampe, Petra Morzé, Michael Fuith, Wolfgang Lampl
Normal ist auf den ersten Blick eine typische Kleinstadt irgendwo im ziemlich menschenleeren Nirgendwo von Minnesota. Eine Straße, einige Geschäfte, nette Einwohner und eine Bank. Sheriff Ulysses (Bob Odenkirk) soll in Normal die nächsten zwei Monate als Vertretungssheriff arbeiten. Nach der bald anstehenden Wahl des neuen Sheriffs übernimmt der Wahlgewinner das Amt und Ulysses kann die Stadt verlassen. Entsprechend ruhig und entspannt geht Ulysses die Sache an.
Das gemütliche Kleinstadtleben endet mit einem Banküberfall. Weil die beiden Bankräuber von der kärglichen Beute enttäuscht sind, fordern sie einen Bankangestellten auf, den Safe zu öffnen. Diese Forderung löst einen Alarm aus.
Ulysses, der die Bankräuber zur Aufgabe überreden will, staunt nicht schlecht, als sich das ganze Dorf schwer bewaffnet vor der Bank versammelt und, kaum geht er zur Bank, wie gedopt losballert. Zusammen mit den beiden Bankräubern beginnt Ulysses gegen die Dorfbewohner zu kämpfen.
„Normal“, inszeniert von Ben Wheatley, ist der neueste Film aus der Actionschmiede von „John Wick“-Schöpfer Derek Kolstad. Es gibt also viel Action und eine, innerhalb der Genrekonventionen, abgedrehte Geschichte. Bob Odenkirk gibt wieder den Actionhelden. Dass er das kann, hat er in den beiden „Nobody“-Filmen bewiesen und „Normal“ hätte mit kleinen Änderungen auch als „Nobody 3“ starten können. Die Story bedient sich exzessiv bei John Carpenters „Assault – Anschlag bei Nacht“ (Assault on Precint 13, USA 1976), der sich beim Western bediente. Aber während bei Carpenter und auch in Jean-François Richets ziemlich gelungenem Remake von 2005 (mit Ethan Hawke) jede der in dem Gebäude – bei Carpenter eine Polizeistation, bei Wheatley zuerst die Bank, später die Polizeistation – eingeschlossenen Personen innerhalb kürzester Zeit zu einer individuell erkennbaren Person wird, bleiben bei Wheatley alle bis auf Sheriff Ulysses austauschbares Kanonenfutter ohne besondere Eigenschaften.
Das führt dazu, dass „Normal“ trotz seiner schlanken Laufzeit von neunzig Minuten ziemlich lang wirkt. Zuerst dauert es eine halbe Stunde bis zu dem Banküberfall. In dieser halben Stunde porträtiert Wheatley in entschleunigtem Tempo und mild humoristischem Tonfall ausführlich das friedliche Kleinstadtleben und die netten Bewohner. Informationen, die für die spätere Schlacht wichtig sind, liefert er nicht. Die Schlacht wird schnell zu einer zunehmend redundanten Abfolge von Schießereien, Explosionen und wenigen Schlägereien. Figuren, die wichtig werden könnten, wie die beiden Bankräuber oder zwei Japaner, bleiben vernachlässigbare Nebenfiguren.
Dabei hat Ben Wheatley in dem Actionthriller „Free Fire“ gezeigt, dass er es besser kann. In dem hochkarätig besetztem Film läuft in einer verlassenen Lagerhalle ein illegaler Waffendeal vollkommen aus dem Ruder.
Dagegen ist „Normal“ der schwache Abklatsch von „Nobody 2“.
Normal(Normal, USA 2026)
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Derek Kolstad, Bob Odenkirk
mit Bob Odenkirk, Lena Headey, Henry Winkler, Reena Jolly, Brendan Fletcher, Brian Kawakami, Jess McLeod, Peter Shinkoda, Ryan Allen, Bill MacLellan
JAMES BOND: Diamantenfieber (Diamonds are forever, Großbritannien 1971)
Regie: Guy Hamilton
Drehbuch: Richard Maibaum, Tom Mankiewicz
LV: Ian Fleming: Diamonds are forever, 1956 (Diamantenfieber)
Eigentlich soll Bond nur einen Juwelenraub untersuchen. Aber Erzfeind Blofeld (schon wieder mit neuen Gesicht: Charles Gray) hat seine Finger drin.
Sean Connery kehrte für eine damals unglaublich hohe Summe zurück und spendete das Geld dem Scottish International Education Trust.
„Diamantenfieber“ ist insgesamt ein ziemlich lahmer Bond, bei dem nur die Autoverfolgungsjagd in Las Vegas in die Historie einging. Dreiundfünfzig Autos wurden geschrottet. Und die schwulen Killer Mr. Wint (Bruce Glover) und Mr. Kidd (Putter Smith) sind köstlich.
mit Sean Connery, Jill St. John, Charles Gray, Lana Wood, Bernard Lee, Lois Maxwell, Desmond Llewelyn, Bruce Glover, Putter Smith
„Lee Cronin’s The Mummy“ heißt der Horrorfilm. Dabei wäre für Lee Cronins dritten Film, nach „The Hole in the Grund“ und „Evil Dead Rise“, „Lee Cronin’s The Exorcist“ der zutreffendere Titel.
Sicher, die Geschichte beginnt in Ägypten und sie hat auch irgendetwas mit der ägyptischen Vergangenheit zu tun, aber das verfluchte Mädchen tut genau das, was die zwölfjährige Regan (Linda Blair) in William Friedkins Horrorfilmklassiker tat: in ihrem Zimmer sitzen, eklige Flüssigkeiten ausspeien, schimpfen, die Familie terrorisieren und Menschen in den Tod treiben. Bei Cronin gibt es vor dem Sterben noch etwas ekligen Bodyhorror und sinnfrei gruselige Bilder. So bohrt sich nach einem Flugzeugabsturz ein Ast durch den Kopf und das Auge eines Passagiers. Cronin präsentiert das Bild im hellen Licht des Tages. Dieses und ähnliche Bilder machen die FSK-ab-18-Jahre-Freigabe nachvollziehbar.
Über zwei Stunden präsentiert Cronin die sattsam bekannten Elemente eines Horrorfilms über eine verfluchte Person. Dieses Mal spielt die Geschichte vor allem in einer einsam gelegenen Villa in Albuquerque, New Mexico. Dorthin bringen Charlie (Jack Reynor) und Larissa Cannon (Laia Costa) ihre Tochter Katie (Natalie Grace). Sie verschwand vor acht Jahren spurlos in Kairo. Jetzt wurde sie in Ägypten in einem 3000 Jahre altem Sarkophag gefunden, der in den Trümmern eines abgestürzten Flugzeugs lag. Sie ist katatonisch und extrem geräuschempfindlich. Die beste Therapie sei, so der zuständige Arzt, wenn sie im Kreis ihrer Familie gepflegt werde. Die Cannons holen ihre Tochter zu sich nach Albuquerque. Dort wird Katie von ihren beiden jüngeren Geschwistern und ihrer sehr gläubigen Großmutter (die wie ein Direktimport aus einer italienischen Komödie aus den fünfziger Jahren wirkt) erwartet. Und schon kann Katie beginnen, ihre Familie zu terrorisieren.
Frei von Überraschungen folgt Cronin der von Friedkin etablierten Formel. Die Tonspur und die Ekeleffekte überzeugen. In sie floss Cronins, wie schon in seinem vorherigen Film „Evil Dead Rise“, seine kreative Energie. Die Geschichte selbst ist dann Malen-nach-Zahlen und ohne ein Thema, dass die einzelnen Szenen zusammenhält. Katie ist einfach von einem bösen Geist besessen. Das muss als Motivation für Angst und Schrecken und Tötungen reichen.
Das Ergebnis ist dann nicht die schlechteste Kopie von „Der Exorzist“.
Mit Karl Freunds Klassiker „Die Mumie“ (The Mummy, USA 1933, mit Boris Karloff) hat Lee Cronins „The Mummy“ nichts zu tun. Auch wenn das so vor dem Filmstart immer wieder gesagt wurde.
Lee Cronin’s The Mummy (Lee Cronin’s The Mummy, USA/Irland 2026)
Regie: Lee Cronin
Drehbuch: Lee Cronin
mit Jack Reynor, Laia Costa, May Calamawy, Natalie Grace, Veronica Falcón
Länge: 135 Minuten
FSK: ab 18 Jahre (seit 22. April 2026 ab 16 Jahren freigegeben)
Das Drehbuch habe sie überzeugt, die Hauptrolle in der französischen Krimikomödie „Paris Murder Mystery“ zu übernehmen, sagt Jodie Foster, die in den vergangenen Jahren nur in wenigen Filmen mitspielte. In der Originalfassung des Films kann sie außerdem ausführlich ihre Französischkenntnisse präsentieren. Sie spielt Lilian Steiner, eine in Paris in einer großen Wohnung lebende, geachtete Psychotherapeutin. Aber jetzt ist sie verunsichert. Eine ihrer Patientinnen ist verstorben. Suizid sagt die Polizei. Die Familie macht sie für Paula Cohen-Solals Tod verantwortlich. Steiner glaubt, dass Cohen-Solal ermordet wurde. Und sie glaubt, sie hätte die Tat verhindern können. Zusammen mit ihrem Ex-Mann beginnt sie mit der Suche nach dem Mörder.
Dabei geht die Amateurdetektivin bei ihren Ermittlungen arg unbedarft vor. Anstatt nach quasi-wissenschaftlichen Kriterien verschiedene Theorien zu überprüfen, lässt die Akademikerin sich von wilden Vermutungen, Vorurteilen und Gefühlen leiten. Nebenplots, wie ihr Ärger mit einem Patienten, der seit Jahren mit dem Rauchen aufhören will, und die harmonische Beziehung zu ihrem Ex-Mann, sind amüsant und sie demontieren Steiner weiter. Den lustlos mitgeschleiften Krimiplot bringen sie nicht voran.
Dank der guten Schauspieler und der guten Inszenierung ist die französische Krimikomödie „Paris Murder Mystery“ trotzdem unterhaltsam. Mehr nicht.
Inszeniert wurde die Komödie von Rebecca Zlotkowski. Zu ihren früheren Arbeiten als Regisseurin gehören „Belle Épine“, „Grand Central“ und „Ein leichtes Mädchen“. Sie ist auch Co-Drehbuchautorin von Audrey Diwans missglücktem „Emmanuelle“.
Paris Murder Mystery(Vie Privée, Frankreich 2025)
Regie: Rebecca Zlotowski
Drehbuch: Rebecca Zlotowski, Anne Berest, Gaëlle Macé (in Zusammenarbeit mit)
mit Jodie Foster, Daniel Auteuil, Virginie Efira, Mathieu Amalric, Vincent Lacoste, Luàna Bajrami, Noam Morgensztern, Frederick Wiseman, Aurore Clément
„Was ist neu?“ und „Ist ‚Kill Bill‘ immer noch gut“?
2003 und 2004 lief Quentin Tarantinos vierter Film als Zweiteiler im Kino. Als Grund für die damals absolut unübliche Teilung einer Geschichte in mehrere Kinofilme wurde gesagt, es habe zu viel gutes Material gegeben. Eine zweistündige Fassung – das war damals so ungefähr die normale Länge für einen Kinofilm – würde dem nicht gerecht werden. Vor dem Kinostart wurde dagegen vermutet, dass Quentin Tarantino endgültig größenwahnsinnig wurde, er jetzt ohne jede erzählerische Disziplin und Besoffen von der Grandiosität seiner Dialoge über Stunden vor sich hin erzählt und es Miramax nur eine Abzocke beim Publikum gehe. Anstatt eine Geschichte in einem Film zu erzählen, werde aus dem vielleicht nötigem Überlänge-Zuschlag ein zweites Kinoticket. Beim Ansehen war klar, dass der erste und der zweite Teil zwei stilistisch verschiedene/unterschiedliche Filme sind. Im ersten Teil geht es eher Richtung Eastern, im zweiten Teil dann eher Richtung Western, mit einem besonderen Blick zum Spaghetti-Western. In jedem Fall war die Präsentation in zwei Filmen – der erste mit 106 Minuten, der zweite mit 131 Minuten – sinnvoll.
Über vier Stunden erzählte Quentin Tarantino in seinem vierten Kinofilm die Geschichte der ‚Braut‘ Beatrix Kiddo (Uma Thurman), die sich an Bill rächen will. Er und sein Team aus weiblichen und männlichen Killern, der Deadly Viper Assasination Squad, brachten sie und alle bei der Vorbereitung für ihre Hochzeit in der Kirche Anwesenden um. Wie durch ein Wunder überlebte die Braut (ihren Namen erfahren wir erst sehr viel später). Als sie nach vier Jahren in einem Krankenhaus aus dem Koma erwacht, hat sie nur einen Gedanken: Kill Bill.
Dieser Bill ist nicht nur ihr ehemaliger Chef, sondern auch ihr Geliebter und der Vater ihrer zum Zeitpunkt des tödlichen Anschlags noch ungeborenen Tochter. Auf ihrem Rachetrip bringt die Braut der Reihe nach ihrer früheren Kollegen von der Deadly Viper Assassination Squad um.
Tarantino erfand dafür eine Reihe im Gedächtnis bleibender Charaktere, ikonische Kampfszenen und köstlicher Sätze und Dialoge – und garnierte den brutalen Cocktail mit vielen Filmzitaten.
Das war damals überwältigend – und ist es heute immer noch.
Damit kämen wir zur Frage, was neu ist.
Eigentlich nichts.
Natürlich fehlt am Ende des ersten Teils der Abspann und der zweite Teil beginnt nicht mit einer Rückblende. Schließlich sehen wir den Film jetzt in einem Rutsch. Hier und da wurden einige kleinere bis kleinste Details geändert, die aber nicht der Rede wert sind. Der legendäre Kampf der Braut in einem Restaurant gegen die „Crazy 88“ ist jetzt, wie in Japan schon immer, komplett in Farbe. Der Anime im Film wurde um eine siebenminütige Sequenz (die erst Jahre nach der ursprünglichen Kinoauswertung fertig gestellt wurde) ergänzt. Wenn man „Kill Bill“ nicht kürzlich gesehen hat, fällt das nicht wirklich auf.
Auffallend ist die große und eigenständige Ergänzung zum Originalfilm. Nach dem Abspann wird der zehnminütige Anime „The Lost Chapter: Yuki’s Revenge“ präsentiert. Der 2025 entstandene Fortnite-Kurzfilm kann auch im Internet angesehen werden. Quentin Tarantino schrieb das Buch und führte Regie. Uma Thurman spricht die Braut. Der Kurzfilm sieht wie eine schlechte Rohfassung aus, bei der noch etliche Bilder fehlen. Die Story selbst – Yuki will den Tod ihrer Mutter rächen und jagt die Braut durch einige Gassen und Häuser – ist keine zu „Kill Bill“ passende Geschichte. Denn in dem Kurzfilm ist die Braut die panisch agierende Gejagte. Das ist nicht die Braut, die wir kennen.
Kill Bill: The Whole Bloody Affair(Kill Bill: The Whole Bloody Affair, USA 2003/2025)
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
mit: Uma Thurman, David Carradine, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Daryl Hannah, Michael Madsen, Sonny Chiba, Michael Parks
Länge: 275 Minuten (der Film wird mit einer Pause gezeigt)
Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, USA 2010)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Linda Woolverton
LV: Lewis Carroll: Alice’s Adventures in Wonderland, 1865 (Alice im Wunderland), Through the Looking-Glass, 1871 (Alice hinter Spiegeln)
Tim Burtons Interpretation der allseits bekannten Geschichte von Alice, die als Kind im Wunderland phantastische Figuren trifft und phantastische Abenteuer erlebt. Bei Burton kehrt sie als junge Erwachsene zurück in das Wunderland, wo sie ihre alten Freunde wieder trifft und ihnen beim Kampf gegen die böse Rote Königin helfen soll.
mit Mia Wasikowska, Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Anne Hathaway, Crispin Glover, Matt Lucas
LV: Stephen King (ursprünglich als Richard Bachman): The Running Man, 1982 (Menschenjagd)
2017 ist den USA „The Running Man“ die beliebteste TV-Show. In ihr wird ein Sträfling vor laufender Kamera von einigen Profijägern gehetzt. Wenn er überlebt, winken ihm die Freiheit und Geld. Als Ex-Polizist Ben Richards („Terminator“ Arnold Schwarzenegger) zum Mitspielen gezwungen wird, ändern sich die Spielregeln.
Paul Michael Glasers Verfilmung ist nach damaliger Einschätzung „eine extrem teure, zynische Gewaltverherrlichung“ (Fischer Film Almanach 1989, ähnlich das Lexikon des Internationalen Films), bei der das satirische Potential auf der Strecke bleibt. „von eher minderer Qualität“ (Phil Hardy, Hrsg: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)
mit Arnold Schwarzenegger, Maria Conchita Alonso, Richard Dawson, Yaphet Kotto, Jim Brown, Jessen Ventura
Buch zum Film: Hannsdieter Loy: Tatort: Starkbier (mit Ivo Batic und Franz Leitmayr), 2010
Großer Auftritt für Carlo Menzinger, der normalerweise für die Herren Batic und Leitmayr die Laufarbeit erledigt. Er will herausfinden wer Meindl, einen Teilhaber der Benedictus-Brauerei, umbrachte. Denn dass der stocknüchterne Meindl sein Auto betrunken in die Isar fuhr, glaubt Menzinger keine Zehntelsekunde und er beginnt bei seinen Spezln mit sehr seltsamen Methoden zu ermitteln.
Vergnüglicher „Tatort“ mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit.
mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Christoph Gareisen, Marie Munz, Aleksandar Jovanovic, August Schmölzer
Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.
Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.
„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)
„‘Un Flic’ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad
Anatomie eines Mordes (Anatomy of a Murder, USA 1959)
Regie: Otto Preminger
Drehbuch: Wendell Mayes
LV: Robert Traver: Anatomy of a Murder, 1958 (Anatomie eines Mordes)
Provinzanwalt Paul Biegler verteidigt einen Soldaten, der einen Barbesitzer erschossen haben soll.
Der gut dreistündige Film (die deutsche Version wurde um elf Minuten gekürzt) basiert auf dem dicken Roman des ehemaligen Richters John D. Voelker (1903 – 1991), der in dem Justizkrimi einen seiner Fälle fiktionalisiert. Beide Werke schöpfen ihre Spannung aus dem minutiösen Verfolgen der Vorbereitung und dem anschließenden Gerichtsverfahren. Im Buch umfasst die Verhandlung fast zwei Drittel der Geschichte. Der Film war damals wegen seiner Sprache und dem Thema (Vergewaltigung) kontrovers. Die Schauspielerleistungen des Gerichtsdramas wurden einhellig gelobt. James-Stewart-Biograph Howard Thompson nennt es seine beste Leistung. Der Filmrichter wurde von Richter Joseph N. Welch (er verteidigte 1954 die US Army gegen Senator Joseph McCarthy und trug zum Sturz des Senators bei) gespielt. Gedreht wurde vor Ort. Duke Ellington schrieb die Musik.
Ein Klassiker
Mit James Stewart, Lee Remick, Ben Gazzara, Arthur O’Connell, Eve Arden, Kathryn Grant, George C. Scott, Duke Ellington
Ein namenlos bleibender Journalist (Jeffrey Wright) hat es geschafft. Wadim Baranov (Paul Dano) empfängt ihn in seinem Haus zu einem Gespräch über sein Leben. Und Baranov hat einiges zu erzählen. In den frühen neunziger Jahren profiliert er sich in Moskau als Avantgarde-Künstler. Später produziert er Reality-TV-Shows und berät die Machthaber. Dabei formt er aus dem ambitioniertem, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks quasi arbeitslosen KGB-Agenten Wladimir Putin (Jude Law) den heutigen Präsidenten Russlands. Skrupel hat der im Hintergrund agierende Strippenzieher bei der Inszenierung seines Stückes nie.
Dieser Rückblick auf die neunziger Jahre in der früheren UdSSR und wie sich die Verhältnisse neu sortieren ist der gelungene Teil von Olivier Assayas‘ neuem satirisch gefärbtem Polit-Thriller „Der Magier im Kreml“. Nah den Fakten erzählt er, basierend auf Giuliano da Empolis gleichnamigem Roman, eine erfundene Geschichte. In der zweiten Hälfte, wenn die Macht konsolidiert wird und Gegner, wozu auch frühere Verbündete und Freunde gehören, ausgeschaltet werden, wird der Film zu einer Nummernrevue. Ereignisse folgen aufeinander. Die Einordnung – also wo gerade warum ein Krieg geführt wird und wer aus einem Fenster fällt – bleibt dem Wissen des Zuschauers überlassen. Ohne ein mehr als solides Hintergrundwissen über die russische Innen- und Außenpolitik unter Putin und die damit verbundenen Interessen sind es nur noch verstreute, sich wiederholende, immergleiche Kurzmeldungen aus der Tageszeitung.
Das macht den „Magier im Kreml“ zu einem der schlechteren Filme von Olivier Assayas. Es ist vielleicht sogar sein schlechtester Film (ich habe nicht alle seine Filme gesehen). Die mit fast 150 Minuten zu lang geratene Satire ist eine halbgare Geschichtsstunde, in der, jedenfalls für Nicht-Experten, unklar ist, was Fiktion, was Fakt und was eine satirische Überspitzung realer Verhältnisse und Ereignisse ist.
Vielleicht gibt es irgendwann einen Extended Cut oder, wie bei „Carlos – Der Schakal“, eine deutlich längere TV-Fassung, die dann die Probleme des Films behebt. Bis dahin haben wir, wie erstaunlich viele Filme in der letzten Zeit, einen überlangen Film, der in eine überzeugende erste Hälfte und eine langweilige zweite Hälfte zerfällt.
Der Magier im Kreml (Le mage du Kremlin/The Wizard of the Kremlin, Frankreich/USA 2025)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas, Emmanuel Carrère
LV: Giuliano da Empoli: Le mage du Kremlin, 2022 (Der Magier im Kreml)
mit Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Tom Sturridge, Jeffrey Wright, Will Keen
Tatort: Das Glockenbachgeheimnis (Deutschland 1999)
Regie: Martin Enlen
Drehbuch: Friedrich Ani
Wer ermordete Hauserbe Martens? Und was ist das Geheimnis des Glockenbaches?
Guter Münchner „Tatort“ mit den Kommissaren Batic (Miroslav Nemec), Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Menzinger (Michael Fitz). Iris Berben spielt eine dubiose Caféhaus-Besitzerin.
Anschließend lässt der BR die beiden Kommissare weiter ermitteln: um 21.45 Uhr folgt „Norbert“ (1999) und um 23.15 Uhr „Wolf im Schafspelz“ (2002).
Sprechen wir zuerst den Elefant im Raum an: „The History of Sound“ ist nicht „Brokeback Mountain“ in einem anderen Milieu. Auch wenn das beim Lesen der offiziellen Synopse die erste Assoziation ist.
1917 treffen sich die jungen Musikstudenten Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) in einem Pub. Beide studieren am Boston Conservatory. Beide lieben die traditionelle Folk-Musik. Lionel, der aus dem ländlichen Kentucky aus ärmlichen Verhältnissen kommt, kennt sie aus seiner Kindheit. David muss ein Lied nur einmal hören und kann es nachspielen. Er kennt bereits Hunderte, aber als richtige Sammler will er noch mehr Volkslieder kennen lernen. Schnell bemerken die beiden jungen Männer, dass sie nicht nur die Liebe zur Musik teilen, sondern dass sie auch ineinander verliebt sind. Dann wird David eingezogen.
Nach dem Krieg bereisen sie, auf Davids Initiative, die abgelegenen Ecken von Maine und nehmen mit einem Wachswalzen-Phonographen Lieder auf, die ihnen von den Einheimischen vorgesungen werden. Sie verbringen kalte Nächte im Zelt, erzählen sich am Lagerfeuer Geschichten und sie haben eine gute Zeit. Danach trennen sich ihre Wege. Die zweite Hälfte des Films bleibt dann ausschließlich bei Lionel, der in Italien und England als Musiker arbeitet, heiratet und später in die USA zurückkehrt.
Olliver Hermanus‘ neuer Film „The History of Sound“ basiert auf der gleichnamigen und einer weiteren Kurzgeschichte von Ben Shattuck. Shattuck schrieb auch das Drehbuch. Hermanus erzählt die Geschichte von Lionel betont undramatisch und langsam. In der ersten Hälfte, wenn die beiden Männer zusammen sind, stört das kaum. Schließlich entwickelt sich ihre Beziehung und bei jeder Begegnung mit einem Einheimischen gibt es ein weiteres Lied für die Sammlung.
In der zweiten Hälfte reiht Hermanus dann nur noch, sich über Jahrzehnte erstreckende Episoden aus Lionels Leben aneinander. Er scheint mit seinem Leben, der Heirat und den Erfolgen als Musiker, insgesamt zufrieden zu sein. Er schreibt Bücher über die von ihm geliebte Folk-Musik. David und seine Zeit mit David sind nur noch eine Erinnerung. Was mit David geschah, erfahren wir ziemlich spät im Film. Was mit den kostbaren Aufnahmen geschah, noch später. Beide Erklärungen entschädigen nicht für die davor vergangene Zeit. Dafür kommen sie zu sehr aus dem Nichts.
Hier ging Ang Lee in seinem Drama „Brokeback Mountain“ über zwei ineinander verliebte Cowboys geschickter vor, indem er in der zweiten Filmhälfte immer wieder, teils sehr schnell, zwischen den beiden Hauptfiguren hin und her sprang und aus ihrem Leben erzählte. Dazwischen trafen sie sich, immer wieder, zu Angelausflügen. Bei Lee ist immer spürbar, wie sehr sie sich lieben und wie sehr sie darunter leiden, dass sie nicht zusammen leben können.
The History of Sound(The History of Sound, USA 2025)
Regie: Oliver Hermanus
Drehbuch: Ben Shattuck
LV: Ben Shattuck: The History of Sound, 2018; Origin Stories (Kurzgeschichten)
mit Paul Mescal, Josh O’Connor, Chris Cooper, Molly Price, Tom Nelis, Dion Graham, Emma Canning, Peter Mark Kendall, Sam Breslin Wright, Hadley Robinson, Michael Schantz
Zum ersten Mal hörte ich in einem Video von „Wanda“.
Danach wanderte der Film auf meine Watchlist.
Und jetzt läuft er – erstmals! – im Kino. Seine deutsche Premiere feierte Barbara Lodens einziger Film, zwei Jahre nach seiner Premiere in Venedig und ein Jahr nach seinem US-Kinostart, am 7. November 1972 in der ARD. In den vergangenen Jahren wurde der nur von wenigen gesehene und lange kaum erhältliche Film immer mehr als vergessenes New-Hollywood-Meisterwerk und Klassiker des feministischen Kinos gefeiert.
Zu den Fans des Films gehören, um nur einige bekannte Namen zu nennen, Isabelle Huppert, Nan Goldin, Marguerite Duras, John Waters, Christian Petzold, Wim Wenders und Pamela Anderson.
Als Barbara Loden 1969 „Wanda“ drehte, war sie bereits eine bekannte Schauspielerin mit Erfolgen am Broadway – unter anderem erhielt sie 1964 den Tony Award – und im Fernsehen. 1967 heiratete sie den Regisseur Elia Kazan („Die Faust im Nacken“, „Jenseits von Eden“), wurde wieder schwanger und konzentrierte sich auf die Arbeit hinter der Kamera. Die Charakterstudie „Wanda“ wurde dann ihr erster und einziger Spielfilm. Gedreht wurde er mit einem Mini-Budget, nach ihrem Drehbuch und mit ihr als Hauptdarstellerin.
Die titelgebende Wanda driftet kurz nach ihrer Scheidung durch das ländliche Pennsylvania. Die Scheidung und dass ihr Mann das Sorgerecht für die Kinder erhielt, akzeptierte sie vor Gericht klaglos. Aus einem schlecht bezahlten Aushilfsjob wird sie entlassen, weil sie zu langsam ist.
Ziellos streift sie durch die Stadt. In einem Kino wird ihr ihr Geld gestohlen. In einer Bar trifft sie einen Mann, den sie für den Barkeeper hält. Sie bleibt bei ihm. Aber Norman Dennis ist kein Barkeeper, sondern ein Berufsverbrecher, der gerade so über die Runden kommt. In der Bar stahl er die Tageseinnahmen. Jetzt plant er einen Bankraub.
Wer jetzt eine Bonnie-und-Clyde-Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Wanda ist niemals so fasziniert oder erregt von Norman wie Bonnie Parker es von Clyde Barrow war. Bestenfalls erzählt Barbara Loden eine lustlose Parodie auf Arthur Penns „Bonnie und Clyde“, in der sie in jedem Moment das Gegenteil von Arthur Penn macht.
Bei Barbara Loden ist der Verbrecher nur ein um sein Überleben kämpfender Handlungsreisender, der in billigen Hotelzimmern übernachtet und panisch die Zeitungen nach Meldungen über seine Taten durchblättert. Für ihn ist Wanda ein Dienstmädchen, dem er Befehle gibt und das er herablassend behandeln kann. Wanda akzeptiert das ohne Widerspruch. Bis auf einige wenige Momente hat sie keinen eigenen Willen. Enervierend passiv erträgt sie jede Demütigung. Und Loden bemüht sich noch nicht einmal im Ansatz, Wanda sympathischer zu machen.
Das interressante bei „Wanda“ ist die Präsentation und der Blick auf die Hauptfigur. In quasi-dokumentarischen Aufnahmen, mit Laienschauspielern, Improvisationen und einem kleinen Stab von insgesamt vier Personen, zeigt Loden eine Frau aus der Unterschicht und den Strukturen, in denen sie lebt.
Inzwischen, über fünfzig Jahre nach seiner Entstehung, ist die präzise beobachtete Charakterstudie auch eine Zeitkapsel auf die USA in den späten sechziger Jahren und die Arbeiterklasse, in der von Frauenemanzipation und den damaligen politischen Diskussionen nichts zu spüren war.
Cineasten werden auch bemerken, wie stark Loden vom damaligen europäischen Kino beeinflusst war und wie sehr sich ihr Film von anderen New-Hollywood-Filmen unterscheidet.
„Wanda“ ist der Auftakt der Reihe RE:VISITED von Grandfilm. Der Verleih will unter diesem Label in den kommenden Monaten filmhistorisch bedeutende Werke des Independent-Kinos in restaurierten Fassungen in die Kinos bringen und so zu einer Wiederentdeckung beitragen.
Wanda(Wanda, USA 1970)
Regie: Barbara Loden
Drehbuch: Barbara Loden
mit Barbara Loden, Michael Higgins, Dorothy Shupenes, Peter Shupenes, Jerome Thier, Marian Thier