Alter Scheiß? Leigh Brackett: Das lange Morgen

Januar 3, 2024

Heute würde Leigh Bracketts 1956 für den Hugo Award nominierte Dystopie “Das lange Morgen” als Young Adult verkauft werden. Vielleicht auch mit einem Hinweis auf “The Walking Dead”, minus die Zombies. Denn wieder einmal haben die Menschen es geschafft, die Erde, wie wir sie kennen, zu zerstören.

Damals – Bracketts Roman erschien in den USA 1955 – war es ein Atomkrieg. Aber Bracketts Post-Atomkriegswelt existiert noch ohne das Wissen über die Neben- und Nachwirkungen von Atomkriegen, das wir heute, nach Hiroshima, Nagashaki, den Test in der Wüste von Nevada und Tschernobyl, haben. Brackett beschäftigt sich nicht mit den Neben- und Langzeitwirkungen eines Atomkriegs. Eigentlich braucht sie ihn nur als Erklärung für den Zustand der Gesellschaft, die sie beschreibt. Und im letzten Drittel ist er in einem gewissen Rahmen für eine in diesem Moment diskutierte moralische Frage wichtig; – ja, das klingt jetzt sehr nebulös verschwurbelt, aber wenn ich konkreter werde, verrate ich viel mehr über das Ende der Geschichte als ich möchte.

In „Das lange Morgen“ zerstörte ein Atomkrieg die großen Städte. Danach zogen in den USA die Menschen sich in kleine Gemeinschaften von unter tausend Einwohnern zurück. Sie ernähren sich von dem, was die Erde ihnen gibt. Technik, also Dinge wie Autos, Radios und Computer gibt es nicht. Die herrschenden Gruppen sind religiöse Gruppen: die Neu- und Alt-Mennoniten und die Amisch. Nach dem Atomkrieg hatten sie dank ihres technikabgewandten, vorindustriellen Lebens die Fähigkeiten, die ihnen das Überleben ermöglichten. Ihr Glaube und die damit verbundenen Regeln sorgen für Stabilität in der neuen Welt.

Als der vierzehnjährige Len Colter, der zu den Neu-Mennoniten gehört, und sein ein Jahr älterer Vetter Esau auf einem Jahrmarkt während einer Predigt von der legendären Stadt Bartorstown hören, ist ihre Neugierde geweckt. Sie wollen mehr über Bartorstown erfahren. Sie verlassen ihr Dorf und beginnen die legendäre Stadt zu suchen.

Brackett schildert diese Wanderung durch ein ländliches, vorindustrielles, religiös geprägtes Amerika und die Erlebnisse der beiden Jungs in Bartorstown (ja, den Ort gibt es) im Stil eines Entwicklungsromans, in dem Len und Esau mehrere religiöse und quasi-religiöse Gemeinschaften und deren strikte Regeln kennen lernen. Wer sich nicht anpassen will, kann kein Mitglied der Gemeinschaft sein und muss weiterziehen. Len und Esau stehen mehrmals, auch in Bartorstown, vor der Frage, ob sie gehen oder bleiben wollen.

Wie alle gute Science-Fiction-Geschichten spiegelt auch Bracketts „Das lange Morgen“ die Zeit, in der sie geschrieben wurde, und die damaligen Konflikte wieder. Trotzdem ist es immer wieder erstaunlich, wie mühelos ihr fast siebzig Jahre alter Roman auf die Gegenwart und aktuelle Konflikte übertragbar ist. Die Beschreibung von in sich abgeschlossenen, technikfeindlichen religiösen Gemeinschaften, die Gesellschaft von Bartorstown als Gegenmodell und die Diskussion über Glaube, Wissenschaft und Fortschritt, also zwischen glaubensbasiertem und wissenschaftlich-kritischem Denken, liest sich oft wie eine Beschreibung der aktuellen Konflikte in den USA. Ein Grund ist, dass Brackett in ihrem Science-Fiction-Roman zeitlose Fragen anspricht.

Leigh Brackett wurde am 7. Dezember 1915 in Los Angeles, Kalifornien, geboren. Sie starb am 18. März 1978 in Lancaster, Kalifornien. Am 31. Dezember 1946 heiratete die „Königin der Space Opera“ Edmond Hamilton. Er erfand und schrieb die „Captain Future“-Romane.

Sie schrieb vor allem kurze und lange Science-Fiction-Geschichten und innerhalb des Genres Space Operas. Dazwischen schrieb sie einige Kriminalromane und Western.

Ihre erste Veröffentlichung war 1940 in der Februar-Ausgabe von „Astounding Science Fiction“ die SF-Geschichte „Martian Quest“. Ihr erster Roman, der Hardboiled-Kriminalroman „No Good from a Corpse“, erschien 1944. Etliche ihrer Romane wurden zu ihren Lebzeiten ins Deutsche übersetzt. Seit Ewigkeiten sind sie nur noch antiquarisch erhältlich.

Für Hollywood schrieb sie, teils mit Co-Autoren, die Drehbücher für Klassiker wie „Tote schlafen fest“ (The Big Sleep, 1946), „Rio Bravo“ (1959), „Hatari!“ (1962), „El Dorado“ (1966), „Rio Lobo“ (1970) und „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The Long Goodbye, 1973).

Ihre letzte Arbeit in Hollywood war für den „Star Wars“-Film „Das Imperium schlägt zurück“. Sie schrieb den ersten Drehbuchentwurf. Wie die Legende, die Helmut W. Pesch in „Leigh Brackett – Die Königin der Space Opera“ (abgedruckt in „Vor der Revolution – Ein phantastischer Almanach“) erzählt, hat George Lucas sie angerufen, weil sie eine von ihm bewunderte Autorin von Pulp-Science-Fiction war. Er hatte keine Ahnung, dass sie auch einige Drehbücher geschrieben hatte.

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Leigh Brackett: Das lange Morgen

(übersetzt von Hannes Riffel)

Carcosa Verlag, 2023

288 Seiten

22 Euro

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Originalausgabe

The Long Tomorrow

Doubleday, New York, 1955

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Ältere deutsche Übersetzungen von M. F. Arnemann und Horst Hoffmann. Sie erschienen als Utopia Grossband 110, Terra Textra 86 und Utopia Classics 50.

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Ergänzende Lektüre

In „Vor der Revolution – Ein phantastischer Almanach (Erste Folge)“ gibt es den lesenswerten Aufsatz „Leigh Brackett – Die Königin der Space Opera“ von Helmut W. Pesch.

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Hannes Riffel (Hrsg.): Vor der Revolution – Ein phantastischer Almanach (Erste Folge)

Carcosa Verlag, 2023

280 Seiten

18 Euro

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Hinweise

Wikipedia über Leigh Brackett (deutsch, englisch)

Homepage des Verlages

Mein Gespräch mit Hannes Riffel über den Carcosa Verlag und sein Herbstprogramm (u. a. mit Bracketts „Das lange Morgen“)

 


TV-Tipp für den 3. Januar: Coppelia

Januar 2, 2024

Arte, 23.05

Coppelia (Coppelia, Niederland/Belgien/Deutschland 2021)

Regie: Jeff Tudor, Steven De Beul, Ben Tesseur

Drehbuch: Jeff Tudor, Steven De Beul, Ben Tesseur

LV: Léo Delibes: Coppélia ou La Fille aux yeux d’émail, 1870 (Coppelia oder Das Mädchen mit den Glasaugen)

TV-Premiere. Swan und ihre Freunde leben in ihrem Dorf ein mediterran entspanntes Leben. Das ändert sich als Doktor Coppelius eine Schönheitsklinik errichtet und beginnt, zusammen mit seiner Muse, der überirdisch schönen Roboterfrau Coppelia, die Dorfbewohner zu verführen. Er verspricht ihnen Schönheit, sagt aber nichts über den Preis.

Als Swans Freund in die Klinik entführt wird, versucht sie ihn zu retten. Gemeinsam mit ihren Freunden entdecken sie das Geheimnis des Doktors.

Stars der internationalen Ballettszene tanzen sich durch einen weitgehend gezeichneten Stummfilm. Das Ergebnis ist herziges Märchen mit Humor, Musik und Tanz.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Michaela DePrince, Daniel Camargo, Vito Mazzeo, Darcey Bussell, Irek Mukhamedov, Corps de Ballet des Niederländischen Nationalballetts

Hinweise

Filmportal über „Coppelia“

Moviepilot über „Coppelia“

Rotten Tomatoes über „Coppelia“

Wikipedia über das Ballett „Coppelia“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jeff Tudor/Steven De Beul/Ben Tesseurs „Coppelia“ (Coppelia, Niederland/Belgien/Deutschland 2021)


Cover der Woche

Januar 2, 2024


TV-Tipp für den 2. Januar: The Big Lebowski

Januar 1, 2024

Kabel 1, 20.15

The Big Lebowski (The Big Lebowski, USA 1998)

Regie: Joel Coen

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Rotten Tomatoes über „The Big Lebowski“

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Meine Besprechung von Joel Coens „Macbeth“ (The Tragedy of Macbeth, USA 2021)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


1. 1. 2024

Januar 1, 2024


TV-Tipp für den 1. Januar: Tatort: Reifezeugnis

Dezember 31, 2023

RBB, 22.00

Tatort: Reifezeugnis (Deutschland 1977)

Regie: Wolfgang Petersen

Drehbuch: Herbert Lichtenfeld

Gymnisiastin Sina hat ein Verhältnis mit ihrem Lehrer Fichte. Als ein Klassenkamerad davon erfährt, erpresst er sie. Sie erschlägt ihn und Kommissar Finke hat einen neuen Fall.

Die Kommissar-Finke-Tatorte von Herbert Lichtenfeld und Wolfgang Petersen erstellten in der ersten Hälfte der Siebziger eine Ethnographie der norddeutschen Provinz. Sie gehören zu den zeitlosen Tatorten, die den legendären Ruf der Reihe begründeten und auch heute noch besser als die meisten aktuellen Tatorte sind. Ihre sechste und letzte Zusammenarbeit (Lichtenfeld schrieb noch einen weiteren Finke-Tatort) ist ein spannender Psychothriller, der sich in erster Linie für die Motive von Tätern und Opfern interessiert.

Der Klassiker „Reifezeugnis“ „stellt die Lüge eines gesicherten, konfliktfreien Lebens einmal nicht durch gesellschaftliche Verhältnisse, sondern durch die Größe einer Emotion in Frage, für die im antiautoritären Lebensentwurf nicht so leicht ein Platz zu finden ist. (…)

Über sieben Jahre hinweg entwickelte die Finke-Reihe, die Lichtenfeld und Petersen als junges Team begonnen hatten, eine erstaunliche inhaltliche, aber auch formale Kontinuität. Einen nicht geringen Anteil daran hat die Musik von Nils Sustrate (…) Vor allem aber natürlich Klaus Schwarzkopf, dessen zurückhaltendes, stilles und äußerst präzises Spiel die Grundlage bietet, auf der sich die Geschichten entfalten können und damit auch die beeindruckende Star-Galerie, die darin agiert.“ (Wolfgang Struck: Kommissar Finke und die Ethnographie der Provinz, in Eike Wenzel, Hrsg.: Tatort, 2000)

Nastassja Kinski wurde mit ihrer ersten Hauptrolle als Mörderin zum Star. Danach drehte sie „Tess“, „Cat People“, „One from the heart“ und „Paris,Texas“.

mit Klaus Schwarzkopf, Rüdiger Kirchstein, Nastassja Kinski, Christian Quadflieg, Judy Winter, Marcus Boysen

Hinweise

Wikipedia über „Reifezeugnis“

Tatort-Fundus über die Finke-Tatorte

Tagespiegel: Joachim Huber über den Tatort (22. März 2017)

Meine Besprechung von Wolfgang Petersens „Die Konsequenz“ (Deutschland 1977)


Deutscher Krimipreis 2023 verliehen

Dezember 31, 2023

Die Gewinner des 40. Deutschen Krimipreis (DKP) wurden, wie in den vergangenen Jahren, per Mitteilung verkündet:

National

1. Platz: Andreas Pflüger: Wie Sterben geht (Suhrkamp)

2. Platz: Monika Geier: Antoniusfeuer (Ariadne/Argument)

3. Platz: Kim Koplin: Die Guten und die Toten (Suhrkamp)

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International

1. Platz: James Kestrel: Fünf Winter (Suhrkamp), deutsch von Stefan Lux

2. Platz: Megan Abbott: Aus der Balance (Pulp Master), deutsch von Karen Gerwig und Angelika Müller

3. Platz: Dennis Lehane: Sekunden der Gnade (Diogenes), deutsch von Malte Krutzsch

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Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner!

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Feine Wahl. – Und ein gutes Leseprogramm für Silvestermuffel.

 


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the clock

Dezember 30, 2023

3sat, 05.30

Pop around the clock

Los geht es zu nachtschlafender Zeit um 05.30 Uhr mit Carole King. Weiter geht es mit Bob Dylan (um 06.15 Uhr gibt es sein neues Werk „Shadow Kingdom – The Early Songs“), den Highwaymen (um 07.05 Uhr), Lynyrd Skynyrd (um 08.20 Uhr), Mick Fleetwood (um 09.15 Uhr), Eric Clapton (um 10.30 Uhr), Peter Gabriel (um 11.30 Uhr), Sting (um 12.45 Uhr), Céline Dion (um 14.00 Uhr), Herbert Grönemeyer (um 14.45 Uhr), Paul McCartney & Wings (um 16.45 Uhr), George Michael (um 17.45 Uhr), P!NK (um 19.00 Uhr), Tina Turner (um 20.15 Uhr), Rolling Stones (um 21.30 Uhr – natürlich sind die Stones dabei), Madonna (um 23.30 Uhr), Bryan Adams (um 01.30 Uhr), Backstreet Boys (um 02.30 Uhr), Santana (um 03.45 Uhr) und endet um 05.00 Uhr mit Rita Ora (um 05.00 Uhr).

Die Konzerte sind meist neueren Datums – Ausnahmen sind Carole King (von 1973), die Highwaymen (von 1990), Eric Clapton (von 1990/1991), Peter Gabriel (von seiner 1994er „Secret World“-Tour), Paul McCartney (mit den Wings trat er in den Siebzigern auf), Tina Turner (von 2009) und den Rolling Stones (GRRR von 2012). Diese Konzerte sind teilweise erst jetzt in der hier präsentierten Version veröffentlicht worden.

Das Programm besteht, wie gewohnt, vor allem aus alten Bekannten, die schon vor Jahrzehnten auftraten. Das gefällt, ist aber wenig aufregend. Ich würde mir da etwas mehr Experimentier- und Entdeckerfreude wünschen.

Alle Infos und die Konzerte gibt es auch hier.


TV-Tipp für den 30. Dezember: Brexit – Chronik eines Abschieds

Dezember 29, 2023

One, 18.40

Brexit – Chronik eines Abschieds (Brexit: The uncivil war, Großbritannien 2019)

Regie: Toby Haynes

Drehbuch: James Graham

Packendes satirisches, äußerst dicht und flott erzähltes Drama über die Kampagne, die dazu führte, dass die Briten am 23. Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten. Im Mittelpunkt des Films steht der skrupellose Spindoktor Dominic Cummings (Benedict Cumberbatch, grandios!), der die manipulative und vor Lügen strotzende „Vote Leave“-Kampagne zum Erfolg führte.

mit Benedict Cumberbatch, John Heffernan, Rory Kinnear, Simon Paisley Day, Lee Boardman

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Brexit – Chronik eines Abschieds“

Wikipedia über „Brexit – Chronik eines Abschieds“


Neu im Kino/Filmkritik: „Joan Baez: I am a Noise“ und eine Sängerin, Aktivistin und Schwester

Dezember 29, 2023

Wenige Tage vor ihrem Geburtstag am 9. Januar läuft Karen O’Connor, Miri Navasky und Maeve O’Boyles sehr intime Doku „Joan Baez: I am a Noise“ über das Geburtstagskind an. Die 1941 in Staten Island, New York, geborene Joan Baez wurde mit ihrem Auftritt auf dem Newport Folk Festival 1959 als Folksängerin schlagartig bekannt. Schallplattenaufnahmen, Auftritte und Ruhm folgten. Von Anfang engagierte sich die Folk- und Protestsängerin auch politisch. Sie war aktiver Teil der Gegenkultur. Sie hatte eine jahrelange Liebesbeziehung zu Bob Dylan, die später zu einer Hassliebe wurde. In den siebziger Jahren wurden ihre Schallplatten schlechter und seltener. Folk war nicht mehr die Musik, die Jugendliche hörten. Sie hörten Punk, Rap, Heavy Metal und Grunge. In den vergangenen Jahrzehnten, so ungefähr ab den neunziger Jahren, wurde sie zur Elder Statesperson der Folkmusik.

2019 verkündete sie ihren Abschied von der Live-Bühne. Diese Abschiedstour und der damit verbundene Rückblick auf Leben und Karriere ist auch der Rahmen für den Dokumentarfilm „Joan Baez: I am a Noise“. Ein zweiter Erzählstrang ist daher Baez‘ Biographie. Hier konnten die Regisseurinnen auf Baez‘ großes Archiv zugreifen. In einem dritten Erzählstrang geht es um die inneren Dämonen, Gefühle und psychischen Probleme von Joan Baez. Sie spricht offen darüber. Für den Film wurden vor allem Menschen aus Baez‘ engstem Umfeld interviewt. Auf Statements von Prominenten, die über den Einfluss von Baez auf die Kunst, ihr Leben und ihre Musik reden, wurde verzichtet.

Entstanden ist eine Doku, die sich stark – für mein Empfinden zu stark – auf das Privatleben von Joan Baez konzentriert. Sie richtet sich primär an ihre Fans, die Joan Baez auf der Kinoleinwand sehen wollen, und an die Menschen, die nichts über Joan Baez wissen und einen schnellen Überblick über ihr Leben haben wollen. Das gelingt dem Film ausgezeichnet.

Wie andere neuere Dokumentarfilme über bekannte Persönlichkeiten, bei denen die Filmemacher einen exclusiven Zugriff auf das Archiv der Persönlichkeit hatten und über mehrere Jahre Interviews mit der porträtierten Persönlichkeit, seiner Familie und seinen engsten Freunden machen konnten, ist auch „Joan Baez: I am a Noise“ keine auch nur irgendwie kritisch geartete Dokumentation. Es ist eine Heldenverehrung, die nur so weit und nur an den Punkten in die Tiefe geht, in der die porträtierte Person das möchte.

Joan Baez: I am a Noise (Joan Baez: I am a Noise, USA 2023)

Regie: Karen O’Connor, Miri Navasky, Maeve O’Boyle

Drehbuch: Karen O’Connor, Miri Navasky, Maeve O’Boyle

mit Joan Baez, Bob Dylan (Archivaufnahmen), Mimi Fariña (Archivaufnahmen), David Harris (Archivaufnahmen)

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Joan Baez: I am a Noise“

Metacritic über „Joan Baez: I am a Noise“

Rotten Tomatoes über „Joan Baez: I am a Noise“

Wikipedia über „Joan Baez: I am a Noise“ und über Joan Baez (deutsch, englisch)

Homepage von Joan Baez

AllMusic über Joan Baez


TV-Tipp für den 29. Dezember: Mein großer Freund Shane

Dezember 28, 2023

3sat, 15.10

Mein großer Freund Shane (Shane, USA 1953)

Regie: George Stevens

Drehbuch: A. B. Guthrie jr., Jack Sher

LV: Jack Schaefer: Shane, 1949 (Mein großer Freund Shane)

Revolverheld Shane hilft einigen Siedlern gegen einen bösen Viehzüchter.

Ein Westernklassiker für Erwachsene mit einem mythologischen Helden. Sowohl Roman als auch Film eroberten Publikum und Kritik im Sturm.

Im Rahmen des heutigen 3sat-Thementages „Wilder Western“ zeigt der Sender viele gut abgehängte Klassiker zum erstmaligen und wiederholten Sehen. Vor „Mein großer Freund Shane“ laufen ab 09.15 Uhr die sehr selten gezeigten „Die Lederstrumpferzählungen“ (Deutsch-französisch-österreichischer TV-Vierteiler von 1969). Danach, um 17.05 Uhr läuft „Der Mann aus Laramie“ (USA 1955), um 18.45 Uhr „Der letzte Zug von Gun Hill“ (USA 1958), um 20.15 Uhr „Rio Grande“ (USA 1950), um 21.55 Uhr „Der Marshal“ (USA 1969), um 00.05 Uhr „Zwei ritten zusammen“ (USA 1961) und danach geht es in eine kleine Wiederholungsschleife mit „Der letzte Zug von Gun Hill“ und „Rio Grande“.

Mit Alan Ladd, Jean Arthur, Van Heflin, Brandon De Wilde, Jack Palance, Ben Johnson, Elisha Cook jr.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Shane“

Wikipedia über „Mein großer Freund Shane“ (deutsch, englisch)

Filmsite: Tim Dirks über “Shane”

Western-Autor Richard S. Wheeler über „Shane“ von Jack Schaefer


Neu im Kino/Filmkritik: Die Horrorfilme „Baghead“ und „The Queen Mary“

Dezember 28, 2023

Gehen wir zuerst in den Pub und dann aufs Schiff.

In „Baghead“ erbt die Anfangszwanzigerin Iris einen heruntergekommenen Pub, in dem ihr Vater als Torwächter lebte. Im Keller lebt ein Wesen, dem ein Sack über den Kopf gestülpt wurde (daher der Namen Baghead). Mit der Hilfe dieser Kreatur kann man für zwei Minuten Kontakt zu einer toten Person aufnehmen. Falls man die zwei Minuten überschreitet, geschehen unsagbar furchtbare Dinge.

Diese Prämisse erinnert an Danny und Michael Philippous gelungeneren Horrorfilm „Talk to me“ (Talk to me, Australien 2022). Während bei ihnen die Regeln, wie die Zeitbegrenzung für den Kontakt zum dem Totenreich, eingehalten wurden, ist in Alberto Corredors „Baghead“ die Zeitbegrenzung nur ein unverbindlicher Hinweis. Der Keller, in dem das Wesen lebt, gehört zu einem riesigen, anscheinend halbwegs zentral in Berlin stehendem Backsteinhaus, das mehr nach einer alten Fabrik (die inzwischen zu einer teuren Yuppie- und Touristen-Location renoviert worden wäre) als nach einem lauschigen britischen Pub aussieht, Für Nicht-Berliner mag das nicht weiter störend sein, aber Berliner stört das schon. Außerdem ist dieses heruntergekommene Haus ist für einen Pub einfach viel zu groß. Dazu kommen sich idiotisch verhaltende Figuren. So sehen sich Iris und ihre Freundin das Video, das Iris‘ Vater vor seinem Tod aufgenommen hat und in dem er ihr alles über das Wesen im Keller erklärt, erst an, nachdem sie mit der allseits beliebten Versuch-und-Irrtum-Methode einen Mann, der ihnen dafür viel Geld angeboten hat, seine verstorbene Frau kontaktieren ließen. Die sich daraus entwickelnde Geschichte basiert auf Corredors gleichnamigem Kurzfilm von 2017, ist arg vorhersehbar und minimalistisch. Letztendlich handelt es sich um eine Vier-Personen-Stück.

„Baghead“ ist ein okayer Grusler für den sehr hungrigen Genrefan. Mehr nicht.

 

Wirklich ärgerlich ist „The Queen Mary“. Gary Shores neuer Horrorfilm spielt auf dem titelgebenden Luxus-Ozeandampfer, der 1936 in Betrieb ging und seit seiner Ausmusterung 1967 als Hotelschiff und Attraktion für Horrorfans im Hafen von Long Beach liegt. Denn auf dem Schiff starben fast fünfzig Menschen auf unnatürliche Art. Schnell hieß es, das Schiff sei verflucht. Seemannsgarn und die blühende Fantasie von Horrorfans erledigten den Rest.

Jetzt will eine Autorin den Eigentümern der „Queen Mary“ einen neuen Weg vorstellen, um das Schiff und seine Geschichte für ein jüngeres Publikum interessant zu gestalten. Während sie ihr Projekt pitcht, sehen sich ihr Mann und ihr Sohn auf dem riesigen Schiff um. Ab diesem Moment springt die Filmgeschichte zwischen unheimlichen Ereignissen in der Gegenwart und unheimlichen Ereignissen in der Vergangenheit, vor allem der blutigen Halloweennacht von 1938, hin und her. Die unheimlichen Ereignisse haben möglicherweise etwas miteinander zu tun. Oder auch nicht. Und es gibt immer wieder, mal mehr, mal weniger präzise Andeutungen auf künftige schreckliche, meist tödliche Ereignisse.

Weil es Gary Shore („Dracula untold“) nie gelingt, daraus eine kohärente Geschichte zu erzählen, ist „The Queen Mary“ das filmische Äquivalent zu einer Geisterbahnfahrt. Es gibt einige Schocks und Überraschungen, aber keine Geschichte. Es gibt auch keine Hauptfigur oder ein Thema, das die einzelnen furchtbaren Ereignisse auf dem Schiff, miteinander verbindet. Es sind nur Bilder, Motive, Szenen und Stimmungen, die teils an andere Filme erinnern. So kam für mich teilweise ein „Twin Peaks“- und „Shining“-Feeling auf. Daraus ergibt sich aber nie eine die Teile auch nur halbwegs sinnvoll miteinander verbindende Vision oder Geschichte, die mehr sein könnte als der mit einer Meta-Ebene angereicherte, illustrierte Verkauspitch der Autorin; – wobei das auch eine Interpretation ist, die nicht unbedingt stimmen muss.

Unbestritten hat Shore das gut inszeniert – und genau das macht „The Queen Mary“ zu einem ärgerlichen Film. Denn es hätte mit einem guten Drehbuch ein guter Horrorfilm werden können. So ist es nur eine beliebige Ansammlung von Horror-Topoi. Eine Geisterbahnfahrt für anspruchslose Gemüter.

Baghead (Baghead, Großbritannien/Deutschland 2023)

Regie: Alberto Corredor

Drehbuch: Christina Pamies, Bryce McGuire

mit Freya Allan, Jeremy Irvine, Ruby Barker, Peter Mullan, Anne Müller, Svenja Jung, Ned Dennehy, Felix Römer

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Baghead“

Moviepilot über „Baghead“

Metacritic über „Baghead“

Rotten Tomatoes über „Baghead“

Wikipedia über „Baghead“

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The Queen Mary (Haunting of the Queen Mary, USA/Großbritannien 2023)

Regie: Gary Shore

Drehbuch: Gary Shore, Tom Vaughan, Stephen Oliver

mit Alice Eve, Joel Fry, Wil Coban, Nell Hudson, Lenny Rush, Florrie May Wilkinson, Dorian Lough, Wesley Alfvin

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Queen Mary“

Rotten Tomatoes über „The Queen Mary“

Wikipedia über „The Queen Mary“

Meine Besprechung von Gary Shores „Dracula Untold“ (Dracula Untold, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Lola“ oder Ist ein Leben im Zweiten Weltkrieg ohne David Bowie lebenswert?

Dezember 28, 2023

2021 werden einige alte Filmrollen gefunden. Es wird vermutet, dass sie in den frühen vierziger Jahren, also während des Zweiten Weltkriegs, entstanden. Und sie zeigen Unglaubliches.

Andrew Legge erzählt erzählt in seinem beeindruckendem Spielfilmdebüt „Lola“, anhand der gefundenen Filmrollen, wie die beiden Schwester Thom und Mars Hanbury 1941 in London eine Maschine entwickeln, die sie LOLA nennen, und mit der sie das Fernsehprogramm der Zukunft sehen können. Sie hören dabei auch Musik, die es noch nicht gibt – und die sie, umarrangiert, in ihrer Gegenwart anderen Menschen präsentieren. Sie entdecken auch David Bowie, der „Space Oddity“ singt – und sie verlieben sich sofort in ihn.

Gleichzeitig greifen sie in das Kriegsgeschehen ein. Sie warnen die Bevölkerung vor deutschen Bombenabwürfen. So retten sie unzählige Leben und werden, auch wenn niemand sie kennt, zu Volkshelden.

Dass die beiden gegensätzlichen Schwestern mit ihren Eingriffen in das Kriegsgeschehen den Verlauf des Krieges und die Zukunft verändern, begreifen sie, als eines Tages David Bowie nicht mehr da ist.

Aber sie wollen nicht – ein Wunsch, den jeder Musikfan nachvollziehen kann – ohne David Bowie leben.

Legge inszenierte „Lola“ mit einem Minibudget, das er locker mit seiner dichten und stilbewussten Inszenierung, seinen Ideen und den damit verbundenen Fragen ausgleicht. So sind fast alle Bilder Found-Footage-Bilder, in denen es immer einen Grund für die Anwesenheit der Kamera geben muss. Das verändert den Aufbau jeder Szene und auch die Art des Erzählens. Gleichzeitig bearbeitet er, damit sie zur Geschichte passen, die Fernsehbilder, die die beiden Schwestern sehen und die sich immer stärker von der uns bekannten Wirklichkeit unterscheiden.

Die Idee mit den Bildern aus der Zukunft führt dazu, dass die Geschwister Thom und Mars und später auch Lieutenant Sebastian Holloway während des Zweiten Weltkriegs in einem einsam gelegenem Landhaus ein Leben führen, das eher in die freizügigen siebziger Jahre gehört. Holloway wurde, nachdem er sie entdeckt hat, ihr Verbindungsglied zum Militär. Das Militär würde LOLA gerne umfangreicher einsetzten als Thom und Mars möchten.

Gleichzeitig verändern ihre zunächst naiven Spielereien mit dem Wissen aus der Zukunft die Zukunft. Das hätte ihnen jeder, der auch nur einen Zeitreiseroman gelesen hat, sagen können. Trotzdem stellt sich die Frage, ob man eingreifen muss, um ein Unglück zu verhindern. Auch wenn dadurch – vielleicht – David Bowie und einige andere einflussreiche Künstler nie geboren werden.

Für Science-Fiction-Fans ist „Lola“ ein Pflichttermin. Fans von Filmen wie David Lynchs „Eraserhead“, Darren Aronofskys „Pi“ und Christoper Nolans „Following“ dürften ebenfalls begeistert sein.

Lola (Lola, Irland/Großbritannien 2022)

Regie: Andrew Legge

Drehbuch: Andrew Legge, Angeli Macfarlane

(nach einer Geschichte von Andrew Legge, Henrietta Ashworth und Jessica Ashworth)

mit Emma Appleton, Stefanie Martini, Rory Fleck Byrne

Länge: 79 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Moviepilot über „Lola“

Metacritic über „Lola“

Rotten Tomatoes über „Lola“

Wikipedia über „Lola“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 28. Dezember: Noah

Dezember 27, 2023

RTL II, 23.40

Noah (Noah, USA 2014)

Regie: Darren Aronofsky

Drehbuch: Darren Aronofsky, Ari Handel

Vor „mother!“ drehte Darren Aronofsky seine Version der Geschichte von Noah – als erschreckend langweiliges Bibelepos mit „Transformers“-artigen Steinmonstern.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Russell Crowe, Jennifer Connelly, Ray Winstone, Emma Watson, Sir Anthony Hopkins, Logan Lerman, Douglas Booth und – im Original – den Stimmen von Frank Langella, Mark Margolis und Nick Nolte

Hinweise

Moviepilot über „Noah“

Metacritic über „Noah“

Rotten Tomatoes über „Noah“

Wikipedia über „Noah“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys “Black Swan” (Black Swan, USA 2010)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „Noah“ (Noah, USA 2014)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „The Whale“ (The Whale, USA 2022) und der DVD

Darren Aronofsky in der Kriminalakte


(Wieder) Neu im Kino/Filmkritik: Zum Jahresanfang wieder im Kino: Christophe Gans‘ „Pakt der Wölfe“

Dezember 27, 2023

Während Rapid Eye Movies sich für seine monatliche „Zeitlos“-Reihe durch die unbekannteren Gefilde des asiatischen Kinos wühlt, kann Studiocanal/Arthaus für seine ebenfalls monatliche „Best of Cinema“-Reihe in seinem reichhaltigen Fundus zwischen Mainstream, Arthaus und allem, was dazwischen liegt und uns in den vergangenen Jahrzehnten schöne Kinoabende bescherte, wühlen.

Für den Januar, genaugenommen am Dienstag, den 2. Januar 2024, gibt es Christophe Gans‘ „Pakt der Wölfe“ im Director’s Cut in der 4K-Restaurierung, die 2022 in Cannes uraufgeführt wurde. Danach erschien sie auf DVD/Blu-ray und wird jetzt erstmals in unseren Kinos gezeigt.

1767 tötet in der südfranzösischen Provinz ein unbekanntes Tier Menschen. Der König schickt Grégoire de Fronsac (Samuel Le Bihan) in die Provinz, in der der Adel und die Kirche eine geschlossne Trutzburg gegen die Moderne und die sich andeutende Französische Revolution sind.

De Fronsac soll das Monster gefangen nehmen und zum Hof des Königs bringen. Während die Einheimischen glauben, dass ein Wolf die Menschen tötet, glaubt de Fronsac nicht daran.

De Fronsac ist ein Abenteurer, Frauenheld und Wissenschaftler, der an die modernen Methoden der Wissenschaft glaubt. Er ist eine Mischung aus Alexander von Humboldt, Constable Ichabod Crane (Johnny Depp) aus „Sleepy Hollow“ und Sherlock Holmes. Begleitet wird er von Mani (Mark Dacascos), einem schweigsamen Indianer mit Kung-Fu-Kenntnissen, die er an renitenten Einheimischen ausprobiert. Danach liegen sie im Matsch. Außerdem ist de Fronsacs Blutsbruder ein begnadeter Fährtenleser und Fallensteller.

Christophe Gans und Stéphane Cabel haben eine vollkommen krude Geschichte erfunden, die sie mit dem heiligen Ernst und Pathos einer wahren historischen Chronik erzählen. Das beginnt damit, dass der Aristokrat Thomas d’Apcher, der de Fronsac und Mani bei der Jagd nach der Bestie half, zwanzig Jahre später seine Erinnerungen (vulgo die Filmgeschichte) aufschreibt, während vor seiner Haustür die Fackelträger der Französischen Revolution warten, und endet mit dem Wissen, dass die Filmgeschichte von wahren Ereignissen inspiriert ist – Von 1764 bis 1767 tötete die ‚Bestie von Gévaudan‘ in der südfranzösischen Provinz über hundert Menschen. Die Bestie wurde nie gefunden. – und etliche Filmfiguren, für Historiker mehr oder weniger einfach erkennbar, auf historisch verbürgten Persönlichkeiten beruhen.

Dazwischen gibt es ein Gebräu aus Sex (in ungefähr jeder denkbaren Konstellation), Gewalt (dito), einem Kung-Fu-Indianer und einem schrecklich aussehendem Monster, das es nur auf Frauen und Kinder abgesehen hat. Jedenfalls normalerweise. Das beansprucht nie die Glaubwürdigkeit eines auch nur halbwegs historisch verbürgten, auf wahren Ereignissen basierenden Spielfilms, sondern von Anfang an die Glaubwürdigkeit einer Fantasy-Geschichte, die bei Christophe Gans nicht in Richtung Horror, sondern in Richtung Action (und Sex und Gewalt) abbiegt und sich dabei wenig um so etwas wie stilistische Geschlossenheit kümmert.

Mit dem richtigen Mindset ist seine Schauermär ein großartiger, abstrus-absurder Spaß.

Das sahen auch damalige Kritiker so:

„satte 143 Minuten fulminanten Mummenschanz in einer im besten Sinne des Wortes fantastischen Mischung aus Historienfilm, Actionreißer, Verschwörungsdrama, Western und Gruselklamotte.“ (Zitty 17/2001)

„opulente Rätselmär (…) Ein surrealistischer Kostümfilm mit rasanten Martial-Arts-Einlagen, ein Monstermärchen mit Anleihen aus Western und Eastern.“ (tip 4/2002)

„unbekümmert-dreisten Mischung aus ‚Im Namen der Rose‘ und ‚Fantomas‘, Jean-Jacques Rosseau und James Bond, aus Esoterik und Erotik entzieht sich der Film allen Kategorien seriöser Bewertung. Die Plotkonstruktion ist (…) kompletter Unsinn.“ (Claus Löser, Berliner Zeitung 14. 2. 2002)

„vor allem in der optischen Gestaltung aufwändige, düstere und weitgehend spannende Mischung aus Fantasy-, Horror- und Kriminalfilm im Gewand eines Mantel- und Degenabenteuers.“ (Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2002)

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„Pakt der Wölfe“ läuft am Dienstag, den 2. Januar 2024, im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe im Kino. Spätere Vorstellungen sind möglich, aber selten.

Pakt der Wölfe – Director’s Cut (Le Pacte des loups, Frankreich 2001)

Regie: Christophe Gans

Drehbuch: Stéphane Cabel, Christophe Gans

mit Samuel Le Bihan, Vincent Cassel, Émilie Dequenne, Monica Bellucci, Jérémie Renier, Mark Dacascos, Jean Yanne, Jacques Perrin, Bernard Fresson

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Neugierig auf die nächsten „Best of Cinema“-Filme?

Das wären

am Dienstag, den 6. Februar: Das fünfte Element

am Dienstag, den 5. März: Donnie Darko

am Dienstag, den 2. April: Der Baader-Meinhof-Komplex

am Dienstag, den 7. Mai: The Doors

am Dienstag, den 4. Juni: Der bewegte Mann

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Hinweise

Moviepilot über „Pakt der Wölfe“

AlloCiné über „Pakt der Wölfe“

Metacritic über „Pakt der Wölfe“

Rotten Tomatoes über „Pakt der Wölfe“

Wikipedia über „Pakt der Wölfe“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Christophe Gans‘ „Die Schöne und das Biest“ (La belle et la bête, Frankreich 2013)


TV-Tipp für den 27. Dezember: mother!

Dezember 26, 2023

sixx, 00.40

mother! (mother!, USA 2017)

Regie: Darren Aronofsky

Drehbuch: Darren Aronofsky

Eine Frau lebt mit ihrem älteren Mann, einem Dichter, in einem einsam gelegenem Haus. Eines Tages klopft ein Fremder an die Tür. In den kommenden Tagen klopfen weitere Fremde an.

TV-Premiere – überfällig und leider zu mitternächtlicher Stunde versteckt bei einem Minisender. Arte hilf!

Grandios inszenierter, top besetzter, köstlich interpretationsoffener Horrorfilm.

mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson, Kristen Wiig, Stephen McHattie, Laurence Leboeuf, Sarah-Jeanne Labrosse

Hinweise

Rotten Tomatoes über „mother!“

Wikipedia über „mother!“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys “Black Swan” (Black Swan, USA 2010)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „Noah“ (Noah, USA 2014)

Meine Besprechung von Darren Aronofskys „The Whale“ (The Whale, USA 2022) und der DVD

Darren Aronofsky in der Kriminalakte

 


Cover der Woche

Dezember 26, 2023

Feiner Krimi


TV-Tipp für den 26. Dezember: The Wolf of Wall Street

Dezember 25, 2023

Vox, 23.00

The Wolf of Wall Street (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Terence Winter

LV: Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, 2007 (Der Wolf der Wall Street)

An seinem ersten Arbeitstag an der Wall Street crasht die Börse. Also zieht der nun arbeitslose, selbsternannte „Wolf of Wall Street“ Jordan Belfort 1987 eine Straße weiter und mit dem Verkauf von Pennystocks verdient er ein Vermögen.

Knapp gesagt: „GoodFellas“ und „Casino“ in der Finanzwelt, niemals langweilig und grandios von Martin Scorsese inszeniert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung – und noch mehr im Bonusmaterial zum Film.

mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Jon Bernthal

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Die Vorlage

Belfort - Der Wolf der Wall-Street - Movie-Tie-In - 4

Jordan Belfort: Der Wolf der Wall Street – Die Geschichte einer Wall-Street-Ikone

(übersetzt von Egbert Neumüller)

Goldmann Taschenbuch, 2014

640 Seiten

9,99 Euro

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Die Originalausgabe erschien 2007.

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Die deutsche Erstausgabe 2008 im Verlag Börsenmedien AG.

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Hinweise

Moviepilot über „The Wolf of Wall Street“

Metacritic über „The Wolf of Wall Street“

Rotten Tomatoes über „The Wolf of Wall Street“

Wikipedia über „The Wolf of Wall Street“ (deutsch, englisch) und über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Hollywood vs. Reality über „The Wolf of Wall Street“

Kriminalakte: Tonnen weitergehender Informationen über den Film

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Killers of the Flower Moon (Killers of the Flower Moon, USA 2023)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 25. Dezember: Die Karte meiner Träume

Dezember 24, 2023

Arte, 20.15

Die Karte meiner Träume (The young and prodigious T. S. Spivet, Frankreich/Kanada 2013)

Regie: Jean-Pierre Jeunet

Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant

LV: Reif Larsen: The Selected Works of T. S. Spivet, 2009 (Die Karte meiner Träume)

TV-Premiere – schon lange überfällig und wahrscheinlich kann niemand erklären, warum es zehn Jahre dauerte, bis dieses Märchen von Jean-Pierre Jeunet („Die fabelhafte Welt der Amélie“) im Fernsehen gezeigt wird.

Es geht um den zehnjährigen höchstbegabten T. S. Pivet, der in Montana mit seiner herzig-schrulligen Familie auf einer einsam gelegenen Farm lebt. Als er vom Smithosian-Institut einen Preis für eine seiner Erfindungen erhalten soll, macht der Junge sich allein auf den Weg nach Washington.

Wundervoll warmherziger, humorvoller und bezaubernder Film für Kinder jeden Alters.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie, Jakob Davies, Niamh Wilson, Jakob Davies, Dominique Pinon

Wiederholung: Donnerstag, 28. Dezember, 16.05 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Die Karte meiner Träume“

Metacritic über „Die Karte meiner Träume“

Rotten Tomatoes über „Die Karte meiner Träume“

Wikipedia über „Die Karte meiner Träume“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Die Karte meiner Träume“

Meine Besprechung von Jean-Pierre Jeunets „Die Karte meiner Träume“ (The young and prodigious T. S. Spivet, Frankreich/Kanada 2013)


24. Dezember 2023

Dezember 24, 2023

Da war doch was?